Der Beitrag von Berno Hoffmann zu einem pädagogischen Blick auf das Thema Leihmutterschaft hat mich dazu angeregt, meine Gedanken, die mir zu diesem Thema in den letzten Wochen durch den Kopf gehen, einmal aufzuschreiben. Natürlich ist vieles dazu schon gesagt und geschrieben worden. Allerdings verweist dieser Weg, Kinder zu bekommen, auf ein weiteres Feld, das durchdacht werden muss.
Was heißt „bekommen“?
Schon die Verwendung von Verben wie bekommen und zeugen, die wir herkömmlicherweise für bestimmte Ereignisse im Verlauf des Zur-Welt-Kommens eines Kindes verwenden und die sich beim Weg über die Leihmutterschaft merkwürdig falsch anfühlen, verweist darauf, dass hier ein grundsätzlicher Wandel geschieht, der Selbstverständlichkeiten, ohne dass wir es schon bemerken müssen, fragwürdig macht. Natürlich haben die Menschen, die sich mit Hilfe einer Leihmutter ein Kind – ja was? – verschafft haben, dieses Kind in irgendeinem Sinn bekommen. So, wie man ja auch ein Geschenk bekommt oder ein Paket oder ein Haustier. Aber ein Kind bekommen hat früher die Mutter, indem sie es geboren hat. man könnte nun sagen, dass das Verb bekommen hier eben früher eigentlich falsch war, die Mutter hat das Kind nicht bekommen, sondern geboren, zur Welt gebracht, bekommen hat es allenfalls der Vater, und die älteren Geschwister haben ein neues Geschwisterkind, die Großeltern, ein Enkelkind bekommen.
Aber das kann dahingestellt bleiben, weil ein Kind bekommen eben etwas über die Frau sagte, die schwanger war und dann dieses Kind geboren hat und damit die Mutter wurde, und in diesem Sinn bekommt das Kind, wenn es von einer Leihmutter ausgetragen wurde, eben keiner von denen, die die Leihmutter bezahlen um dann ein Kind zu haben.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zeugen des Kindes, egal, ob man diese Tätigkeit nun nur dem Vater, dem Erzeuger allein zuschreibt oder ob man das Zeugen eines Kindes den Eltern gemeinsam zuschreibt. Wer hat das Kind, das von einer Leihmutter ausgetragen wurde, gezeugt. Die Frage stellt sich natürlich auch bei anderen Verfahren der modernen Fortpflanzungsmedizin. Die Personen, deren Ei- und Samenzellen da zur Verschmelzung gebracht werden, haben jedenfalls im bisherigen Sinn kein Kind gezeugt, diese anstrengende und für manche wohl auch ungeliebte Tätigkeit konnten sie vermeiden.
Man könnte sagen: Sie wollen ein Kind haben ohne es zu zeugen und zu bekommen. Und dieser merkwürdige Satz verweist nun auf den bemerkenswerten Wandel, der hier passiert ist.
Von der Selbstverständlichkeit zum Wunsch
Es ist noch gar nicht so lange her, da gehörte das Kinder-Bekommen zu den selbstverständlichen Begleiterscheinungen des Lebens. Man fragte nicht, ob man ein Kind haben will. Womöglich hätten die meisten Menschen, wenn sie gefragt worden wären, ob sie Kinder haben wollen, mit Nein geantwortet, allerdings hätten sie die Frage vielleicht auch absurd gefunden, so, wie es absurd gewesen wäre, sie zu fragen, ob sie eigentlich atmen oder essen wollen, oder ob sie arbeiten, ob sie die greisen Eltern pflegen wollen.
In bestimmten Situationen konnte das Leben mit einem Kind auch so prekär, so gefährlich erscheinen, dass vor allem Frauen auf keinen Fall ein Kind wollten. Es ist bemerkenswert, dass die Verhinderung einer Geburt durch einen Schwangerschaftsabbruch damals tabuisiert, geächtet und mit Strafe bedroht war. Man kann sagen, dass Frauen, vermutlich auch Männer, im Grunde keine Kinder wollten, dass aber die Gesellschaft durch die Selbstverständlichkeit des Geschehens, zudem durch Moral und Strafe dafür gesorgt hat, dass sie Kinder bekommen, sodass die Gesellschaft als ganze erhalten und intakt blieb, auch wenn die einzelnen Menschen litten.
Aber auch für die einzelnen konnte es notwendig sein, dass sie selbst und eigene Kinder haben, sei es für die eigene Altersvorsorge oder um die eigene Nachfolge für die Familie, für den Besitz oder für das Land zu sichern. Auch hier stellte sich nicht die Frage, ob man Kinder haben will, ob man einen Kinderwunsch hat, es war eine schlichte Notwendigkeit.
