Schlagwort: Identität

  • Pluribus und …

    Pluribus und …

    Einführung und Ausgangssituation der Pluribus Serie

    Die Science-Fiction-Serie Pluribus (dt. Untertitel: Glück ist ansteckend) beginnt mit einer der radikalsten Ausgangssituationen, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat: Ein rätselhaftes außerirdisches RNA-Signal breitet sich rasend schnell über den Globus aus und verändert die gesamte Menschheit. Fast alle Erdbewohner schließen sich einem kollektiven Bewusstsein an – einer gemeinsamen Intelligenz, die sich selbst „die Others“ nennt. Die Welt wird dadurch überraschend ruhig: Konflikte verschwinden, Gewalt endet, und die globale Gesellschaft scheint plötzlich in perfekter Harmonie zu existieren.

    Eine kleine Gruppe von dreizehn Personen bleibt jedoch immun gegen dieses Ereignis. Zu ihnen gehört die Schriftstellerin Carol Sturka (Rhea Seehorn), die zurückgezogen in den Rocky Mountains lebt. Carol ist eine erfolgreiche Autorin von Fantasyromanen, aber zugleich ein ausgesprochen eigenwilliger Charakter. Als der Rest des Planeten Teil eines einzigen Bewusstseins geworden ist, besteht sie hartnäckig darauf, ihre Individualität zu behalten.

    Die erste Staffel verfolgt vor allem Carols Perspektive auf die neue Realität. Während die „Others“ versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten, bewegt sie sich zumeist schlechtgelaunt in einem Umfeld, das ihr gleichzeitig vertraut und völlig fremd geworden ist. Regierungen, Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren weiterhin, aber nun koordiniert durch 1 Weltgeist. Konflikte werden nicht mehr konfrontativ ausgetragen, sondern auf eine fast unheimlich harmonische Weise gelöst.

    Ein zentraler Bestandteil der Handlung ist die Begegnung zwischen Carol und einer jungen Frau namens Zosia (Karolina Wydra). Sie gehört zum kollektiven Bewusstsein, scheint aber eine besondere Rolle zu spielen. Durch ihre Gespräche wird deutlich, dass die Others Carol nicht zwingen wollen, sich ihnen anzuschließen – sie analysieren fürs Erste bloß, warum jemand die (misanthrope) Individualität dem globalen Glück vorzieht.
    +++

    * Pluribus (lat.) = „von vielen“ oder „aus vielen“ … zu finden u.a. auf US-amerikanischen Münzen: E pluribus unum (iSv. und aus vielen/13 Kolonien wird 1 = die Vereinigten Staaten von Amerika = sog. Great Seal of the United States).
    +++

    Was bedeutet eigentlich „Hive Mind“?

    Der Begriff Hive Mind (Schwarmbewusstsein) stammt ursprünglich aus der Beobachtung sozialer Insekten wie Bienen oder Ameisen. Ein Bienenstock funktioniert gewissermaßen wie ein einzelner Organismus: Viele Individuen handeln koordiniert und erfüllen unterschiedliche Aufgaben, während das Überleben des gesamten Schwarms im Mittelpunkt steht.

    In der Science Fiction bezeichnet ein Hive Mind eine Intelligenz, bei der viele Individuen ihre Gedanken oder Wahrnehmungen teilen und dadurch wie Teile eines gemeinsamen Geistes funktionieren. Die einzelnen Körper bleiben zwar bestehen, doch Entscheidungen werden kollektiv getroffen oder von einer interagierenden  Instanz gesteuert.

    Manche Geschichten zeigen ein streng hierarchisches Hive Mind mit einer zentralen „Königin“. Andere stellen sich ein Netzwerk vor, in dem alle Mitglieder gleichberechtigt miteinander verbunden sind. In beiden Fällen steht die gleiche Frage im Raum: Was passiert mit der Individualität, wenn viele Psychen zu einer einzigen verschmelzen?

    Literarische Wurzeln der Idee

    Mit dieser Prämisse knüpft Pluribus an eine lange Tradition von Science-Fiction-Erzählungen über kollektive Intelligenzen an.

    Ein frühes und berühmtes Beispiel ist der Roman „Childhood’s End“ von Arthur C. Clarke. Dort entwickelt sich die Menschheit am Ende zu einem gemeinsamen Bewusstsein und verschmilzt mit einer kosmischen Intelligenz, dem Overmind. Individualität erscheint dabei als eine Übergangsphase der Evolution.

