Autor: Henning Hirsch

  • Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Ich sitze am Schreibtisch und zermartere mir den Kopf, worüber ich meine neue Kolumne schreiben soll. Die nicht-zahlende Kundschaft stellt sich das immer so einfach vor: der Autor spuckt pünktlich am Stichtag einen neuen Text aus. Der wird von den Lesern kurz überflogen, dann beifällig oder ablehnend mit dem Kopf geschüttelt, bevor der Artikel in die digitale Mülltonne verschoben wird. Niemand aber macht sich Gedanken darüber, woher die Ideen für die wöchentlichen Beiträge stammen. Man kann als Kolumnist eine Rubrik beackern. Musik, Literatur, Kino und Politik bieten sich hier an. Ich hab’s mit Alkoholismus probiert. Aber mittlerweile wissen wirklich alle  darüber Bescheid, dass sich zu viel Saufen schädlich auf die Leber und das Urteilsvermögen auswirkt. Und wer es partout nicht wissen will, dem ist sowieso nicht zu helfen. Ich blättere in der Tageszeitung in der Hoffnung, dort auf was Interessantes und Vertiefenswertes zu stoßen. Komplette Fehlanzeige. Was soll ich über Lindners selbst verschuldeten Popularitätssturzflug berichten, oder Schulz‘ Beleidigte-Würselener-Diva-Attitüde oder Dobrindts ständige Pöbeleien, mit denen er jeden potenziellen Koalitionspartner in die Flucht schlägt? Das verwursten die Redaktionen ja zu eigenen Kommentaren. Einen zweiten Aufguss durch mich braucht’s nicht. Stöger gewinnt wieder. Nun allerdings mit dem BVB und nicht mit dem FC. Der verkackt weiterhin Spiel auf Spiel, worüber ich mich als Köln-Fan seit Geburt zwar jedes Mal so aufrege, dass die Nachbarn unter mir mit dem Besenstil gegen die Decke hämmern, damit ich mich wieder einkriege. Aber für den traurigen Niedergang dieses Traditionsvereins interessiert sich außerhalb des Rheinlands kein Schwein. Sophia Thomalla lässt sich ans Kreuz nageln, und ich frage mich, ist das ein Erotikbild, bei dem der Autokühler durch ein Kruzifix ausgetauscht wurde, oder hat das was mit Weihnachten zu tun? Habe ich allerdings ebenfalls keinen Bock drauf, mich damit zu beschäftigen. Eigentlich bin ich völlig bock- und ideenlos und werde deshalb in dieser Woche meine Kolumne einfach sausen lassen. Fällt eh keinem auf.

    Schwierige Fragen, unbedachte Antworten

    Früher Abend, bereits dunkel, ich gehe raus auf meine Terrasse, um mein träges Hirn durch frischen Sauerstoff auf Touren zu bringen. Es stürmt, Wolkenfetzen jagen an einem fahlen Halbmond vorbei, zu meiner Rechten, dort wo auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die Eifel beginnt, braut sich ein Unwetter zusammen. Geruch von Lagerfeuer und gleich einsetzendem Schneefall liegt in der Luft. Stille um mich herum. Außer der dumpfen Sirene eines Schiffs auf dem Rhein kein Geräusch zu hören. Als ob der Stadtteil von den Einwohnern fluchtartig verlassen wurde; und nur ich alleine bin zurückgeblieben. Die Szene hat was Unwirkliches. Obwohl mich fröstelt, bleibe ich am Geländer stehen. Meine Gedanken schweifen zurück an einen Dezemberabend Anfang der 70er Jahre in Regenburg, wo unsere Familie eine Zeit lang wohnte. Im Süden der Stadt am steil aufsteigenden Hang einer Anhöhe. Oberhalb unseres Hauses verlief ein schmaler Weg, den mein Vater liebte. Drei Mal in der Woche brach er nach der Tagesschau auf, um seine Runde zu drehen. Bei jedem Wetter. Zumeist solo, denn weder meine Mutter noch wir Kinder verspürten große Lust auf späte Spaziergänge.

    An diesem Dezemberabend begleitete ich ihn. Von der Kuppe ein schöner Blick auf den illuminierten Dom, dahinter sind die ersten Ausläufer des Bayerischen Walds zu erahnen. Sternenklarer Himmel. Mein Vater zeigt mir den großen und den kleinen Wagen, den Polarstern. Was ein Vater halt so tut, wenn er mit seinem 10jährigen Sohn unterwegs ist.

    Ich fragte: »Gibt es Leben irgendwo da draußen?«
    Mein Vater antwortete: »Weiß niemand so genau. Ist aber unwahrscheinlich.«
    Ich fragte: »Gibt es Gott dort oben?«
    Mein Vater antwortete: »Auch das ist eher unwahrscheinlich.«
    »Aber uns gibt es doch?«
    »Wir sind eine Laune der Natur.«
    Dann setzten wir den Rundgang schweigend fort.

    In diesem kurzen Moment hatte mein Vater in mir die Pflanze des Zweifels gesät. Nicht mit Absicht, sondern spontan aus einer sich zufällig ergebenden Situation heraus. Hätten wir nicht gemeinsam in den Sternenhimmel geschaut, wäre es vielleicht nie zu meinen Fragen gekommen. Er wird seine Antworten auch nicht groß überlegt haben. Er teilte einfach mit, wie er die Dinge sah: nämlich materialistisch. Was man nicht sehen und anfassen kann, existiert nicht. Und weil er Wissenschaftler war und wusste, dass ein hundertprozentiges Nein zu dogmatisch klingt, sagte er „eher unwahrscheinlich“. Meine Mutter, wäre ihr die Sache zu Ohren gekommen, hätte mit ihm geschimpft. Sie glaubte zwar ebenfalls nicht an UFOs und Aliens, war jedoch auf eine kindlich-naive Weise von der Allmacht Gottes überzeugt, weshalb sie uns Kinder anhielt, wenigstens einmal im Monat mit ihr in die Kirche zu gehen und im Religionsunterricht zwar kritische Fragen zu stellen, aber stets gut aufzupassen.

    Die Nicht-Existenz Gottes und der Mensch als Laune der Natur schlummerten von nun an in meiner Kinderseele. Die Krankheit Nihilismus brach zwar nicht sofort aus, es würde noch ein Jahrzehnt vergehen, bis ich die Frage nach dem Sinn als die sinnloseste von allen Fragen erkannte, jedoch war der Samen gelegt.

    Kritzelei an der Schultafel sorgt für Ärger

    Einige Monate später zeichnete ich vor dem Religionsunterricht eine untersetzte Frau mit monströsen Hängetitten und gespreizten Beinen auf die Tafel und legte ihr die Sprechblase „Ich bin die dümmste Fotze von allen“ in den Mund. Eine Kritzelei wie man sie ähnlich auch an den Höhlenwänden in Altamira und Lascaux findet. Dann setzte ich mich auf meinen Platz und wartete darauf, was nun geschehen würde. Die von der Frühstückspause zurückkehrenden Mitschüler gafften, feixten und johlten. »Die sieht aus wie die Frau Sedlmayr «, sagte einer aus der Fraktion der nicht besonders Schlauen und lachte dreckig. Als Frau Sedlmayr das Klassenzimmer betrat, wurde es schlagartig ruhig. 39 Paar Augen starrten erwartungsvoll auf sie, ich schaute derweil aus dem Fenster. »Wer war das?«, fragte sie. Niemand antwortete, jedoch wanderten die 39 Augenpaare nun zu mir, sodass es für Frau Sedlmayr einfach war, mich als Täter zu identifizieren. »Komm nach vorne zu mir, Bürscherl!«, rief sie, wartete mein Aufstehen jedoch gar nicht erst ab, sondern zerrte mich aus meiner Bank heraus zur Tafel. »Warst du das?« Leugnen war zwecklos, also antwortete ich wahrheitsgemäß: »Ja«. Das Nächste, was ich spürte, war eine unangenehm brennende linke Wange. Ich ließ mir den Schmerz nicht anmerken, wollte Frau Sedlmayr nicht die Genugtuung verschaffen, mich vor Publikum in die Knie zu zwingen. »Tut es dir jetzt leid?«, hakte sie nach. »Nein.« Sie verpasste mir eine zweite Ohrfeige an exakt dieselbe Stelle, meine Wange fühlte sich jetzt taub an und im linken Ohr hörte ich ein Pfeifen. »Wir gehen jetzt zur Rektorin«, schrie Frau Sedlmayr und schleifte mich aus der Klasse hinaus.

    Als ich drei Tage danach gemeinsam mit meinen Eltern und Frau Sedlmayr im Zimmer der Rektorin saß, vereinbarten die Parteien folgendes: man suspendierte mich für den Rest des Schuljahres vom Religionsunterricht, und ich besuchte in diesen 3x 45 Minuten die zeitgleich stattfindende Mathestunde der Parallelklasse. Ich würde Frau Sedlmayr einen zwei Seiten langen Entschuldigungsbrief schreiben – diese Maßnahme fuckte mich am meisten ab –, und meine Eltern sagten zu, bei der nächsten Schulfeier aktiv bei Organisation und Durchführung mitzuhelfen. »Reden Sie Ihrem Sohn ins Gewissen«, verabschiedete uns die Rektorin, »Irgendwas scheint da momentan aus dem Ruder zu laufen«. Auf dem Rückweg nach Hause drohte meine Mutter an, mich von – aus ihrer Sicht falschen – Freunden zu trennen, während sich mein Vater darüber wunderte, seit wann ich so gut zeichnen konnte, dass Frau Sedlmayr sich in meinem Werk sofort wiedererkannte. Vielleicht käme ich als Maler eines Tages groß raus. Ich grinste, meine Mutter fand das hingegen überhaupt nicht lustig.

    Gott ist tot

    Am darauffolgenden Abend ging ich in die Küche, um mir dort aus dem Kühlschrank eine Limonade zu besorgen, als ich durch die halb geöffnete Tür von draußen Stimmen hörte und Zeuge einer Unterhaltung wurde, die meine Eltern auf dem Balkon führten:
    »Woher kennt er Worte wie Fotze?«, fragte mein Vater.
    »Bestimmt durch die Eisenmenger-Söhne«, antwortete meine Mutter. »Diese Verbindung werde ich jetzt kappen. Die Jungs sind kein Umgang für ihn.«
    »Und seit wann zeichnet er nackte Frauenkörper? Ist dir da schon mal was in seinem Zimmer aufgefallen?«
    »Nein.«
    »Wir sollten das im Auge behalten. Nicht, dass er jetzt schon mit pornografischem Material rumhantiert.«
    »Natürlich passe ich da auf.«

    Die typische Besorgte-Eltern-Platte. Sie stellten die verkehrten Fragen, wussten keine Antworten, zogen deshalb voreilige Schlüsse. Für sie kam als Auslöser einzig Frühsexualisierung aufgrund falscher Freunde in Betracht. Als ob ich oder einer meiner Kumpels so blöde gewesen wäre, unsere Pimmelzeig- und Pimmelreibspiele in großer Runde auszuposaunen. Diese Dinge blieben geheim, und wer sie zu Hause oder in der Schule ausgetratscht hätte, wäre von uns windelweich geprügelt worden.

    Die einzig richtige Frage kam meinen Eltern und der Rektorin überhaupt nicht in den Sinn: WESHALB kritzelt ein 10jähriger so ein Bild auf die Tafel? Welchen Beweggrund hat ein Viertklässler für solch eine Tat? Die Antwort, die die Erwachsenen sicher verstört zurückgelassen hätte, lautete: ich drückte auf meine Art aus, dass Gott für mich tot war. Die Schuld für mein Abfallen vom Glauben trugen zu gleichen Teilen Frau Sedlmayr mit ihrer nicht zu ertragenden Frömmelei und buchstabengetreuen Bibelauslegung und mein Vater mit seinem Satz vom vergangenen Dezember: „Dass es Gott gibt, ist eher unwahrscheinlich“. Selbstverständlich hatte ich vorher mit ein paar Freunden gewettet, die darauf spekulierten, ich würde in letzter Minute doch noch kneifen, unserer Religionslehrerin das Wort Fotze in den Mund zu legen. So waren knapp zehn Mark zusammengekommen, die ich mir in der zweiten Pause ausbezahlen ließ. Damals viel Geld für mich.

    Nun bin ich bereits bei 1500 Wörtern angelangt, was für eine Kolumne, die ich eigentlich nicht schreiben wollte, erstmal völlig ausreicht.

    In Teil 2 geht es um das schleichende Gift der Skepsis, und mit welchen Mitteln ich versuchte, meinem galoppierenden Glaubensverlust entgegenzuwirken

  • Schopenhauers Stachelschweine

    Schopenhauers Stachelschweine

    Misanthropie oder: im Spannungsfeld von Menschenflucht und Humanismus

    So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab,

    lautet Schopenhauers Gleichnis von den Stachelschweinen. Klingt nicht schön. Steckt aber viel Wahrheit drin. Und bereits an dieser frühen Stelle des Textes müssen wir eine Entscheidung treffen: Wollen wir lieber  ungeachtet der oben zitierten Widrigkeiten – dauerhaft mit anderen zusammenleben, oder ziehen wir das Alleinsein einer schlechten Gesellschaft vor?

    Jeder von uns hat einen Kumpel, der abends gerne daheim bleibt und an der Playstation zockt, während die anderen ins Nachtleben aufbrechen und eingezwängt zwischen hunderte schwitzender Körper in einem Club die Sau rauslassen. Man nennt die Zuhause-Fraktion: Stubenhocker, Eigenbrötler, Einzelgänger, Sonderling, Außenseiter; wenn man es nett umschreiben will auch Individualist. Im Alter mit zunehmender Tendenz zum Nörgeln und Granteln, ihr trauriges Umfeld nur durch galligen Humor ertragend. Alles Untergruppen aus der Gattung Misanthrop. Ein Kunstwort, abgeleitet von den altgriechischen Wurzeln „misein = hassen“ und „ánthrōpos = Mensch“. Ein Misanthrop ist also ein Menschenhasser oder Menschenfeind. Oh weh! Wer möchte das schon gerne sein?

    Was sind das für Menschen, denen es zuwider ist, auf Partys zu gehen, im Treppenhaus Nachbarn zu begegnen oder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Unterhaltungen verwickelt zu werden? Wird man als Misanthrop geboren, zu einem erzogen, oder kann ein traumatisches Erlebnis einen derart aus der Bahn werfen, dass man im Nachgang zum Menschenfeind mutiert?

    Hierzu ein anonymer Autor: „Niemand wird als Misanthrop geboren. Weder ist es eine Persönlichkeitseigenschaft noch eine Krankheit. Man wird zum Misanthropen durch eigene Erlebnisse und Urteile, die man über diese Erlebnisse fällt“ (aus: „Wie wird man ein Misanthrop?“, in: Geist und Gegenwart, 23. Aug. 2014).

