V. Gegen die Vergesslichkeit
Auf dem ersten Blick scheint es der Leitfaden „Demokratiebildung“ zu unterlassen, das Rad neu zu erfinden, wenn er an „eines der obersten Ziele schulischer Bildung überhaupt“ erinnert: nämlich „junge Menschen zu befähigen, sich in der modernen Gesellschaft zu orientieren und politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen und Probleme kompetent zu beurteilen. Dabei sollen sie ermuntert werden, für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Gerechtigkeit, wirtschaftliche Sicherheit und Frieden einzutreten. Diesem übergeordneten Ziel sind grundsätzlich alle Unterrichtsfächer verpflichtet, insbesondere aber die des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs.“[1] Im impliziten Einvernehmen mit der Pädagogik der Demokratie, die sich als „Theorie der Pädagogik“[2] versucht, wird in sich schlüssig zwischen vier Handlungsfeldern unterschieden:
- Demokratiebildung im Fachunterricht,
- Demokratiebildung als fächerverbindender bzw. fächerübergreifender Ansatz,
- Demokratiebildung in der Schulkultur und schließlich
- Demokratiebildung mit externen Partnerinnen und Partnern.[3]
Auch wenn dem Fach Gemeinschaftskunde für die Demokratiebildung ein zentraler Stellenwert zukomme, dürften die „Elemente der Demokratiebildung“, die sich etwa in „Deutsch, Ethik oder den berufsbezogenen Profilfächern finden“,[4] ebenso wenig übersehen werden wie die Bedeutung, die die Schulkultur und die Kooperation mit externen Partnern dafür hat, dass in der Schule überzeugte, engagierte und authentische Demokraten heranwachsen können.
Allerdings löst das selbstbewusste Statement Irritationen aus, dass Schulleitungen und Lehrkräfte: „erstmals … ein kohärentes Konzept zur Stärkung demokratiebezogener Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in Schule und Unterricht“ erhalten, „an dem sie sich unabhängig von ihrer Schulart, Klassenstufe und den Unterrichtsfächern verlässlich orientieren können.“[5] Die Irritation verschwindet nicht, wenn man im nächsten Satz liest, dass „auch außerschulische Lernorte und Kooperationen in den Blick genommen“ werden, so dass „Schulleitungen bei der Entwicklung ihrer Schule und Lehrkräfte bei der Gestaltung ihres Unterrichts“ unterstützt werden, die Demokraten zu ermöglichen, die nicht vom Himmel fielen, weil Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei.[6]
In der Theorie der Pädagogik entsteht nun doch der Eindruck, dass das Rad neu erfunden werden soll. Dem Leitfaden „Demokratiebildung“ scheint die Erinnerung daran verlorengegangen zu sein, wie intensiv sich die bundesdeutsche Schulpädagogik von Anfang an als das prozessiert, was heute mit vollmundigen Versprechungen, Krisenrhetoriken und Hoffnungen neudeutsch als Demokratiebildung verbreitet wird: Wenn sie sich in ihrem Tun und Sagen sowie Handeln und Denken als Theorie, Forschung, Praxis und universitär verankerte Ausbildungsstätte mehr oder weniger explizit als: (Politische) Bildung und Erziehung der Pädagogik der Demokratie versteht, konzeptualisiert und realisiert, wie sie vom Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verfassungsrechtlich konstituiert wird.
Unsere Vergesslichkeit ist insoweit ein Problem, als die Gefahr entsteht, die Herausforderungen, vor der Demokratiebildung respektive (Politische) Bildung und Erziehung heute steht, nicht präzise zu bestimmen und ihnen mit suboptimalen Bewältigungsstrategien zu begegnen. Tatsächlich ist eine Eigentümlichkeit des Menschen, den Glauben zu praktizieren, ein Problem wäre dadurch gelöst, dass ein neues Wort erfunden wird. Leider trägt das regelmäßig dazu bei (um den späten Ludwig Wittgenstein der Philosophie des Pragmatismus und der Demokratie zu paraphrasieren), den menschlichen Verstand mit den Mitteln der menschlichen Sprache zu verhexen und dadurch Probleme zu erfinden, die an sich und überhaupt überflüssig sind:[7] Zum Beispiel, wie etwas ausdrücklich herzustellen wäre, was längst existiert und immerhin leidlich gut funktioniert. Das E-Auto wird schließlich auch nicht zur U-Bahn, weil es nicht mehr vom Benzin-, sondern vom Stromverbrauch lebt.
