Schlagwort: Frieden

  • Rauch steigt vom Dach auf. Nachdenken über ein Friedenslied

    Rauch steigt vom Dach auf. Nachdenken über ein Friedenslied

    Ein Lied aus Kindertagen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war so ein sozialistisches Friedenslied, der Oktoberklub sang es. Ich habe aber eine Fassung gefunden, die zeigt, dass auch andere das Lied nicht vergessen haben.

    Rauch steigt vom Dach auf, das kann heißen, da ist Leben

    Rauch steigt vom Dach auf, kann auch heißen, noch bis eben

    War dieses kleine Haus dort, an dem See und unter Bäumen

    Spielplatz dem Kind und Heimat, ging verloren, Eltern auch.

    Jahre in Frieden können sorglos machen, blenden

    Liegt nicht der Frieden dann in viel zu schwachen Händen

    Weil wir ihn aber brauchen, auch für Städte auf dem Reisbrett

    Müssen wir ihn erhalten, für das ungeborene Kind.

    Ich habe beim Wiederhören bemerkt, dass das Lied noch ein paar weitere Zeilen hat, die aus meiner Erinnerung verschwunden waren, deshalb lasse ich die hier auch weg. Die erste Strophe, das Bild vom kleinen Haus mit dem Rauch darüber, ist wahrscheinlich ein bewusster Verweis auf ein kleines Brecht-Gedicht, das ich ebenfalls aus frühen Tagen in Erinnerung habe:

    Der Rauch

    Das kleine Haus unter Bäumen am See.

    Vom Dach steigt Rauch.

    Fehlte er

    Wie trostlos dann wären

    Haus, Bäume und See

    Das Lied dreht das idyllische Bild bewusst gegen sich selbst, indem es eine andere Ursache und eine andere Wirkung des Rauchs ins Spiel bringt.

    Der Frieden und die schwachen Hände

    Was mich, die sozialistische Fortschrittsrhetorik der letzten Liedzeilen einmal irgnorierend, heute an den Text erinnert, sind die zwei Zeilen, die davon reden, dass ein langer Frieden sorglos machen kann, sodass der Frieden dann ungeschützt wird, weil er in viel zu schwachen Händen liegt. Wenn der Frieden lange dauert, nimmt man ihn für selbstverständlich und man vergisst, was die Bedingungen des Friedens sind. Man wird sorglos und glaubt, diese Bedingungen nicht mehr erhalten zu müssen, weil, so meint man, die friedliche Welt zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

    Das Lied stammt aus der Zeit, in der sich verfeindete Militärbündnisse gegenüberstanden, die zudem jeweils behaupteten, eine bessere, menschlichere Welt zu vertreten, der die Zukunft gehören müsste. Damals lebte ich auf der Seite, die es heute nicht mehr gibt, und ich war sicher, auf der richtigen Seite zu leben, zugleich war ich sicher, dass meine gute Seite von der anderen, der bösen Seite, bedroht würde.

    Zwei ideologische Lager

    Ich halte es heute für plausibel und wahrscheinlich, dass damals tatsächlich auf beiden Seiten die Überzeugung herrschte, dass die je andere Seite die gefährlichere, angriffsbereite ist, und, auch wenn es paradox klingt, könnten beide Seiten Recht gehabt haben, denn sie bevorzugten jeweils den Frieden, wären aber aus Motiven, die sie als moralisch gerechtfertigt angesehen hätten, bereit gewesen, einen Krieg zu führen, um ihr jeweiliges Gesellschaftsmodell auf die ganze Erde auszudehnen.

    Da wäre auf der einen Seite das „sozialistische Lager“ mit der Ideologie, die Zukunft der Menschheit, eine gerechte Welt ohne Ausbeutung und mit allmählich wachsendem Wohlstand für alle zu verkörpern. Ob jeder einzelne kommunistische Diktator und alle Vertreter der Macht in diesen Ländern zu jeder Zeit an diese Ideologie geglaubt haben, kann dahingestellt bleiben. Konsequenz dieses Glaubens war jedenfalls die sozialistische und die kommunistische Weltrevolution und dass für deren Durchsetzung, wenn ihre Zeit gekommen wäre, auch Waffengewalt nötig wäre, war selbstverständlich.