    Das ist ja schon mal ein für alle werdenden Mütter tröstlicher Gedanke: sie werden keinen durch Erbmaterial prädisponierten Menschenfeind in die Welt setzen. Falls Sohn oder Tochter sich zu einem entwickeln, dann liegt es an Erziehung und Erfahrungen, die er/ sie im Berufs- und Liebesleben sammelt.

    Geisteshaltung und nicht Handlungsweise

    Nun behaupten zahlreiche Psychologen, dass Misanthropie gar keine konkrete Handlungsweise charakterisiert, sondern einzig eine Geisteshaltung. Ein Misanthrop muss also weder gewalttätig, aggressiv noch arrogant sein. Ganz im Gegenteil neigen viele dieser Menschen sogar zu altruistischem Verhalten. Wie ist dieses Paradoxon zu erklären?

    Der weit überwiegende Teil der Misanthropen verachtet nicht den Menschen als Individuum, sondern den traurigen Zustand der Menschheit als Ganzes. Oft misst der Misanthrop seine Umgebung an der Elle eines Ideals (das utopisch sein kann), registriert die häufigen Abweichungen und gelangt so im Lauf der Jahre zu der Überzeugung, dass die meisten Menschen Mittelmaß darstellen oder gar boshaft sind. Sich selbst nimmt er von dieser Beobachtung nicht aus. Ein Misanthrop geht des Weiteren davon aus, dass der Anteil Idioten global gleichverteilt ist: und zwar auf alle Geschlechter, Alters- und Einkommensgruppen, Länder und Hautfarben. Einige Misanthropen sehen sich als Nihilisten und vertreten die Auffassung, dass der Mensch zwangsläufig die kosmische Sinnlosigkeit widerspiegelt. Wenn schon das Universum nicht weiß, wozu es gut sein soll, wie kann man dann vom Menschen verlangen, dass er sich zu mehr aufschwingt, als bloß seine tierischen Bedürfnisse zu befriedigen? Da die Welt aber nun mal nicht aus ihm alleine, sondern sieben Milliarden zusätzlichen Bewohnern besteht, ist der Misanthrop zu gewissen Kompromissen bereit und versucht, den Hass auf die eigene Spezies zumindest tagsüber, wenn er mit fünfzig Kollegen im Großraumbüro sitzt, auszublenden. So er noch kein Soziopath ist, gelingt ihm die Mimikry mühelos. Aber die freundliche Fassade ist halt antrainiert.

    Denkt der Misanthrop tatsächlich so, wie E.A. Poe es ausdrückte?

    Die angenehmsten Menschen sind jene, die nie gelebt haben.

    Vor einigen Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte, der ich den Titel Misanthropie am Donnerstagabend gab, in der sich ein notorischer Eigenbrötler zum zigten Mal die Frage stellt, ob sein Widerwillen gegen näheren Kontakt mit den Nachbarn nicht doch auf galoppierender Menschenfeindlichkeit gründet. Hieraus eine kurze Passage:

    Misanthropie am Donnerstagabend

    Im Moment spüre ich nichts. Bloß Zufriedenheit mit der Einsamkeit. Vielleicht ist ein langes Leben ja gar nicht erstrebenswert. Jeden Tag ab 7 Uhr derselbe, in dumpfer Regelmäßigkeit wiederkehrende Stumpfsinn. Nahezu alles ist Routine: sich waschen, Zähne putzen, kochen, essen, arbeiten, schlafen. Die Höhepunkte bestehen aus Sex, Kino, teuren Restaurants und in Urlaub fahren. Habe ich das nicht schon zehntausend Mal absolviert? Mittlerweile ist mir alles fade geworden. Zeit, endlich auszusteigen? Zwei Kilometer weiter marschieren , mich auf die Bahngleise legen und auf die nächste S-Bahn warten, die mich zu Brei zerquetscht. Dann verbrennen und die Asche über dem Fluss verteilen. Ob es aber in der Hölle so viel abwechslungsreicher zugehen wird, überlege ich. Wahrscheinlich nicht. Auch der Satan wird monotone Arbeit von mir fordern. Von fern kräht ein früher Hahn. Ich schaue auf die Uhr: vier Uhr vorbei. Mit leicht schmerzendem Rücken stehe ich auf und trotte zurück in unsere Siedlung. Neben der auf Blinklicht geschalteten Ampel hat sich in der Zwischenzeit jemand übergeben. Die Kotze stinkt erbärmlich. Der Westwind bläst immer noch stürmisch. Leere Kartons und Zeitungsseiten wirbeln über den Asphalt.

    Ich schließe die untere Haustür auf. Lass sie alle noch bis zum Morgengrauen im Koma liegen, denke ich. Nur kein weiteres Gekläffe und Gesabber. Grabesstille im gesamten Haus, während ich die Treppen langsam nach oben steige. Wären sie alle von Andromeda-Killerviren getötet worden und ich hätte als einziger überlebt, weil ich mich zwei Stunden im Wald aufgehalten habe: würde mir das was ausmachen, geht es mir durch den Kopf. Nein! Völlig egal. Es gibt so viele von ihnen. Wen jucken da hundert weniger?

    Du bist ein emotionsloser Menschenfeind geworden. Nichts berührt dich mehr, meldet sich das stets nervende Gewissen.  Ich schweige schuldbewusst, denn die innere Stimme hat recht. Einzig der Verlust Ludmillas täte mir ein wenig weh. Aber die liegt vermutlich nackt neben ihrem schnarchenden, viel zu alten Ehemann und träumt von der Schönheit Russlands. Ich werfe mich in voller Montur aufs Bett und starre an die dunkle Decke.

    Auch als Misanthrop ist man nicht einzigartig

    Etwas Linderung verschafft das Wissen, mit der Einstellung „lasst mich bloß alle in Ruhe mit eurem Mist!“ nicht völlig alleine auf diesem Planeten zu sein. Es gab und gibt viele Millionen Exemplare der Gattung „Haltet Abstand von mir!“:

    Dass andere anders sind, anders denken, anders handeln, ist nur halb so schlimm wie die Tatsache, dass sie überhaupt da sind.
    (c) Simone de Beauvoir

    Charles Bukowski beschrieb den Zustand auf die für ihn typische Weise: „Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen“. Ein User eines Misanthropen-Forums erklärt in einem Kommentar: „Zu langfristiger Beziehung bin ich nicht fähig. Meine, oft bloß gespielte, Zuneigung zu den Menschen schwindet immer mehr. Am liebsten würde ich mich in eine Höhle verkriechen“. Sind Misanthropen enttäuschte Liebende? Verhält es sich tatsächlich so, dass der Misanthrop erst seine Eltern und dann die Arbeitskollegen hasst, bevor er sich in ein weit entferntes Dschungelcamp zurückzieht? Glücklich nur in der selbstgewählten Einsiedelei? Ja und nein. Insofern es sich bei ihm um einen 80%-Misanthrop handelt – und die stellen bei weitem die Mehrheit dieser Gattung – legt er durchaus Wert auf Tuchfühlung mit der Außenwelt. Allerdings konzentriert er seine Kontakte auf ein, maximal zwei Handvoll Personen. Zeitgenossen, deren Nähe und Urteil er schätzt: Lebenspartner, nahe Verwandte, ein paar Freunde. Deutlich mehr an zwischenmenschlicher Interaktion benötigt und verkraftet er jedoch nicht.

    Diejenigen, die im Alter nicht zynisch werden, können lieben, Mitgefühl zeigen, helfen und trauern. Viele versuchen, bessere Menschen zu sein, weil sie zu überwinden trachten, was ihre Abscheu der Menschheit gegenüber verursacht. Den Unmut, den ein anderer User des Forums so in Worte kleidet: „Manchmal bin ich angeekelt von der Gier der anderen, von ihrem Egoismus, der Kurzsichtigkeit, dem Konsumwahn. Ich messe sie alle an einem Ideal. Wissend, dass ich genauso fehlerbehaftet bin wie sie. Ich hasse keine einzelnen Menschen, wohl aber die Abgründe der menschlichen Natur“.

    Die Erkenntnis, dass wir alle aufgrund unseres angeborenen Egoismus in unserem Wollen und Können begrenzt sind, ist schon beinahe als weise zu bezeichnen. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass nicht alle Misanthropen Mordgedanken hegen oder sich auf eine einsame Insel sehnen, sondern sich bloß im Gegensatz zu den anderen mit einer reduzierten Dosis Kommunikation zufriedengeben. Was fehlt, ist ein neuer Fachbegriff. Denn Menschenfeind trifft es nicht richtig.

    Stachelschweine gelten übrigens innerhalb ihrer kleinen Rudel als gesellige Tiere.

  • Bordellverse

    Bordellverse

    Hineingeschlittert in das Gedicht, mit dem Dichter durch die Gassen und Spelunken gezogen, mit ihm getrunken und getanzt, nicht an morgen gedacht
    Gabriele Prade

    In einer Kolumne, die mit Bordellverse überschrieben ist, kann man als Autor Gedanken darüber anstellen, weshalb Männer einen Puff betreten: weil sie im normalen Leben keine Frauen kennenlernen, die schnelle Außerhaus-Nummer oder den bizarren Mitternachtskick suchen? Vielleicht arbeitet eine Bekannte dort, mit der sie in der Mittagspause eine Tasse Kaffee trinken wollen, oder sie haben ihr Herz – und in der Konsequenz das Bankkonto – an eine Hure verloren. Alles schon zigmillionenfach passiert. Man kann aber auch einfach ein Gedicht darüber schreiben und das von einer Künstlerin illustrieren lassen.

     

    Die zeichnerische Interpretation des Gedichtes „Bordellverse“ von Henning war mir ein großes Vergnügen. Seine direkte Sprache führt mich Zeile für Zeile in seine Welt. Die Bilder, die dabei entstehen, schaffen eine magische Verbindung zwischen Künstler und Poeten.
    Gabriele Prade

    Bordellverse

    Um drei Uhr nachts
    wimmelten noch zwanzig Huren
    im Kontakthof des Eroscenters rum
    taxierten jeden Neuankömmling
    mit professionellem Geierschnabelblick
    auf die Dicke der Brieftasche
    und seine möglichen sexuellen Wünsche

    Eine Gruppe besoffener Vorstadtbewohner
    in bunten Windjacken lümmelte an der Bar
    rief den vorübergehenden Frauen
    Pöbeleien zu und lachte laut
    eine fette Nutte im pinken Badeanzug
    kippte dem Anführer
    einem feisten, aknezerfressenen Fünfundvierzigjährigen
    ihren Piccolo ins Gesicht

    Bevor er Luft holen
    und die Kumpels ihm zu Hilfe eilen konnten
    waren sie bereits von zehn Huren umringt
    die schworen, ihre Pfennigabsätze
    in die Augen der Männer zu dreschen
    wenn diese nicht in derselben Minute
    den Kontakthof verließen

    Trotz ihrer Beschränktheit begriffen die Idioten
    den Ernst der Lage und wankten
    sich gegenseitig unterhakend
    aus dem Raum , während sie
    mehrmals wiederholend riefen
    dass sie sich in diesen abgefuckten Laden
    bloß versehentlich
    verirrt hätten und die hässlichen Weiber
    nicht mit der Kneifzange anpacken würden

    Ich setzte mich auf einen der freigewordenen Hocker
    bestellte beim dürren Pitter
    einen Filterkaffee, der hier noch
    übler schmeckte als die Plörre, die ich
    in meiner eigenen Küche aufsetzte
    und beobachtete die Szene

    Um diese fortgeschrittene Stunde
    bevölkerten noch zwei Dutzend Freier
    den Kontakthof. Die Hälfte glotzte auf
    einen TV-Apparat in der linken Ecke
    in dem asiatische Pornos liefen
    die restlichen zwölf unterhielten sich mit den Nutten
    und feilschten um die Preise
    das altgewohnte Bild

    »Willst du mit hochkommen, Junge?«,
    eine schwere Hand mit fleischigen Fingern
    an denen billige Ringe prangten, legte sich
    von hinten auf meine Schulter
    ich drehte mich um. »Nein danke«, sagte ich
    leise lächelnd und schaute die Frau,
    die den fünf Schwachköpfen
    vor wenigen Minuten noch Prügel angedroht hatte
    freundlich an

    Sie blinzelte und fauchte: »du bist der Kleine,
    der vier Klassen unter mir auf der Schule
    war; stimmt‘s?«
    ich nickte stumm mit dem Kopf
    »wartest du auf sie?«
    »ja«
    »sie wird bestimmt gleich kommen. Ist schon vor
    über einer Stunde mit einem alten Sack aufs Zimmer.
    ewig kann es nicht mehr dauern.«
    »danke. Dann werde mich noch ein wenig gedulden«

    Pitter stellte einen doppelten Jägermeister vor mich hin
    in dem zwei bläuliche Eiswürfel klimperten
    »ist nicht gut, so’n später Kaffee«
    einen Moment zögerte ich, dann schüttete ich
    die braunklebrige Flüssigkeit in einem Schwung
    in meine gierige Kehle
    es brannte kurz in der Speisröhre
    dann verbreitete sich eine angenehme Wärme
    vom Bauch ausgehend durch meine Adern

    Ich wollte nicht besoffen vor ihr erscheinen
    bei jeder anderen wäre es mir egal gewesen
    nicht jedoch mit ihr
    deshalb hatte ich bereits um Mitternacht
    mit dem Trinken aufgehört
    eine Flasche Bourbon musste ausreichen
    später zu Hause konnte ich nachtanken

    »Bist du schon lange hier?«
    unbemerkt wie ein leichter Lufthauch
    hatte sie neben mir Platz genommen
    und strich wie zufällig mit ihrem Lackstiefel
    über meine Wade
    »ein paar Minuten … möchtest du was haben?«
    »nein, von dem vielen Sekt wird mir sonst noch schlecht«
    »ich bin auch nicht so durstig«
    »tatsächlich? Mal ganz was Neues«. Sie heftete
    Ihren spöttischen Blick auf meinen Mund
    und ich hätte ihr in dieser Sekunde am
    liebsten die Lippen blutig geküsst

    »Bist du hier, um zu labern oder
    lässt du ein paar Mäuse für eine Nummer springen?«
    ihre Augen funkelten jetzt kalt
    »reden ist völlig okay für mich«
    »such dir eine andere. Meine Zeit ist
    dafür zu kostbar«
    sie tat so, als ob sie aufspringen wollte
    blieb jedoch sitzen
    »ich zahle«
    »ein Fuffi wird nicht ausreichen«
    ich legte schweigend drei blaue Scheine auf die Theke
    »tu noch einen drauf und ich gebe dir eine
    komplette Therapiestunde«

