Schlagwort: Meinung

  • Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?

    Alles Spekulation

    Nun ist die Philosophie keine empirische Wissenschaft. Wir machen also keine Umfrage, befragen streitende Menschen nicht, warum sie streiten. Im Gegenteil, Philosophie pflegt ein gewisses Misstrauen gegen solche Empirie. Warum sollten die Befragten in der Umfrage „die Wahrheit“ sagen? Vielleicht steuert die Fragestellung schon das Verständnis der Befragten vom Gegenstand der Frage? Woher sollen wir überhaupt sicher sein, dass die Streitenden selbst wissen oder sagen können, warum sie streiten?

    Es könnte z.B. sein, dass die Streitenden selbst eine Vorstellung davon haben, warum man vernünftigerweise streitet. Wenn sie dann befragt werden, nennen sie gar nicht ihre eigenen Gründe (über die sie womöglich noch nie nachgedacht haben). Auf der anderen Seite haben die, die wissenschaftliche Befragen durchführen, ganz sicher schon über mögliche Antworten nachgedacht, und formulieren ihre Fragen sicherlich in Abhängigkeit von ihren Vermutungen.

    Als Philosophierender halte ich deshalb einen gewissen Abstand von den empirischen Methoden der Wissenschaft. Meine Methode ist spekulativ. Als Quelle für meine Überlegungen dienen mir meine allgemeinen Vorstellungen über die Welt, über das, was die Menschen ausmacht. Zugleich ist eine ziemlich sichere Quelle meines Nachdenkens die Beobachtung eben dieses eigenen Nachdenkens – und dessen, was ich verbunden mit diesem Nachdenken selbst tue. Aus diesem spekulierenden Reflektieren heraus gewinne ich Ideen darüber, wie sich etwas verhalten könnte. Diese Ideen kann ich dann anderen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie sie nachsichtig prüfen, mit ihren eigenen Vorstellungen von der Welt abgleichen, und als Anregung für eigene Reflexionen nutzen können.

    Gemeinsamkeit macht stark

    Was also sind die Annahmen, die wir über die Menschen machen, mit denen wir die Lust am Meinungsstreit erklären können? Zwei Aspekte wären zu nennen: Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, uns mit anderen in einer Gemeinschaft zu wissen. Es ist wichtig, dass ich zumeist sicher bin, dass andere so sind wie ich, dass sie die Welt ähnlich sehen wie ich, dass sie auf das gleiche vertrauen und dem gleichen misstrauen. Das Erleben von Übereinstimmungen macht mich sicher, dass ich nicht allein bin mit meinem Blick auf die Welt. Mit einer Meinungsäußerung hoffe ich also auf Zustimmung von anderen, und allein die Tatsache, dass andere, die ich als mir ähnlich empfinde, mir zustimmen, genügt mir, um mit größerer Sicherheit durch mein Leben zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch, wenn mir von Menschen, die ich als fremd oder anders empfinde, Ablehnung entgegenschlägt. Auch das bestätigt mich: In meinem Anderssein gegenüber denen, die anderer Meinung sind ebenso, wie in meiner Gemeinsamkeit mit denen, die mit gleich sind.

    Gerade wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir fremd ist und das ich ablehne, will ich also auch gar nicht „überzeugen“, dann streite ich nicht mit dem Ziel, dass die anderen einsehen, dass ich recht habe. Jeder Widerspruch bestätigt mich ja darin, dass diese eben anders sind, und diese Bestätigung sichert mein Weltbild in meinem So-Sein-Wie-Ich-Bin.

    Unsicherheit beherrschen

    Bevor man sich nun gedanklich über diejenigen erhebt, die den Streit für die Abgrenzung zwischen sich und den „Eigenen“ auf der einen Seite und „den Anderen“ oder „den Fremden“ auf der anderen Seite brauchen, um in der Weit zurecht zu kommen, kann man sich kritisch fragen, ob man selbst ohne solche Abgrenzungen auskommt. Selbst die Skeptiker, die „nichts glauben“ und „alles hinterfragen“ grenzen sich ja auf diese Weise im Meinungsstreit von anderen ab und bilden eine Gemeinschaft der „aufgeklärten kritischen Geister“.

    Wenn man sich die eigene Unsicherheit in der Komplexität der Welt wirklich eingesteht und versucht, sein Weltbild nicht nur per Übereinstimmung und Ablehnung mit anderen zu begründen, findet sich schnell ein weiterer Grund für die Beteiligung am Meinungsstreit: Die Meinungsäußerung kann dazu bestimmt sein, Argumente dafür oder dagegen zu erhalten, die mich in meiner Meinung bestärken oder weiter verunsichern.

    Die meisten Vorstellungen über die Welt gewinne ich auf der Grundlage medialer Vermittlung (Fernsehen, Zeitungen, Rundfunk sowie deren Ableger in den sozialen Medien). Daraus erzeuge ich mir ein Bild von der Welt, das vor allem auch als Befürchtungen oder Hoffnungen besteht: Ich hoffe, dass sich die Stimmung in Großbritannien noch proeuropäisch entwickelt, ich fürchte, dass es nicht mehr rechtzeitig zu einem Umsteuern in der Klimafrage kommt.

    Mit meiner Meinungsäußerung im Streit suche ich Bestätigung oder Widerspruch. Das aber nicht nur, um mich zu vergewissern, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, sondern auch, um meiner Meinung überhaupt sicher zu werden, oder, um mich verunsichern zu lassen. Ich suche nach Argumenten, die meine Hoffnungen stützen, oder auch nach solchen, die meine Befürchtungen fragwürdig machen. Das alles, um in einer unsicheren Welt mit einem unsicheren Bild von der Welt halbwegs sicher zurecht zu kommen.

    Es ist klar, dass Meinungsäußerungen dieser Art nicht mit einem Wahrheitsanspruch verknüpft sind. Im Gegenteil, ich gehe immer davon aus, dass es andere gibt, die anderer Meinung sind als ich, und die ich mit meiner Meinung – und mit den Begründungen dieser Meinung – gerade nicht werde überzeugen können. Trotzdem ist es sinnvoll, den Streit zu führen: Er macht mich sicherer in meinen Hoffnungen und Befürchtungen und schafft mir damit ein besseres Fundament zum Handeln. Und er schafft Gemeinsamkeit mit Menschen, die ähnlich denken wie ich, sodass wir uns gemeinsam mit denen auseinandersetzen können, die anderer Meinung sind.

  • Richtig streiten #9: Was heißt „Geltung“?

    Richtig streiten #9: Was heißt „Geltung“?

    Als Reaktion auf den letzten Teil meiner Serie wurde unter Anderem gefragt, ob man tatsächlich annehmen kann, dass die Streitenden für ihre geäußerten Meinungen keine Geltung beanspruchen würden. Um diese Frage zu beantworten, kann man zwei Wege beschreiten: Zum einen wäre zu klären, was „Geltung beanspruchen“ eigentlich bedeutet, dazu muss natürlich gefragt werden, was Geltung heißt und was beanspruchen heißt. Zum anderen können wir überlegen, um was es wahrhaftigen und nachsichtigen Streitenden in einem Streit tatsächlich gehen kann – um anschließend zu prüfen, ob eines der gefunden Ziele als „Geltung beanspruchen“ bezeichnet werden kann. Dem ersten Weg ist dieser Teil gewidmet, im nächsten Teil geht es um den zweiten Weg.