Noch konkreter: Sollte es tatsächlich möglich sein, die gesellschaftlichen, kulturellen, politischen, ökonomischen, ökologischen und wahrscheinlich auch anthropologischen Probleme, die von der AfD, dem Rechtspopulismus und Rechtsextremismus aktualisiert werden, dadurch zu lösen, dass man das pädagogische Hauptinstrument der Pädagogik der Demokratie nicht mehr (Politische) Bildung und Erziehung, sondern Demokratiebildung nennt, um im nächsten Schritt diese mit dem E-Auto und jene mit dem Benziner und Diesel zu vergleichen und gleichzusetzen.
Oder dadurch, dass man die Überzeugung für originell hält: Erst durch Demokratiebildung würde klar: Das laut Grundgesetz staatlich zu beaufsichtige Schulwesen hat den Auftrag, mit allem, was es tut und lässt (also nicht nur mit den eigentlich politischen, sondern mit allen, mithin den politischen Unterrichtsfächern im weiteren Sinne und was im Schullalltag mit ihnen verknüpft ist): Zuvörderst die erneuernde Weitergabe der freiheitlich-demokratischen Grundordnung (=Demokratie als Lebens-, Staats- und Regierungsform) im Sinne des unbedingten Menschenrechts auf Pädagogik (Erziehung als Bildung) absolut gewaltfrei, nicht-paternalistisch und dienstleistend zu gewährleisten: Damit das Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen geschützt und geachtet und nicht verletzt und missachtet wird.
VI. Demokratiebildung: Nur ein neues Wort?
Der Leitfaden „Demokratiebildung“ hätte sich erübrigt, wenn man sich darüber Rechenschaft abgelegt hätte, inwieweit es sich bei Demokratiebildung, Demokratieerziehung, Politische Bildung und Politische Erziehung um Synonyme handelt, mit denen das Problem bearbeitet wird, wie sich die Kultur und Gesellschaft der freiheitlich-demokratischen Lebensform durch ihre Bildung und Erziehung weitergeben und erneuern sollte. Mit der Wortneuschöpfung „Demokratiebildung“ ist an dieser Stelle kein Erkenntnisgewinn verbunden. Vornehmlich scheint für sie zu sprechen, dass zwei Worte verbunden werden, die es (was den Kenner ihrer Begriffsgeschichte überrascht) geschafft haben, in unserer Sozialraumzeit gleichzeitig positiv zu klingen und sich in ihrer Positivität zu verstärken. Daher kann mit der sogenannten Demokratiebildung die Hoffnung verbunden werden, Schüler, Eltern und nicht-staatliche Kooperationspartner allein mit der Semantik für die Demokratie anzustiften und zu den authentischen, engagierten und überzeugten Demokraten zu befähigen, die der bösen und mächtigen Verführung durch die teuflische AfD wie göttergleiche Engel tiefenentspannt widerstehen.
Wer sich mit der internen Dynamik der Wissenschaftlichen Pädagogik (Erziehungs- und Bildungswissenschaft) auskennt, in der die paradoxe (scheinbar widersinnige) Selbstbeschreibung als disziplinlose Disziplin als positiv konnotierter fachlicher Standard kommuniziert wird, ist über diesen ernüchternden Befund nicht sonderlich überrascht.
Im „Monitor Demokratiebildung“[8], der von den in der Politischen Didaktik und Politikwissenschaft verankerten Protagonisten der Demokratiepädagogik herausgegeben wird, die dem „Modewort Demokratiebildung“[9] in der Linie vorangegangen ist, denen der etablierte Begriff „Politische Bildung (und Erziehung)“ zu langweilig geworden ist, heißt es: Regelmäßig wird der Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zur historisch-politischen Bildung und Erziehung vom 11. Oktober 2018 genannt, um die große Bedeutung verständlich zu machen, die die Demokratiebildung der: „Politische(n) Bildner*innen“[10] erlangt habe.
