Dass die staatliche Schule zu den Bereichen gehört, in denen die Menschen mit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte besonders unzufrieden sind ist nicht überraschend, der Abwärtstrend in der Qualität der schulischen Bildung und bei den Fähigkeiten der Schüler wurde durch die neuen PISA-Ergebnisse gerade wieder bestätigt.
Dennoch ist es zunächst überraschend, dass im AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt auch das Thema Schulpflicht auftauchte und dass die Partei die Abschaffung der Schulpflicht beabsichtigt.
Wer würde profitieren?
Die Reaktionen aus andern Parteien waren erwartbar und wenig durchdacht. Behauptet wurde, wie auch bei anderen Themen, dass die AfD damit etwas fordert, was den Interessen der eigenen Zielgruppe widersprechen würde. Eine Argumentation, die man oft hören kann und die nicht nur unterstellt, dass sich die Wähler und Anhänger der AfD über ihre eigenen Interessen andauernd täuschen oder täuschen lassen, sondern die auch ignoriert, dass im ersten Schritt die AfD eben etwas fordert, was ihre Sympathisanten eben für eine Idee halten, die in ihrem Interesse ist.
Das erscheint bei der Schulpflicht bzw. bei ihrer Abschaffung auf den ersten Blick besonders überraschend. Man würde erwarten, dass die meisten Menschen, auch die, die die AfD wählen, es begrüßen, wenn ihre Kinder von der staatlichen Schule ausgebildet werden. Kaum jemand wird bezweifeln, dass die jungen Menschen eine Reihe von Fähigkeiten brauchen, die sie mühsam und unter Anleitung erwerben müssen: Lesen, Schreiben, Rechnen, eine Fremdsprache oder zwei, grundsätzliche Kenntnisse in Naturwissenschaften, Wissen über die Geschichte und Kultur des Landes, Europas und der Welt, zudem ein paar körperliche Fähigkeiten, die man beim Sport erwirbt. Wohl kaum jemand traut sich zu, seinen Kindern all das selbst zu vermitteln, ganz zu schweigen davon, dass die meisten gar keine Zeit dafür haben. Auch das private Organisieren von Lerngemeinschaften, in denen durch geeignetes Lehrpersonal all diese Fähigkeiten vermittelt werden, wird für die meisten Eltern keine Option sein. Die staatliche Schule ist da eine gute Alternative, da kann man seine Kinder hinschicken, damit sie all das lernen, was sie brauchen.
Wer in dieser Situation die Abschaffung der Schulpflicht fordert, muss sich sehr sicher sein, dass seine Anhänger und die, die er als Wähler gewinnen will, mit dem bestehenden Schulsystem sehr unzufrieden sind. Das würde man nun vielleicht zunächst auf den ersten Blick beim Bildungsbürgertum, erwarten, vielleicht bei den Liberalen, die ohnehin staatlich verordneten Pflichten misstrauisch und skeptisch gegenüberstehen, oder bei progressiv-grünen, die die Schule für konservativ halten, und die sich aufgrund eigener Bildungsbiographien und aus der Erfahrung der Organisation von Eltern-Kind-Gruppen am ehesten zutrauen, Bildungsangebote für ihre Kinder zu organisieren.
Von all diesen aber wird die Schulpflicht nicht in Frage gestellt, statt dessen von denen, deren Adressaten eher die einfachen Leute sind, diejenigen, die sich in früheren Jahrzehnten von der Schule erhofft haben, dass die ihren Kindern bessere Bildung vermittelt als sie selbst gehabt haben, die, die mit dem täglichen Broterwerb so ausgelastet sind, dass sie sicherlich nicht noch zusätzlich die Qualifikation ihrer Kinder selbst übernehmen oder auch nur organisieren wollen.
Unzufrieden mit Inhalten oder mit Ergebnissen?
