Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Kollege Thilo Spahl hat vor ein paar Tagen Verständnis für Donald Trump gezeigt. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen ist ihm höchstens ein Schulterzucken wert, denn das Abkommen, so meint Thilo Spahl, bringt für den Klimaschutz ohnehin nicht viel.

    Nichts ist gut, weil Trump es schlecht findet

    Es ist sicherlich richtig: Nichts ist deshalb schon gut, weil der gegenwärtige amerikanische Präsident es schlecht findet, und nichts sollte schon deshalb abgelehnt werden, weil Trump es gelobt hat. Wir sollten, auch wenn’s schwer fällt, auch im Falle des neuen Chefs im Weißen Haus Argumente abwägen und nicht naheliegenden Antipathien nachgeben.

    Man kann die Argumente, die Trump vorbringt, und die Thilo Spahl, sagen wir mal, affirmativ aufgreift, einem Faktencheck unterziehen. Das haben schon andere getan. Dann sieht man z.B., dass die Studie, die den Effekt mit 0,2 Grad angibt, den das Pariser Abkommen auf die globale Erwärmung habe,  auf einer nicht ganz so aktuellen Datenbasis arbeitet.

    Man kann aber auch mal so tun, als ob das, was Thilo Spahl an Fakten nennt, richtig wäre. Auch dann würde er in seinen Schlussfolgerungen völlig falsch liegen. Denn das Pariser Abkommen ist tatsächlich ein gewaltiger Schritt in Richtung einer wirklichen Eindämmung des Klimawandels – und so gewaltig ist auch die Wirkung, die ein Ausstieg der Amerikaner aus dem Vertrag haben könnte.

    Richtig ist: Im Pariser Abkommen ist vereinbart, dass jedes Land seine Ziele zum Klimaschutz selbst festlegt, und dass jedes Land auch selbst festlegt, wie es misst, ob es seine Ziele erreicht hat. Allerdings ist auch festgelegt, dass die Ziele mit der Zeit anspruchsvoller werden sollen.

    Und hier liegt der große Effekt des Abkommens: Es zeigt einen Wandel in der Richtung der Anstrengungen. Es geht nicht mehr darum, dass jedes Land versucht, anderen die Schuld und die Verantwortung zuzuweisen. Das Abkommen sagt: Jedes Land kann was tun, und wenn es am Anfang auch nur kleine Beiträge sind. Schon heute zeichnet sich ab, dass Länder mehr tun, als sie sich selbst vorgenommen haben.

    Wofür das Pariser Abkommen gut ist

    Paris geht von dem Ansatz aus, dass erste kleine messbare Erfolge dazu führen werden, dass sich die Länder mehr vornehmen, und dass sie auch mehr umsetzen. So wird es Schritt für Schritt zu einer Beschleunigung bei den Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels kommen. Das gilt umso mehr, wenn die ersten Erfahrungen bei der Umsetzung von Maßnahmen zeigen, dass es auch wirtschaftlich sinnvoll ist, Emissionen zu senken und Alternative Technologien zu entwickeln. Neue Produkte, neue Märkte, neue Industrien entstehen. Zugesagte Unterstützungsleistungen stärkerer für schwächere Länder führen zu nutzvollen Kooperationen, die sich auch auf andere Felder erstrecken werden.

    Das ist der Sinn des Pariser Abkommens, und deshalb ist der Effekt des Ausscheidens der USA auch so gewaltig. Allerdings gar nicht so sehr beim Beitrag zum Klimaschutz. Vielmehr setzt Amerika mit dem Ausstieg ein klares Zeichen: Die USA sagen dem Rest der Welt: Wir sind nicht mehr die innovative Nation, die die Herausforderungen der Gegenwart als erste angeht, die entschlossen und kreativ vorangeht um den anderen zu zeigen, wie man Probleme anpackt und löst. Wir sind nicht mehr die mutigen Helden, die die Welt schützen. Das sind wir vielleicht noch in den großen Kinofilmen des 20. Jahrhunderts, die in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts merkwürdig antiquiert wirken.

    Andere werden diese Funktion übernehmen. China hat erkannt, wie man in Zukunft zur führenden Kraft, zur Lokomotive der Weltgeschichte wird. Frankreich ruft die innovativen und verantwortungsbewussten Amerikaner auf, nach Europa zurückzukehren. Großbritannien begibt sich vorsichtig auf den Rückweg nach Europa. Deutschland wird sich weiterhin vornehm und weise zurückhalten und aus der zweiten Reihe freundlich alle zu integrieren versuchen.

    Und die USA? Bald wird man sich da umschauen und sehen, dass man zum Nachzügler, wenn nicht zum Geisterfahrer geworden ist. Der Einfluss wird zurückgehen, nicht nur in Fragen des Klimawandels. Denn andere werden die Kooperation, die sie auf diesem Feld erproben, auf andere Gebiete ausdehnen. Was wir mit Trump und seinem Rückzug aus dem Pariser Abkommen erleben, ist der Anfang vom Ende einer Weltmacht. Weltgeschichte bleibt spannend.

  • Luftballons und Wahlplakate

    Luftballons und Wahlplakate

    Der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen ist vorbei, nur ein paar vergessene Wahlplakate an Laternen erinnern noch daran. Aber die Städte haben nur ein paar Monate Pause, irgendwann ab Mitte August wird wieder plakatiert. Dann lächeln uns von jedem Laternenmast wieder die Gesichter der Kandidaten entgegen, und mehr oder weniger geistreiche Sprüche springen uns von bunten Papp- oder Plastiktafeln entgegen.

    Und dann startet auch wieder der Straßenwahlkampf. In den Fußgängerzonen drücken die örtlichen Parteimitglieder verdutzten Kindern Luftballons in die Hand, um den ebenso verdutzten Eltern ein paar Informationsbroschüren, vielleicht auch einen Kugelschreiber oder ein Feuerzeug zuzustecken. Hier und da diskutieren an den Wahlkampfständen ein paar Leute über Politik.

    Wahlplakate: Lächeln vom Laternenmast

    Was soll das Ganze? Wählt irgendwer eine Partei, weil sie die buntesten Luftballons verteilt? Macht jemand sein Kreuz bei dem Kandidaten, der am Laternenmast auf dem Wahlplakat das schönste Lächeln zeigt? Wohl kaum. Viele meinen, dass dieser ganze Wahlkampf eine gigantische Verschwendung von Steuergeldern sei. Nur wenige wissen, dass die Parteien vor Ort das Material dafür aus den Mitgliedsbeiträgen ihrer Parteifreunde bezahlen – die allerdings von der Steuer abgesetzt werden können.

    Ist das alles nur eine Kombination aus Verschandelung des Stadtbildes, Umweltverschmutzung und Belästigung, ohne jede Auswirkung aufs Wahlergebnis? Wird die Wahl nicht in den Talkshows und Interviews, durch die Fernsehberichte von Parteitagen, durch Kommentare von Journalisten entschieden? Vielleicht haben die Podiumsdiskussionen in Schulen und Vereinen, die die örtlichen Kandidaten bestreiten, noch eine gewisse Bedeutung. Aber Wahlplakate und Luftballons?

    Niemand weiß, durch welchen Impuls die unentschlossene Wählerin und der politisch mäßig interessierte Wähler wirklich ihre Entscheidung treffen. Aber richtig ist sicher, dass den größten Eindruck die Statements des politischen Spitzenpersonals haben. Aber ohne Straßenwahlkampf vor Ort geht es nicht.

    Stell dir vor, es ist Wahl…

    Dass eine Wahl bevorsteht, dringt in das Bewusstsein vieler Bürger erst durch die öffentliche Sichtbarkeit des Wahlkampfs. Wahlplakate und Infostände der Parteien signalisieren vor allem: Hallo, liebe Bürgerinnen und Bürger, es ist mal wieder so weit: Bald müsst ihr euch entscheiden! Habt ihr schon eine Talkshow mit den Kandidaten gesehen? Schon den Wahl-O-Mat gecheckt? Schon mal zugehört, was die Parteien so versprechen, fordern, beabsichtigen und bekämpfen?

    Das heißt, mit dem Aufhängen von Wahlplakaten und dem Verteilen von Luftballons werben die Parteien gar nicht in erster Linie für sich, sondern fürs Wählen überhaupt, für das ganze politische System, für die Demokratie. Natürlich sagt jede Partei auch mit jeder öffentlichen Aktion: Wir sind dabei, und wir gehören auf jeden Fall dazu! Wir gehören zu denen, die den politischen Laden hier am Laufen halten!

    Und noch etwas macht den Straßenwahlkampf unentbehrlich: Er verringert den Abstand zwischen dem Alltag der Bürger und der politischen Sphäre. Denn die da Plakate aufhängen und Ballons und Broschüren verteilen, sind ja quasi die Nachbarn und Kollegen. Wahlkampf vor Ort zeigt den Bürgern: Da sind Leute, die sind (fast) wie ich, die sich politisch engagieren, ohne Posten-Ambitionen, die sich für die Demokratie und für eine konkrete politische Position sogar auf die Straße stellen, die vermutlich sogar zu Parteitagen gehen, die diese Kandidaten, die in die Parlamente einziehen wollen, ausgesucht und auf die Listen gewählt haben. Straßenwahlkampf zeigt, dass Politik gar nicht weit weg ist, und dass da sogar jeder, der es will, mitmachen kann.