Als Konsens kann dem „Monitor Demokratiebildung“ entnommen werden: Das Wort Demokratiebildung wird nicht gebraucht, um zu postulieren, dass eine Demokratie aufgebaut (gebildet) oder der Bürger dieser Lebens-, Staats- und Regierungsform durch einen gesellschaftspädagogisch konzipierten erziehenden Unterricht mit einer allgemeinen Bildung ausgestattet werden müsste, um sich als ein im ethisch-moralischen Sinne gutes Leben ewig fortsetzen zu können. Stattdessen wird das Wort Demokratiebildung von einer deutlich engeren bildungs- und gesellschaftspolitischen Problemstellung bestimmt: Wie kann der Mensch im Bildungs- und Erziehungssystem der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft (Demokratie) durch die Pädagogik verlässlich zum nachhaltigen Demokraten gemacht werden? Inwieweit ein solch authentischer, verlässlicher und engagierter Demokrat auch ein guter Mensch und nützlicher Bürger ist, wird nicht erörtert. Der sich in der Demokratisierung der Demokratie demokratisch demokratisierende Demokrat ist das Maß und Ziel aller Dinge der: D E M O K A T I E B I L D U N G.
Allerdings ist das leicht abgewandelte Wort „Demokratie-Bildung“[11] im Diskurs der Wissenschaftlichen Pädagogik deutlich vor 2018, genauer seit 2004 präsent. Als sein Schöpfer gilt der Sozialpädagoge Thomas Coelen. Er habe ihn in einem Text benutzt, der in einem Forschungskontext an der Universität Hamburg unter Leitung des Sozialpädagogen Helmut Richter entstanden ist, der die Arbeit des Sozialpädagogen Benedikt Sturzenhecker an der Fachhochschule Kiel beeinflusst hat.[12] Inwieweit die erziehungswissenschaftlich-sozialpädagogischen „‘Hamburger Gespräche‘“[13] für die KMK-Empfehlungen von 2018 verantwortlich sind, die die aus 2009 erneuern, wird im „Monitor Demokratiebildung“ nicht erörtert. Insofern bleibt offen, ob Demokratiebildung aus Demokratie-Bildung, die eine gruppendynamische Art freien Assoziierens mit Elementen des Puzzlespiels zu sein scheint, hervorgegangen ist. Die AfD gab es seinerzeit nicht. Aber die Hypothese wäre wissenschaftlich der Prüfung wert, inwieweit der Aufstieg der AfD unterstützt hat, zur Demokratie-Bildung Zuflucht zu nehmen und den Mythos Demokratiebildung zu kreieren. Dagegen spräche, dass von der sozialpädagogischen Prominenz und Meinungsmacht die AfD noch 2023 für ein Übergangsphänomen gehalten wird, das sich mehr oder weniger von selbst erledigte. Diese Überzeugung wird zum Beispiel von Christian Niemeyers „Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps & Putins Untergang“[14] als Band 2 der stolzen Reihe „Bildung nach Ausschwitz“ auf über 300 Seiten ausgeführt und im Prolog höchst eingängig zugespitzt: „Mit einem allerdings wird es, so die im Titel dieses Buches ausgesprochene Prognose, wohl vorbei sein im Verlauf des Jahres 2023: mit der AfD.“[15]
Noch wichtiger: Die Frage wird im allgemeinen Diskurs über Demokratiebildung nicht gestellt, wie klug es ist, wenn man sich auf die Wissenschaftliche Sozialpädagogik bezieht, wenn man wissen will: Welche Bildung und Erziehung unsere Gesellschaft benötigt und wie sie von der staatlich zu beaufsichtigenden Schule als Schulpädagogik der Demokratie als eine allgemeine Grundbildung zu gewährleisten wäre, die eine gute Sozialität garantiert, wenigstens hochwahrscheinlich macht, die schließlich in des Menschen individuelle Grundbildungen und ihre diversen Spezialbildungen übergeht.
Tatsächlich ist der Wissenschaftlichen Sozialpädagogik Sinn, sich vornehmlich mit der Frage systematisch auseinanderzusetzen, welche Pädagogik die Soziale Arbeit benötigt, um sich im Sinne der Sozialgesetzbücher I-XII als die institutionalisierte Daseinsvorsorge zu erweisen, die unverschuldete individuelle Notlagen sozialarbeitspädagogisch verhindert oder ausgleicht. Ihr besonderes Augenmerk richtet sie dabei auf den Gegenstandsbereich des Sozialgesetzbuches VIII (Kinder- und Jugendhilfe) und die Ausbildung von Sozialarbeitspädagogen und staatlich anerkannten Sozialpädagogen.[16]
Hingegen gehören Lehrer (neudeutsch gendergerecht natürlich: Lehrkräfte) und der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule, der auf die allgemeine, individuell auszubildende Grundbildung für eine gute, konkret: freiheitlich-demokratische Sozialität zielt, in den genuinen Verantwortungsbereich der Wissenschaftlichen Schulpädagogik. Egal, ob man Demokratiebildung oder (Politische) Bildung und Erziehung (in der Pädagogik der Demokratie) sagt: Dort kommt die Soziale Arbeit als Pädagogik nur insoweit ins Spiel, als die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die nicht in die Rechte anderer eingreift und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung und das Sittengesetz verstößt, durch die Schule in Zusammenarbeit mit der Familie und den kindheitspädagogischen Institutionen des Kitawesens (Krippe, Kindergarten, Hort, Kindertagespflege) nicht ausreichend unterstützt wird: mithin Kindeswohlgefährdung und die Verletzung des Prinzips der Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu wahrscheinlich wird.
