Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Wählen ist Farbenmischen

    Wählen ist Farbenmischen

    Ich bin ziemlich sicher, dass gerade dieses Mal viel mehr Menschen wählen gehen werden als Demokratie-Untergangs-Beschwörer uns heute glauben machen wollen – und das wird natürlich an diesem kleinen Text liegen, den Sie hier gerade lesen. Denn ich erkläre Ihnen hier, dass Ihre verzweifelte Suche nach der Partei und den Politikern, die Ihre politische Meinung richtig vertreten, auf einem Missverständnis beruht.

    Es gibt gar kein Programm irgendeiner Partei, in dem drin steht, was das Richtige für diese Gesellschaft wäre, und das liegt einfach daran, dass man nicht mal sagen könnte, wie die richtige Gesellschaft aussehen würde. Alle berechtigten Anforderungen an die Gesellschaft zusammengenommen lassen sich nie auf einen konsistenten Nenner bringen. Eine Gesellschaft kann niemals zugleich ökologisch und sozial, gerecht und leistungsfördernd, zukunftsorientiert und werterhaltend sein. Ganz abgesehen davon, dass es vermutlich keine Einigkeit über den Sinn dieser Begriffe gibt – alles gleichzeitig in gleichem Maße geht nicht, und niemand weiß wirklich, welche Mischung die richtige ist, damit möglichst alle Bürger möglichst nachhaltig mit ihrem Leben zufrieden sein können.

    Also ist Politik die Aushandlung eines Kompromisses, und dazu braucht man Vertreter, organisiert in Fraktionen von Parteien, die die verschiedenen Standpunkte besetzen. Diese Vertreter müssen nicht ganz besonders sympathisch sein, sie müssen eine Funktion ausüben, eine Rolle spielen können.

    Und als Wähler muss man sich weder mit einer Person, noch mit einem Parteiprogramm identifizieren. Man muss einfach entscheiden, welchen Pol man stärken will, welcher Position man zu etwas mehr Einfluss verhelfen will.

    Es ist wie beim Malen: Ein monochromes Bild findet keiner schön (na gut, fast keiner). Am interessantesten sind die, bei denen die Farben Kontraste und Spannungen erzeugen und sich gegenseitig zum Leuchten bringen. Man muss keine Lieblingsfarbe haben um zu sagen: Da muss noch ein bisschen mehr gelb oder grün oder rot rein. Von mir aus auch gern Magenta-Pink und Cyan-Blau – aber das nur nebenbei.

    Sie, verehrte Leserin, und Sie, geschätzter Leser, müssen sich also nicht fragen: Welche Partei vertritt meinen Standpunkt? – sondern sie müssen sich fragen: Wie sähe das optimale Mischungsverhältnis aus, damit meine persönlichen Wünsche – die ja auch widersprüchlich und inkonsistent sind – abgebildet werden? Sie wollen natürlich, dass die Umwelt geschützt wird, und dass es der Wirtschaft gut geht, finden Sie auch nicht schlecht, sie wollen Freiheit, aber auch Sicherheit, Sie wollen Traditionen bewahren aber auch Chancen der Zukunft nutzen. Welche dieser verschiedenen Wünsche ist derzeit zu wenig vertreten? Genau, die Partei, die suchen Sie aus, und die wählen Sie. Damit am Ende die Mischung ein bisschen mehr dem entspricht, was Sie selbst als Vorstellung von der Welt befürworten.

    Natürlich werden die Politiker auch in der nächsten Legislaturperiode dann nicht genau das tun, was Sie für richtig halten. Und natürlich werden Sie sich wieder darüber ärgern, dass die nicht Ihre Interessen vertreten und Ihre Wünsche wahr werden lassen. Aber auf diese Weise geht es weiter, und es geht so weiter, dass wir alle damit leben können und nicht völlig unzufrieden mit unserer Welt sind. Und dazu werden Sie mit Ihrer Wahl beigetragen haben – das ist doch ein Grund, da hin zu gehen.

  • Nichtwähler wählen nicht

    Nichtwähler wählen nicht

    In den letzten Tagen ist pünktlich zum Bundestagswahlkampf wieder das fremde Wesen Nichtwähler in den Blick von Experten und Kommentatoren geraten. Immer wieder sieht man Diagramme, in denen der Anteil der Nichtwähler ins Verhältnis gesetzt wird zu den Stimmanteilen der Parteien. Manche behaupten, die Nichtwähler würden in den Parlamenten die stärkste Fraktion sein, wenn man sie berücksichtigen würde. Es wurde sogar schon gefordert, die Parlamente im Umfang des Nichtwähler-Anteils mit zufällig ausgewählten Bürgern zu besetzen. Und eine Partei reklamiert für sich, die Nichtwähler zu repräsentieren.

    Keine homogene Gruppe

    All das ist Unsinn. Nichtwähler sind keine annähernd homogene Gruppierung. Und dass jemand nicht zur Wahl geht bedeutet keineswegs, dass er die Politik der Parteien, die die parlamentarische Demokratie mit Leben füllen, ablehnt und gern irgendwelche anderen, aber nicht existierenden Parteien wählen würde.

    Zur Bundestagswahl sind in diesem Jahr 48 Parteien zugelassen, ungefähr 40 werden wohl am Ende auf den Wahlzetteln stehen. Da ist wirklich für jeden etwas dabei, der eine politische Kraft unterstützen möchte. Man kann extreme politische Positionen unterstützen, man kann sich kleine Alternativen zu jeder großen Partei suchen, man kann sich für eine Partei entscheiden, die ein Einzelthema besetzt, man kann sogar für die Abspaltung Bayerns von der Bundesrepublik stimmen. Wohl kaum jemand kann sagen, dass er seine politische Meinung nicht bei irgendeiner Partei, die sich zur Wahl stellt, vertreten finden würde – wenn er denn eine Meinung hat.

    Man kann auch nicht behaupten, dass im deutschen Parlamentarismus neue und ungewöhnliche Parteien gar keine Chance hätten. Insbesondere auf Landesebene schaffen es regelmäßig auch so-genannte nicht-etablierte Parteien in die Parlamente, und auch in den Bundestag können sie es schaffen. Die Grünen, die Piraten und die AfD beweisen es. Auch die jüngsten Erfahrungen in anderen europäischen Ländern mit langer parlamentarischer Tradition zeigen, dass neue Parteien ein gute Chance haben, in die Parlamente zu kommen.

    Leute, die nicht zur Wahl gehen, können also kaum den Grund haben, dass sie keine Partei finden, die ihre politische Meinung vertritt. Statt dessen kann man annehmen, dass sie entweder gar keine politische Meinung haben, oder, dass sie das parlamentarische System grundsätzlich ablehnen. Im Falle der grundsätzlichen Ablehnung – aus welchen Gründen auch immer – kann es gar nicht im Sinne dieser Nichtwähler sein, irgendwie durch zufällig ausgewählte Bürger dann doch im Parlament vertreten zu sein.

    Unzufriedenheit? Kaum.

    Bleibe die, die keine politische Meinung haben und die sich nicht genug für Politik interessieren, um sich eine Partei auszusuchen, die sie unterstützen wollen. Das sind dann gerade nicht die Unzufriedenen, sondern die, die alles in allem ganz gut mit der Gesellschaft, wie sie ist, zurecht kommen. Es sind die, die sich eingerichtet haben, die, die gar nicht wollen, dass sich was ändert. Das heißt nicht, dass sie nicht vielleicht in der Kneipe, auf derParty oder in sozialen Netzwerken lautstark über Politik diskutieren. Ich bin sicher, dass es einige darunter gibt, die wütend behaupten, dass alle Politiker eh Lügner seien, dass die nur Wahlversprechen mache an die sie sich nach der Wahl nicht mehr erinnern würden, dass alle Politiker korrupt wären und so weiter und so fort.

    Dieses lautstarke Meckern gehört für manche Zeitgenossen zum täglichen Ritual, es überdeckt ihr tatsächliches Desinteresse. Aber nicht alle, die sich nicht für Politik interessieren, gehören dazu. Manch einen interessiert es eben einfach nicht, er ist sicher, dass alles halbwegs gut läuft und dass es weiter so laufen wird. Manch einer scheut vielleicht auch den Aufwand, sich mit den Zielen und Vorstellungen der Parteien zu beschäftigen, einigen dürfte Politik auch als viel zu komplex erscheinen, als dass sie dazu eine Meinung entwickeln wollten.

    Geringe Wahlbeteiligungen zeugen nicht unbedingt von Unzufriedenheit, sie können auch Zeichen allgemeiner Zufriedenheit sein. Darin ist dem amerikanischen Philosophen Jason Brennan ausnahmsweise zuzustimmen.

    Zwischen denen, die das System ganz ablehnen, und denen, die mit ihm so zufrieden sind, dass es sie gar nicht mehr interessiert, gibt es die, denen anderes einfach wichtiger ist. Das Wetter ist zu gut oder zu schlecht, die Eltern oder die Kinder kommen zu Besuch, die Wohnung muss mal wieder geputzt werden. Dann gibt es noch die, die ihre Wahlbenachrichtigungskarte verbummelt haben oder nicht wissen, wo das Wahllokal ist oder die am Sonntagabend um 18:00 Uhr den Fernseher anschalten und denken: Ach ja, da war ja was, na, ist jetzt auch egal…

    Es gibt also viele Gründe nicht zu wählen, und man müsste schon sehr viele sehr unterschiedliche Säulen in die Diagramme zeichnen, um die Nichtwähler zu berücksichtigen. Sie im politischen Entscheidungsprozess durch eine Bürgerfraktion zu berücksichtigen, ist Unsinn, denn manche von ihnen wollen im Parlament gar nicht vertreten sein, andere fühlen sich offenbar bereits hinreichend repräsentiert.

