Friedrich Nietzsche und der mit ihm seit gut einhundert Jahren intensiv interagierende Nietzscheanismus sind tief, vielfältig, widerspruchsvoll und lebendig in unserer weltgesellschaftlichen Kultur und ihren kommunal-nationalen Spezifikationen verankert. Nietzsche und der Nietzscheanismus sind also als Spezialbildung unverzichtbares Element der Allgemeinbildung. Hierüber ist man sich selten im Klaren, auch nicht in seiner Heimat, die seit 1990 Bundesrepublik Deutschland heißt und, was seinen Geburtsort Röcken zwischen Naumburg/Saale und Leipzig betrifft, zu Sachsen-Anhalt gehört. Mit anderen Worten: Aufgrund der sogenannten Demokratiebildung, die uns in den letzten Wochen in radikal-aufklärerischer, sowohl an John Dewey als auch an Friedrich Nietzsche geschulter Art und Weise beschäftigt hat, bietet sich an, mit der bislang bloß angedeuteten Frage fortzusetzen: Wie es Friedrich Nietzsche mit einem der Lieblingskinder unserer Zeit, namentlich der D E M O K R A T I E und dem D E M O K R A T I S M U S in seiner Zeit gehalten hat und was hieraus für unsere Zeit gelernt werden könnte. Ich greife hierzu auf einen Vortrag zurück, den ich auf dem 30. Internationalen Nietzsche-Kongress gehalten habe und passe ihn an den modifizierten Zweck an. Um den Rahmen meiner Kolumne „Pädagogik der Demokratie“ nicht zu sprengen, gibt es ihn als Mehrteiler, der nun gut für zwei Vorträge reicht.
I. In Sachsen-Anhalt
Im Sommer 2026 habe ich mich daran erinnert, welch erfreuliche Erfahrung es gewesen ist, im sachsen-anhaltinischen Naumburg/Saale am 30. Internationalen Nietzsche-Kongress „Nietzsches Perspektiven des Politischen“ teilgenommen und am 19. Oktober 2019 in der Sektion C „Anti-Politik – Andere Politik: Umwertungen des Politischen“ den Vortrag „.Nietzsche als Demokrat avant la lettre. Vier Thesen zu den Anfängen der nietzscheanischen Kritik der Demokratie“ gehalten zu haben.
Einer der Gründe ist: Das Nietzsche-Dokumentationszentrum in Naumburg/Saale, das unter anderem mit Steuergeldern des Landes Sachsen-Anhalt gefördert wird, ist in diesem Sommer ins Bewusstsein der breiteren intellektuellen, politisch und kulturell interessierten Öffentlichkeit und Allgemeinbildung geraten. Denn das gleichfalls und deutlich länger in Sachsen-Anhalt beheimatete Bauhaus in Dessau muss massive Feindseligkeiten ertragen, weil sich die laut Verfassungsschutz gesichert rechtsextreme AfD des Landesverband Sachsen-Anhalt von ihm in ihrer deutschen Identität fundamental verunsichert fühlt. Deswegen wird es von ihr mit ihrem aggressiven völkischen Nationalismus bekämpft. Letztlich soll es aus Sachsen-Anhalt verschwinden.
Andreas Urs Sommer hat diese bedrohliche Gemengelage zum Anlass genommen, am 3. Juni 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausführlich darüber nachzudenken, ob dem Nietzsche-Dokumentationszentrum das gleiche Schicksal wie dem Dessauer Bauhaus beschieden wäre, wenn die AfD die Landtagswahl 2026 gewönne und den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt stellte.[1] Der Schweizer Sommer ist Professor für Philosophie an der Universität Freiburg und hat bis 2023 die Forschungsstelle „Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften“ geleitet. Bis 2025 ist er Direktor der Friedrich Nietzsche Stiftung in Naumburg/Saale gewesen. Er gehört zu den führenden internationalen Nietzscheforschern. Seit Sommer 2026 ist Sommer hauptamtlicher Vorsitzender des Vorstands der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München.
