Schlagwort: Macht

  • Wann endet das Patriarchat?

    Wann endet das Patriarchat?

    Es trifft zu: die ganz überwiegende Zahl der Mächtigen ist männlich. Auch die überwiegende Zahl der Gewalttäter ist männlich, die der Experten, die ins Fernsehen geholt werden, die der bestbezahlten Fußballspieler, die der Professoren aller Fachrichtungen. Es sind Männer, die herrschen, die dominieren, die vorschreiben, wo es langgeht.

    Aber leben wir deshalb unter einer Männerherrschaft, in einem Patriarchat?

    Mächtige und ohnmächtige Männer

    Wechseln wir die Perspektive: die überwiegende Zahl der Männer, wie auch der Frauen, herrscht nicht, ist nicht gewalttätig, sitzt nicht als Experte im Fernsehen, verdient keine Millionen mit Fußballspielen, ist kein Professor und keine Führungskraft. Die meisten Männer haben mit den meisten Frauen gemeinsam, dass ihnen einer, meistens ein Mann, sagt, wo es langgeht.

    Es gibt plausible Gründe, die sich wissenschaftlich belegen lassen, wie es dazu gekommen ist, dass die Machtpositionen heute von Männern besetzt sind. Manche dieser Gründe liegen offen zutage, andere mögen verdeckt sein. Man weiß heute auch schon, wie man diese Gründe beseitigen kann, auf dass mehr Frauen an die Macht gelangen. Das wird nichts daran ändern, dass es nur wenige Mächtige gibt – und dass diese wenigen in ihrem Machtdenken gefangen sind und nach den Prinzipien des Machtstrebens entscheiden und handeln, seien sie Männer oder Frauen.

    Und zweifelsohne gab es einmal ein Patriarchat. Es gab Zeiten, in denen Frauen der Zugang zur Universität versagt war, in denen sie den Mann um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie eine Arbeit annehmen wollten, in denen jeder Mann, der selbst im Job, im Verein, bei der Armee einem anderen untergeordnet war, zu Hause in der Familie zum Ausgleich den Herrscher geben konnte. Das ist noch nicht lange her – aber das ist hierzulande heute nur noch in Resten vorhanden. Und die beseitigt man gerade nicht, indem man die heutige Gesellschaft noch vehementer und immer radikaler als Patriarchat bekämpft. Im Gegenteil.

    Zwei Fehler beim Kampf gegen das Patriarchat

    Die Rede vom Patriarchat, der Kampf gegen die angebliche Männerherrschaft, macht zwei entscheidende Fehler: erstens – die Machtstrukturen werden gar nicht angetastet, sie werden nicht verstanden, nicht analysiert. Man versucht stattdessen, auch Frauen in diesen Strukturen zu etablieren. Mittelfristig wird es vermutlich genug Frauen geben, denen das gelingt, sie erlernen die Taktiken des Machterwerbs, sie richten ihr Leben genau so ein, wie es die Männer tun, die in die Führungspositionen gelangen wollen. Genau besehen ist es völlig unwichtig, ob die Frauenquote irgendwann 50% beträgt, denn der Typus des Machtmenschen hat kein Geschlecht.

    Zweites – der kompromisslose Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat macht potentielle Verbündete zu Gegnern. Indem jeder Mann zur Gruppe der Herrschenden gerechnet wird, auch wenn er wie die Frau neben dem Beruf die Kinder und die alten Eltern betreut und versorgt, zudem den Kampf mit dem Vermieter führt und die Gardinenstange repariert, verliert man ihn im Kampf gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und riskiert, dass er sich mit denen solidarisiert, deren Herrschaftsposition eigentlich ins Wanken geraten sollte.

    Nur noch Reste

    Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits gewandelt, vom Patriarchat, das Männer allein deshalb besser stellte als Frauen, weil sie eben Männer sind (was sie darüber hinwegtröstete, dass sie sonst trotzdem wenig zu sagen hatten) sind nur noch Reste geblieben. Wenn man da so tut, als sei es noch immer der ungeheure mächtige Gegner, den man radikal bekämpfen muss, provoziert man die Frage: wann soll dieser Kampf denn zu Ende sein? Wenn Zorn und Empörung über die Männer nicht nachlassen mit den Verbesserungen, die doch zweifellos erreicht wurden, sondern immer lauter, immer unerbittlicher werden, je kleiner und schwächer der Gegner wird, dann fragt man sich: werden die, die da kämpfen, je sagen: wir haben unser Ziel erreicht? Aber die Gesellschaft sollte ja friedlicher werden mit dem Niedergang des Patriarchats. Wie soll das dann gelingen?

  • Wenn Angst nach Härte verlangt

    Wenn Angst nach Härte verlangt

    Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

    Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
    © Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

    Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

    Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
    Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

    Die eigene Wohnung.
    Der eigene Lebensstandard.
    Das „Eigene“ überhaupt.

    Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

    Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

    Besitz ohne Boden

    Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

    Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
    ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

    Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

    Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

    Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
    Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

    Das zeigt sich konkret:

    • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
    • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
    • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

    Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

    Härte als Antwort auf Kontrollverlust

    Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
    Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

    Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

    Sinngemäß formuliert sie:
    Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

    Das lässt sich derzeit überall beobachten:

    • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
    • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
    • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

    Härte wird so zur Ersatzhandlung.
    Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

    Oder anders gesagt:
    Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

    Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

    Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
    (c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

    Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

    Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

    Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
    Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
    Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

    Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
    dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

    Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
    Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

    • in Verfahren,
    • in Zuständigkeiten
    • in das  bewusste Wegsehen.

    Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

    Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

    Affekte: Die Moral der Gekränkten

    Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

    Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

    • das Gefühl, zu kurz zu kommen
    • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
    • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

    Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
    Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

    Oder schärfer:
    Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

    Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

    Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

    Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

    Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
    die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

    Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

    Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
    Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

    Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

    Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

    Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
    Sondern dass es etwas verschiebt.

    Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

    • die Schärfe in Migrationsfragen
    • die Aggression in Klimadebatten
    • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

    All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

    Und dieses Muster hat einen Kern:
    den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

    Was nach der Lektüre bleibt

    „Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
    Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

    Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
    möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

    Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
    Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
    und gerade deshalb nicht damit aufhört.

    Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
    Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
    Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

    Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

    Es liefert keine fertige Theorie.
    Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
    +++

    Eva von Redecker
    Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
    S. Fischer Verlage
    272 Seiten (Print)
    Erschienen: März 2026
    ISBN: 978-3103977240
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