Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Die Wahrheit über die Wahrheit

    Die Wahrheit über die Wahrheit

    Gibt es Wahrheit? Das hat mich ein Bekannter per Messenger gefragt. Und hier kommt meine Antwort:

    Ja, sicherlich gibt es Wahrheit!

    Ich halte einen Ansatz[1] für plausibel, bei dem man von einem Satz sagt, dass er wahr ist, wenn er mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Wahrheit, das ist dann die Aussage des Satzes, und es ist die Wahrheit über einen tatsächlichen Vorfall, ein tatsächliches Ereignis in der Realität.

    Ein Beispiel: Der Satz „Ein Bekannter hat mich per Messenger gefragt, ob es Wahrheit gibt“ ist wahr, wenn mich tatsächlich ein Bekannter per Messenger gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Dann ist es die Wahrheit, dass mich der Bekannte das gefragt hat. Also gibt es die Wahrheit.[2]

    Über jedes tatsächliche Ereignis gibt es eine Wahrheit, wenn man irgendwie einen Satz formulieren kann, der dieses Ereignis beschreibt. Und dieses „Irgendwie“ sollte man, da gibt es erstmal kein Gegenargument, ziemlich weit auffassen: Es ist vorstellbar, dass man über dieses Ereignis irgendwann mal in irgendeiner Sprache, sei es eine natürlich Sprache wie Deutsch, sei es die Formelsprache der Physik, berichten können wird.

    Allerdings könnte es sein, dass es eben Ereignisse gibt, für die das nicht so gut vorstellbar ist. Der einfache Satz „Ich liebe dich.“ scheint zunächst eine einfache Tatsache zu beschreiben und für den Fall, dass ich dich tatsächlich liebe, die Wahrheit zu sagen. Aber so einfach ist es nicht, darauf komme ich gleich zurück.

    Aber kann ich wissen, was wahr ist?

    Erstmal ist ja die Frage, ob ich überhaupt die Wahrheit wissen kann. Was heißt denn Wissen? Die Alten Griechen waren der Ansicht, Wissen wäre die gerechtfertigte Überzeugung von etwas Wahrem. Ich bin überzeugt, dass der Bekannte mir obige Frage gestellt hat, und es ist auch wahr. Und ich kann das auch rechtfertigen, wer dran zweifelt, dem schicke ich einen Screenshot von meinem Chatverlauf. Oder ich öffne die passende App und zeigen ihm direkt den Chat. Also weiß ich über diese Sache die Wahrheit.

    Wenn ich eine gerechtfertigte Überzeugung habe von etwas, das wahr ist, dann weiß ich es. Man kann die Sache komplizierter machen, es gibt eine lange Diskussion zu dieser Frage, aber für unsere Zwecke soll das mal so gelten. Die spannende Frage ist nämlich: Kann ich wissen, dass ich die Wahrheit weiß? Und wenn nicht, weiß ich sie dann überhaupt?

    Ich bin überzeugt davon, dass der Bekannte mich gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Ich kann diese Überzeugung gut begründen. Wenn er mich tatsächlich gefragt hat, dann kann ich sagen, dass ich‘s weiß, wenn er mich aber in Wirklichkeit gar nicht gefragt hat, sondern irgendein böser Hacker sein Messenger-Konto gehackt hat, um mich mit philosophischen Fragen vom Leben abzuhalten, dann irre ich mich, dann habe ich nur gemeint, dass ich es weiß, aber ich habe mich getäuscht, genauer, ich wurde getäuscht.

    Ob das, was ich für die Wahrheit halte, wirklich die Wahrheit ist, kann ich also niemals so ganz sicher sagen, solange ich aber das nicht kann, weiß ich nicht, ob ich etwas weiß, oder ob ich mich täusche. Also weiß ich von dem, was ich zu wissen meine, nie ganz genau, ob ich es wirklich weiß.[3]

    Es kommt drauf an, worum es geht

    Auf diese Weise hinreichend verwirrt, können wir uns um die wirklich interessanten Fälle kümmern. Die in der physischen Welt einfach vorkommenden Tatsachen, dass hier vor mir sich eine Tastatur befindet, auf der ich diesen Text schreibe etwa, sind ja eigentlich langweilig. Wir haben ziemlich zuverlässige Sinne und Rechtfertigungsverfahren für die Feststellung der Wahrheit in diesen Dingen. Es ist ein sehr spezielles philosophisches Spiel, zu zeigen, dass man sich natürlich auch darin nicht sicher sein kann – vor allem, daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, die eine Relevanz fürs Leben haben könnten.