Sozialarbeitspädagogik ist also eine Nothilfe und die Feuerwehr des pädagogischen Bereichs. Doch Demokratiebildung/(Politische) Bildung und Erziehung ist kein genuin sozialarbeiterisches, sondern ein klassisch-pädagogisches Problem. Im Normalfall funktioniert sie so gut, dass Soziale Arbeit nicht benötigt wird. Sonst wäre unsere Demokratie tatsächlich in ihrer Existenz bedroht. Folglich ist Demokratiebildung/(Politische) Bildung und Erziehung nicht von der Sozialpädagogik her zu denken, sondern zu prüfen, ob diese in jener zu viel Einfluss hat.
VII. Welche Demokratie?
Die eigentümlichen internen Dynamiken der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, um nicht das schreckliche Wort ‚Disziplinlosigkeiten‘ zu bemühen, bieten gemeinsam mit den vom Aufstieg der AfD geängstigten „‘Altparteien (Systemparteien)‘“[17] eine ordentlich Erklärung dafür, dass die Demokratiebildung, die hier als Mythos reflektiert wird, trotz der zutiefst ambivalenten Begriffsgeschichte von Bildung und Demokratie positiven Leidenschaften entfacht und institutionell etabliert hat.
Zum einen ist die wegweisende Studie von Georg Bollenbeck „Bildung und Kultur“[18] zu nennen. Es wird nicht nur der Glanz, sondern auch das Elend des Deutungsmusters Bildung über 200 Jahre detailliert rekonstruiert. Mit ihrer Kenntnis verwundert nicht, dass in der Zeitschrift der Pädagogik als dem Zentralorgan der deutschen Bildungs- und Erziehungswissenschaft wissenschaftlich-pädagogisch dafür plädiert wird, die gesellschaftliche Renaissance von Bildung als einer Leitidee „als nicht unproblematisch“[19] zu werten. Es gibt eben nicht nur den von Heinz-Joachim Heydorn theologieartig beschworenen Widerspruch von Bildung und Herrschaft (inklusive gesellschaftlicher Privilegien, soziale Ungleichheit und Gewalt),[20] sondern auch die quasi-natürliche Verbindung von Bildung und Herrschaft (inklusive gesellschaftlicher Privilegien, soziale Ungleichheit und Gewalt): und zwar seit der Erfindung dieses eigentümlich deutschen Begriffs am Ausgang des 18. Jahrhunderts.
Zum anderen ist dem demokratiebildnerischen Vergessen zu entreißen, dass nicht nur bei der Bildung, sondern auch bei der Demokratie nicht auf den Glanz, sondern auch auf das Elend eines Deutungsmusters hinzuweisen ist: Es fällt Historikern schwer, den überwältigende Triumph der Demokratie seit 1945 zu erklären (der derzeit selbstredend weltweit bedroht ist), weil in den zweitausend Jahren davor der abwertende Gebrauch des Wortes Demokratie zum guten und gebildeten Ton gehört hat. Außerdem sind im Namen auch der modernen Demokratie dermaßen viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden, dass man sich, ohne zynisch zu werden, darüber freuen darf, wie gut unser Grundgesetz unsere freiheitlich-demokratische Lebens-, Staats- und Regierungsform definiert, ohne den Begriff der Demokratie ein einziges Mal explizit zu verwenden und sich stattdessen auf den Gebrauch sehr weniger „demokratisch“ zu beschränken.[21]
Anders gesagt: Wenn man den Begriff der Demokratiebildung nicht als Mythos, sondern kritisch und als Aufklärung verwenden will, tut man gut daran, ihn weder pädagogisch noch politisch als eine von authentischen, verlässlichen und engagierten Demokraten verantwortete Erziehung zur Demokratie zu bedeuteten.