    »Wirklich nur quatschen? Gefalle ich dir nicht mehr?«
    »doch. Aber du wurdest heute schon zu oft angerührt«
    »etwa eifersüchtig?«
    »nein«
    »hast Probleme mit meinem Job?«
    »auch nicht«
    »sondern?«
    »das was ich suche, willst du mir nicht geben.
    Also unterhalten wir uns. Das reicht mir«
    »bist ein komischer Vogel. Aber von mir aus«

    Der dürre Pitter rief uns hinterher:
    »wenn’s spät wird, wisst ihr, wo der Notausgang ist«
    auf der schmalen Treppe roch es nach Linoleum
    und Desinfektionsmittel
    ein grimmiger Herkules mit ölpolierter Glatze
    in körperbetontem, schwarzen Lederjackett
    stierte uns nach, als wir
    in Zimmer 348 verschwanden

    An der Wand Lederkorsagen, Peitsche,
    Hundeleine, die ich nicht kannte
    auf dem Bett drei Teddybären
    »neue Sachen?«, fragte ich
    »wie lange warst du nicht mehr hier?«
    »vier, fünf Wochen«
    »vor einem Monat angeschafft.
    die alten Herren fahren voll darauf ab.
    willst du es ausprobieren?«
    »nein«
    »bist immer noch derselbe kleine Schisser
    wie früher in der Pfarrdisco«,
    höhnte sie
    ihre Stimme klang allerdings
    zärtlich, als sie mich
    zu ihr runter
    aufs Sofa zog

    Als ich ihre Lippen berührte
    leckte sie genießerisch über meine Zähne
    bevor sie sie mir ihre Katzenzunge
    weit in den Rachen hineinsteckte
    nachdem sie die Glut in mir entfacht hatte
    stoppte sie nach dreißig Sekunden
    schob mich von ihrer Schulter weg
    sagte geschäftsmäßig:
    »küssen ist im Preis nicht enthalten«
    ich seufzte: »Leider«
    »du weißt, was dann mit dir passiert«
    »jap. Schon tausendmal gespürt«

    Sie zündete sich eine Zigarette an
    »du liebst mich immer noch?«
    »so halb«
    »erzähl keinen Scheiß. Du tust es seit
    unserer Tanzstundenzeit«
    »versuche, es mir abzugewöhnen«
    »indem du säufst und andere Frauen
    unglücklich machst. Eine Kack-Methode«
    »was soll ich machen? Du hältst mich
    seit Jahren auf Abstand. In ein Kloster gehen?«
    »wäre vielleicht eine gute Idee für einen
    kaputten Typen wir dich. Müsste ein
    weltabgeschiedener Ort ohne Bier und Whiskey sein«
    »jetzt bloß keine Moralpredigt!«
    »du willst es einfach nicht verstehen: in der Schule
    warst du zu jung. Und jetzt bist du ein armer Student
    der sein bisschen Kohle nachts
    beim Backgammon verzockt.
    was soll ich mit einem Loser wie dir anfangen?«

    Erregt sprang ich auf
    lief zur Wand
    schnappte mir in einer Übersprunghandlung
    die Peitsche, mit der ich kräftig
    auf den Tisch schlug
    »so gefällst du mir besser«, lächelte sie
    »möchtest du es ausprobieren?«
    »was?«
    »wirst schon sehen. Vertrau mir«
    sie ging ins Bad
    während ich in ihrem kleinen Kühlschrank
    nach Bier forschte

    Als sie zurückkam
    hatte sie sich umgezogen
    steckte jetzt obenrum in einer Art Uniform
    die mich an Rommels Afrikakorps erinnerte
    »was soll das werden«, fragte ich
    und schüttete eine Dose Carlsberg in mich rein
    »was wohl? Ich werde dich erziehen«
    »das hat schon meine Mutter nicht geschafft«
    »dann wird es höchste Zeit dafür«
    »ist jetzt nicht so mein Ding«
    »entspann dich. Es wird dir gefallen«

    Sie fingerte eine Phiole aus ihrer Handtasche
    zerbrach das dünne Glas
    und verrührte die klare Flüssigkeit
    in einem Zahnputzbecher Wasser
    »trink das!
    bei Drogen bist du ja experimentierfreudiger
    als mit neuen Lusterfahrungen«
    ich schluckte die geschmacklose Medizin 
    und wartete auf die Wirkung
    nach fünf Minuten trübte sich mein Blick
    der ohnehin spärlich beleuchtete Raum
    verwandelte sich in eine neblige Herbstlandschaft
    in meinem Kopf erhob sich ein leichtes Brausen
    ähnlich einem Wasserfall, wie ich ihn mal in
    den Dolomiten bestaunt hatte
    und aus weiter Ferne hörte ich ihre metallene Stimme:
    »zieh dich aus!«
    in diesem Moment wurde mir alles egal

    Ich führte ihre Befehle
    jetzt wie in Trance aus
    kniete nieder
    ließ mich an den Händen fesseln
    küsste ihre Stiefel
    die sie unendlich langsam auszog
    und leckte ihre dunkelrot lackierten
    Zehen ab
    sie stellte ihren Fuß
    auf meine Schulter
    grinste
    drückte mich nach hinten
    so dass ich rücklings
    auf den hellgrauen Filzteppichboden
    fiel
    und mich wie ein flügelloses Insekt
    fühlte

    Mein Gehirn arbeitete weiter
    jedoch in Zeitlupe
    zudem war ich völlig
    willenlos
    hätte sie befohlen
    mir ein Stück Fleisch aus
    dem Oberschenkel zu schneiden
    und es roh zu verzehren
    ich hätte es getan
    »möchtest du mit mir schlafen,
    du geiler Bock?«
    »ja«
    »und wirst alles tun,
    was ich von dir verlange?«
    »ja«
    »sehr schön«
    sie schlüpfte aus ihrem
    kurzen Latexrock
    ich glotzte auf ihre
    penibel rasierte Scham
    dann öffnete sie meine Hose
    und zog mich aus

    Meine Erregung steigerte sich
    ins Unermessliche
    sie stand kurz auf
    wühlte in einer Schublade
    und kehrte mit einer
    transparenten Plastiktüte zurück
    die sie mir über den Kopf stülpte
    »was machst du, Wahnsinnige?«, rief ich
    »lass dich überraschen.
    das wird der beste Fick deines Lebens werden«
    ich versuchte, mich zu wehren,
    nach ihr zu schlagen
    allerdings vergeblich
    Arme und Beine waren schwer
    wie Blei
    und ließen sich nicht einen Millimeter
    bewegen

    Sie nahm breitbeinig Platz
    und ritt mich
    erst behutsam
    dann immer schneller werdend
    mein Atem ging stoßweise
    denn viel Luft bekam ich nicht
    ich hörte mich selbst wie durch
    eine Wattewand hindurch
    schreien
    Lust gepaart mit Todesangst
    sekundengleich mit der
    letzten Zuckung des Orgasmus
    der eine Stunde zu dauern schien
    schwand mir das Bewusstsein

    Als ich wieder zu mir kam
    befand ich mich schweißgebadet
    auf dem roten Sofa
    sie hatte mich wohl
    dorthin verfrachtet
    auf der Stirn ein mit Eiswürfeln
    gefüllter Waschlappen
    sie saß im weißen Trainingsanzug
    und Badelatschen daneben
    rauchte

    »Hältst ja nicht allzu viel aus, mein
    kleiner Tanzstundenpartner«,
    lächelte sie
    »für den Anfang war es aber ganz okay.
    du musst noch viel lernen. Vor allem
    wie man eine Frau wie mich befriedigt«
    ich richtete meinen Oberkörper auf
    vor meinen Augen kreisten
    weiße Spiralen und Sterne
    auf gummiweichen Beinen
    stand ich auf und zog mich an
    »das war heute ein Freundschaftspreis.
    beim nächsten Mal musst du
    mehr Kohle mitbringen«
    »leck mich«, flüsterte ich
    und schlich den stockdunklen
    Korridor entlang
    in Richtung Treppe
    »du bist ein undankbares
    Arschloch. Zu nichts zu
    gebrauchen. Ich hasse dich«,
    kreischte sie mir hinterher.
    ….

    Eventuell werden die Beweggründe eines Freiers für den sporadischen oder häufigen Bordellbesuch auf lyrischem Weg [streng genommen handelt es sich bei den Zeilen oben um ein Hybrid zwischen Gedicht und Short Story] besser verständlich als in einem Prosatext. Aber auch hier gilt: irgendwann wird’s selbst dem treusten Kunden fad.

    Illustration: Gabriele Prade (Team Prade – Kunst im Raum), Nov. 2017

  • Abruptes Ende einer Kreuzfahrt

    Abruptes Ende einer Kreuzfahrt

    [Achtung: die folgende Kolumne basiert einzig auf der Auswertung von Sekundärquellen: Tageszeitung, TV-Nachrichten, Brennpunkten und Talk Shows. Obwohl ich jemanden kenne, der jemanden kennt, der in Berlin wohnt, war es mir bisher leider nicht möglich, an die Originalunterlagen heranzukommen]

    Die FDP hat den Dampfer verlassen, und Jamaika liegt nun wieder dort, wo es sich seit Jahrhunderten befindet: weit hinterm Horizont, irgendwo westlich von Madeira und den Kanaren in der Karibik. Und das ist auch gut so. Denn: was soll Jamaika in Berlin? Obwohl, vielleicht ist es doch gar nicht so gut, dass wir es nicht geschafft haben, die Flagge dieses sympathischen Inselstaats über dem Reichstag zu hissen.

    Aber der Reihe nach oder Chronologie eines Scheiterns. Da der Souverän – gemeint sind wir alle – mittlerweile vogelwild wählt, flimmerte am Abend des 24. Septembers ein Ergebnis über den Bildschirm, das allen politisch Interessierten sofort signalisierte: es wird kompliziert werden. Um 18.03 erklärten die Sozialdemokraten, dass sie das Votum selbstverständlich respektierten, für eine Neuauflage der Großen Koalition nicht zur Verfügung stünden und sich auf die harten Bänke der Opposition zurückziehen. Ein echt schnell gezogenes Fazit, ging es mir durch den Kopf, als ich erstaunt den definitiven Groko-Exit aus dem Mund von Martin Schulz vernahm. Zielte in die Richtung: Wir Sozialdemokraten haben verstanden. Schulz zog aus der krachenden Niederlage jedoch nicht den Schluss, sich vom Parteivorsitz zu verabschieden. Soweit reichte sein Verständnis dann doch nicht.

    Die AfD darf dieses Mal noch nicht mitspielen, also lief die Entwicklung bereits am Wahlabend auf Koalitionsverhandlungen in der Farbkombi Schwarz, Grün, Gelb hinaus. Keiner der Beteiligten schien darauf richtig große Lust zu verspüren. Die Kanzlerin richtete deshalb in der 20-Uhr-Elefantenrunde die Bitte an ihren unterlegenen Kontrahenten, sein 18.03-Njet nochmal zu überschlafen. Vergeblich, die SPD blieb stur: Wir gehen in die Opposition. „Wat will’ste da jroß machen?“, fragt sich in so einem Fall der Rheinländer und schwenkt um zu Plan B: Jamaika. Das werden muntere Gespräche, zäh, lang andauernd, aber vielleicht wird am Ende doch was Vernünftiges bei rauskommen, überlegten die potenziellen Delegationsteilnehmer, bevor …: ja, bevor was geschah? Es passierte nämlich einige Wochen lang gar nichts. Die beiden in treuer Hassliebe verbandelten Unionsschwestern mussten sich erstmal intern finden, dann sollte bloß nichts Falsches gesagt oder getan werden, bevor die Niedersachsenwahl unter Dach und Fach gebracht worden war. Und so verstrich wertvolle Zeit, die Gunst des zügigen Beginns wurde vertan, die Skepsis der Teilnehmer – vor allem bei FDP und CSU – wuchs täglich an. Und noch war kein einziges Wort miteinander gewechselt worden.
    Zwischenfazit 1: Ouvertüre vermasselt.

    Am 18. Oktober starteten endlich die Sondierungsgespräche. Die sind den Koalitionsverhandlungen vorgeschaltet, dienen dem gegenseitigen Beschnuppern und dem Abstecken der Claims. Sowas wie die ersten 15 Minuten beim Date: Ich mag dich, kann mir vorstellen, gemeinsam mit dir ins Bett zu gehen oder: sorry, du bist doch nicht mein Typ. Könnte an einem Tag erledigt sein. Aus Gründen, die in unserem Naturell begründet sein müssen, dauerte dieser Warm-up jedoch viereinhalb Wochen. Die typisch deutsche Vorgehensweise, alles minutiös zu organisieren, Gruppen, Untergruppen und Spezialgruppen zu bilden und jeden gesprochenen Satz haarklein zu protokollieren und ihn abends zurück in der Parteizentrale ein weiteres Mal mit Referenten und Kollegen durchzukauen. Um dann am Morgen darauf Bedenken anzumelden, weil der Lektor ein paar Kommafehler entdeckt hat. In solch einer arbeitsdurchtränkten Atmosphäre ist es natürlich schwierig, sich auf das zu konzentrieren, worum es in Phase 1 eigentlich primär gehen sollte: Vertrauen zu- und Gefallen aneinander finden. Selbst der ausdauerndste Verhandler wird müde und gereizt, wenn er nur millimeterweise Fortschritte registriert in dem Wissen, dass er das alles in den richtigen (Koalitions-) Verhandlungen erneut durchdeklinieren muss.
    Zwischenfazit 2: ungenügende Teambuilding-Maßnahmen.

    Die drei dicksten Brocken bestanden in: (1) Migration/ Flüchtlingsfrage, (2) Klima/ Energiepolitik und (3) Finanzen/ Steuern/ Solidarzuschlag. Hier war klar, dass alle Beteiligten sich bewegen mussten, um in den Bereich der gemeinsamen Schnittmengen zu gelangen. Anstatt die Manövriermassen und roten Linien in den Wochen zwischen BTW und Niedersachsenwahl zu definieren, loteten die Parteien ihre Schmerzgrenzen wohl erst im Verlauf der Sondierungen aus, was ein zähes Ringen um jedes Detail zur Folge hatte. Mitunter wurden ausgehandelte Kompromisse am Tag darauf wieder einkassiert und mit dem Gefeilsche von vorne begonnen. Einige Teilnehmer gaben tägliche Wasserstandsmeldungen ab, andere twitterten munter aus den Tagungsräumen. Die Presse wurde über Dinge informiert, die vorher von den Delegationen als vertraulich eingestuft worden waren. Diskretion schien für manche ein Fremdwort zu sein. Kein Wunder, dass die Nerven nach spätestens 14 Tagen zum Reißen gespannt waren, und viele lieber schnell weg als weiter bleiben wollten.
    Zwischenfazit 3: Es wurde zu lange und mit zu wenigen Spielregeln sondiert.

