Kategorie: Geisteswissenschaften

  • Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Es wird viel gestritten, in Talkshows, bei Facebook, in der Familie und unter Freunden. Es geht um alles Mögliche, um die Umwelt oder das nächste Urlaubsziel, um den amerikanischen Präsidenten, das Bedingungslose Grundeinkommen, die Dieselfahrverbote. Um den leeren Kühlschrank oder den vollen Mülleimer. Vor allem wenn es um Politik geht, kommt die Frage, wie wir streiten, ins Spiel. Irrational zu sein, nicht logisch zu argumentieren, ist dann ein oft gehörter Vorwurf. Dem politischen Gegner wird gern unterstellt, die Regeln der Logik zu verletzen, nicht rational zu argumentieren. Es hat den Anschein, als gäbe es irgendwo ein Regelwerk, an welches sich jede Person halten müsste und könnte, die an einem Streit teilnehmen will – und wer sich nicht an diese einfachen Regeln hält, der ist auch nicht berechtigt, mitzureden. Schließlich soll der Streit zwar engagiert, aber am Ende doch konstruktiv sein. Und um konstruktiv zu sein, so meint man, müssen sich alle an die Regeln der Logik halten.

    Logik ist in dieser Sicht eine alte und gut begründete Wissenschaft, die zudem durch jeden, der für sich beansprucht, vernünftig zu sein, erlernt und angewandt werden kann. Logik als Wissenschaft ist Mathematik, und ihre Regeln sind so glasklar vernünftig und zwingend wie die der Addition und Multiplikation. Wer sich nicht selbst die Mühe machen will, die Anwendung dieser Regeln zu lernen, soll wenigstens auf die Experten hören, die das können, soll ihnen vertrauen und im Übrigen schweigen.

    Die Artikel-Reihe, die mit diesem Text beginnt, wird diese einfache Sicht der Dinge fragwürdig machen. Kurz gesagt, behaupte ich hier, dass die einfache Logik für die meisten Bereiche, um die wir engagiert streiten, gar nicht anwendbar ist. Unsere praktische und gesellschaftliche Welt gehorcht nicht klaren mathematischen Regeln, weder denen einer simplen formalen Aussagenlogik, noch denen einer ausgefeilten Argumentationslogik. Zwar können all die durchdachten Regelsysteme hilfreiche Orientierung geben um die Realität zu durchschauen. Sie können uns sozusagen als einfache Beispiele dienen, so wie wir mit Puppen und Teddybären als Kinder Schule oder Vater-Mutter-Kind gespielt haben und damit einen ersten Eindruck davon bekamen, wie unser Zusammenleben strukturiert ist. Aber die einfachen Beispiele und Regeln lassen sich nicht einfach auf die Welt anwenden und schon gar nicht können wir sie als Werkzeugkasten in einer realen Diskussion verwenden um irgendwen von einer Wahrheit zu überzeugen. Sie sind weder zur Beschreibung eines möglichen rationalen Diskurses geeignet, noch als Normen, nach denen die Teilnehmer des Diskurses sich zu richten hätten, wenn sie beanspruchen, am Gespräch teilzunehmen.

    Deshalb ist es auch absurd, die Einhaltung und Beachtung dieser Regeln zur Voraussetzung für die Teilnahme an einer Diskussion zu machen. Vernünftig ist immer nur die Beachtung einer Logik, die dem Problemkreis, um den sich das Gespräch dreht, angemessen ist. Die Einhaltung einer Logik zu fordern, die nicht angemessen ist, ist hingegen unvernünftig.

    Meinungen und Erwartungen

    Ich werde versuchen, ein paar Elemente der Logik des alltäglichen Gesprächs zu finden, vor allem, wenn sich dieses Gespräch um politische Standpunkte, Befürchtungen, Wünsche und Handlungsoptionen dreht. Solche Äußerungen werde ich im Weiteren als Erwartungen oder Meinungen bezeichnen. Diese Begriffe sollen zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht einfach um Überzeugungen über den Zustand der Welt handelt, sondern dass die Person, die sie äußert, dazu auch Stellung bezieht. Auf der anderen Seite beziehen sich die meisten Meinungen als Erwartungen nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Konsequenzen des Gegenwärtigen für die Zukunft. Sie sind deshalb nur selten durch direkte Beobachtung zu beweisen oder zu widerlegen.