    Auch die Aufrufe der Demokraten, doch zur Wahl zu gehen um dieses oder jenes zu verhindern, sind genau besehen irreführend. Sie wenden sich immer an eine bestimmte Gruppe von Nichtwählern, vorzugsweise natürlich die der uninteressierten auf der Schwelle zum Sympathisanten mit dem eigenen Programm.

    Viele Nichtwähler sind kein Zeichen schlechter Politik

    Mit den Nichtwählern muss man also leben und eine hohe Zahl sagt nichts über die Qualität der Arbeit der Parlamente und Regierungen aus. Wichtig ist, dass jeder wählen gehen kann, aber niemand muss das tun. Das gehört zur Freiheit der Bürger dazu.

    Das bedeutet aber nicht, dass es nicht Möglichkeiten gäbe und dass es nicht sinnvoll wäre, das Interesse der Bürger an Politik und damit die Wahlbeteiligung zu steigern. Eine Absenkung der Sperrhürde könnte dazu gehören, und auch die Idee der Bürgerfraktion wäre interessant. Die müsste dann aber explizit auf dem Wahlzettel stehen.

    Inzwischen kann man all denen, die sich in den Parlamenten nicht vertreten fühlen, nur raten: tretet in Parteien ein und gestaltet die so um, dass sie euch passen, oder gründet neue Parteien und mischt euch ein. Es lohnt sich.

  • Noch einmal zu Schmitt und Heidegger

    Noch einmal zu Schmitt und Heidegger

    Meine Kolumne Carl Schmitt und ich ist auf Widerspruch gestoßen, nicht nur auf die reflexhafte Ablehnung von Internet-Kommentatoren, die, kaum dass sie den Teaser überflogen haben, schon alles besser wissen. Mitkolumnist Sören Heim hat mir in einer Kolumne geantwortet, bei Ruprecht Polenz hat sich auf Facebook eine vielseitige Diskussion entwickelt. Es freut mich natürlich, dass ich mit meiner Reaktion auf einen Gastbeitrag zu Schmitt und Heidegger hier auf unser Plattform offenbar eine Frage angesprochen habe, von der sich kluge Köpfe bewegen lassen.

    Ich möchte deshalb einige Punkte vertiefen, die offenbar in meinem ersten Text nicht ganz deutlich geworden sind, und ich möchte einen Gedanken aufgreifen, der dort gar nicht zur Sprache kam.

    Wider besseres Wissen oder Unwissenheit?

    Man muss unterscheiden zwischen einem Handeln gegen besseres Wissen und einem Handeln aus Unwissen, insbesondere aus nachvollziehbarem Unwissen. Wohl fast jeder hat schon die Erfahrung gemacht, dass er etwas tut, was er besser nicht tun sollte, und dass er zudem genau weiß, dass er dies nicht tun sollte. Eine weiß, dass sie heute kein Eis mehr kaufen sollte, weil es ihr nicht guttut, und sie tut es trotzdem, weil der Appetit größer ist als die Einsicht. Ein anderer weiß, dass er seine Mutter mal wieder besuchen sollte, aber er tut es nicht, weil er keine Lust hat. Wir tun nicht immer das, was wir tun sollten, obwohl wir es besser wissen. Manchmal ist es nur zu unserem eigenen Schaden, manchmal leiden andere darunter, dann laden wir Schuld auf uns. Für dieses falsche Handeln sind wir selbst ganz verantwortlich – und natürlich können andere unser Verhalten kritisieren indem sie uns vorhalten, dass wir hätten besser handeln können, dass es nicht gut war, dass wir dieses getan oder jenes unterlassen haben. Und ganz selbstverständlich können wir uns auch kritisch mit dem Verhalten unserer Vorfahren auseinandersetzen, die nicht den Mut oder die Kraft hatten, sich den Nationalsozialisten zu widersetzen, die gleichgültig weggesehen haben. Und wir tun das trotzdem mit dem Blick auf unsere eigenen Schwächen, froh, dass wir nicht in gleicher Weise gefordert sind, und oft genug beschämt darüber wie schwach und gleichgültig wir schon mit dem Leid umgehen, das uns heute umgibt.
    Aber es gibt auch falsches Handeln, dass sich daraus ergibt, dass wir Situationen falsch einschätzen, weil es uns an Wissen und Erfahrungen fehlt und weil aktuelle tägliche Erfahrungen uns auf falsche Fährten im Weltverständnis führen. Auch da ist natürlich Kritik möglich, aber sie muss anders ansetzen.

    Mit meiner Skizze der Lage, in der sich ein Rechtswissenschaftler 1933 und 1934 befunden haben könnte, wollte ich andeuten, dass es zu dieser Zeit durchaus plausible Gründe gegeben haben kann, die Nationalsozialisten zu unterstützen. Wir dürfen hier nicht von dem ausgehen, was wir heute wissen, sondern von dem, was man, als Teil einer bestimmten Gemeinschaft, in dieser Zeit wissen konnte. Man kann sich da auch nicht zusammensammeln, was einzelne andere zu diesem Zeitpunkt gewusst oder geahnt haben.

    Und es geht dabei nicht nur um Faktenwissen. Es geht auch um die Frage, was man plausibel glauben konnte, wie die Gesellschaft sich weiterentwickeln würde und auf welche Weise man Einfluss nehmen könnte. Mit dieser Perspektive muss man auch Texte lesen wie Heideggers Antrittsvorlesung oder Schmitts „Der Führer schützt das Recht“.

    Wenn ich mich frage, wie ich selbst zu dieser Zeit gehandelt hätte, dann ist es nicht mein Ziel, mich in Heidegger oder Schmitt „hineinzuversetzen“, sondern mich in ihr Umfeld hineinzudenken. Was wäre, wenn ich in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts Philosophie oder Recht studiert hätte, wenn ich den Krieg miterlebt hätte, wenn ich das Chaos der ersten demokratischen Versuche der Weimarer Republik und den politischen Terror von Links und Rechts beobachtet hätte? Worauf hätte ich in den frühen 1930ern gehofft, welche Kompromisse hätte ich gemacht, mit wem hätte ich micharrangiert, wem hätte ich öffentlich widersprochen, welche Floskeln und Redewendungen hätte ich übernommen? Wie hätte ich in diesem Moment „vernünftiges Handeln“ definiert, was hätte ich als sinnlos, was als vergeblich angesehen?

    Und von dieser Perspektive aus ist dann natürlich auch Kritik möglich und sinnvoll. Menschliches Handeln ist immer geleitet aus einer Mischung aus Einsicht, Verdrängung, Kalkül, Eigennutz, Moral und Hoffnung. Es ist richtig, zu verstehen, wann welche Triebfeder zur Ausrede für andere wird, wann man sich nur einredet, etwas nicht gewusst zu haben, weil man die Anzeichen mehr oder weniger absichtlich übersehen hat.

    Zu dieser Analyse und Einsicht kann ich aber gar nicht kommen, wenn ich bei einer Kritik von Heidegger oder Schmitt stehenbleibe. Über deren Kalküle, Hoffnungen, eigennützigen Ziele und moralischen Werte kann man zwar wortreich urteilen, aber eigentlich wissen wir darüber wenig. Über mich selbst aber weiß ich eine Menge, deshalb setze ich mich in ihre Lage, ich frage mich, ob ich in diese Lage hätte kommen können, und was ich dann getan hätte. Und das ist der Startpunkt der kritischen Reflexion.

    Die fehlende Entschuldigung

    Es wird immer mal wieder ins Feld geführt, und das auch in dieser Diskussion, dass aber Schmitt und Heidegger sich nach dem Krieg nicht öffentlich entschuldigt haben, dass sie nicht Abbitte geleistet haben. Ich persönlich kann diesen Vorwurf überhaupt nicht nachvollziehen. Auch hier hilft wieder, sich selbst an die Stelle der genannten Personen zu setzen, die historische und biografische Situation genauer in den Blick zu nehmen. Ich werde das hier nicht ausführen, will nur darauf hinweisen, dass es viele Gründe gibt, sich nicht öffentlich zur eigenen Vergangenheit zu äußern, insbesondere, wenn es für das eigene Fortkommen irgendwie erwartet wird. Was Heidegger betrifft, kann man in seinen Aufsätzen schon der späten 1930er, mehr noch der 1950er Jahre sehr gut sehen, dass ein Neubedenken der eigenen Weltsicht stattgefunden hat. Empfohlen sei hier vor allem die Vorlesungsreihe „Was heißt Denken?“ und der „Brief über den Humanismus“. Ein Philosoph, zumal einer, dessen öffentliche Wirkungsmöglichkeiten ohnehin beschränkt sind, tut gut daran, die Situation und die eigenen Erfahrungen philosophisch zu durchdenken, statt sich mit wohlfeilen Entschuldigungen bei den neuen Institutionen anzubiedern.

    Totalitäres Denken durch Schmitt und Heidegger?