Zwar ist die AfD Sachsen-Anhalt dem Nietzsche-Dokumentationszentrum und der Nietzsche-Gesellschaft e. V. gegenüber nicht sonderlich positiv eingestellt. Aber anders als im Falle der Dessauer Bauhausbewegung hat sie keine Schwierigkeiten damit, Friedrich Nietzsche als einen der Ihren anzusehen. Das bekannte Beispiel ist der Philosoph Marc Jongen. Er gehört zu den einflussreichen AfD-Politikern und Vordenkern der Neuen Rechten. Doch Peter Sloterdijk, der ebenfalls ein Nietzsche-Fan ist, weigert sich aufgrund substanzieller fachlicher Fehlleistungen Jongens, Jongen als seinen Schüler anzuerkennen, obwohl Jongen bei ihm als Wissenschaftlicher Assistent angestellt war. Einer von Jongens intellektuellen Bezugspunkten ist Friedrich Nietzsche.
Das bedeutet: Man kann den Stand der Debatte zum Verhältnis von Nietzsche und AfD dahingehend zusammenfassen, dass die sachsen-anhaltinische AfD mit dem Nietzsche Dokumentationszentrum nicht deshalb Schwierigkeiten hat, weil dort die engagierte Hege und Pflege des deutschen Kulturguts betrieben wird, das Friedrich Nietzsche heißt.
Vielmehr fühlt sich die AfD in der Kultur, die von den Nietzsche-Freunden der Nietzsche Stiftung, der Nietzsche-Gesellschaft (e. V.) und des Nietzsche Dokumentationszentrum so passioniert wie kompetent und international anerkannt aktualisiert wird, nicht heimisch. Kein Wunder. In dieser nietzscheanischen Kultur herrscht der Linksnietzscheanismus vor, der sich in der Regel als Freund der offenen Gesellschaft, freiheitlich-demokratischen Grundordnung und liberalen Demokratie verwirklicht. Vielfalt, Diversität und das bunte Leben werden dem völkisch-nationalistischen Ethnopluralismus der AfD vorgezogen, die kulturelle Homogenität, einfache Lösungen und den vom Ressentiment getragenen Hass auf alles, was anders ist als man selbst, zu ihrem erschreckend erfolgreichen und absurden Markenkern gemacht hat. Die Tatsache, dass Nietzsche sie deshalb dem zu überwindenden letzten Menschen zugeordnet hätte, will man nicht wahrhaben.
Die AfD präferiert also den Rechtsnietzscheanismus, der unter anderem von Marc Jongen signifikant fehlerhaft ausbuchstabiert wird und den bundesdeutschen Verfassungsschützern Anlass gibt, die AfD zwischen rechtsextremistischer Verdachtsfall und gesichert rechtsextrem einzustufen. In ihm wird der autoritären Demokratie sowie dem Rechtspopulismus und Rechtskonservativismus der Vorzug gegeben; falls man nicht sogar dem Rechtsextremismus anhängt, Minderheitenrechte negiert oder aktiv-kämpferisch gegen Menschenrechte, liberale Demokratie und Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit oder ohne Gewalt vorgeht, kurz: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausdrücklich herstellt und sprachlich gestaltend repräsentiert.
Vor diesem Hintergrund sei, so Andreas Urs Sommer sinngemäß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei einer feindlichen Übernahme der Nietzsche-Gesellschaft, der Nietzsche-Stiftung und des Nietzsche-Dokumentationszentrums durch die rechtsnietzscheanische AfD-Kultur, der man sich schon länger zu erwehren habe, nicht ausgeschlossen: Dass man die Heimat Nietzsches verlasse und das Nietzsche Dokumentationszentrum sowie die Stiftung und den Verein an einen Ort verlagere, der nicht von der völkisch-nationalen, antiliberalen und antidemokratischen rechtsnietzscheanischen AfD-Kultur dominiert wäre.
II. Der paradoxe Demokrat
Die Frage, wie man es mit der AfD halten sollte und inwieweit ein Parteiverbotsverfahren geboten ist, hat im Herbst 2019 weder in meinem Vortrag noch während der viertägigen Tagung eine Rolle gespielt. Vielmehr hat sich die Frage, inwieweit es zulässig ist, Nietzsche den (liberalen) Demokraten und ihrem Demokratismus zuzurechnen oder ihm diese Adlung zu verweigern, aufgrund des Standes der internationalen Nietzscheforschung ergeben, die sich in dieser Hinsicht sowohl kontrovers als auch leidenschaftlich verhält. In diesem Kontext ist die Beschreibung von Nietzsche als eines Demokraten avant la lettre oder nietzscheanische Kritik der Demokratie eine paradoxe (=scheinbare widersinnige) Interpretation seines philosophischen Lebenswerks. Sie nimmt in erster Linie Nietzsches philosophisches Werk in den Blick und interessiert sich nur am Rande für Nietzsche als Menschen, Bürger oder politischen Akteur.