Vielmehr sollte er in diesem kritisch-reflexiven, nicht-affirmativen und aufklärerischen Sinne als Plädoyer für das Erfordernis interpretiert werden: Überhaupt erst einmal mit guten Menschen eine Demokratie aufzubauen, die idealiter wie realiter menschenrechtlich und absolut nicht-faschistisch ist und den nützlichen Bürgern einen im ethisch-moralischen Sinne anständigen Lebensort für seine Lebensführung bietet. Mit der AfD tritt in dieser Lesart in Deutschland besonders deutlich hervor, was in uns allen am Brodeln ist: der, wie Foucault sagen würde: Faschist in uns, der den Mythos Demokratiebildung so spannend findet wie der Teufel das Weihwasser. Man muss dann nicht die Überzeugung vertreten: „Keiner will Demokratie“,[22] sondern: Immerhin sind wir schon Möchtegern-Demokraten in einer Möchtegern-Demokratie!
Gleichzeitig wird unabdingbar, sich in öffentlichen Beratschlagungen darauf zu verständigen, was wir unter Demokratie verstehen und ausdrücklich herzstellen, erfinden und entdecken sowie sprachlich gestaltend repräsentieren wollen. Der schlichte Hinweis auf das Grundgesetz, wie es bei den überzeugten, engagierten und authentischen Verfechtern der Demokratiebildung und ihren Demokratiebildnern habitualisiert routiniert üblich ist, ist so wenig hilfreich wie eine lexikographische Debatte über die richtige Definition dieses höchst umstrittenen Begriffs, der zugleich politisches, kulturelles, gesellschaftliches und individuelles Handlungskonzept ist. Schon bei der sehr allgemeinen Frage, ob mit Demokratie
- eine Regierungsform,
- zuvörderst eine Lebensform, die ihre Regierungsform aufgrund ihrer essenziellen Werte und Normen hervorbringt, oder
- eine Lebens-, Staats- und Regierungsform gemeint ist,
streiten sich seit Jahrtausenden die gelehrten Geister, ohne dass ein endgültiger Konsens in Sicht wäre. Hinzu kommt die faschistische Tradition, die heute mit Putin Russland als Demokratie bezeichnet, oder die stalinistische Tradition, für die die DDR oder das Kambodscha der Rhoten Khmer die wahren Demokratien, da Volksdemokratien, gewesen wären.
Wer möchte hier den lieben Gott spielen und eine allmächtige und gerechte Entscheidung über den wahrhaft richtigen Begriffsgebrauch treffen.
Beratschlagung, Streit und kollektiv-gemeinschaftliche Konsenssuche sind also unvermeidbar, zumal auch die wissenschaftlichen Beiträge zur Theorie der Demokratie politologischer und philosophischer Bauart keine eindeutigen, sondern mehrdeutige und plurale Antworten liefern und dadurch die erforderliche gesellschaftliche Konsenssuche fruchtbar inspirieren.
Im Sinne des Grundgesetzes dürfte wohl am besten passen, unter Demokratie
- eine freiheitliche Lebens-, Staats- und Regierungsform im Sinne einer achtsam koordinierte soziale Kooperation freier und gleicher Personen zu verstehen,
- die sich mit dem menschenrechtlichen Maßstab der Fairness der Gerechtigkeit föderal-rechtsstaatlich selbst regiert, anpasst und verbessert,
- das Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen zum höchsten Prinzip erklärt hat,
- alle Staatsgewalt vom Volke ausgehen lässt und
- substanziell Verantwortung für künftige Generationen, ihre natürlichen Grundlagen, Tiere sowie Europa und die Weltgesellschaft übernimmt.
Der Preis, der für einen solchen Begriffsgebrauch zu zahlen ist, besteht darin, dass die sogenannten alten Griechen selbst mit Hilfe ihrer ausgezeichneten Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles anders als die guten Schüler unserer vorbildlichen Schulen überfordert wären, kognitiv und emotional nachzuvollziehen, dass wir gerade wirklich von Demokratie sprechen, indem grob die im historischen Vergleich kontraintuitive Essenz unseres normativen Begriffs der Demokratie angedeutet wird.