    Auf der anderen Seite die, die sich selbst als „freie Welt“ bezeichnete, die im Sozialismus die Diktatur, die Unterdrückung der Völker durch kommunistische Kaderparteien unter Kontrolle der sowjetischen, insbesondere der russischen Machthaber sahen. Dass die Regierungen und Bündnisse dieser freien Welt ihren Machtbereich vergrößern wollen würden und ihr Gesellschaftsmodell auf möglichst viele Erdteile ausbreiten wollen würden, ist durch die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hinreichend belegt und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich der Charakter dieser Staaten seit Mitte des 20. Jahrhunderts geändert hatte.

    Was in dieser Zeit einen großen Krieg zwischen diesen Lagern eben wirklich verhindert hat, war die Einschätzung auf beiden Seiten, dass ein Krieg gegen die andere ein unkalkulierbares Risiko wäre. Das Gleichgewicht des Schreckens war für beide Seiten abschreckend genug, das galt bis Mitte der 1980er Jahre. Aus dieser Zeit stammt allerdings das Lied, das vor der Sorglosigkeit warnt und beteuert, dass die lange Friedenszeit die Gefahr des Krieges bei mangelnder Verteidigungsbereitschaft vergrößern könnte. Die Leute sahen die hochgerüsteten Armeen auf beiden Seiten, glaubten aber, dass die nicht mehr nötig wären, weil doch der Frieden so selbstverständlich geworden war. Das Lied hätte wohl auf beiden Seiten des „eisernen Vorhangs“ gesungen werden können.

    Dann brach das sozialistische System unter der Last der Abschreckungskosten, vor allem aber unter der eigenen Misswirtschaft zusammen. Es folgte ein kurze Phase, in der zumindest in Europa die Vorstellung verbreitet war, mit solchen Konstellationen sei es nun endgültig vorbei, es gäbe keine großen Blöcke mehr, die sich gegenseitig von Expansionsbestrebungen durch Drohungen mit Waffen abhalten müssten.

    Und heute?

    Jetzt finden wir uns in einer Welt wieder, in der es tatsächlich nicht zwei Blöcke sind, die sich einander gegenüberstehen. Man hat das Gefühl, dass Machtzentren sich gerade neu herausbilden und ihre Angriffslust oder Aggressionsbereitschaft erst noch entwickeln. Grob lassen sich derzeit vielleicht vier solcher Gebilde ausmachen: Russland einschließlich seiner Verbündeten, die USA, China und Europa westlich des russischen Bündnisses, dessen Grenzen derzeit nicht klar definiert sind, weil etwa die Zugehörigkeit Ungarns oder der Slowakei und Serbiens unklar ist.

    Ich beobachte an mir selbst, dass ich erneut meine, in dem Gebilde zu leben, dass von sich aus am wenigsten imperiale Bestrebungen hat, das sich vielmehr verteidigen muss gegen andere, gegen alte und vielleicht auch gegen neue Feinde, die gerade noch Verbündete waren. Das ist bedenklich, kann aber dahingestellt bleiben, weil man natürlich auch dem „westlichen Europa“ den Wunsch nach Ausdehnung unterstellen kann, sich dadurch aber an der Frage, was zu tun ist, nichts ändert. Wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint zu gelten: der Frieden darf nicht in schwachen Händen liegen. Auch das westliche Europa muss sich dazu befähigen, möglichen Angreifern klarzumachen, dass jeder Angriff ein zu hohes Risiko für den Angreifer selbst darstellt.

    Die letzten Wochen zeigen, dass man sich dazu keineswegs auf die Kraft des starken Partners USA verlassen kann. Sie wird selbst zum möglichen Gegner und was die Verteidigung der kleinen Bündnispartner am östlichen Rand des „westlichen Europas“ betrifft, sollte man am besten gar nicht mehr auf sie zählen. Das bedeutet, Europa muss noch viel schneller und konsequenter die notwendigen Strukturen aufbauen, die jeder anderen Macht auf der Welt vor Augen führt: jeder Angriff wäre ein zu großes Risiko für sie selbst.