Das heißt: Mit der paradoxen Interpretation Nietzsches als eines Demokraten avant la lettre, die diesen zugleich als einen der Anfänge der nietzscheanischen Kritik der Demokratie charakterisiert, wird auf eine hermeneutische Wahrheit verwiesen, die es ausdrücklich gegen den Eindruck herzustellen gilt: Die Zuordnung Nietzsches zu den (modernen) Demokraten und ihrem menschenrechtlichen Demokratismus konstituierte einen Widerspruch in sich (Paradoxie). Diese Paradoxie ergäbe sich nämlich zwanglos: Wenn man sein Lebenswerk in Gänze zugrunde legte und es nicht den eigenen Bedürfnissen und Interessen gemäß verunstaltete: Damit schließlich bei der Nietzsche-Interpretation herauskäme, was sich der linksliberale Nietzsche-Fan wünschte, um mit seinem Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und menschenrechtlichen Lebens-, Staats- und Regierungsform nicht in einen quälenden Widerspruch zu geraten: eben dass Nietzsche ein liberaler Demokrat wie du und ich wäre und zudem gut fände, dass die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat zu sein hätte.
Um die Rede vom Paradoxon (scheinbarer Widerspruch) gegen die von der Paradoxie (Widerspruch in sich) argumentativ durchzusetzen, bietet sich methodisch an, die Beschreibung von Nietzsches als eines Demokraten und Liebhaber unseres Demokratismus durch den Zusatz avant la lettre abzuschwächen.
Buchstäblich wird avant la lettre (französisch für „vor dem Buchstaben“) gebraucht, um den Zustand einer Druckplatte vor ihrer Beschriftung, die vom verantwortlichen Künstler freigegeben wird, zu benennen.
Im übertragenen Sinn bedeutet es dagegen: Eine Tatsache wird mit einem Begriff sprachlich gestaltend repräsentiert, den es nicht gegeben hat, als die Tatsache, die mit ihm sprachlich gestaltend repräsentiert wird, erfunden und entdeckt wird. Auf Personen und ihre Leistungen bezogen, kann man daher avant le lettre sinngemäß mit ihrer/seiner Zeit voraus übersetzen.
Als konkrete These ergibt sich: Nietzsche hat wie ein (heutiger) Demokrat geredet, ohne es zu merken und unseren Begriff Demokrat zur Verfügung zu haben, da dieser Begriff, so wie wir ihn heute wie selbstverständlich gebrauchen, inexistent gewesen ist und es nicht den Üblichkeiten entsprochen hat, sich als Demokrat zu begreifen und unseren Demokratismus zu affirmieren.
Zweifellos hat Nietzsche sich als jemand gesehen und angepriesen, der seiner Zeit voraus gewesen ist. Anders als seine Zeitgenossen versteht er sich nicht als Mitläufer und Epigonen, sondern als Genius und Meister wie Jesus, Luther, Goethe oder Wagner. Hier ein eher harmloses Beispiel für seine an sich nicht grundsätzlich verkehrte Geisteshaltung und Lebenseinstellung: „Was verlangt ein Philosoph am ersten und letzten von sich? Seine Zeit in sich zu überwinden, ‚zeitlos‘ zu werden. Womit also hat er seinen härtesten Strauss zu bestehen? Mit dem, worin gerade er das Kind seiner Zeit ist. Wohlan! Ich bin so gut wie Wagner das Kind dieser Zeit, will sagen ein d é c a d e n t: nur dass ich begriff, nur dass ich mich dagegen wehrte. Der Philosoph in mir wehrte sich dagegen.“[2]
Aus dem Ruder gelaufen ist seine herausragende Ambition und Schaffenskraft (um nicht despektierlich von Überehrgeiz, Strebertum oder existenzieller Langeweile zu reden) erst mit seinen posthum herausgegebenen Spätschriften, die deutlich die Züge seiner geistigen Erkrankung tragen.[3] Die Spätschriften werden auch als Wahnsinnsschriften diskutiert, obzwar sie nicht bloß Wahnsinn, sondern auch ungewöhnlich viel Philosophie vom Feinsten enthalten.[4] Der Übergang vom Genie zum Wahnsinn ist bekanntlich schwer zu bestimmen, da es sich – pragmatistisch gesprochen – beim Dual „Genie vs. Wahnsinn“ um einen nicht-dualistischen Unterschied und keine Repräsentation zweier antagonistischer Welten handelt.[5]