Die Überforderung rührt daher, dass Wahlen für unsere Demokratie zwar wichtig sind. Aber der politische, kulturelle, gesellschaftliche und individuelle Alltag muss aufgrund der modernen Gesellschaftsstruktur anders als in der Demokratie des Sokrates, Platon und Aristoteles selbst bei Entscheidungen, die für uns alle wichtig sind, regelmäßig ohne allgemeine Wahlen und die damit verbundene Zustimmung oder Ablehnung durch das Volk auskommen. Dennoch führt diese allgemein anerkannte soziale Praxis zu keinem Widerspruch zu unserem Begriff der Demokratie, sondern eben nur zu dem des antiken Griechenlandes. Denn die Grundanlage unseres ideal-normativen Begriffs der Demokratie ist in ihrem prinzipiell freiheitlichen Charakter repräsentativ-republikanisch. Folglich wird sie von einem schwachen Interesse an plebiszitären, partizipativen und basisdemokratischen Elementen getragen. Allerdings ist dies nicht mit der Unlust an diesen Kernelementen des antiken Begriffs der Demokratie, sondern mit der eigentümlichen soziologischen Komplexität unseres modernen weltgesellschaftlich verankerten Gemeinwesens zu erklären.
Andererseits sollte die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass der repräsentativ-republikanische Charakter unserer Demokratie dazu beiträgt, dass sich die Staatsgewalt vom Volk abwendet, eine die Freiheit gefährdende Elitenherrschaft aufbaut und die plebiszitären, partizipativen und basisdemokratischen Möglichkeiten nicht nur nicht fördert, sondern sogar aktiv bekämpft, behindert und unterdrückt.
Kurzum: Die Bildung der Demokratie von heute ist eine andere als die Bildung der Demokratie der antiken Griechen.
VIII. Bildung ohne Zwang und ohne Angst
In der Summe der wohlbegründeten geistes- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven kann dem Begriff der Demokratiebildung nicht ohne schlechtes Gewissen die Fähigkeit zugesprochen werden, Menschen aufgrund einer ihm innewohnenden ästhetischen Kraft zwanglos zu einem Leben als engagierter, authentischer und überzeugter Demokrat in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu motivieren, anzuleiten und zu unterrichten. Paradox positiv: Demokratiebildung ist bloß ein scheinbar schöner Begriff. Er drängt sehr in Richtung Mythos und zu wenig in Richtung Aufklärung.
Das heißt: Je mehr, genauer und analytisch-distanzierter man in die Demokratiebildung hineinschaut, um mit ihr kritisch-reflexiv, aufklärerisch und nicht-affirmativ umzugehen, weil anders laut Theorie der Pädagogik (der Demokratie) die Bildung für den modernen Menschen nicht zu gewährleisten ist, desto hässlicher und abstoßender wird die Demokratiebildung. Die schwerpunktmäßig bildungspolitische, kaum wissenschaftlich-pädagogische Programmatik der Demokratiebildung behindert eine Erziehung, die sich als Unterstützung der Bildung des Menschen in der Form der Demokratisierung der absolut nicht-faschistischen Lebensform begriffen hat, die das Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen absolut gewaltfrei, nicht-paternalistisch und dienstleistend anerkennt und prozessiert.[23] Die Hindernisse, auf die die ideale (Politische) Erziehung und Bildung der Pädagogik der Demokratie notorisch trifft, werden von der Demokratiebildung nicht eskamotiert, sondern wider die guten Absichten verstärkt.
Einmal gewendet: Es darf aufgrund der Angst vor dem Rechtspopulismus und Rechtsextremismus unserer Zeit nicht unterschlagen werden, was mit der Bildung des Menschen originär gemeint ist. Dies implizit das Wissen darum, wie der Begriff der Bildung die Kraft haben konnte, zum Fundament der deutschen Demokratie- und Befreiungsbewegung am Ausgang des 18. Jahrhunderts zu werden: Es ist eben eine Bildung, der es nicht in erster Linie darum geht, Erfolg auf dem Weltmarkt zu haben, die Ökonomisierung des Menschen zu forcieren, den Sieg im egoistischen Kampf aller gegen alle im faktischen weltgesellschaftlichen Recht des Stärkeren zu erreichen oder die Demokratie vor der Vielfalt ihrer persönlichen und strukturellen Feinde zu beschützen. Das humanistische Credo der originären, im Liberalismus, Konservativismus, Republikanismus, Sozialismus und Demokratismus der modernen Welt verankerten Bildung der idealen Pädagogik der Demokratie lautet demgegenüber: Die Ökonomie, Politik, Kultur, Gesellschaft und Demokratie sind für den Menschen, nicht jedoch die Menschen für die Ökonomie, Politik, Kultur, Gesellschaft, und Demokratie da!