    Friedensbewegung setzt das Gleichgewicht des Schreckens voraus

    Das Problem ist heute wie damals, dass der Aufruf „Dann lasst uns doch einfach alle friedlich sein“ im wahrsten Sinn des Wortes hilflos ist, da er die Ohren und die Sinne der Mächtigen nun einmal nicht erreicht, auch nicht, wenn er von Tausenden auf Demonstrationen gerufen würde. Friedensbewegungen sind überhaupt nur dann sinnvoll, wenn das Gleichgewicht des Schreckens einmal etabliert ist. Sie helfen dann dabei, dass die Mächtigen nicht über das notwendige Maß der Abschreckung hinausgehen. Das „westliche Europa“ ist aber längst nicht in dieser Situation. Es mag, gemessen an der Zahl der Waffen, Russland überlegen sein, aber vermutlich längst nicht gemessen an der realen Kampfkraft der Truppen und der Effektivität militärischer Operationen. Von einem ausreichenden Gegengewicht zur USA ist dieses Europa weit entfernt und wenn, was denkbar ist von den genannten großen Machtzentren sich zwei zusammentun würden, dann ist es quasi machtlos.

    Sicher darf und sollte der Pazifismus, die Friedensbewegung auch heute nicht verschwinden, sie muss am Leben bleiben für eine Zeit, in der auch das Bündnis des westlichen Europas so stark geworden ist, dass es gezähmt werden muss. Solange das aber in ferner Zukunft liegt, muss die pazifistische Stimme schweigen.

  • Die NATO: Würdiger Friedenspreisträger

    Die NATO: Würdiger Friedenspreisträger

    Der Westfälische Friedenspreis wird im kommenden Jahr an die NATO vergeben, das hat die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe in der vergangenen Woche mitgeteilt. Selbstverständlich hat diese Entscheidung sofort die erwartbaren Reflexe ausgelöst. Mit Blick auf die Jury-Mitglieder, zu denen drei CDU-Politiker, zwei prominente Genossen von der SPD sowie der Prinz von Preußen gehören, könnte man auch sagen: klar, da war nichts anderes zu erwarten. Und auch in der Liste der bisherigen Preisträger fällt die NATO nicht besonders auf.

    Diskussion anregen?

    Man wolle zur Diskussion anregen mit dieser Entscheidung, so verlautete es von Seiten der WWL. Die Frage ist, ob das überhaupt gelingen kann, ob es, über die wenig überraschenden Kommentare der Zustimmung und der Ablehnung hinaus, überhaupt zu einer ernsthaften Diskussion kommen kann. Was wäre denn zu diskutieren? Über die Frage, wer den Frieden schützt und wer ihn gefährdet, ist die Öffentlichkeit heillos zerstritten, da wird es anlässlich dieser Preisverleihung kaum zu einem konstruktiven Austausch kommen.

    Dennoch wäre es natürlich gut, wenn eine solche Diskussion in Gang käme. Ein erster Schritt dazu könnte sein, nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf die Zeit zu schauen, in der die NATO entstand und in der sie sich zu dem entwickelt hat, was sie heute ist.

    NATO: Frieden im Innern

    Die erste große Friedensleistung der NATO ist es, Länder in einem Bündnis zusammengebracht zu haben, die über viele Jahrzehnte verfeindet waren und die immer wieder Krieg gegeneinander geführt haben. Da sind natürlich zuerst Frankreich und Deutschland zu nennen. Was heute kaum noch vorstellbar ist, dass diese beiden Länder gegeneinander in den Krieg ziehen, ist letztlich vor allem dadurch möglich geworden, dass sie in der NATO zu Bündnispartnern geworden sind.

    Jahrzehntelang hat es in Europa quasi keinen Krieg gegeben, weil sich hier zwei Militärbündnisse gegenüberstanden, die zum einen je dafür gesorgt haben, dass die jeweiligen Bündnispartner miteinander keine Kriege angefangen haben, und die zum anderen gegen das je andere Bündnis eine Macht verkörpert haben, die der andere nicht angreifen mochte. Es war eigentlich eine paradoxe Situation: beide Seiten haben sich je selbst als Verteidigungsbund gesehen und den anderen als potentiellen Angreifer. Ob tatsächlich einer den anderen überfallen hätte, wenn der nur schwach genug erschienen wäre, bleibt Spekulation, ist aber schwer vorstellbar.