    In der Nacht vom 19. auf den 20. November lässt die FDP die Gespräche platzen. Großer Auftritt von Lindner und Kubicki vor laufenden Kameras kombiniert mit einem prägnanten Spruch: Besser nicht regieren, als falsch regieren. Zurück bleiben eine konsternierte Union und verblüffte Grüne. Am Morgen darauf werden wir mit Erklärungsversuchen und Schuldzuweisungen überflutet: „Es war kein Entgegenkommen der anderen erkennbar“, „das zukünftige Regierungsprogramm hätte einzig schwarze und grüne – jedoch keine gelbe – Tinte enthalten“, „wir waren Lichtjahre von einem tragfähigen Zukunftsprogramm entfernt“, so die Liberalen. Während CDU/ CSU und die Grünen betonen: „Eine Einigung lag greifbar vor uns. Es fehlten einzig ein paar Stunden, um weißen Rauch aufsteigen zu lassen“ und: „Wir sind der FDP in so vielen Punkten entgegengekommen“. Schnell reden die einen von Dolchstoßlegende und die anderen von einer seit langem geplanten Exit-Inszenierung. Die Wahrheit findet man vermutlich irgendwo in der Mitte: Weder stapelten sich am Sonntagabend unterschriftsreife Dokumente auf dem Tisch, noch schien das Durchhauen des Knotens zu einem späteren Zeitpunkt unmöglich. Als 08/15-Zuschauer des Spektakels gewann man den Eindruck, dass Lindner und Kubicki schlichtweg keine Lust mehr auf die Nonstop-Party verspürten und sich endlich ausschlafen wollten. Und wie prinzipientreu alle plötzlich sind. Die FDP, da sie die Interessen ihrer Wähler nicht verrät, die Grünen, weil sie viele Forderungen durchgesetzt haben, die CSU hat sowieso immer Recht, und die CDU behält stets das Wohl des Landes im Auge.
    Zwischenfazit 4: Alle vier beteiligten Parteien weben nun an ihren eigenen Legenden.

    Die Reise nach Jamaika ist zu Ende. Am Zwischenstopp baden-württembergische Landesvertretung ging ein wichtiger Teil der Mannschaft von Deck, und der Dampfer muss zurück ins Trockendock. Einerseits okay. Wer nicht mitfahren möchte, löst eben kein Ticket für die vierjährige Kreuzfahrt. Tut die SPD ja auch nicht, und AfD und Linke werden gar nicht erst an Bord gebeten. Andererseits stellen sich jedoch ein paar Fragen zum missglückten Probelauf: Weshalb dauerte es viereinhalb Wochen, um festzustellen, dass weder die Inhalte noch die Chemie für eine gemeinsame Regierung taugen? Kann man sowas nicht wesentlich schneller bemerken? Warum war es nicht möglich, gemeinsame Berührungspunkte zu finden? Alle vier beteiligten Parteien verstehen sich als Vertreter der bürgerlichen Mitte. Und die sind nicht in der Lage, Kompromisslinien auszuhandeln? Oh weh! Welche Dämonen trieben Lindner und Kubicki dazu, den Versammlungsort nahezu fluchtartig zu verlassen? Weil eine – selbst gesetzte – Deadline verstrichen war? Hätte dieser Rückzug nicht in geordneteren Bahnen ablaufen können? Falls keinerlei liberale Handschrift in den Dokumenten zu erkennen war: Was um Himmelswillen haben die FDP-Vertreter da die ganze Zeit getrieben? Videospiele auf ihren Tablets gezockt, anstatt sich an den Diskussionen zu beteiligen? Fragen über Fragen.
    Zwischenfazit 5: Der Wille, sich zu einigen, war von Anfang an schwach ausgeprägt.

    Was für Auswirkungen hat das Scheitern? Es zeigt dem Bürger, dass Dreier- bzw. Viererkoalitionen auf Bundesebene zur Zeit noch nicht möglich sind. Es demonstriert des Weiteren den Egoismus der Parteien: Erst die Wünsche der eigenen Wähler befriedigen, bevor an das Land gedacht wird. Klar galt es für alle Beteiligten, Schmerzgrenzen vor allem bei Migration, Klima und Steuern zu überwinden. Schwierig, aber nicht unmöglich. Ob nun zehn oder fünfzehn Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, die Obergrenze der Flüchtlinge fix ist oder einen atmenden Deckel erhält, der Soli bereits in dieser oder erst in der nächsten Legislaturperiode abgeschafft wird: Darüber hätte man sich einigen können, wenn man denn gewollt hätte. Und das eigentlich Fatale: Es entsteht der Eindruck, dass einige Teilnehmer lieber auf Neuwahlen spekulieren, als sich auf die steinige Koalitionsarbeit einlassen zu wollen. Eventuell  – und das wäre der Worst case – beschleicht den Wähler das Gefühl, dass mit den altvertrauten Fraktionen Stillstand und Unregierbarkeit drohen. Was in der Konsequenz zu einem Erstarken der extremen Ränder führt.

    Dem Bundespräsidenten ist deshalb zuzustimmen, wenn er sagt: „Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn er sie in den Händen hält“. Ob seine klugen Worte bei den adressierten Parteiführern Gehör finden, ist – Stand Mittwochmittag – völlig ungewiss, darf aber bezweifelt werden.

    Fazit: das Platzenlassen von Jamaika war keine notwendige Heldentat, sondern ein Bärendienst an unserer Demokratie. Zumindest wenn man sich eine Regierung mit stabiler Mehrheit im Parlament wünscht.

  • Pippi und der Negerkönig

    Pippi und der Negerkönig

    Nachträgliche Revision von kritischen Formulierungen in Kinderbüchern: Zensur oder notwendige Korrektur?

    „Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“, pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. „Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin.“
    Pippi in Taka-Tuka-Land (1948)

    Wer spontan Lust auf eine lange und kontroverse Diskussion verspürt, der braucht in Facebook bloß die Frage zu stellen, ob alte Begriffe wie Neger, Mohr und Zigeuner aus unserem Sprachschatz eliminiert werden sollen. In wenigen Minuten ist der digitale Teufel los. Die Gemüter erhitzen sich schneller als ein Cerankochfeld auf Stufe 12, die Tastaturen laufen heiß. Die Standpunkte reichen von „ich lasse mir doch den Mund nicht verbieten“, „das ist Gehirnwäsche“ über „es hängt vom Kontext ab“ bis hin zu „ihr seid alle Sprachfaschisten“. Da kommen binnen weniger Stunden schon mal vier-, fünfhundert Kommentare zusammen.

    Falls man es bereits als vergebliche Liebesmühe ansieht, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, in der Kantine eine Portion Schweinefleisch mit Paprikasoße statt eines Zigeunerschnitzels zu bestellen, oder Schaumkuss für Mohrenkopf zu sagen, dürfte man sich an das Thema „nachträgliche Textkorrektur“  gar nicht erst heranwagen. Denn hier drohen sofort Keulen wie Zensur, „Kunst darf niemals von Fremden angetastet werden“ und „Orwells Neusprech lässt grüßen“. Trotzdem soll in dieser Kolumne der Versuch unternommen werden, Pro & Contra-Argumente zur Revision kritischer Begriffe in KINDERbüchern gegenüberzustellen und zu einer vernünftigen Vorgehensweise zu gelangen.

    N- und Z-Worte waren nie neutral

    Zuerst muss allerdings mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Neger, Mohr und Zigeuner waren im Deutschen NIE neutral oder gar positiv besetzt gewesen. So leitet sich Neger zwar – über die Zwischenstationen negro und nègre – vom lateinischen Adjektiv niger (schwarz) ab, zielt also bei oberflächlicher Betrachtung einzig auf die Hautfarbe. Erfunden wurde der Ausdruck im 16ten Jahrhundert und diente als Produktbezeichnung für Menschen, die von Westafrika verschleppt und in die neuen amerikanischen Kolonien verkauft wurden. Neger war also ein Synonym für Sklave. Diesen Zusammenhang kannten die Deutschen, als sie den Begriff mit ein paar Jahrzehnten Verspätung von den Franzosen übernahmen und die ältere Vokabel Mohr dafür über Bord warfen. Mohr wiederum geht auf die Wurzeln moros (altgriechisch = töricht, dumm) und maurus (lateinisch = schwarz, dunkel) zurück, was in der Kombination der beiden Eigenschaftsworte einen stark abwertenden Beigeschmack erhält und in der Konsequenz dazu führte, Schwarze vor allem als Diener ihrer weißen Herren zu betrachten. Die genaue Herkunft von Zigeuner ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts betriebene – auf völlig irrigen Annahmen beruhende – und achtzig Jahre später von den Nationalsozialisten in barbarische Ausrottungsorgien umgesetzte Rassenlehre bedeutete den endgültigen Todesstoß für die oben genannten, diskriminierenden Kennzeichnungen. Sollte man meinen. Dem war aber nicht so. Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis endlich eine flächendeckende Sensibilisierung für diese Problematik eintrat.

    Denn – und das ist wichtig und entscheidend –: schwarze Menschen möchten nicht als Neger und Mohren tituliert und Sinti & Roma keinesfalls als Zigeuner verunglimpft werden. Tun wir es dennoch, obwohl wir um die negative Konnotation der Worte wissen, reden wir in diskriminierender Weise. Die Argumente, „das haben wir immer schon so gesagt“ und „ich sag’s zwar, meine es aber nicht böse“, ziehen nicht bei Ausdrücken, deren herabsetzende  Zielrichtung seit Jahrzehnten klar erkannt und benannt ist.  Da hilft auch nicht, irgendeinen nebulösen Kontext bemühen zu wollen.

    Wenn also unsere Großeltern noch nach Kriegsende die Vokabeln Neger und Zigeuner in den Mund nahmen, war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich unkorrekt ausdrückten. Es ist ein frommes Märchen, dass ihnen keine freundlicheren Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätten. Afrikaner und Schwarzer waren auch damals schon als Synonyme im Umlauf. Sobald Oma und Opa von Neger sprachen, dann meinten sie es latent abwertend. Es herrschte bis weit in die 70er Jahre die Denkweise vor: „Schau, was aus den ehemaligen Kolonien geworden ist, seitdem die Neger auf sich alleine gestellt sind. Nichts außer Tohuwabohu und Mord und Totschlag“. Insofern jedoch bereits meiner Großmutter halbwegs klar war, dass man das N-Wort besser nicht sagen sollte, um wie viel schwerer wirkt der Gebrauch wider besseren Wissens in Blickrichtung auf Autoren, denen diese Formulierung ja nicht spontan im Verlauf einer Konversation herausrutschte, sondern die alle Zeit der Welt besaßen, sich über die von ihnen fabrizierten Sätze Gedanken zu machen? Der Vorwurf des Rassismus ist bei Lindgren, Preußler, Ende – um nur drei prominente Beispiele aufzuzählen – sicher etliche Nummern zu hoch gegriffen. Kinderbuchschreiber, die Neger, Negerlein, Mohren und Zigeuner in ihre Geschichten integrieren, müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig mit diesen Worten hantiert zu haben. Speziell Negerlein – für das kein Pendant bei anderen Hautfarben existiert – erweckt in mir die Assoziation nach putzigen Haustieren. Sie tanzen, trommeln, pfeifen immer gerne die Negerlein in ihren bunten Baströckchen und sind dabei so erfrischend natürlich, was nichts anderes als naiv bedeutet. Während die weißen Helden der Geschichten stets klug, abenteuerlustig und mutig gezeichnet werden.

    Nachträgliche Anpassung: pro & contra

    So weit, so gut bzw. schlecht. Wie soll nun ein Verlag im Jahre 2017 bei der Neuauflage von Taka-Tuka-Land verfahren? Die mittlerweile indizierten Wendungen unangetastet lassen oder durch politisch korrekte Termini ersetzen? An dieser Stelle muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden: Neubearbeitungen von Texten gab es immer schon. Wie oft sind Altes und Neues Testament in verschiedene Sprachen übersetzt und der Wortlaut dem jeweils geltenden Sprachgebrauch angepasst worden? Wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sämtliche ausländischen Romane eins zu eins ins Deutsche übertragen wurden und werden? Wie viel Gestaltungsspielraum genießt eigentlich ein Übersetzer? Wie häufig kommt es vor, dass Filmhelden in der synchronisierten Fassung andere Sätze in den Mund gelegt werden, als sie sie im Original von sich geben? Sehr oft!

    Sören Heim erklärt dazu in seiner Kolumne Politische Korrektheit – in Literatur immer fehl am Platz? (Okt. 2015):

    Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

    Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden, ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

    Preußler zeigte sich kompromissbereit, Lindgren blieb bis zum Tod stur, Ende war zu Lebzeiten nicht mehr gefragt worden. Trotzdem wurde der Negerkönig in Taka-Tuka-Land nachträglich in Südseekönig abgewandelt. Die Beibehaltung des Negers in Jim Knopf hingegen soll gemäß Erklärung des Verlags dazu dienen, den so redenden Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

    Auch wenn ich künstlerische Freiheit als hohes und schützenswertes Gut erachte, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass sämtliche Literatur sakrosankt ist und nicht kritisch hinterfragt und in bestimmten Fällen sogar korrigiert werden darf. Welche Vorgehensweisen bieten sich an?

    (1) Gar nichts tun. Alles so lassen, wie es einst zu Papier gebracht wurde
    (2) Wie (1), jedoch einen Erklärtext voranstellen
    (3) Die Worte austauschen.

    Die Befürworter von (1) stellen sich auf den Standpunkt, dass diskriminierende Formulierungen am besten durch den vorlesenden Elternteil erklärt und mit dem zuhörenden Kind diskutiert werden. Das sei sinnvoller als reines Window dressing. Klingt plausibel, entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als fromme Absichtserklärung.  Die meisten Bücher liest man als Kind und Jugendlicher alleine und erkundigt sich auch im Nachgang nicht bei Vater und Mutter, ob bestimmte Vokabeln vom Autor richtig oder falsch eingesetzt wurden. (2) ist eine Totgeburt. Denn – Hand aufs Herz – wer studiert schon ein Vorwort oder gar eine Gebrauchsanweisung fürs korrekte Verständnis eines Textes? Niemand! Dann also doch (3) Auswechseln der Begriffe?

    Ich bin da zwiegespalten. Zum einen verstehe ich den Wunsch der betroffenen Gruppen, die monierten Bezeichnungen in sämtlichen Werken zu eliminieren, frage mich aber zum anderen: wo anfangen und wo aufhören?  Was ist mit älteren Büchern? Muss der Mohr im Struwwelpeter raus, sind sämtliche Märchen von Grimm, Andersen und Hauff zu entrümpeln, soll untersucht werden, ob sich Dickens, Stevenson, Cooper, Defoe und Karl May durchgängig politisch korrekt ausdrückten? Was passiert, wenn neue kritische Wendungen auftauchen, über die sich beispielsweise Feministinnen empören? Wie soll verfahren werden, falls es sich nicht bloß um einzelne Worte, sondern um längere Textabschnitte handelt, die vom heutigen Blickwinkel aus als diskriminierend einzustufen sind? Pippis Vater als weißer Südseekönig ließ die schwarzen Insulaner für sich arbeiten und begründete so den Reichtum, von dem auch seine Tochter im weit entfernten Schweden prima leben konnte. Liegt hier nicht ein verklärendes Kolonialklischee vor? Fragen über Fragen.