    Eine ganz andere Variante zeigt „Ender’s Game“ von Orson Scott Card. Die außerirdischen Gegner der Menschheit sind hier ein klassisches Hive Mind, das von einer telepathischen Königin gesteuert wird.

    In beiden Fällen erscheint das kollektive Bewusstsein als etwas grundlegend Fremdes – entweder als transzendente Evolution oder als bedrohlicher Schwarm.

    Hive Minds in Film und Fernsehen

    In Film und Fernsehen wird das Motiv meist dystopisch dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist das Kollektiv der Borg aus der Serie Star Trek: The Next Generation, das Individuen assimiliert und in eine gemeinsame Intelligenz integriert.

    Ein anderer Ansatz findet sich im Film Avatar von James Cameron. Auf dem Planeten Pandora sind Pflanzen, Tiere und Bewohner über ein biologisches Netzwerk miteinander verbunden. Dieses planetare System bildet eine Art übergeordnetes Bewusstsein.

    Die Handlungen schwanken typischerweise zwischen zwei Extremen: dem bedrohlichen Verlust der Individualität und der utopischen Verschmelzung mit einer höheren Intelligenz.

    Frühe Variationen im Comic

    Auch klassische europäische Science-Fiction-Comics haben mit dem Hive Mind experimentiert. In der Serie Valérian und Veronique von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières begegnen die Helden regelmäßig fremden Zivilisationen mit ungewöhnlichen Formen kollektiver Intelligenz.

    Ähnliche Gedanken finden sich in der belgischen Serie Luc Orient von Eddy Paape. Dort werden außerirdische Gesellschaften häufig als stark kollektiv organisiert beschrieben, in denen individuelle Interessen hinter dem Wohl der Gemeinschaft zurücktreten.

    In diesen Comics dient das Motiv meist dazu, fremdartige Gesellschaftsformen zu erkunden – weniger als direkte Vision der Zukunft der Menschheit.

    Was Pluribus anders macht.

    Die eigentliche Originalität von Pluribus liegt darin, dass das kollektive Bewusstsein hier nicht als Bedrohung erscheint. Die Others sind friedlich, rational und offensichtlich daran interessiert, die Welt stabil zu halten.

    Die Serie zwingt das Publikum, eine unbequeme Frage zu stellen: Vielleicht hat das kollektive Bewusstsein tatsächlich recht.

    Damit wird aus einer klassischen Science-Fiction-Idee ein philosophisches Experiment über Individualität, Freiheit und die mögliche Zukunft der menschlichen Spezies.

    Was Pluribus neu macht

    Pluribus verschiebt den Fokus. Statt einer fernen Aliengesellschaft ist die gesamte Menschheit selbst zum Hive Mind geworden.

    Besonders interessant ist, dass das kollektive Bewusstsein nicht brutal oder feindselig erscheint. Die „Others“ sind freundlich, kooperativ und wollen Konflikte vermeiden. Genau das macht die Situation für Carol so beunruhigend: Das Kollektiv scheint moralisch überlegen, aber es löscht die Individualität aus.

    Die Serie entwickelt daraus eine sehr persönliche Geschichte. Die Figur Zosia – ein Mitglied des Hive Minds – dient als emotionaler Vermittler zwischen Carol und der kollektiven Intelligenz. Dadurch wird das philosophische Problem konkret:

    Ist eine Welt ohne Einsamkeit, aber auch ohne individuelle Freiheit, tatsächlich eine Verbesserung?

    Die kreativen Köpfe hinter der Serie

    Hinter Pluribus steht mit Vince Gilligan ein Showrunner, der sich längst als einer der prägendsten Serienschöpfer der Gegenwart etabliert hat. Gilligan fungiert nicht nur als Creator der Story, sondern ist auch an den Drehbüchern beteiligt und führt bei mehreren Episoden selbst Regie. Zum Autorenteam gehören unter anderem Gordon Smith, Alison Tatlock und Jenn Carroll, die gemeinsam die Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftsdrama und philosophischem Gedankenspiel ausgestalten.

    Dass Carol ausgerechnet in Albuquerque lebt, dürfte für Gilligan-Kenner ein bewusst gesetztes Detail sein. Die Stadt war bereits der ikonische Schauplatz von Breaking Bad und Better Call Saul – und wirkt hier wie ein augenzwinkerndes Meta-Gimmick: kein inhaltliches Crossover, sondern eine kleine Reminiszenz an jene Serienwelt, mit der Gilligan Fernsehgeschichte geschrieben hat.