    Wichtiger ist es, für Sätze wie „Ich liebe dich“, „Du siehst gut aus“, „Trump ist ein Idiot“ oder „Es gibt einen Klimawandel“ herauszufinden, ob es da so etwas wie Wahrheit gibt. Der Satz „Trump ist ein Idiot“ ist genau dann wahr, wenn Trump tatsächlich ein Idiot ist. Was aber bedeutet es „tatsächlich ein Idiot“ zu sein? Was bedeutet „Idiot“ und wann „ist“ man ein Idiot? Nur, wenn man das zuverlässig klären könnte, und wenn man sagen könnte, wie diese Worte „ist“ und „Idiot“ mit der Realität verbunden sind, könnte man überhaupt eine Aussage darüber machen, ob der Satz über Trump diese Realität richtig beschreibt.

    Die Wahrheit über Trump

    Man braucht also eine weitere Art von Sätzen, nämlich solche, die Begriffsbedeutungen bestimmen.  „Ein Idiot ist einer, der dauernd Tweets in die Welt schickt, bei deren Lektüre sich die meisten Menschen entsetzt vor den Kopf schlagen und ungläubig mit dem Kopf schütteln“. Das wäre jetzt natürlich eine Begriffsbestimmung, die sehr stark darauf zugeschnitten ist, den Satz „Trump ist ein Idiot“ auch wahr zu machen. Man kann die Tatsache, die als Kriterium dienen soll, recht einfach überprüfen, und damit könnte man dann die Überzeugung rechtfertigen, die man mit dem Satz über Trump ausgesprochen hat.

    Sätze, die Begriffsbestimmungen enthalten, sind selbst natürlich nie wahr oder falsch, und das macht das mit der Wahrheit der Sätze über die Wirklichkeit, die diese Begriffsbestimmungen verwenden, auch so schwer. Man muss die Begriffsbestimmung akzeptieren, um beurteilen zu können, ob der Satz eine Wahrheit ausspricht, oder nicht. Auch über Trump und seinen Geisteszustand gibt es sicherlich eine Wahrheit, aber ob diese Wahrheit in dem obigen Satz zutreffend ausgesprochen ist, hängt eben davon ab, ob die Begriffsbestimmung passt.

    Allerdings haben die Menschen in der Gemeinschaft eine ziemlich gute Fähigkeit entwickelt, Konsens über die Bedeutung von Begriffen zu erzielen, ohne Begriffsbestimmungen zu formulieren. So kann man einfach auf jemanden zeigen und sagen: Das ist ein Idiot. Und wenn die Leute das oft genug machen, werden sie bald merken, dass sie den Begriff „Idiot“ in dem Sinne richtig anwenden, dass wenn einer auf eine Person zeigt und sagt „Das ist ein Idiot“ die umstehenden sagen (oder auch nur denken) „Das stimmt“. In so einer Gemeinschaft wäre der Satz „Trump ist ein Idiot“ dadurch gerechtfertigt, dass alle ihm zustimmen. Es könnte auch sein, dass einer fragt: „Warum meinst du das?“ und der andere antwortet „Schau dir seine Tweets an!“ und der erste, nachdem er das getan hat, sagt „Stimmt, jetzt weiß ich es auch: Es ist wahr, Trump ist ein Idiot!“

    Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Wahrheit

    Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es dann also auch Wahrheit hinsichtlich der Realität, sogar hinsichtlich ziemlich verwickelter Fälle.[4] Es ist sogar so, dass diese Gemeinschaft sich durch diese gemeinsamen Wahrheiten selbst konstituiert. Denn wenn in dieser Gemeinschaft einer nicht akzeptieren will, dass Trump ein Idiot ist, dann gehört er eben nicht dazu.

