Autor: Jörg Phil Friedrich

  • In Deutschland muss niemand hungern

    In Deutschland muss niemand hungern

    Ja, es gibt Bedürftige in Deutschland, es gibt Menschen, die haben so wenig Geld, dass sie zu den Tafeln gehen, die kostenlos fast abgelaufenes Essen ausgeben, weil es sonst vernichtet werden würde. Es gibt also Menschen, denen man dieses Essen nicht mehr zum Kauf anbieten würde, und andere, die sich freuen, mit diesen Lebensmitteln ihren kargen Speiseplan aufbessern zu können.

    Aber in den Diskussionen um die Essener Tafel sind ein paar Dinge durcheinander gebracht worden.

    Tafeln sind keine Armenspeisung

    Wer sich bei einer Tafel Essen besorgt, würde nicht hungern müssen, wenn es keine Tafel gäbe.

    Dafür, dass in Deutschland niemand hungern muss, sorgt die Sozialgesetzgebung. Auf ihrer Basis versucht der Staat, zu berechnen, wie viel Geld ein Mensch braucht, um nicht hungern und nicht als Obdachloser auf der Straße leben zu müssen. Und dieses Geld wird in Deutschland jedem gezahlt, der zum Sozialamt geht, und sich dort als Bedürftiger meldet und seine Bedürftigkeit auch nachweist.
    Die Tafeln leisten eine wertvolle Arbeit, sie tun Gutes in zweifacher Hinsicht. Sie sorgen dafür, dass in unserer überregulierten Überflussgesellschaft Lebensmittel nicht einfach weggeworfen werden, und sie sorgen dafür, dass Bedürftige sich etwas mehr leisten können als nur das allernötigste. Die Ehrenamtlichen, die das jeden Tag leisten, verdienen höchsten Respekt.

    Nicht nur „die Steuerzahler“

    Aber dafür, dass in Deutschland niemand hungern muss, dass jeder etwas anzuziehen haben kann und ein Dach über dem Kopf hat, sorgen all diejenigen, die dafür sorgen, dass Deutschland so ein reiches Land ist. Das sind ausdrücklich nicht nur „die Steuerzahler“ – es sind alle die, die täglich zur Arbeit gehen und „das Bruttosozialprodukt steigern“, es sind auch die, die ein Leben lang gearbeitet haben und nun eine verdiente Rente beziehen, die nebenbei auch noch ihre Kinder und Enkel auf vielfältige Weise unterstützen, es sind auch die, die mit harter und schlecht bezahlter Arbeit dafür sorgen, dass sie nicht von den Sozialleistungen der Gemeinschaft abhängig sind.

    All diese Menschen sorgen dafür, dass die Bedürftigen in diesem Land nicht hungern und frieren müssen. Wir sollten uns das nicht kleinreden lassen, denn das ist eine großartige Leistung, die wir alle durch unsere tägliche Arbeit vollbringen.

    Ein breiter Konsens

    Wie hoch die Grundsicherung sein muss und wie man sie berechnen sollte – das sind Fragen, die in einer komplexen und vielfältigen Gesellschaft nicht einfach zu beantworten sind. Auch die Frage, wie und ob man Bedürftigkeit nachweisen sollte, ist berechtigterweise Gegenstand des politischen Streits. Das ist gut so. Aber es gibt einen breiten Konsens darüber, dass niemand in Deutschland hungern sollte, und dass wirkliche Armut von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden kann. Diese Solidarität ist eine Selbstverständlichkeit. Sie äußert sich nicht in der großen Geste, mit der man einem Bettler einen Euro zusteckt, sondern darin, dass man jeden Tag aufsteht um für den eigenen Lebensunterhalt und ganz nebenbei für die Versorgung der Bedürftigen zu arbeiten. Das sollten wir schätzen und bewahren.

  • Blogosphäre – wie sie funktioniert

    Blogosphäre – wie sie funktioniert

    Vor gut einer Woche haben DieKolumnisten ihr Manifest zur Wiederbelebung der Blogosphäre veröffentlicht. Die Resonanz reichte von Ablehnung über Skepsis bis zur hoffnungsvollen Zustimmung. Es hat sich aber auch gezeigt, dass viele mit dem Begriff Blogosphäre gar nichts mehr anfangen können und sich fragen, wie das funktionieren soll.

    Es wurde auch darauf hingewiesen, dass wir nicht die Einzigen sind, die über solche Fragen nachdenken. Luca Hammer z.B. hat im Dezember schon was dazu geschrieben. Ein Loblied auf den Blogger hat Jürgen Koller vor wenigen Tagen verfasst. Und am gleichen Tag schrieb Armin Wolf zu exakt diesem Thema – die Sache liegt in der Luft.

    Hier ein paar Gedanken aus der Sicht eines Schreibers, der in den Hochzeiten der Blogosphäre selbst einen kleinen persönlichen Blog betrieben hat, dann bei ScienceBlogs einen Blog mit kontroversen Diskussionen betrieben hat, dann hier und da Kolumnen und Artikel veröffentlicht hat und seit zweieinhalb Jahren zu den Kolumnisten gehört.

    Was ein guter Blogger braucht, um seine Leser zu erreichen

    Die Blogosphäre sorgt nicht nur dafür, dass der interessierte Leser per Verlinkung von einem interessanten Beitrag über ein Thema zum nächsten kommen kann, sie ist nicht nur persönliche Weiterempfehlung unter Bloggern durch Querverweise und Blogroll. Zwar lebt und wächst die Blogospäre durch die Verlinkungs-Arbeit, die sich die Blogger machen, und durch die Kommentare in den Blogs, die ebenfalls Links zu anderen Blogposts anderer Blogger enthalten. Aber diese Verlinkungen geben nicht nur den Lesern Hinweise auf andere interessante Inhalte im Netz – sondern vor allem auch den Suchmaschinen. Die guten inhaltlichen Deep Links von einem Blogpost zum anderen verbessern das Ranking der Blogs in den Suchergebnissen und ermöglichen es den Bloggern somit, neue Leser zu erreichen, die sonst niemals auf ihre Texte aufmerksam geworden wären.

    Die Blogosphäre ist deshalb vor allem für Blogger gut, die Inhalte schreiben, welche nicht schon morgen unaktuell geworden sind. Gerade für diese Blogger ist Facebook auch ein sehr unbefriedigendes, ungeeignetes Medium. Klar, ein paar klug-witzige Sätze zur aktuellen politischen Lage kann man da rasch mal posten und vielleicht sogar über ein-zwei Tage eine mehr oder weniger spannende Diskussion haben. Aber wer eine Rezension zu einem aktuellen Roman schreibt, wer über die Geschichte der russischen Revolution arbeitet, wer rechtliche Fragen grundsätzlich beantwortet, der will, dass diese Texte, die auch in zwei Monaten noch relevant sind, auch noch in zwei Monaten wiedergefunden werden. Und dazu ist Facebook das falsche Medium.

    Unser Manifest hat sich deshalb auch nicht „gegen Facebook“ gewandt. Wir wollten nur daran erinnern, dass Facebook nicht alles ist, und dass es für die meisten von uns Bloggern nicht der beste Kanal ist, die Leute zu erreichen, die sich für unsere Beiträge interessieren. Wir haben die Grenzen von Facebook beschrieben und skizziert, welche Möglichkeiten wir sehen, diese Grenzen zu überwinden. Das Schöne ist: Jeder kann auf seiner eigenen Plattform so viel machen, wie er selber mag. Mit ein bisschen Durchhaltevermögen und ein wenig Versuch-und-Irrtum wächst die Sache dann allmählich zur lebendigen Blogosphäre zusammen.