    Und dass Politik auch eine Sache ist, die Freude macht. Deshalb Luftballons. Die Farben der Parteien können am Ballon verschieden gedeutet werden: Als politisches Bekenntnis einerseits, als Farbe des farbenfrohen und bunten Lebens andererseits. Die Vielfalt der Farben zeigt die Vielfalt der Politik. Und wenn die sich, symbolisch auf Wahlplakaten und mit Luftballons, in den Alltag mischen, dann ist das eine Anregung, den Alltag auch in die Politik zu mischen. Jeder kann dabei sein – das ist Demokratie. Denn das Wesen der Demokratie ist nicht, dass jeder am Wahltag ein Kreuz machen darf, das Wesen der Demokratie ist, dass jeder sich in den politischen Prozess einbringen kann. Dafür gibt es Parteien, und das symbolisiert der Wahlkampf auf den Straßen.

  • Gerichtsshow ohne Cliffhanger

    Gerichtsshow ohne Cliffhanger

    In Österreich hat der Privatsender Puls-4 ein neues Sendungsformat erfunden: In einer Art Gerichtsverhandlung streiten Befürworter und Gegner einer gesellschaftlich relevanten Position miteinander, es gibt Anwälte beider Seiten, Zeugen, Sachverständige, Kreuzverhöre und natürlich eine Richterin, in diesem Falle sogar eine „richtige“ – nämlich eine ehemalige OGH-Richterin. Und es gibt in dieser Gerichtsshow ein „Schöffengericht“ das aus den Zuschauern besteht. Im Falle der österreichischen Sendung sind das 500 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger.

    Gerichtsshow in der Tradition von „Terror“

    Na gut, die Österreicher haben’s nicht erfunden. Die Sache kommt uns aus der Fernseh-Inszenierung Terror nach dem Bühnenstück von Ferdinand von Schirach bekannt vor, die im Oktober des vergangenen Jahres im deutschen und im österreichischen Fernsehen lief. Puls-4 macht daraus nun ein Dauer-Format: Einmal im Monat soll eine Frage von gesellschaftlicher Bedeutung „vom Volk“ in einer Gerichtsshow entschieden werden. Bei der ersten Sendung ging es ums Kopftuchverbot und – Überraschung – 80% der repräsentativ ausgewählten Menschen hat fürs Verbot gestimmt. Vorausgegangen war dieser Abstimmung zwar keine Beratung des Gerichts, aber immerhin eine umfangreiche Präsentation und Diskussion der Für- und Gegenargumente.

    Diskutiert haben, wie gesagt, nicht die Schöffen, sondern nur die Anwälte, Experten, Gutachter und Zeugen. Die Schöffen sollten sich das alles nur anhören und dann entscheiden. Man weiß, dass selbst in amerikanischen Gerichtsfilmen den Schöffen Zeit zum Nachdenken, Abwägen und diskutieren bleibt. Hier ist es anders, und genau das ist das Problem.
    Vergleichen wir die Inszenierung von Terror mit der österreichischen Gerichtsshow. Wer Terror im Theater gesehen hat, weiß: Nach der eigentlichen Verhandlung, nach den Plädoyers, gibt es eine Pause, ca. 20 min, wie es im Theater üblich ist. Die Zeit ist kurz, zu kurz für eine ausführliche Diskussion, aber immerhin, man spricht, man wägt, man grübelt. Leute, die zusammen gekommen sind, rekapitulieren gemeinsam die Argumente, manchmal spricht man auch mit Fremden. Am Ende musste man sich entscheiden, sonst kam man nicht zurück in den Zuschauerraum. Alle Zuschauer, die da waren, haben also ihre Stimme abgegeben.

    Es fällt auf, dass die Quote der Zuschauer, die für einen Freispruch stimmt, fast unabhängig vom Ort der Inszenierung ist. Offenbar spielt es fast keine Rolle, wie die Regisseure und Ensembles das Stück umsetzen, ob sie eher „auf Freispruch spielen“ oder nicht. Das deutet schon darauf hin, dass die Zuschauer durch das, was sie während des Theaterabends sehen und erleben, in ihrem Urteil gar nicht beeinflusst werden. Sie kommen mit einer Meinung ins Theater, finden sich mehr oder minder bestätigt, und stimmen dieser Meinung entsprechend ab. Selbst wenn sie durch das Stück ins Grübeln kommen, reicht die Pause nicht, um die vorher gefasste Meinung „über Bord zu werfen“.

    Bei der Fernseh-Inszenierung im Oktober hatten die Zuschauer gar keine Zeit zum Nachdenken. Hier musste man schnell entscheiden, quasi sofort. Wer die Pause nicht optimal fürs Anrufen nutzte, hatte kaum eine Chance, durchzukommen. Die meisten, vor allem diejenigen, die durch die Sendung verunsichert waren, die zum Nachdenken neigen, werden nicht abgestimmt haben. Man darf deshalb die hohe Freispruchquote auch nicht überbewerten. Sie liegt interessanterweise deutlich über der Quote in den Theatern. Man kann annehmen, dass viele, die im Theater schwankend-spontan entschieden haben, vorm Fernseher eben gar nicht zum Telefon gegriffen haben.

    Bei der neuen Gerichtsshow aus Österreich entscheiden wenigstens nicht diejenigen, die selbstsicher schnell zum Telefon greifen. Das „Österreich-Panel“ entscheidet komplett, wenn auch jeder für sich, ohne langes Nachdenken und ohne Diskussion. Die Situation ähnelt also eher der im Theater.

    Dem ganzen Konzept liegt die Idee eines Menschen zugrunde, der vorurteilsfrei verschiedene Standpunkte anhört, abwägt, und dann danach entscheidet, welche Argumente ihm am meisten eingeleuchtet haben. Menschen seien, so meint man dann, dazu in der Lage, Argumente zu verstehen, zu bewerten, abzuwägen, und daraus plausible Urteile abzuleiten. Aber niemand ändert auf der Basis von Worten und Widerworten seine Meinung innerhalb von Minuten. Gerade wenn uns das neu Gehörte verwirrt oder sogar zum Nachdenken bringt, greifen wir, wenn man uns zur Entscheidung drängt, auf unsere Vor-Urteile zurück.

    Nicht drängeln, bitte

    Den Fehler machen wir auch im Alltag immer wieder: Wir diskutieren mit jemandem, präsentieren ihm Fakten und Argumente, ziehen wohl-durchdachte Schlussfolgerungen – und wundern uns, dass der andere uns trotzdem nicht zustimmen will, dass er auf seiner Meinung beharrt. Viel klüger wäre es, dem anderen Zeit zu geben, am Ende ein kühles kühlendes Bier zusammen zu trinken – und nach ein paar Tagen oder Wochen wieder mal das Gespräch auf die Sache zu bringen. Nach ein paar Wiederholungen dieses Vorgangs wundert man sich, dass der andere, oder man selbst, plötzlich seine Ansicht geändert hat.

    Im Falle der Gerichtsshow im Fernsehen ist die schnelle Abstimmung aber fatal. Denn alle irritierenden Argumente, die mich vielleicht nachdenklich machen könnten, werden vom klaren Abstimmungsergebnis überlagert. Plötzlich zählt nicht mehr, was die eine oder die andere Seite als Argument vorgetragen hat, sondern was die Mehrheit sagt. Man fühlt sich bestätigt oder vor den Kopf gestoßen vom Urteil der Masse. Weiteres Nachdenken wird dadurch nicht befördert, sondern verhindert.

    Es fehlt ein Cliffhanger

    Wenn ich mir eine Änderung des Sendungskonzepts wünschen dürfte, ginge die so: Die 500 Schöffen des Österreich-Panels dürfen sofort ihre Stimme abgeben, aber das „Urteil“ wird nicht veröffentlicht. Niemand erfährt, wer, wie abgestimmt hat. Dann beteiligen sich alle Schöffen bis zum Tag vor der nächsten Sendung an einer Online-Diskussion, und einmal pro Woche kann jeder erneut sein Urteil treffen. Zu Beginn der nächsten Sendung wird dann präsentiert, wie sich die Meinungen verändert haben. Schon der Trend würde viel aussagen: Wenn Nachdenken und Diskutieren zum Meinungswandel führt, dann kann die Minderheitsmeinung, auch wenn sie nicht zur Mehrheitsmeinung wird, doch vielleicht einiges für sich haben. Das gäbe weiteren Stoff zum Nachdenken, das Ergebnis ist kein Schlusspunkt, sondern der Beginn eines gesellschaftlichen Verständigungsprozesses.
    Aber das ist vielleicht von einem Privatsender etwas viel verlangt. Wobei so ein Cliffhanger ja durchaus etwas für sich hat.

  • Ist Impfpflicht liberal?

    Ist Impfpflicht liberal?

    Die FDP hat auf ihrem Parteitag beschlossen, für eine Impfpflicht in Deutschland einzutreten. Das ist überraschend, weil Liberalität und allgemeine Pflicht sich zunächst auszuschließen scheinen. Immer, wenn etwas zu einer allgemeinen Pflicht erklärt wird, wird die Freiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen eingeschränkt, und für Liberale steht doch die Eigenverantwortung an erster Stelle. Also widerspricht eine Impfpflicht dem liberalen Selbstverständnis.