    Phase 1: Konzentration auf Nachkriegsliteratur

    Bevor dem Lektor über diesem Problem graue Haare wachsen, und er aus Verzweiflung zur Flasche greifen muss – hier ein Lösungsvorschlag zur Güte: Kinderliteratur, die nach 1945 entstand, wird ausnahmslos auf den aktuell politisch korrekten Stand gebracht. Denn spätestens mit Beendigung von WK2 war klar, dass die Begriffe Neger, Mohr und Zigeuner in den Mülleimer der Geschichte gehören. Wer sie als Autor trotzdem verwendete, handelte fahrlässig. Bei älteren Werken kann – muss aber nicht – angepasst werden. Diese Forderung gilt einzig für den Austausch einzelner Worte, nicht hingegen fürs nachträgliche Umschreiben ganzer Kapitel. Die Transformation von Neger in Insulaner berührt den Inhalt nur marginal, während das Herausnehmen der Taka-Tuka-Land-Passage die gesamte Pippi-Langstrumpf-Geschichte ad absurdum führen würde. Schulen können wertvolle flankierende Aufklärungsarbeit leisten. Zwar wird ein Kind durch das ungefilterte Lesen von diskriminierenden Bezeichnungen nicht zwangsläufig zum Rassisten; es reicht aber mMn alleine der Wunsch der betroffenen Gruppen nach Anpassung des antiquierten Vokabulars an die aktuelle Sprachregelung aus, um die nachträglichen Korrekturen zu rechtfertigen.  Die künstlerische Freiheit eines Kinderbuches endet dort, wo sich Menschen berechtigterweise (!) durch die Wortwahl diskriminiert fühlen. Stellten wir uns taub, würden wir damit demonstrieren, dass uns die Anliegen von Minderheiten völlig egal sind, und wir lieber aufgrund eines falsch verstandenen Kunstbegriffs an kontaminierten Ausdrücken festhalten, als uns als Mehrheitsgesellschaft auf diese Personenkreise zuzubewegen.

    Und das hat alles nicht das Geringste mit Orwells Neusprech zu tun!!

  • Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Die USA werden im Moment von einem Opium-Tsunami (NZZ, 6. Juni 2017) überflutet. Die Auslöser für die beängstigende Zunahme auf der anderen Seite des Atlantiks sind vielfältig: von (legalen) Schmerzmitteln zu Heroin und Crack gewechselt, Synthetisierung des Stoffs, Verdrängungs- und Preiswettbewerb der Anbieter, Internet als neuer Verkaufskanal, Flucht in den Rauschzustand, um dem Elend des Alltags zu entkommen. Donald Trump hat deshalb vor einigen Tagen die akute Drogenkrise zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. „2016 sind 64.000 Amerikaner an einer Überdosis gestorben; das sind mehr, als im Vietnam- und in den beiden Irak-Kriegen zusammen gefallen sind“ (FAZ vom 10. Nov. 2017). In den Vereinigten Staaten reift langsam die Erkenntnis, dass der 1972 vom damaligen Präsidenten Nixon ausgerufene War on Drugs mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu gewinnen ist. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum von Marihuana mittlerweile straffrei.

    Wie sieht die Lage in Deutschland aus? Bei uns oszillieren die Zahlen der Drogenopfer seit Jahren zwischen den Werten 1000 und 1300 (hierin circa 70% Opiatmissbrauch). Tote aufgrund Cannabiskonsums: 0. Zum Vergleich Alkohol in Kombination mit Tabak: 75.000 (hierin 30-50% durch Alkohol alleine), Tabak: 120.000. Die Anzahl der Alkoholkranken übersteigt die der Opiatabhängigen um ein Vielfaches.

    Drogenbeauftragte stellt sich taub

    Cannabis scheint also kein allzu großes Problem darzustellen, könnte man meinen. Dann lasst die Kiffer doch friedlich an ihren Joints nuckeln. Wozu muss die Polizei ausrücken, wenn es irgendwo leicht nach schwarzem Afghanen riecht? Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) stellt sich jedoch quer: „Es muss endlich Schluss sein mit der Lifestyle-getriebenen Legalisierungsdebatte, mit der die Gefahren des Kiffens permanent heruntergespielt werden … von keiner anderen Droge sind hierzulande so viele Menschen abhängig, keine andere füllt derart Suchtkliniken und Therapieeinrichtungen. Cannabis ist alles andere als ein harmloses Suchtmittel.“ (Tagesspiegel vom 18. Aug. 2017).

    Mit dieser Äußerung beweist Mortler, dass sie entweder noch nie eine Suchtklinik von innen gesehen hat oder gar mit falschen Angaben operiert. Denn die weit überwiegende Anzahl der Patienten in stationären Einrichtungen sind Alkoholiker. Mit (großem) Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatabhängigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten an.

    Wenn schon die nationale Drogenbeauftragte so spricht, verwundert es nicht, dass die Regierung weiterhin am restriktiven Kurs des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) von 1981 (Neubekanntmachung: 1994) festhält, in dem Erwerb, Besitz, Anbau und Handel von illegalen Substanzen verboten und strafbewehrt sind. Das BKA verzeichnete im vergangenen Jahr in seiner Statistik 300.000 registrierte Drogendelikte, darin häufig Pillepalle wie ein paar Krümel Hasch in der linken Hosentasche.

    Juristen machen Front gegen das verstaubte Gesetz

    Mittlerweile zweifeln allerdings immer mehr Experten die Wirksamkeit der Kriminalisierung von Konsum und Handel an und empfehlen eine Verlagerung vom strafrechtlichen in den medizinischen Bereich. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Schildower Kreis – einem informellen Zusammenschluss deutscher Strafrechtsprofessoren – zu, der in einer Resolution an die Abgeordneten des Bundestags im November 2013 ausführt:

    … zeigt sich weltweit die Erfolglosigkeit strafrechtlicher Bekämpfung von Drogennachfrage und -angebot

    Demgegenüber zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Gefährdungen durch bislang illegale Drogen ebenso wie solche durch Medikamente und Alkohol besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung … zu bewältigen wären.

    Die Strafrechtler fordern die Einsetzung einer Enquête-Kommission zum Thema Reformierung des BtMGs, auf die Mortler zuletzt im Oktober 2017 – nachdem bereits vier Jahre verstrichen waren – wie folgt reagierte: „Die Diskussion muss beendet werden, weil sie zur Verharmlosung des Drogenkonsums beiträgt. … Wir sagen: Es gibt so viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Konsumverbot von Cannabis, und es gibt so wenig einfache Lösungen, dass wir eine konzertierte Aktion im Sinne einer Enquête-Kommission brauchen, um einen Konsens herzustellen.“ (ZEIT-Online vom  28.10.17). Getan hat sich bisher jedoch Nullkommanichts. Drogenbeauftragte und Regierung spielen auf Zeit.

    In Heinrich Schmitz sehr lesenswertem Beitrag „Legalize it – Kiffen in Deutschland (Dez. 2015)“ gibt mein hochgeschätzter Mitkolumnist, der im realen Leben als Strafverteidiger seine Brötchen verdient, zu bedenken:

    Bei den Drogenkonsumenten ist der Begriff des Kriminellen allerdings völlig daneben. Insbesondere bei den Kiffern … könnte ich beim besten Willen nicht erklären, weshalb das Kriminelle sein sollten. Die tun ja keinem was und nehmen auch keinem was weg.

    Das Strafrecht dient dem Rechtsgüterschutz … aber welches Rechtsgut wird dadurch geschützt, dass man den Kiffern ihren Joint verbietet?

    Einfach irgendwas verbieten, weil es ihm Spaß macht, darf also auch der Gesetzgeber nicht.

    Hierzu das Bundesverfassungsgericht in seiner Cannabis-Entscheidung von 1994:

    Der Gesetzgeber verfolgt mit dem derzeit geltenden Betäubungsmittelgesetz ebenso wie mit dessen Vorläufern den Zweck, die menschliche Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Bevölkerung im Ganzen vor den von Betäubungsmitteln ausgehenden Gefahren zu schützen und die Bevölkerung, vor allem Jugendliche, vor Abhängigkeit von Betäubungsmitteln zu bewahren.

    Schmitz kontert:

    Aufgrund von Art. 2 GG steht es jedem Menschen frei, seine Gesundheit zu schädigen. Der Staat ist nicht Herr meiner Gesundheit.

    Entkriminalisierung: Pro & Contra

    Ich unterschreibe jeden seiner Sätze, will aber in dieser Kolumne noch einen Schritt weitergehen: wir müssen nicht nur Marihuana endlich legalisieren, sondern SÄMTLICHE (bisher als illegal deklarierten) Drogen entkriminalisieren. Es kann einfach nicht sein, dass ein aufgrund von in fahrlässiger Menge vom Hausarzt verschriebener Schmerzmittel im Lauf der Jahre opiatabhängig gewordener Mensch nun 24/7 mit einem Bein im Knast steht, bloß weil sein Körper ständig Nachschub verlangt. Weshalb muss ein Gelegenheitskonsument von Koks oder Ecstasy befürchten, hops genommen zu werden, wenn er mal 48 Stunden am Stück wachbleiben möchte? Welcher Dritte wird geschädigt, wenn sich ein Student einen Joint reinzieht? Warum will mich der Staat qua Strafandrohung vor den schädlichen Auswirkungen von THC und Opium schützen, während er das bei Alkohol und Tabak nicht tut? Weshalb stellt mein Konsum überhaupt ein strafrechtliches – und kein medizinisch-therapeutisches – Problem dar?

    Nach den negativen Erfahrungen, die die USA mit der (Alkohol-) Prohibition, die dort in den Jahren von 1919 bis 33 herrschte, gesammelt hatten, hätte man in Blickrichtung auf die kriminellen Konsequenzen, die Total-Verbote nach sich ziehen, eigentlich klüger werden müssen. Die im  Schildower Kreis organisierten Strafrechtsprofessoren stellen in diesem Zusammenhang fünf Kernthesen auf:

    (1) Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf: die überwiegende Zahl der Drogenkonsumenten lebt ein normales Leben. Selbst abhängige Konsumenten bleiben oftmals sozial integriert.
    (2) Der Zweck der Prohibition wird systematisch verfehlt: Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen … sie schreckt zwar einige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert gleichzeitig dramatisch die gesundheitlichen und sozialen Schäden für diejenigen, die nicht abstinent leben wollen. Selbst in totalitären Regimen und Strafanstalten kann Konsum nicht verhindert werden.
    (3) Die Prohibition ist schädlich für die Gesellschaft: sie fördert die organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt. Sie schränkt Bürgerrechte ein und korrumpiert den Rechtsstaat …
    (4) Die Prohibition ist unverhältnismäßig kostspielig: jedes Jahr werden Milliardenbeträge für die Strafverfolgung aufgewendet, welche sinnvoller für Prävention und Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden könnten. Der Staat verzichtet auf Steuereinnahmen, die er bei einem legalen Angebot hätte.
    (5) Die Prohibition ist schädlich für die Konsumenten: sie werden diskriminiert, strafrechtlich verfolgt und in kriminelle Karrieren getrieben … normales jugendliches Experimentierverhalten wird kriminalisiert und das Erlernen von Drogenmündigkeit erschwert.

    Die Befürworter der harten Gangart führen drei Hauptargumente gegen die Entkriminalisierung ins Feld:
    (A) Der Konsum von weichen Drogen führt unweigerlich in die Kokain- und Opiatabhängigkeit
    (B) Der heutige THC-Gehalt ist höher – und damit gesundheitsschädigender – als vor dreißig Jahren
    (C) Die Freigabe bedeutet eine Ausweitung des Konsums.

    zu:
    (A) ist ein Schauermärchen. Die Korrelation zwischen Marihuana und Opiaten liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Eher steigt man von Alkopops auf Wodka als von einem Joint auf Heroin um
    (B) trifft – v.a. bei Indoor-Produkten – zu; ist aber kein Grund, dem Käufer mit Strafe zu drohen. Er schädigt seine eigene Gesundheit; nicht die eines Dritten
    (C) die Erfahrungen in Ländern mit liberaler Drogenpolitik (z.B. Niederlande, Schweiz, Spanien, Portugal, Uruguay, einige US-Bundesstaaten) haben kein Ansteigen des Konsums – oder gar der krankhaften Abhängigkeit – aufgrund der Legalisierung gezeigt.

    Legalisierung: jetzt!

    Die Schildower gelangen deshalb zu dem Ergebnis: Menschen mit problematischem Suchtverhalten brauchen Hilfe. Die Strafverfolgung hat für sie und alle anderen nur negative Folgen … der Staat darf die Bürger durch die Drogenpolitik nicht schädigen.

    Es muss also darauf gehofft werden, dass die in den nächsten Wochen in Berlin zusammenfindende neue Koalition endlich Ernst macht mit der Ankündigung, das antiquierte BtMG einer dringenden Revision zu unterziehen und dabei als erste Sofortmaßnahme das Kiffen straffrei zu stellen, bevor in weiteren Schritten der Konsum sämtlicher Substanzen legalisiert wird. Runter vom strafrechtlichen Kopf auf die medizinisch-therapeutischen Füße, wo die, Gesundheit und Wohlbefinden des Einzelnen betreffenden Angelegenheiten definitiv besser aufgehoben sind als bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

    Das Schlusswort gebührt Heinrich Schmitz:

    Es ist höchste Zeit, dass dieses unsinnige und schädliche Gesetz in Rauch aufgeht.

    Dem ist von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

    Weiterführende Literatur:
    // Schildower Kreis: Resolution deutscher Strafrechtsprofessorinnen und -professoren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages (Nov. 2013)
    // Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Jahrbuch Sucht
    // Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht
    // UNODC: zahlreiche Untersuchungen. U.a. 100 years of drug control (2009)
    // WHO: u.a. zur Entkriminalisierung von harten Drogen, um HIV-Ansteckungen zu reduzieren (2014)

  • Die Magie des ersten Satzes

    Die Magie des ersten Satzes

    Nachdem Sören Heims Beitrag „Die Austreibung der Schönheit“, in der er die Reduktion der Sprache auf die reine Informationsvermittlung beklagt, am vergangenen Wochenende auf großes Interesse bei den Lesern stieß und im Anschluss kontrovers über die optimale Länge von Sätzen und den vibrierenden Sound einzelner Textpassagen diskutiert wurde, hatte ich das Thema für meine neue Kolumne gefunden: die Magie des ersten Satzes.