    Was es alles schon mal gab

    Das erste ist: Einfach wieder mehr verlinken. Natürlich sind die Deep Links von einem Artikel zum anderen da am Besten. Die Blogroll ist aber auch nicht schlecht, wenn sie gepflegt wird. Sie zeigt, welche anderen Seiten auch interessant sind – und vielleicht zeigt sie auch, warum. Der Link in der Blogroll kann ja mehr enthalten als nur den Namen des anderen Blogs.

    Man kann sich aber auch regelmäßig hinsetzen und schauen, was andere zu einem aktuellen Thema geschrieben haben – und darüber dann eine kleine Blogschau machen. Macht Arbeit, aber bringt viel und öffnet Horizonte.

    Es gab vor ein paar Jahren eine Reihe von Formaten, die die Vernetzung von Blogs unterstützt haben – das kann man alles mal wieder ausprobieren und schauen, wie das so läuft. Vielleicht funktioniert einiges auch nicht mehr, vielleicht bildet sich was neues. Man wird sehen…

  • Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Ich hasse es, wenn mir eine Frau sagt: „Das kannst du als Mann eben nicht nachvollziehen, weil dir sowas ja nicht passieren kann, weil du das ja nicht am eigenen Leibe erleben musst.“ Die damit verbundene Forderung, ich solle mich doch zum Thema sexuelle Nötigung nicht äußern, schon gar nicht kritisch gegenüber den metoo-Aktivistinnen, weil ich die betreffende Erfahrung nicht kenne, hat mich zuerst provoziert, erst recht etwas zu dem Thema zu sagen. Dann habe ich geschwiegen, weil ich dachte, dass es doch keinen Zweck hat.

    Aber nach dem, was nun in der Causa Dieter Wedel zu Tage kommt, drängt es mich, etwas zu sagen.

    Ich bin nicht #metoo

    Ja, es stimmt, ich kann mich in die Situation der Schauspielerinnen nicht hineinversetzen, die von Wedel bedrängt, gequält und vermutlich vergewaltigt wurden. Punkt. Das muss ich einfach einsehen. Mir würde so etwas nicht passieren, und selbst wenn es auch Fälle gibt, in denen Männer Opfer sexueller Gewalt wurden, ist ja völlig klar: als Mann kann man immer irgendwo anders hingehen, die Wahrscheinlichkeit, woanders auch auf einen Produzenten oder Regisseur zu treffen, der mich sexuell bedrängt, ist gering. Das liegt allein schon daran, dass die meisten Produzenten und Regisseure Männer sind und die meisten Menschen eben heterosexuell.

    Also muss ich als Mann erst einmal akzeptieren, dass ich mit jeder Kritik an Stellungnahmen von Frauen zum Thema sexuelle Gewalt, sexuelle Belästigung und ähnlichem sehr zurückhaltend sein muss. Meine Vorstellungen, wie man damit umgehen könnte oder sollte, wie man was zu interpretieren hat, wie was ankommen müsste, wie man in welcher Situation reagieren sollte  – all diese klugen analytischen Überlegungen gründen sich eben auf meine Erfahrungen. Und das sind eben Erfahrungen eines Mannes. Was für eine konkrete Frau als Handlungsmöglichkeit wirklich denkbar ist in einem Moment, in dem sie durch einen Mann bedrängt und sexuell genötigt wird, kann ich, bei aller analytischen Kompetenz und emotionalen Einfühlung, eben niemals wirklich beurteilen.

    Dies im Sinn möchte ich ein paar Thesen zur aktuellen Diskussion um metoo beitragen.

    Sind „große Männer nun mal irgendwie pervers“?

    Es gibt keine moralischen Sonderrechte für „kreative Geister“. Wir müssen uns grundsätzlich von dem Gedanken lösen, dass große kreative Leistungen in Kunst, Literatur und auch Philosophie womöglich nur von Menschen vollbracht werden können, die irgendwie im Umgang mit anderen Menschen nicht mit den moralischen Maßstäben vereinbar sind, die wir im Alltag für selbstverständlich halten. Die Akzeptanz einer solchen Vorstellung ist selbst nicht akzeptabel. Sicherlich ist es gut, die eigenen Moralvorstellungen kritisch zu prüfen, wenn wir von Menschen lesen, die Großes vollbracht haben, aber unserer Alltagsmoral nicht entsprechen. Das kann ein guter Grund sein, die eigenen Vorurteile über das, was man tun darf und das, was man lassen soll, zu überdenken. Aber die Verletzung der Würde anderer Menschen ist niemals akzeptabel. Ich kann kein Werk bewundern von einem Menschen, der seine Macht ausgenutzt hat, um andere Menschen zu quälen.

    Paradigmatische Extremfälle

    Wir sollten das, was da in der Filmindustrie passiert ist und vermutlich noch immer irgendwo passiert, als paradigmatische Extremfälle sehen. Es gibt sicherlich Besonderheiten, die dazu führen, dass die Lage für Frauen dort besonders prekär ist. Diese Besonderheiten sollten auch benannt werden, damit an ihnen deutlich wird, welche Mechanismen und Machtstrukturen wirklich zerstört werden müssen. Dabei geht es nicht darum, das Problem nur in dieser speziellen Branche zu sehen und so zu tun, als ob es woanders gar nicht existiert. Aber es wäre wichtig, zu verstehen, welche besonderen Bedingungen den Vergewaltiger schützen und begünstigen, und welche anderen Bedingungen, die anderenorts längst etabliert sind, das verhindern. Welche Strukturen unterscheiden die Filmindustrie von anderen Bereichen? Und wo gibt es ähnliche Strukturen, über die aber nicht so intensiv gesprochen wird, weil die Frauen dort keine Medienpräsenz haben?

    Andererseits ist es auch wichtig, über Strukturen zu sprechen, in denen Frauen sich sicher fühlen, ohne dass das Zusammenleben asexuell ist. Die Differenzen zwischen den Mechanismen unseres Zusammenlebens in unterschiedlichen sozialen Sphären müssen erkundet werden – dazu braucht es nicht nur Berichte über die Schattenseiten, sondern auch über die Situationen, in denen Frauen ohne Angst vor Nötigung leben. Die ganze Gesellschaft als Rape-Kultur zu verunglimpfen, wie es von metoo-Aktivistinnen oft getan wird, bringt uns nicht weiter.

    Deshalb scheint es mir auch wichtig, sich in der Diskussion auf Fälle zu konzentrieren, in denen es wirklich um Zwang, um Verletzung der Würde, um Ausnutzen von Macht, um Nötigung und Vergewaltigung geht. Jeden anzüglichen Blick und jede „Anmache“ mit in die Diskussion zu ziehen, verhindert eher die Bekämpfung der wirklichen Probleme. Geschaffen würde dadurch eine aseptische, sterile, asexuelle Oberfläche in der Gesellschaft, unter der sich vermutlich Machtstrukturen, implizite Nötigungen und Zwang weiterhin fast ungehindert ausbreiten können.

    Auch auf Catherine Deneuve hören

    Schließlich: Es sind in den letzten Wochen auch Stimmen von Frauen zu hören gewesen, die sich nicht einschüchtern lassen haben, die sich erfolgreich gewehrt haben gegen Belästigungen und Nötigungen, oder die solche Erfahrungen nicht gemacht haben, auch wenn sie in der Filmbranche erfolgreich waren. Mir scheint es wichtig, dass diese Frauen zu Wort kommen, dass wir auch auf ihre Geschichten hören. Es geht nicht darum, die Opfer gegen die Mutigen auszuspielen. Aber wir müssen auch darüber reden, wie sich Frauen erfolgreich zur Wehr setzen und schon immer erfolgreich gewehrt haben. Das zeigt auch Wege auf, wie Machtstrukturen ausgehebelt werden können.

