Schlagwort: Mord

  • Frankfurt HBF, Montagmorgen

    Frankfurt HBF, Montagmorgen

    Am vergangenen Montag gegen 10 Uhr morgens ereignete sich auf Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs ein grauenvolles Verbrechen: Ein 40jähriger Mann eritreischer Herkunft stieß eine Mutter und deren acht Jahre alten Sohn, sich ihnen heimtückisch von hinten nähernd, von der Bahnsteigkante vor einen einfahrenden Zug. Während sich die Frau in letzter Sekunde durch seitliches Wegrollen retten konnte, gelang dies dem Kind nicht. Es wurde von der Lokomotive erfasst und zermalmt. Nachdem der Täter, nun allerdings erfolglos, versucht hatte, eine dritte Person ins Gleisbett zu schubsen, floh er, wurde von geistesgegenwärtigen Zeugen verfolgt, die ihn ein paar hundert Meter weiter stellten, beherzt überwältigten und an die nun herbeieilende Polizei übergaben. So weit – so fürchterlich.

    Zehntausende digitale Beileidsbekundungen

    Minuten später verbreitete sich die Nachricht dieser Tragödie wie ein Lauffeuer im Netz. Im Sekundentakt wurden Beileidsbekundungen, Betroffenheitsadressen, Wie-schlimm-man-sowas-findet-Texte gepostet, sich Sorgen darum gemacht, ob die Mutter diesen Schock wohl jemals verarbeiten wird. Alles in Ordnung. Auch ich dachte im ersten Moment mit Schaudern daran, was mir und meinen Kindern, wenn wir im Kölner Hauptbahnhof hin und wieder auf die S-Bahn warten, doch so alles passieren könnte.

    Man musste nicht lange Ausschau halten bis in Facebook & Twitter das geschah, was immer geschieht, wenn der Täter über einen Migrationshintergrund verfügt und eine dunkle Hautfarbe spazieren trägt: die Gerüchteküche begann zu brodeln, köchelte, erhitzte zunehmend, bis sie in Tötungsfantasien in Blickrichtung auf den Eritreer kulminierte. Befeuert durch Posts wie diese:

    An Entsetzlichkeit ist diese Tat kaum mehr zu überbieten – was muss noch passieren? Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!
    © Alice Weidel, MdB, AfD

    „Frau Merkel, Sie werden nie wissen, was es bedeutet Mutter zu sein, weder für ein Kind, noch für dieses Land! Aber ich verfluche den Tag Ihrer Geburt!“
    © Verena Hartmann, MdB, AfD

    Speziell beim zweiten Tweet fragt man sich, wes Geistes Kind man sein muss, um solch einen Unflat in die Welt hinauszurotzen.

    Schmaler Grat zwischen Betroffenheit und Hetze

    Schuld waren also mal wieder die arme Kanzlerin und deren Grenzöffnungspolitik im Spätsommer 2015. Des Weiteren wurde darauf hingewiesen, dass junge Afrikaner eben genetisch und qua Sozialisation zu Gewalt neigen, keinerlei Respekt vor Frauen zeigen, zumal wenn sie dem Islam anhingen. Der Einwand, doch erst einmal in Ruhe die Verlautbarungen der Ermittlungsbehörden abzuwarten, wurde weggebügelt mit dem Argument: „Erklären Sie das mal den Eltern des toten Jungen“. Warum ich als Wildfremder den Eltern überhaupt was erklären muss, wird mir wiederum nicht erklärt.

    So weit – so vorhersehbar in der digitalen Hölle.

    Der Innenminister unterbrach sofort seinen Urlaub. Weshalb er das nun ausgerechnet bei diesem Vorfall tat und nicht ebenfalls bei all den anderen Morden, die täglich bei uns geschehen, weiß außer ihm und seiner PR-Abteilung auch niemand so genau. Die auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz geäußerten Vorschläge zur zukünftigen Gefahrenabwehr in Bahnhöfen sind Placebos. Entweder zu teuer oder ineffektiv oder beides zusammen. Jemand, der morden will, mordet. Falls er dafür, weil an einem bestimmten Ort alle anderen Möglichkeiten ausscheiden, eine Nylonschnur oder eine Nagelfeile benutzen muss, wird er es tun. Und niemand wird ihn daran hindern.

    Nicht alle Kölner sind Gewaltverbrecher

    Zurück zu den Frankfurter Ermittlern. Die veröffentlichten im Laufe des Dienstags und Mittwochs folgende Erkenntnisse: Bei dem 40jährigen handelt es sich um einen Eritreer, christlich-orthodox, der seit 2006 in der Schweiz lebt, dort über einen sogenannten Sicheren Aufenthaltsstatus verfügt, kurz vor der Einbürgerung steht, verheiratet ist, drei Kinder hat, einer geregelten Arbeit nachgeht und als hervorragend integriert gilt. Er befand sich seit einiger Zeit in psychologischer Behandlung, war im vergangenen Jahr sowie letzte Woche in seinem Heimatort ausgeflippt, hatte eine Nachbarin bedroht, war geflohen und abgetaucht. In Deutschland hielt er sich erst seit drei, vier Tagen auf.