    Damit bin ich schon ganz nah an einem weiteren Punkt, der in den Diskussionen um meinen Beitrag angesprochen wurde. Gibt es etwas im Denken Heideggers und Schmitts, eine Grundbewegung oder ein zentrales Motiv sozusagen, welches zwangsläufig oder wenigstens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu totalitärem Denken, zur Unterstützung von Diktaturen und unmenschlichen Systemen führt? Was Schmitt betrifft, scheint die Sache klar zu sein, seine Kritik an den demokratischen Strukturen und seine Theorie der Souveränität und des Ausnahmezustandes scheinen eindeutig auf eine Bevorzugung undemokratischer Verfassungen hinauszulaufen.

    Andererseits hat etwa Chantal Mouffe gezeigt, wie Schmitts Konzepte weiterentwickelt werden können und fruchtbar gemacht werden können für ein Verständnis, ja, sogar für eine Verteidigung der parlamentarischen Demokratie. Die Sache ist also keineswegs so klar, wie sie auf den ersten Blick aussieht.

    Was Heidegger betrifft, habe ich selbst mich in einem langen Aufsatz („Denken am Abgrund“, erschienen im Band „Abgründe“ der Philosophisch-Literarischen Reflexionen, hier das Manuskript zum Nachlesen) ausführlich mit dieser Frage beschäftigt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass bestimmte Denkfiguren bei Heidegger durchaus die Gefahr mit sich bringen, den Menschen mit seinen Ängsten und Nöten aus dem Blick zu verlieren, was auf die Gefahr hinausläuft, dass die Philosophie selbst unmenschlich wird.

    Aber gerade wenn man die Aufsätze Heideggers aus den 1950er Jahren genau liest, kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass er selbst diese Gefahr erkannt hat und den Menschen wieder genauer in den Blick genommen hat. Heute glaube ich, dass es nichts einfach ist, dafür eine klare Antwort zu finden.

    In jedem Fall ist es möglich, aus Heideggers und Schmitts Leben zu lernen, wo Gefahren lauern, wenn man nicht ständig selbst über die Konsequenzen des eigenen Denkens reflektiert.

  • Carl Schmitt und ich

    Jede Kritik des Verhaltens und der schriftlich überlieferten Äußerungen früherer Denker, wie etwa Carl Schmitt und Martin Heidegger zur Zeit des Nationalsozialismus, muss mit der demütigen Frage beginnen: „Wo hätte ich gestanden, wenn mich der Zufall in die historische Situation geworfen hätte, in der diese Personen sich befanden?“

    Keine vergleichbaren Erfahrungen

    Es ist den meisten Menschen, die heute in der Bundesrepublik Deutschland leben und sich öffentlich über die Vergangenheit äußern, nicht vergönnt, eine Erfahrung gemacht zu haben, die eine ehrliche und zugleich fundierte Antwort auf eine solche Frage überhaupt erlaubt. Mit umso größerer Selbstgewissheit werden Aussagen und Handlungen dieser Leute kritisiert. Mit dem Wissen (genauer, mit den heute gängigen Vorstellungen und Lehren) über die Vergangenheit werden aus sicherer historischer Entfernung Urteile gefällt, und die Methoden dieser Verurteilungen ähneln dann oft denen auf erschreckende Weise, die man den längst Verstorbenen zum Vorwurf macht.

    Das heißt nicht, dass man einen Carl Schmitt oder einen Martin Heidegger wegen ihrer Fehlurteile und ihrer moralischen Verfehlungen nicht kritisieren oder verurteilen dürfte. Wer sicher ist, dass er in der gleichen Situation ganz anders gesprochen und gehandelt hätte, darf dies auch mit dem Anspruch des besseren Menschen tun. Den anderen, und zu denen zähle ich mich aus guten Gründen, bleibt die Möglichkeit der sozusagen projizierten Selbstkritik. Wir können aus den Fehlern und den bösen Missgriffen der Alten für uns selbst lernen, können die Fehleranfälligkeit unseres intellektuellen Weltverständnisses sozusagen an deren Beispiel studieren und – wieder – in Demut einsehen, dass wir trotz unserer Klugheit vor dem Beschreiten katastrophaler Sackgassen nicht gefeit sind.

    Es steht ganz außer Frage, dass Carl Schmitt in den Jahren 1933-1936 ein glühender Nazi war, ebenso wie Martin Heidegger. Schmitt war Antidemokrat und Antisemit – daran ist nichts zu rütteln. Wenn wir heute seinen Artikel „Der Führer schützt das Recht“ lesen, dann stehen uns die Haare zu Berge. Wir müssen aber bedenken, dass dieser Text nicht 2017 geschrieben wurde, sondern 1934.

    Carl Schmitt in den 1930ern

    Da war Schmitt 46 Jahre alt, ein anerkannter Staatsrechtler und Jurist, der sich systematisch und in vielen bis heute anerkannten Werken, mit der Analyse von Staatsformen und Verfassungen beschäftigt hatte. Seine Kritik der Weimarer Verfassung dürfte mit dafür gesorgt haben, dass der Bundesrepublik Deutschland im zweiten Anlauf eine funktionierende parlamentarische Demokratie gelungen ist.

    Welche Geschichte hatte Schmitt bis dahin erlebt? Zunächst mal den Weltkrieg, der zu jener Zeit noch nicht nummeriert war. Heute ist unser Denken in hierzulande von der These geprägt, dass Deutschland im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen, Europa zweimal in Not und Elend gestürzt, und beide Kriege zurecht verloren hat. Was für den zweiten Weltkrieg fraglos richtig ist, kann für den ersten Krieg nicht mit ebensolcher Fraglosigkeit als zutreffend angesehen werden. Dass die Deutschen in den 1920er und 1930er Jahren den zurückliegenden Krieg anders beurteilt haben, ist, wenn man sich in ihre Situation versetzt, nachvollziehbar.

    Dann die Weimarer Republik. Wir Heutigen preisen sie gern als die erste Demokratie auf deutschem Boden und glauben, dass sie irgendwie genauso funktionierte wie das, was wir nun seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik haben. Wahlen im Vier- oder Fünf-Jahres-Takt, so regelmäßig wie der Herzschlag, sodass wir schon an den Infarkt des Systems glauben, wenn es doch mal zu vorgezogenen Neuwahlen kommt. Friedliche, eingespielte Debatten, Gewaltenteilung wenigstens zwischen Verfassungsgericht und Politik. So war aber die Weimarer Republik nicht. In den 14 Jahren ihres Bestehens gab es 9 Wahlen, nur einmal lagen 4 Jahre zwischen zwei Wahlen. Die Zahl der wechselnden Minderheitsregierungen und Regierungsneubildungen ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Gestritten wurde viel, geschafft wurde wenig. Damit verbunden waren Wirtschaftskrisen und Hyperinflation, auf die die Politik keine praktischen Antworten wusste.

    Wer würde da Demokrat bleiben?

    Wer würde in so einer Zeit sicher von sich behaupten, ein Verfechter und Befürworter der Demokratie zu bleiben? Wer wäre sicher, in dieser Staatsform einen Vorzug gegenüber anderen, autoritären Herrschaftsmodellen zu sehen? Wer könnte mit Sicherheit von sich sagen, dass er die Gefahr, die von einem „Führer“ ausgeht, sicher und klar beurteilen würde? Ich nicht.

    Das ganze wurde begleitet von einer Zunahme der politischen Gewalt auf der Straße. Paramilitärische Organisationen von links und rechts lieferten sich Straßenschlachten, politische Morde waren an der Tagesordnung.

    Vor diesem Hintergrund muss man schließlich auch die Reaktion von Carl Schmitt auf die Tage nach dem so genannten Röhm-Putsch sehen: Konnte Schmitt im Sommer 1934 wissen, dass es gar keinen Putsch gab, dass also Hitler die ganze Sache nur inszeniert hatte, um einen Machtkampf für sich zu entscheiden? Klar ist: Hitler hat die SA zerschlagen, gerade weil konservative Kräfte sich Sorgen machten, dass die Gewalt auf der Straße nicht aufhören würde. Die SA war Hitlers Bauernopfer um diese Leute zu beruhigen und seine Macht zu sichern. Wer wäre sich sicher, dass er dies alles durchschaut hätte und nicht froh gewesen wäre, dass die Schlägertrupps nun endlich vernichtet worden sind? Ich nicht.

    Schmitt hat die Ereignisse des Sommers 1934 als Bestätigung seiner Theorie von der Souveränität gesehen. Wenn man seinen Artikel „Der Führer schützt das Recht“ genau liest, dann bemerkt man, dass Schmitt die Kurzzeitigkeit der Ausnahmesituation betont. Zwar gesteht er dem „Führer“ das Recht zu, selbst zu bestimmen, welches Ausmaß und welche Dauer diese Ausnahme hat, aber es muss für Schmitt eine Ausnahme bleiben. Und im Verhalten Hitlers, in den Äußerungen des „Führers“ nach den „drei Tagen“ des Ausnahmezustandes, glaubt Schmitt eine Bestätigung zu sehen, dass Hitler das ebenso sieht, wie er.

    Wer kann sagen, dass er anders geurteilt hätte als Carl Schmitt?

    Jetzt kann jeder, der das kann, sagen, wo er anders geurteilt und gehandelt hätte als Schmitt. Ich kann das nicht. Ich kann nur aus dieser Geschichte und aus ähnlichen lernen, dass mir kein theoretisches Verständnis hilft, um politische, gesellschaftliche Vorgänge, Handlungen von Herrschern, Entscheidungen von politischen Kräften, sicher zu beurteilen. Es kann alles auch ganz anders sein, es kann sich bei meinen Einschätzungen um eklatante Fehlurteile handeln. Ich kann den Leuten, die da handeln, nicht in den Kopf gucken, ich kenne weder ihre persönlichen Ziele noch ihre Moral, ich weiß nicht, wann sie lügen und wann nicht.