    Tatsächlich werden diese Ergebnisse der folgenden Betrachtungen auch normativen Charakter haben: Da die meisten von uns vernünftig sein wollen, kann man auch von ihnen verlangen, vernünftig zu sein. Aber die Vernunft zeigt sich eben nicht im Einhalten von Regeln, die sich eine Wissenschaft ausgedacht hat, auch wenn diese Wissenschaft alt und auf einigen Gebieten auch erfolgreich ist.

    Was das alles genau besagt, wird sich erst im Laufe der Kolumnen-Beiträge zeigen. Es gehört zur Logik der Sache, dass wir nicht systematisch aufbauend vorgehen können, sondern uns sozusagen von einem unklaren Vorverständnis und einer intuitiven Einsicht aus in Kreisen immer wieder erneut den Kerngedanken der Logik, die wir für gesellschaftliche und praktische Fragen brauchen, annähern können.

    Die Bereitschaft, zu begründen

    Was heißt überhaupt Logik? Was ist Rationalität? Kurz gesagt, es geht um das begründete und begründende Sprechen. Ich sage etwas: Es mag eine Behauptung, eine Sorge, ein Wunsch, eine Vermutung oder eine Bitte sein. Auf meine Meinung oder Erwartung  kann mein Gegenüber eine Begründung fordern. Die erste These über die Logik als begründetem Sprechen lautet: Zur Rationalität gehört es, die Forderung nach Begründungen zu verstehen, zu akzeptieren und zu versuchen, ihr zu genügen. Als vernünftiger Mensch verstehe ich, dass jemand „Warum?“ fragt, wenn ich eine Meinung oder Erwartung äußere.

    Wer auf die Frage nach dem Warum seiner Bitte, Überzeugung oder Sorge nur antwortet „Das ist eben so!“ oder „Weil ich das so will!“ oder „Weil ich das eben weiß!“ ist genauso wenig vernünftig wie jemand, der antwortet „Das weiß doch jeder!“, „Wie kannst du daran zweifeln!“ oder „Weißt du es etwa besser?“ Vernünftig ist, auf die Frage nach dem „Warum“ einen Grund anzugeben, den der, der fragt, als Grund verstehen und akzeptieren kann. Die Weisen, solche Gründe zu formulieren, sind durch die Logik festgelegt, der die Personen folgen, die da miteinander sprechen.

    Man sieht schon, dass Logik eine Sache der gemeinsamen Akzeptanz von Wegen des Begründens ist. Wer meint, die richtige Logik zu besitzen und diese irgendwie einem anderen aufdrängen zu können, verhält sich streng genommen schon unlogisch. Er muss die Vorteile seiner Art, Begründungen zu geben, ja erst erweisen. Und wie könnte er das besser tun, als in der Sache zu argumentieren und den anderen zu überzeugen – nicht in erster Linie davon, dass seine Schlussweisen die „richtigen“ sind, sondern in der Sache, um die es in der Diskussion geht, die gerade geführt wird.

    Viel mehr braucht es nicht, um vernünftig zu sein. Aus der Beobachtung tatsächlicher erfolgreicher Diskussionen können wir einige Charakteristika einer vernünftigen Logik ableiten. Das werde ich in den nächsten Teilen dieser Serie versuchen. Dabei werden sich die Grenzen aber auch die Möglichkeiten des Reflektierens über Logik und Rationalität zeigen.

    Wahrhaftigkeit

    Das ganze Unternehmen hat nur eine Voraussetzung: Wir nehmen an, dass die Teilnehmer der Diskussion, die wir verfolgen, wahrhaftig sind. Wir vermuten, dass sie, wenn sie etwa eine Überzeugung formulieren, tatsächlich von dem überzeugt sind, was sie sagen, dass sie, wenn sie eine Sorge zum Ausdruck bringen, tatsächlich besorgt sind, dass sie, wenn sie einen Wunsch oder eine Hoffnung formulieren, tatsächlich das wünschen oder hoffen, was sie so benennen. Genau genommen heißt das nicht, dass sie es auch „wirklich sagen“ – denn was wirklich gesagt wird, kann ja schon wieder Gegenstand von Unklarheiten und Missverständnissen sein. Wahrhaftig bedeutet nur, dass derjenige, der spricht, beabsichtigt, das auszudrücken, was er meint und erwartet.

