Schlagwort: Rundfunk

  • Wider den Quotenwahn

    Wider den Quotenwahn

    Auch die moderne Gesellschaft, deren ökonomisches und politisches Grundprinzip der Wettbewerb ist, entzieht einige wesentliche soziale und kulturelle Institutionen aus gutem Grund dem Markt. Das sind die Institutionen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind, dass sie aber auf der Grundlage einer Angebots-Nachfrage-Ökonomie nicht existieren könnten. Theater gehören dazu, Museen, Kunstausstellungen. Aber der grassierende Quotenwahn bringt auch dort den Markt hin: den der Aufmerksamkeitsökonomie.

    Dinge, die wir brauchen, aber nicht bezahlen wollen

    In einer zivilen Gesellschaft besteht Konsens darüber, dass es Dinge gibt, die für das Bestehen der Gesellschaft wichtig sind, auch wenn keiner persönlich für ihre Benutzung so viel bezahlen möchte, dass allein aus dieser Benutzung ihre Existenz sichergestellt ist. Dazu gehören vermutlich noch mehr Institutionen als die kulturellen Einrichtungen, die ich gerade genannt habe, aber ich möchte einmal bei dieser Art von Unternehmungen bleiben. Auch die Ausstellungshallen, Opern- und Schauspielhäuser sehen sich immer wieder der Forderung ausgesetzt, doch ein Angebot zu machen, für das das Publikum zu zahlen bereit ist – aber gleichzeitig wissen wir, dass das nicht ganz funktionieren wird. Und wir haben irgendwie die Gewissheit, dass es für den Erhalt unserer Kultur, unseres Wertesystems, unseres zivilisatorischen Selbstverständnisses wichtig ist, dass sie trotz unserer jeweiligen Knauserigkeit und Faulheit erhalten werden. Also versuchen wir den Kompromiss: Wir finanzieren sie zum Teil aus Steuermitteln, fordern aber auch ein bisschen Marktorientierung, versuchen, sie ein bisschen zu überwachen und verlassen uns doch darauf, dass da Leute arbeiten, die schon aus ihrem Berufsethos und ihrem Spaß an der Sache heraus für recht wenig Geld ganz gute Leistungen produzieren wollen. Und so leisten sie ihren Beitrag zum Erhalt unserer Kultur.

    Es zählt nicht vor allem die Quote

    Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk ist genau so eine Institution, wie die Theater und die Museen es sind. Das Kulturgut, das er bewahrt, ist der gute Journalismus und die gute Unterhaltung. Wir brauchen den mehr denn je. Darüber müssen wir uns endlich klar werden und müssen aufhören, ihn andauernd nur am Markt, an der Quote, am Marktanteil zu messen.

    So, wie wir Theater öffentlich fördern, gerade weil wir nicht wollen, dass es zum Boulevard herabsinkt, müssen wir dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zu starke Marktorientierung sogar verbieten. Wir brauchen ihn als Qualitäts-Garanten, und damit er das bleibt, darf er nicht nur an der Einschaltquote gemessen werden.

    Kulturgut unterhaltender Journalismus ohne Quotenwahn

    Wir brauchen Journalisten, die sich Zeit nehmen für Recherchen, die Beiträge produzieren, die den höchsten Qualitätsanspruch haben, die Menschen mit schönen Geschichten suchen und mit Feingefühl porträtieren können. Wir brauchen gut geführte Interviews, die sich Zeit nehmen, Hintergründe und Details zeigen. Wir brauchen auch kreative und angenehme Unterhaltung mit Liebe zum Detail. Es geht nicht nur um seriöse Informationen, es geht auch um gut erzählte Geschichten, bei denen man sich auch Zeit für das Licht, den Ton und den Schnitt nimmt. Wir brauchen, dass Beiträge entstehen, die nicht morgen weggeworfen werden, sondern die man sich auch mit Genuss noch nach Jahren wieder ansehen kann. Das alles stabilisiert unsere Kultur, schafft Heimat und Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Auf den flüchtigen Moment gerechnet, mag das alles nicht so wichtig erscheinen, aber mit einem Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft, die sich in der journalistisch erzählten Gegenwart treffen, wird diese Qualität bedeutsam.

    Das heißt nicht, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nur noch Kultur- und Nachrichtenprogramm sein sollte. Ganz im Gegenteil. Gerade das Radioprogramm, das nebenbei beim Frühstück, in der Küche, im Auto läuft, das gut mit klugem und professionellem Journalismus unterhält, ist eine kulturelle Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, die wir nicht dem kurzfristigen Quotenwahn-Marktanteils-Denken preisgeben dürfen.