    „Geltung beanspruchen“ in der Theorie

    Was „Geltung“ heißt, kann man ohne Angabe des Kontextes, in dem das Wort verwendet wird, vermutlich nicht klären. Allerdings geben uns unstrittige Verwendungsweisen in bestimmten sozialen Bereichen Hinweise darauf, was das Wort in anderen Bereichen bedeuten könnte. Wir müssen also einen kleinen Umweg machen, um zur Bedeutung dieses Wortes im Streit vorzudringen.

    Am einfachsten ist es in der Mathematik und in der theoretischen Physik. Wenn ich etwa sage: „In der Euklidischen Geometrie gelten die folgenden fünf Postulate:…“ dann ist damit gemeint, dass die Postulate zugleich definieren, was Euklidische Geometrie überhaupt ist. Sie beanspruchen ihre Geltung nicht, und niemand, der den obigen Satz ausspricht, beansprucht ihre Geltung in der Euklidischen Geometrie. Es ist einfach so, dass die Ablehnung der Geltung eines der Postulate sofort aus der Euklidischen Geometrie herausführen würde.

    Ebenso ist es, wenn theoretische Physiker sagen, dass in der klassischen Mechanik die Newtonschen Gesetze gelten. Sobald man etwa in der Bewegungsgleichung die Konstante, die die Masse bezeichnet, durch eine Größe ersetzt, die sich mit der Geschwindigkeit verändert, verlässt man die klassische Mechanik und betritt womöglich die spezielle Relativitätstheorie.

    Innerhalb eines theoretischen wissenschaftlichen Textes oder Gesprächs kann aber auch der Satz auftauchen: „In der Euklidischen Geometrie gilt, dass die Summe der Innenwinkel im Dreieck 180° beträgt“. Geltung bedeutet hier, dass der Satz zwingend aus den Axiomen folgt, und zwar sogar so zwingend, dass man den Satz selbst zum Axiom machen könnte, aus ihm würde dann, zusammen mit anderen Axiomen, das folgen, was wir für gewöhnlich als „die Axiome“ der Theorie ansehen.

    Normalerweise würde eine Wissenschaftlerin wohl kaum sagen, dass sie innerhalb einer Theorie für einen Satz „Geltung beanspruchen“ – sie gelten einfach, sie lassen sich herleiten, und wenn das ein Kollege bestreitet, dann muss er zeigen, dass da ein Rechenfehler vorliegt. Da die Rechenmethoden in den mathematischen Wissenschaften klar definiert sind und Bestandteil der Theorie sind, ist dies auch möglich.

    Geltung bei der Anwendung auf die Praxis

    Versucht man, theoretische Konstruktionen mit experimentellen oder anderen empirischen Befunden zu verknüpfen, verwendet man auch manchmal den Begriff der Geltung. Man sagt etwa: „Für kleine Geschwindigkeiten gilt die Newtonsche Mechanik“ oder „in kleinen Raumbereichen gilt die euklidische Geometrie“. Forscher würden, darauf angesprochen, vielleicht ergänzen: „Natürlich gelten sie nicht im strengen Sinn“ und würden damit meinen, dass sich diese Sätze nicht zwingend aus den Axiomen der Theorie ergeben.

    Allerdings ist die praktische Geltung doch stärker als man aus dieser Relativierung vermuten könnte. Stelle man sich vor, dass jemand, der den freien Fall eines Steins auf der Erdoberfläche untersucht, behaupten würde, dass er dazu die Gleichungen der speziellen Relativitätstheorie verwenden müsste. Daraufhin würden die Kollegen womöglich sagen: „In diesem System gilt die Newtonsche Mechanik, und es ist völlig unsinnig, hier mit der speziellen Relativitätstheorie zu hantieren!“ Geltung bedeutet dann: „Es gibt eine, genau eine, der Situation angemessene Theorie, und die ist es, die hier gilt!“ Hier kann man durchaus sagen, dass Wissenschaftler die Geltung einer Theorie (interessanterweise der Theorie, die die weniger allgemeine, weniger umfassende ist) beanspruchen. Sie würden nämlich, als Wissenschaftlergemeinschaft, denjenigen aus der Kommunikation auf Dauer ausschließen, der darauf beharrt, die „richtige“ aber im konkreten Fall unangemessene Theorie zu verwenden. Ebenso würde es vermutlich einem Ingenieur ergehen, der meint, für die Berechnung der Grundfläche eines Einfamilienhauses eine Nichteuklidische Geometrie verwendet mit der Begründung, dass die Erde, auf der das Haus steht, ja nun einmal keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.

    Experiment und Empirie

    Wenn Wissenschaftler über die Ergebnisse ihrer experimentellen oder empirischen Resultate reden, verwenden sie das Wort „Geltung“ eher selten. Man „beobachtet Verhalten“, man „wiederholt Messungen“ und „kommt zu gleichen Resultaten“, man „bestätigt bisherige Annahmen“. Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit begegnet uns das Wort „gelten“ dennoch oft, und zwar, wenn in den Medien über die Ergebnisse berichtet wird. Dann heißt es oft „Es gilt inzwischen unter Wissenschaftlern als erwiesen, dass…“. Diese Verwendung bedeutet dann, dass die Wissenschaftler über eine Hypothese einen (weitgehenden) Konsens hergestellt haben. Die Ergebnisse der Forscher sind so klar und (für diese Forscher) so überzeugend, dass sie Personen, die der Hypothese nicht zustimmen würden, aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausschließen würden, es sei denn, sie bringen für die Ablehnung der Hypothese wiederum selbst plausible Argumente vor. In diesem Fall kann also tatsächlich von „Geltungsansprüchen“ gesprochen werden: Die Gemeinschaft beansprucht von ihren Mitgliedern, der Hypothese zuzustimmen, oder anderenfalls gute, in der Gemeinschaft akzeptierte Gründe vorzubringen, die der Hypothese widersprechen. (Ob die Wissenschaft wirklich so funktioniert, können wir dahingestellt sein lassen.)

    Das Wort „Hypothese“ verwende ich hier, weil es sich zumeist um allgemeine Aussagen handelt, die nicht in einem theoretischen Sinne zwingend sind. Die Hochtemperatur-Supraleitung etwa galt schon lange vor ihrer theoretischen Begründung als erwiesen.

    Geltungsanspruch im alltäglichen Streit

    Damit sind wir nach einem großen Bogen wieder bei unserem eigentlichen Gegenstand, dem richtigen Streiten, angekommen, denn der wissenschaftliche Streit um die Deutung experimenteller und empirischer Ergebnisse ist ebenfalls ein Streit. Wenn es dort Geltungsansprüche gibt, warum nicht auch im alltäglichen Streit über Fußball, Politik oder Wirtschaft?