    Ist Liberalität bedingungslose Freiheit des Einzelnen?

    Der Fall ist eine gute Gelegenheit, über Liberalität nachzudenken. Denn Liberalität bedeutet nicht vollkommene Freiheit für den Einzelnen. Es ist viel komplizierter. Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo sie die Freiheit der anderen Einzelnen einschränkt. Diese Grenze festzuziehen, ist allerdings nicht so einfach, wie es klingt. Jeder, der in einer Gesellschaft etwas tut, schränkt damit die Freiheit der Anderen ein. Wenn ich im Zug einen Platz besetze, schränke ich die Freiheit der anderen ein, diesen Platz zu wählen. Mit dem Argument, dass die Freiheit des Einzelnen durch die Freiheit der Anderen begrenzt ist, könnte man am Ende sehr schnell die Freiheit überhaupt abschaffen. Es muss also schon um eine wesentliche Freiheitseinschränkung der anderen gehen, und der Verlust an Freiheit für den Einzelnen muss durch einen wesentliche Gewinn an Freiheit für die Anderen gerechtfertigt sein. Keinesfalls darf die Freiheit des Einzelnen der abstrakten Freiheit einer Gemeinschaft, der Gesellschaft oder gar des Staates geopfert werden.

    Schauen wir uns also die Impfpflicht an, um die Sache etwas konkreter zu machen. Ginge es nur um die Gesundheit des Einzelnen, könnte man gut sagen: Es sei jedem Einzelnen überlassen, ob er sich impfen lässt, oder nicht. Allerdings geht es zumeist um die Kinder derer, die die Impfentscheidung treffen. Eltern entscheiden, ihre Kinder impfen zu lassen, oder eben nicht. Das heißt, es geht bei der Impfung fast immer um die Freiheit eines anderen.

    Eltern oder Staat – wer weiß es besser?

    Hier kann man aus liberaler Perspektive jedoch argumentieren, dass die Eltern besser als der Staat für ihre eigenen Kinder entscheiden können. Und das ist richtig. Jede scheinbar rationale Argumentation, dass der Staat über Expertenwissen verfügt, das die Eltern nicht haben, muss zurückgewiesen werden, denn mit diesem Argument landet man schnell beim Nanny-Staat, in dem sich die Behörden in allen Fragen, Schullaufbahn, Ernährung, Kleidung, Freizeitprogramm, in die Erziehungskompetenz der Eltern einmischen würden. Wenn die regierenden meinen, dass den Menschen Expertenwissen fehlt, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, dann sollen sie dafür sorgen, dass sich dieses Wissen unter den Menschen herumspricht, sodass diese dann kompetent und frei entscheiden können.

    Sagen wir also, dass sich der Staat auch nicht in Familienentscheidungen einmischen soll, wenn die Freiheit anderer Familien nicht betroffen ist. Oder betrachten wir der Einfachheit halber eine Krankheit wie die Grippe, an der auch Erwachsene erkranken können und jeder also für sich selbst entscheidet, ob er geimpft wird, oder nicht. Bekanntlich ist es beim Impfen so, dass derjenige, der nicht geimpft ist, auch andere anstecken kann – allerdings nur Menschen, die wiederum nicht geimpft sind. Da es Menschen gibt, die nicht geimpft werden dürfen, sind diese darauf angewiesen, dass sich möglichst alle anderen impfen lassen, damit sich eine Krankheit nicht ausbreitet. Man spricht davon, dass es eine gewisse „Durchimpfung der Bevölkerung“ geben muss, damit sich Krankheiten nicht epidemisch ausbreiten. Der, der sich nicht impfen lässt, erhöht also das Risiko für andere, zu erkranken, insbesondere für Menschen, die sich selbst nicht schützen können.

    Impfpflicht und das Risiko der Anderen

    Mit diesem Argument ist auch für Liberale eine Impfpflicht vertretbar. Es ist ungefähr das Gleiche wie die Pflicht, sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten: Das Risiko der Pflichtverletzung trifft nicht nur den, der sich nicht dran hält, sondern auch andere. Mehr noch: Während im Straßenverkehr der einzelne Pflichtverletzer immer auch für sich selbst die Gefahr vergrößert, ist das bei der Verweigerung der Impfung nicht unbedingt der Fall: Wenn sich genügend andere impfen lassen, hat der einzelne Verweigerer gar nichts zu befürchten.

    Wir haben es also mit der Situation zu tun, dass die Pflichtverletzung des Einzelnen weder für ihn noch für andere eine Risikoerhöhung bedeutet, solang nur genug Andere ihre Pflicht erfüllen. Wenn aber zu wenige ihrer Pflicht nachkommen, wächst auch die Gefahr für Menschen, die sich nicht selbst schützen können.

    Ist das schon Grund genug, eine Impfpflicht zu fordern? Natürlich nicht. Denn eine Pflicht kann es nur dann geben, wenn die Gefahr für andere wirklich groß ist, und wenn die Menschen nicht auf anderem Wege davon überzeugt werden können, das Richtige zu tun.

    Welche Gefahr darf’s denn sein?

    Damit kommen wir zu einer ganz schwierigen Frage: Wie groß muss eine Gefahr sein, damit der Staat berechtigt ist, seine Bürger auf bestimmte Maßnahmen zu verpflichten? Das ist natürlich ganz schwer zu entscheiden. Beim Thema Impfpflicht fällt jedenfalls auf, dass die Gefahren, das Risiko, von Experten ausgesprochen dramatisch dargestellt werden. Im Falle der Masern etwa wird immer von einer Epidemie gesprochen, wenn ein paar Dutzend Leute leicht erkranken. Wenn tatsächlich mal jemand stirbt, wird ausführlich und emotional davon berichtet. Gern wird gesagt, jeder vermeidbare Tod sei einer zu viel, und mit diesem Argument werden extreme Aufwände für den Gesundheitsschutz gerechtfertigt. Aber es gibt vieles, woran der Mensch sterben kann, unter anderem auch an Nebenwirkungen von Impfungen. Wollte man beurteilen ob zur Risikominimierung eine Impfpflicht angemessen ist, müsste man die Gefahr für den Einzelnen mit Gefahren vergleichen, die dieser Einzelne sonst einzugehen bereit ist und für deren Vermeidung er selbst zuständig ist. Dabei können wir nicht von einem besonders vorsichtigen Menschen ausgehen, sondern müssen die durchschnittliche Bereitschaft zur Risikovermeidung ansetzen.

    Ein Beispiel: Alice kann sich nicht gegen eine Krankheit impfen lassen, ist also darauf angewiesen, dass die Anderen, u.a. Bob, sich impfen lässt. Können Wir Bob dazu verpflichten? Wenn Alice, als durchschnittliche Betroffene, Raucherin ist und täglich mehrfach Eisbein und Zuckerkuchen isst, wohl eher nicht. Ihr Risiko, an Fettleibigkeit, Herzinfarkt oder Diabetes zu sterben, ist viel höher, als sich bei Bob mit dieser Krankheit anzustecken. Wenn aber die Alices dieser Welt so gesund leben, dass als einziges Risiko die Ansteckung bei einem Bob in Frage kommt, dann können wir von Bob verlangen, dass er sich impfen lässt.

    Die kleine Angst vorm Pieks bei der Impfpflicht

    Das heißt noch längst nicht, dass eine pauschale Impfpflicht gerechtfertigt ist. Es könnte ja auch sein, dass wir die Bobs und Alices dieser Welt mit vernünftigen Argumenten dazu bewegen können, sich impfen zu lassen. Vernünftige Argumente, das sind keine Schauergeschichten von Einzelfällen, das erfordert Ehrlichkeit und Offenheit von Experten. Da ist sicher noch vieles möglich bevor man sagen kann, dass nur eine Pflicht hilft.

    Andererseits, wir sind bequem, wir sind faul, wir haben auch ein bisschen Angst vorm Pieks und meiden Schmerz. All das führt dazu, dass selbst der aufgeklärte Bürger, der eigentlich einsieht, dass eine Impfung angeraten wäre, Tag für Tag dann doch nicht in die Praxis geht.

    Der Text ist lang geworden, und am Ende gibt er keine Antwort auf die Frage, ob es richtig oder falsch ist, eine Impfpflicht einzuführen. Aber er zeigt hoffentlich: Die Diskussion ist nicht zu ende, sie sollte überhaupt erst einmal richtig anfangen.

  • Wider den Quotenwahn

    Wider den Quotenwahn

    Auch die moderne Gesellschaft, deren ökonomisches und politisches Grundprinzip der Wettbewerb ist, entzieht einige wesentliche soziale und kulturelle Institutionen aus gutem Grund dem Markt. Das sind die Institutionen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind, dass sie aber auf der Grundlage einer Angebots-Nachfrage-Ökonomie nicht existieren könnten. Theater gehören dazu, Museen, Kunstausstellungen. Aber der grassierende Quotenwahn bringt auch dort den Markt hin: den der Aufmerksamkeitsökonomie.