    Allerdings ist uns nun der bestimmte Artikel „die“ vor „Wahrheit“ abhanden gekommen. Denn hinsichtlich eines real vorkommenden Sachverhalts kann es nun mehrere Wahrheiten geben, es gibt nicht mehr „die Wahrheit“ – jede Gemeinschaft hat ihre eigenen Wahrheiten.

    Da ich annehme, dass meinen Bekannten gerade solche Fälle interessiert haben, muss ich also sagen:

    Nein,  diese Wahrheit gibt es nicht. Es gibt keine Wahrheit über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, auf die sich alle Menschen am Ende einigen können müssten.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [1] Man bezeichnet diesen Ansatz als „Korrespondenztheorie der Wahrheit“. Er setzt voraus, dass es eine Realität gibt und dass wir diese Realität mit unseren Aussagen zutreffend beschreiben können. „Wahrheit“ hat dann mit dieser Realität zu tun, mit dem Verhältnis der Aussagen zur Realität. Man könnte auch die Wahrheit von Aussagen innerhalb reiner Aussagensysteme untersuchen, also etwa die Aussage des Satzes „Harry Potter hat eine Narbe am Fuß.“ Aber ich glaube, um solche Fragen ging es meinem Bekannten nicht.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [2] Hier könnte man einwenden, dass völlig unklar ist, was dieses „es gibt“ in Bezug auf „Wahrheit“ bedeuten soll. Eine Wahrheit ist kein Ding wie ein Auto oder ein Computer, die es physisch in Zeit und Raum gibt. „Gibt es“ Wahrheit als Eigenschaft eines Ereignisses in Raum und Zeit, so wie das Ereignis „laut“ oder „rot glänzend“ sein kann? Wahrscheinlich auch nicht. Das ist eine spannende philosophische Frage, die aber zu der meines Bekannten wahrscheinlich nicht viel beiträgt. Ich vermute, er meint „es gibt“ in Bezug auf Wahrheit einfach so: Kann man eine klare Aussage bezüglich eines Ereignisses treffen, von der man sicher sein kann, dass sie wahr ist?

    [3] Immer wieder lesenswert in dieser Frage ist „Über Gewissheit“ von Ludwig Wittgenstein. Er diskutiert auch die schöne Formel „Ich glaubte zu wissen“.

    [4] Man kann sagen, dass diese Gemeinschaft eine Konsenstheorie der Wahrheit annimmt. Genau genommen laufen alle meine Überlegungen hier darauf hinaus, dass man für die Wahrheit eine Art Komplemetär-Prinzip ähnlich der Quantentheorie bräuchte. Für bestimmte paradigmatische Situationen würde sich die Korrespondenztheorie als angemessen herausstellen, für andere die Konsenstheorie (oder eine Kohärenztheorie). Beide zusammen ergäben ein gutes Verständnis von Wahrheit. Aber das muss ein andermal ausgeführt werden.

  • Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Lassen Sie uns nachdenken. Ständig werden wir ja dazu aufgefordert, nachzudenken. Schon die Eltern forderten uns dazu auf: „Denk doch mal nach!“ Und wenn wir etwas angestellt hatten, dann fragten sie uns „Hast du denn gar nicht nachgedacht?“ Es nicht zu tun ist ein Vorwurf, der uns irgendwie das ganze Leben begleitet. Es scheint etwas zu sein, was uns vor vielen Gefahren bewahren könnte, aber was wir doch viel zu selten tun. Nachdenklichkeit ist etwas Lobenswertes.

    Aber wir sollen, so sagt man dann auch wieder, nicht zu lange nachdenken. Manchmal sollen wir einfach etwas tun, ohne viel nachzudenken. Dann scheint es wieder etwas zu sein, was vom Handeln abhält. Entweder, weil es nie zu einem Ende kommt, oder, weil es Einsichten produziert, die uns vor dem Handeln zurückschrecken lassen.

    Nachdenken ist etwas Paradoxes, denn wir sollen es tun, bevor wir handeln. Dabei verweist die Vorsilbe „Nach“ doch darauf, dass es erst später kommt, nach etwas anderem. Wem denkt das es nach? Und welchem Handeln geht es voraus? Mit solchen Fragen sind wir schon mitten im Nachdenken.