    Wir gehen also davon aus, dass niemand lügt oder täuscht. Die Logik der Lüge zu formulieren wäre eine andere Herausforderung, die ich hier nicht annehmen will. Natürlich wissen wir nicht, ob jemand vielleicht lügt – ich werde darauf zurückkommen, ob es vernünftig ist, so etwas zu vermuten. Aber ich beginne mit der Annahme, dass alle, die sich an einem Gespräch beteiligen, wahrhaftig sind.

    Fortsetzung: Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    „Richtig streiten“ gibt es auch als Buch, weitere Informationen dazu auf der Website des Claudius-Verlages.

  • Lebensverlängerung oder Assistierter Suizid: Das Sterben vermögen

    Lebensverlängerung oder Assistierter Suizid: Das Sterben vermögen

    Der Schutz des individuellen Lebens eines jeden Einzelnen ist in unserer Gesellschaft zum höchsten Wert geworden. Lebensverlängerung ist gut, assistierter Suizid ist problematisch. Um ein Leben zu retten, werden alle Mittel in Bewegung gesetzt, mit hohem Aufwand wird versucht, eine Bergsteigerin aus unwegsamem Gelände zu bergen, und um schwerkranke Menschen zu heilen oder wenigstens ihr Sterben so weit wie möglich hinauszuzögern, werden alle erdenklichen Möglichkeiten und Verfahren der modernen Medizin aufgewandt.

    Zwang zur Lebensverlängerung

    Aus dem Wunsch, jeder Person ein möglichst langes Leben zu ermöglichen, ist längst ein Zwang zum Weiterleben geworden, wobei man oft eher vom Weiterleiden sprechen müsste. Wer im Alter schwer erkrankt, muss heute damit rechnen, noch viele Jahre am Leben gehalten, genauer, vom Sterben abgehalten zu werden. Der Mensch sei sterblich, weil er sterben kann, weil er den Tod als Tod vermag, sagte der Philosoph Martin Heidegger. Aber wir werden vom Sterben abgehalten, selbst, wenn wir nicht mehr leben wollen, wenn das, was wir vor dem Sterben noch zu erwarten haben, nicht mehr als Leben bezeichnen wollen.

    Wir sehen heute viele Kranke und Alte, die zunehmend nur noch darauf warten und hoffen, dass es endlich zu Ende ist. Und viele Kinder und Enkel behalten ihre Eltern und Großeltern nicht als die starken, lebensfrohen Menschen in Erinnerung, die sie einmal waren, sondern als leidend, kaum noch ansprechbar, immer schwächer werdend und schließlich verschwindend. Diese letzten Begegnungen überdecken immer mehr die Erinnerung an die fröhlichen und guten Zeiten. Das ist oft eine Last vor allem für die, die da krank und schwach in Rollstühlen sitzen und in weißen Laken der Krankenbetten liegen.

    Dagegen regt sich seit einiger Zeit Widerstand, und die Forderung nach den Möglichkeiten des selbst bestimmten Sterbens wird laut. Zuletzt hat der 66jährige österreichische Journalist Niki Glattauer, der an Krebs erkrankt war und seinem Leben durch assistierten Suizid ein Ende gemacht hat, die Diskussion neu angeregt, indem er zuvor offen und ausführlich über seine Absicht und seine letzten Tage gesprochen hat.

    Assistierter Suizid: nur ein Aspekt

    Aber die Liberalisierung und die Akzeptanz der Möglichkeit des assistierten Suizids ist nur ein Aspekt der notwendigen gesellschaftlichen Debatte. Die Äußerungen Glattauers zeigen auch, dass dieser Weg zwar eine mögliche Option sein kann, seine Ermöglichung aber nicht alle Probleme löst. Das nicht einmal wegen der Befürchtung, kranke Alte könnten sich von der Gesellschaft oder von Verwandten zum Freitod gedrängt sehen.