    Dinge, die wir brauchen, aber nicht bezahlen wollen

    In einer zivilen Gesellschaft besteht Konsens darüber, dass es Dinge gibt, die für das Bestehen der Gesellschaft wichtig sind, auch wenn keiner persönlich für ihre Benutzung so viel bezahlen möchte, dass allein aus dieser Benutzung ihre Existenz sichergestellt ist. Dazu gehören vermutlich noch mehr Institutionen als die kulturellen Einrichtungen, die ich gerade genannt habe, aber ich möchte einmal bei dieser Art von Unternehmungen bleiben. Auch die Ausstellungshallen, Opern- und Schauspielhäuser sehen sich immer wieder der Forderung ausgesetzt, doch ein Angebot zu machen, für das das Publikum zu zahlen bereit ist – aber gleichzeitig wissen wir, dass das nicht ganz funktionieren wird. Und wir haben irgendwie die Gewissheit, dass es für den Erhalt unserer Kultur, unseres Wertesystems, unseres zivilisatorischen Selbstverständnisses wichtig ist, dass sie trotz unserer jeweiligen Knauserigkeit und Faulheit erhalten werden. Also versuchen wir den Kompromiss: Wir finanzieren sie zum Teil aus Steuermitteln, fordern aber auch ein bisschen Marktorientierung, versuchen, sie ein bisschen zu überwachen und verlassen uns doch darauf, dass da Leute arbeiten, die schon aus ihrem Berufsethos und ihrem Spaß an der Sache heraus für recht wenig Geld ganz gute Leistungen produzieren wollen. Und so leisten sie ihren Beitrag zum Erhalt unserer Kultur.

    Es zählt nicht vor allem die Quote

    Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk ist genau so eine Institution, wie die Theater und die Museen es sind. Das Kulturgut, das er bewahrt, ist der gute Journalismus und die gute Unterhaltung. Wir brauchen den mehr denn je. Darüber müssen wir uns endlich klar werden und müssen aufhören, ihn andauernd nur am Markt, an der Quote, am Marktanteil zu messen.

    So, wie wir Theater öffentlich fördern, gerade weil wir nicht wollen, dass es zum Boulevard herabsinkt, müssen wir dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zu starke Marktorientierung sogar verbieten. Wir brauchen ihn als Qualitäts-Garanten, und damit er das bleibt, darf er nicht nur an der Einschaltquote gemessen werden.

    Kulturgut unterhaltender Journalismus ohne Quotenwahn

    Wir brauchen Journalisten, die sich Zeit nehmen für Recherchen, die Beiträge produzieren, die den höchsten Qualitätsanspruch haben, die Menschen mit schönen Geschichten suchen und mit Feingefühl porträtieren können. Wir brauchen gut geführte Interviews, die sich Zeit nehmen, Hintergründe und Details zeigen. Wir brauchen auch kreative und angenehme Unterhaltung mit Liebe zum Detail. Es geht nicht nur um seriöse Informationen, es geht auch um gut erzählte Geschichten, bei denen man sich auch Zeit für das Licht, den Ton und den Schnitt nimmt. Wir brauchen, dass Beiträge entstehen, die nicht morgen weggeworfen werden, sondern die man sich auch mit Genuss noch nach Jahren wieder ansehen kann. Das alles stabilisiert unsere Kultur, schafft Heimat und Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Auf den flüchtigen Moment gerechnet, mag das alles nicht so wichtig erscheinen, aber mit einem Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft, die sich in der journalistisch erzählten Gegenwart treffen, wird diese Qualität bedeutsam.

    Das heißt nicht, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nur noch Kultur- und Nachrichtenprogramm sein sollte. Ganz im Gegenteil. Gerade das Radioprogramm, das nebenbei beim Frühstück, in der Küche, im Auto läuft, das gut mit klugem und professionellem Journalismus unterhält, ist eine kulturelle Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, die wir nicht dem kurzfristigen Quotenwahn-Marktanteils-Denken preisgeben dürfen.

    Informationsquelle in Fake-News-Zeiten

    Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist also nicht nur, aber eben auch Lieferant vertrauenswürdiger Informationen, gut recherchiert und professionell produziert. Das wiederum ist gerade in Fake-News-Zeiten ein unschätzbarer Wert. In der Welt der sozialen Medien müssen auch die Öffentlich-rechtlichen senden, sie müssen die vertrauenswürdigen Quellen in der Online-Debatte sein. Auch dafür müssen wir sie uns leisten! Die demokratische Gesellschaft muss sich unabhängige Informations-Sender für die Online-Welt leisten, denen die Bürger vertrauen. Dafür müssen wir sie mit den nötigen Ressourcen und Freiheiten ausstatten.

    Wir brauchen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk mehr als je zuvor. Aber nicht als Spitzenreiter in den Marktanteilen, der dem Quotenwahn verfällt. Das kann auch mal schön sein, und letztendlich sollte gerade gute Unterhaltung und informative Dokumentation auch eine entsprechende Breitenwirkung haben. Aber das darf nicht von der kurzfristigen Quote her gedacht werden, nicht von der Anbiederung an den Tagesgeschmack und schon gar nicht von der Marktforschung her. Ausgangspunkt muss der eigene Qualitätsanspruch von Journalisten sein, die unabhängig von Quotenvorgaben gute Arbeit machen wollen. Die zu bezahlen und mit dem auszustatten, was sie benötigen, sollte uns die Zukunft unserer Gesellschaft wert sein.

  • Homöopathie und Liebe

    Homöopathie und Liebe

    Zum Dank für die vielen Kommentare zu meinem Artikel Homöopathie und Wirkung gibt es heute eine kleine Zugabe in Form einer Geschichte.

    Bob ist Anhänger der Homöopathie, und er liebt Alice. Einmal hat er Alice getroffen, sie hat mit ihm gesprochen, sie hat ihn angelächelt, und es war wunderbar. Seit diesem Tag weiß Bob, dass auch Alice ihn liebt. Am Ende hat Alice einen kleinen Zettel genommen, einen zierlichen Stift in ein Tintenfässchen getaucht und mit ihrer zarten Schrift auf den Zettel geschrieben: „Ich mag dich. D.A.“

    Immer, wenn Bob den Zettel aus seiner Brieftasche holt, erfasst ihn wieder dieser wohlige Schauer, und er ist glücklich. Er sagt, der Zettel bewirke bei ihm jedes mal einen Freuden-Glücks-Taumel.

    Bob hat seinem Freund Conrad davon erzählt, der ein Anhänger der rationalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Conrad hat sich ein Tintenfässchen besorgt, genau die Marke, die Alice benutzt, und hat die Tinte auf ein Blatt Papier geschüttet. Dann hat er draufgestarrt und festgestellt, das da kein Kribbeln und kein wohliger Schauer über ihn kommt.

    Dann hat er 100 Zettel mit der Aufschrift „Ich mag dich. D.A.“ an 100 Leute verteilt. Fünfzig hat er von Alice schreiben lassen (sie wusste schon vorher, dass Conrad manchmal, nun ja, interessante Ideen hat) und fünfzig hat er selbst beschriftet. Er hat festgestellt, dass es keine besondere Kribbel-Glücks-Taumel-Häufung bei den Zetteln von Alice gab.

    Seit dem weiß er, dass sich Bob dieses tolle Gefühl nur einbildet.

    Sie, geneigte Leser, werden sich nun fragen, was mit mir ist, dem Autor dieser Geschichte. Bin ich Bob, oder bin ich Conrad?

    Nun, ich muss zugeben, ich treffe Alice so oft es geht persönlich. Über Details dieser Treffen möchte ich schweigen. In der Zeit zwischen unseren Treffen nutzen wir WhatsApp.

  • Homöopathie und Wirkung

    Homöopathie und Wirkung

    Kollege Heinrich Schmitz gehört zu den tapferen Streitern für die Wahrheit und das Licht der Aufklärung. Todesmutig hat es sich gestern an das Thema Homöopathie herangewagt. Er selbst meint in einem Facebook-Post, damit sei er etwa so mutig wie jemand, der sich trauen würde, mit einem „Fuck Erdogan“-T-Shirt durch Ankara zu laufen. Das war natürlich nur metaphorisch gemeint, am Ende vielleicht gar nur eine scherzhafte Übertreibung, die aber irgendwie nahelegen soll, dass der öffentliche Konsens in Deutschland in einer Anerkennung oder gar Bevorzugung der Homöopathie bestehen würde, während es die Gegner der Homöopathen hierzulande schwer hätten, sich Gehör zu verschaffen.

    Meine Wahrnehmung ist allerdings eine andere. Ich halte Homöopathie-Kritik in Deutschland, ebenso wie die Kritik an allen anderen Praktiken des Problemlösens, die nicht den Anschein erwecken, sich auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu berufen, eher für langweiliges Alltagsgeschreibe. Kritik an „unwissenschaftlichen“ Methoden des Heilens und Hoffens ist wohlfeil. Die Kritiker der so genannten Scharlatane scheinen mir immer sehr große Strohmänner zu bauen, von denen sie sich dann bedroht fühlen können und auf die sie tapfer einschlagen.