    Nachdenken – das Wort kann man ganz unterschiedlich verstehen. Es kann zum einen heißen, dass wir irgendetwas – erlebtes, gelesenes, gehörtes – denkend nachvollziehen. Dann ist es ein Denken, dass auf das Erleben folgt. Ein Denken, das das erlebte verständlich machen soll, das es vielleicht in anderes erlebtes einordnen soll.

    Zum anderen kann es auch das Nachvollziehen eines anderen Denkens sein. Da gibt es einen Vordenker, und Sie sollen ihm folgen, so, wie sie einem Vorgänger nachgehen. Einer bereitet den Denkweg, die anderen denken hinterher.

    Wir müssen, wenn wir darüber nachdenken, zugeben, dass das Nachdenken zwar von beidem etwas hat, aber doch eigentlich etwas ganz anderes ist. Die Vorsilbe „Nach“ ist eine Täuschung, sie führt uns auf eine falsche Spur. Es ist ein Aufbruch in eine unbekannte Welt, es ist etwas, wie nachschauen, nachfragen, nachhaken. Wir graben tiefer, wir gehen weiter. Dabei sind wir beharrlich, aber auch behutsam, wir gehen Schritt für Schritt und versuchen, den Kontakt zum bisherigen zu behalten: wir sind nachhaltig. Es kommt uns nicht auf den schnellen Erfolg, sondern auf langfristige Einsichten an.

    Mit dieser Kolumne beginnt das „Wörterbuch der Phänomene“, in dem alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht wird, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

  • Was Brett Kavanaugh hätte sagen können

    Was Brett Kavanaugh hätte sagen können

    Man stelle sich einmal vor, Brett Kavanaugh hätte gestern bei der Anhörung etwa folgendes gesagt:

    Das, was Christine Blasey Ford und die anderen Frauen über mein Verhalten vor rund 35 Jahren ausgesagt haben, entspricht im Wesentlichen den Tatsachen. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, ich war betrunken und es ist viel Zeit vergangen, in der ich diese Ereignisse fast vergessen habe, aber vermutlich hat es sich so oder so ähnlich zugetragen, wie es von diesen Frauen berichtet wurde.

    Ich war damals 17 bis 19 Jahre alt, und wir Jungs haben bei diesen Partys leider nicht darüber nachgedacht, was wir den Mädchen antun. Das bedaure ich heute und ich denke, dass es eine große Schwäche in meiner Persönlichkeitsentwicklung war, dass ich das damals noch nicht gesehen habe. Ich, Brett Kavanaugh, weiß, dass andere in meinem Alter sich rücksichtsvoller verhalten haben als ich, und deshalb möchte ich mich nicht mit meinem Alter und der damaligen anderen gesellschaftlichen Stimmung herausreden.

    Lange habe ich gar nicht über meine Taten von damals nachgedacht und fast hätte ich es ganz vergessen gehabt. Erst in den letzten Jahren und Monaten, angeregt durch viele Berichte von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung, habe ich mein damaliges Verhalten reflektiert. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht akzeptabel war.

    Ich möchte mich dafür entschuldigen und ich denke, wir müssen alles dafür tun, dass wir ein Klima schaffen, in dem solche Handlungen, wie ich sie damals vorgenommen habe, auch im Freundes- und Bekanntenkreis nicht akzeptiert und schon gar nicht bejubelt werden.

    Würde Brett Kavanaugh dann zum Richter ernannt werden?

  • Zeig mir deine Fußmatte…

    Zeig mir deine Fußmatte…

    Ein Gang durchs Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses ist abwechslungsreich wie ein Museumsbesuch. Zehn Türen, und vor jeder Tür eine Fußmatte – aber jede ist anders. Zeige mir deine Fußmatte und ich sage dir, wer du bist.

    Halten wir uns nicht lange bei jenen einfachen, funktionalen, dünnen Matten auf, auf deren gummiertem Grund ein einfarbig-dezenter rauer Kunststoffbelag aufgetragen ist. In größeren Abmessungen sind sie auch in Büros und Behörden zu finden. Sie gehören zu Leuten, die denken: Ist doch egal, wie es vor meiner Tür aussieht, Hauptsache, der Dreck bleibt draußen.