    Letztlich hätte ein Mann wie Wedel (gesetzt, die Vorwürfe gegen ihn entsprechen der Wahrheit, was ich inzwischen als sicher ansehe) keine Chance, wenn die Frauen, die er nötigt, für sich Auswege sehen und beschreiten können. Dazu ist vieles notwendig. Auch, dass man über die guten Erfahrungen spricht, die andere Frauen in ihrem Leben gemacht haben.

    Andere zum Thema metoo:

    Im Gegenteil

    Katia Kelm

  • Gott ist das Wort

    Gott ist das Wort

    Das Evangelium des Johannes beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.” Es ist vielleicht noch nicht genug darüber nachgedacht worden, dass ausgerechnet Goethe im großen Anfangsmonolog des Faust die Bedeutung des Wortes herunterspielen und durch die Kraft der Tat ersetzen wollte. Für Johannes jedenfalls war Gott und das Wort identisch. Zwar wird von Johannes aus oft auf den Anfang der Schöpfungsgeschichte verwiesen, in der Gott die Welt schafft, indem er spricht. Aber dort sind Gott und das Wort nicht identisch.
    Was für ein Gott ist das, der identisch mit dem Wort ist? Schon der Gott des Alten Testaments schafft nicht einfach stumm eine Welt, vom ersten Moment an ist er ein sprechender Gott. Er schafft durch das Wort, er plant, indem er ausspricht, was entstehen soll, und dieses Aussprechen ist entscheidend für das Entstehen.

    Genesis – die unglaubliche Spekulation

    Aber nicht nur das: Was entsteht, wird sogleich benannt, es erhält seinen Sinn durch die Benennung als Tag und Nacht, als Himmel und Erde.
    Wenn man die Schöpfungsgeschichte vorurteilsfrei liest, ist man überrascht, wie gut sie mit den Theorien der heutigen Naturwissenschaften übereinstimmt. Natürlich kann man sich darüber lustig machen, dass die Alten vor ein paar Jahrtausenden eine Geschichte aufgeschrieben haben, in der angeblich alles innerhalb von sieben Tagen geschaffen wurde. Was aber, wenn in diesem Mythos ein Tag nicht zwingend aus 24 Stunden besteht, sondern etwa einen Abschnitt eines Entwicklungsprozesses bedeutet, in dessen Verlauf ein charakteristischer Schritt abgeschlossen wird? Wir sprechen noch heute von einer Tagung, das Verb „tagen“ hat eine weitere Bedeutung als nur den Beginn eines Tages zu beschreiben. Wenn wir uns von der modernen, genau zugeschnittenen Bedeutung des Worts „Tag“ lösen, dann sehen wir, dass da zuerst aus dem Chaos die Gestirne und die Erde entstehen, sodann Meere und Kontinente, dass später sich Pflanzen und Tiere entwickeln und am Ende der Mensch, der beginnt, sich die Erde „untertan zu machen“.

    Welch eine hellsichtige Spekulation, die da durch die Jahrhunderte weitererzählt und vor mehr als zweitausend Jahren aufgeschrieben wurde! Welche Vorstellung sich die Menschen, die diese Worte von Generation zu Generation weitergetragen haben, sich von ihrem Gott wirklich gemacht haben, wissen wir nicht. Aber ganz ohne naturwissenschaftliche Begründung waren sie sicher, dass nichts, wie sie es kannten, seit Ewigkeiten bestand, dass da zuerst die leblose Materie zu etwas festem werden musste, dass sich dann Wasser sammeln musste und der Kreislauf des Wassers in Gang kommen musste, dass später erst Pflanzen und Tiere entstehen konnten und dass erst am Schluss, vor vergleichsweise kurzer Zeit, sich der Mensch entwickelt hat.

    Gewiss ist auch, dass der Motor dieser Entwicklung, den sie Gott nannten, ihnen durch das Wort bekannt und vertraut war. Das Wort, das waren die alten Geschichten, die Erzählungen, die nicht nur davon berichteten, dass die Menschen nicht schon immer diese Erde bewohnten, dass selbst die Erde und die Sonne nicht unveränderlich und endlos bestanden. Mit dem Wort der Vorfahren erfuhren die Menschen auch von den Regeln, die zu beachten waren, damit die Gemeinschaft weiter existieren konnte. Alles war Wort, war Bericht, war mündliche Anweisung, war gesprochenes Ritual.

    Gott ist das Wort. Die Fähigkeit des Menschen, alte, überlieferte Worte zu verstehen, aus der Vielfalt der Geschichten, Gleichnisse und Metaphern, der Berichte von Versagen, von guten und bösen Handlungen, einen Kompass für das eigene Handeln, ein Verständnis für das Gute, das Schöne und das Wahre zu entwickeln, diese Fähigkeit macht den Menschen zu dem was er ist: ein freies Wesen, das im Handeln einerseits ungebunden ist, sich aber andererseits verbunden und verpflichtet fühlt, gebunden an die Gebote der alten Worte, die als Heilige Schriften überliefert sind.

    Gott: Eine Welt aus Worten

    Worte benennen nicht nur die Dinge. Sie machen die Dinge zu dem, was sie sind. Durch die Worte entsteht erst die Welt, in der der Mensch lebt. Die tiefe Wahrheit, die in dem Schaffen und benennen der Schöpfungsgeschichte steckt, ist, dass durch die Sprache die Welt zu dem wird, was sie ist. Durch die Worte wird aus dem Chaos, der Undurchschaubarkeit, die Welt, in der wir leben und uns einrichten können.

    Und das trifft nicht nur auf die Namen zu, die die Sprache den Dingen gibt, die durch diese Namen zu Gegenständen unseres Denkens und Handelns werden. Das gibt auch für die Dinge, die wir nicht sehen, aber doch erleben können: Freiheit, Liebe, Nachsicht, Mitgefühl, Hass, Trauer, Freude, Hoffnung, Leid, Schönheit, Schrecken. Das Verständnis für diese wichtigen Elemente der Welt haben wir nur durch die Worte der Geschichten und Mythen, durch Märchen, Belehrungen, Gleichnisse gewonnen.

    Der Mensch ist das Wesen, dass solche Überlieferungen verstehen und für sein Handeln zur Grundlage machen kann, ohne erklären zu können, warum er das tut oder wie das „funktioniert“. Keine Evolutionstheorie und keine Naturwissenschaft kann uns erklären, warum das so kommen musste, warum der Mensch einen Sinn für das Gute, Schöne und Wahre entwickelt hat, warum jeder einzelne Mensch fähig ist, sich selbst als Mensch zu verstehen und den Anderen Menschen als ebenso einen Menschen zu erkennen. Warum ich weiß, dass es mich gibt und dass ich manchmal etwas Gutes tue, etwas Schönes sehe, etwas Wahres erkenne.
    Es gibt keinen „Evolutionsvorteil“ das Wissen um das Gute macht uns nicht schneller oder Effektiver, das Erleben des Schönen macht uns nicht satt, das Erkennen des Wahren verlängert nicht das Leben.