    Dabei sind ihre eigenen Argumente durchaus dürftig. Daran ändert auch nichts, dass sie sich immer wieder gegenseitig versichern, dass sie überzeugend und wissenschaftlich und damit einfach unschlagbar seien. Schauen wir uns das am Beispiel der Homöopathie-Kritik einmal genauer an.

    Es gibt keinen Wirkstoff

    Der zentrale Begriff der Kritiker ist der der „Wirkung“. Richtige Heilmethoden müssten, wenn sie akzeptabel sein sollten, einem klaren Ursache-Wirkungs-Prinzip folgen, das Mittel muss die Heilung kausal verursachen. Das heißt, es muss irgendwie einen plausiblen Wirkmechanismus geben, den die Naturwissenschaften im besten Falle sogar bereits durchschaut haben, nach dem das Mittel, der so genannte Wirkstoff, die Heilung des Kranken verursacht.

    Klingt plausibel, ist es aber nicht. Ausgerechnet die Naturwissenschaften, allen voran die Physik, haben sich von der Kausalität, dem Prinzip, dass es bestimmte Ursachen gibt, die bestimmte Wirkungen haben, bereits vor rund hundert Jahren verabschiedet. Kein geringerer als Ernst Mach stellte fest, dass es in der Natur keine Kausalität gibt, weil zur Kausalität die Wiederholbarkeit gleicher Bedingung gehört. Die sei aber in der Natur prinzipiell nicht gegeben. Andere Physiker und Wissenschaftstheoretiker haben diesen Standpunkt erweitert und ausgebaut. Inzwischen spricht eigentlich kein Naturwissenschaftler, der über die Grundlagen seiner Disziplin nachdenkt, mehr über Kausalität – außer natürlich, wenn er dem staunenden Publikum von den großen Errungenschaften der Naturwissenschaften erzählt. Aber dann denkt er ja auch nicht nach.

    Aber das ist eine andere Geschichte. Für uns hier ist die Einsicht Machs von der Unmöglichkeit der Wiederholung der gleichen Situation besonders interessant. Für die Physik selbst, mit ihren technischen Laborbedingungen, möchte man Mach eigentlich sogar widersprechen, aber im Falle der Biologie und der Medizin ist seine Einsicht sonnenklar. Die Konstellation jedes Patienten ist so einzigartig, dass man von einer Wirkung eines Medikaments in dem Sinne, dass genau dieser „Wirkstoff“ Ursache für eine Heilung von der Krankheit ist, niemals seriös sprechen kann. Das gilt selbst dann, wenn man über eine Theorie verfügt, die halbwegs beschreibt, was in einer idealen Situation im menschlichen Körper passiert, wenn die Chemikalie, die wir den „Wirkstoff“ nennen, mit den Chemikalien im Körper zusammentrifft.

    Aber warum ist die Medizin dann so erfolgreich?

    Nun wird Heinrich Schmitz an dieser Stelle eine Menge einzuwenden haben, und einige seiner Einwände, oder die von tapferen Mitstreitern, können wir hier sogar vorwegnehmen.

    Etwa der Einwurf, dass uns aber von einer Menge von Chemikalien bekannt ist, was bei ihrem Zusammentreffen mit den Chemikalien im Körper passiert, und dass die Erfahrung millionenfach bestätigt hat, dass dies eigentlich fast immer wirklich passiert, dass also die so genannte evidenzbasierte Medizin doch erfolgreich sei. Dem ist auch gar nicht zu widersprechen. Es ist gut so, dass das so ist, es ist gut, dass es Anti-Baby-Pillen gibt, die „wirken“, kaum ein Mann wird das bestreiten. Es ist gut, dass es Impfungen gegen alle möglichen schrecklichen Krankheiten gibt.

    Es ist sehr gut, dass es Ibuprofen gibt. Auch ich sage, wenn die Kopfschmerzen nachlassen, dass Ibu wirkt, auch wenn ich weiß, dass es komischerweise manchmal nicht wirkt, und dass auch das Wasser, das ich dazu trinke, gegen Kopfschmerzen hilft, und die frische Luft und auch einfach die Zeit, die vergeht, und die der Körper nutzt, um die Gifte vom Vorabend abzubauen und auszuscheiden.

    Das alles zeigt schon, dass es eben kaum möglich ist, von der Wirkung des Medikaments zu sprechen, dass es vielmehr ganz viele Prozesse sind, die zusammenspielen und die uns oft eine Wirkung auch nur vorgaukeln.

    Und dass oft genug die Wirkung, vorgegaukelt oder nicht, eben auch ausbleibt, wissen wir auch aus Erfahrung. Dann sagt der Arzt, dieses Medikament „schlägt bei diesem Patienten nicht an“. Und probiert etwas anderes. Warum das eine „wirkt“ und das andere „nicht wirkt“, weiß er nicht. Eigentlich verweist genau diese medizinische Praxis darauf, dass es in der Natur tatsächlich keine Wirkung, keine Kausalität gibt, wie Ernst Mach es eben auch vor 100 Jahren schon bemerkt hat.

    Ist Medizin eine Naturwissenschaft?

    Aber, so könnte der nächste Einwand lauten, in den „richtigen Medikamenten“ ist wenigstens überhaupt irgendwas drin, was „wirken“ könnte, mal dahingestellt, ob es nun tatsächlich wirkt, oder nicht. Da ist eben wenigstens eine Chemikalie drin, die im Körper irgendwie in ein Zusammenspiel mit anderen Chemikalien kommen könnte, ein Zusammenspiel, an dessen Ende eben die Heilung des Patienten stehen könnte. Und so ein Inhalt fehlt doch in der Homöopathie.

    Dieser Einwand geht davon aus, dass Medizin vorrangig eine naturwissenschaftliche Angelegenheit ist, und dass Heilung eine Sache von physiologischen Prozessen sei, nicht mehr. Auch zur evidenzbasierten Medizin, zur so genannten Schulmedizin, gehört aber weit mehr. Niemand weiß, ob zur „Wirksamkeit“ oder „Wirkungslosigkeit“ einer Behandlung im Einzelfall nicht wesentlich dieses außerphysiologische, das Vertrauen zwischen Arzt und Patient, der Wille zum Gesundwerden, der Einfluss von Stimmungen und sozialen Situationen, gehört.

    Auch zur „Wirkung“ eines Medikaments voller chemischer „Wirkstoffe“ kann wesentlich beitragen, dass es von einer wissenschaftlich autorisierten Respektsperson verschrieben wurde, und dass es in einem Verfahren entwickelt wurde, an das der Patient glaubt, ohne es zu verstehen. Die Situation des Patienten gegenüber seinem Arzt und den pharmazeutischen Verfahren unterscheidet sich subjektiv nicht wesentlich von der, die der Kranke gegenüber seinem Homöopathen einnimmt. Niemand weiß, wie groß der Beitrag des Glaubens an der Wirkung pharmazeutischer Präparate ist.

    Der Unsinn der klinischen Studien für Homöopathie

    Aber, so wird man jetzt sofort einwenden, diese Wirkung wird doch durch objektive klinische Studien belegt, durch die berühmten doppelt verblindeten Studien, bei denen die Wirksamkeit eines Präparats bestimmt werden kann.

    Wenn man genau über das nachdenkt, was seit Mach über die fehlende Kausalität in der Natur gesagt wurde, kann man sich eigentlich nur wundern, dass jemand überhaupt etwas auf diese Studien gibt. Denn die Grundidee dieser Studien ist genau die Wiederholbarkeit. Sie setzen voraus, dass die Probanden alle gleich sind, dass sie alle die gleiche Krankheit haben und dass sie alle auf die gleiche Art auf das Medikament reagieren müssten, wenigstens im „statistischen Mittel“. Dass eine Behandlung eine hochindividuelle Sache ist, bei der zwei verschiedene Patienten eigentlich nie auf exakt die gleiche Weise gesund werden, wäre eine Sicht, die dem Prinzip der klinischen Studie genau zuwider läuft. Ein individueller Ansatz, bei dem ein Arzt die gesamte konkret-individuelle Situation des Patienten mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen abgleicht und daraus eine Behandlungsentscheidung ableitet, ist mit der klinischen Studie nicht überprüfbar.

    Es ist interessant, einmal darüber nachzudenken, welcher Begriff von Gesundheit eigentlich der Idee der klinischen Studie zugrunde liegt. Es ist eine Art „Volksgesundheit“ – denn bei der klinischen Studie gilt als gesundmachend, was bei einer statistisch signifikanten Mehrheit von Testpersonen hilft. Medikamente werden also anerkannt, wenn nach ihrer Einnahme viele Menschen wieder gesund werden. Dabei wird angenommen, dass die alle genau gleich „funktionieren“ und auch auf die gleiche Weise krank sind. Medikamente, die sehr individuell helfen und bei der großen Masse nicht wirken würden, können eine klinische Studie niemals bestehen. Dass Medikamente, die zwar den klinischen Test bestehen und somit zur Volksgesundheit beitragen, bei einigen Patienten vielleicht sogar eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auslösen, wird unter „Nebenwirkungen“ notiert.