    Man könnte fordern oder versuchen, auch den alltäglichen Streit wie einen Streit unter Wissenschaftlern zu beschreiben und überhaupt nur das als Streit zu akzeptieren sei. Das würde allerdings der sozialen Funktion des  alltäglichen Streits sowie seinen durchschnittlichen Eigenschaften nicht gerecht werden. Deshalb hilft es, die Unterschiede zwischen dem wissenschaftlichen Streit und dem alltäglichen Streit herauszustellen:

    • Wissenschaftler streiten auf der Basis einer weitgehend standardisierten Ausbildung in einem Fach über die Hypothesen des Fachs.
    • Die Informationen, die in den Argumentationen der Wissenschaftler wichtig sind, stehen den Beteiligten weitgehend unmittelbar und nicht medial vermittelt zur Verfügung.
    • Hinsichtlich dessen, was im Streit zum Gegenstand wird, haben Wissenschaftler keine Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen oder Sorgen.

    Natürlich sind diese Annahmen über den wissenschaftlichen Streit in der Realität immer nur unvollkommen erfüllt. Es sind aber genau diese Voraussetzungen, die es ermöglichen, dass die Wissenschaftler einen Konsens über Hypothesen herstellen, der dann gilt. Stellen wir nun diesem idealen wissenschaftlichen Streit den alltäglichen Streit über Politik, Wirtschaft oder Sport gegenüber:

    • Es gibt kaum eine einheitliche Ausbildung oder zwingende Vorkenntnisse und Fertigkeiten für die Beteiligung am Streit.
    • Informationen, die Grundlagen für Argumentationen sind, stehen nur selten direkt und zumeist medial vermittelt zur Verfügung.
    • Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen oder Sorgen bezüglich des Streitgegenstandes sind zumeist der Grund, sich überhaupt am Streit zu beteiligen.

    Dies alles sind Gründe, warum es im Alltagsstreit keine Geltungsansprüche geben kann. Wer wahrhaftig und nachsichtig streitet, verzichtet auch auf Geltungsansprüche. In konkreten Streitsituationen wird das auch durch die Betonung der eigenen Sicht („Ich meine“, „Das ist meine Meinung“, „Ich habe Angst, dass…“) signalisiert. Wir können also für ein besseres Verstehen der Logik des Streits ganz auf die Annahme verzichten, dass dort jemand Geltungsansprüche in irgendeinem hier beschrieben Sinne erhebt.

    Im 10.Teil dieser Serie geht es um die Frage, warum wir überhaupt streiten.

  • Richtig streiten #8: Geltungsansprüche und Fehlschlüsse

    Richtig streiten #8: Geltungsansprüche und Fehlschlüsse

    Haben Meinungen im Streit einen Geltungsanspruch? In dieser Serie ist schon mehrfach deutlich geworden, dass Meinungen immer eine persönliche Modulation durch die Person, die sich äußert, haben. Es ist meine Meinung, die ich äußere. Wenn man in einer Diskussion nachfragt, ob der andere sich sicher ist, dass es sich wirklich so verhält, wie er sagt, wird man oft die Antwort bekommen „Es ist meine Meinung!“. Meinungen werde selten mit dem Anspruch geäußert, dass jeder ihr zustimmen muss. Auch wenn Alice, die die Meinung äußert, dass „Trump ein Idiot ist“, sich sehr sicher ist, dass es sich so verhält, wird sie vermutlich nicht der Meinung sein, dass Bob zwingend zustimmen muss, schon gar nicht, dass ihre Argumente, mit denen sie ihre Meinung stützt, ihn zwingend überzeugen müssen.

    Geltungsanspruch für mich

    Alices Meinung gibt darüber Auskunft, wie sie die Welt sieht. Sie beansprucht keine Geltung in dem Sinne, dass Bob ihre Sicht teilen muss. Deshalb ist jede Argumentation, in der Bob dies behauptet, schon ein ungeeigneter Einstieg in den Streit, gesetzt, beide haben die Absicht, dem jeweils anderen ihre Meinung plausibel zu machen und womöglich sogar den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen und ihn in der bisherigen Überzeugung zu erschüttern. Wenn Bob, im Gegensatz zu Alice, der Meinung ist, Trump sei ein kluger Mann und ein guter Präsident, dann tun beide gut daran, wenn sie abgleichen, was für die eine und was für die andere Meinung spricht. Beide sollten darüber einig sein, dass es sein kann, dass sie beide irren.

    Die Meinung, die ich äußere, gilt zunächst immer nur für mich selbst, sie hat einen Geltungsanspruch innerhalb meines Systems von Überzeugungen. Da ich sicher bin, dass ich selbst nicht dumm bin, und da ich vermute, vielleicht sogar durch Erfahrung ebenfalls sicher bin, dass andere ein ähnliches Überzeugungssystem haben, reicht der Geltungsanspruch meiner Überzeugung sozusagen auch ein Stück in die Gemeinschaft hinein, der ich mich zugehörig fühle. Das gilt nicht nur für die Überzeugungen selbst, sondern auch für die Begründungen, die ich gebe, und für die Methoden, mit denen ich Überzeugungen mit Gründen verteidige.

    Ein ganzes Überzeugungssystem

    Nehmen wir an, dass Alice ihre Meinung über Trump unter anderem mit dem Argument begründet, dass viele andere Trump ganz genauso einschätzen wie sie. Würde man daraus vermuten, dass Alice also der Meinung ist, dass alles stimmt, was viele so sehen, könnte man das wohl aus formalen argumentationslogischen Gründen zurückweisen. Eine solche Logik wird aber nicht unbedingt dem gerecht, was Alice hier sagt. Denn sie wendet ihr Argument ja nicht als allgemeine Schlussregel an. Sie kommt aus vielen Gründen zu ihrer Einschätzung über Trump. Sie hat schon mit vielen Leuten gesprochen, oder schon vielen zugehört, die zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen sind. Zu diesen Menschen hat sie Vertrauen. Vermutlich hat sie schon öfter auf deren Urteil vertraut und ist damit gut zurecht gekommen. Zudem hat sie vielleicht einen Experten in einem Interview gehört, dessen Urteil in eine ähnliche Richtung ging, wie ihres. Das alles bestätigt sie in ihrem Urteil.

    Wer Alices Urteil über Trump mit dem Hinweis entkräften will, dass das Urteil von vielen nicht unbedingt richtig ist, und dass auch Experten nicht als Autoritäten herangezogen werden können, hat eigentlich noch nichts geleistet. Auch nicht, wenn er lateinische Namen für so genannte „Fehlschlüsse“ nennt und diese abstrakt definieren kann. Er müsste vielmehr plausibel machen, warum Alice gerade in dieser Frage gerade auf diese Leute nicht hören sollte. Er müsste erklären können, warum es sein kann, dass Alice oft gut damit fährt, wenn sie die Urteile anderer Menschen als Stütze für eigene Urteile nimmt, dies aber in diesem konkreten Fall keine gute Idee ist. Er müsste sagen, warum Alice gerade diesem Experten in diesem Fall nicht trauen sollte, auch wenn es in anderen Fragen sinnvoll ist, Expertenmeinungen zu Rate zu ziehen.