    Was könnte man dagegen setzen? Ich denke, was bleibt, ist am Ende zum einen die Gewissensbefragung. Kann ich das, was gerade geschieht, mit meinem Gewissen vereinbaren, kann ich es moralisch gutheißen? Und natürlich haben wir zum anderen die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen. Heute wissen wir, dass ein Führerstaat niemals besser ist als eine Demokratie, dass Begrenzung der politischen Macht einzelner notwendig ist.

    Schmitts Analysen haben uns geholfen, eine bessere Demokratie zu installieren. Seine politische Theorie hat das Verständnis politischer Mechanismen vorangebracht. Nicht umsonst werden seine Schriften noch heute in immer neuen Auflagen herausgebracht.

  • Frauenquote: Wollen Sie Vorstand werden?

    Frauenquote: Wollen Sie Vorstand werden?

    Meiner bisherigen Erfahrung nach wollen die meisten Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, etwas anderes werden als Vorstand eines Großunternehmens. Spätestens, wenn sie sich mit der Frage beschäftigen, was sie dafür tun müssten, um irgendwann mal die Chance zu haben, im Chefbüro eines DAX-Unternehmens platznehmen zu dürfen, winken die meisten ab. Es gibt wahrlich lohnendere Perspektiven. Viele wollen einfach einen schönen spannenden Gelderwerb haben, mit dem sie sich eine angenehme Freizeit finanzieren können. Einige wollen sich selbständig machen, freiberuflich arbeiten oder ein kleines Unternehmen mit einer Handvoll Mitarbeiter, die sie gut kennen und mit denen der tägliche Umgang eine Freude ist. Andere wollen was besonders kreatives machen, Filme drehen, Artikel schreiben, programmieren, moderieren, was auch immer. Eine leitende Position, noch dazu in einer vielstufigen Hierarchie, streben nur wenige an.

    Frauenquote auch für Einbrecher und Mörder?

    Nun könnte es sein, dass mehr Männer als Frauen die Neigung haben, eine Ochsentour durch die Leitungsebenen eines Konzerns anzutreten. Es haben bekanntlich auch mehr Männer als Frauen die Neigung zu Drogenkonsum und Kriminalität. Wenn das so ist, dann wäre es völlig abwegig, zu erwarten, dass am Ende genauso viele Frauen wie Männer in den Chefetagen ankommen. Es erwartet auch niemand, dass es genauso viele Einbrecherinnen und Mörderinnen gibt wie Einbrecher und Mörder.

    Die Familienministerin denkt jetzt mal wieder über eine Frauenquote nach. Will sie Frauen zwingen, etwas zu tun, was sie gar nicht wollen? Natürlich nicht, aber darauf müsste die Sache hinauslaufen. Oder es könnte passieren, dass eben nicht die geeignetsten Leute Vorstand werden, sondern die, die die Quote erfüllen.

    Gut, ob die Leute, die heute die großen Konzerne leiten, unbedingt die besten sind, kann man lange diskutieren. Aber immerhin, sie haben es geschafft, dort hin zu kommen, und das setzt möglicherweise ein paar Qualitäten voraus, die man auch braucht, um da einen guten Job zu machen.

    Die Frauenquote bewirkt das Gegenteil

    Es ist völlig richtig: Man muss viel dafür tun, geschlechtsspezifische Diskriminierungen abzubauen. Das ist eine tägliche Kleinarbeit, die einen langen Atem erfordert und vor allem mit einem Bewusstseinswandel im Alltag zusammenhängt. Eine befohlene Quote wirkt diesem Wandel geradezu entgegen, denn sie ist selbst eine geschlechtsspezifische Diskriminierung. Wer per Frauenquote an die Macht kommt, hat niemals die gleiche Autorität wie jemand, der es geschafft hat, indem er die Regeln beherrscht. Vielleicht sind auch die Regeln falsch, die Spielregeln, nach denen die einen sich nach oben schieben und andere hinter sich lassen. All das muss man kritisch diskutieren, und dann ändert sich die Gesellschaft auch, so wie sie sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

    Und dann wird man allmählich sehen, wie viele Frauen wirklich ganz „nach oben“ wollen – und dieses „Oben“ ist hier sehr bewusst in Gänsefüßchen gesetzt. Denn was für wen wirklich Oben ist und ob Oben wirklich das Traumziel ist, das muss jeder Mensch für sich selbst herausfinden. Da helfen keine Quoten.

    So wie wir nicht erwarten können, dass in den Gefängnissen irgendwann mal genauso viele Frauen sitzen wie Männer, werden auch in den Vorständen der Großunternehmen vielleicht niemals so viele Frauen wie Männer sein. Man weiß es nicht. Viel wichtiger ist, dass die Frage: „Sind Sie dort, wo sie gern hinwollten, und sind sie da glücklich?“ von ebenso vielen Frauen wie Männern mit „Ja“ beantwortet wird. Und das sollte zu schaffen sein.

  • Was hilft gegen Suizide?

    Was hilft gegen Suizide?

    Vom deutschen Gesundheitswesen, insbesondere vom Umgang der Krankenkassen mit Menschen, die an Depressionen leiden, wurde in einem Gastbeitrag von Robin Urban vor einigen Tagen hier ein düsteres Bild gezeichnet. Am Ende gewinnt man beim Lesen des Textes den Eindruck, dass die Krankenkassen Jahr für Jahr tausende Menschen geradezu in den Suizid treiben würden. Solche Beiträge erwecken am Ende immer den Eindruck, dass wir in einer unmenschlichen Gesellschaft leben, die den Hilfebedürftigen grundsätzlich nicht beisteht. Anlass für ein paar kritische Nachfragen.

    Um es vorweg zu sagen: Was mich an Robin Urbans Text am meisten irritiert, ist nicht das, was drin steht, sondern das, was gerade nicht darin zu finden ist. Die Logik des Schreibens erfordert es, dazu erst am Ende etwas zu sagen. Wem der Text zu lang ist, der sollte gleich zum letzten Abschnitt springen.

    Wer mit Zahlen spielt…

    Robin Urban führt erschreckende Zahlen ins Feld, und auch wenn Zahlen eigentlich unwichtig sind, wenn es um Menschenleben geht (jedenfalls tun wir gern so, doch dazu später), müssen sich diese Zahlen eine kritische Prüfung gefallen lassen.

    Richtig ist wohl, dass sich in Deutschland jährlich etwas mehr als 10.000 Menschen das Leben nehmen. Ist das viel? Insgesamt sterben in Deutschland jährlich fast eine Million Menschen, das ist ganz normal, wir sind ein Volk von 80 Millionen und werden so um die 80 Jahre alt. Nun kann man sagen, dass manche eben zur rechten Zeit sterben und manche viel zu früh, und zum vergleichenden Zahlenspiel taugen natürlich nur die zu früh gestorbenen. Aber da geht das Drama schon los, denn wenn man sich die Todesursachen so ansieht, dann scheinen in Deutschland irgendwie alle Menschen an Krankheiten zu sterben, die man bekämpfen könnte. Und da gibt es offenbar auch eine Reihe von Krankheiten, an viel mehr Menschen sterben als an denen, die Grund für einen Suizid sein können.

    Womit wir bei der nächsten Frage sind: Aufgrund welcher Ursachen bringen sich Menschen hierzulande um? Der Beitrag von Robin Urban erweckt den Eindruck, dass 90% der Suizide durch Depression verursacht sind. Exakt gesagt wird das nicht, aber wenn man den Text unkritisch liest, drängt sich diese Zahl auf, wenn man liest: „Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.“

    Woher kommt diese Zahl? Robin Urban selbst verweist auf einen Medienguide der Deutschen Depressionshilfe. Dort steht allerdings etwas anderes:

    Suizide erfolgen fast immer im Rahmen einer Depression oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung (Alkohol-, Drogen-Abhängigkeit, Schizophrenie). Bei 90 Prozent der Suizidfälle in Deutschland gehen solche Erkrankungen voraus.

    Klingt so ähnlich, ist aber nicht das gleiche. Leider gibt die Deutsche Depressionshilfe keine Quelle an. Recherchiert man weiter, findet man eine Metastudie, die weltweit 3275 Suizide erfasst hat und zu dem Ergebnis kommt, dass in 87,3% der Fälle vor dem Tod eine „mentale Störung“ diagnostiziert worden ist. Liest man weiter, erfährt man, dass eine Depression in 467 Fällen diagnostiziert worden ist, das sind 14%. Selbst wenn wir alle affektiven Störungen zusammennehmen, kommen wir nicht auf 90%, sondern auf 36%. Alkohol- und andere Suchtprobleme werden bei etwa genauso vielen Suiziden diagnostiziert – und auch die fallen unter die „mentalen Störungen“. Am Ende kann man es auch umgekehrt sehen und etwas lax sagen: Klar hat fast jeder, der sich umbringt, irgendein mentales Problem, wenn er es nicht hätte, würde er sich ja nicht umbringen. In unserer heutigen Gesellschaft jedenfalls wird der Suizid als etwas angesehen, was sich eigentlich gar nicht anders verstehen lässt als unter der Annahme, dass die betreffende Person irgendein Problem „im Kopf“ hat.

    Aber jeder Suizid ist doch einer zu viel!