    Es gibt eine Reihe von Behandlungsmethoden auch in der nicht-alternativen Medizin, bei der eine doppelt-verblindete klinische Studie nicht möglich ist. Umso individueller die Medizin wird, desto weniger werden statistische Studien Aussagekraft haben. Es gibt zudem auch eine Menge von Behandlungsmethoden, bei denen es keinerlei chemische, biologische oder auch nur physikalische Eingriffe in das Zusammenspiel der physiologischen Prozesse im Menschen gibt. Wer mit dem Argument, dass in Globuli keine chemisch nachweisbaren Wirkstoffe enthalten seien, gegen die Homöopathie zu Felde zieht, muss auch gegen Psychotherapeuten und Psychologen, die mit Gesprächen, Aufgaben und Spielen arbeiten, vorgehen.

    Aber was ist mit dem Wassergedächtnis bei der Homöopathie?

    Aber, so könnte man hier einwenden, die Homöopathen behaupten doch, dass die Homöopathie irgendwie physisch wirkt. Sie reden vom Wassergedächtnis und behaupten, dass das dann im Körper wirkt. Das ist richtig, und das ist auch der Grund, weshalb ich selbst noch nie zu einem homöopathischen Mittel gegriffen habe. Denn auch für mich muss das Heilverfahren, dem ich mich aussetze, irgendwie plausibel sein. Für mich persönlich ist Homöopathie nicht plausibel, ebenso wenig wie Akupunktur, Besprechen und Pendeln. Dabei bin ich mir durchaus darüber im klaren, dass es Zusammenhänge geben kann, die ich eben nicht kenne und die mein kleiner Geist sich auch nicht vorstellen kann. Es steht auch den Homöopathen und ihren Patienten frei, an solche Zusammenhänge zu glauben und auf Basis der Zusammenhänge und ihres Glaubens daran gesund zu werden.

    Was ist Gesundheit?

    Damit kommen wir zur letzten zentralen Frage, zu dem wichtigen Begriff, der die ganze Zeit im Hintergrund steht und der auch bei Heinrich Schmitz ja von großer Bedeutung ist: Gesundheit.

    Für Homöopathie-Gegner scheint Gesundheit irgendwie etwas objektives und messbares zu sein. Ob ich gesund bin und vor allem, ob mich ein Heilverfahren gesund gemacht hat, kann ich in dieser Lesart keineswegs selbst bestimmen. Denn dass sich die Mehrzahl der Patienten nach einer homöopathischen Behandlung besser fühlt, zählt für die Kritiker ganz und gar nicht. Es zählt nur die statistische Volksgesundheit. Ob jemand gesund ist oder nicht, entscheidet der medizinische Test und nicht das subjektive Wohlbefinden.

    In wessen Interesse ist so ein statistisch-objektiver Gesundheitsbegriff? Einer freiheitlich-liberalen sozialen Ordnung ist er jedenfalls fremd. So, wie es jedem frei steht, nach seinem individuellen Glück zu streben, so steht es auch jedem frei, sich als gesund zu bestimmen, den eigenen subjektiven Eindruck des Wohlbefindens als sicheren Ausdruck des Gesundseins zu erleben. Denn Glück und Gesundheit gehören zusammen. Man kann Menschen sehr unglücklich damit machen, wenn man ihnen sagt, dass sie krank sind.

    Hier wäre der richtige Moment, über die leidige Praxis der bürokratischen Krebsscreening-Verfahren zu schreiben, aber auch das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist: Was gesund ist und was krank ist, darf nicht gesellschaftlich-politisch festgelegt werden, das ist eine Entscheidung des selbstbewussten und reflektierenden Subjekts. Und so ist es auch mit den Wegen, die zur Gesundheit führen. Zur Würde und zur Autonomie des Menschen gehört auch, dass er selbst bestimmen darf, was ihn gesund macht.

  • Wir brauchen keine Zinsen

    Wir brauchen keine Zinsen

    Es gibt keine Zinsen mehr! Seit Jahren ist das Gejammer groß, und es nimmt zu, während die Zinsen abnehmen. Politiker schwingen sich zum Anwalt des „kleinen Sparers“ auf, der Geld für seine Altersvorsorge zurücklegen will, dafür aber keine Verzinsung mehr bekommt. Die Banken, ohnehin seit Jahren Lieblingsfeind von Politik und Medien, werden zum Hauptschuldigen für drohende Altersarmut erklärt.

    Sicher haben die Banken weltweit und immer wieder im Laufe der Jahrzehnte große Fehler gemacht und Probleme in der Weltwirtschaft verursacht. Ob ihr Scheitern alle paar Jahrzehnte tatsächlich und auf lange Sicht zum Systemrisiko und zu Wohlstandsverlusten führt, muss man sicherlich im Einzelfall analysieren, und das Urteil kann unterschiedlich ausfallen.

    Jedenfalls hat sich über die Jahrzehnte die Meinung ausgebreitet, dass das Geld, das man zur Bank schafft, sich irgendwie von selbst vermehren müsste. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Denn der Versuch, Geld möglichst rasant zu mehr Geld zu machen, hat ja gerade zu den großen Finanz- und Bankenkrisen geführt.

    Geldaufbewahrungs-Institute

    Schaut man sich einmal genau an, warum wir unser Geld eigentlich „zur Bank schaffen“, dann sieht man, dass wir vor allem einen Grund haben: Es soll sicher aufbewahrt werden. Das gilt sowohl für den monatlichen Lohn als auch für das, was wir „für später sparen“ möchten. Niemand rennt gern mit viel Geld in der Tasche durch die Straßen. Ich muss nicht mal Angst vor Kriminellen und Räubern haben, es genügt, schon, meine eigene Schusseligkeit zu bedenken, um mir zu sagen, dass es nicht so toll ist, ständig eine Menge Bargeld mit mir herumzutragen. Besser, das Geld liegt bei der Bank, von meinem Arbeitgeber direkt dorthin überwiesen, und ich hole es mir da in kleinen überschaubaren Häppchen ab. Mit vielen, denen ich Geld schulde, komme ich sowieso nicht persönlich zusammen, denen überweise ich lieber etwas vom Konto, als dass ich ihnen Scheine und Münzen persönlich vorbeibringe.

    Genauso ist es aber auch mit dem Geld, das ich für eine große Anschaffung oder gar für den Lebensabend anspare. Das will ich auch nicht in Koffern zu Hause haben, weder in großen oder kleinen Scheinen, noch als Goldmünzen oder Silberbarren. Die Kosten für eine sichere Aufbewahrung, der Schutz gegen Einbruch, Brand und Naturkatastrophen, die im Laufe der Jahrzehnte eintreten könnten, sind viel zu hoch.

    Banken sind also Geldaufbewahrungs-Dienstleister. Sie sind auch Geld-Verteilungs-Dienstleister. In meinem Auftrag verteilen sie das Geld an die Leute, denen ich was schulde. Dabei entstehen Kosten, und die muss ich bezahlen.

    Wenn wir sonst jemanden bitten, etwas Wertvolles für uns aufzubewahren, kämen wir nicht im Traum darauf, dafür von ihm Geld zu verlangen, eher wäre es selbstverständlich, dass wir ihm dafür Geld geben. Besonders dann, wenn wir erwarten, dass der Wert der Sache nicht fällt. Stellen Sie sich vor, Sie stellen wertvolle Möbel bei jemandem unter. Sie sagen: „Du kannst sie auch benutzen, und dafür will ich eine „Benutzungsgebühr“. Aber pass auf, dass sie nicht verschleißen, nicht kaputt gehen. Ich will die Sachen in wenigstens dem gleichen Zustand zurück, wie ich sie dir gegeben habe. Am besten, du machst sogar noch was, damit sie noch wertvoller werden.“

    Klingt absurd, ist es auch. Aber wenn wir das Geld zur Bank schaffen, erwarten wir genau das.

    Und die Inflation?

    Aber brauchen wir nicht die Zinsen, damit wir die Inflation ausgleichen?

    Umgekehrt gefragt: Entsteht nicht die Inflation auch deshalb, weil Geld immer mehr „wert sein soll“? Weil alle meinen, das Geld müsse sich von selbst vermehren? Für die gleiche Arbeit wollen alle im Laufe der Zeit immer mehr Geld, weil ja alles immer teurer wird, was wieder daran liegt, dass alle ja immer mehr Geld wollen. Die Zinsidee ist dabei eine treibende Kraft. Man merkt es daran, dass derzeit, wo es keine Zinsen gibt, auch kaum Inflation auftritt.

    Sparen hat erst mal nichts mit Vermehren zu tun, und es wäre gut, wenn wir die Banken als bloße Finanzdienstleister betrachten, die wir beauftragen, Geld sicher aufzubewahren und zu verteilen. Dabei entstehen Kosten, und diese Kosten müssen wir bezahlen wie die von jedem anderen Dienstleister.

    Und wer möchte, dass sich das Geld vermehrt, das er hat, der sollte es denen geben, die es investieren um Gewinne zu machen. In Zeiten von Online-Banking kann jeder Aktionär werden. Klar, da gibt es ein Risiko, und selbstverständlich, da muss man sich mit den Unternehmen beschäftigen, in die man investiert. Auch dafür gibt es wieder Dienstleister, denen man das überlassen kann – wenn man will. Auch die wollen Geld dafür.

  • Retten wir die Demokratie?