    Ich glaube nicht, dass es Gott schon gegeben hat, bevor es Menschen gab, die begonnen haben, eine Welt aus Worten zu schaffen. Aber es ist damit etwas entstanden, was größer ist als der einzelne Mensch und woran er doch Anteil hat. Die Fähigkeit, eine Welt voller Bedeutsamkeit zu errichten, in der etwa die Erzählung von der Geburt, dem Leben und dem Leiden eines Menschen etwas über das Gute, Schöne und Wahre sagt und die Möglichkeit, in den Geschichten und Ritualen, die sich um das Leben dieses Menschen entwickeln, ist tatsächlich unverständlich besonders. Dass wir gerührt sind von dieser Geschichte, dass wir in dieser Geschichte etwas spüren, das uns bewegt und nicht loslässt, das ist göttlich.

    Man kann dieses Große, das nicht nur den Menschen, sondern auch jede zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe von Menschen übersteigt und trotzdem jeden Einzelnen angeht, als Gott bezeichnen. Man kann auch, um Missverständnisse zu vermeiden, versuchen, auf dieses Wort zu verzichten. Aber welches Wort bliebe dann?

  • Frauenquote in der Politik? Wie soll das gehen?

    Frauenquote in der Politik? Wie soll das gehen?

    Seit der Bundestagswahl wird allenthalben beklagt, dass der Frauenanteil im Parlament zu niedrig ist, ja, dass er sogar zurückgeht. Nun fordert sogar ein Liberaler eine Frauenquote, um den Anteil von Frauen bei politischen Ämtern und Mandaten zu erhöhen.

    Aber wie soll das gehen? Wie hoch sollte eine solche Frauenquote sein?

    Wonach soll die Frauenquote sich berechnen?

    Man könnte natürlich sagen, dass Frauen einen Anteil von mehr als 50% der Bevölkerung haben, und da die ganze Bevölkerung von politischen Entscheidungen betroffen ist, müssten Frauen auch rund die Hälfte der Mandate und Ämter in politischen Entscheidungsinstitutionen haben. Aber so einfach ist das nicht. Das politische Engagement ist freiwillig, und jeder, der sich im politischen System, also verfassungsgemäß in den Parteien, engagiert, sollte die gleiche Chance haben, ein politisches Amt zu besetzen. Also wäre es gerecht, wenn Frauen in den Parlamenten so vertreten sind, wie sie auch in den politischen Parteien vertreten sind.

    Und das ist ziemlich genau der Fall. Aufgrund der Frauenquote bei den Grünen sind die Frauen dort, gemessen am Anteil der Frauen in der Partei, sogar überrepräsentiert. Bei den anderen Parteien stimmt der Frauenanteil in der Partei insgesamt etwa mit dem in den Parlamenten überein.

    Das Problem des geringen Frauenanteils in den Parteien ist also nicht, dass Frauen etwa bei der Besetzung von Ämtern oder bei der Kandidatenwahl benachteiligt würden – es gibt einfach prozentual weniger Frauen in den Parteien als Männer. Und das gilt für alle Parteien, auch wenn das Phänomen bei den Linken und den Grünen schwächer ausgeprägt ist als bei der FDP und der CSU.

    Daran wird sich, wie es aussieht, in nächster Zeit auch nichts ändern. Zwar nimmt der Frauenanteil in fast allen Parteien nach und nach zu, aber erstaunlicherweise liegt das nicht daran, dass mehr Frauen in die Parteien eintreten als Männer. Vielmehr scheint es sich um einen Nebeneffekt des allgemeinen Mitgliederrückgangs in den Parteien zu handeln. Während nämlich der Anteil der Frauen bei den Neueintritten konstant ist, nimmt ihr Anteil in den Parteien etwas zu, mit anderen Worten, Frauen treten seltener aus Parteien aus, als Männer.

    Das bedeutet aber, dass auf lange Sicht in allen Parteien weniger Frauen als Männer Mitglied sein werden, das Interesse, sich in einer politischen Partei zu engagieren, ist bei Frauen offenbar noch geringer als bei Männern.

    Müssen Parteien „attraktiver“ für Frauen werden?

    Jetzt könnte man sagen, dass die Parteien dann eben für Frauen „attraktiver“ werden müssten. Aber ob das wirklich helfen würde? Die Parteien tun ja schon vieles, um deutlich zu machen, dass auch Frauen politisch mitgestalten können, wenn sie sich engagieren. Bei den Linken und den Grünen sind die Spitzen paritätisch mit starken Frauen und Männern besetzt, sowohl in der Partei als auch in den Fraktionen. In der CDU gibt es die Bundeskanzlerin und die Verteidigungsministerin, bei der FDP haben Frauen in den vergangenen Jahren entscheidende Wahlen gewonnen. Das alles sollte deutlich machen, dass jede Person, unabhängig vom Geschlecht, in politischen Parteien die Chance hat, mitzugestalten – und wie gesagt, die tatsächlichen Anteile der Frauen in den Parlamenten zeigen auch, dass diese Chancengleichheit faktisch gegeben ist. Außerdem ist es nicht die vorrangige Aufgabe von Parteien, für bestimmte Bevölkerungsgruppen „attraktiv“ zu sein – da hätten alle Parteien dann auch noch ganz andere Aufgaben, etwa, für Menschen ohne Hochschulabschluss oder für jüngere Personen attraktiv zu werden. Auch diese Gruppen sind in allen Parteien nämlich „unterrepräsentiert“.

    Man muss konstatieren, dass das Engagement in einer politischen Partei, der Wettbewerb um politische Mandate, das verantwortliche Mitgestalten politischer Entscheidungen offenbar für die meisten Menschen nicht interessant genug ist, um sich dafür in einer politischen Partei zu betätigen. Und offenbar ist es für Frauen in der statistischen Betrachtung noch uninteressanter als für Männer. Das scheint in gewissem Umfang mit Politikfeldern zu tun zu haben, die ja von verschiedenen Parteien unterschiedlich besetzt werden, aber es gilt unterm Strich offenbar für alle politischen Themen.

    Ist das schlimm? Schwer zu sagen. Letztlich kann niemand gezwungen werden, sich für Politik zu interessieren und sich gar politisch zu engagieren. Und natürlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Engagements. Menschen können in Vereinen der Zivilgesellschaft tätig werden, können politische Kolumnen schreiben, können auf den Straßen demonstrieren – ob da mehr Frauen als Männer unterwegs sind, kann hier nicht mit Zahlen belegt werden.

    Die Frauenquote dringt nicht zu den Ursachen vor

    Gibt es noch andere Gründe für Frauen, nicht in politische Parteien einzutreten, als das geringere politische Interesse oder das geringere Interesse, an politischen Entscheidungen aktiv mitzuwirken? Sind sie vielleicht durch Familie und Beruf mehr eingespannt als Männer? Dazu liegen mir keine Zahlen vor. Allerdings ist auch der Anteil der Frauen in den Parteien in den Altersgruppen, in denen familiäre Verpflichtungen nicht mehr oder noch nicht so eine große Rolle spielen, nicht höher als bei Frauen in der Familienphase. Und überhaupt, das zeigen mir jedenfalls meine Erfahrungen, denken die wenigsten schon beim Parteieintritt über zeitliche Belastung und Politikerkarriere nach.

    Die meisten Menschen interessieren sich nicht für Politik, genauer, sie haben keine Lust, sich zu engagieren und im wahrsten Sinn des Worts „Partei zu ergreifen“. Wie es scheint, ist diese Lust bei Frauen noch weniger verbreitet als bei Männern. Ich bedaure das sehr, weil ich glaube, dass verschiedene Ansätze zur Problemlösung, verschiedene Denkstile, verschiedene Diskussionskulturen und verschiedene soziale Kompetenzen letztlich zu besseren Lösungen führen würden, und weil ich auch glaube, dass diese verschiedenen Fähigkeiten bei Männern und Frauen auch unterschiedlich verteilt sind. Mehr Frauen in den politischen Parteien würden dem politischen System sicher gut tun – aber das müsste damit beginnen, dass mehr Frauen in die Parteien kommen. Und diese Entscheidung trifft jede Frau und jeder Mann nun mal für sich. Eine Frauenquote hilft da nicht.