    Das eine ist, wie man auch aus dem Gespräch mit Glattauer entnehmen kann, dass man sich den assistierten Suizid leisten können muss. Einige tausend Euro musste Glattauer insgesamt ausgeben. Das andere ist, dass es nur wenigen gelingen kann, den richtigen Moment für die freie und selbst bestimmte Entscheidung zu einem freien und selbst bestimmten, aktiven Suizid nicht zu verpassen. Wie auch immer ein assistierter Suizid gesetzlich ermöglich wird, er setzt voraus, dass man aktiv und frei handeln kann, das ist vielen, die sich im fortgeschrittenen Stadium einer schweren Krankheit befinden, nicht mehr möglich.

    Notwendig wäre, dass wir die Diskussion um den Anspruch zum Hinauszögern des Todes führen. Die Behauptung, dass jeder einen unbedingten Überlebenswillen habe, der in jeder Notsituation, unter allen Bedingungen wirken und der spätestens im Angesicht des möglichen Sterbens erwachen und stark werden würde, ist ein fragwürdiger Mythos. Wir sprechen zu wenig darüber, ob wir wirklich bei schwerer Krankheit immer wieder gerettet werden wollen.

    Selbstverständlich sagen dürfen: Es ist genug

    Wir brauchen die Möglichkeit, ganz selbstverständlich zu sagen, dass es genug ist, dass man sich selbst und seinen Nächsten das bevorstehende Leiden nicht zumuten will. Statt in immer neue Möglichkeiten des Hinauszögerns des endgültigen Todeszeitpunkts zu forschen, könnte die medizinische Wissenschaft dann Wege finden, ein solches Leben sachte zu Ende zu bringen, ohne dass ein Suizid nötig ist. Diese Frage stellt sich nicht erst, wenn es darum geht, ob die „Apparate abgeschaltet werden sollen“. Sie drängt sich schon dann auf, wenn absehbar ist, dass ein Leben ohne High-Tech-Medizin, ohne dutzende Medikament am Tag, ohne immer neue operative Eingriffe schon bald zu Ende sein würde.

    Diese Lebensphase nicht zu verlängern und nicht als unmenschliches Leiden erleben zu müssen, sondern sanft und würdig zu überstehbar zu machen, sollte zu einer selbstverständlichen und realistischen Option für jeden werden, der in mit einer Krankheit konfrontiert ist, die leidvoll zum Tode führt.

    In der letzten Kolumne beschäftigte sich Jörg Phil Friedrich mit dem Verhältnis von Recht, Gesetz und Gewissen.

  • Lasst uns teilen!

    Lasst uns teilen!

    Wenn der Mensch nicht hungert, nicht Krieg und Not ausgesetzt ist, und wenn er nicht durch Naturkatastrophen, Missgeschick oder Bösartigkeit anderer um Hab und Gut gebracht ist, dann bleibt ihm doch eine große Sorge: sein eigentliches Leben zu verpassen. Andreas Weber will, dass wir deshalb mehr teilen. Manchmal, wenn wir kurz innehalten im Trott oder im Galopp des Alltags, dann fragen wir uns, ob wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden, ob wir nicht den falschen Dingen nachjagen oder uns von den falschen Leuten treiben lassen. Und gerade in der modernen westlichen Welt, in der der Hunger und die existenzielle materielle Not selten geworden sind, verdächtigen wir die Ordnung der Gesellschaft selbst, daran schuld zu sein, dass wir ein falsches Leben führen, dass wir uns falsche Prioritäten vorgaukeln lassen und dass wir alle zusammen und jeder einzelne von uns in eine falsche Richtung rennen.

    Andreas Weber: Teilen ist eine hohle Phrase

    Andreas Weber geht in seinem Buch Sein und Teilen genau von dieser Zeitdiagnose aus. Unsere Welt sieht er von einem Kapitalismus beherrscht, dessen Devise ist „Teile nicht! Vernichte!“, wir leben seiner Meinung nach in einer „Gesellschaft zerstörerischer Egoismen“. Der Imperativ des Teilens ist für Weber zu einer „hohlen Phrase“ verkommen und durch den Imperativ des Raffens ersetzt.