Wenn man Erklärungen dafür sucht, bieten sich zwei Thesen an: die Leute, die bereit sind, die AfD zu wählen, können einerseits mit den Inhalten unzufrieden sein, die in der staatlichen Schule vermittelt werden, und sie können andererseits Zweifel daran haben, dass die staatliche Schule in der Lage ist, ihre Funktion zu erfüllen und vor allem jener Erwartung gerecht zu werden, dass die Kinder einmal bessere Chancen haben werden, zukünftige Herausforderungen zu bestehen und erfolgreich zu sein, als es ihren Eltern gelungen ist.
Was die Inhalte betrifft, ist die Argumentation einfach und naheliegend. Schule wird als Ort staatlicher Indoktrination dargestellt, nicht als allgemeine Bildungsstätte. Statt sich auf Grundwissen und Allgemeinbildung zu konzentrieren, werden, so vermutlich die Meinung vieler AfD-Sympathisanten, werden in der Schule Ideologien vermittelt, etwa zu Geschlechts-Identitäten, Migrations-Fragen und zum Klimawandel.
So einfach und naheliegend diese Überlegung ist, scheint es doch unwahrscheinlich, dass die AfD mit dieser Begründung ihrer Klientel eine Abschaffung der Schulpflicht plausibel machen kann. Vielmehr würde man erwarten, dass die AfD verspricht, mit diesen vermeintlich ideologischen Inhalten Schluss zu machen, die Lehrpläne zu ändern und die störenden Inhalte durch andere zu ersetzen – und das tut sie ja auch. Ein Ende der Schulpflicht ist da nicht die plausibelste Zielstellung.
Bleibt die zweite These, die besagt, dass die Schule ihre Aufgabe nicht erfüllt und womöglich auch nach Reformen nicht erfüllen kann, weil ihre Struktur und Arbeitsweise es gar nicht ermöglicht, den Kindern die Bildung zu vermitteln, die sie brauchen. Diese These hat viele Aspekte und kann hier nicht umfassend betrachtet werden. Mit Blick auf AfD-Wähler in einem strukturschwachen und ländlichen Bundesland und insbesondere im Vergleich mit den bildungsbürgerlichen Milieus, die eher den Grünen oder linken Parteien zuneigen, könnte etwa die fehlende Vielfalt und vor allem das Fehlen von speziellen Schulen für Kinder mit besonderen Herausforderungen oder Fähigkeiten eine Rolle spielen. In einer Großstadt haben Eltern immer eine Reihe von Optionen, unter denen sie für ihre Kinder die geeignete auswählen können. Auf dem Land gibt es genau eine Schule, die vielleicht auch schon nur mit einem langen Schulweg zu erreichen ist. Spezialangebote fehlen völlig.
Wenn nun Eltern die Erfahrung machen, dass ihre Kinder in der Schule nichts lernen, aus welchen Gründen auch immer, dann bietet sich das Ende der Schulpflicht als Lösung an – auch wenn es im Einzelfall unrealistisch ist, dass außerhalb der staatlichen Schule eine bessere Bildung des Kindes gelingt. Wenigstens hätten die Eltern aber die Möglichkeit, nach Alternativen zur staatlichen Schule zu suchen, wenn sie angesichts der Resultate des Schulbesuchs ihres Kindes verzweifelt sind und sich Sorgen um dessen Zukunft machen. Ein Kind, das zwar acht oder zehn Jahre die Schule besucht, dort aber wenig gelernt hat, hat keine besseren Zukunftsaussichten als ein anders anderes, das diese Schule nicht besucht aber vielleicht in der gleichen Zeit auf anderem Weg einige Kompetenzen und praktische Fähigkeiten erworben hat.
Alternativen zur Schulpflicht
Es ist deshalb interessant und auch notwendig, einmal vorurteilsfrei und jenseits des politischen Kampfes um Wählerstimmen über die Alternativen zur Schulpflicht zu diskutieren. Mit deren bloßer Abschaffung wäre ja nichts getan und vermutlich würden die allermeisten Eltern, auch die unzufriedenen und die sorgenvollen, ihre Kinder weiter in die nahegelegene staatliche Schule schicken, einfach, weil sie keine anderen Ideen und Konzepte kennen, wie ihren Kindern das nötige Wissen und Können zu vermitteln wäre.