    Nach dem Ende der Blockkonfrontation blieb nur eines der beiden Bündnisse übrig, auf Seiten der osteuropäischen Länder gab es offenbar keinerlei Interesse, die militärische Kooperation mit dem „großen Bruder“ im Osten nur einen Tag länger als nötig fortzusetzen. Es wird eigentlich im Westen viel zu wenig darüber nachgedacht, dass kein einziges der Mitglieder des Warschauer Paktes Anstalten gemacht hat, das militärische Bündnis mit der Sowjetunion resp. Russland fortzusetzen. Wohl aber gab es den Wunsch, dem Bündnis der ehemaligen Feinde beizutreten.

    Nach dem Ende der Blockkonfrontation

    Es gab die Idee, mit dem Warschauer Vertrag auch die NATO aufzulösen. Das aber wäre vermutlich schon deshalb keine gute Idee gewesen, weil es die alten Zwistigkeiten zwischen den Mitgliedern wieder aufleben hätte lassen können. Auch wenn kaum jemand darüber spricht: Wenn Deutschland, Frankreich, Spanien, das Vereinigte Königreich und Italien nicht in einem militärischen Bündnis vereint wären, wüchse die Gefahr, dass alte nationale Zwistigkeiten und Aversionen wieder eskalieren könnten. Ein militärisches Bündnis, das möglichst alle europäischen Nationen und Armeen zusammenführt, ist eben der beste Garant dafür, dass diese nicht gegeneinander in den Krieg ziehen. Schaut man sich an, wo es in Europa in den letzten Jahrzehnten zum Krieg gekommen ist, bestätigt sich diese These.

    Nun kann man fragen, ob man dann nicht auch Russland hätte in die NATO aufnehmen müssen. Allerdings ist die Frage sehr akademisch. Spätestens mit der Präsidentschaft Putins hat Russland nie ernsthaft den Eindruck gemacht, einen solchen Verzicht auf militärische Souveränität tatsächlich in Kauf nehmen zu wollen. Und es gehört zu den großen Mysterien des späten 20. und des jungen 21. Jahrhunderts, dass kaum ein Land in Europa eine allzugroße Nähe zu Putins Russland anstrebt – und wenn doch, dann wird dieses Land zumeist von einem autoritären oder diktatorischen Präsidenten regiert.

    Wer sollte Friedenspreise erhalten?

    Man könnte nun natürlich sagen, dass Friedenspreise doch an Leute oder Organisationen gehen sollten, die in der Öffentlichkeit für Friedlichkeit und Freundschaftlichkeit auf allen Seiten werben, die mahnen und die nicht müde werden, Aufrüstung und Kriegsübungen anzuprangern, die immer wieder auf die Millionen Menschen verweisen, die in vergangenen Kriegen getötet und verstümmelt wurden, die die Grausamkeit eines jeden Kriegs ins öffentliche Bewusstsein bringen. Man kann allerdings auch fragen, ob diese Menschen mit ihrer aufopferungsvollen Arbeit je auch nur einen Krieg verhindert, auch nur die Zahl der Opfer in irgendeinem Krieg reduziert haben.

    Es zeigt sich jedenfalls, dass die NATO offenbar ein Bündnis ist, dem seit seiner Gründung zweierlei gelingt: Erstens, weitgehend Frieden im Inneren, unter den Mitgliedern, zu bewahren. Und zweitens, dafür zu sorgen, dass es nicht zum Krieg zwischen der NATO oder ihren Mitgliedern und anderen Ländern kommt. Das ist angesichts der Geschichte Europas, eine enorme Friedensleistung, die tatsächlich preiswürdig ist.

  • Putins Tod …

    Putins Tod …

    Oft liest man in diesen Tagen, Putin unterdrückt sein Volk, nimmt die Russen in Geiselhaft. Einige versteigen sich gar zu Stauffenberg-Fantasien (zur Gedächtnisauffrischung: diese Sache ging gründlich schief). Was alle diese Beiträge eint, ist die Vorstellung, dass das Böse sich in 1 Mann konzentriert. Wäre der über Nacht nicht mehr da, würde das Gute wieder Einzug halten in Russland … klingt schön; ich bitte jedoch bereits an dieser frühen Stelle des Textes um Pardon, denn ich habe da so meine Zweifel.

    Dass Putin ein Schurke ist – darüber brauchen wir nicht groß zu diskutieren. Er hat innen- u außenpolitisch mittlerweile derart viel Dreck am Stecken, dass es – ohne Wartezeit – direkt für einen Platz im 5-ten Untergeschoss der Hölle reicht, wo die besonders bösen Buben aufbewahrt und hin u wieder von Lord Satan persönlich gegrillt werden. Die Liga von Hitler & Stalin hat er zwar noch nicht erreicht, aber er arbeitet dran.