    Dem will der Andreas Weber etwas entgegensetzen. Er will das Teilen attraktiv machen, denn er meint, dass moralische Appelle nichts nützen. Stattdessen will Weber ein Umdenken in Gang setzen, das es attraktiv macht, dem Raffen und Vernichten zu entsagen und zu einem teilenden Sein überzugehen.

    Man muss der fundamentalen Kapitalismuskritik nicht folgen um der empathischen Forderung nach einem Überdenken unserer Handlungsprinzipien etwas abzugewinnen. Das, was Andreas Weber hier im Kern diagnostiziert, haben schon Hegel und spätestens Marx als Entfremdung beschrieben, und Heidegger hat mit seinem Fragen nach dem „eigentlichen Seinkönnen“ in „Sein und Zeit“ eine analytische Beschreibung der defizitären Seinsmodi des modernen Menschen beigetragen. Vieles, nicht nur der Titel von Webers Streitschrift, klingt nach Heideggers Kritik der modernen Gesellschaft, die insbesondere im Spätwerk explizit geworden ist. Es ist erstaunlich, dass Weber zwar selbst im Titel seines Buchs auf Heidegger anspielt, diesen aber im ganzen Buch nicht erwähnt – vielleicht ein zeitgemäßes Zugeständnis eines Autors, der doch ganz unzeitgemäß erscheinen will.

    Was hat Andreas Weber uns zu bieten, um das Teilen attraktiv zu machen? Sein Text ist ein Rundgang durch die Möglichkeiten des Teilens. Er beginnt mit der Einsicht, dass alles Leben ein Teilen ist, ein Geben und Nehmen. Dass jeder von uns Teil ist und nur in diesem Teil-Sein auch Selbst sein kann. Das ist zugleich schon die zentrale These, das wichtigste Argument Webers, das er im Verlauf seines Gedankengangs immer aufs Neue stützen und Untermauern möchte: Ein Individuum wird der Mensch nicht durch Abgrenzung und Unterscheidung, sondern durch Teilen und Integration. Sich als Teil eines umfassenden Ganzen zu verstehen, muss nicht bedeuten, in diesem Ganzen unterzugehen oder am Ende nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, vielmehr kann dieses Selbstverständnis uns dazu bringen, ein wirkliches individuelles Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    Teilen bringt uns zu uns selbst

    Andreas Weber will uns ein Umdenken attraktiv machen, nicht aus einer moralischen Verantwortung heraus, sondern aus dem Argument heraus, dass jeden von uns das Teilen zu sich selbst bringt. Dazu muss aber das Denken selbst sich wandeln, es darf nicht bei der rationalen Logik beginnen, es muss beim Fühlen anfangen. Im Fühlen, sagt Weber, erfahren wir die Welt in existenzieller Betroffenheit. Fühlen ist „die eigentliche Realität des Lebendigen“ und „Lebendigsein heißt Wirklichsein“. Indem wir fühlen, kommen wir mit allem in Verbindung und gewinnen so unsere Identität.

    Das mag etwas blumig klingen und es soll wohl auch so klingen. Man könnte die gleichen Gedanken wohl auch sachlicher ausdrücken, aber möglicherweise denkt Weber, dass er uns nur durch diese Sprache aus der Sachlichkeit des Effizienzdenkens herausreißen und in das Fühlen hineinziehen kann. Dafür wird jede Leserin und jeder Leser unterschiedlich empfänglich sein. Aber wenn man sich auf den Fluss des fühlenden Denkens bei Andreas Weber einlässt, und wenn man seine radikale Kapitalismuskritik teilt oder nachsichtig übersieht, hat man ein anregendes Buch vor sind, nach dessen Lektüre man durchaus einen anderen Blick auf sich selbst und das eigene Sein gewonnen hat.

  • Studie ohne Hemmung

    In den letzten Tagen machte wieder einmal eine Studie Schlagzeilen. Genauer gesagt machte – wie das immer so ist – nicht die Studie die Schlagzeilen, sondern die Journalisten, die über die Studie berichteten. Wobei man in diesem Falle schon sagen muss, dass die Autoren der Studie ihren Teil zum Zeilenschlagen beigetragen haben, trug sie doch die schlagende Titelzeile: „Die enthemmte Mitte“. Der erläuternde Untertitel war dann „Autoritäre und rechtextreme Einstellungen in Deutschland“.