  • Lasst uns teilen!

    Lasst uns teilen!

    Wenn der Mensch nicht hungert, nicht Krieg und Not ausgesetzt ist, und wenn er nicht durch Naturkatastrophen, Missgeschick oder Bösartigkeit anderer um Hab und Gut gebracht ist, dann bleibt ihm doch eine große Sorge: sein eigentliches Leben zu verpassen. Andreas Weber will, dass wir deshalb mehr teilen. Manchmal, wenn wir kurz innehalten im Trott oder im Galopp des Alltags, dann fragen wir uns, ob wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden, ob wir nicht den falschen Dingen nachjagen oder uns von den falschen Leuten treiben lassen. Und gerade in der modernen westlichen Welt, in der der Hunger und die existenzielle materielle Not selten geworden sind, verdächtigen wir die Ordnung der Gesellschaft selbst, daran schuld zu sein, dass wir ein falsches Leben führen, dass wir uns falsche Prioritäten vorgaukeln lassen und dass wir alle zusammen und jeder einzelne von uns in eine falsche Richtung rennen.

    Andreas Weber: Teilen ist eine hohle Phrase

    Andreas Weber geht in seinem Buch Sein und Teilen genau von dieser Zeitdiagnose aus. Unsere Welt sieht er von einem Kapitalismus beherrscht, dessen Devise ist „Teile nicht! Vernichte!“, wir leben seiner Meinung nach in einer „Gesellschaft zerstörerischer Egoismen“. Der Imperativ des Teilens ist für Weber zu einer „hohlen Phrase“ verkommen und durch den Imperativ des Raffens ersetzt.

    Dem will der Andreas Weber etwas entgegensetzen. Er will das Teilen attraktiv machen, denn er meint, dass moralische Appelle nichts nützen. Stattdessen will Weber ein Umdenken in Gang setzen, das es attraktiv macht, dem Raffen und Vernichten zu entsagen und zu einem teilenden Sein überzugehen.

    Man muss der fundamentalen Kapitalismuskritik nicht folgen um der empathischen Forderung nach einem Überdenken unserer Handlungsprinzipien etwas abzugewinnen. Das, was Andreas Weber hier im Kern diagnostiziert, haben schon Hegel und spätestens Marx als Entfremdung beschrieben, und Heidegger hat mit seinem Fragen nach dem „eigentlichen Seinkönnen“ in „Sein und Zeit“ eine analytische Beschreibung der defizitären Seinsmodi des modernen Menschen beigetragen. Vieles, nicht nur der Titel von Webers Streitschrift, klingt nach Heideggers Kritik der modernen Gesellschaft, die insbesondere im Spätwerk explizit geworden ist. Es ist erstaunlich, dass Weber zwar selbst im Titel seines Buchs auf Heidegger anspielt, diesen aber im ganzen Buch nicht erwähnt – vielleicht ein zeitgemäßes Zugeständnis eines Autors, der doch ganz unzeitgemäß erscheinen will.

    Was hat Andreas Weber uns zu bieten, um das Teilen attraktiv zu machen? Sein Text ist ein Rundgang durch die Möglichkeiten des Teilens. Er beginnt mit der Einsicht, dass alles Leben ein Teilen ist, ein Geben und Nehmen. Dass jeder von uns Teil ist und nur in diesem Teil-Sein auch Selbst sein kann. Das ist zugleich schon die zentrale These, das wichtigste Argument Webers, das er im Verlauf seines Gedankengangs immer aufs Neue stützen und Untermauern möchte: Ein Individuum wird der Mensch nicht durch Abgrenzung und Unterscheidung, sondern durch Teilen und Integration. Sich als Teil eines umfassenden Ganzen zu verstehen, muss nicht bedeuten, in diesem Ganzen unterzugehen oder am Ende nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, vielmehr kann dieses Selbstverständnis uns dazu bringen, ein wirkliches individuelles Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    Teilen bringt uns zu uns selbst

    Andreas Weber will uns ein Umdenken attraktiv machen, nicht aus einer moralischen Verantwortung heraus, sondern aus dem Argument heraus, dass jeden von uns das Teilen zu sich selbst bringt. Dazu muss aber das Denken selbst sich wandeln, es darf nicht bei der rationalen Logik beginnen, es muss beim Fühlen anfangen. Im Fühlen, sagt Weber, erfahren wir die Welt in existenzieller Betroffenheit. Fühlen ist „die eigentliche Realität des Lebendigen“ und „Lebendigsein heißt Wirklichsein“. Indem wir fühlen, kommen wir mit allem in Verbindung und gewinnen so unsere Identität.

    Das mag etwas blumig klingen und es soll wohl auch so klingen. Man könnte die gleichen Gedanken wohl auch sachlicher ausdrücken, aber möglicherweise denkt Weber, dass er uns nur durch diese Sprache aus der Sachlichkeit des Effizienzdenkens herausreißen und in das Fühlen hineinziehen kann. Dafür wird jede Leserin und jeder Leser unterschiedlich empfänglich sein. Aber wenn man sich auf den Fluss des fühlenden Denkens bei Andreas Weber einlässt, und wenn man seine radikale Kapitalismuskritik teilt oder nachsichtig übersieht, hat man ein anregendes Buch vor sind, nach dessen Lektüre man durchaus einen anderen Blick auf sich selbst und das eigene Sein gewonnen hat.

  • Wenn Menschen zusammen Dinge tun

    Wenn Menschen zusammen Dinge tun

    Menschen kommen zusammen, um Dinge zu tun. Und manchmal, wenn diese Dinge langwierig, komplex, aufwändig zu tun sind, dann müssen sich die Menschen ganz auf diese Dinge konzentrieren. Es kommt dann darauf an, sich durch nichts ablenken zu lassen. Man findet sich etwa in standardisierten, schmucklosen Räumen zusammen, in denen sich nichts weiter befindet als das, was die Menschen brauchen, um die Dinge zu tun, die sie zusammen tun wollen, müssen oder sollen.

    Menschen lenken ab

    Trotzdem ist es fast unmöglich, sich durch nichts ablenken zu lassen, wenn Menschen zusammenkommen. Genau genommen schließt eins das andere aus, denn wenn Menschen zusammenkommen, dann ist immer Ablenkung von dem Ding da, was getan werden soll: die anderen Menschen nämlich.
    Zur Erledigung der Sache, die getan werden soll, spielt jede Person eine bestimmte Rolle, sie hat eine bestimmte Funktion. Wir können andere Menschen aber immer nur als ganze Menschen wahrnehmen, niemals nur als Funktionsträger und Rollenspieler. Wir sehen sie, und zwar nicht nur die Teile, die für die Sache wichtig ist, sondern den ganzen Menschen, mit Haaren, Händen und Füßen, großen Ohren und kleinen Nasen. Wir hören sie, nicht nur die Worte, die zur Sache gehören, sondern auch den Klang der Stimme, den Dialekt, auch das Atmen, Schniefen, Schlurfen, Husten. Und wir riechen sie auch, auch wenn wir gerade darauf gern verzichten würden. Zudem spüren wir sie auch noch, manchmal gehört das zur Erledigung der Sache dazu, etwa, wenn wir uns begrüßen, uns die Hand oder anderes reichen müssen, manchmal auch versehentlich, wenn wir uns beim Tun des gemeinsamen Werks zu nah kommen.