    Keine Fehlschlüsse

    Damit wäre man tatsächlich in einem guten Streit angekommen. Dass es nicht immer richtig ist, eine Meinung zu übernehmen, nur weil eine große Zahl von Menschen sie vertreten, weiß Alice wahrscheinlich schon selbst. Der gute Streit muss sich darum drehen, warum es gerade in dieser Frage falsch sein könnte, wie er sich von anderen unterscheidet. Alice hat mit ihrem Vertrauen auf das Urteil anderer bisher gute Erfahrungen gemacht. Diese entkräftet man nicht, indem man behauptet, dass sie bisher einen „Fehlschluss“ verwendet, sondern damit, dass man über die konkreten Bedingungen des Falls diskutiert.

    Wer meint, praktische Begründungsformeln als Fehlschlüsse diagnostizieren zu können, müsste im Gegenzug auch positiv Begründungsformeln für praktische Urteile, für Meinungen, die im Streit stehen, angeben können, und er müsste angeben können, was diese Begründungsformeln in solchen Situationen davor schützt, Fehlschlüsse zu sein. Solange das nicht geschieht, läuft er selbst Gefahr, von den anderen einen Fehlschluss zu fordern: Nämlich ihn als den Experten zu akzeptieren, der sich mit der Argumentationslogik nun einmal besser auskennt, und deshalb weiß, was richtig ist, und was nicht.

  • Richtig streiten #7: Die Spontanität der Äußerung

    Richtig streiten #7: Die Spontanität der Äußerung

    Wenn jemand für das kritisiert wird, was er sagt, liegt der Kritik zumeist die Vorstellung zugrunde, dass der Sprecher sich zuvor überlegt hat, was er sagen wird. Das gilt sicherlich, wenn jemand eine Rede hält, zumal, wenn er sie vom Blatt abliest. Es gilt aber sicherlich nicht unbedingt beim Streit. Häufig fordert man zwar von Anderen, dass sie erst nachdenken sollen, bevor sie sprechen. Aber ist das wirklich möglich? Wie wäre es umgekehrt: Wenn wir besser streiten wollen, müssen wir bedenken, dass Äußerungen im Streit spontan erfolgen, undurchdacht, intuitiv und emotional. Sowohl Zuhörer als auch Sprecher müssen mit dieser Spontanität umgehen. Auch das gehört zu dem bereits genannten Prinzip der Nachsichtigkeit.

    Was heißt „spontan“?

    Wir wollen als spontan eine Äußerung dann bezeichnen, wenn sie vor der Mitteilung nicht ausdrücklich gedacht und erst recht nicht gedanklich in Worten ausformuliert worden ist. Wie viele spontane Äußerungen man in Gesprächen zum Besten gibt, kann jeder Mensch nur durch Selbstbeobachtung herausfinden. Der Schreiber dieser Zeilen muss zugeben, dass die meisten seiner Äußerungen in Gesprächen spontan sind. Es gibt zwar durchaus den Fall, dass ich mir überlege, was ich sagen will, aber vieles von dem, was ich sage, habe ich zuvor nicht genau bedacht. Es „kommt in mir hoch“ und „es will hinaus“.

    Das gilt für den Meinungsstreit umso mehr, desto emotionaler und engagierter er geführt wird. Im Meinungsstreit sind wir immer selbst betroffen, deshalb sind wir auch emotional involviert.
    Erstaunlicherweise gilt dies auch für schriftliche Äußerungen, etwa bei Diskussionen in sozialen Netzwerken. Hier soll keine psychologische Spekulation betrieben werden, einzig aus der Selbstbetrachtung lässt sich sagen, dass etwa in einer Facebook-Diskussion eine gewisse emotionale Anspannung bis zum Absenden des Kommentars anhält, die verhindert, dass Äußerungen, die doch geschrieben und dann erst versendet werden, noch einmal durchdacht werden, bevor sie den anderen zur Kenntnis gegeben werden.

    Begründung kommt später

    Begründungen für spontane Meinungsäußerungen können wir also erst im Nachhinein geben, und es ist erstaunlich, dass uns das überhaupt in den meisten Fällen gelingt. Wiederum sollen psychologische Spekulationen vermieden werden, aber es ist eigentlich nur vorstellbar, dass wir eben auch spontane Äußerungen immer auf einem Fundament von mehr oder weniger stabilen Überzeugungen, Meinungen, Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen und Sorgen machen – auch wenn sie uns zuvor noch gar nicht selbst ausdrücklich bekannt waren. Diese Überzeugungen bilden sich im Laufe der Zeit, ohne dass wir sie selbst schon ausdrücklich bemerken. Wenn wir sie in einer erhitzten Diskussion zum erstem Mal aussprechen, dann nehmen wir sie selbst auch zum ersten Mal ausdrücklich wahr.

    Das bedeutet, dass ein wahrhaftig Streitender sich zunächst einmal selbst in die Pflicht nehmen müsste, herauszufinden, ob und vor allem wie seine spontanen Meinungsäußerungen sich tatsächlich in seinen Meinungen begründen lassen, ob sie tatsächlich das sagen, was er meint. Und in einem guten Streit wäre es selbstverständlich, zu akzeptieren, wenn jemand sagt: Ich habe das nicht so gemeint. Und die Frage „Wie meinst du das?“ sollte als ehrliches Hilfsangebot gemeint sein, die tatsächliche Hoffnung oder Sorge hinter der Äußerung ausfindig zu machen.
    Eine spontane Äußerung wurzelt sicherlich immer in den tatsächlichen Meinungen des Sprechers. Aber sie kann durch viele Zufälligkeiten mitgeformt sein, etwa durch den aktuellen Anlass der Diskussion, durch aktuelle Erlebnisse des Sprechers außerhalb der Diskussion, durch weitere Nachrichten oder durch andere Äußerungen innerhalb der Diskussion. Wir hatten bereits früh festgestellt, dass Meinungsäußerungen immer missverständlich sind – sie sind es nicht nur für die, die sie hören, sondern vielleicht auch für den, der sie ausspricht.

    Wir machen vielleicht zu oft den Fehler, Äußerungen wörtlich zu nehmen, sie als klar und eindeutig aufzufassen, sowohl die Äußerungen von anderen als auch die eigenen. Und manchmal glaubt man, dass man gerade im erregten Streit „die Wahrheit“ sagen würde. Das Erschrecken über das, was man im Streit sagt, muss aber nicht bedeuten, dass da endlich die Wahrheit ans Licht käme. Das Erschrecken kann auch ein Zurückschrecken vor einer Konsequenz des eigenen Redens sein, die man aus tiefster Überzeugung ablehnt. Ein guter Streit sollte immer den Weg offenhalten, eine Äußerung zurückzunehmen, aber dennoch das Erschrecken über sie ernst zu nehmen.