    Fazit

    Pluribus steht in einer langen Tradition von Science-Fiction-Werken über kollektive Intelligenzen – von frühen literarischen Visionen über filmische Dystopien bis hin zu experimentellen Comics.

    Die Serie verschiebt jedoch den Fokus: Das Hive Mind ist hier nicht primär Monster oder Bedrohung, sondern eine mögliche nächste Stufe der menschlichen Entwicklung.

    Gerade darin liegt ihre Stärke. Pluribus erzählt keine klassische Invasionsgeschichte, sondern eine überraschend persönliche und philosophische Science-Fiction-Erzählung über die Frage, was Individualität eigentlich bedeutet.
    +++

    Bewertung: 8 Punkte

    Stärken:
    – Originelle Variation des Hive-Mind-Motivs: Anders als bei klassischen Beispielen wie den Borg aus Star Trek: The Next Generation oder den Formics aus Ender’s Game ist das kollektive Bewusstsein hier nicht aggressiv, sondern freundlich und fast utopisch.
    – Philosophische Frage: Die Serie stellt ernsthaft zur Diskussion, ob Individualität wirklich ein Wert ist. Das erinnert an Ideen aus Childhood’s End.
    – Starke Figurenkonstellation: Die Beziehung zwischen Carol und Zosia gibt der abstrakten Idee eine emotionale Dimension.

    Schwächen:
    – Langsames Tempo: Einige Episoden wirken eher wie philosophische Dialoge als klassische Science-Fiction-Action.
    – Begrenzte Perspektive: Man sieht die globale Transformation hauptsächlich durch sehr wenige Figuren.

    Auf: Apple tv

    Staffel 2 ist bereits bestätigt und in Vorbereitung. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Ende 2027/Anfang 2028.
    +++

    Lesen Sie auch: Das große Gähnen

    Selten wurde eine an und für sich spannende Geschichte derart langweilig in Szene gesetzt wie Schätzings „Der Schwarm“ in der gleichnamigen ZDF-Miniserie, sagt Kolumnist Henning Hirsch. (Kolumne vom 10. Mär 2023)

  • Fluide Geschlechterrollen und Identitäts-Gaga

    Fluide Geschlechterrollen und Identitäts-Gaga

    Wir brauchen nen neuen Text von dir, schickt mir der Chefredakteur ne WhatsApp.
    Was für nen neuen Text, ich hab erst vorgestern nen Text eingereicht, schreibe ich zurück.
    Der war langweilig.
    WAS: LANGWEILIG?
    Ja, langweilig.
    Okay, dann war der eben langweilig. Wurde auch nur auf Seite 17 abgedruckt.
    Was ist nun mit deinem neuen Text?
    Bis wann braucht ihr den?
    Heute Abend.
    HEUTE ABEND?
    Ja!!
    Dieses Mal auf Seite 1 platziert?
    Wie immer: Seite 17. Seite 1 ist für die seriösen Sachen.
    Die Sachen, die Heinrich schreibt?
    Zum Beispiel die Sachen, die Heinrich schreibt.
    Und ich muss immer auf die 17?
    Was hast du gegen die 17? Ist ne Zahl wie jede andere auch.
    Die 1 ist besser.
    Du kommst NICHT auf die 1! Verstanden?
    Okay, ich hab’s verstanden.
    Dann setz dich jetzt hin und fang an zu schreiben. Bei deinem lahmen Tempo wird das sonst nichts mehr mit heute Abend. Und bitte nicht so langweilig wie beim letzten Mal. Bring ruhig mehr Titten und Schwänze rein. Davon hast du doch Ahnung. Aber immer dran denken: unsere Abonnenten*innen wollen NICHTS OBSZÖNES lesen.
    Ich überleg mir was.