    Das alles lenkt von der Sache ab, um die es eigentlich geht. Man sagt, wir sollen uns konzentrieren, und Personen, die richtig professionell der Profession nachgehen, für die sie Rollenspieler und Funktionsträger sind, die können, so sagt man, die Dinge ignorieren, die nicht zur Sache beitragen. Das ist vermutlich nicht richtig. Auch wenn wir uns seit ein paar hundert Jahren mehr oder weniger erfolgreich einreden, dass wir im Wesen ja rationale Tiere seien, deren Verstand die unwichtigen Wahrnehmungen ausschalten könnte – wir sind Wesen mit Gefühlen, mit Sinnlichkeit, die umfassend ist und sich nicht abschalten lässt.

    Deshalb hat unsere Gesellschaft, die auf Effizienz und aufs Funktionieren hin konzipiert ist, ein paar Tricks erfunden. Sie bestehen im Wesentlichen darin, alle Personen zu uniformieren, die zu der Sache beitragen sollen, die zu machen ist. Die Uniform sorgt dafür, dass alle gleich aussehen, sodass wir uns schnell an einen normalen Anblick gewöhnen und keine ablenkenden Überraschungen mehr wahrnehmen müssen. Die Uniform bedeckt im besten Fall auch so weit wie möglich die Körperteile, in denen wir uns unterscheiden, sodass uns z.B. die Länge und Form der Beinbehaarung einer anderen Person nicht ablenken können.

    Uniformen

    Die Uniformierung der Personen, die gemeinsam Dinge zu tun haben, war vor Jahrzehnten stärker verbreitet und wurde ernster genommen, als das heute der Fall ist. Und das hat auch seine Vorzüge, denn es ist durchaus sinnvoll, dass die Menschen sich, wenn sie zusammen etwas erreichen wollen, als ganze Menschen wahrnehmen und nicht nur als funktionierende Rollenspieler. Auch der Small Talk, der Austausch von Freundlichkeiten, das Gespräch über Nebensächliches, können die gemeinsame komplizierte Sache befördern. Gerade, wenn man mit fremden Personen zusammenkommt, mit denen man gemeinsam eine Sache voranbringen will, kann das freundliche Gespräch gerade über das Nicht-Uniformierte, etwa über ein überraschendes Accessoire oder die Farbe eines Kleidungsstücks, der anderen Person signalisieren, dass man sie als angenehm empfindet und gern mit ihr in der Sache zusammenarbeitet. Der Austausch von Komplimenten über Äußerlichkeiten kann ein Klima schaffen, in dem die gemeinsame Sache, die man voranbringen will, besser gedeiht.
    Ob der Rückgang der Uniformität dieser Einsicht geschuldet ist, oder ob er vielleicht notwendige Folge der Tatsache ist, dass mehr und mehr Personen zum Vollbringen von Sachen zusammenkommen, die sich sonst fremd geblieben wären, kann dahin gestellt bleiben. Sicher ist: Überall, wo heute Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Dinge zu tun, gehören immer mehr dieser Personen zu Gruppen, die noch vor Jahrzehnten nicht dazu gehört hätten. Sie sind, aus der Perspektive ihrer Herkunft und ihres übrigen Selbstverständnisses gesehen, zunächst Fremde. Die Uniformierungsgewohnheiten der Gemeinschaft, in die sie hineinkommen, lehnen sie vielleicht nicht ab, aber für sie persönlich sind diese Gewohnheiten oft nicht akzeptabel, unpassend oder wären sogar ganz ungewöhnlich.

    Fremde

    So werden diese zunächst Fremden, die ja dann auch erst mal in der Minderheit sind, im Umfeld der Immer-Noch-Uniformierten auffallen. Sie bringen Farbe in die graue Eintönigkeit der Uniformen. So werden sie auch – ganz selbstverständlich – diejenigen sein, die man am ehesten nicht nur als Funktionsträger und Rollenspieler wahrnimmt, sondern eben als ganzen Menschen. Und diese Personen werden auch auf der Ebene des Small Talks, des Gesprächs über Nebensächlichkeiten, auf ihr Anderssein hin angesprochen werden, in Form von lobenden Freundlichkeiten und Komplimenten. Das jedenfalls für eine Weile, bis die Uniformität sich ohnehin aufgelöst hat und die Neuen auch nicht mehr die Minderheit sind und auch nicht mehr als Fremde erlebt werden.

    Fremd sein, das muss nicht unbedingt bedeuten, als Feind wahrgenommen zu werden, als Person, die entweder schnell so werden soll, wie Alle sind, oder draußen zu bleiben hat. Das Fremde hat auch immer einen verlockenden, verführenden Reiz, es stiftet dazu an, selbst anders zu werden. So oder so hat es jedoch auch immer eine Unsicherheit, eine Gefährlichkeit. Niemand weiß so genau, wie man richtig mit der Überraschung der Fremdartigkeit umgehen soll. Missverständnisse sind kaum ausgeschlossen, und alle müssen nachsichtig miteinander sein. Denn am Ende sind wir eben ganze Menschen, die zusammen Dinge tun wollen.

  • Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Es ist nun schon ein paar Wochen her, dass mein geschätzter Kolumnisten-Kollege Sören Heim sich ausführlich mit ein paar Anmerkungen von mir über Redeweisen von etwas „spezifisch Deutschem“ oder etwas „spezifisch Lyrischem“ auseinandergesetzt hat, und ich möchte nicht einen Monat vergehen lassen, bevor meine Antwort dazu erscheint.

    Ich war zunächst ziemlich überrascht, dass ein Autor, der kürzlich noch sehr nachvollziehbar dargestellt hat, dass sich nicht alles, was des Sagens wert ist, klar und einfach ausdrücken lässt, eine Definition aus einem Standardwerk für maßgeblich hält, wenn es um die Frage geht, was denn wohl „das Lyrische“ sei. Er gesteht dann auch zu, dass es wohl auch andere Definitionen gäbe, dass auch immer Grenzfälle und Grauzonen existieren; aber wer nach dem Spezifischen sucht, so meint Sören Heim, der solle sich bitte an eine Definition halten. Alles andere sei etwas Diffuses und eben nichts Spezifisches. Wer einen spezifischen Begriff wolle, der schlage eine Definition nach; wer hingegen einen „frei fließenden“ Begriff wolle, könne darauf verzichten.

    Was ist spezifisch?

    Sören vermutet, dass wir sehr unterschiedliche Begriffe von „Spezifizität“ haben müssten; ich bin da nicht so sicher. Ein spezifischer Begriff muss ein Phänomen klar erkennbar machen, darin sind wir einig. Aber er muss das, meine ich (wohl im Gegensatz zu ihm) nicht durch eine Lexikon-Definition leisten, sondern dadurch, dass er sich im Sprachgebrauch einer Gemeinschaft bewährt. Ein solcher Begriff kann durch Beispiele und Versuch und Irrtum eingeübt werden.

    Im Ergebnis kommt es dazu, dass in einer solchen Gemeinschaft Sätze verwendet und verstanden werden wie: „Dieser Text ist geradezu das Paradigma des Lyrischen“, oder „Dies sieht zwar aus wie ein Gedicht, aber es ist vollkommen unlyrisch.“ Oder „Dieser Text ist zwar eine Erzählung, aber er ist unglaublich lyrisch geschrieben“.

    In der Gemeinschaft, in der solche Sätze verstanden werden, werden auch Begründungen gegeben, verstanden, akzeptiert und verworfen. Dies geschieht nicht durch Verweise auf Lexika; denn wie Sören Heim selbst schreibt, lässt sich jede Definition durch eine andere ersetzen. Die Begründung erfolgt tatsächlich durch Verweise auf nachvollziehbare Attribute: „Sprich das doch mal laut, spürst du nicht die Rhythmik?“ könnte jemand sagen, und ein anderer würde erwidern „Da ist zwar Rhythmik, aber sie ist hölzern, ganz unmelodisch“ usw.