III. Deweys Vorgänger?
Zu seiner Zeit ist Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) weder als (moderner) Demokrat noch als Demokrat avant la lettre oder nietzscheanische Kritik der Demokratie wahrgenommen worden. Stattdessen leidet er darunter, dass er ein weitestgehend unbekannter und in Fachkreisen ignorierter Philosoph ist, den man in Fachkreisen vor allem deswegen kennt und ernstnimmt, weil er sehr früh, sprich mit 24, mit Unterstützung seines einflussreichen Förderers, dem Philologen Friedrich Ritschl trotz fehlender Promotion und Habilitation zum Professor für Philologie an der Universität Basel gemacht worden ist Doch selbst wenn man sich näher mit Nietzsche beschäftigt hätte, wäre man nicht auf die Idee gekommen, ihn als einen Demokraten, Demokrat avant la lettre oder nietzscheanische Kritik der Demokratie anzuerkennen und zu diskutieren.
Zum einen hat er sich selbst nie so gesehen und ist es zu seiner Zeit nicht üblich gewesen, sich als Demokrat zu verstehen, um sich positiv und als guter Mensch in Szene zu setzen. Zum anderen hat er es im Einvernehmen mit dem Zeitgeist geliebt, gegen den Demokratismus kräftig auszuteilen. Folglich ist man heute geneigt, Nietzsche dem Links- oder Rechtsextremismus zuzuordnen und als: Antidemokraten zu bezeichnen. Doch diese Interpretation übersieht, dass sich Nietzsche zuvörderst als Philosoph begriffen und philosophisch ausgelebt hat. Demgegenüber ist ihm nicht wichtig, sich politisch zu inszenieren und sich als Politiker oder wenigstens politischer Mensch zu artikulieren.
Wenn man außerdem bedenkt, dass es geradezu die Eigentümlichkeit des Philosophierens des Philosophen ist, der schließlich zum Klassiker der Philosophie geadelt wird, sich in seiner Suche nach der Wahrheit der Wahrheit zuliebe rücksichtslos wahrhaftig zu verhalten, dann wird umgehend klar, warum Nietzsche mit seinen politisch relevanten philosophischen Äußerungen sowohl als: Linksextremist als auch als: Rechtsextremist erlebt, erfahren und beurteilt wird. Aber damit begeht der Linksnietzscheanimus, der Nietzsche als politisch Linken, oder der Rechtsnietzscheanismus, der ihn als politisch Rechten vereinnahmt, einen: Kategorienfehler. In beiden Fällen wird übersehen, dass Nietzsches Worte, die die Demokratie entweder freundlich oder feindlich adressieren, nichts anderes sind als ein philosophischer, politikferner Versuch, einen argumentativ überzeugenden und inhaltlich kohärenten Begriff der Demokratie ausdrücklich herzustellen, zu erfinden und zu entdecken sowie sprachlich gestaltend zu repräsentieren. Nietzsche denkt und handelt eben nicht als Politiker, schon gar nicht als Parteipolitiker, sondern als: Philosoph.
Anders ausgedrückt: Wenn die Philosophie und Pädagogik der Demokratie in Stellvertretung der freiheitlich-demokratischen Lebensform menschenrechtlicher Bauart Nietzsche etwas vorwerfen könnte, dann, dass er im 19. Jahrhundert daran gescheitert ist, einen Begriff der Demokratie auszuarbeiten, der heutigen Standards gerecht wird und in Richtung „Radikale Demokratietheorie“[6] weist. Tatsächlich ist dies nicht einmal dem fünfzehn Jahre jüngeren John Dewey (1859 – 1952) gelungen, der heutzutage als Paradigma der Philosophie und Pädagogik der Demokratie monumentalisch-antiquarisch gefeiert wird, weil er sich als erster großer Philosoph in der Geschichte des Abendlandes konsequent als Demokrat präsentiert und für die Demokratie als Lebens-, Staats- und Regierungsform gewirkt hat. Doch ist dies insoweit keine übermenschliche Leistung gewesen, als in den USA als dem sich selbst schöpfenden Land der Freien das Feiern der Demokratie eine ubiquitäre Erfahrung gewesen ist. Es ist eine Erfahrung, die sich aufgrund der alltäglichen Lebensbewältigung biographisch und soziokulturell in den vielfältigen und sozial ungleichen Lebenswelten wie von selbst ergeben hat, obzwar in ihr unermesslich viel unmenschliches Leid, Unfreiheit und Antidemokratie enthalten ist.