    Nun kann man sagen, dass diese Zahlenspielereien doch ganz unwichtig sind, denn jeder Tote ist doch einer zu viel, also muss man doch etwas dagegen tun! Generell formulieren wir diesen Anspruch ja gern, aber konkret, wenn es an die Krankenkassenbeiträge geht, die wir zu zahlen haben, dann sieht die Sache irgendwie anders aus. Denn alle Leistungen, die die Kassen erbringen, müssen bezahlt werden. Wenn die Kassen durch die von Robin Urban geforderten zusätzlichen Kassensitze dafür sorgen würde, dass jede Person, die vermutet, an einer Depression zu leiden, umgehend einen Therapeuten aufsuchen kann, schnellstmöglich auch einen zweiten oder einen dritten, dann müssen die Kassen dafür auch zusätzliches Geld in die Hand nehmen. Dafür müssen sie dann eben woanders sparen oder die Beiträge erhöhen.

    Jeder, der nach dem Lesen des Beitrags von Robin Urban entrüstet ist über die Unmenschlichkeit der Krankenkassen, sollte innehalten und sich selbst fragen, wo das Geld, was da zusätzlich gebraucht wird, denn gespart werden soll: Bei der Brustkrebsvorsorge? Bei Aufklärungsprogrammen zum Drogen- und Alkoholkonsum? Bei der Ausstattung der Unfallchirurgien? Bei der Weiterbildung der Haus- und Fachärzte? Dazu sollte man dann auch bedenken, dass es gerade im Gesundheitswesen viele Forderungen und viel Kritik gibt, an den verschiedensten Stellen. Die Behebung jedes Schwachpunktes würde Geld kosten. Welchen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge sind wir, in Form von Sozialbeiträgen, zu zahlen bereit?

    Was fehlt: Die Alternativen

    Und damit komme ich zu dem Punkt, der mich am Meisten an Robin Urbans Text gestört hat: Mit keinem Wort wird darin die Gemeinschaft erwähnt, die soziale Umgebung, die Menschen im Umfeld, die helfen könnten und gern unterstützen würden. Der depressive Mensch ist bei Robin Urban allein und auf sich gestellt, der einzige, der helfen kann und helfen soll, ist der Staat oder die Krankenkasse als anonyme Behörde, die staatlicherseits zu zusätzlichen Leistungen gezwungen werden müsste.

    Aber was ist mit den anderen Menschen? Was ist mit Freunden und der Familie? Sie existieren bei Robin Urban gar nicht. Das ist merkwürdig, denn gleichzeitig wendet sie sich doch an andere, an uns Leser nämlich, damit wir uns gemeinsam mit ihr über die Missstände in den Institutionen empören. Die Solidarität, die in solchen Texten erwarten wird, ist keine praktische, in der wir konkret unterstützen könnten, sondern eine fordernde, die den Staat dazu bringen soll, etwas zu tun.

    Natürlich kann ein einfühlsames Gespräch unter Freunden für einen Menschen, der an einer Depression leidet, nicht den professionellen Therapeuten ersetzen. Aber Robin Urban schreibt ja auch von den Schwierigkeiten, die ein depressiver Mensch hat, bei der Suche nach dem richtigen Therapeuten durchzuhalten. Wäre es nicht eine naheliegende Forderung an die Menschen in der Umgebung, dabei zu helfen? Sollten wir nicht vor allem dafür sensibel werden, da unsere Verantwortung für den kranken Menschen in der Familie, im Freundeskreis oder unter den Kollegen wahrzunehmen, statt abstrakte Forderungen an Krankenkassen zu stellen?

    Schließlich: Auch wenn Freunde und Verwandte den Ausbruch einer Depression vielleicht nicht verhindern können, so können sie doch Gründe liefern, am Leben zu bleiben. Indem sie den Wert des Lebens erlebbar machen, indem sie den Depressiven nicht allein lassen, indem sie ihn beharrlich in ihrer Mitte halten. Indem sie einfach da sind.

    Nachdem wir Texte wie den von Robin Urban gelesen haben, schimpfen wir vielleicht über die unmenschlichen Krankenkassen, wir fordern vom Staat, dass er sich kümmert, dass er mehr tut für die Betroffenen. Damit meinen wir, haben wir genug getan. Aber in Wahrheit haben wir damit nichts getan.

  • Pflicht oder Verantwortung

    Pflicht oder Verantwortung

    Wir leben in einer Welt, in der es immer weniger Pflichten, aber immer mehr Verantwortung gibt. In einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen in den Vordergrund stellt, sind Pflichten geradezu widersinnig. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, die Impfpflicht ist heiß umstritten. Ein paar Pflichten haben wir trotzdem noch: Steuerpflicht, Schulpflicht, Unterhaltspflicht (die immer mehr begrenzt wird), Sargpflicht (auch umstritten), Verkehrssicherungspflicht, Räum- und Streupflicht. Manche Pflichten entstehen sogar erst durch die Freiheit: Die Haftpflicht etwa.

    Wenn man das so zusammenträgt, ist es gar nicht so wenig, und man könnte sich fragen, ob der erste Satz dieses Textes überhaupt stimmt. Aber fest steht: Pflichten sind nicht mehr selbstverständlich, es ist Mode geworden, Pflichten in Frage zu stellen. Sie werden nicht mehr klaglos akzeptiert, der Staat, der sie aufstellt, muss sie begründen und verteidigen, oder eben abschaffen.

    Pflichten verschwinden – Verantwortung wächst

    Anders mit der Verantwortung – die wächst. Zuerst natürlich die Verantwortung für sich selbst. Jeder ist für sich selbst verantwortlich in der freien Gesellschaft. Verantwortung wird aber auch gern übertragen oder übernommen. Wir arbeiten eigenverantwortlich. Wir tragen Verantwortung – mit Freuden oder als Last. Wir handeln verantwortungsvoll.

    Wenn man das so bedenkt, dann wundert man sich, warum die Begriffe Pflicht und Verantwortung oft synonym verwendet werden, etwa in dem Text „Blut ist dicker als Wasser – Wozu verpflichtet Familie?“ von Barbara Bleisch, den ich gerade in meiner Reflexe-Kolumne besprochen habe.

    Man könnte vermuten, dass Pflichten im engeren Sinne diejenigen Aufgaben sind, die uns der Gesetzgeber überträgt, und dass alle anderen Aufgaben, deren Erfüllung uns aufgegeben ist, eben aus der Verantwortung folgen. In einer akkuraten Sprechweise würde das bedeuten, dass es eben familiäre Pflichten nicht gibt, sondern nur familiäre Verantwortung. Familie verpflichtet uns dann nicht in dem Sinne zu etwas, wie uns das Gesetz verpflichtet, wir haben in der Familie streng genommen nur Verantwortung füreinander und die Rede von der Pflicht ist nur eine stilistische, vielleicht eine, die die besondere Bedeutung der Verantwortung betont.

    Aber so einfach ist das nicht, denn es gibt doch gewaltige Unterschiede zwischen Pflicht und Verantwortung, und die wirken sich auch auf das Funktionieren von Beziehungen, z.B. in der Familie, aus.

    Zunächst mal gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Pflicht und Verantwortung. Beide bezeichnen eine Notwendigkeit, aktiv zu werden, die nicht aus dem Subjekt selbst kommt, sondern von außen. Ob ich von mir aus eine Neigung zu der betreffenden Aktivität habe, ist unerheblich. Das gilt auch für die Selbstverpflichtung und die Selbstverantwortung. Immer sind andere im Spiel, die etwas von mir erwarten, eben z.B., dass ich zu meiner Verantwortung für mich selbst stehe. Verantwortung wird übertragen und übernommen – und diese Transaktionen setzen immer eine Wechselwirkung mit anderen Voraus. Das gilt für die Pflichten ganz genauso, wobei die zwar übertragen werden, aber nicht aktiv übernommen werden müssen – wenn eine Pflicht übertragen wird, dann hat man sie auch schon. Pflichten werden aufgegeben, die kann man nicht ablehnen, jedenfalls nicht, wenn sie rechtmäßig sind und nicht, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

    Zwang oder Freiwilligkeit

    Und damit sind wir schon bei den Unterschieden. Verantwortungsübernahme hat immer den Aspekt der Freiwilligkeit, man kann sich verweigern, man kann ablehnen. Pflichten sind einfach da, sie stehen im Gesetz, oder sie gehören zu den so genannten ungeschriebenen Gesetzen. Auch die sittlichen Zwänge der Gesellschaft können wir zu den Pflichten zählen. Wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der es nur unter Inkaufnahme allgemeiner Verachtung möglich wäre, sich einer Aufgabe zu entziehen, dann können wir sagen, dass die Erfüllung dieser Aufgabe in dieser Gesellschaft eine Pflicht ist. Pflicht hat mit Zwang zu tun.

    Verantwortung hingegen entsteht überhaupt nur aus Freiheit. Die Übernahme einer Verantwortung ist ein Akt der Freiheit – denn ich könnte die Verantwortung auch ablehnen.

    Da Pflichten erzwungen werden können, muss die Erfüllung der Pflicht direkt beobachtet und gemessen werden können. Deshalb sind Pflichten immer an konkrete Handlungen gebunden. Ich habe die Pflicht, dieses und jenes konkret zu tun, und wenn ich das mache, dann habe ich meine Pflicht erfüllt.

    Ich habe etwa die Pflicht, meine Kinder zur Schule zu schicken. Wenn die Kinder da jeden Tag auftauchen und ihre Zeit zu den angegebenen Stunden im Klassenraum absitzen, habe ich diese Pflicht erfüllt.