    Was ist Demokratie? Wenn wir das Wort mit „Volksherrschaft“ übersetzen, dann kann es schon per Definition in einer modernen Gesellschaft keine Demokratie geben. Zwar kann man bei einer Menschengruppe, die innerhalb nationalstaatlicher Grenzen lebt und durch eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame kulturelle Prägungen und Bindungen gekennzeichnet ist, von einem Volk reden. Es mag auch durchaus sinnvoll sein, sich als Angehöriger eines solchen Volks zu verstehen.

    Demokratie kann nicht Volksherrschaft sein

    Aber bei der Vielzahl von Interessen, sozialen Situationen, Wünschen und Lebensentwürfen, familiären Bindungen und gesellschaftlichen Überzeugungen kann dieses Volk nicht herrschen, wenn Herrschen denn bedeutet, die eigenen Ziele in der Gesellschaft durchzusetzen.

    Demokratie kann nicht mal „Mehrheitsherrschaft“ sein, denn es gibt auch keine Mehrheiten, die gleiche Ziele haben. Alle Angehörigen einer modernen Gesellschaft haben mal mit diesen, mal mit jenen anderen Gesellschaftsmitgliedern gleiche Überzeugungen und Interessen. Es gibt auch keine besonders grundlegenden – etwa ökonomischen – Interessen, die alles andere dominieren und auf deren Basis alle anderen Wünsche oder Einstellungen abgeleitet werden könnten. Selbst die ökonomischen Situationen der Menschen in einer modernen Gesellschaft sind zudem so vielfältig und wechselhaft, dass daraus keine klaren Mehrheiten entstehen könnten, die in der Demokratie herrschen könnten.

    Es geht um Begrenzung von Macht

    In der modernen Demokratie kann es also gar nicht um die Frage gehen, wer herrscht, sondern um die Frage, wie jede Herrschaft begrenzt werden kann und wie jeder Anspruch irgendwie in den Prozess der politischen Entscheidungsfindung einbezogen werden kann. Die Gesellschaft besteht aus einer riesigen Zahl von politischen Anspruchsgruppen und legitimen Interessensbekundungen. Nur die wenigsten davon können mit guten Gründen prinzipiell zurückgewiesen werden. Deshalb haben moderne Gesellschaften eine komplexe Struktur von Institutionen entwickelt, die politischen Entscheidungen miteinander aushandeln. Die politischen Parteien in den Parlamenten der verschiedenen Ebenen und die Regierungen, die sie bilden, sind davon nur ein kleiner, wenn auch wichtiger Teil. An ihrer Basis verwurzeln sich die Parteien vielfältig in der Bevölkerung. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Nichtregierungsorganisationen gehören dazu. Journalisten und Umfrageinstitute bilden die „öffentliche Meinung“ – dies kann gern doppeldeutig verstanden werden.

    Im Ergebnis erscheint der politische Prozess oft zäh und schwerfällig, mit großem Aufwand, so meint man oft, wird nur wenig produziert. Aber das ganze Verfahren stabilisiert die Gesellschaft und sorgt dafür, dass am Ende wirklich so ziemlich alle Wünsche und Vorstellungen, die es im Volk (!) so gibt, irgendwie berücksichtigt werden.

    Politik-Bashing ist wohlfeil

    Aber stabil ist dieses Gebilde nur, wenn wir es akzeptieren. In den letzten Jahren haben sich viele in allgemeinem Politik-Bashing gefallen, auch die, die eigentlich Teil dieser Prozesse sind. Die parlamentarische Opposition wirft den gerade Regierenden gern Schwerfälligkeit und Tatenlosigkeit vor, ohne das konkret zu belegen. In den Koalitionen wirft man einander Blockadehaltung vor, die Legitimität der Forderungen des Gegenüber wird erst mal bestritten. Solche Vorwürfe und Angriffe sind wohlfeil und werden gern in den Medien aufgegriffen, die sich damit wiederum beim Volk beliebt machen wollen.

    Plötzlich glauben viele, dass es doch auch einfacher gehen müsste, dass doch nur ein starker, vom Volke getragener Mann kommen müsste, der die Strukturen zerschlägt und mit eisernem Willen und Durchsetzungsvermögen „endlich etwas tut“.

    Die demokratischen Institutionen sind anfällig geworden, sie sind durch den Dauerbeschuss der pauschalen Kritik einsturzgefährdet. Wie stabil sie einer alten Demokratie wie den USA noch sind, verfolgen wir gerade mit Bangen. Derweil sollten wir uns darauf konzentrieren, die eigenen Strukturen wieder zu stärken, indem wir uns ihres Sinns vergewissern.

  • Auf dem Schvil Jisra’el, dem Israel National Trail

    Auf dem Schvil Jisra’el, dem Israel National Trail

    Alle Israelis sollten einmal im Leben den Schvil Jisra’el, den Israel National Trail gewandert sein. Der Wanderweg ist rund 1000 km lang und schlängelt sich in Nord-Süd-Richtung durchs ganze Land. Die meisten jungen Israelis versuchen sich direkt nach dem Armeedienst daran, sicherlich in der Meinung, dass sie den Herausforderungen des Marsches, des Kletterns und des Campens in dieser Zeit am besten gewachsen sind.

    Der INT ist genau genommen kein Wanderweg, wie man ihn in Europa erwarten würde. Er vermeidet nicht die Berührung mit der Zivilisation, er durchquert Städte wie Tel Aviv und führt in der Negev-Wüste nicht nur zu den faszinierenden Erosionskratern und durch gewaltige ausgetrocknete Flussläufe, sondern auch zu den Industriegebieten, die dort entstanden sind.

    Vielleicht ist aber der Schvil Jisra’el die beste Möglichkeit überhaupt, eine echte Wüste zu durchwandern. Der Weg ist hervorragend gekennzeichnet, zumeist ist auch wenigstens ein Trampelpfad zu sehen, und Kletterstellen sind mit Tritten, Spangen, Leitern und Seilen zusätzlich gesichert. Allerdings muss man die richtige Jahreszeit wählen: Im Sommer wäre die Hitze unerträglich, im Winter wiederum gibt es die Möglichkeit, dass kurze heftige Regenschauer den Wadi, durch den man gerade wandert, zum reißenden Strom machen.

    In Tel Aviv

    Wandert man durch ein einsames Gebiet, dann trifft man naturgemäß wenige Menschen, aber  bei denjenigen, die man trifft, ist die Begegnung umso intensiver. Das beginnt schon in Tel Aviv, wo wir auffällig mit großen Rucksäcken an der Bushaltestelle stehen und verwirrt auf die hebräischen Schriftzeichen starren: Sofort tritt ein junger Mann auf uns zu, fragt, wo wir hin wollten, ob er helfen könnte. Junge Leute mit Smartphones sind in Tel Aviv offenbar die heimlichen Fremdenführer. Sie suchen flink die passende Verbindung heraus, weisen uns den richtigen Bus, in dem uns schon der nächste dieser heimlichen Helfer erwartet um uns die Haltestelle zu nennen, an der wir den Bus wieder verlassen müssen.

    Allerdings besitzen wir selbst auch ein Smartphone und haben deshalb hin und wieder einen Informationsvorsprung. Das zeigt sich am nächsten Morgen, als wir uns auf den Weg nach Arad am Rand der Negev machen. Wir sind sehr sicher, im richtigen Stadtbus zu stehen, aber der Busfahrer will uns im Verein mit zwei jungen Leuten davon überzeugen, dass uns dieser Bus nicht zum zentralen Busterminal bringen würde. Wir sollten ihnen vertrauen, aussteigen und eine andere Buslinie nehmen. Zum Glück schaut dann doch noch einer von ihnen nach der aktuellen Verbindung Richtung Arad – und findet genau die, die wir uns auch herausgesucht haben.

    Der Busfahrer versucht, mit einem Scherz die Situation zu retten: Er würde zwar Englisch sprechen, aber leider kein Englisch verstehen. Und er spricht gern Englisch. Am meisten beschäftigt ihn an diesem Morgen, dass George Michael ausgerechnet an Weihnachten gestorben ist. Wir stutzen – nicht zum letzten Mal auf dieser Reise. Dass ein israelischer Busfahrer, dessen Kippa auf geheimnisvolle Weise auf dem kahlgeschorenen Hinterkopf klebt, von Weihnachten Notiz nimmt, überrascht uns.

    Water Cashing

    Mit Idan haben wir uns zum Anlegen unserer Wasser-Speicher verabredet, er holt uns vom Bus ab, der uns pünktlich von Tel Aviv an die Grenze der Wüste gebracht hat. Idan hatte kein Vertrauen, dass der Bus pünktlich sein würde, wir hatten, für den Fall einer Verspätung, extra die Mobilfunknummern ausgetauscht. Er schimpft auf Busse und Bahnen in Israel, die seien viel unzuverlässiger als in Europa. Wir wenden ein, dass es in Deutschland auch oft Verspätungen gäbe und dass wir mit der Zuverlässigkeit der Busse bisher zufrieden seien (wir waren es bis zum letzten Tag) – aber das ändert nichts an seinem Urteil.