    Vor einigen Jahren trieb ich mich mehr in Autorenforen als in Facebook rum. Dort stellen Nachwuchs- und Hobbyschriftsteller Kurzgeschichten und Gedichte vor und lassen ihre (Mach-) Werke von anderen Usern beurteilen. Gibt dabei Rechtschreibungs-, Grammatik-, Füllwort-, Inhalts-, Logik- und Spannungsexperten. Die Bandbreite der Bewertungen reicht von „Super. Du findest bestimmt einen Verlag“ über „noch bist du nicht so weit. Stete Übung macht den Meister“ bis hin zu „kompletter Schrott“ oder „tu uns bitte allen einen Gefallen und lade keine neuen Stories von dir hoch“. Ein harter, teils grausamer, aber unterm Strich lehrreicher Ausleseprozess. Neben den beiden Hauptrubriken Prosa und Lyrik existiert ein weiterer Bereich: Kreatives Schreiben. Hier wird so spannenden Fragen wie „Kann mir jemand dabei helfen, eine Fantasywelt zu entwickeln?“ oder „Wie viele Wörter hast du heute aufs Papier gebracht?“ nachgegangen. Eines Morgens stand da folgende Behauptung zu lesen: „Ich lasse mich bei der Auswahl eines Romans einzig vom ersten Satz leiten. Ist der sexy, dann kaufe ich das Buch; andernfalls stelle ich es sofort ins Regal zurück“. Daraus resultierte eine der längsten Diskussionen in dieser – an ausufernden Debatten wahrlich nicht armen – Schreibwerkstatt. Schnell standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: die Befürworter der Ausgangsthese, die sich auf die Erste-Satz-Magie versteiften und die Gegner, die die Ad-hoc-Entscheidung nicht nur für unsinnig, sondern sogar als Frontalangriff auf das Wesen der Belletristik ansahen.

    Ich gehörte anfangs zu den Opponenten, empfand die Erste-Satz-Dogmatik als engstirnig bis hin zu realitätsfremd, freundete mich jedoch im Lauf der Monate immer stärker mit der Position der Befürworter an. Ein attraktiver Einstiegssatz hat ja was. Von der Funktion her ähnelt er einem bunten Plakat, das uns zu einem Museumsbesuch überreden, einem spannenden Trailer, der mich ins Kino lotsen soll, David Beckham mit entblößtem Oberkörper, der mir ein After Shave andrehen, einer barbusigen Blondine im schummrigen Kontakthof des Bordells, die mich gleich um 200 Euro erleichtern will, der Frau, der wir nach zehn Sekunden verfallen und bereits beim ersten Date einen Heiratsantrag stellen. Bei allen fünf Beispielen wissen wir nicht, ob das Produkt den im Teaser vorgegaukelten Erwartungen entspricht. Eventuell ist der Film todlangweilig, das Rasierwasser riecht nach gegorenem Moschus, die Hure entpuppt sich im Neonlicht ihres Zimmers als alt und habgierig, die blitzgeheiratete Angebetete macht uns das Leben bis zur nächsten Scheidung richtig sauer. Trotzdem lassen wir uns oft aufgrund eines Spontaneindrucks zum Kauf animieren. Warum sollte dieses Phänomen nicht auch für Romane gelten?

    Ich durchforstete die kleine Bibliothek in meinem Wohnzimmer auf der Suche nach Büchern mit sexy Einstiegssätzen – Sätze, die sofort ins Auge springen und dem Leser suggerieren: in dieser Art wird es bis zum finalen Punkt auf der letzten Seite weitergehen – und wurde tatsächlich fündig. Im Folgenden eine Auswahl attraktiver Einleitungen. Und zwar allesamt aus Romanen, die mich derart in ihren Bann zogen, dass ich sie binnen weniger Tage und Nächte nahezu rauschartig, dabei Essen, Trinken und Körperhygiene vergessend, durchlas.

    Preisgekrönte Sätze

    Beginnen möchte ich mit einem prämierten Beispiel: „Ilsebill salzte nach“. Der Anfang des „Butt“ von Günter Grass war gemäß einem im Jahre 2007 gefällten Urteil der Experten von Initiative Deutsche Sprache sowie Stiftung Lesen der schönste Einstiegssatz der deutschsprachigen Literatur. Und ich fragte mich damals – und tue es heute noch – warum? Was um Himmelswillen ist an diesem Satz attraktiv, abgesehen davon, dass er leicht verständlich ist? Ich finde ihn komplett fade. Was übrigens für den gesamten „Butt“ gilt, weshalb ich ihn damals nach dreißig Seiten wieder beiseite legte. Großartig hingegen Kafkas Start in „Die Verwandlung“: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Belegte aus Gründen, die niemand außer den oben genannten Fachleuten kennt, nur Rang 2. Vielleicht weil Grass damals noch lebte, Kafka jedoch schon lange tot war. Auf Platz 3 landete Siegfried Lenz: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.“ (So zärtlich war Suleyken). Ganz okay, aber sexy geht anders.

    Aus meinem Bücherregal gegriffen

    Nun aber endlich zu den Romanen in meinem Bücherregal.

    Während ich schreibe, bricht die Dunkelheit herein, und die Leute gehen zum Abendessen.
    Henry Miller: Stille Tage in Clichy

    Leicht melancholischer Start in einen kurzen Roman, 1956 in der englischen Originalfassung „Quiet days in Clichy“ erschienen. Spielt im Paris des Jahres 1933. Die Geschichte erzählt von den schriftstellernden Bohemiens Carl und Joey, die ein ausschweifendes Leben führen. Ihr weniges Geld geben sie am liebsten für Nutten und Partys aus. Gilt als Meilenstein der erotischen Literatur. Aufgrund des teils pornografischen Inhalts in den USA erst 1965 und in Deutschland 1968 veröffentlicht.

    Dieses schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa – nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig –, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde; sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.
    Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter (1948)

    DER Ägyptenroman schlechthin. Erzählt vom Leben des Arztes Sinuhe, der, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, bis zum Leibarzt des Ketzer-Pharaos Echnaton aufsteigt, bevor er von den Amun-Priestern den Auftrag erhält, den König zu vergiften. Verbittert zieht er sich in die Einsamkeit der Wüste zurück und kritzelt dort in jahrelanger Arbeit seine Geschichte auf hunderte Papyrusrollen.

    Achtzig Jahre nach dem Tod ihres Propheten Mohammed hatten die Moslems ein Weltreich aufgebaut, welches sich von der indischen Grenze ununterbrochen durch Asien und Afrika die südlichen Gestade des Mittelmeers entlang bis zur Küste des Atlantischen Ozeans dehnte.
    Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo (1955)

    Von den vielen guten historischen Romanen Feuchtwangers sticht die Jüdin von Toledo wegen der bittersüßen Love Story, die sich zwischen Raquel und dem kastilischen König Alfonso entwickelt, nochmals heraus. Als Raquel vom wütenden Mob erschlagen wird, wandelt sich der trauernde Herrscher vom Kriegsherrn zum friedliebenden Landesvater.

    Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.

    So startet Heinrich Mann in das Epos Die Jugend des Königs Henri Quatre. Erzählt wird in zwei Bänden (Nr.2.: Die Vollendung des Königs Henri IV) der Werdegang des Herzogs von Bourbon, der als Protestant im letzten Viertel des 16ten Jahrhunderts auf den französischen Thron gelangen will. Diesen kann er jedoch erst besteigen, als er zum Katholizismus konvertiert. Seine Einsicht, „Paris ist eine Messe wert“, wird auch heute noch zitiert, wenn man eine überraschende 180-Grad-Kehrtwende in Angelegenheiten der Politik und des Glaubens mit einem Bonmot umschreiben möchte. Erschienen 1935.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.
    Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne (1978)

    „Was Sie schreiben, ist so roh und direkt. Wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. Und doch steckt so viel Humor und Zärtlichkeit dahinter“, sagte die Kritikerin, als sie den Roman studiert hatte.
    „Yeah“, antwortete Bukowski.

    Der Morgen dämmerte. Der große Caddy schoss durch die Straßen der Stadt. Meine fünf Huren schnatterten wie eine Horde betrunkener Affen.
    Iceberg Slim: Pimp

    Hier ausnahmsweise drei Sätze. Icebergs Slims – im Gefängnis getippte – Lebensbeichte. Die ungeschminkte, grausame Story eines Zuhälters, der seine Mädchen auf den Straßenstrich schickt. Veröffentlicht 1969; diente als Vorlage für zahlreiche Rap- und Hip-Hop-Texte.

    Mein Chef sagte mir: „Ich behalte Sie nur aus Rücksicht auf Ihren ehrenwerten Herrn Vater, sonst wären Sie schon längst hinausgeflogen.“
    Anton Tschechow: Der Taugenichts (1890)

    Eine der vielen schönen Novellen Tschechows, in denen er die Flucht eines Sohns aus gutbürgerlicher Familie aufs Land schildert. Als er glaubt, endlich alle einengenden Konventionen hinter sich gelassen zu haben, verlässt ihn seine Frau, und er kehrt reumütig in die Stadt zurück.

    Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch.
    Aldous Huxley: Schöne neue Welt (1932)

    Eine Wohlstandsgesellschaft im Jahre 632 nach Ford. Unruhe, Elend und Krankheit sind überwunden. Eine totalitäre Herrschaft mit einer strengen Drei-Klassen-Gesellschaft garantiert genormtes Glück. Jede Form von Individualismus wird als asozial gebrandmarkt. Eines der wenigen Pflichtbücher im Schulunterricht, das ich mit Begeisterung las.

    Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr’s genau wissen wollt.
    J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951)

    Braucht man nichts weiter drüber zu sagen. Kennt jeder. Und wer von diesem Roman bisher tatsächlich noch nichts gehört hat, sollte ihn sich spätestens jetzt sofort besorgen.

    Das Städtchen Holcomb liegt auf der Weizenhochebene von West-Kansas, eine weite einsame Gegend, die selbst für die anderen Kansaner hinter dem Mond liegt.
    Truman Capote: Kaltblütig (1965)

    Beruht auf einer wahren Geschichte: eine dreiköpfige Familie wird bei einem Raubüberfall ermordet. Die zwei männlichen Täter werden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Der Autor besucht die beiden regelmäßig in ihren Zellen, führt zahlreiche Interviews mit ihnen und begleitet sie bis zum Galgen. Aus diesen Notizen entstand der erste sogenannte Tatsachenroman der Weltgeschichte.

    Mittlerweile war klar, dass die Zeiten des Wassers vorbei waren, erinnerte sich der alte Qfwfq; die Zahl derjenigen, die sich entschlossen, den großen Schritt zu tun, wurde immer größer, es gab kaum noch eine Familie, die nicht einen ihrer Lieben auf dem Trockenen hatte, und alle erzählten sich Wunderdinge vom Leben dort und holten ihre Verwandten nach.
    Italo Calvino: Das Gedächtnis der Welten/ Bd. 1 der Cosmicomics (1965)

    Fantastische Geschichte der Entstehung des Lebens von seinen Anfängen im Ozean über die Zwischenstation Amphibien und Dinosaurier bis hin zu den ersten rattenartigen Säugern. Und immer mittendrin der unsterbliche Held mit dem unaussprechlichen Namen: Qfwfq.

    Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war … ich hatte gerade eine schwere Krankheit hinter mir, von der ich nicht groß reden will, bloß dass sie mit dem Tod meines Vaters zu tun hatte und mit dem scheußlichen Gefühl, dass alles tot war.
    Jack Kerouac: On the Road (1958)

    In der Urfassung 1951 binnen drei Wochen auf eine vierzig Meter lange Papierrolle getippt. Atemloser Bericht vom Leben eines Hobos: Natur, Drogen, Jazz und Sex bestimmen die Handlung. Ständig auf der Suche nach Glück. Freiheit, der großen Liebe und der ultimativen Party. Meilenstein der Beat-Literatur.

    Erster Satz: wichtig, aber für sich alleine nicht kaufentscheidend

    Das war nun ein Dutzend willkürlich zusammengestellter Kostproben aus meinem Bücherregal für magische erste Sätze, die den Leser mühelos in den Roman hineinziehen, und bei denen die nachfolgende Handlung qualitativ und vom Spannungsaspekt her auch das hält, was auf Seite 1 versprochen wird. Die Geschmäcker sind unterschiedlich: das was mich in Schwärmerei versetzt, bewirkt bei anderen vielleicht nur ein müdes Lächeln oder gar ein Gähnen. Es existieren tausend weitere Beispiele für attraktive Einstiege. Und natürlich stoppt auch niemand nach der ersten Zeile eines Buchs. Das Auge überfliegt eine Drittel bis halbe Seite, bevor im Gehirn die Entscheidung „weiterlesen oder weglegen“ getroffen wird. Das wissen auch die Anhänger der Sexy-Satz-These. Die Auswahl eines Romans geschieht in der Regel anhand der Kriterien: Genre, kenne ich den Autor?, ist es eine Empfehlung eines Freundes?, steht das Buch in einer Bestsellerliste?, Klappentext, Studium Seite 1 und einer zufällig ausgewählten Passage im Mittelteil. Auf diesen Parametern fußt die Kaufentscheidung. Trotzdem ist die Beschäftigung mit dem Startsatz aus Autorensicht sinnvoll. Denn falls dieser bereits mit der 08-15-Schablone fabriziert wurde, wird auch der Rest des Textes Standardware sein.

  • Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Asterix in Italien

    Band XXXVII

    »Wir brauchen dringend Stoff für die bunte Seite«, meinte Heinrich auf der letzten Redaktionskonferenz.
    »Was schwebt dir da vor?«, fragte Ulf.
    »Na, zum Beispiel der neue Asterix. Alle reden drüber. Aber wir haben bisher nichts dazu gebracht. Wer meldet sich freiwillig?«
    Alle blickten nach unten und taten plötzlich sehr beschäftigt mit ihren Notizblöcken und Smartphones. »Henning ist eigentlich unser Mann fürs Triviale«, meldete sich Ulf zu Wort. Ein halbes Dutzend Paar Augen richteten sich nun auf mich.
    »Okay, okay, ich tue es«, willigte ich ein. »Deadline?«
    »Morgen«, sagte Heinrich.
    »War klar«, antwortete ich.