  • Richtig streiten #6: Der Beweggrund der Meinungsäußerung

    Richtig streiten #6: Der Beweggrund der Meinungsäußerung

    Wir hatten bisher gesehen, dass eine Meinungsäußerung im politischen Meinungsstreit niemals eine bloße Tatsachenbehauptung ist, sondern dass sie immer durch ein persönliches Interesse des Sprechenden moduliert ist. Das gilt auch, wenn die Aussage für sich genommen wie ein Aussagesatz klingt, etwa, wenn Alice sagt: „Trump wird die nächste Wahl auch gewinnen!“ oder wenn Bob äußert „In den Medien herrschen überhaupt keine Qualitätsstandards mehr!“. Im Falle von Alice ist noch klar, dass es sich nicht um eine Tatsachenbehauptung handelt, da ihr Satz die Zukunft betrifft. Allerdings könnte man auch hier vermuten, dass es sich um eine sachliche Hypothese handelt, die nicht durch persönliche Modulation eine Angst, Hoffnung oder Sorge ausdrücken soll. Bobs Satz, für sich genommen, hat allerdings die Form einer einfachen Tatsachenbehauptung. Trotzdem wird es sich in einer Diskussion unter Freunden nur sehr selten um eine sachliche Hypothese handeln. Vielmehr darf man vermuten, dass Alice und Bob davon überzeugt sind, dass die anderen die jeweilige Modulation kennen. Wenn Alice äußert, dass Trump auch die nächste Wahl gewinnen wird, ist sie sicher, dass die anderen wissen, dass ihr diese Aussicht Sorgen macht. Man wird es aus ihren bisherigen Äußerungen sicher und intuitiv schließen. Wenn es sie nicht mit Sorgen erfüllen würde, so können wir annehmen, würde sie es gar nicht sagen. Aus dem Satz spricht mehr Sorge als eine sichere Prognose. Ebenso ist es bei Bob, dem es Sorgen macht, dass er in den Medien immer mehr Beiträge liest, die qualitativ minderwertig sind. Würde ihn diese Tatsache gar nicht bekümmern, dann würde er sich zu dieser Frage wahrscheinlich gar nicht äußern.

    „Das ist meine Meinung!“

    Manchmal wird die Tatsache, dass etwas eben Meinung ist und somit aus Sorge, Hoffnung, Furcht oder Wünschen ausgesprochen wird, eigens in anderen Sätzen betont: „Das ist meine Meinung!“ oder „Das macht mir Angst!“ oder „Ich hoffe es jedenfalls!“ – aber wenn man Diskussionen beobachtet, dann wird man schnell feststellen, dass die meisten Teilnehmer ganz selbstverständlich annehmen, dass alle wissen, dass hier modulierte Meinungen geäußert werden und nicht bloße Tatsachenbehauptungen ausgetauscht werden. Wer es nicht glaubt, frage mal während einer solchen Diskussion: „Ist das deine Meinung?“ oder: „Macht dir das Sorgen?“ Im besten Fall wird er eine prompte Bestätigung dafür bekommen, nach dem dritten Mal werden die anderen vermutlich genervt sein.

    Das heißt nicht, dass man sich in der intentionalen Modulation der Meinungsäußerung eines anderen nicht irren kann, und es kann durchaus sinnvoll sein, nachzufragen. Sorgen, Hoffnungen usw. Gehören zur Logik des Streitens dazu, sie sind Teil der Rationalität in dem Sinne, dass sie begründbar und verstehbar sind – und dass man sich in ihnen irren kann. Die Frage nach dem „Warum“ muss sich nicht nur auf den hypothetischen Aussageteil der Meinungsäußerung beziehen, sie kann auch nach den Gründen der Sorge oder der Hoffnung fragen, oder eben auch danach, ob man den Sprecher hinsichtlich der Modulation seiner Meinung richtig verstanden hat.

    Aber dass es diese Modulation gibt steht außer Frage, denn sonst würde sich der Sprecher womöglich gar nicht äußern. Nur wenige Menschen mischen sich in einen Streit ein, dessen Gegenstand ihnen gleichgültig ist. Deshalb muss eine Logik des Streits, die die Rationalität der Meinungsäußerungen ergründen will, auch den Beweggrund der Äußerung, also die Frage, warum jemand überhaupt spricht, mit einbeziehen. Das wird zwar selten unmittelbar mit ausgesagt, aber es kann eben auch Gegenstand einer Frage nach dem „Warum?“ also einer Begründungsaufforderung, sein. Aus dem Prinzip der Nachsichtigkeit und aus der Annahme der Wahrhaftigkeit heraus sollte man dabei annehmen, dass der andere gute und verständliche Gründe hat, sich gerade so zu äußern, wie er es tut. Diese Gründe zu verstehen wird helfen, die Diskussion gelingen zu lassen.

    Gründe für eine Meinungsäußerung können darin liegen, dass man sich um den Gegenstand der Diskussion sorgt, dass man meint, dass eine Diskussion notwendig ist, um unerwünschte Entwicklungen in der Gesellschaft zu verhindern. Ein anderer Grund kann sein, dass man sich durch die Äußerung und die Reaktionen darauf einer Gemeinsamkeit versichern will, oder dass man diese Gemeinsamkeit stabilisieren oder herstellen will. Vielleicht auch, weil er den Lauf der Diskussion beeinflussen will, etwa weil er meint, dass er durch andere Diskussionsteilnehmer in die falsche Richtung geführt wird. Jeder Teilnehmer bringt seine Sorgen und Hoffnungen, aber auch seine Erfahrungen aus anderen Meinungsstreits in die Diskussion mit hinein, und aus all dem formt sich sein mehr oder weniger kurze Beitrag zur Diskussion.

    Ad hominem – Warum auch nicht?

    Das Problem ist, dass kaum jemand in einem politischen Streit etwa auf Facebook klar alles aussprechen kann, was zu einer eindeutigen Beurteilung seines Arguments nötig wäre. Wenn Bob z.B. „p“ sagt, und Alice antwortet „Bob schon wieder, dieser Dummschwätzer, das war ja klar!“ dann können Bob und Clara natürlich sagen: „Das ist ad hominem!“ – und sie haben recht. Aber warum auch nicht? Detlef kann sich sagen: „Aha, die Alice hält den Bob für einen Dummschwätzer, vermutlich hat sie mit ihm schon ein paar Erfahrungen gemacht… Bisher machte Alice auf mich eigentlich immer einen sachlichen Eindruck, wenn die bei diesem Satz von Bob so aufbraust, dann schau ich mal etwas genauer hin.“ Wenn Clara von Alice verlangen würde, dass sie statt ihres empörten Ausrufs sachliche Argumente bringt, die gegen „p“ sprechen, führt das womöglich nur dazu, dass Alice sich aus dem Streit zurückzieht. Bob würde das wohl freuen, aber ob es im Sinne einer klärenden Diskussion über die Sorgen, die mit p und nicht-p verbunden sind, führt, ist für mich fraglich.

    Politischer Meinungsstreit ist immer „ad hominem“, auch der, der meint (!), ad-hominem-Argumente ausschließen zu dürfen. Denn im politischen Streit geht es immer um Betroffenheit, wir äußern uns, weil wir Sorgen oder Wünsche haben, und weil wir gegen Meinungen anderer (konkreter Personen) streiten, die uns Sorgen machen. Und die Argumentationen der je anderen lösen erneut Sorgen oder Hoffnungen aus, und das muss ja im Streit auch deutlich werden. Ein politischer Meinungsstreit ist kein Doppelkopfspiel, zumeist geht es um etwas, was die Beteiligten emotional aufwühlt und gerade diese emotionale Komponente ist wichtig für den Streit.

    Was auch immer der Beweggrund ist, der dazu führt, dass jemand im Streit seine Meinung äußert, diese Äußerung ist dann meistens spontan und die Begründung wird erst später gebildet. Darum geht es beim nächsten Mal.

  • Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung

    Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung

    Die Logik des Begründens von Meinungen soll uns in dieser Serie beschäftigen. Dazu müssen jedoch immer noch einige Vorarbeiten geleistet werden, die das Feld, auf dem diese Logik wirkt, genauer beschreiben und damit den Gegenstand, das vernünftige Streiten um Meinungen, erst einmal hinreichend genau bestimmen. Schon diese Beschreibung liefert uns wertvolle Einsichten, auch wenn sie noch nicht die Logik des Streitens sind.

    Im ersten Teil dieser Serie hatte ich das vernünftige Sprechen durch die Bereitschaft des Sprechers bestimmt, für seine Meinung Begründungen anzugeben. Das begründete Sprechen hatte ich mit dem vernünftigen Sprechen identifiziert und die Ablehnung der Angabe von Gründen als unvernünftig gekennzeichnet.
    Allerdings kennen wir im Alltag viele Situationen, in denen eine Person es als absurd empfindet, Begründungen für ihre Meinung angeben zu sollen. Häufig stimmt sie darin mit der Mehrzahl derer überein, die sich an dem Gespräch beteiligen, in welchem die Meinung geäußert wurde.

    Golfspieler vor einem Waldbrand

    Ein aktuelles Beispiel soll das erläutern: Vor einigen Tagen (die Erstveröffentlichung dieses Beitrags war am 10. Dezember 2018) wurde in sozialen Online-Netzwerken häufig ein Bild gepostet, auf dem Personen beim Golfspiel zu sehen waren, während im Hintergrund ein Wald brannte. Ein verlinkter Artikel erläuterte, dass das Bild anlässlich der aktuellen Waldbrände in den USA aufgenommen worden war und dass die Golfspieler durch einen Fluss von dem brennenden Waldgebiet getrennt waren.

    Die Kommentatoren zu diesem Bild waren ziemlich einhellig der Meinung, dass sich die Golfspieler falsch verhalten. Mehr noch: Für viele war das Bild ein klares Symbol dafür, dass auf der Welt, in der Gesellschaft, etwas völlig falsch laufe. Das Golfspielen in Sichtweite eines Waldbrandes wurde einhellig abgelehnt, die Reaktionen reichten von Unverständnis für die Golfspieler bis zu offener Empörung über ihr Verhalten. Diese Meinungen wurden nicht begründet oder erläutert, sondern übereinstimmend und kurz schlicht geäußert.

    Wer in so einer Situation nach Begründungen fragt oder nachfragt, was die Personen auf dem Bild denn besseres tun sollten, muss ebenfalls mit Ablehnung rechnen, die von Unverständnis bis Empörung reicht. Nachfragen dieser Art werden für gewöhnlich nicht beantwortet, vielmehr wird die Beantwortung ausdrücklich abgelehnt.

    Meinungen, die keiner Begründung bedürfen

    Das Beispiel zeigt, dass es Meinungen geben kann, die in den Augen der Person, die sie äußert, keiner Begründung bedürfen. Oft weiß sie sich dabei mit einer Gemeinschaft von Sprechern einig. In dieser Gemeinschaft würde man eher sagen, dass es unvernünftig ist, eine Begründung zu fordern, als dass man es als vernünftig ansieht, hier eine Begründung zu geben.

    Müssen wir die Bestimmung des vernünftigen Sprechens als Bereitschaft zur Angabe von Gründen modifizieren? Oder müssen wir sagen, dass ein solches Verhalten des Sprechers und der Gemeinschaft, zu der er gehört, eben unvernünftig ist? Bevor wir uns leichtfertig dafür entscheiden, die Verweigerung einer Begründung für bestimmte Meinungen als unvernünftig anzusehen, sollten wir uns daran erinnern, dass es wohl für jeden zumindest Überzeugungen gibt, für die er die Angabe von Gründen ablehnt. Ich bin z.B. davon überzeugt, dass ich der Sohn zweier konkreter lebender Personen, meiner Eltern, bin. Wenn das jemand bezweifelt, könnte ich zwar Gründe beibringen, würde das aber normalerweise als absurd und überflüssig ansehen und wohl auch ablehnen. Genauso bin ich gemeinsam mit vielen Menschen in meiner Umgebung davon überzeugt, dass die Erde schon seit einem sehr langen Zeitraum existiert. Auch dafür gilt: Wenn das jemand bestreitet, könnte ich zwar Begründungen heraussuchen und angeben, aber ich würde es doch, wohl in Übereinstimmung mit vielen meiner Freude und Bekannten, als unsinnig ansehen. Vielmehr würden wir uns fragen, was mit demjenigen, der da Zweifel hat, nicht in Ordnung ist.

    Was für solche Überzeugungen gilt, gilt auch für Meinungen. Mit vielen anderen bin ich der Meinung, dass Meinungsfreiheit eine gute Sache ist, und wir machen uns Sorgen, wenn sie eingeschränkt und verletzt wird. Wenn uns jemand nach Begründungen für unsere Sorge um die Meinungsfreiheit fragt, kann es sein, dass wir ihm mit Unverständnis begegnen und eine Begründung ablehnen.

    Schließlich sei erwähnt, dass schon Aristoteles es für einen Mangel an Bildung hielt, für alles Begründungen zu fordern. Zur Vernunft gehört es seiner Meinung nach auch, zu wissen, wann das Fragen ein Ende haben muss.[1] Wir müssen Aristoteles hier nicht zustimmen, aber trotzdem sollten die Beispiele ein Hinweis darauf sein, dass die Ablehnung des Begründens nicht unbedingt unvernünftig ist. Das Prinzip der Nachsichtigkeit sollte uns auf der Suche nach einer vernünftigen Interpretation einer solchen Ablehnung leiten.

    Genau genommen ist das Verhalten unserer Sprecher nämlich gar keine Verweigerung des Begründens. Als Grund wird jeweils eine andere Meinung angegeben, die lautet: „Ich bin sicher, dass diese Überzeugung keiner weiteren Begründung bedarf. Und die Gemeinschaft der Sprecher, zu der ich gehöre, zeigt mir mit ihrer Zustimmung, dass ich damit recht habe. Wenn du da Zweifel anmeldest, müsstest du deinerseits erst einmal sagen, wie du deinen Zweifel begründest.“[2]

    Die Verweigerung einer Begründung für eine Meinung kann also durchaus selbst als Begründung angesehen werden. Sie sagt: Diese Meinung bringt eine grundlegende Überzeugung von mir zum Ausdruck, und die Tatsache, dass andere mit mir diese Grundüberzeugung teilen und dass zudem auch diese anderen der Meinung sind, dass das nicht weiter begründet werden muss, zeigt mir, dass meine Meinung selbst begründet ist: In unserem gemeinsamen Grundverständnis davon, was überhaupt richtig sein kann.

    „Herrscht“ die Meinung?