    Abends im Kreml: Koks & Nutten

    Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Putin verbringt im Kreis seiner engsten Getreuen einen feuchtfröhlichen Wodkaabend. Zwischendurch werden Kaviar & Koks serviert, ab 22 Uhr gesellen sich ein paar Edelnutten dazu, eine blutjunge Eiskunstläuferin steigt auf den 20m langen Tisch und legt einen atemberaubenden Strip hin, die Männer stecken ihr 100-Dollarscheine zu (mit Rubel kriegt man leider keine Stripperin mehr auf den Tisch), um Mitternacht werden patriotische Lieder angestimmt, die lautstark in der Nationalhymne gipfeln. Gegen 2 Uhr verlässt Putin bestens gelaunt und mittelschwer angeheitert die illustre Runde, um sich noch ein paar Stunden aufs Ohr zu legen, bevor er morgen Früh wieder den zu allem entschlossenen Oberbefehlshaber der in der Ukraine tapfer kämpfenden Truppen gibt. Und es stehen wichtige Telefonate mit seinen Kumpels Bolsonaro, Trump u Erdogan auf dem Programm … jetzt können wir Wladimir Wladimirowitsch Putin entweder eine der vielen Treppen im Kreml runterstürzen (Genickbruch o irgendwas mit Schädelbasis) o ihn an einem drogeninduzierten Schlaganfall in seinem Bett sterben lassen … Tyrann tot – alles wird wieder gut?

    Die schwierige Frage der Nachfolgeregelung

    Die Getreuen scharen sich um den Leichnam. Es werden ein paar Krokodilstränen vergossen: „Er wird uns und dem Volk fehlen. Was für ein furchtbarer Verlust für Russland.“ Im Anschluss wird überlegt, welcher der beste Zeitpunkt für die Publikmachung der Todesnachricht ist, ob man es überhaupt publik machen soll, ob jemand jemanden kennt, der als Double einspringen könnte. Man beschließt, die Sache 48 Stunden lang geheim zu halten, um sich neu zu sortieren und lässt den Arzt, der den Tod diagnostiziert hat, vorsichtshalber inhaftieren, damit der nichts vorschnell ausplaudert. Dann gehen alle nach Hause, schlafen nochmal ne Runde – denn der gestrige Abend mit Wodka, Koks & Edelnutten zehrt noch an den Kräften der (zumeist) älteren Herren – und verabreden sich für den späten Nachmittag, um die Nachfolge zu regeln. Wobei allen klar ist – und sie betonen es deshalb mehrmals, während sie um den Leichnam herumstehen -, dass man einen großen Anführer wie Putin eigentlich überhaupt nicht ersetzen kann.

    Von der zweiten Amtshandlung hängt alles ab

    Wir überspringen ein paar Tage (sonst wird der Text für ne Kolumne zu lang). Nach 72 Stunden, die von intensiven Diskussionen, Grüppchenbildung u VIELEN Versprechen geprägt sind, einigen sich die Paladine auf XY (hier können Sie nun entweder die Namen Lawrow, Mischustin, Kolokolzew, Medwedew, Bortnikow o Surkow, o wen auch immer Sie für geeignet halten, einsetzen) als Nachfolger. Dessen erste Amtshandlung besteht darin, eine GIGANTISCHE Beerdingungsfeierlichkeit für Wladimir Wladimirowitsch Putin zu organisieren, zu der Delegationen aus dem gesamten Land eingeladen sind und den Auftrag für ein überlebensgroßes Reiterdenkmal – zu klären ist noch, ob Putin bekleidet o mit nacktem Oberkörper im Sattel gezeigt wird – an einen patriotischen Künstler zu vergeben … der Tyrann ist beerdigt, das Volk trauert, ein Nachfolger ist nach zähem internen Ringen gefunden, und der wird nun als zweite wichtige Amtshandlung was tun?

    (A) Den Ukraine-Krieg sofort beenden?
    (B) ihn mit gebremstem Schaum erst mal weiterlaufen lassen?
    (C) sich mit den wichtigsten Feudalherren (pardon: Oligarchen) des Landes treffen, um in Erfahrung zu bringen, was man als Kremlchef so alles noch nebenbei verdienen kann. Jedes Jahr 4 Wochen Gratis-Sommerferien in Putins Residenz auf der Krim wären schon mal ein prima Start ins neue Amt.