    Informationsquelle in Fake-News-Zeiten

    Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist also nicht nur, aber eben auch Lieferant vertrauenswürdiger Informationen, gut recherchiert und professionell produziert. Das wiederum ist gerade in Fake-News-Zeiten ein unschätzbarer Wert. In der Welt der sozialen Medien müssen auch die Öffentlich-rechtlichen senden, sie müssen die vertrauenswürdigen Quellen in der Online-Debatte sein. Auch dafür müssen wir sie uns leisten! Die demokratische Gesellschaft muss sich unabhängige Informations-Sender für die Online-Welt leisten, denen die Bürger vertrauen. Dafür müssen wir sie mit den nötigen Ressourcen und Freiheiten ausstatten.

    Wir brauchen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk mehr als je zuvor. Aber nicht als Spitzenreiter in den Marktanteilen, der dem Quotenwahn verfällt. Das kann auch mal schön sein, und letztendlich sollte gerade gute Unterhaltung und informative Dokumentation auch eine entsprechende Breitenwirkung haben. Aber das darf nicht von der kurzfristigen Quote her gedacht werden, nicht von der Anbiederung an den Tagesgeschmack und schon gar nicht von der Marktforschung her. Ausgangspunkt muss der eigene Qualitätsanspruch von Journalisten sein, die unabhängig von Quotenvorgaben gute Arbeit machen wollen. Die zu bezahlen und mit dem auszustatten, was sie benötigen, sollte uns die Zukunft unserer Gesellschaft wert sein.

  • Die Trivialisierung des Rundfunks

    Die Trivialisierung des Rundfunks

    Im Zusammenhang mit dem Erstarken radikaler politischer Kräfte, die mittlerweile in Parlamenten ernst zu nehmenden politischen Einfluss bekommen, wird gern über die sozialen Medien im Internet, über Anonymität und Hasskommentare geklagt. Spricht man aber mit Freunden und Kollegen in der realen Welt, fällt auf, dass nur die wenigsten ihre politischen Ansichten aus dem Netz beziehen. Zwar reden viele über die Diskussionskultur im Netz, aber die Mehrheit ist gar nicht dabei, sie sind nicht bei Facebook, sie kommentieren nicht in den Kommentarspalten der Online-Medien.

    Da stellt sich natürlich die Frage, ob wir unseren analytischen und argumentativen Eifer nicht auf eine ganz falsche Stelle der Medienwelt konzentrieren. Die politische Meinungsbildung der meisten Menschen findet weiterhin im Freundes- und Kollegenkreis statt, und sie speist sich nicht aus Facebook-Posts oder den Kommentaren im Netz, sondern aus dem, was die Menschen im Radio hören und im Fernsehen sehen.

    In diesen Medien hat in letzter Zeit jedoch ein grundlegender Wandel stattgefunden, der bedenklich ist, der Sorgen macht. Betrachten wir einmal bespielhaft den Radiosender WDR 2, den ich jeden Morgen ca. zwei Stunden lang und im Laufe des Tages hin und wieder beim Autofahren höre. WDR 2 ist einer der reichweitenstärksten Radiosender Deutschlands, täglich schalten dreieinhalb Millionen Menschen diesen Sender ein, pro Stunde hören im Schnitt mehr als eine Million Menschen diesen Sender.

    Nachrichten oder Unterhaltungsshow?

    Aufmerksamen Hörern dürften in den letzten Monaten einige Veränderungen aufgefallen sein. So dauern die Hauptnachrichten zur vollen Stunde, die früher einmal fünf Minuten gedauert haben, inzwischen nur noch vier Minuten. Zweimal wechselt der Sprecher, jeweils mit einer kurzen Anmoderation verbunden, die keine echte Information enthält. Zur halben Stunde, wenn zu den kurzen Regionalnachrichten gewechselt wird, ist die Informationsleere noch mehr zu spüren, wenn die „Station Voice“ mit dramatischer Stimme verkündet: „Und jetzt, immer um Halb, von morgens 6 bis abends 6, Ihre Lokalzeit…“

    Was darunter leidet, ist die Menge sachlicher echter Information, die tatsächlich in den Nachrichten gebracht wird. Statt Details zu nennen, gibt es nur noch Überschriften und Teaser, für mehr reicht die Zeit in diesen verkürzten Nachrichtensendungen nicht mehr.

    Man fragt sich: Was soll das? Traut man den Hörern nicht mehr zu, ein paar sachliche, komprimierte, und trotzdem detaillierte Informationen aufzunehmen? Glaubt man, wir würden nur noch Radio hören, wenn selbst die Nachrichtensendungen zu Entertainment-Shows werden?