    Das bedeutet wiederum: Der Mann war weder ein aggressiver Bootsflüchtling, den die zu laxe Merkelpolitik ständig ungefiltert in unser Land hineinspülen lässt, noch gehörte er dem Islam an, noch saugte er den Sozialstaat aus, noch war er ein blitzradikalisierter, frustrierter Einzelgänger oder gar ein Schläfer einer Terrorzelle. Er war, und das wird sich im Verlauf der weiteren Befragungen herausstellen, ein verwirrter Einzeltäter, der ohne ein für den Normalmenschen begreifbares Motiv spontan tötet. Und da sich bloße Verwirrung nicht unbedingt strafmildernd auswirkt, kann ihm  eine (lebens-) lange Haft drohen. Und falls er schuldunfähig sein sollte, erwartet ihn der Maßregelvollzug, der solange dauert, bis von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Das ist auch völlig okay. Mitleid mit einem Kindsmörder muss niemand haben.

    Was aber nicht okay ist, sind die voreiligen Schlüsse, die immer dann gezogen werden, sobald ein fremdländisch aussehender Mensch ein Verbrechen begeht. Weder ist Mord symptomatisch für alle Eritreer, noch für alle Afrikaner oder Flüchtlinge oder alle Männer. Gemordet wird unabhängig von Nationalität, Religion und Hautfarbe. Es scheint in gewissen Kreisen mittlerweile ein Volkssport geworden zu sein, vom Einzelfall sofort auf gruppenbezogene Abnormitäten schlusszufolgern. Interessanterweise habe ich aber bisher noch nie gelesen, wenn drei Morde in Köln geschehen: „Vorsicht vor Kölnern! Die sind alle Verbrecher“. Das Etikett „Ständig gewaltbereit“ klebt man lieber anderen auf die Stirn. Vornehmlich Ausländern und da am liebsten denjenigen, die nicht so aussehen wie der 08/15 Biodeutsche. Halt unterm Strich ganz ordinäre Fremdenfeindlichkeit.

    Oder, um mit den Worten Jan Böhmermanns, die der nach der Frankfurter Tat twitterte, zu schließen:

    Wenn du dich nur aufregst, wenn der Täter eine Hautfarbe hat, die dir nicht passt, dann bist du kein besorgter Bürger, dann bist du einfach ein Rassist.

  • Waffen verbieten in den USA? Es ist kompliziert.

    Waffen verbieten in den USA? Es ist kompliziert.

    In den USA sind wieder Menschen erschossen worden. Es war ein Amoklauf, oder ein Hinterhalt für Polizisten, oder Polizisten haben einen Schwarzen erschossen – oder es war irgendeine Schießerei, die nur eine lokale Zeitungsmeldung wert ist. Im Jahr werden in den USA rund 12.000 Menschen erschossen, also täglich mehr als 30. Es sind nicht die großen Amokläufe oder Anschläge, die auch bei uns bekannt werden, es sind nicht die spektakulären, rassistisch oder politisch motivierten Taten, es ist nicht die Polizeigewalt – es sind die unzähligen Schießereien und Morde, die sich zu dieser Zahl summieren.

    Je 100.000 Einwohner sterben in den USA jedes Jahr zwischen drei und vier Menschen durch Schusswaffengewalt. Ist das eigentlich viel? Ich weiß, jeder Tote ist einer zu viel, das sagt man gern sehr schnell. Aber da es ja auch andere Möglichkeiten gibt, einen Menschen zu töten, als mit einer Schusswaffe, muss man, um die Situation in den USA einordnen zu können, einen Vergleichsmaßstab finden. Tatsächlich gibt es internationale Vergleiche, die UNO erstellt Statistiken zur so genannten Tötungsrate (Tötungen je 100.000 Einwohner). Da liegt die USA weltweit mit fast fünf Tötungen je 100.000 Einwohner im Mittelfeld, deutlich unterhalb der mittleren Tötungsrate von 6,2 / 100.000 Einwohner. Gemessen an Westeuropa ist das trotzdem sehr viel, hier zählt man ca. eine Tötung je 100.000 Einwohner im Jahr. Allerdings liegen die baltischen Länder Litauen, Lettland, Estland mit 5-7 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohner oberhalb der amerikanischen Quote, in Russland etwa liegt die Rate etwa doppelt so hoch wie in den USA. Und in der Schweiz, deren Waffenrecht ebenso liberal ist wie das US-amerikanische, liegt die Rate bei gerade mal 0,6 Tötungen je 100.000 Einwohner.