Die Bildung im originären Sinne einer Pädagogik der Demokratie, die sich als Theorie der Pädagogik versucht: Das ist die Befähigung zur
- freiesten Wechselwirkung des Menschen mit seiner weltgesellschaftlichen Sozialraumzeit,
- vernünftigen Selbstbestimmung in einer achtsam koordinierten sozialen Kooperation freier und gleicher Personen, die sich mit dem Maßstab der Fairness der Gerechtigkeit (weltgesellschaftlich) selbst regiert, anpasst und verbessert, oder
- Capability im Sinne von Amartya Sen und Martha C. Nussbaum, sprich:[24] der begründeten Entscheidung für das richtig gute Leben im ethisch-moralischen Sinne der bestmöglichen, realutopischen Gemeinschaft und Gesellschaft.
Es ist eine Bildung, die vom Wissen, Können und Fühlen der Aufklärung und nicht vom Glauben, Hoffen und Fürchten des Mythos getragen wird.
Diese Bildung ist eine außergewöhnlich anspruchsvolle Befähigung. Hieraus ergibt sich die Rechtfertigung dafür, dass das staatliche Schulwesen unter Aufsicht der staatlichen Gemeinschaft steht. Familien und autarke Gemeinden sind unter modernen und weltgesellschaftlichen Bedingungen überfordert, sie mit ihrer Erziehung und Unterrichtung nachhaltig zu unterstützen. Zugleich ist dieser mittlerweile kontraintuitive Begriff der Bildung der Theorie der Pädagogik das grundlegende pädagogische Prinzip, das auch im Kampf gegen die links- und rechtsextremen Feinde der Demokratie prinzipiell nicht negiert werden darf. Sonst wird aus der (Politischen) Bildung und Erziehung die unpädagogische Gewalt der Indoktrination und Unterwerfung. Folglich gilt: „Jede Allgemeine Schulpflicht, die nicht auf die freiheitlich-demokratische Zustimmung der Bürger trifft, verletzt die Logik der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die mit der Allgemeinen Schulpflicht zu gewährleisten ist!“[25]
Allerdings gibt es etwas, was uns versöhnlich und hoffnungsfroh stimmen und helfen sollte, in unserer gemeinschaftlich-beratschlagenden Suche nach der pädagogisch-politischen Wahrheit der Pädagogik der Demokratie nicht aus den Augen zu verlieren: Wir werden aufgrund des unmäßigen, weltgesellschaftlich erschreckend erstarkten Rechtspopulismus und Rechtsextremismus von einer zutiefst geteilten Sorge um den Fortbestand unserer freiheitlich-demokratischen Lebensform getragen. Diese Sorge tritt in einer Hermeneutik des Wohlwollens als der Kern der vornehmlich bildungspolitisch begründeten Demokratiebildung unzweideutig hervor; soll heißen: Die Demokratiebildung ist eine Programmatik, die für jedwede Unterstützung offen ist, die ihr hilft, die Schönheit zu werden, die sie sein möchte; und die sie wohl schon wäre: Wenn sie sich darüber aufgeklärt hätte, inwieweit die Demokratiebildung ein Mythos ist, der zu einem Mythos werden sollte, der von einer Aufklärung getragen wird, die sich ausdrücklich als: (Politische) Bildung und Erziehung der Pädagogik der Demokratie herstellt, erfindet und entdeckt sowie sprachlich gestaltend repräsentiert. Es ist eine Hoffnung, die gerade mit Blick auf den gesellschaftlichen Nachwuchs von keinem falschen, weltfremden Idealismus, sondern von substanzieller empirischer Evidenz und Relevanz genährt wird. Denn es ist mehr Demokratiebildung / (Politische) Erziehung und Bildung (der Pädagogik der Demokratie) vorhanden, als jene behaupten, die von ihrem Scheitern und der unwiderruflich geschädigten Demokratie überzeugt sind: und zwar egal, ob sie sich als politisch links oder rechts prozessieren.
Nächste Woche geht es weiter mit Teil 3 und den Abschnitten IX – XI.
[1] Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg. 2019): Demokratiebildung. Schule für Demokratie, Demokratie für Schule. Nachdruck 2020. Stuttgart, S. 5.