Schaut man in andere Länder erkennt man schnell, dass Deutschland mit der strengen und alternativlosen Schulpflicht eher eine Ausnahme ist. In anderen Ländern gibt es oft statt der Pflicht, das Kind in eine staatliche oder staatlich anerkannte Schule zu schicken, die Unterrichts- oder die Bildungspflicht. Unterrichtspflicht unterscheidet sich dabei nur graduell von der Schulpflicht, die Kriterien zur Anerkennung eines Unterrichts als Alternative zur Anerkennung als Schule sind etwas flexibler. Bildungspflicht hingegen ist ergebnisorientiert. Nicht die Form der Wissensvermittlung entscheidet, überprüft wird, ob es am Ende gelungen ist, dem Kind die nötigen Inhalte zu vermitteln.
Würde man die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzen, wäre das ganz sicher nicht das Ende der staatlichen und der staatlich anerkannten Schulen. Auch in anderen Ländern, in denen nur eine Bildungspflicht gilt, gehen die meisten Kinder und Jugendlichen in die Schule. Der Umstieg würde aber neue Möglichkeiten für all die bringen, die in der Schule – aus welchen Gründen auch immer – nichts oder nicht genug lernen können.
Damit ein individueller Bildungsweg außerhalb der Schule aber überhaupt erwogen werden kann, müssen sich die betroffenen Eltern über Randbedingungen und Möglichkeiten, über Grenzen und Perspektiven informieren können. Und dazu gehört erstmal auch ein gesellschaftlicher Stimmungswandel. Alternativen zur Schulpflicht müssen aus dem Tabu geholt werden, sie sind weder elitäres Projekt noch populistischer Unsinn.
Die erste Frage ist, wie der Erfolg einer Bildung außerhalb der Schule überhaupt geprüft werden kann. Am Ende des Schuljahres den Bildungsfortschritt des Kindes mit dem zu vergleichen, was ein Kind in der Schule gelernt haben sollte, ist zwar eine naheliegende Prüfung, wird aber gerade in individuellen Problemfällen nur begrenzt aussagefähig sein. Verglichen werden müsste ja der tatsächlich erreichte Bildungsstand mit dem, den das Kind in der Schule erreicht hätte, und der ist natürlich nur hypothetisch zu bestimmen. Und auch bei den Kindern, die das Bildungsziel etwa der aktuellen Klassenstufe der Realschule erreichen, bleibt ja ungewiss, ob sie ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Eine solche Überprüfung muss also immer als vertrauensvolle Kooperation konzipiert sein, die das Sinnvolle und das Machbare realistisch im Blick behält.
Was wäre zu tun?
Zudem braucht die Option, Alternativen zur Schulbildung zu entwickeln, Beratungs- und Diskussionsangebote sowie die Entwicklung von Netzwerken zur gegenseitigen Unterstützung und Arbeitsteilung. Solche Strukturen müssen erst einmal entwickelt werden, sie gedeihen in einer Atmosphäre der Offenheit und des Respekts für die, die individuelle Wege suchen. Was kann man wirklich selbst leisten, wie kann man Inhalte in Kleingruppen vermitteln, welche Online-Angebote, welche Literatur und welche Leitfäden und Ratgeber gibt es oder sollten entwickelt werden?
Die deutsche Schulpflicht ist keineswegs alternativlos, sie ist nicht für jeden jungen Menschen an jedem Ort und in jeder Situation der beste Weg, die notwendige und mögliche Bildung zu bekommen, die er fürs Leben benötigt und gebrauchen kann. Letztlich ist aber die ganze Gesellschaft und die Zukunft des Landes auch davon abhängig, dass alle jungen Leute ihre Potenziale ausschöpfen und bestmöglich entwickeln. Die Abschaffung der Schulpflicht und ihre Ersetzung durch eine gut durchdachte Bildungspflicht sollte deshalb nicht länger Tabu sein.






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