    Fluide Schwänze & Titten

    Ich lieg derweil im Fittie auf der Hantelbank, starre auf ein paar wohlgeformte Ärsche (m/w/d) und überlege, wie ich den Anfang dieser gottverdammten Kolumne, in die ich nicht-obszöne Titten und Schwänze einbauen soll, formuliere. Da stolpere ich zufällig in meinem Tablet, das ich immer ins Fittie mitschleppe, über einen Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, in dem ich folgenden Satz entdecke: „Junge Leute sind nun und damals in fluiden Geschlechterzuschreibungen unterwegs“, und ich denke: danke, du wunderbarer Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, denn jetzt weiß ich, woran ich die Sache – die mal wieder auf Seite 17 abgedruckt werden wird – aufziehe: fluide Geschlechterzuschreibungen – eine sprachlich herausragende Begrifflichkeit. Der Quecksilber-T-1000 aus Terminator 2 poppt vor meinem geistigen Auge auf und wird dort abgelöst von einer Flaschengeistin, die mir jeden sexuellen Wunsch erfüllt, bevor sie sich in einen Flaschengeist verwandelt, der nun meiner 85-jährigen Nachbarin deren sexuelle Wünsche von den welken Lippen abliest. Fluid, alles fließt, löst sich auf, setzt sich wieder neu zusammen. Aus Schwänzen werden Titten, aus den Titten formen sich Schwänze, die wiederum zu wohlproportionierten Ärschen (m/w/d) im Fittie mutieren. Herrlich! Gut gelaunt wuchte ich noch ein paar Hanteln in die Höhe und gehe dann nach Hause, um mich an die neue Kolumne zu setzen.

    Gute alte Zeit mit 2 Identitäten zzgl. ein paar Sonderfälle

    Als ich das grelle Licht im Kreißsaal einer Bonner Geburtsklinik erblickte – das war 1962, dem Jahr, in dem Christa Speck Playmate of the Year des Playboys wurde –, gab’s exakt 2 Geschlechter: Frauen und Männer. Okay, Zwitter gab’s auch, aber das waren echt wenige, und kaum jemand kannte einen von denen persönlich. Mein Vater nannte die Hermaphroditen. Keine Ahnung, weshalb er das tat. Wahrscheinlich, weil es sich intellektueller als Zwitter anhört. Aber persönlich kannte der auch keinen Hermaphroditen. Falls doch, dann hat er uns zu Hause nichts davon erzählt. Ich wuchs also in den 60er- und 70er-Jahren wohlbehütet in einer 2-Geschlechter-Umgebung – mit gelegentlicher Erwähnung von Zwittern, die jedoch keiner persönlich kannte – auf. Alles klar strukturiert: Jungs spielten Fußball und wollten Astronaut werden, die Mädchen spielten mit Puppen (Anfang der 70er hießen die Barbie und Ken) und träumten davon, Karriere in Hollywood, oder zumindest bei der Bavaria-Film zu machen. Kann man als Angehöriger der Generation Z (oder X oder Y) Scheiße finden, uns hat’s damals aber trotzdem gefallen. Keiner von uns wurde übrigens Astronaut oder Hollywoodstarlet, sondern wir arbeiten in stinklangweiligen Berufen wie Marktforscher, Insolvenzanwalt, Personalberater, Zahnärztin und PR-Expertin oder gar als Kolumnist*in; aber auch das ist okay.

    High Heels und Transen

    Anfang der 80-er lernte ich in einer Disco meine erste Transe kennen. Also ne Transe, die operativ schon was hatte an sich machen lassen. Es gab ja noch die Transen, die bloß Frauenkleider trugen, aber wenn sie die auszogen, klar und deutlich als Männer erkennbar blieben. Wir bezeichneten beide Varianten als Transen, was heutzutage politisch höchst unkorrekt ist, aber damals keinen interessierte. Die zweitgenannte Variante, also diejenigen, die abends gerne Frauenkleider trugen, fand man entweder in Varieté-Shows (da waren sie aus der Sicht des Bürgertums okay) oder etwas abseits gelegen am Rande des Straßenstrichs, wo sie Familienvätern die Schwänze lutschten (was aus der Sicht des Bürgertums eher nicht okay, aber halt auch nicht verboten war. So’n sexueller Grauzonenbereich). Manche verkleideten sich auch an Karneval als Frauen; waren aber in der Regel froh, wenn Karneval wieder vorbei war und sie die unbequemen Frauenkleider in die Truhe mit den anderen Kostümen zurücklegen konnten. Wer jemals als Mann versucht hat, auf High Heels zu balancieren (ich hab das mal Ende der 70-er für EINEN Faschingsabend ausprobiert), weiß, wovon ich rede. Aber hier soll’s jetzt nicht um Männer in Frauenklamotten, sondern um diejenigen gehen, die wirklich ihr Geschlecht wechseln wollen. Und so einen habe ich Anfang der 80-er in einer Kölner Disco kennengelernt.