    Man könnte solche nicht weiter zu begründenden Meinungen als „herrschende Meinungen“ bezeichnen, aber ein solches Verständnis kann auch in die Irre führen. Richtig ist: Wer solche Meinungen nicht anerkennt, wer auch für sie Begründungen fordert, die anders sind als nur Verweise darauf, dass diese Meinung nun mal zu den grundlegenden Überzeugungen der Gemeinschaft gehört, wird zumeist aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Insofern „herrscht“ die Meinung.[3] Aber diejenigen, die die Meinung „haben“, müssen sich nicht unterworfen fühlen, sie werden also nicht beherrscht – jedenfalls ist das nicht zwingend.

    Das bemerkt man auch, wenn man darüber nachdenkt, was mit einem selbst passiert, wenn eigene grundsätzliche Meinungen in Frage gestellt werden. Wenn Alice eine Meinung vertritt, die etwa mit den moralischen Vorstellungen von Bob nicht übereinstimmt, wird Bob nicht unbedingt sagen können, warum er diese Meinung ablehnt. Schon gar nicht wird er sich auf eine „herrschende Meinung“ berufen. Er weiß aber sicher, dass mit Alices Meinung etwas „nicht stimmt“.

    Solche grundsätzlichen Meinungen können auch mit dem Satz begründet werden: „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der so etwas üblich ist“. Sie haben dann also mit dem moralischen Wertesystem des Sprechers zu tun. Es ist hier nicht der Platz, die Herkunft und die „Wirkungsweise“ sowie die Veränderlichkeit dieses moralischen Kompasses zu untersuchen. Klar ist aber, dass Moral etwas ist, was nicht in jedem Einzelfall begründet werden kann, sondern selbst eine – wenigstens vorläufige – letzte Begründungsinstanz ist.

    Das heißt nicht, dass es nicht auch Meinungen gibt, die nur geäußert werden oder denen nur zugestimmt wird, weil sie in der Gemeinschaft, zu der man gehört und gehören will, allgemeiner Konsens sind. Es ist auch möglich, dass die Begründung der Meinung an diese Gemeinschaft delegiert wird, und dass der einzelne es gar nicht für nötig hält, selbst über Gründe für seine Meinung nachzudenken, weil ihm die Tatsache, dass die Gemeinschaft diese Meinung vertritt, schon Grund genug ist. Dann ist es tatsächlich die Meinung, welche herrscht. Niemand konkretes muss die Meinung wirklich begründbar haben, es genügt, dass jeder weiß, dass die anderen diese Meinung auch vertreten werden. So kann ein jeder die betreffende Meinung äußern und kann sich sicher sein, dass die Bestätigung dieser Meinung durch die anderen die eigene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft bestärkt.

    Eine philosophische Unzufriedenheit

    Aus philosophischer Perspektive können wir mit dieser Situation natürlich überhaupt nicht zufrieden sein. Zwar müssen wir zunächst akzeptieren, dass es einerseits Meinungsäußerungen gibt, die sich allein auf grundsätzliche Wertesysteme berufen, und andererseits solche, die sich nur auf den Konsens der Gemeinschaft stützen. Da aber weder die Grundüberzeugungen des Einzelnen noch der Konsens einer Gemeinschaft für einen Dritten überzeugend sein müssen, stellt sich die Frage, wie der Streit mit einem Dritten möglich ist, der diese Überzeugungen und diesen Konsens eben nicht teilt. Der Streit mit einem solchen Dritten führt womöglich dazu, dass der Konsens und die Grundüberzeugungen sich verschieben oder wenigstens fragwürdig werden. Das würde zu einer Logik des Streitens dazugehören.

    Zum anderen haben die Überlegungen dieses Textes gezeigt, dass es offenbar ganz verschiedene Arten des vernünftigen Begründens gibt, die genauer differenziert werden müssen. Es gibt Begründungen, die Gründe für Meinungen geben sollen, die selbst wieder Meinungen sind. Mit diesem Begründen verbleiben wir in der sprachlichen Sphäre. Dann gibt es aber auch Begründungen, die diese Sphäre verlassen: das eigene moralische System, der Konsens der Gemeinschaft. Diese Begründungen verweisen auf noch andere Sphären. So kann es z.B. um die Stabilität der Gemeinschaft oder um das persönliche Wohlbefinden gehen. Außersprachliche Gründe wirken sicherlich auf andere Weise auf den Streit zurück als sprachliche. Das wird noch genauer zu untersuchen sein.

     

    [1] Aristoteles spricht in der Metaphysik (4. Buch, Kapitel 4) über die grundlegendsten Prinzipien der Wissenschaft. Er schreibt: „Manche verlangen nun aus Mangel an Bildung, man solle auch dies beweisen; denn Mangel an Bildung ist es, wenn man nicht weiß, wofür ein Beweis zu suchen ist, und wofür nicht“ (1006a). Das, was Aristoteles (genauer, sein Übersetzer) hier „Bildung“ nennt, könnte man genauer als die Ausbildung und Einübung der Normen einer Gemeinschaft bezeichnen. Für uns interessant ist, dass diejenigen Überzeugungen, die keines Beweises bedürfen, von Aristoteles als die „Prinzipien“ bezeichnet werden. Ein Begriff, der uns im alltäglichen Sprachgebrauch auch heute genau in diesem Sinne begegnet. „Ich habe meine Prinzipien“ ist ein Verweis auf eben solche Grundüberzeugungen, an denen jemand festhält und die er nicht weiterführen begründungsbedürftig hält.

    [2] Wir werden uns mit der Logik des Zweifels später noch genauer beschäftigen. Hier möchte ich schon einmal den Hinweis auf Ludwig Wittgensteins „Über Gewissheit“ geben, von dem ich auch die Art dieser Beispiele übernommen habe.

    [3] Martin Heidegger spricht im §27 von Sein und Zeit von der „Diktatur“ des Man. „Weil Das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, dass ‚man‘ sich ständig auf es beruft.“

  • Meinungen sind wie Pflanzen

    Meinungen sind wie Pflanzen

    Die Meinungen der Menschen sind wie Pflanzen. Es gibt solche, die stark wie Bäume sind, denen man mit einer Axt nicht beikommt und die selbst von einem Sturm nicht umgehauen werden können, und es gibt zarte Pflänzchen, die man schützt und die man ungern in der Öffentlichkeit zeigt, weil sie unter der rauen Atmosphäre dort leiden könnten. Meinungen sind auch wie Pflanzen, weil es in der Gesellschaft einen Konsens gibt, was Unkraut und was nützlich ist, weil man meint, dass manche Pflanzen nicht dort wachsen sollten, wo wir Menschen leben. Man will einen gepflegten Lebensraum, in dem man die Übersicht behält, man will keine Wildnis, sondern Ordnung. Meinungen sind wie Pflanzen, die sich gegenseitig den Lebensraum streitig machen. Meinungen sind auch wie Pflanzen, weil das Überleben des ganzen Ökosystems am Ende davon abhängt, dass es eine Unzahl von Verschiedenheit gibt, durch die selbst dann, wenn eine Art mal die Oberhand gewonnen hat, auf Dauer wieder Vielfalt des Lebens entsteht. Meinungen sind auch deshalb wie Pflanzen, weil die Menschen, die inmitten der gepflegten Ordnung die Unordnung erhalten, wenig geachtet sind und über die, die Daheim die merkwürdigsten Orchideen und Kakteen züchten, zwar ein bisschen gstaunt, zumeist aber doch gespottet und gelacht wird.