    Vielleicht fühle ich mich auch dafür verantwortlich, dass meine Kinder etwas lernen. Eine Möglichkeit, dieser Verantwortung für meine Kinder zu erfüllen, ist, sie zur Schule zu schicken, also der Schulpflicht nachzukommen. Es mag aber sein, dass das nicht ausreicht, es kann sogar sein, dass ich meine, dass die Schulpflicht der Absicht meiner Verantwortung abträglich ist. Eine Verantwortung kann mich in Widerspruch zu meinen Pflichten bringen. Pflichten und Verantwortung müssen nicht in Einklang stehen, und dass ich meine Pflichten erfülle, heißt nur manchmal, dass ich meiner Verantwortung gerecht werde.

    Hier klingt bereits an, dass es auch ein Verständnis von Verantwortung gibt, bei der ich die Verantwortung nicht freiwillig übernehme: Dass ich für meine Kinder und deren Gedeihen verantwortlich bin, ist auch eine gesellschaftliche Norm, die ich mir nicht aussuchen kann. Ist das nur eine sprachliche Unsauberkeit, handelt es sich genau genommen um eine Pflicht? Wir kommen gleich darauf zurück.

    Pflichterfüllung können wir messen und beobachten, und es kommt nicht darauf an, ob wir damit auch ein bestimmtes Ergebnis erreichen. Einer Impfpflicht genüge ich, wenn ich mich oder meine Kinder impfen lasse, ob wir auch wirklich gesund bleiben oder trotz Impfung krank werden, ist dafür unbedeutend.

    Pflicht und Verantwortung beobachten

    Das scheint bei der Verantwortung anders zu sein. Sagen wir etwa, dass ich selbst für meine Gesundheit verantwortlich bin, dann kommt es nicht darauf an, ob ich genau dieses oder jenes getan habe, sondern darauf, ob ich eben gesund bleibe. Es scheint also so, als ob ich auch die tatsächliche Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme messen und beobachten kann: Wenn nicht an der konkreten Handlung, die als pflichtgemäß allgemein anerkannt ist, so eben am Ergebnis.

    Aber so einfach ist es nicht. Es kann sein, dass jemand nichts für seine Gesundheit tut, sondern im Gegenteil jedes Risiko eingeht, das allgemein als gesundheitsschädlich gilt, und trotzdem gesund bleibt. Umgekehrt ist es möglich, dass jemand nach allgemein anerkannten Maßstäben gesund lebt, Sport treibt, Obst und Gemüse isst, nicht raucht und nicht säuft, und trotzdem krank wird und stirbt.

    Ob jemand verantwortungsvoll ist, ob er seine Verantwortung für etwas oder jemanden wahrnimmt, können wir also weder an der Beobachtung einer konkreten Handlung festmachen, noch am Ergebnis. Lässt es sich also gar nicht beurteilen?

    Wir haben die Antwort eben gerade schon gegeben, als wir das Beispiel der Verantwortung für die eigene Gesundheit betrachtet haben. Es kommt in der Tat nicht auf die konkrete Handlung an, wenn wir beurteilen, ob jemand Verantwortung übernimmt, aber es kommt schon darauf an, ob er handelt und wie er handelt. Verantwortliches Handeln ist begründetes Handeln zu dem Zweck, der Verantwortung gerecht zu werden. Wenn ich also sage: Ich bin für meine Gesundheit selbst verantwortlich, also lasse ich mich impfen, weil ich überzeugt bin, dass die Impfung meine Abwehrkräfte stärkt, oder ich esse Obst, auch wenn ich es nicht so mag, verzichte auf Schokolade, weil ich gute Gründe habe, anzunehmen, dass das gut ist für meine Gesundheit, dann handle ich verantwortungsvoll.

    Ebenso verhält es sich mit meiner Verantwortung für andere. Es gibt tausend Möglichkeiten, Verantwortung für die eigenen Kinder zu übernehmen, ich kann sie mit guten Gründen in eine Musikschule schicken oder sie auf der Wiese Fußball spielen lassen, ich kann ihnen Mathematik-Nachhilfe geben oder ihnen Geschichten vorlesen. Ich kann nicht alles tun, was vielleicht gut für die Kinder wäre, und schon gar nicht alles, was andere für gut und richtig halten. Aber ich kann mit gutem Gewissen das beste tun, was ich zu leisten in der Lage bin und was ich begründet für gut halte.

    Mit diesem Gedanken können wir uns wieder der Frage zuwenden, ob es auch Verantwortung gibt, die ich nicht freiwillig übernehme, sondern deren Übernahme andere, die soziale Gemeinschaft, von mir erwartet. Die Sorge für die eigenen Kinder, für die Eltern und überhaupt für die, die meine Unterstützung brauchen, gehört dazu.

    Erwartung der Anderen

    In diesen Fällen kann es sein, dass ich zwar nicht die Pflicht zu einer bestimmten Handlung habe, aber eben doch die soziale Norm besteht, dass ich mich kümmere, auf welche Weise auch immer. Wir könnten, um diese Situation von der Pflicht zu einer bestimmten Handlung einerseits und von der Verantwortung, die ich mir selbst auflade andererseits zu unterscheiden, von Verpflichtungen reden. Der Übergang von der Verpflichtung zur Verantwortung ist dabei fließend, denn oft steht hinter der Übernahme einer Verantwortung, die ich freiwillig annehme, eben doch eine gesellschaftliche Erwartung, also eine Verpflichtung.

    Eins sollte aber klar geworden sein: Es ist viel einfacher, pflichtgemäß zu handeln, als Verantwortung zu übernehmen. Bei einer Pflicht wird mir genau vorgeschrieben, was ich zu tun habe, und wenn ich das gemacht habe, was mir aufgetragen wurde, dann habe ich meine Pflicht erfüllt, egal, ob das Ziel, das beabsichtigt wurde, erreicht ist, oder nicht. Wenn ich Verantwortung trage, dann muss ich selbst entscheiden, wie ich dieser Verantwortung gerecht werde, was zu tun und zu lassen ist. Ich muss ständig prüfen, ob mein Handeln verantwortungsvoll ist. Ich kann scheitern, wenn trotz meines Handelns das Ziel nicht erreicht wird. Es ist wirklich nicht einfach, ein gutes, gelungenes Leben in Freiheit zu führen.

  • Studium ist Ausbildung: Bedingungsloses Grundeinkommen für Studierende

    Studium ist Ausbildung: Bedingungsloses Grundeinkommen für Studierende

    Ein großer Teil eines jeden Jahrgangs, der gegenwärtig die Schule verlässt, wird Wissensarbeiter. Studium ist heute Ausbildung, das was vor ein paar Jahrzehnten die Lehre nach der Realschule war. Junge Menschen lernen immer seltener einen klassischen Ausbildungsberuf, sie gehen nicht mehr in die Lehre, um nach drei Jahren Schlosserin, Friseur, Elektrikerin oder Verkäufer zu sein. Rund die Hälfte von ihnen macht Abitur, und die meisten der Abiturienten besuchen anschließend eine Hochschule oder eine Universität, um nach dem Studium Bachelor oder Master zu sein.

    Auch wenn man das Wort Master aus dem Englischen ins Deutsche mit „Meister“ übersetzen könnte, werden die Absolventen der Hochschulen nicht als Vorarbeiter oder Teamleiterin eingesetzt. Längst studiert man nicht mehr, um später mal zur Elite zu gehören. Der Begriff ist ein Euphemismus, denn die Master von heute sind einfache Angestellte, Wissensarbeiter in den Wissensfabriken, ob sie nun BWL oder Informatik, Mathematik oder Kulturwissenschaft studiert haben.

    Studenten: Lehrlinge von heute

    Es hat in den letzten Jahrzehnten eine Inflation der Bildungsabschlüsse stattgefunden, und das muss man gar nicht beklagen. Das Abitur von heute ist der Realschulabschluss von Vorgestern, was früher der Facharbeiter war, ist heute der Bachelor, vielleicht sogar der Master. Auch, dass das alles heute länger dauert als früher, ist nicht zu beanstanden, denn möglicherweise muss man heute tatsächlich mehr lernen, um in den Wissensfabriken einen anständigen Job zu machen, als man es in früheren Jahren musste. Vielleicht braucht man einfach länger, um geistige Fähigkeiten einzuüben, als man braucht, um manuell zum Fachmann zu werden. Das Studium ist zu einer ganz normalen Ausbildung geworden, das, was früher die Lehre war.

    So weit, so gut. Es ergibt sich allerdings ein grundlegendes Problem: Die Auszubildenden werden von den Unternehmen oder Behörden bezahlt, in denen sie ihre Ausbildung machen. Das ist für die Arbeitgeber am Ende vielleicht ein Null-Summen-Spiel: In den ersten Lehrjahren haben sie mehr ausgegeben, als ein Azubi an Leistung erbringen konnte, gegen Ende der Ausbildung sind die Auszubildenden fast schon vollwertige Facharbeiter.

    Wer aber bezahlt die Studierenden, wenn ihr Studium doch auch eine Ausbildung für einen Beruf ist? Einige bekommen immerhin Bafög, die anderen bekommen was von den Eltern. Meistens reicht das nicht, sodass viele Studierende neben dem Studium arbeiten gehen müssen – das macht das Studium ineffektiv und zieht es in die Länge. Man stelle sich vor, Lehrlinge würden neben der Lehre noch irgendwo jobben, um sich die Lehre leisten zu können.