    Als sich unsere Wege gegen 2 Uhr nachts kreuzten, war ich nicht mehr ganz nüchtern. Es war die hohe Zeit der klebrig-bunten Cocktails, und es war die Zeit vor AIDS, als man noch, ohne vorher viel drüber nachzudenken, spontan miteinander in die Kiste stieg, ohne am Morgen danach panisch zum Urologen zu rennen, um sich dort auf HIV durchchecken zu lassen. Die am häufigsten verbreiteten Geschlechtskrankheiten waren Tripper und Sackflöhe. Beides ärgerlich, wenn es einen erwischte, aber nicht lebensbedrohlich. Er bzw. sie – wir nennen ihn im Folgenden: Deborah – saß plötzlich an der Bar auf dem Hocker neben mir (vor mir mein 5ter klebriger Cocktail) und lächelte mich an. Leicht benebelt von Mai Tai und Batida Kirsch erschien mir Deborah an diesem Abend als die schönste Frau, der ich jemals begegnet war. Sie zog mich auf die Tanzfläche, wir schwoften ein bisschen zu Just an illusion und Nur geträumt, es wurde eng und enger, ich spürte ihre circa 3 Meter lange Zunge tief in meinem Gaumen und in meinen Ohren. Wir landeten dann wieder an der Theke, wo sie mir den Unterleib massierte, während ich meine Nase tief in ihr Dekolleté fallen ließ, denn nach dem siebten Mai Tai war ich doch stark anlehnungsbedürftig.

    Nach 7 Mai Tai in ner fremden Kiste

    Eine Stunde später fand ich mich in einer Wohnung im 12ten Stock einer Kölner Hochhaussiedlung wieder, lag nackt neben Deborah und stellte erstaunt fest, dass sie neben ihren prachtvollen Titten auch einen enormen Schwanz besaß. Ein paar Sekunden ergriff Fluchtinstinkt von mir Besitz, der jedoch kurz danach von Neugier abgelöst wurde. Ich dachte pragmatisch: nun bist du schon mal hier gestrandet, dann mach jetzt auch das Beste aus der Situation. Ohne hier ins Detail gehen zu wollen (das würde mir die Redaktion eh wieder aus dem Text rausstreichen) – es war Sex der etwas anderen Art. Zumindest damals für mich, der ich bisher bloß XX-mit-XY-GV kannte. Nach 7 bunten Cocktails war mit mir in dieser Nacht ohnehin nicht mehr allzu viel los, mehr als 1 Nummer schaffte ich nicht. Am nächsten (späten) Morgen hatte Deborah ein Frühstück vorbereitet, nannte mich ihr kleines Schätzchen und sagte, dass wir 2 ein Traumpaar abgeben. Ich sagte erst mal nichts und trank stumm meinen Kaffee. Wir ließen uns dann gemeinsam ein paar Wochen durchs Kölner Partyleben treiben, lagen nachts in ihrem Bett (ich wohnte noch bei meinen Eltern) und rubbelten und lutschten uns gegenseitig die Schwänze und poppten uns ab und an in unsere – Anfang der 80er noch sehr wohlproportionierten – Ärsche. Deborah war echt schwer verliebt, während ich – Kind konservativer Eltern und Gefangener bürgerlicher Erziehung – meine Gefühle stark runterdimmte. Es durfte nicht sein, was nicht sein konnte (oder umgekehrt). Allein der Gedanke, Deborah irgendwann meiner Familie vorzustellen, ließ mir den Angstschweiß auf die Stirn treten. Nach etwas mehr als 1 Monat beendete ich deshalb die Sache. Deborah weinte und warf mir Worte wie Schuft und Lügner an den Kopf („du Hurensohn“ war damals noch nicht erfunden), ich spürte leichte Gewissensbisse, war aber unterm Strich froh, mit nem halbwegs schlanken Schuh aus der Nummer rausgekommen zu sein, denn eine gemeinsame Zukunft mit einer Transe lag im Hochsommer 1982 weit jenseits meiner Vorstellungskraft, ungefähr so weit entfernt wie der am äußeren Rand der Star-Wars-Galaxis gelegene Planet Tatooine von Köln-Ehrenfeld (der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin). Heute würde ich das vielleicht anders sehen; aber heute treibe ich mich nicht mehr in Kölner Diskotheken rum und lerne folglich keine Transen mehr kennen.