    Wahrscheinlich gibt es ja irgendwelche Experten, die meinen, dass die Aufmerksamkeitsfähigkeiten der Zuhörer nachlasse. Aber vielleicht liegt das ja auch – wenn es überhaupt zutrifft – am mangelndem Training. Die Leute werden nicht immer dümmer, man muss sie nur fordern. Und ein Radiosender, zudem ein öffentlich-rechtlicher Informations- und Unterhaltungssender, sollte nicht einer imaginierten Dummheit der Hörer hinterherlaufen, sondern seinen Auftrag als Anspruch verstehen.

    Auch die Wortbeiträge zwischen den Musiktiteln sinken ständig im Niveau. Zur besten Sendezeit hat man den Eindruck, dass fast nur noch platte Comedy nahe am Mario-Barth-Niveau gebracht wird. Die politische Hintergrundinformation, der sachliche Kommentar und der detaillierte Bericht sterben.

    Skandalisierenden Interviews

    Politik kommt überhaupt fast nur noch als skandalisierendes und trivialisierendes Politiker-Interview vor. Sicherlich sollen Journalisten kritisch nachfragen. Aber zur Sache, und nicht, um den Gesprächspartnern Sätze zu entlocken, die als machtkampf-Skandälchen ausgeschlachtet werden können. Das ist einfach, deshalb scheinen sich die Moderatoren gern darauf zu konzentrieren. Man hat den Eindruck, dass sie ihren ganzen Stolz daraus ziehen, einen Politiker im zwei-Minuten-Interview in eine Falle gelockt oder ihm einen unbedachten Satz entlockt zu haben. Verantwortung für sachliche politische Berichterstattung, die vielleicht auch mal das Funktionieren unserer demokratischen Verfahren in schwierigen Zeiten demonstriert? Fehlanzeige.

    Solchen Interviewformen sind nur Demagogen und Populisten gewachsen, die ihre absurden Forderungen in einfache Schlagworte bringen können. Verantwortungsvolle Politiker, die etwas abzuwägen und zu entscheiden haben und die vielleicht sogar wollen, dass die Bürger die schwierigen Entscheidungsprozesse verstehen, haben da keine Chance. Sie haben ja genug damit zu tun, unter dem Druck des unsachlich nachhakenden Moderators die richtige gendergerechte Ansprache nicht zu vergessen.

    Am Ende unterstützt dieses Radioprogramm genau die, über man vordergründig die Nase rümpft: radikale Simplifizierer und Populisten. Man mag sich einreden, dass man so handeln muss, weil man selbst als öffentlich-rechtlicher Sender unter Rechtfertigungsdruck steht und dem Sparzwang ausgesetzt sei. Man mag anführen, dass man darum kämpft, die Hörer nicht an private Konkurrenten zu verlieren, denen die sachliche Information noch viel mehr egal ist.

    Das ist aber alles Unsinn. Zuerst muss man den Anspruch hoch halten und den Auftrag, den man als öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat, auch erfüllen. Dann werden die klugen und besonnenen Bürger auch dafür sorgen, dass dieser Rundfunk, den wir mehr brauchen als je zuvor, auch erhalten bleibt. Wenn man aber der Trivialität und Dummheit hinterherrennt, macht man sich wirklich sehr bald überflüssig. Dann will auch niemand mehr Gebühren für etwas bezahlen, was man einen Frequenzschritt weiter auch umsonst bekommen kann.

  • Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und auch einige der so genannten seriösen Medien versuchen uns in den letzten Tagen eindringlich klar zu machen: wir müssen uns nicht so doll fürchten vor den Terroristen. Es wird uns, also jedem einzelnen von uns, schon nichts passieren. Wir, also Sie, liebe Leser ganz persönlich, müssen wirklich keine Angst haben, bei einem Terroranschlag zu sterben, genauso wenig wie der Autor dieser Zeilen.

    Dazu werden Statistiken über Todesursachen bemüht und Wahrscheinlichkeiten für bestimmte schlimme Todesszenarien berechnet. In der letzten Kolumne hatten wir gesehen, dass die Berechnung solcher Wahrscheinlichkeiten im Falle von Terrorangriffen derzeit schlicht unmöglich ist. Aber sei es drum.

    Die spannende Frage ist ja eigentlich: Wer muss denn hier überhaupt beruhigt werden?

    Haben Sie Angst vor Terror?

    Wenn ich so durch die Straßen  gehe, begegne ich eigentlich nirgends Menschen, die besonders ängstlich wirken. Niemand blickt sich argwöhnisch um im Einkaufszentrum, keiner versucht ängstlich, Menschenansammlungen zu vermeiden. Alle sitzen gelassen in den Cafés, plaudern friedlich mit den Verkäufern auf dem Markt.