    Wegen Feiertag waren alle Kioske geschlossen, und ich fuhr zur Bonner Bahnhofsbuchhandlung, um mir den Band dort zu besorgen. Prangte mir schon in riesigen Lettern im Schaufenster entgegen: Asterix in Italien. Laufende Nummer 37 der Reihe. Ich setzte mich in ein Café, bestellte einen Cappuccino, begann in den Seiten zu blättern, tauchte ein in die mir seit Kindheit wohlvertrauten bunten Bilder und Sprechblasen, ließ mich hineinziehen in  die immer gleiche Geschichte von Ränke schmiedenden, dekadenten  Römern und anfangs naiven, am Ende aber stets aufgrund der Cleverness von Asterix und der Stärke von Obelix erfolgreichen Gallier, deren kleines Ökodorf den kompletten Gegenentwurf zur durchkommerzialisierten Weltmetropole am Tiber darstellt, seufzte wehmütig, sobald ich eine Reminiszenz an frühere Ausgaben erkannte und legte das Heft eine Stunde und zwei Cappuccini später wieder vor mich auf den Tisch. War Nr. 37 nun eine gelungene Ausgabe oder nicht?

    Was soll man als Kritiker über eine Serie schreiben, die man bereits Mitte der 80er Jahre abgehakt hatte? Beginne ich mit dem Positiven: die Zeichnungen von Didier Conrad erreichen durchgängig die Qualität Uderzos. Auch mit geübtem Auge lassen sich keine Unterschiede erkennen. Haptik wie gewohnt, Preis mit 6.90€ – bei 46 Seiten – fürs Softcover völlig okay. Story gefällig, kann man in einem Rutsch durchlesen. Ich hatt’s mir nach den Tiefpunkten Nr. 30 (A. & Maestria) und Nr. 32 (A. plaudert aus der Schule) deutlich schlimmer vorgestellt.

    Antike Schlaglöcher und eine korrupte Verwaltung

    Worum geht’s in Nr. 37? Der für den Bereich Verkehrswesen im römischen Reich zuständige Senator Lactus Bifidus soll in einem Ausschuss erklären, weshalb sich das Wegenetz im Kernland Italien in desaströsem Zustand befindet. Seine Kollegen bezichtigen ihn der Unterschlagung von Steuergeldern. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, schlägt Bifidus die Organisation eines Wagenrennens vor, das von Nord nach Süd  über den gesamten Stiefel führt, um somit der Bevölkerung und dem misstrauischen Senat zu demonstrieren,  dass die Straßen in weit besserem Zustand sind, als seine politischen Gegner böswillig behaupten. Cäsar bekommt Wind von der Sache und regt eine Erweiterung des Teilnehmerfelds auf alle Völker der von der Wölfin beherrschten Welt an. Allerdings unter der Voraussetzung, dass am Ende ein Römer gewinnen muss.  Unsere beiden Helden erfahren natürlich von dem in Kürze bevorstehenden Großereignis, kaufen eine gallische Sportkarosse und machen sich auf zum Startpunkt des antiken Giro d’Italia: Monza. Dort haben sich rund zwei Dutzend Wagenlenker aus sämtlichen Regionen des Imperium eingefunden. U.a. der als unbesiegbar geltende Lokalmatador Caligarius, der mit goldener Maske antritt, samt Copilot Bleifuß. Das Rennen startet sofort und führt über die Stationen Venedig, Parma, Florenz, Siena, mit längerem Zwischenstopp am Tiber bis zum Zielort Neapel. Zwischendurch wird natürlich von den Römern auf Teufel komm raus getrickst: Schilder weisen in die falsche Richtung, Räder werden angesägt, Öl auf der Straße verteilt, langwierige Verkehrskontrollen für sämtliche ausländischen Gespanne durchgeführt. Das Feld der Teilnehmer lichtet sich bedenklich. Caligarius rast derweil von einem  Etappensieg zum nächsten. Misstrauisch geworden, stellt Asterix den Römer, reißt ihm den Helm vom Kopf und erfährt vom abgefeimten Spiel, hinter dem Senator Bifidus als Planer und Bleifuß als sein Vollstrecker stecken. Obelix zerstört das Gefährt, Caligarius bleibt als Häufchen Elend am Straßenrand zurück. Nun eilen unsere Gallier dem Sieg entgegen, als sie plötzlich an den Hängen des Vesuvs vom Mann mit der goldenen Maske überholt werden. Wie konnte das geschehen? … mehr erzähle ich nicht, denn ich will den potenziellen Band 37-Käufern ja nicht alles vorher verraten.

    Müder Abklatsch einer alten Story

    Liest sich munter wie ein Donald-Duck-Abenteuer. ABER – und an dieser Stelle muss ein großgetipptes Aber erfolgen – der Story mangelt es an zwei wichtigen Zutaten: Witz und Originalität. Das Ganze gab’s nämlich schon mal: Band 6, Tour de France (in Deutschland erschienen 1970; im frz. Original 1965 als lfd. Nr. 5). Ich krame das Heft aus einem Umzugskarton hervor, nehme es nach gefühlt dreißig Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand. WAS für ein Unterschied! Goscinny war im Genre (Semi-) Funnies ein Comictextriese, prägte mit seiner Handschrift Serien wie Umpah-Pah, Lucky Luke, Isnogud und natürlich Asterix, die ohne seinen feinen Humor über Micky-Maus-Niveau nie hinausgelangt wären. Asterix nahm, vom leicht hölzernen Start mit „Der Gallier“ (1961) mal abgesehen, sofort in Band 2 „Die goldene Sichel“ (in Frankreich veröffentlicht 1962, Deutschland: 1970 als Nr. 5) gehörig Fahrt auf. Es folgten Kracher wie: Kleopatra, Legionär, Arvernerschild, Der Seher, um nur einige der Highlights von insgesamt 24 sehr guten bis hin zu hervorragenden Alben aufzuzählen.

    Unvergessen die Bonmots:
    „Die spinnen die Römer“ (in jedem Heft)
    „Sie hat einen schwierigen Charakter, aber eine hübsche Nase“ (über Kleopatra)
    „Warum Cäsar geben, was wir selbst behalten können?“ (bei den Belgiern)
    „Zeit ist Sesterz“ (A. und die Normannen)
    „Mit den Römern ist es wie mit den Austern: allzu viele sind ungesund“ (Tour de France)
    „Das ist ein Essen für die Goten!“ (als Legionär)
    „Ich erzähl ihm von Ruhm, und der kommt mir mit Pilzen“ (Arvernerschild).

    Wer erinnert sich nicht an die Running gags:
    • Die Fesselung von Troubadix vor dem Schlussbankett, damit dieser nicht singt
    • Die Diskussionen zwischen Automatix und Fischverleihnix über den Frischegrad der vom Zweitgenannten angebotenen Produkte
    • Die Eifersuchtsszenen des Methusalix
    • Der Sekundenschlaf eines der beiden Träger von Majestix, woraufhin der Häuptling vom Schild fällt
    • Das Versenken des Piratenschiffs
    • „Wer ist dick? Ich sehe keinen Dicken. Du etwa Asterix?“

    Die sparsam, aber regelmäßig, eingeflochtenen lateinischen Sprüche versöhnten uns mit dem drögen „de bello gallico“, den wir gerade in der Mittelstufe durchnahmen.

    Dieses kunstvolle Gebilde, in dem Text und Illustrationen millimetergenau aufeinander abgestimmt waren, bröckelte bereits mit dem ersten Album, das nach Goscinnys Tod erschien: Der große Graben (1980, Nr. 25), um dann in beängstigender Schnelligkeit von Heft zu Heft weiter an textlicher Qualität einzubüßen, bis die Serie Ende der 80er Jahre auf der Talsohle des Fix- & Foxi-Niveaus angelangt war, von dem sie sich nicht mehr erholte, solange Uderzo in Pesonalunion für Bilder und Text verantwortlich zeichnete.

    Goscinnys Witz bleibt unerreicht

    Seit Nr. 35 (bei den Pikten) haben sich zwei neue Künstler der dahinsiechenden Reihe angenommen: Didier Conrad (Zeichnungen. Bekannt durch die Serie: Helden ohne Skrupel) und Jean-Yves Ferri (Text. Publizierte vorher vorwiegend im französischsprachigen Raum). Während Conrad scheinbar mühelos Uderzo kopiert, erkennt man bei Ferri, dass im Genre Funnies niemand mehr den Wortwitz Goscinnys erreicht. Neben dem gigantischen Altmeister wirken sämtliche Schüler wie Zwerge, bestenfalls durchschnittlich begabte Handwerker. Die Mittelmäßigkeit zieht sich zäh wie ein ausgelutschter Kaugummi durch den gesamten Band 37. An Stellen wie „Das war nun wirklich nicht nötig, sich massakrieren zu lassen, nur um hierher zurückzukehren“ (ein Legionär zum anderen vor dem Lazarettzelt im Lager Kleinbonum) in Nr. 6, bei denen man auch heute noch herzhaft lachen kann, herrscht in „Asterix in Italien“ stattdessen Humor à la Deutsche Comedians in einer ZDF-Spendengala vor: bemüht, aber nicht lustig.

    Die Macher wollen zu viel gleichzeitig: Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen aufzeigen, Figuren aus alten Bänden einflechten, uns durch jede Stadt der Apenninenhalbinsel führen (ganz überflüssig bei Venedig, das damals noch nicht existierte), eine Mischung aus antiker Formel 1 und Giro d’Italia kredenzen, erklären, dass es einen Unterschied zwischen Italikern und Römern gab, Cäsar auf Teufel komm raus integrieren und was ihnen sonst noch auf jeder Seite so an vordergründig Innovativem einfiel. Aber bei all diesen tausend Mosaiksteinen verlieren sie das Wichtigste aus dem Auge: nämlich eine gute Geschichte zu erzählen. Weniger wäre hier wirklich mehr gewesen. Ständig erscheinen neue Personen auf der Bildfläche. Die Charaktere bleiben deshalb oberflächlich. Es ist eine durchschnittliche Comicstory, wie sie auch aus dem Hause Disney stammen könnte. Flott gezeichnet, hastig erzählt, die Szenerie wechselt im Sekundentakt. Erinnert von der Vorgehensweise her an Fluch der Karibik. Man schaut es an, fühlt sich während der 90 Minuten ganz gut unterhalten, schaltet aus und vergisst die Handlung sofort wieder. Diese bittere Erkenntnis gilt leider für sämtliche Asterixalben, die nach dem Tode Goscinnys auf den Markt geworfen wurden. Nr. 37 macht da keine Ausnahme. Das Publikum schmunzelt und applaudiert aus Freundlichkeit. Zu mehr reicht es nicht.

    Asterix liegt auf der Intensivstation und wird dort künstlich am Leben erhalten

    Als trauriges Fazit bleibt zu sagen, dass die beiden Helden mittlerweile nicht nur stark angestaubt wirken, sondern sich auch längst überlebt haben und schon seit vielen Jahren auf dem Friedhof der Comicgeschichte ruhen müssten. Es ist jedoch wie bei James Bond: der Patient will einfach nicht sterben. Ständig wird eine neue Folge rausgehauen und die altersschwache Kuh solange gemolken, bis sie völlig ausgesaugt und ihres letzten Fitzelchens Attraktivität beraubt vom Verlag den Gnadenschuss erhält.  Vielleicht hilft ein kompletter Relaunch: Beibehaltung des Settings, jedoch andere Protagonisten, frische Zeichnungen und neue Texte. Den Wortwitz des Altmeisters kann man nicht kopieren; es trotzdem probieren zu wollen, ist eine Mission impossible. Das Klügste wäre gewesen, die Reihe mit Band 24 (bei den Belgiern) – die letzte Nummer für die Goscinny textete – zu stoppen. Alles, was danach kam, erreichte nie mehr auch nur annähernd den vorherigen Qualitätsstandard. Es geschah nun das, wogegen die gallischen Helden stets ankämpften: vollständige Kommerzialisierung der Marke: Filme, Asterixfunpark, Fanartikel, Übersetzung in zahlreiche Sprachen bei gleichzeitiger Nivellierung des Produkts auf Disney-Level. Fehlt noch ein Asterix-Musical, um das Grauen perfekt zu machen. Man kann der Serie bloß wünschen, dass sie spätestens mit Nr. 40 eingestellt und nicht bis Nr. 100 vollends zu Schanden geritten wird. Goscinny würde im Grab rotieren, wenn er lesen müsste, was sein früherer Kompagnon Uderzo aus dem einstigen Flagschiff-Comic gemacht hat. Der ist mittlerweile so tief im Morast der Banalität versunken, dass auch das neue Duo (die Herren gehen übrigens beide stramm auf die 60 zu) ihn da nicht mehr wird rausziehen können.

    Leseempfehlung „Asterix in Italien“: 4 von 10 möglichen Punkten bis hin zu: man verpasst nichts, wenn man es nicht tut. Eventuell was für Nostalgiker, die sich an den Bildern mehr erfreuen als am Text. Ich werde das Heft nun in einen Karton im Keller legen, wo es vergilbt und irgendwann zu Staub zerfällt, denn ich werde es hundertpro nicht nochmal in die Hand nehmen.

  • Wodka pur

    Wodka pur


    Illustration: Gabriele Prade
    Text: Henning Hirsch
    Basierend auf der Story: Am Stadtrand (in: Halbes Kilo Hackfleisch,
    85 Gedichte, von: Henning Hirsch, 2016)
    +++

    | Am Stadtrand
    Ich kannte Manu aus der Therapiegruppe die jeden Donnerstag
    im Westflügel der Klinik stattfand eine zierliche Person
    mit lebhaften Augen die jeden Satz
    mit einem Lachen beendete obwohl ich damals
    nicht so super drauf war denn ich verbrachte
    meine 15te oder 20ste Entgiftung in dem Laden
    ließ ich mich gerne
    von ihrer guten Laune anstecken sie sei seit sechs Monaten Abstinenzlerin
    das Nicht-Trinken eröffne ihr völlig neue Perspektiven
    und ein positives Lebensgefühl erzählte sie
    Rolf und ich gähnten denn diese Stories
    hatten wir schon tausend Mal

    gehört
    ich fragte Manu nach ihrer Telefonnummer
    und als ich nach drei Wochen endlich rauskam
    rief ich sie an
    bring Soave und Bier mit sagte sie
    vorsichtshalber packte ich am Bahnhofskiosk zusätzlich eine Flasche Wodka ein
    Manu wohnte weit draußen in einem Stadtteil
    den ich bisher nicht kannte Reihenhaus an Reihenhaus
    10qm-Vorgarten neben 10qm-Vorgarten Jägerzäune, Kiesbeete, Kirschlorbeer Hecken akkurat gestutzt
    ich wollte schon umkehren als Manu vom Balkon rief da bist du ja endlich komm hoch
    ich verdurste, empfing sie mich steckte ihre Zunge in meinen Mund zog mich in ihre Wohnung rein
    schenk mir ein Glas ein, randvoll

    Eis ist im Kühlschrank, sagte sie und verschwand im Bad
    ich trank eine Dose Bier um in Stimmung zu geraten Manu kam zurück: nackt
    trug nur noch ihre oberschenkelhohen Stiefel
    das gefiel mir
    wir vögelten ein paar Stunden in einem Riesenbett
    und ich vermutete
    dass ich an diesem Tag nicht der erste war der darin lag
    zwischendurch tankten wir und erzählten uns belanglose Klinikgeschichten Manu warf Pillen ein
    willst du welche?
    nein danke; der Wodka reicht sie wurde nun zügellos verlangte Sex ohne Atempause ich keuchte und ächzte schwitzte aus allen Poren
    mein Unterleib schmerzte
    die Bandscheiben meldeten sich

    was ist los, fragte ich
    warum bekomme ich dich nicht befriedigt? gib mir den Wein!
    sie leerte die halbe Flasche in einem Schluck und jetzt schlag mich
    was soll ich tun? mich schlagen
    ist das so schwer zu verstehen? egal wohin?
    auf die Augen, in den Bauch, auf den Mund völlig wurscht
    es muss wehtun das kann ich nicht
    wie: du kannst das nicht? jeder Mann kann das obwohl betrunken und müde begriff ich
    dass ich nicht der richtige Kerl war um Manu heute glücklich zu machen ich stand auf
    und suchte meine Klamotten zusammen was tust du?
    ich gehe
    es ist Mitten in der Nacht bin nicht ängstlich

    scher dich zum Teufel du Schlappschwanz
    wenn ich geahnt hätte, was für eine Nullnummer du bist
    wärst du hier nie reingekommen
    in der Küche standen noch zwei Dosen Bier die nahm ich als Proviant mit
    denn der Weg zurück war lang
    und um diese Uhrzeit fuhren weder Busse noch Bahnen
    vielleicht entdeckte ich ein Nachtlokal wo ich ein paar Kurze kippen konnte aber so viel Glück hat man selten.