    Soso, die Mitte ist also „enthemmt“ – das heißt dann wohl, früher war sie mal gehemmt, ihre „autoritären und rechtsextremen Einstellungen“ zu zeigen, aber jetzt lässt sie alle Hemmungen fallen und ist womöglich ganz offen rechtsextrem und autoritär. Das ist natürlich eine ernste Sache, die besorgt auch den Philosophen. Schauen wir also mal mit einem vorsichtigen philosophischen Blick in dieses Produkt gesellschaftswissenschaftlicher Forschung.

    Die große Aufgabe

    Denn diesen Anspruch hat die Studie. Gleich zu Beginn des ersten Kapitels heißt es:

    Eine wesentliche Aufgabe der Gesellschaftswissenschaften ist die Untersuchung von rechtsextremen Einstellungen und autoritären Orientierungen.

    Da ist man ja schon gleich das erste Mal verblüfft. Dachte man doch gerade noch, dass die Wissenschaften frei sind und sich erst mal gegen jede Art von „Aufgabenzuweisungen“ wehren dürften und auch sollten, erfährt man hier, dass die Gesellschaftswissenschaften sogar eine „wesentliche Aufgabe“ haben. Die ist zudem sogar sehr speziell. Sie richtet sich nicht etwa auf alle möglichen gesellschaftlichen Phänomene und Strukturen, sondern vor allem auf „rechtsextreme Einstellungen und autoritäre Orientierungen“.

    Da fragt man sich natürlich, wer den Gesellschaftswissenschaften diese wesentliche Aufgabe gegeben hat. Leider findet sich dazu in der Studie keine Fußnote. In einem Land vor unserer Zeit hätte es ganz sicher so eine Fußnote gegeben, da wäre der entsprechende Politbürobeschluss genannt gewesen, oder wenigstens eine Rede des Generalsekretärs.

    Hier aber nichts dergleichen – zum Glück. Wir müssen vermuten, dass „die Gesellschaftswissenschaften“ sich ihre „wesentliche Aufgabe“ denn doch selbst gegeben haben – man hätte natürlich trotzdem gern gewusst, warum es gerade diese war und wie „die Gesellschaftswissenschaften“ das anstellen, sich eine solche Aufgabe zu geben.

    Was ist nochmal rechts?

    Wer sich so eine wesentliche Aufgabe gibt, der wird sicherlich genau wissen, was der Gegenstand der Aufgabe ist. Man vermutet ja als naiver Philosoph, dass „Rechtsextrem“ irgendwie so etwas ist wie „extrem weit rechts“ und ist nun gespannt darauf, einen Hinweis zu finden, was eigentlich „rechts“ (vermutlich im Gegensatz zu „links“) ist.

    Tatsächlich gibt es in der Studie sogar eine „Definition“ – die definiert aber nicht „Rechts“ sondern gleich „Rechtsextrem“. Diese Definition lautet:

    Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.

    Da ist man schon wieder verblüfft. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ sind also das „verbindende Kennzeichen“ der „rechtsextremen Einstellungsmuster“.

    Damit eine Definition gut ist, so haben wir irgendwie schon bei Aristoteles gelernt, muss sie trennscharf sein, d.h., man muss ganz gut feststellen können, was dazu gehört, und was nicht. „Ungleichwertigkeitsvorstellungen“ – naja, die Linksextremen z.B. halten die Kapitalisten wahrscheinlich auch nicht für so wertvoll wie die unterdrückten Proletarier. Und die Extremen unter den Natur- und Umweltschützern haben wohl auch klare Vorstellungen davon, was oder wer wertvoll ist und was nicht.

    Wahrscheinlich ist es ja so, dass Extreme überhaupt dadurch extrem werden, dass sie aus Unterschieden zwischen Menschen Bewertungen machen, durch die die einen wertvoller als die anderen zu sein scheinen. Während die Gemäßigten zwar Unterschiede zu ihren Gegnern sehen, ist dem Extremen der Andere weniger Wert, er ist ihm so fremd, dass er ihn, um sich selbst zu behaupten, ab-werten muss.