    Idan gehört zu den Trail Angels, deren E-Mail-Adresse man im Internet findet. Sie sorgen dafür, dass die Wanderer auf dem Israel National Trail in der Negev vor allem ausreichend mit Wasser versorgt werden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, man kann sich allabendlich das Wasser zum jeweiligen Rastplatz bringen lassen, oder man lässt vorab genügend Wasser im Wüstensand vergraben. Mit Hilfe von Fotos und GPS-Koordinaten hofft man dann, das Wasser wiederzufinden. Wir haben uns für die Variante entschieden, selbst beim Vergraben der Wasservorräte dabei zu sein, Fotos zu machen und die Koordinaten in den GPS-Empfänger einzugeben. Also sind wir einen Tag mit Idan in der Wüste unterwegs.

    Beduinen am Israel National Trail

    Von Idan hören wir zum ersten Mal etwas über die Beduinen, die in dieser Gegend der Wüste ihr Nomadenleben auf fast die gleiche Weise leben wie vor Jahrhunderten. Merkwürdigerweise erwähnt der Reiseführer sie mit keinem Wort, und auch in dem deutschsprachigen Bestseller „Israel Trail mit Herz“ kommen sie nicht vor.

    Der Begriff der Parallelgesellschaft gewinnt hier eine Bedeutung, die für Europa nicht denkbar ist. In der Negev leben zwei grundverschiedene Kulturen nebeneinander her, nur lose dadurch miteinander verbunden, dass die Beduinen die Produkte ihrer Kamelzucht an Israelis verkaufen und dafür umgekehrt einige nützliche Gegenstände erwerben. Beduinen kennen weder Schulpflicht noch Wehrpflicht.

    Idan erzählt, dass man versucht hatte, die Beduinen in eigens für sie gebauten Städten sesshaft zu machen – der Erfolg ist jedoch weitgehend ausgeblieben. Zwar wohnten die Menschen nun in den Städten, aber sie sind nicht in die Gesellschaft integriert. Da sie ihre Lebensgrundlage verloren haben, sind sie genau besehen in einer schlechteren Situation als zuvor.

    Als wir am nächsten Tag, unserem ersten Tag in der Wüste, auf dem Israel National Trail nahe an den Beduinen-Siedlungen vorbeikommen, sehen wir, dass viele von ihnen inzwischen an Wasserleitungen und das Stromnetz angeschlossen sind. Auch Solarpanele glänzen in der Sonne – und Satellitenschüsseln ragen in den Himmel. Vielleicht ist das der langsamere, aber der erfolgversprechendere Weg, die Beduinen mit der modernen Gesellschaft in Kontakt zu bringen. Wir begegnen Jungs auf Eseln, die mit viel Freude Kamele vor sich hertreiben, andere spielen weit entfernt von ihrem Dorf im Wüstensand. Paradiesische Zustände sicher auch für israelische Jungs. Mädchen sind nicht dabei. Man kann sich viele gute Gründe denken, warum israelische Eltern ihren Kindern beibringen, dass Beduinen anders sind, als sie.

    „Aus Deutschland“

    Auf dem Rückweg aus der Wüste nimmt Idan zwei erschöpfte Wanderer mit. Wir kommen ins Gespräch, und irgendwann stellt einer von ihnen die ganz selbstverständliche Frage, woher wir kämen. „Aus Deutschland“ – bis zum Ende der Reise war ich immer wieder nervös, wie meine Gesprächspartner auf diese Auskunft reagieren würden. Niemand hat jedoch auf dem Israel National Trail anders reagiert, als man es irgendwo anders auf der Welt erwarten würde. Die fröhlich-überraschte Antwort des jungen Manns in Idans Jeep lässt mich allerdings bis heute nicht los: „Aus Deutschland! Meine Großmutter kommt aus Deutschland!“

    Als die beiden Wanderer uns längst wieder verlassen hatten, spreche ich Idan darauf an. Er versteht zuerst gar nicht, was mich an diesem Satz beschäftigt. Die Großeltern der heutigen Israelis kommen fast alle aus allen möglichen Ländern der Erde. Manche eben aus Deutschland. Ich entgegne, dass es aber wohl etwas anderes für einen Juden sei, aus Deutschland zu kommen, oder etwa aus den USA. Er versteht. Er erzählt, dass er zwei Jahre eine deutsche Freundin gehabt hätte, die bei ihm gelebt hätte. Seine Mutter hätte damit noch Probleme gehabt – aber in seiner Generation, Idan ist um die dreißig Jahre alt, sei das vorbei.

    „Wir sind nicht sehr religiös“

    Als wir am nächsten Abend den ersten Lagerplatz erreichen, sehen wir dort bereits ein Zelt stehen, zwei Gestalten machen sich an einem Lagerfeuer zu schaffen. Wir beschließen, unser Zelt etwas abseits aufzubauen. Wenige Minuten später schlendert einer der beiden, ein Mann zwischen 40 und 50, zu uns herüber. Wir seien wohl nicht von hier? Wenn wir unser Zelt aufgebaut hätten, sollten wir herüberkommen, wir seien auf einen Tee eingeladen.

    Yaneev und Bar sind Vater und Sohn, und sie nutzen drei Tage der Chanukka-Ferien, um ein Stück auf dem Israel National Trail voranzukommen. Vor zwei Jahren sind sie im Norden gestartet, und seit dem wandern sie Stück für Stück durchs Land. Bis Arad war auch die große Schwester von Bar mit dabei – doch die musste nun zur Armee. Für Bar gehört der Weg zur Vorbereitung auf seine Bar Mitzwah.

    Yaneev und Bar bieten uns nicht nur Tee an, sondern alles, was sie selbst essen und trinken. Wir bieten umgekehrt von unseren Trockenfrüchten und Nüssen an, allerdings weise ich vorsorglich darauf hin, dass sie im gleichen Beutel wie die kleinen harten Mettwürste gelegen haben, die wir gern nebenbei essen. „Wir sind nicht sehr religiös“ antwortet Yaneev, allerdings verzichten beide doch darauf, unser Angebot anzunehmen. „Ich bin nicht sehr religiös“ hatte auch Idan schon gesagt, bei ähnlicher Gelegenheit.

    Am Abend des zweiten Tages erwarten uns die beiden schon etwas oberhalb des Platzes, der in der Karte eigentlich als Nachtlager für diese Etappe eingezeichnet ist. Sie haben gut gewählt, der Ort ist windgeschützt und macht, nachdem unsere zwei Zelte aufgebaut sind und das Lagerfeuer knistert, einen geradezu gemütlichen Eindruck. Gemütlichkeit stellt sich in den Nachtlagern entlang des Trails leider nur selten ein – jedenfalls in der Wüste. Es handelt sich zumeist um große planierte Flächen an einer der wenigen Fernstraßen. Leider gibt es weder Toiletten, noch Abfallbehälter – und so sehen sie auch aus. Bedenkt man, dass sich das Wasser, das man sich zuvor in der Wüste vergraben hat, in normalen 2-Liter-Einwegflaschen befindet, und dass in der trockenen Wüste Toilettenpapier nicht so leicht verrottet oder sich innerhalb weniger Tage auflöst, kann man sich ungefähr eine Vorstellung vom Anblick eines Nachtlagers am Trail machen.

    Also sind wir dankbar, dass Yaneev einen Platz ausgewählt hat, der etwas abseits liegt. Wieder sitzen wir abends zu viert am Lagerfeuer und erzählen einander vom Alltag in unserer jeweiligen Heimat. Yaneev und Bar leben in einem Kibbutz ganz in der Nähe. Die Zahl dieser sozialistischen Wohngemeinschaften nimmt ständig ab, die meisten jungen Leute wollen nach der Armeezeit nicht wieder zurück zum Alltag mit Gemeinschaftsessen und Arbeitsdienst. Ein Problem, das schon Amoz Oz in seinen Erzählungen über das Kibbutz-Leben geschildert hat.

    Gelobtes Land und Israel National Trail

    Über unserem Lager geht schon um 17 Uhr die Sonne unter und es wird schnell kalt in der Wüste. Aber was für ein Sonnenuntergang. Überhaupt: Was für eine grandiose Landschaft. Die Negev ist keine Sandwüste, Sandstein in unterschiedlichen Verwitterungsstufen bildet phantastische Formen, Schluchten und Krater, die oben von schroffen Abhängen begrenzt werden, während an ihren Grund trockene Flussbetten von Felsen begrenzt werden, die von den Sturzfluten in der Regenzeit rundgewaschen sind. Und überall, wo sich ein- oder zweimal im Jahr, das Wasser sammelt, haben sich Pflanzen angesiedelt, saugen Sträucher und sogar ein paar Bäume die Feuchtigkeit aus dem kargen Boden.

    Nach ein paar Tagen in der Wüste ist man übervoll von Eindrücken. Es klingt abwegig, aber die Negev ist alles andere als eintönig. Die Vielfalt der Farben ähnelt der des europäischen Mischwaldes im Herbst. Die bizarr-steilen Abhänge sind verwirrender als die Fassaden von Tel Aviv und die engen Gassen von Jaffa. Und aus all dem trockenen Gestein sprießt doch grünes Leben. Hier entlang zog das Volk Israel, als es aus Ägypten zurückkehrte. Das war ihr gelobtes Land.