    Heute ist alles beliebig, inkl. der geschlechtlichen Identität

    Warum ich das erzähle?
    Zum einen habe ich damit die Vorgabe der Chefredaktion, Titten & Schwänze im Text unterzubringen, erfüllt. Zum anderen steckte hinter dem, was Deborah mit sich hat machen lassen (Hormonbehandlung, operative Eingriffe, dutzende Beratungsgespräche mit Ärzten, Psychologen und Behördenmitarbeitern) der UNBEDINGTE Wunsch, von einem zum anderen Geschlecht zu wechseln. Was für ein eiserner Wille ist notwendig, um das alles durchzustehen. Dafür hatte Deborah schon damals meine vollste Hochachtung. Ich selber fühlte mich in meinem männlichen – seit ich die 50 überschritten habe, leider galoppierend dahinwelkenden – Body zwar immer ganz gut aufgehoben, kann jedoch nachvollziehen, dass es für einige eine Qual bedeutet, im falschen Körper geboren zu sein und sie deshalb große Anstrengungen unternehmen und sogar bereit sind, Schmerzen zu erdulden, um nach einigen Jahren endlich zur Frau (oder zum Mann) zu werden. Diesen Menschen bezeuge ich allergrößten Respekt.

    Wenig Respekt habe ich hingegen vor der neuzeitlichen Variante der Identitätszuschreibung: dem Fluiden. 60 (SECHZIG!!) Möglichkeiten listet Facebook mittlerweile auf, wenn man beim Geschlecht auf den Knopf „benutzerdefiniert“ drückt. Von A wie androgyn über genderqueer und intergeschlechtlich bis hin zu transfeminin und XY-Frau reicht die Identitäten-Palette. Ganz besonders gut gefällt mir der sogenannte nicht-binäre Zustand:

    Dieser Begriff umfasst eine Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten aus dem Transgender-Spektrum, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren und sich als außerhalb der zweigeteilten, binären Geschlechterordnung verstehen.
    © Wikipdia zum Schlagwort nicht-binär

    Na, wenn das nicht super ist. Heute fühle ich mich als Mann, morgen bin ich eine Frau, übermorgen verkleide ich mich als Transe und am Wochenende mutiere ich zum hermaphroditen Alien, der sich selbst befruchtet. Als Angehöriger der Minderheit der Nicht-binären kann ich mein Geschlecht häufiger wechseln als der Hirsch seine Unterhosen. Und für jeden Aggregats- (pardon: Identitäts-) Zustand benötigen wir separate Toiletten und separate Erwähnungen in behördlichen Schreiben. Und Witze dürfen die Nicht-nicht-binären darüber selbstverständlich auch keine reißen. Die würden die sensiblen Fluid-Seelen nur unnötig verletzen. Denn verletzlich bis hin zu 24/7 verletzt sind wir heute alle sowieso. Zumindest der Teil von uns, der auf Achtsamkeit und Anstand hält. Als Jammer-Boomer gehöre ich da natürlich nicht zu, kann aber dafür das schreiben, was Sie zwar manchmal insgeheim denken, sich jedoch nicht zu sagen trauen. Und keine Sorge: ich proklamiere keine Sonderrechte für meine Gruppe und Witze darf man über Jammer-Boomer jederzeit gerne machen.

    Wer unsicher ist, welchem Geschlecht er seelisch angehört (körperlich steht es ja in 99.99% der Fälle seit Geburt fest), der möge die Mühe auf sich nehmen und sich psychologische Unterstützung suchen. Je nachdem, wie groß der Wunsch nach Veränderung tatsächlich ist, müssen dann im Nachgang therapeutische und medizinische Schritte erfolgen. Ist ein langwieriger Vorgang; dauert ein paar Jahre, bis man vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) mutiert. Das ganze Procedere erfordert VIEL Kraft. Aber nur so kann man das ernsthaft machen und verlangen, von anderen ernstgenommen zu werden.

    Der ganze Rest mit den aktuell 60 fluiden Identitäten ist hingegen der modernen Beliebigkeit geschuldeter Zeitgeist-Unfug aka virtuelles Facebook-Gaga, dem man als Hetero-Boomer nur mit stillem Kopfschütteln begegnen kann. Oder, wenn Sie keine Angst vor Shitstorms haben – schreiben Sie was drüber. Dann wird aber „du bist halt ein Boomer“ noch das Freundlichste sein, was Ihnen die Facebook-Zeitgeist-Avantgarde erwidern wird.

    PS. Ich hatte mal ein Date mit einer Sapiosexuellen, die nach einer vierstündigen Unterhaltung, die einem mittelschweren IQ-Test glich, meinte, ich sei leider nicht ihr Typ, weil nicht schlau genug. Ich trug’s mit Fassung, weil selbst, wenn ich schlau genug für sie gewesen wäre, hätt’s trotzdem keinen Sex gegeben. Sie wollte es partout ausschließlich platonisch. Aber das ist eine neue Geschichte.