    Bedingungsloses Bafög fürs Studium als Ausbildung

    Von den Freien Demokraten kommt jetzt eine Idee, die man als bedingungsloses Bafög für alle bezeichnen könnte. Jede Studentin und jeder Student bekommt ein Grund-Bafög, das nicht zurückgezahlt werden muss. Das wäre sozusagen Vergütung für das Studium als Ausbildung. Im Gegenzug entfallen alle Vergünstigungen, die die Eltern bisher für den Unterhalt der Kinder bekamen (Kindergeld bzw. Kinderfreibeträge auf die Steuerlast).

    Man kann so ein Bafög für alle als kleinen Testlauf für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ansehen. Die Idee des BGE ist ja auch, alle staatlichen Zuschüsse zum Leben, die mit Nachweisen der eigenen Bedarfs- oder Notsituation verbunden sind, zu ersetzen durch einen Fixbetrag, der jedem Menschen zusteht. Das Bafög für alle ist nichts anderes als ein BGE für Studierende – auch wenn hier ein Teil des Geldes, den der Mensch zum leben braucht, als Darlehen gezahlt wird, welches irgendwann bei Leistungsfähigkeit durch Arbeitseinkommen mal zurückzuzahlen ist.

    Klingt gut, bringt aber im Moment der Einführung Probleme. Die FDP schlägt als Nicht-rückzahlbaren Teil des Bafög für alle 500 € pro Monat vor. Man kann nun ausrechnen, dass dies für jemanden, der heute den Maximalbetrag des Bafög zuzüglich Kindergeld bekommt, einen Verlust von rund 175 € pro Monat bedeutet. Betrachtet man die Eltern und die Studierenden gemeinsam, profitieren vom FDP-Modell die mittleren Einkommen am meisten, auch bei hohen Einkommen profitieren unterm Strich Eltern und Studierende, der Nachteil aus dem Wegfall der Steuerfreibeträge bei den Eltern ist geringer als die 500 €, die die studierende Tochter bekommt.
    Dieses Problem bleibt natürlich relativ bestehen, wenn man den Bafög-Betrag so weit erhöht, dass es auch für den Sohn der Geringverdiener ein kleines Plus gibt, denn dieses Mehr käme ja auch der berühmten Chefarzttochter zu gute.

    Warum sollte man die Idee, auch als sozialer Liberaler, trotzdem verteidigen?

    Freiheit für die Studierenden – auch von den Eltern.
    Zunächst, weil kein Studierender sich mehr nackt machen müsste, um Bafög zu bekommen. Keine Notwendigkeit mehr, haarklein aufzuführen, wer in der Familie wie viel verdient, wie viel einer auf der Hohen Kante hat. Auch keine Möglichkeiten zum Tricksen mehr für Leute, die geschickte Steuerberater haben. Das schafft Bürokratie ab, reduziert Misstrauen.

    Dann, weil es allen Studierenden echte Unabhängigkeit von ihren Eltern sichert. Wie viele Studierende bekommen das Kindergeld nicht überwiesen, weil es bei den Eltern landet? Ich kenne Fälle, in denen der Stress für die Betroffenen groß war, und manche haben um des lieben Friedens mit den Eltern Willen drauf verzichtet. Wie viele Studierende mit besser verdienenden Eltern aber auch, bei denen die Zuwendungen von der Befriedigung der Vorstellungen der Eltern abhängen?

    Sicherlich kann man an den Details des Konzeptes noch etwas machen. Denkbar ist z.B., dass man den Nicht-Rückzahlbaren Anteil des Bafög um bis zu 200 € pro Monat erhöht, wenn sich eine entsprechende Härtefall-Situation nachweisen lässt. Man sollte aber die Idee eines Bafög für alle nicht gleich totreden, weil man meint, dass sie von einer Partei kommt, der man gern soziale Kälte nachsagt.

    Elternunabhängiges Bafög schafft Freiheit für die Studierenden, Unabhängigkeit. Es ist die Ausbildungsvergütung für die Wissensarbeiter, deren Studium Ausbildung ist, und damit eine Komponente der Modernisierung unseres erfolgreichen Ausbildungssystems.

  • G20-Gipfel: Hamburg war genau der richtige Ort

    G20-Gipfel: Hamburg war genau der richtige Ort

    In der Diskussion um die Randale am Rande des G20-Gipfels in Hamburg ist die Forderung erhoben worden, dass solche Treffen doch in Zukunft in einsamen Gegenden, am Besten auf schwer zugänglichen Inseln, Kreuzfahrtschiffen oder gar Flugzeugträgern abgehalten werden sollten. Die Bewohner großer Städte könnten so von Zerstörungen und Krawallen verschont bleiben, auch Verkehrsbehinderungen und andere Einschränkungen im Alltag könnten vermieden werden. Es würde weniger Polizei benötigt und der Schaden durch die Gewalttaten von Extremisten würde verhindert.

    Man kann dem entgegenhalten, dass gerade eine gastgebende Nation, deren Regierung durch demokratische Wahlen legitimiert ist, sich nicht von Gewalttätern vorschreiben lassen darf, wo sie internationale politische Treffen mit anderen Regierungschefs und Staatsoberhäuptern durchführt. Zum Gelingen eines G20-Gipfels, zum Entstehen einer konstruktiven Verhandlungsatmosphäre, trägt auch der Ort des Treffens bei, die Ausstattung der Verhandlungsräume, die Hotels, das kulturelle Rahmenprogramm. Auf einem Flugzeugträger findet nicht das gleiche Treffen statt wie in einer modernen europäischen Großstadt.

    Man kann auch darauf hinweisen, dass Gewalttäter, die sich zusammenrotten um sich in blindem Zerstörungsdrang zu berauschen, andere Anlässe suchen werden, um an symbolischen Orten der Gesellschaft ihr kriminelles Werk zu vollbringen.

    Vor allem aber muss klar sein: Auch und gerade für diejenigen, die friedlich ihren Protest gegen die globalen Machtstrukturen formulieren und demonstrieren wollen, für diejenigen, die legitim ihre Forderungen an die Regierungen der großen Nationen in die Öffentlichkeit tragen wollen, ist es wichtig, dass Treffen wie ein G20-Gipfel an bekannten, symbolisch besetzbaren Orten der Gesellschaft stattfinden, die kritisiert werden soll. Die Erreichbarkeit dieser Orte und die Symbolkraft ihrer Plätze sind notwendige Bestandteile des friedlichen Protestes. Wo sollte sich die Kritik der Globalisierungsgegner, der friedlichen Aktivisten und der Bürgerbewegungen denn artikulieren und formieren, wenn sich die Regierungschefs und Präsidenten auf Kreuzfahrtschiffe oder gar auf Flugzeugträger zurückziehen?

    Die Treffen der Regierungen brauchen, ebenso wie der legitime Protest und die friedlichen Demonstrationen, die diese Veranstaltungen begleiten, den bekannten Namen, den symbolträchtigen Ort inmitten der Gesellschaft. Hamburg als Stadt des Handels und der Kooperation ist dafür geeignet gewesen wie kaum ein anderer Ort. Deshalb bleibt es richtig, das G20-Gipfel hier abzuhalten und nicht in einem schwer zu erreichenden, abgelegenen Berg- oder Küstenort.

    Würden zukünftige Treffen der G20 an geheimen oder für Demonstranten unzugänglichen Orten durchgeführt werden, dann würden sich die Regierungen schnell dem Verdacht aussetzen, sich weiter von den Bürgern, die sie repräsentieren und für die sie entscheiden sollen, zu entfernen. Deshalb braucht die internationale Politik weiterhin Plätze, an denen sich sowohl ihre wichtigen Vertreter als auch die Kritiker versammeln können.

  • Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ganz Deutschland, wenigstens der Teil, der sich öffentlich äußert, scheint seit einigen Tagen im Freudentaumel zu sein. Wir feiern die Ehe für Alle. Im Bundestag wurden Konfetti verstreut. Meine Facebook-Freunde haben virtuelle Freudentränen in den Augen. Und jeder, der die Stimmung mit kritischen Nachfragen, gar mit Ablehnung des freudigen Ereignisses trüben könnte, wird der Gemeinschaft verwiesen.

    Warum gelingt es mir nicht, mich der allgemeinen Euphorie anzuschließen? Warum reihe ich mich nun in die kleine Gruppe derer ein, die als Spaßbremsen die allgemeine Glückseligkeit beeinträchtigen.

    Was eigentlich nichts zur Sache tut

    Zunächst, obwohl es gar nichts zu Sache tut: Ich bin heterosexuell. Ich bin ein heterosexueller, weißer, nicht mehr ganz junger Mann, Babyboomer. Ich lebe in Deutschland, ich bin nicht arbeitslos. Spätestens jetzt ist klar: Ich gehöre zu den privilegierten, denen, die vom Schicksal unberechtigterweise bevorzugt wurden und die also eigentlich sowieso keine Ahnung von den Sorgen der Frauen, der Homosexuellen, der Nicht-Weißen haben, derer, die in Afrika leben und derer, die keine Arbeit haben.

    Dann, auch wenn das immer noch nichts zur Sache tut: Ich habe homosexuelle Freunde und Verwandte, ich mag sie, ich streite und feiere mit ihnen. Sie mögen alle, wie ich, auf ihre Weise glücklich werden, ob in festen Beziehungen, ob als Single, ob in wechselnden Partnerschaften. Ich freue mich für diejenigen unter ihnen, die sich mit der Ehe für Alle nun Eheleute nennen können, sofern sie sich das wünschten. Und wer von ihnen ein Kind adoptieren möchte, und wer die strengen Regeln des Adoptionsrechts und die Prüfungen der Ämter besteht, der soll das tun und glücklich sein.