    Die Grenzen der Gesetze

    Es gibt viele Möglichkeiten, die Pflanzenvielfalt zu begrenzen, und so ist es auch mit der Meinungsfreiheit. Gesetzliche Regelungen sind eine davon. Bekanntlich ist die Meinungsvielfalt durch das Grundgesetz geschützt, genauer gesagt, geschützt sind die Menschen bis zu einem gewissen Grad vor staatlichen Eingriffen in ihre Möglichkeiten, die Meinung zu äußern, das führt natürlich noch nicht zu Meinungsvielfalt, ist aber eine Voraussetzung dafür. Aus dem Grundgesetz folgt aber keine Verpflichtung für den Staat, Meinungsvielfalt zu befördern. Umgekehrt eröffnet es einige Möglichkeiten, die Meinungsäußerungen und damit deren Vielfalt zu begrenzen, das alles ist schon anderswo diskutiert worden und wird auch noch des öffteren diskutiert werden. Heute geht es um etwas anderes.

    Es gibt Gefahren für die Meinungsfreiheit, die durch das Grundgesetz und den Staat nicht bekämpft werden können, eben weil die Grundrechte in erster Linie eben Abwehrrechte gegen Eingriffe des Staates sind, der Staat aber deshalb noch längst nicht die Pflicht hat, für besonders gute Bedingungen für den Austausch von Meinungen zu sorgen. Man könnte sagen: der Staat wird zwar selbst in seinen Möglichkeiten begrenzt, die Meinungspflanzen zu bekämpfen oder ihr Wachstum zu verhindern, er ist aber nicht verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jede Meinung wachsen und gedeihen kann.

    So, wie das Grundgesetz uns keine Pflanzenvielfalt in den Städten garantieren kann, so kann es uns auch keine Meinungsvielfalt garantieren. Manches müssen wir einfach selbst, miteinander oder auch mal gegeneinander, erarbeiten und erstreiten. Dazu gehören dann Toleranz, vor allem aber Mut und Standhaftigkeit.

    Gärten und Risse im Asphalt

    Außerhalb des staatlichen Zugriffs gibt es bekanntlich einige Bedingungen und Situationen, die es der einen und der anderen Meinung schwer machen, zu wachsen und zu erblühen, um ihre Samen zu streuen. So braucht jede Meinung ein Medium, in dem sie wachsen kann und wahrgenommen wird, so wie die Pflanzen Parks und Gärten oder auch Risse im Asphalt und Fugen zwischen Pflastersteinen brauchen, in denen sie sich ausbreiten können. Wie die Parks und Straßen haben aber auch die Medien sowohl Eigentümer als auch Benutzer. Die Eigentümer entscheiden, was sich bei ihnen ausbreiten darf, und die Benutzer protestieren, wenn ihnen das, was sie da vorfinden, unwirtlich vorkommt. Meist lieben sie die gepflegte Ordnung, sie wollen das sehen, was sie kennen, sie wollen nicht durch unordentliches Unkraut gestört werden, und verlangen, dass man ihnen gefährliches Zeug, das womöglich schmerzt und Unwohlsein verursacht, wenn man damit in Kontakt kommt, vom Leibe hält. Das schränkt die Vielfalt und die Freiheit der Erzeuger ein.

    Man sagt dann: Such dir doch einen Garten, in dem du pflanzen kannst, was du willst! Aber pass auf, dass die Samen nicht über die Zäune fliegen! Man verweist darauf, dass die öffentlichen Plätze doch ohnehin schon voll sind von allem möglichen unansehnlichen Gewächs, und dass doch hier und da – sehr zum Leidwesen der ordnungsliebenden Bevölkerung – das unerwünschte Kraut schon wächst und gedeiht. Und in dieser und jener Sendung des Fernsehens würde doch regelmäßig auch das Unkraut vorgeführt, da könne doch keiner sagen, dass es nicht zugelassen wäre, nur, weil man es nicht überall sehen will!

    Reale Gefahren

    Nicht ganz so metaphorisch: dass jede Meinung irgendwo einen Platz findet, an dem sie willkommen ist und ausgesprochene werden kann, und dass fast jede Ansicht auch immer wieder in den öffentlich-rechtlichen Medien geäußert werden kann, heißt nicht, dass es um die Vielfalt der freien Meinung gut bestellt ist. Die Frage bleibt nämlich, woher denn der Konsens kommt, dass die eine Meinung herzlich willkommen und die andere nur zähneknirschend gelitten ist, woher wir die Übereinstimmung nehmen, um wieder ins Metaphorische zu wechseln, dass dieses eine schöne Blume und jenes ein hässliches Unkraut ist, das eigentlich ausgerottet gehört.

    Und dieser Konsens bleibt nicht ohne Folgen, denn fast jeder von uns wünscht sich Anerkennung und ein bisschen Geborgenheit in der Gemeinschaft und nur wenige haben die Stärke, ihr Kraut zu pflegen, weil sie es für eine Heilpflanze halten, wenn man ihnen ständig sagt, es sei giftiges Zeug.

    Dass einige von diesen selbstbewussten Menschen es dann immer wieder in die Öffentlichkeit schaffen und dort sagen können, dass es um die Meinungsfreiheit schlecht bestellt sei, zeigt eben nicht, dass sie unrecht haben, weil sie es ja sagen können. Sie sprechen ja nicht nur für sich, sie sprechen im Namen derer, die sich längst entschieden haben, nicht mehr zu sprechen, die ihr Kräuterbeet nur noch auf dem heimischen Balkon pflegen und ab und zu ein paar Freunde einladen, um sich mit ihnen darüber zu verständigen, dass die Welt viel besser wäre, wenn statt Blumen überall dieses Kraut wachsen würde.

    Nur Mut (auch zum Kalenderspruch)

    Natürlich muss man auch mutig genug sein, seine Meinungs-Saat einfach immer wieder in die Welt zu streuen, auch wenn man dafür von den ordnungsliebenden Bürgern beschimpft oder verachtet wird. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, ist der passende Kalenderspruch dazu. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, ist gleich noch ein weiterer. Wer beim „Man darf je eh nicht…“ stehenbleibt, macht sich lächerlich, wenn er es nicht immer mal wieder probiert hat. Aber zu negieren, dass die Gesellschaft mit ihrer Sehnsucht nach Ordnung, Klarheit und Einfachkeit es den Außenseitern oft fast unerträglich schwer macht, ist auch nur ein Schutzmechanismus, um die eigene Verantwortung für Vielfalt und Freiheit zu bestreiten.

    Welche Kräuter und welche Meinungen die Menschen wirklich brauchen, um zu genesen, weiß niemand, gewiss scheint mir, dass wir derzeit so etwas wie ein Artensterben in der Meinungsvielfalt beobachten. Es bleiben nur die ganz harten übrig, die stacheligen und die dicken glatten. Die zarten, filigranen, schillernden, die Mischformen sterben aus.

    Aber zum Glück sind Meinungen wie Pflanzen. Sie streuen ihre Samen, und die können lange Dürreperioden überstehen. Irgendwann ändert sich das Klima, dann treiben sie wieder aus und wachsen und blühen in einer Vielfalt, dass es eine Freude ist.