  • Männer und Frauen sind das nackte Grauen (2)

    Männer und Frauen sind das nackte Grauen (2)

    Parshipen oder in der Kantine flirten?

    Ich gewöhnte mir beizeiten ab, nach der Traumfrau zu suchen. Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war.
    © Charles Bukowski

    Männer und Frauen passen Null zusammen. Auf jeden Fall nicht dauerhaft und schon gar nicht, wenn sie mit 45 die zweite Scheidung und fünfte Trennung hinter sich gebracht haben. Anstatt nun das Alleinsein zu genießen und endlich ohne familiäre Störgeräusche im Beruf durchzustarten oder sich ungestört neuen Hobbys zu widmen, begeben sich 80% der Kurzzeit-Einsamen sofort wieder auf die Partnersuche. Ohne Verschnaufpause melden sie sich – zumeist auf gut gemeinte Empfehlung einer Freundin hin: »Wie lange willst du solo bleiben? Denk dran: jünger wirst du auch nicht« – in einer Singlebörse an. »Wo sonst triffst du so viele Gleichgesinnte?« Von diesen Plattformen gibt es jede Menge im Internet. Sie locken mit Gratisschnupperangeboten, ködern mit einem schier unerschöpflichen Reservoir beziehungswilliger Mitglieder, versprechen schnelle Reaktionszeiten und raschen Erfolg. »Alle elf Minuten verliebt sich ein Single in Parship«. Na super; bloß ob sich der andere reziprok verknallt: dazu wird geschwiegen.

    Die grundlegende Frage lautet: will ich mich aktiv in einem Forum ins Schaufenster stellen, oder vertraue ich lieber auf den Zufall und warte darauf, dass mir die Traumfrau/ der Märchenprinz im Sportstudio oder in der Eckkneipe über den Weg läuft? Die Meinungen sind gespalten, viele lehnen den digitalen Flirt ab, vertrauen auf die klassische Methode und baggern weiterhin die Arbeitskollegen in der Kantine an. Nicht wenige begeben sich jedoch mittlerweile in die Onlinebörsen, der Markt wächst rasant, umfasst alleine in Deutschland mittlerweile zwischen zehn und zwanzig Millionen User. Nicht alle Anbieter sind seriös, weshalb man vernünftigerweise Testergebnisse und Erfahrungsberichte studiert, bevor man sich für ein Portal entscheidet. Zur Auswahl stehen drei Kategorien:

    • Kontaktanzeigen
    • Partnervermittlungen
    • Schmuddelkram: Seitensprungportale, schnelle Sexabenteuer u.ä.

    Während es für die Kontaktanzeigen reicht, sich selber zu präsentieren, wird bei den Partnervermittlungen Wert auf den (pseudo-) wissenschaftlichen Anstrich gelegt: der Nutzer füllt einen ellenlangen Fragebogen aus, beschreibt sich darin minutiös und formuliert seine Wünsche. Anhand der Antworten filtert die schlaue Maschine im Hintergrund passende Profile aus dem Pool heraus und unterbreitet die dem Mitglied zwecks schneller Tuchfühlung. Ob diese Methode unterm Strich tatsächlich erfolgversprechender ist, als wenn der User aktiv stöbert: dazu existieren keine verlässlichen Statistiken. Die „akademische“ Recherche ist doppelt bis dreifach so teuer wie das gemeine Kontakten, weshalb 70% der Singles mit der zweitgenannten Möglichkeit Vorlieb nehmen, und ich im Folgenden von meinen Erfahrungen mit LoveScout24 & Collegen berichte.

    Fürs Anlegen des Profils Zeit nehmen

    Für die Anmeldung reicht ein Mailaccount. Man wählt ein Pseudonym – das nicht zu dämlich klingen sollte. Z.B. Rock’n’Rollforever –, und schon ist man drin. Also viertel drin; denn nun müssen ein Foto hochgeladen, ein Profil angelegt und ein paar Fragen beantwortet werden: „Stell dir vor, du hast ein spontanes Date bei dir zu Hause. Welches Gericht würdest du für sie kochen? Oder ist es doch besser, beim ersten Mal ins Restaurant einzuladen? Dann lieber zum Italiener, Asiaten oder doch was bodenständig Rustikales?“ Oder: „Ein Tag gemeinsam am Strand: womit würdest du deine Partnerin überraschen?“ Getoppt von: „Ein Trip durch die Wüste oder ein gemeinsames Wochenende im Club Med: wohin lädst du deine Traumfrau ein?“. Lass dir ruhig Zeit fürs Ausfüllen der Felder. Du solltest dich textlich von deinen Mitbewerbern abheben (ohne zu stark auf den Putz zu hauen). Für die Fotos gilt: die vom Profi gemachten hinterlassen einen besseren Eindruck als wacklige und schlecht ausgeleuchtete Selfie-Schnappschüsse.

    Jetzt kann es eigentlich losgehen. Tut es aber nicht so richtig, weil die meisten Features in der Gratisvariante gesperrt sind. Was bringt es mir, wenn ich Profile durchscrolle, nach einstündiger Suche endlich fündig werde, jedoch der digital Angebeteten keine Nachricht schicken kann? Also muss ich mich für die PN-Funktion freischalten lassen. Die ist natürlich kostenpflichtig. Das System empfiehlt sofort das Upgrade auf die Vollversion. Ich kann dann noch mehr Bilder anschauen, darf in unbegrenzter Anzahl kontakten, die Moderation schlägt mir jeden Morgen fünf Traumfrauen vor, ich erhalte Einladungen zu Single-Events und ab 20 Uhr kann bilateral gechattet werden.

    Bevor das Portemonnaie gezückt wird, ist es ratsam, ein paar Überlegungen anzustellen: bin ich überhaupt der digitale Flirt-Typ? Kann ich Absagen gut wegstecken? Wie ist es um meine Geduld bestellt? Suche ich was Dauerhaftes oder nur jemanden für den temporären Zeitvertreib? Bin ich, falls es ernst werden sollte, überhaupt in der Lage, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen? Wer hier 1x mit Nein antwortet oder von Anfang an den Erfolg bezweifelt, der sollte die Finger vom digitalen Parshipen weglassen und das eingesparte Geld besser in ein Jahresticket für die Oper investieren. Denn wie für jedes Abonnement gilt ebenfalls für dieses: die Ausgabe ergibt bloß dann Sinn, wenn man das Angebot auch intensiv und ohne Scheu nutzt.

    Unabdingbar: Geduld, Teflon und Humor

    Ohne Geduld und Teflonschicht wird man in einer digitalen Plattform nicht glücklich werden. Denn die häufigste Reaktion ist die Nicht-Reaktion. Die kann unterschiedliche Ursachen haben:
    1 du bist vom Bild her (obwohl du das schönste von dir hochgeladen hast) einfach nicht ihr Typ
    2 sie interessiert sich für 2m Riesen. Du misst jedoch mit Plateauabsätzen gerade mal 1.75
    3 sie ist auf der Suche nach einem Ernährer. Du gibst als Beruf „freier Autor“ an, was sie wiederum mit Hungerleider gleichsetzt
    4 sie lebt in Hamburg, möchte max. eine halbe Stunde pendeln. Du wohnst in Bonn
    5 du verfasst grottenschlechte Anschreiben
    6 du verwendest abgeschmackte Textbausteine, die nun wirklich auch die letzte Hinterwäldlerin schon ein Dutzend Mal gelesen hat
    7 ihre Hobbys lauten: Free Climbing und Drachenfliegen. Du schreibst was von ins Kino gehen und zu Hause DVDs anschauen
    8 sie erhält pro Tag 100 Mails und wirft 99 davon sofort in den Papierkorb
    9 sie war das letzte Mal vor drei Monaten online
    10 es handelt sich um ein Fakeprofil.

    Übung macht den Meister. Nach dem 50sten fruchtlosen Kontaktanschreiben versteht man so langsam die Mechanismen der digitalen Balz, formuliert flotter, grenzt den Suchradius auf die eigene Region ein und konzentriert sich auf in etwa gleichaltrige Mitglieder, bei denen die gelisteten Freizeitaktivitäten zu den eigenen passen. Und plötzlich zappelt eines Morgens die erste Antwort im Postfach. Die kann durchaus ablehnend sein: „Danke für dein Anschreiben. Aber du bist vom Foto her nicht der Mann, den ich mir vorstelle“. Egal, endlich reagieren sie. Jetzt gilt es, am Ball zu bleiben: weiter die Profile durchforsten, Mails schreiben (in denen man tunlichst auf das eingeht, was die Damen veröffentlichen). Z.B. „Du schaust dir gerne Splatterfilme an. Toll! Ich liebe es, wenn Blut aus dem Bildschirm tropft“. Damit demonstrierst du zweierlei: (a) du hast ihren Text gelesen (b) du teilst ihre Vorlieben. Du solltest allerdings keine Seminararbeiten verfassen, denn: in der Kürze liegt die Würze. Die maximale Aufmerksamkeitsspanne beträgt 3 Twitter = 420 Zeichen. Halte dich daran, sonst schaffst du auch nicht das erforderliche Pensum. Nach wie vor gilt: 80% werden nicht reagieren, selbst wenn du einen von dir gesungenen, ihnen gewidmeten, Karaokesong per Videoclip verschickst. Beim restlichen Fünftel sind Absagen dabei. Faustregel: zehn Anschreiben abends raus, zwei Antworten am Morgen danach, davon eine positiv.

    Hier ein paar Beispiele für weibliche Reaktionen:
    • Ich bin jetzt ganz frech: weißt du, wie Küsse schmecken?
    • Speziell von dir hätte ich mehr erwartet
    • Schreibst du deine Mails bloß, weil dir langweilig ist, oder willst du eine Botschaft senden?
    • Sind deine Bilder tatsächlich aktuell? Ich hasse Lügen!
    • Ich bin ein sehr aktiver Mensch, liebe die Natur und besuche zweimal die Woche einen Sambakurs. Bevor wir beide unsere Zeit mit einem unnützen Treffen vergeuden, kläre mich bitte auf: bist du eher ein Nerd oder vllt doch der lebenslustige Typ, den ich mir erhoffe? Die Anmeldung im Tanzkurs ist zwar kein Muss; ich fänd’s aber schön, wenn wir dieses Hobby gemeinsam ausüben. Freue mich auf deine Antwort!
    •  Männer ü50 sind schwierig. Entweder sind sie notorische Fremdgeher oder eigenbrötlerische Singles. Sie tragen komische Frisuren und neigen im letzten Lebensdrittel zu übertriebenem Hedonismus. Zudem lügen sie oft und urteilen vollkommen oberflächlich einzig nach Äußerlichkeiten
    •  Schreiben ist kein ordentlicher Beruf
    •  Du siehst aus wie ein Stubenhocker
    •  Würdest du morgens früh um sechs spontan Blumen vor meine Haustür legen?
    •  Wenn Schmetterlinge singen können. Ich lache gerne und viel. Morgens bin ich sofort bei 100 Prozent und freue mich darauf den Tag zu nutzen. Ich mag es gemeinsam mit Dir die Welt zu entdecken.

    Sie nennen sich: Sommerbrise, Lotosblume, Freiwiederwind, Scherzkeks, Piratenbraut, Hexe64 oder Ichversuchsnochmal.

    Nicht zu viel Zeit mit Hin- und Herschreiben verschwenden

    Wenn du ihnen antwortest, bedenke zweierlei: (1) lass dir nicht zu viel Zeit dafür. Du bist nur einer von VIELEN, mit denen sie digital flirten. Spätestens übermorgen haben sie dich, dein schönes Bild und das intelligente Anschreiben schon wieder vergessen. (2) weise deutlich darauf hin, dass du dich zeitnah mit ihr unterhalten möchtest. Als recht praktikabel hat sich dieser Textbaustein erwiesen: „Ich bin hier, um reale Kontakte zu knüpfen und suche keine Brieffreundin. Lass uns telefonieren. Vielleicht schon heute Abend. Meine Mobilnummer lautet: 0183-xyxyxyx. Freue mich auf deine Stimme!“

    Nun trennt sich sofort die Spreu vom Weizen: diejenigen, die gar nicht aus der digitalen Deckung kommen wollen, werden die Kommunikation an dieser Stelle abbrechen. Der Rest der Damen – die 50%-Faustregel passt immer – reagiert so: „Hervorragende Idee. Mittwoch, 20 Uhr klappt bei mir. Hoffe, das geht von der Zeit her für dich in Ordnung“.

    In der Fortsetzung dreht sich alles ums Telefonieren mit einer Unbekannten, und was einem dabei so alles passieren kann

    Die Topanbieter auf dem deutschen Markt heißen:
    Kontaktanzeigen
    (1) LoveScout24 (früher. FriendScout24): 6 Mio Mitglieder aus Deutschland
    (2) Zoosk: 1 Mio aus Deutschland
    (3) Neu.de: 6 Millionen (kooperiert eng mit LoveScout)
    (4) DatingCafe: knapp 2 Mio
    Partnervermittlung
    (5) Parship: 5.2 Mio
    (6) ElitePartner: 3.8 Mio
    (7) eDarling: 2.8 Mio aus Deutschland.

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