Folglich ist meine kontraintuitive Hypothese: Wenn Nietzsche wenigstens die Weimarer Republik erlebt hätte, wäre es heute leichter, ihn als einen
- Demokraten avant la lettre,
- Anfang der nietzscheanischen Kritik der Demokratie und
- philosophiegeschichtlichen Vorgänger Deweys zu diskutieren und anzuerkennen.
Auch müsste im Umgang mit ihm weniger stark davor gewarnt werden, dass er sich vorzüglich dafür eignet, von den links- und rechtsextremistischen Feinden der Demokratie vereinnahmt zu werden, obwohl seine leidenschaftliche Liebe des freien Geistes ihn für nichts ungeeigneter macht als für autoritär-faschistische Totalitarismen jedweder konkreten Art.
Darüber hinaus sind Nietzsches fundamentale demokratietheoretische Schwächen heutzutage für die (Politische) Bildung und Erziehung in der Pädagogik der Demokratie ein Gewinn, weil man an ihnen gut studieren kann, wie schwer es ist, sich auf einen Begriff der Demokratie zu einigen, der dem Schönen, Guten und Wahren entspricht und das gute Leben im ethisch-moralischen Sinne ausdrücklich herstellt, erfindet und entdeckt sowie sprachlich gestaltend repräsentiert.
Als provokante Frage ergibt sich: Inwieweit sind wir weniger Demokrat avant la lettre respektive „Möchtegerndemokrat“[7] als Nietzsche: Haben also als Kultur und Gesellschaft die nietzscheanischen Kritik der Demokratie vor und nicht hinter oder zwischen uns, die unabdingbar für ein Leben als authentischer, leidenschaftlicher und verlässlicher Demokrat in der Form des guten Menschen ist, der sich zugleich als ein nützlicher Bürger zu realisieren vermag?
IV. Das notorische Missverständnis
Selbst in der internationalen Nietzscheforschung, die Nietzsche wohlgesonnen ist oder ihn sogar bewundert, ist eine beliebte Übung, wichtige Sätze von Nietzsche mit „Das hätte auch Hitler oder ein anderer Feind der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers gesagt haben können“[v8] kritisch zu kommentieren und auf Abstand zu bringen. Als notorisches Beispiel findet man in der Nietzscheforschung, die Nietzsche grundsätzlich nicht weniger wohlgesonnen ist als der Oxforder analytische Moralphilosoph Derek Parfitt, einen Satz aus dem Antichrist, der als Fluch auf das Christentum konzipiert ist.: „Die Schwachen und Missrathenen sollen zu Grunde gehen: erster Satz u n s e r e r Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“[9]
Der Streit entzündet sich daran, wie man „Die Schwachen und Missrathenen sollen zu Grunde gehen“ und „ihnen noch dazu helfen“ zu interpretieren hat. Man kann dann diesen Fluch in die Tradition der Eugenik stellen, die am Ausgang des 19. Jahrhunderts populär wird, und gelangt umgehend zu der Rede vom unwerten Leben, die für die Logik der faschistischen Vernichtungspolitik typisch ist und zu Holocaust und Auschwitz führt.
Auf der anderen Seite kann man den gleichen Fluch mit Nietzsches Kritik der christlichen Mitleidsethik verbinden und ihn als Aufforderung lesen, diese zu verbessern, indem der Fokus deutlicher auf die Frage gelegt wird, was den Menschen stärker machen könnte als sein gedankenverlorener, unaufgeklärter Glauben an Gott. Wenn man sich nicht an den Übertreibungen stört, die Nietzsches sogenannte Wahnsinnsschriften auszeichnen, kann man erkennen, inwieweit Nietzsches Fluch mit der Pädagogik der Demokratie übereinstimmt, die sich als „Theorie der Pädagogik“[10] versucht. Man hört dann zwischen den Zeilen, wie sich vorsichtig die Idee artikuliert,
- die Erziehung als Unterstützung der Bildung,
- die sozialarbeiterische Hilfe mit Hans Thiersch als Hilfe zur Selbsthilfe,
- die Sozialpädagogik mit Lothar Böhnisch mit dem Prinzip Empowerment oder
- die education mit John Dewey als supporting growth zu denken.