Diese Notwendigkeit verschwand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – wenigstens in der so genannten westlichen Welt. Gleichzeitig verschwand die Selbstverständlichkeit des Zeugens und Bekommens von Kindern durch die verschiedenen Methoden der Verhütung, insbesondere durch die Option der Anti-Baby-Pille. Wer keine Kinder bekommen wollte, konnte das Kinderbekommen einfach, sicher und effektiv verhindern. Erst dadurch stellte sich die Frage, ob und wann eine Frau oder ein Paar wirklich Kinder bekommen wollte, eine Frage, die zuvor unverständlich und absurd erscheinen konnte.
So, wie sich nun Frauen, die zuvor eben schwanger geworden sind, die Frage stellen konnten: Will ich überhaupt ein Kind, stellten sich in der Folge die, die ein Kind wollten, aber keins bekommen konnten, die Frage: Warum bekomme ich kein Kind. Diese Frage entstand, wie gesagt, erst mit der Möglichkeit, über das Kinderkriegen überhaupt frei entscheiden zu können, mit der die Frage nach dem Kinderwunsch überhaupt erst möglich wurde. Und diese Frage stellen sich nun nicht nur Frauen, die versuchen, schwanger zu werden und bei denen die Schwangerschaft ausbleibt, diese Frage stellen sich auch Menschen, die auf natürlichem Wege gar keine Kinder bekommen können, etwa Frauen, die keinen Geschlechtsverkehr mit Männern haben, oder auch Männer, die keine Frau als Partnerin haben.
Warum Kinderwunsch?
Wenn man die verschiedenen Methoden, den Kinderwunsch zu erfüllen ohne ein Kind zeugen oder bekommen zu wollen oder zu können, an ethischen Maßstäben messen will, dann muss man sich auch der Frage zuwenden, warum Menschen einen Kinderwunsch haben. Natürlich kann jede Person nach ihrem eigenen Glück streben und niemand muss sich für die Gründe eines Wunsches rechtfertigen. Aber es kann sein, dass man diese Wünsche gegen die Wünsche oder die Interessen anderer oder gar der Gesellschaft abwägen muss und für dieses Abwägen ist es nicht bedeutungslos, warum jemand einen Wunsch hat, welches Ziel er damit verfolg oder welchen Wunsch, welche Sehnsucht damit erfüllt werden soll.
Wie schon erläutert nehmen wir dabei an, dass es dem Menschen keineswegs angeboren ist, Kinder haben zu wollen. Es war über Jahrtausende einfach eine Selbstverständlichkeit, dass Kinder in die Welt kommen, ob sie gewollt waren oder nicht, stand gar nicht zur Frage und als das Zeugen und Bekommen von Kindern eine Frage der freien Entscheidung wurde, zeigte sich schnell, dass der Wunsch nach Kindern oft viel kleiner war als der nach Ungebundenheit und Freiheit von Verpflichtungen gegenüber dem Nachwuchs.
Warum also entscheiden sich Menschen in dieser Situation überhaupt für Kinder, mehr noch, warum suchen Menschen nach Möglichkeiten, ein eigenes Kind zu haben, wenn dies aus biologischen Gründen eigentlich nicht möglich ist.
Sie selbst zu fragen, würde, wie bei vielen anderen Fragen zu Entscheidungen, die die Menschen treffen, nicht unbedingt sichere Erkenntnisse bringen. Das Problem ist, dass die Menschen oft über die Gründe ihrer Wünsche und Ziele gar keine Rechenschaft abgeben können. Was sie nur wissen ist, dass sie es eben wollen, so stark wollen, dass sie alle Hebel in Bewegung setzen und, wie man so sagt, weder Kosten noch Mühen scheuen, ihre Ziele zu erreichen.
Kann man das nicht einfach hinnehmen, muss man hier unbedingt weiterfragen? In den meisten Fällen von Wünschen und Sehnsüchten sollte man wohl wirklich einfach akzeptieren, dass sie da sind und dass sie sehr stark sind und nicht weiter nach einem Warum fragen, dessen Beantwortung vielleicht auch nur eine rationale Rekonstruktion, eine fragwürdige Reduktion irrationaler Verlangen auf rational verständliche Gründe ist.
Im Falle des Kinderwunsches, zudem, wenn das Kind durch die Erfüllung des Wunsches in eine neuartige, gesellschaftlich wenig erprobte Situation hineingeboren wird, liegen die Dinge aber etwas anders, denn es ist ein Mensch davon betroffen, der dazu nicht Stellung nehmen, der sich nicht verweigern, der selbst nicht entscheiden kann. Das Kind kommt ja sogar in eine rechtliche Situation, in der es nicht frei und selbständig auf seine Situation und auf die Entscheidung derer, die es haben wollten reagieren kann, ganz davon abgesehen, dass es durch das Geschehen des Aufwachsens unter Kontrolle, Einwirkung und Beobachtung dieser Personen in ein Abhängigkeitsverhältnis gerät.
Was sagt Kant?
In dieser Situation wird umso dringlicher, daran zu erinnern, dass zu den Grundlagen der abendländischen Ethik ein Grundsatz gehört, den Kant so formuliert hat, dass der andere Mensch in meinem Handeln niemals nur Mittel, sondern selbst Zweck sein soll.