    Diese Gespräche würden zeigen, dass die Sprachgemeinschaft tatsächlich einen gemeinsamen Begriff des Lyrischen hat, der ziemlich spezifisch ist, denn es ist klar, dass die Beurteilung, ob ein Text nun lyrisch ist oder nicht, ganz und gar nicht beliebig ist, dass jeder, der sich an der Beurteilung beteiligt, eine klare Meinung hat, für die er gute Gründe vorbringt, und dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt, andere zu überzeugen. In so einer Gemeinschaft herrscht es Einigkeit darüber, dass es auf lange Sicht die Möglichkeit gibt, einen Konsens über die Frage herzustellen, ob ein Text als lyrisch angesehen werden kann, oder nicht. Man wird einzelne Elemente heranziehen, man wird Beispiele zum Vergleich nehmen, bei denen man bereits einig ist, usw.

    Grauzonen und Grenzfälle

    Gerade die Tatsache, dass man Definitionen als mehr oder weniger brauchbar ansehen kann, dass man Grenzfälle und Grauzonen kennt, dass man auch Fälle, die gemäß Definition gar nicht zum Bezirk des Begriffs gehören, durch Verwendung eben dieses Begriffs charakterisieren kann: all das zeigt, dass man schon vor aller theoretischen Analyse über einen sehr spezifischen Begriff verfügt.

    All das kann man nun auch für das „spezifisch Deutsche“ so finden: man ersetze in meinem obigen Text einfach „lyrisch“ durch „deutsch“ und „Text“ wahlweise durch „Person“ oder „Verhalten“ und man wird sehen, dass es da keinen großen Unterschied gibt. So wird man vielleicht „ordnungsliebend“ oder „exakt-pedantisch“ und weiteres als Attribute heranziehen, wo ich oben von der Rhythmik in der Lyrik sprach – auch andere Begriffe sind sicher möglich -, und man wird sehen, dass sich ganz ähnliche Gespräche über Spezifisches führen lassen. Und das, was dabei charakterisiert wird, erläutert eben auch das Erleben von Vertrautheit und Fremdheit, das jemand empfindet, der Verhalten und Personen beobachtet, so, wie jemand, der viele verschiedene Gedichte gelesen hat, bei einem weiteren Text die Vertrautheit des Lyrischen oder die Fremdheit des Prosaischen erlebt.

    Sören Heim verweist aber noch auf etwas anderes, das mir in diesem Zusammenhang interessant erscheint. Er sagt, dass er Vertrautheit vielleicht eher in einem französischen Dorf als in einer deutschen Großstadt erlebt, und dass es dem Berliner doch wahrscheinlich gerade umgekehrt gehen könnte. Das ist natürlich richtig. So, wie ein Text nie nur als lyrisch bezeichnet werden kann, sondern z.B. auch einen Inhalt, einen Bezug zu bestimmten aufgerufenen Bildern und zu bestimmtem zeitlichen Kontext aufweist, und deshalb fremd erscheinen kann, selbst wenn er lyrisch vertraut klingt, so gilt diese Beobachtung noch stärker für das menschliche Verhalten. Ob die Vertrautheit aufgrund nationaler Zugehörigkeit für das Wohlgefühl des Einzelnen das Entscheidende ist, ist sicher von vielen Einflussfaktoren abhängig.

    Vertrautheit und Fremdheit

    Und überhaupt ist natürlich der Bezug auf die Nation letztlich fragwürdig, auch wenn der Nationalstaat einiges geprägt haben dürfte, was wir heute als spezifisch Nationales empfinden. Aber regionale Zugehörigkeiten, das spezifisch Westfälische, das spezifisch Rheinländische oder Bayrische, sind wohl weit mehr vertraut oder fremd als es das spezifisch Deutsche ist, das gleichwohl immer wieder im Verhalten durchscheint. Und da mag auch der Westfale mit dem Holländer viel vertrauter sein als mit dem Württemberger. Umso mehr dem Menschen allerdings der Bezug zum Regionalen verloren geht, und die mediale und regionale Mobilität zunimmt, desto stärker kann die nationale Vertrautheit, die durch die Muttersprache vermittelt wird, für ihn an Bedeutung gewinnen. Aber das wäre eine neue Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

  • Mehr Komplimente, bitte!

    Mehr Komplimente, bitte!

    Sicherlich, es gab Zeiten, in denen Männer untereinander die wichtigen Dinge der Gesellschaft besprachen, während sie für Frauen nicht mehr als ein paar nette Worte über ihr attraktives Aussehen, ihre Kochkünste oder ihre geschmackvolle Kleidung übrig hatten. Und ja: diese Zeiten sind noch nicht ganz vorbei. Deshalb ist es richtig, aufmerksam zu bleiben, ob Komplimente letztendlich nichts weiter als Mittel sind, Frauen aus den Diskussionen und letztlich aus den Entscheidungen herauszuhalten, die Männer für die wichtigen und entscheidenden halten.

    Komplimente sind mehr als Freundlichkeit

    Aber Komplimente sind weit mehr als eine freundliche Art, zu sagen, dass die Person, an die sie gerichtet sind, den Mund halten und freundlich lächeln sollte. Sie waren im Kern vielleicht nie ein Mittel der Ausgrenzung, auch wenn sie von Frauen nachvollziehbarer Weise so empfunden wurden. Sie waren schon in früheren Jahrzehnten vielleicht vor allem der unbeholfene Versuch, mit den unbekannten Wesen, denen der Mann im Geschäftsleben und in der Politik nie begegnete, ins Gespräch und in Kontakt zu kommen.

    Heute sind Komplimente die Weise, uns gegenseitig deutlich zu machen, dass wir uns auch als Menschen und nicht nur in einer Rolle, nicht nur funktional wahrnehmen. Sie sind eine Form des Small Talks, der Beziehungen auf der emotionalen Ebene aufbaut.

    Im Kompliment sagt der, der es ausspricht, zweierlei, und zwar nicht nur zu der Person, an die das nette Wort gerichtet ist, sondern an alle gerichtet, die es hören: Einerseits gibt er zu erkennen, dass er ein Mensch ist, nicht nur ein Rollenträger, und dass er mit allen Anwesenden eine wichtige menschliche Eigenschaft teilt: die der ästhetischen Wahrnehmungsfähigkeit, auch wenn er in der aktuellen Situation vielleicht eine bestimmte trennende Rolle einzunehmen hat. Andererseits sagt er eben auch: Ich nehme euch alle, und stellvertretend für euch diese Person, der mein Kompliment gilt, als Menschen wahr, nicht nur als Rollenspieler, die eine Funktion für mich haben.

    Der Kitt der Gemeinschaft

    Ästhetische Wahrnehmung, als Teil des emotionalen Beziehungsgefüges, das wir gestalten, um unsere Verhältnisse zu anderen zu stabilisieren, gehört zum Kitt der Gemeinschaft, der auch hält, wenn funktionale, ökonomische, rationale Interessenskonflikte auftreten. Deshalb brauchen wir sie, um unser Zusammenleben menschlich zu gestalten.

    Und deshalb sind Komplimente auch aus einem weiteren Grund wichtig: Sie spornen uns an, uns selbst und damit unsere Welt schöner zu machen, angenehmer. Das Kompliment ist die Anerkennung für diese Bemühungen.