    Auch im vertrauten privaten Gespräch hat mir noch niemand seine Angst vor dem Terror gestanden. Dass jemand mit verzweifelt zitternden Händen, schweißnasser Stirn und zitternder Stimme flüstern würde, er habe große Angst, von einen Terroristen umgebracht zu werden – nein, das ist mir noch nicht passiert.

    Die seriösen Medien geben natürlich nichts auf meine anekdotischen Erfahrungen. Sie schicken die Meinungsforscher los, damit ihnen eine repräsentative Stichprobe von Alltagsmenschen ihre Ängste mitteilen. Meinungsforscher sind allerdings keine Psychologen, die in geduldigen Sitzungen die Ängste ihrer Interviewpartner ausloten. Sie haben statt dessen Fragebögen, auf denen man ankreuzen kann, ob man einer Aussage zustimmt oder nicht oder es nicht weiß.

    Was fragen also die Meinungsforscher? Geben Sie mal in eine Suchmaschine Ihrer Wahl „Umfrage Terror“ ein. Ignorieren Sie die skandalisierenden Überschriften, versuchen Sie statt dessen, im Text herauszufinden, was in den Umfragen wirklich gefragt wurde. Sei werden sehen, das ist gar nicht so einfach. Insgesamt ergibt sich das folgende Bild. Gefragt wird zumeist, ob man der Meinung ist oder fürchtet, dass die Terrorgefahr oder die Zahl der Terroranschläge in Deutschland oder in Europa in nächster Zeit zunehmen wird.

    Wenig überraschend antworten die meisten Menschen da mit „Ja“.

    Finden Sie irgend eine Umfrage, in der auch nur gefragt würde, ob jemand Angst habe, selbst Opfer eines Terroranschlags zu werden? Wenn ja, her mit dem Link!

    Schon die Berichte über die jeweilige Umfrage lesen sich dann aber ganz anders: Da wird dann mal eben gesagt, die Angst vor dem Terrorismus würde wachsen. Das ist, wenn man den Umfrageergebnissen traut, nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.

    Dann kommen die Aufklärer

    Nun kommen die Experten ins Spiel, die klugen Aufklärer der Tagesschau und die Professoren der Soziologie und der Psychologie. Sie sagen uns: Leute, ihr braucht keine Angst haben. Ihr werdet nicht bei einem Terrorangriff sterben!

    Darüber wieder berichten dann auch alle diese großen seriösen Zeitungen und Rundfunkanstalten, und man denkt sich: Mensch, wenn die alle so gleichzeitig beruhigend auf das Volk einreden, all diese klugen Leute, dann muss die Angst in der Bevölkerung ja wirklich groß sein. Man fragt sich plötzlich: Warum habe ich eigentlich keine Angst? Müsste ich mich nicht auch fürchten, wenn es offenbar alle tun?

    (Wenn dann der nächste Meinungsforscher kommt, dann wissen Sie auch schon, was Sie, wenn Sie normal sein wollen, auf die Fragen zur Terrorismusangst antworten müssen. Wobei: haben Sie keine Angst, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meinungsforscher gerade Sie befragt, ist sehr gering…)

    Sorge vor einer Zunahme von Terroranschlägen, das bedeutet nicht, dass man sich selbst in Todesangst befindet, nicht mal, dass man angst davor hat, bei einem Anschlag selbst verletzt zu werden. Es heißt einfach, dass man sich Sorgen macht, dass der Terrorismus hierzulande zukünftig eine größere Rolle spielt. Sich sorgen, das heißt auch, dass man bereit ist, dafür zu sorgen, mit dieser Gefahr umzugehen. Sorgen ist erst mal nichts Schlechtes.

    Deshalb sollte man solche Sorgen auch nicht zu Angst oder gar Panik hochschreiben und -reden, damit man dann, ganz besorgter Staat, die Sorgen wieder kleinreden kann – oder dem Bürger verspricht, durch diese und jene Maßnahmen dafür zu sorgen, dass uns nichts passiert.

    Sicher, das wollen diese Medien, die derzeit so eifrig versichern, dass wir keine Angst haben müssen, auch nicht. Sie sorgen sich nur um Einschaltquoten und Auflagezahlen. Vielleicht haben sie sogar Angst, dass die zurückgehen. Mit einer Schlagzeile: „Bürger nehmen an, dass es mehr Terroranschläge geben wird“ kann man niemanden locken. Also muss eine Angst her, möglichst gar eine Panik. Und ein besorgter Experte der uns dann sagt, dass wir die Angst, die wir nicht haben, wirklich auch nicht haben müssen.