Wenn man sich diesem Grundsatz anschließt, dann muss man zunächst sagen, dass die Erfüllung eines Kinderwunsches, die Erfüllung der Sehnsucht nach einem eigenen Kind, wenn man doch auf herkömmlichen, Jahrtausende erprobtem Wege keines haben kann, allein kein Grund sein darf, dass dieser Wunsch auch erfüllt wird. Das Kind ist dann ja nur Mittel, nicht selbst Zweck für sich.
Aber, so kann man sofort einwenden, das gilt doch für die Erfüllung jedes Kinderwunsches. Immer, wenn Menschen sagen: Nun will ich gern und unbedingt ein Kind haben, steckt dahinter erst mal nur der eigene Wunsch, zu dessen Erfüllung das Kind das Mittel ist und nichts weiter. Man kann doch genau besehen nie sagen: Das Leben dieses neuen Menschen ist der Zweck, der Selbst-Zweck, denn im Gegensatz zu allen Situationen, die wir mit dem genannten moralischen Grundsatz sonst betrachten, ist der Mensch, der selbst zum Zweck werden soll, ja im Moment der Entscheidung gar nicht da und kann dazu nicht selbst Stellung nehmen. Wir können nicht sagen, dass er dieses Leben selbst will, weil er sich selbst dazu nicht äußern kann – aber gerade auf diese Möglichkeit käme es an.
Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den Kinderwünschen, die in herkömmlichen, lange praktizierten Situationen zur Welt gekommen und aufgewachsen sind und denen, die nun, zunächst vereinzelt, auf neuartigen, unerprobten Wegen ins Leben geraten. Wir können sehr viele Menschen befragen, ob sie, im Nachhinein, mit den Umständen ihrer Geburt einverstanden sind und ob sie diesen Lebensbeginn so gewollt hätten. Wir können uns vor allem auch selbst befragen. Natürlich werden wir sehr viele unterschiedliche Antworten bekommen, je nach dem, wie die Menschen über ihr Leben und über die ersten Schritte, die sie auf ihrem Lebensweg gemacht haben, im Rückblick denken. Aber wie werden sie antworten, wenn man sie fragt, wie wichtig es ihnen ist, die eigene leibliche Mutter, der eigenen Vater zu kennen, in ihrer Obhut aufgewachsen zu sein und zu ihnen eine emotionale, persönliche Beziehung zu haben, dann werden das wohl viele Menschen als wichtig für sich selbst ansehen, gerade auch, wenn das Leben ihnen das nicht ermöglicht hat. Die emotionale Verbindung zu den leiblichen Eltern ist in Berichten, Analysen, Selbstzeugnissen sowie in der Kunst immer wieder ein großes Thema. Gerade wenn ein Elternteil unbekannt oder nicht erreichbar ist, wenn es unmöglich ist, sich mit ihm zu beschäftigen, mit ihm in Beziehung zu treten, vielleicht auch nur, um die Beziehung zu beenden, spürt der Mensch, wie wichtig das Wissen um die eigene persönliche Herkunft ist.
Insofern kann man wohl sagen, dass jegliches Verfahren, einen Kinderwunsch zu erfüllen, bei dem Kind die persönliche Beziehung zu seinen biologischen Eltern verwehrt oder erschwert wird, problematisch ist. Dem Kind, dessen Leben auf diese Weise initiiert wird, wird sogleich eine Bürde aufgeladen, die bekannt ist und die vermeidbar wäre, und das, weil sich Menschen einen Wunsch erfüllen wollen, zu dem das Kind das Mittel ist.
Kein Fazit
Man wird sagen, dass bei der Leihmutterschaft ja die biologischen Eltern durchaus bekannt sein können, dass es sogar diejenigen sein können, bei denen das Kind aufwächst. Zwar ist bei dem Fall, der zuletzt in Deutschland heftig diskutiert wurde, nicht einmal das der Fall, aber wir könnten die Situation, in der sich ein heterosexuelles Paar, aus welchem Grund auch immer, entscheidet, ein Kind aus der eigenen Eizelle der Frau und dem Samen des Mannes von einer Leihmutter austragen zu lassen, gesondert betrachten. Wäre er weniger problematisch? Das ist schwer zu sagen, wieder kann sich aber jeder in Selbstreflexion Gedanken darüber machen, wie es wäre, wenn man wüsste, das man im Leib einer Frau zum Menschen gereift ist, die unbekannt ist.
Dieser Text kommt an sein Ende, ohne dass er mit einer klaren Schlussfolgerung, einem klaren Urteil schließen kann. Zu wünschen wäre, dass Menschen, die die Verfahren der Reproduktionsmedizin nutzen wollen, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, zuvor versuchen, die Perspektive des Menschen einzunehmen, den sie auf diesem Weg in die Welt bringen wollen. Würden sie selbst der Mensch sein wollen, den sie da als Kind zu haben beabsichtigen, mit der Bürde, die sie ihm aufladen? Wiegt die nicht schwerer als ihr eigener Wunsch?






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