    Exkurs: Schmitt, Mouffe, Greven

    Dazu einen kleinen Exkurs: Ich stehe, was das Verständnis politischer Kategorien betrifft, in der Tradition von Carl Schmitt, insbesondere in der Rezeption durch Chantal Mouffe und Michael Th. Greven. In dieser Tradition scheint mir zweierlei plausibel zu sein: Unter den Gemäßigten, egal welcher Ausrichtung, gibt es natürlich einen Konsens, wie man sein muss, wenn man dazu gehören will. Die diesen Konsens nicht einhalten, sind die Extremen, oder die Extremisten. Als solche werden Leute identifiziert, die den kulturstiftenden Konsens ablehnen. Gleichzeitig kann man den Extremismusvorwurf aber auch im Kampf gegen den politischen Gegner nutzen, indem man „Politik im moralischen Register“ spielt, d.h., den politischen Gegner dann mit links- resp. rechtsextremistischen Vorwürfen überzieht. Dann wirft man ihm eben vor, nicht gegen die extremistische Version der jeweiligen Seite immun zu sein, denen Eintrittspforten zu öffnen, sodass der (jeweilige) Extremismus „in die Mitte der Gesellschaft“ vordringen kann.

    Konsequenz ist dann allerdings, dass der kulturstiftende Konsens der Gemäßigten damit aufs Spiel gesetzt wird. Ein Gegenmittel gegen diese Gefahr scheint mir zu sein, die wesentlichen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Extremismen herauszustellen.

    Die Konsensus-Konferenz

    Also muss hier zunächst mal ein Begriff des Rechten existieren, dessen extreme Ausprägung man untersucht. Die wird aber nicht expliziert. Stattdessen werden Dimensionen aufgezählt, die man abgeleitet habe. Wie das gemacht wurde, das erkennt man weder in der Studie, noch in der Quelle (Vom Rand zur Mitte, Seite 20), dort wird nur auf die „Konsensuskonferenz“ verwiesen. Die hat nicht nur die Definition „gefunden“, sondern auch die Dimensionen „abgeleitet“. Leider wird nirgends auch nur in einer Fußnote angegeben, wie das geschah oder wo man das genauer nachlesen kann. Vielleicht muss man sich ja eine gesellschaftswissenschaftliche Konsensuskonferenz so ungefähr wie ein Pfingstwunder vorstellen.

    Was mich aber gerade interessieren würde, ist, wie diese Dimensionen – und gerade diese und keine anderen – aus dieser These von den Ungleichwertigkeitsvorstellungen in der spezifisch rechten Ausprägung folgen. Mir ist es etwa nicht intuitiv plausibel, warum Leute, die einen autoritären Staat bevorzugen, von Ungleichwertigkeitsvorstellungen geleitet sein müssen. Schon gar nicht ist mir klar, was daran „rechts“ ist. Einheitsparteien mit hierarchischen Strukturen und starken Staat sehe ich als Sehnsucht eher auf der linken Seite des politischen Spektrums.

    Das geschlossene rechtsextreme Weltbild

    Vielleicht habe ich ja irgendwas übersehen, aber die Studie belegt soweit ich das sehe nicht, dass es Korrelationen zwischen den Dimensionen gibt. Also dass etwa Leute, die einen autoritären Staat wollen, auch antisemitisch und schwulenfeindlich sind und den Nationalsozialismus verharmlosen. Nur dann würde der Begriff des Rechtsextremismus als Zuschreibung für eine Personengruppe ja durch das Modell gestützt werden können. Sonst sieht es ja so aus: Ich sammle mir mal alle Einstellungen, die ich irgendwie aus einem Konsens heraus ablehne, und klebe ihnen allen ein Etikett auf. Und dann summiere ich alle Leute, die eine dieser Einstellungen haben, unter dem Etikett, und wundere mich, dass es so viele sind.