    Also brauchen wir nicht weniger sondern mehr Komplimente, auch in der Öffentlichkeit. Wenn heute immer noch mehr Frauen Komplimente bekommen als Männer, sollte das nicht im Interesse einer anzustrebenden Gleichstellung zum Kampf gegen Komplimente als angeblichem Ausdruck von Sexismus führen, sondern im Gegenteil dazu motivieren, auch Männern Komplimente zu machen. Es ist angenehm, für einen geschmackvollen Anzug oder ein mutig gemustertes Hemd gelobt zu werden, sicherlich freut es auch, wenn jemand bemerkt, dass meine Bemühungen beim Joggen auch von einem äußerlich erkennbaren Erfolg gekrönt waren.

    Wenn ältere Männer heute jungen Frauen in aller Öffentlichkeit Komplimente machen, um über schwierige Momente der Kommunikation hinweg zu kommen, sollten wir sie nicht als Sexisten beschimpfen oder als Dinosaurier einer fremden fernen Zeit verurteilen, sondern als Botschafter einer vielleicht kommenden schöneren Welt ansehen, in der auch Frauen den Männern, denen sie begegnen, sagen, dass sie gut aussehen und attraktiv gekleidet sind, bevor man gemeinsam zur Tagesordnung übergeht.

  • Faszination Suizid?

    Faszination Suizid?

    Selbstmord oder Freitod? Schon in diesen beiden verschiedenen Namen für die gleiche Handlung wird deutlich, wie unterschiedlich der Umgang einer Gesellschaft mit dem Akt der Selbsttötung eines Menschen sein kann. Thomas Macho vermeidet in seinem Buch „Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne“ beide Begriffe, er spricht lieber neutral vom Suizid.

    Die Frage nach dem Suizid sei ein Leitmotiv der Moderne, diese These will Macho auf rund 450 Seiten belegen. Die ergänzenden 80 Seiten Anmerkungen und Literaturverweise zeigen, dass Macho sich auf umfangreiche Recherchen und intensives Quellenstudium stützt. Allerdings sucht man in den zitierten Werken fast ganz vergebens nach empirischen Studien zu Suiziden, nach soziologischen oder psychologischen Untersuchungen über Ursachen der Selbsttötung. Schaut man einmal in solche Studien, etwa in die viel zitierte Metastudie „Psychiatric diagnoses in 3275 suicides: a meta-analysis“ von 2004, so stößt man auf den Befund, dass in ca. 90% der Suizide in der Gegenwart mentale Krankheiten eine Rolle spielen. Dazu gehören vor allem die Depression und andere psychische Krankheiten, aber auch Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.

    Diese tatsächlichen Ursachen von Suiziden sind jedoch nicht Machos Thema. Macho geht es in seinem Buch gar nicht um die Frage, warum Menschen sich heute umbringen oder warum sie sich vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten umgebracht haben. Wer erwartet, dass Macho Ursachen für den Selbstmord in der modernen Gesellschaft sucht oder gar nach Wegen zur Verhinderung von Suiziden fahndet, wird enttäuscht. In seinem Buch findet man auch keine Beurteilung des Selbstmordes, weder wird dem Selbstmörder, noch seiner Umgebung ein Versäumnis zur Last gelegt oder eine Schuld zugewiesen.

    Es geht Macho um etwas anderes, nämlich um den kulturellen Umgang mit der Idee des Suizids, es geht ihm darum, wie die Kultur die Idee, dass ein Mensch seinem Leben selbst ein Ende setzt, sieht, wie sie mit diesem Phänomen umgeht. Ihn interessiert, wie der Suizid in der Kunst, im Film, in der Philosophie diskutiert und dargestellt wird, er verfolgt die metaphorische Verwendung des Begriffs etwa in der Rede vom „Selbstmord der Menschheit“. Er verfolgt die Rolle und die Bewertung des Suizids im Verlauf des 20. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit Kriegen, mit dem Faschismus und der Judenverfolgung.

    Wie verändert es eine Kultur, wenn sie sich von der Möglichkeit des Suizids faszinieren lässt, wenn sie ihn als eine „Selbsttechnik“ auffasst? Der einzelne Mensch in der Moderne macht sich selbst zum Gegenstand eines Entwurfs, er ergibt sich nicht seinem Schicksal sondern entscheidet selbst, wie er leben – und wie er schließlich sterben will. Zunehmend kommen wir also zu einem Selbstverständnis, aus dem heraus wir auch unseren je eigenen Tod selbst bestimmen und gestalten wollen. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf den Umgang mit dem „assistierten Suizid“, mit der „Sterbehilfe“, die Macho ebenfalls ausführlich diskutiert. Macho reflektiert die kulturellen Reflexionen des Phänomens des Suizids, sein Ziel ist eine Gesellschaftsdiagnose anhand der Rolle, die der Suizid im Diskurs der modernen Gesellschaft spielt.

    Er unterscheidet zwischen Gesellschaften, die den Suizid ablehnen und verachten, und solchen, die vom Suizid fasziniert sind, und er konstatiert für die Moderne eine zunehmende Suizidfaszination. Ob die Zahl der Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, dabei tatsächlich zunimmt, ist für diese Diagnose nicht relevant, entscheidend ist, wie mit dem Motiv, mit der Idee des Selbstmordes umgegangen wird. Wird der Suizid verurteilt, oder wird er als legitim angesehen, als zulässige Option der Gestaltung des eigenen Lebens? Ist es dem Einzelnen überlassen, zu entscheiden, wann sein Leben endet?

    Für die Moderne stellt Macho fest, dass es zu einer Neubewertung des Suizids kommt, die sich auf verschiedenen Gebieten beobachten lässt, in der Religion ebenso wie in der Philosophie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Wenn die moderne Gesellschaft das selbstbestimmte Leben propagiert, wenn mein Leben nicht dem Staat, nicht Gott, nicht einem Kollektiv und nicht der Familie, sondern mir selbst gehört, dann muss das letztlich auch für meinen Tod gelten – und dann muss die Gesellschaft und meine Umgebung auch klaglos akzeptieren, dass ich selbst entscheide, wie und wann es zu Ende geht.

    Die größte Schwäche des Buchs benennt Macho am Ende selbst, wenn er im Nachwort Wittgenstein zitiert, der sich selbst als einen schlechten Führer bezeichnet hat, weil er seinen Gästen nicht zuerst die Hauptstraßen zeige, sondern sich leicht von interessanten Nebensächlichkeiten ablenken lasse. Was bei Wittgenstein als Koketterie durchgehen mag, ist für Machos Buch leider richtig. Allzuoft verliert er sein Ziel, seine großen Thesen zu belegen, ganz aus dem Blick, um sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die auch interessant sein mögen, aber zum Anliegen des Buchs nichts beitragen. Da hätte man sich einen strengeren Lektor gewünscht, der dem Autor beim Streichen des Überflüssigen zur Seite gestanden hätte.
    Machos Buch ist dennoch ein hilfreicher Beitrag zum Verständnis der modernen Kultur.

    Seine These von der Suizidfaszination der modernen Gesellschaft mag überspitzt sein, aber die Frage, wohin es führt, wenn wir die Idee der Selbstbestimmtheit des Einzelnen zu Ende denken und eine Kultur etablieren, die den Suizid als Option akzeptiert, wird von Macho anregend diskutiert. Dabei wird auch klar: Die Moderne ist nicht die erste Gesellschaft in der Menschheitsgeschichte, die vom Suizid fasziniert ist, und deshalb kann die Akzeptanz des Freitods auch wieder durch eine Verurteilung des Selbstmords abgelöst werden.

    Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp 2017.