    Natürlich sollte Russland oder gar Südamerikanische oder afrikanische Bürgerkriegsländer kein Maßstab für die USA sein – eher dann eben doch schon Frankreich oder Deutschland. Und die Rechnung scheint ja einfach zu sein: Nehmt den Leuten die Schusswaffen weg, dann bleibt von den fünf Tötungen je 100.000 Einwohner nur noch einer übrig und schon hätten die Vereinigten Staaten westeuropäische Verhältnisse.

    Damit kommen wir aber auf das eigentliche Problem: Wie sollte man das denn bitteschön anstellen?

    Man stelle sich vor, die amerikanische Regierung beschließt: Ab dem 01.01.2017 ist der Waffenbesitz verboten. Alle Bürger werden aufgefordert, die in ihrem Besitz befindlichen Waffen abzugeben. Wir wollen hier einmal von den Schwierigkeiten absehen, dass dazu möglicherweise die amerikanische Verfassung geändert werden müsste – es sei als rechtlich möglich angesehen.

    Was würde geschehen?

    Brave Bürger und Verbrecher

    Sicherlich würde es ein paar ganz brave Bürger geben, die ihre Waffen abgeben. Man könnte versuchen, anhand von Registrierungen und Nachweisen Waffenbesitzer konkret anzuschreiben und zur Abgabe ihrer Waffen aufzufordern. Auch das würden einige brave Bürger tun. Andere würden angeben, ihre Waffe vor langer Zeit verloren, verkauft oder verschrottet zu haben.

    Vermutlich würden vor allem solche Leute bereit sein, ihre Waffe abzugeben, die diese ohnehin nie benutzen würden, die ihre Pistolen und Gewehre seit Jahren sicher verwahrt und längst als große Last empfunden haben. Man könnte sagen, dass man damit schon mal ein paar spektakuläre Amokläufe verhindern könnte, bei denen Jugendliche sich aus dem Waffenschrank der Eltern bedient haben. Klar, das wäre nicht schlecht, aber wie gesagt, das ist ohnehin nur eine kleine Zahl. Und wer andere töten oder mit in den Tod ziehen will, das zeigen ja auch Ereignisse im friedlichen Westeuropa, der findet auch andere Mittel.

    Diejenigen, die hingegen mit dem Gedanken spielen, in bestimmten Situationen ihre Waffe auch gebrauchen zu wollen, würden sicherlich gute Ideen entwickeln, um dem Abgabegebot zu entgehen.

    Die „echten“ Verbrecher dürften es dabei am einfachsten haben, denn sie werden ohnehin nicht als rechtmäßige Besitzer ihrer Waffen registriert sein. Im Ergebnis würde es zu einer Entwaffnung der friedlichen Menschen kommen, wohingegen die gewaltbereiten Verbrecher ihre Schusswaffen behalten würden.

    Es ist dies das gleiche Prinzip wie bei jeder Verschärfung eines Kontroll- und Überwachungsgesetzes, es trifft diejenigen, die Rechtschaffenden, während sich die Kriminellen entziehen können.

    Was also kann man tun?

    Es ist wie beim Rauchen

    Zunächst mal ist Besonnenheit gefragt. Dabei sollte man auch sehen, dass der Schusswaffeneinsatz in den USA über Jahrzehnte rückläufig ist. Das zeigt, dass die Bürgergesellschaft sich in den USA in eine friedliche Richtung entwickelt, dass das Tragen und der Einsatz einer Schusswaffe mehr und mehr abgelehnt werden. Das muss im Vordergrund der Diskussion stehen. Der Schein trügt, es werden nicht immer mehr, sondern immer weniger Menschen in den USA Opfer von Waffengewalt.

    Das Beispiel Schweiz zeigt zudem, dass ein liberales Waffenrecht nicht automatisch zu vielen Morden oder Amokläufen führt. Es kommt vielmehr auf die gesellschaftliche Situation insgesamt an – und da waren die USA zumindest in den letzten Jahrzehnten offenbar auf einem guten Weg, auch wenn wir das aus unserer feinen europäischen Perspektive nicht so sehen wollen.

    Die Gesetzgebung sollte diesem guten Trend folgen, und ihm nicht vorauseilen. Auch hier gibt es Vergleiche zu europäischen Entwicklungen auf anderen Gebieten. Ein Rauchverbot in Gaststätten und in der Öffentlichkeit überhaupt ist erst durchsetzbar, wenn der gesellschaftliche Konsens schon auf die Ablehnung des Rauchens in der Öffentlichkeit gerichtet ist. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber im Prinzip ist es mit dem Waffenbesitz ganz genauso.