    Der friedenssehnsüchtige Westen geht natürlich felsenfest von (A) aus. Gemäß der Gedankenkette: Tyrann tot, DAS Böse besiegt, Volk aus Geiselhaft befreit, Russland wird jetzt Anträge auf EU- u NATO-Mitgliedschaft stellen u.v.a. Atomraketen zu Bausparverträgen. (C) ist egal, weil’s ne interne russische Angelegenheit ist, wer wann und wie lange Urlaub in Putins Sommerresidenz macht. EWIGER Friede wird einziehen in Europa und wir können uns endlich wieder den wichtigen Dingen widmen: Windkrafträder in jeden Vorgarten u korrektes Gendern in Facebook. Okay, da schwelt noch hinten links im Balkan der Konflikt zwischen Serbien u Bosnien. Aber der ist Kleinkram und kann auf Ministerialdirigenten-Ebene erledigt werden.

    Friedenssehnsucht kollidiert mit Realität

    Ich (alter weißer cis-Mann) tippe allerdings eher auf B. (C. ist mir ebenfalls egal). Vielleicht würde der Nachfolger, um nicht von Beginn an in den Geruch eines Weicheis zu kommen, der sich vom Westen auf der Nase rumtanzen lässt, den Krieg mit der Ukraine sogar noch brutaler führen. Die Rückholung ins Reich als zweite (zur Erinnerung: die erste war die Organisation der 7-tägigen Beerdigungsfeier) große Tat von XY (hier bitte den passenden Namen einfügen).

    DENN (das ist ein wichtiges Denn) die Idee der Renaissance von Großrussland war (in unserer kleinen Geschichte ist er seit ein paar Tagen tot; deshalb Vergangenheitsform) ja nicht nur auf den 1 Bösen beschränkt. Seine gesamte Entourage, aus der selbstverständlich auch XY entstammt, sieht es ebenfalls so. Weite Teile des Volkes sehen es so. Der 1 Böse fällt ja nicht plötzlich vom Himmel (bzw. entsteigt eines Nachts einer schwefligen Erdspalte), sondern hat ne längere Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte lautet immer: eine einflussreiche & wohlhabende Clique unterstützt ihn auf seinem Weg an die Macht – hält ihn dort und wird im Gegenzug mit Firmenübereignungen, Ländereien, Steuergeschenken, Ausschaltung von Wettbewerbern und Fußballclubs belohnt – und mit seiner Demagogie trifft er einen empfindlichen Nerv des Volkes. Möchte nicht wissen, wie viele Normalo-Russen (k.A., ob es da überhaupt noch Bürger im westlichen Sinn des Begriffs gibt) die Idee von einem GROßEN Russland ganz hervorragend finden. Es werden zwar nicht alle, aber doch VIELE sein. Bei den in der jüngeren Vergangenheit praktizierten Auseinandersetzungen (Tschetschenien, Georgien, Krim) schoßen Putins Zustimmungswerte während und im Anschluss steil nach oben (wobei Umfragen in einer gelenkten Demokratie natürlich mit einer gewissen Portion Vorsicht zu betrachten sind). Festzuhalten bleibt jedoch an dieser Stelle: In einer durchgängig friedensbewegten Nation kann 1 Böser nicht an die Macht gelangen und sich dort über 20 Jahre lang halten.

    Lange Geschichte (bis hierhin sind schon 75% der Leser ausgestiegen, meldet mir eben Facebook), kurzer Sinn: Es ist naiv, daran zu glauben, dass ein bloßes Austauschen der Personen an der grundlegenden Problematik (und das ist der russische Super-Nationalismus) irgendwas ändert. Ein Nachfolger würde es eventuell ein bisschen anders machen als der aktuelle 1 Böse; aber auch er wird an dem Narrativ des von EU & NATO bedrohten Russlands festhalten. Weil’s halt ein schönes Narrativ ist, um die eigenen Expansionspläne (die im Westen vermutlich bis zur Oder reichen) zu verschleiern.

    Und jetzt können wir alle wieder wahlweise Teelichter ins Fenster stellen, unsere Profilbilder mit Ukraine-Flaggen verzieren und den Sonntagsreden unserer Politiker lauschen.