Vor dem Präsidentenpalast in Litauen wehen vier Fahnen. Die gelb-grün-rote Nationalflagge und die historische Staatsflagge mit dem weißen Ritter auf rotem Grund werden gerahmt von zwei blauen Fahnen: die linke trägt den Sternenring der EU, die rechte die Windrose der NATO. Die Botschaft könnte nicht klarer sein: eine souveräne, stolze Nation, die Sicherheit und Schutz im west-mittel-europäischen Bündnis findet.
NATO-Osterweiterung
Wer mit Menschen in Litauen, wie auch in den anderen baltischen Ländern oder anderen Ländern, die Anfang der 1990er die „Union“ mit Russland verlassen haben, spricht, versteht schnell, was die Osterweiterung der NATO für die Nationen dort wirklich bedeutet. Osterweiterung, das klingt ja vor allem so, als ob die mächtigen NATO-Länder ihren Einflussbereich nach Osten ausdehnen wollte und dazu die neu gegründeten Republiken sozusagen eingegliedert oder übernommen hätten. Im Baltikum klingt das anders. Für sie war die Integration in die Sowjetunion immer eine schwer erträgliche russische Okkupation. Nie sahen sie sich an gleichberechtigte Partner innerhalb einer Union mit Russland. Sie nutzten die welthistorische Gelegenheit des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts, um sich zu befreien. Die Stabilität dieser Freiheit wiederum suchten und fanden sie im Beitritt zur NATO.
Wie berechtigt die Sorge vor einer erneuten Okkupation durch Moskau war und ist, zeigte sich im russischen Überfall auf die Ukraine, der der NATO-Schutzschirm fehlte. Seit dem zeigen die Busse in Vilnius im Wechsel mit ihrem Fahrziel „Vilnius <3 Ukraine“ und an vielen staatlichen Gebäuden weht neben der Litauischen Trikolore auch das Blau-Gelb der Ukraine. Ähnlich sieht es in anderen Hauptstädten ehemaliger „Sowjetrepubliken“ aus.
Der einzige Gefangene
In einem Burgmuseum in Trakai, ein paar dutzend Kilometer von Vilnius entfernt, empfiehlt die Mitarbeiterin mit einem verschmitzten Lächeln, unbedingt noch das Kellergewölbe des Burgturm zu besichtigen. Das sei das ehemalige Gefängnis und man habe noch einen Gefangenen. Unten angekommen trifft man auf eine lebensgroße Pappfigur in Häftlingskleidung mit dem Konterfei des russischen Präsidenten Putin.
Wer wissen will, warum es gut ist, dass die NATO nun im Baltikum an Russland grenzt, der sollte mit den Balten sprechen. Und wer dann immer noch findet, wir West- und Mitteleuropäer hätten mit all dem nichts zu tun und der Krieg, den Russland dort führt, um seinen vergangenen Machtbereich wieder herzustellen, wäre nicht unserer, der hat den Wert der Freiheit, die wir haben und die die Balten sich errungen haben und nun behalten wollen, nicht verstanden, weil er uns so selbstverständlich geworden ist.





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