All diese Möglichkeiten sind in der Geschichte des Abendlandes enthalten, in der auch Nietzsche sich aufhält, wenn er versucht, das gute Leben im ethisch-moralischen Sinne zu beschreiben. Schwäche und Hilflosigkeit sind anders als Stärke und Handlungsfähigkeit keine Tugenden. Notorisch wird darüber gestritten, wie die Tugenden der Stärke und Handlungsfähigkeit erreicht werden können.
Nietzsche selbst, so darf man spekulieren, ist schließlich zu schwach gewesen, um das Christentum mit guten Argumenten davon zu überzeugen, welche Unzulänglichkeiten seine Mitleidsethik aufweist. Deshalb hat er sich einer Lautstärke bedient, die ihn nicht als Demokraten avant la lettre und einen Anfang der nietzscheanischen Kritik der Demokratie, sondern als menschenfeindlicher Faschist und Antidemokrat erscheinen lässt. Bringt man wiederum die Schwäche Nietzsches zum Verschwinden, dann wandelt er sich zum Demokraten avant la lettre und zu einem Anfang der nietzscheanischen Kritik der Demokratie. Hierzu muss man bereit sein, sich einen vollumfänglich gesunden Nietzsche vorzustellen. Außer Zweifel steht, dass er mit seinem antichristlichen Fluch auf das Christentum Fragen thematisiert hat, die den Demokratismus von heute weiterhin bewegen und immer wieder zu leidenschaftlichem Streit führen.
Vor diesem vielfach fragwürdigen Hintergrund der internationalen Nietzscheforschung und Philosophie der Demokratie konstituiert die Suggestion, dass Nietzsche ein Demokrat gewesen wäre, jedenfalls ein Paradoxon: Kann jemand, der wie Hitler spricht, ein Demokrat avant la lettre sein und den Anfang der nietzscheanischen Kritik der Demokratie konstituieren: mithin unser Freund, ein Freund der offenen Gesellschaft ebenso wie ein Freund John Deweys, Theodor W. Adornos und Michel Foucaults sein, die als nietzscheanische Kritik der Demokratie avant la lettre interpretiert werden sollten, weil sie von Nietzsche als einem ihrer maßgeblichen Anfänge profitieren?
Ich meine ja.
Nietzsche scheint eben nur wie Hitler oder ein Feind der offenen Gesellschaft zu sprechen, in Wahrheit jedoch unterstützt er wie Dewey, Adorno, Foucault und Popper Demokratie und offene Gesellschaft, obwohl er famos Sachen sagt, die uns gewaltig gegen den Strich gehen, weil sie mit dem Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen nur zu vereinbaren sind, wenn man sich das Hirn verrenkt und Gehirnakrobatik betreibt. Doch ist man schon Demokratie- und Verfassungsfeind, wenn man in seinem Denken hin und wieder über das Ziel hinausschießt und dabei das Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen verletzt oder dieses Prinzip in seinem Tun und Sagen nicht durchgängig als Bekenntnis wie einen Bauchladen vor sich herträgt?
Unser Paradoxon möge sich im Weiteren in ein besseres Verständnis des Politikbegriffs auflösen, der für Nietzsche typisch ist. Die Schwierigkeit ist, dass Nietzsche seinen Politikbegriff nur höchst fragmentarisch entwickelt hat. Eine Theorie der Politik hat er nicht vorgelegt, an ihr gearbeitet hat er auch nicht. Dennoch lässt sich demonstrieren, dass Nietzsches Politikbegriff sehr nahe bei John Deweys Verständnis von Demokratie ist, welches man so ähnlich bei Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, John Rawls oder Richard Rorty und allgemein in der großen Familie der radikalen Demokratietheorie findet. Das heißt, Nietzsches Politikbegriff scheint etwas zu konstituieren, was man democracy at its best oder unsere Realutopie nennen darf. Es hat nichts mit dem selbstgefälligen Glauben zu tun, dass die (neo-)liberale Demokratie oder die sogenannte westliche Demokratie das Ende der Geschichte wäre. Zwar gehört Nietzsche nicht zu der mit dem Namen John Dewey verbundenen „Philosophie der Demokratie“[11]. Aber immerhin darf er als einer ihrer wichtigen Vorläufer und intellektuellen Ressourcen interpretiert werden.[12] Folglich könnten wir mit Nietzsche zu der Einsicht gelangen, dass wir uns nicht nach der Demokratie, sondern vor der Demokratie befinden und höchstens als Möchtegerndemokraten unterwegs sind, auch wenn wir uns heute hierüber so wenig im Klaren sind wie seinerzeit Nietzsche.