    Keine Diskussion um die Ehe für Alle?

    Was also verdirbt mir eigentlich den Spaß? Es ist die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft die Debatte um ein solches Thema wie Ehe für Alle geführt wird. Es ist genau die Art, wie wir überhaupt Debatten führen. Diese Methode, Debatten gerade nicht zu führen, schwierige Themen, zu denen es verschiedene Ansichten gibt, gerade nicht zu diskutieren, die Debatte vielmehr zu verweigern, die Diskussion, genauer, die Menschen, die abweichende Ansichten vertreten, auszugrenzen und abzulehnen, die macht mir Angst.

    In der Diskussion um einen Gastbeitrag in der FAZ kann dieses Verhalten exemplarisch besichtigt werden. Der Autor schrieb dort u.a.:

    Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?

    Ein langer Satz, der zwei Thesen enthält, die auf Anhieb nicht unplausibel klingen, über die man sachlich diskutieren könnte und müsste, die, ausgehend von der Frage des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare auf die Situation von Adoptionsbeziehungen überhaupt führen könnte, eine Diskussion, die über die besondere Bindung an die biologischen Eltern gehen könnte, eine andere Diskussion, die der Frage der Auswirkungen habitueller Freizügigkeit überhaupt und der Wirkung und Ausbildung sexual-ethischer Normen insbesondere nachgehen könnte. Wir könnten, ausgehend von diesen Thesen, anhand der Ehe für Alle vieles diskutieren, was wichtig sein könnte für den Fortbestand unserer gesellschaftlichen Strukturen.

    Das tun wir aber nicht. Denn der Störenfried wird niedergeschrien. Nicht nur dieser, jeder, der es wagt, dem Freudentaumel ein paar fragende Sätze oder gar abweichende Meinungen entgegenzusetzen, wird beschimpft, diffamiert, niedergemacht. Als Schwulenhasser wird er bezeichnet, als homophob. Die Wirkung ist klar: Auch andere, die vielleicht ebenfalls mit nicht ganz so großer Begeisterung der Veränderung des gesellschaftlichen Normensystems zusehen, in denen Sorgen aufkeimen, werden, schon bevor sie sich überhaupt entschließen, den Mund aufzutun, zum Schweigen gebracht.

    Und somit unterbleibt nicht nur eine Diskussion um die „Ehe für Alle“, sondern auch jede Diskussion über die Frage, wie die Veränderungen des Wertesystems, wie die Schleifung normativer Selbstverständlichkeiten langfristig unsere Gesellschaft verändert und wie wir uns auf diese Veränderungen einstellen können.

    Gedankenspiele zu Liebe und Begehren

    Bleiben wir einen Moment lang beim Thema Homosexualität. Gesetzt den Fall, dass in nahezu jedem Menschen ein sexuelles Begehren sowohl für Menschen des eigenen, als auch für Menschen des anderen Geschlechts angelegt ist. Gesetzt, dass das leibliche Begehren vielleicht nicht mal vorrangig dem Geschlecht gilt, sondern einer gewissen Art, berührt zu werden und zu berühren, andere in Rausch zu versetzen und selbst in den Rausch körperlicher Berührung zu geraten, ein Begehren, das somit also grundsätzlich mit Partnern beiderlei Geschlechts möglich ist. Gesetzt weiterhin, dass aufgrund die Verhaltensweisen, die Nähe und Vertrauen und Sehnsucht und Liebe erzeugen, ebenfalls nicht eindeutig durch das Geschlecht geprägt sind und es somit möglich ist, dass ich mich sowohl in Männer als auch in Frauen verliebe, dass jeder von uns sowohl Menschen des eigenen als auch des anderen Geschlechts begehren kann, dass also wenigstens viele von uns gar nicht hetero- oder homosexuell sind sondern irgendwie beides, dass wir Männer und Frauen lieben können, aber natürlich nicht alle Männer und alle Frauen, sondern eben nur diejenigen, die auf bestimmte Weise auf uns wirken.

    Wenn das so wäre, und wenn es unter uns dann natürlich auch eine gewisse Zahl von Menschen gäbe, die nur Männer oder nur Frauen lieben und begehren können, dann sei doch selbstverständlich jedem von uns gegönnt, sein Lieben und Begehren so auszuleben, wie es sich aus seinem Schicksal und seiner Erfahrungen entwickelt. Und wer von uns mit anderen zusammenkommt, mit denen er ein Leben lang zusammenbleiben möchte, wer dabei glücklich ist, sein Lieben in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu beweisen, der möge dies tun. Dafür gibt es nun die Ehe für Alle.

    Eine andere Frage jedoch ist, was der gesellschaftlichen Stabilität zuträglich ist, und was wir also als Mitglieder der Gesellschaft institutionell oder durch Normen der Gemeinschaft fördern sollten. Um diese Frage zu beantworten, ist in der freien Gesellschaft eine offene und tolerante Debatte nötig, in der alle Teilnehmer bereit sind, andere, abweichende Ansichten zunächst mal als legitim und vernünftig zu akzeptieren, einfach, weil sie von einem anderen Menschen ausgesprochen werden, der nicht unvernünftiger ist, als ich selbst.

    Wir sind z.B. alle daran interessiert, dass heute Kinder geboren werden, denn wir wollen, wenn wir alt sind, irgendwie noch leben können. Wir sind aus dem gleichen Grunde daran interessiert, dass diese Kinder möglichst in stabilen, liebevollen Familien aufwachsen. Wir wissen, dass diese Interessen gefährdet sind, und deshalb sollten wir schauen, welche gesellschaftlichen Normensysteme und institutionellen Regelungen diesen Interessen dienen und welche ihnen abträglich sind. Wir müssen den Spagat schaffen zwischen unseren individuellen Wünschen heute und unseren Hoffnungen für die Zukunft. Umso mehr wir heute frei sein wollen, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass Normen und Institutionen, die langfristig wirken, uns ein würdiges Leben auch noch in ein paar Jahrzehnten ermöglichen.

    Wir müssen also gar nicht über irgendwelche Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nachdenken um uns einzugestehen, dass wir, jeder von uns, ein Interesse daran hat, dass Kinder geboren und aufgezogen werden.

    Alternativen? Aber ja. Die konsequente Ehe für alle

    Eine Voraussetzung dafür ist nun mal, da gibt es nichts zu deuteln, die heterosexuelle Paarbeziehung. Natürlich sind gemeinschaftliche Strukturen denkbar, in denen das nicht so ist, polygame Gemeinschaften etwa, in denen sexuelle Freizügigkeit herrscht und alle die Kinder von allen als gemeinsame Kinder betrachten. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass sich unsere Gesellschaft in eine solche Richtung verändert. Allerdings glaube ich, dass gerade in einer individualisierten Gesellschaft von Einzelnen die Ausbildung solcher Strukturen nicht der Normalfall wird.

    Also sind wir darauf angewiesen, dass sich immer wieder einzelne Frauen mit einzelnen Männern zusammenfinden, um eine Familie zu gründen. Sie sollten die Absicht haben, wenigstens für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzubleiben, Kindern ein Heim zu geben und sich daran zu freuen, dass ihr Nachwuchs immer selbstständiger wird um schließlich selbst das eigenen Schicksal in die Hand zu nehmen.

    Man kann einwenden, dass es technische Alternativen zu diesem konservativen Familienbild gibt. Man kann darauf hinweisen, dass viele heterosexuellen Familien tragisch zerbrechen, bevor die Kinder selbstständig geworden sind. Man kann die Diskussion um das Problem ergänzen, dass viele junge Menschen, ganz unabhängig von ihrem sexuellen Begehren die feste Paarbeziehung scheuen, die auf Dauer angelegt ist. Man kann weiterhin ins Spiel bringen, dass es auch viele Paare gibt, wieder ganz unabhängig davon, ob die Partner gleich- oder verschiedengeschlechtlich sind, die sich keine Kinder oder vielleicht nur eines wünschen. Das ist alles richtig, und gerade deshalb brauchen wir Debatten, die alle Standpunkte einbeziehen, die Sorgen formulieren, die alle Aspekte beleuchten. Solche Debatten würden dazu führen, dass wir vielleicht zu ganz neuen Normen kämen, die die Stabilität unserer Gesellschaft aufrechterhalten, während wir alle unsere Freiheit genießen.

    Im Taumel

    Aber von einer solchen Debattenkultur sind wir weit entfernt, und das betrifft nicht nur die Frage von Sexualität und Familie und die Ehe für alle. Die Debattenverweigerung findet auf allen Feldern der Gesellschaft statt. Jeder, der irgendetwas sagt, was bei anderen auf Unverständnis stößt, wird reflexartig niedergemacht.

    Notwendig wäre, dass jeder sich zunächst die Begrenztheit des eigenen Horizonts eingesteht, und dass jeder sich klar macht, dass eine Meinung, die unverständlich erscheint, zunächst mal einfach eine Stimme von jenseits dieses Horizontes ist. Die Logik des Anderen nachzuvollziehen, wäre der erste Schritt in Richtung einer produktiven Debattenkultur, die uns die Möglichkeit gibt, auf die Ungewissheiten der Zukunft vorbereitet zu sein. Wir taumeln stattdessen besinnungslos der Zukunft entgegen, entweder euphorisch berauscht oder wütend geifernd. Das kann nicht gut sein.