    Tatsächlich scheint die Grafik 13 zum so genannten „geschlossenen rechtsextremen Weltbild“ die sechs Dimensionen irgendwie zusammenführen zu sollen, wobei rätselhaft bleibt, was die Formulierung „Die hier aufgeführten Befragten stimmten im Durchschnitt allen sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellung zu“ bedeuten soll. „Im Durchschnitt allen Dimensionen zustimmen“ – ich glaube, so eine Formulierung hätte mir kein Professor in einer Statistik-Seminararbeit durchgehen lassen. Aber nehmen wir mal an, das bedeutet irgendwie, dass die betreffenden bei wenigsten fünf der sechs Dimensionen die Fragen zustimmend beantworten. Die Dimension „Verharmlosung Nationasozialismus“ hat nur eine Zustimmungsquote von 2,1%, die Dimension „Sozialdarwinismus“ von 3,4% – wie da noch 5,4% „im Durchschnitt allen“ Dimensionen zustimmen können, ist mir mathematisch ein Rätsel.

    Die Schwulenfeindlichkeit

    Irgendwie war die Studie noch nicht dick genug und deshalb musste sie, vielleicht auch, weil sie diesen merkwürdigen Titel von der enthemmten Mitte hat, auch noch was zur Schwulenfeindlichkeit sagen. Klar, irgendwie sind Nazis bestimmt auch Schwulenhasser, und wenn wir schon nur 2,1 % der Befragten der Verharmlosung des Nationalsozialismus überführen können – vielleicht finden wir ja ein paar mehr Leute – vor allem in der „enthemmten Mitte“ – die Schwule hassen.

    Die Sache mit der angeblichen Schwulenfeindlichkeit findet sich in der Studie auf Seite 50f. Da wird dann also gefragt, ob man das „eklig findet“ wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. 40% stimmen dem irgendwie zu. Leider unterscheiden die Autoren hier plötzlich nicht mehr zwischen den fünf Stufen der Zustimmung/ Ablehnung, sodass wir überhaupt nicht wissen, wie stark die Ablehnung wirklich ist. Außerdem wird nicht zum Vergleich gefragt, wie es mit der Aussage aussieht „Ich finde es überhaupt eklig, wenn sich Leute in der Öffentlichkeit küssen.“ Der Aussage „Homosexualität ist unmoralisch“ stimmen ja weit weniger Leute zu (auch hier kennen wir den Grad der Zustimmung nicht). Daraus einen allgemeinen Schwulenhass abzuleiten, ist also fragwürdig. Vielmehr kann es sein, dass ein großer Teil der Deutschen es ablehnt, dass in der Öffentlichkeit geküsst wird.

    Merkwürdig ist auch, dass es eine Verdoppelung der Homosexuellen-Ablehnung innerhalb von zwei Jahren geben soll. Aus irgendeinem Grunde haben die Autoren nämlich Zahlen aus einer anderen Studie, die in 2014 erstellt wurde, und aus einer weiteren Quelle, die noch älter ist, hinzugezogen. Grafisch sieht es nun so aus, als sei die Schwulenfeindlichkeit enorm gestiegen. Die Studie vermerkt lapidar, dass die früheren Zahlen in Telefoninterviews erhoben wurden, während sie selbst Face-to-Face-Interviews gemacht haben. Warum aber sollte das zu einer Verdoppelung der Zustimmung zu anti-homosexuellen Aussagen führen? Wäre nicht eher das Gegenteil zu erwarten? Dazu schweigt die Studie.

    Aber was am Ende hängen bleibt: 40% der Deutschen sind Schwulenhasser. Aber das ist Quatsch, lässt sich jedenfalls mit dieser Studie nicht seriös belegen.

    Wo ist denn nun die „enthemmte Mitte“?

    Was es mit der Mitte auf sich hat, die angeblich hemmungslos geworden ist, bleibt auch nach Ende der Lektüre ein Rätsel. Das Wort „enthemmt“ kommt in der ganzen Studie fünf Mal vor: Auf dem Deckblatt, auf dem zweiten Deckblatt, auf dem dritten Deckblatt, im Inhaltsverzeichnis und auf einem weiteren Deckblatt nach dem Vorwort. Im laufenden Text ist es nicht zu finden – kein Scherz.

    Was lehrt uns das? Wenn eine wissenschaftliche Arbeit damit beginnt, dass sie die „wesentliche Aufgabe“ der Disziplin benennt, zu der sie sich rechnet, sollte man, um die Achtung vor der Wissenschaft nicht zu verlieren, das Werk schnell wieder zuklappen.