Oder ist es des Demokraten Haupteigenschaft, dass ihm egal zu sein hat, ob er sich in der Prä-Demokratie oder Post-Demokratie befindet, weil man den Begriff der Demokratie sinnvoll eh bloß als ein Maßstab gebrauchen kann, der das Reich bedeutet, welches kommen soll und nie kommen wird: das Himmelreich auf Erden?
[1] Sommer, A. U. (2026): Er ist nicht deutsch, er ist Dynamit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juni 2026, Nr. 126, S. N 3.
[2] Nietzsche, F. (1888): Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, in: Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von G. Colli und M. Montinari. Band 6. 11. Auflage 2014. München: dtv, S. 11.
[3] Vgl. Nietzsche, F. (1888/89a): Der Antichrist. Fluch auf das Christentum, in: Kritische Studienausgabe. Hrsg von G. Colli und M. Montinari. Band 6. 11. Auflage 2014. München: dtv, S. 165 – 254. Ders. (1888/89b): Ecce homo. Wie man wird, was man ist, in: Kritische Studienausgabe. Hrsg. von G. Colli und M. Montinari. Band 6. 11. Auflage 2014. München: dtv, S. 255 – 374.
[4] Vgl. Gerhardt, V. (2006): Friedrich Nietzsche. 4. aktualisierte Auflage. 1. Auflage 1992. München: Beck. Sommer, A. U. (2017): Nietzsche und die Folgen. Stuttgart: J. B. Metzler. Stegmaier, W. (2020): Friedrich Nietzsche zur Einführung. 3., ergänzte Auflage. 1. Auflage 2011. Hamburg: Junius.
[5] Vgl. Foucault, M. (1961): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. 24. Auflage 2020. 1. Auflage 1973. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Heinz, A. (2023): Das kolonialisierte Gehirn und die Revolte. Berlin: Suhrkamp.
[6] Comtesse, D. / Flügel-Martinsen, O. / Martinsen, F. / Nonhoff, M. (Hrsg. 2019): Radikale Demokratietheorie. Ein Handbuch. Berlin: Suhrkamp.
[7] Hoffmann, B. (2026): Mythos Demokratiebildung – Teil II, in: Texte zur Sache, 30. September 2026. https://texte-zur-sache.de/berno-hoffmann-paedagogik-der-demokratie/mythos-demokratiebildung-teil-ii/.
[8] Parfit, D. (2011): On What Matters. Volume Two. Edited and Introduced by Samuel Scheffler. Oxford – New York: Oxford University Press, S. 578; meine Übersetzung. Vgl. Popper, K. R. (1945a): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 1. Der Zauber Platons. 7. Auflage 1992a. 1. Auflage 1945. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Ders. (1945b): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2. Falsche Propheten. Marx, Hegel und die Folgen. 7. 1992b. 1. Auflage 1945. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck).
[9] Nietzsche, 1888/89a, a. a. O., S. 170).
[10] Hoffmann, B. (2024): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil I. Grundlegung (der Theorie der Pädagogik). 421 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript: PDF. Ders. (2025): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil II. Anwendung – Theorie der Erziehung (der Theorie der Pädagogik). 339 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript: PDF. Ders. (2026b): Grundlegung der Pädagogik (Erziehungs- und Bildungswissenschaft). Erziehung als (Unterstützung der) Bildung. Zwischenschrift. Mitarbeit: Ines Langemeyer. Karlsruher Institut für Technologie. KIT-Bibliothek. Weltweit hier abzurufen: https://doi.org/10.5445/IR/1000192139. Ders. (2027/28): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil III. Kür – Theorie der Bildung (der Theorie der Pädagogik). In Vorbereitung.
[11] Joas, H. (Hrsg. 2000): Philosophie der Demokratie. Beiträge zum Werk von John Dewey. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
[12] Vgl. Hoffmann, B. (2008): Pädagogik der Demokratie I. Ein philosophischer Essay. Unveröffentlichtes Manuskript. 859 Seiten. Berlin. Ders. (2019): Pädagogik der Demokratie II. To The Theory of Education. 502 Seiten. Essingen.






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