[2] Hoffmann, B. (2024): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil I. Grundlegung (der Theorie der Pädagogik). 421 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript: PDF. Ders. (2025): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil II. Anwendung – Theorie der Erziehung (der Theorie der Pädagogik). 339 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript: PDF. Ders. (2026a): Grundlegung der Pädagogik (Erziehungs- und Bildungswissenschaft). Erziehung als (Unterstützung der) Bildung. Zwischenschrift. Mitarbeit: Ines Langemeyer. Karlsruher Institut für Technologie. KIT-Bibliothek. Weltweit hier abzurufen: https://doi.org/10.5445/IR/1000192139. Ders. (2027/28): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil III. Kür – Theorie der Bildung (der Theorie der Pädagogik). In Vorbereitung.
[3] Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Hrsg., 2019, a. a. O., S. 8.
[4] Eisenmann, S. (2019): Vorwort, in: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg. 2019): Demokratiebildung. Schule für Demokratie, Demokratie für Schule. Nachdruck 2020. Stuttgart, S. 3.
[5] A. a. O., S. 3 f.
[6] A. a. O., S. 4.
[7] Vgl. Wittgenstein, L. (1952): Philosophische Untersuchungen, in: Ders. (1984): Werkausgabe Band 1. Neu durchgesehen von J. Schulte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 109.
[8] Beutel, W. / Kenner, S. / Lange, D. (Hrsg. 2025): „Monitor Demokratiebildung“. Band 1. Demokratiebildung: Eine Orientierung. Frankfurt am Main. Wochenschau.
[9] A. a. O., S. 45.
[10] A. a. O., S. 27.
[11] A. a. O., S. 73.
[12] A. a. O., S. 27 f.
[13] A. a. O., S. 73.
[14] Niemeyer, C. (2023): Die AfD und ihr Think Tank im Sog Trumps & Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches. Weinheim und München: Beltz Juventa.
[15] A. a. O., S. 18.
[16] Vgl. Hoffmann, B. (2025) : Soziale Arbeit als Pädagogik. Zur Theorie der Sozialen Arbeit, in: Benner, D. / Wunsch, R. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpädagogik weiterentwickeln. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.
[17] Hoffmann, B. (2026b): Kompliment „Altparteien (Systemparteien)“, in: Texte zur Sache am 27. August 2026. https://texte-zur-sache.de/bildung/kompliment-altparteien-systemparteien/.
[18] Bollenbeck, G. (1996): Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
[19] Zeitschrift für Pädagogik (2015): Thementeil: Bildung – Renaissance einer Leitidee 61 (4), S. 461.
[20] Heydorn, H.-J. (1970): Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Werke Band 3. Studienausgabe 2004. Hrsg. von I. Heydorn, H. Kappner, G. Koneffke und E. Weick. Wetzlar: Büchse der Pandora.
[21] Ein guter Einstieg sind: Canfora, L. (2006): Eine kurze Geschichte der Demokratie. Von Athen bis zur Europäischen Union. Köln: PapyRossa. Dunn, J.: (2005): Democracy. A History. Atlantic Monthly Press: New York. Finley, M. I. (1973): Antike und moderne Demokratie. Durchgesehene Ausgabe 1987. Stuttgart: Reclam.
[22] Friedrich, J. P. (2026): Keiner will Demokratie, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, 6. September 2026. https://www.cicero.de/innenpolitik/ein-kampfbegriff-nicht-nur-vor-wahlen-keiner-will-demokratie?fbclid=IwY2xjawUbNIBwZG9mAWV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR5cqa3467bOkS6A3SnILGotgDmsAsvEGPaJCd3W_tUCaBQgRZuw8bDzRs0h5Q_aem_WHNhQN72NT7ew_O0_BJIVg.
[23] Vgl. Hoffmann, 2024, 2025, 2026a, a. a. O.
[24] Vgl. Nussbaum, M. C. (2011): Creating Capabilities. The Human Development Approach. Cambridge, Massachusetts, and London, England. The Belknap. Sen, A. (2002): Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. München: dtv. Vgl. auch: Hoffmann, B. (2017): Rezension von Eric Mührel / Christian Niemeyer / Sven Werner (Hrsg.): Capability Approach und Sozialpädagogik. Eine heilige Allianz? Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2017, in: Zeitschrift für Pädagogik 63, Heft 5, S. 672 – 674.
[25] Hoffmann, B. (2026c): Allgemeine Schulpflicht pädagogisch denken, in: Texte zur Sache am 16. September 2026. https://texte-zur-sache.de/…/allgemeine-schulpflicht…/.






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