    Reden wir auch nicht lange über die abgewetzten alten Kokos-Matten, bei denen man Angst hat, dass man sie mit den Schuhen zerreißt, wenn man sich mit dem einen Bein fest darauf stellt, während das andere mit energischem Wischen den Schmutz von der Sohle in das Kokosgeflecht befördern will. Wer hinter einer Tür mit so einer Matte wohnt, hat womöglich für die praktischen Dinge des Lebens gar keinen Sinn, er ist mit den Gedanken nicht im hier und jetzt, sonst würde er ja bemerken, dass die Matte, vor Jahrzehnten erworben, ihren Zweck schon längst nicht mehr erfüllt. Er ist vermutlich Philosoph.

    Dann gibt es die einfarbigen, hochwertigen, mehrschichtigen Matten, gefertigt aus High-tech-Material, alterungsbeständig, hocheffektiv, auf dem neuesten Stand der Fußmatten-Forschung. Möglicherweise sogar ökologisch geprüft, fair gehandelt, vegan, biologisch abbaubar. Da hat jeder seine eigenen Prioritäten. Wichtig ist: Ich mache mir Gedanken über das, was ich mir da vor die Tür lege. Es handelt sich nicht nur um ein funktionales Produkt, das einen Zweck erfüllt, nein, es ist im Einklang mit meinen Werten, mit meinen Vorstellungen von einem gute Leben und einer guten Welt.

    Man sieht dieser Fußmatte nicht an, welchen Werten der Mensch hinter der Tür verpflichtet ist, man sieht nur, dass er Werte hat und dass sich diese Werte sich auch beim Fußmattenkauf auswirken. Sie sieht schlicht hochwertig aus. Sie ist so dick, dass man fasst darüber fällt, und sie ist auf keinen Fall dazu geeignet, in den Spalt unter der Tür geschoben zu werden, damit diese für den Moment nicht zuschlagen kann. Dazu ist sie ja auch nicht gedacht, dafür hat man einen Türstopper.

    Schließlich gibt es die witzigen Fußmatten, die mit den lustigen Sprüchen und den anspielungsreichen Aufdrucken. Ich gestehe, eine solche Fußmatte befindet sich vor meiner eigenen Wohnungstür. Kaum einer meiner Besucher bemerkt ihre Botschaft, und das hat einfachen Grund: Niemand muss vor meiner Tür warten. Man klingelt unten am Hauseingang und wird natürlich an der offenen Wohnungstür empfangen. Wer da steht, schaut beim Abputzen der Schuhsohlen nicht auf die Matte, sondern auf mich, der ich in freudiger Erwartung im Türrahmen stehe.

    Warum also kauft man sich solche Fußmatten? Einfache Antwort: Nicht für die Besucher, sondern für sich selbst. Jedes Mal, wenn ich diese Fußmatte betrete, erinnere ich mich daran, was für ein kreativer Typ ich bin und was für einen klugen Humor ich habe – und ich freue mich darüber.

    Fußmatten dieser Art sind also Modeartikel – denn auch die kaufen wir uns ja nicht für andere, sondern für uns selbst. Meine Hemden und Krawatten sind weniger Botschaften an andere, als vielmehr an mich selbst. Sie zeigen mich im Spiegel so, wie ich mich gern sehe und wie ich mich mag. Meine Fußmatte zeigt mir, wenn ich nach Hause komme: Das ist meine Wohnung, hier bin ich zu Hause, es ist so, wie es mir gefällt, und ich bin dort so, wie ich mir gefalle.

    Lesen Sie auch, was Jörg Phil Friedrich über die Neigung zu Selfies vor Sehenswürdigkeiten geschrieben hat.

  • Mansplaining – Nur für Männer!

    Mansplaining – Nur für Männer!

    Diese Kolumne richtet sich ausschließlich an Männer, Frauen sollten ab dieser Stelle nicht weiterlesen. Er schadet ihrer Gesundheit. Insbesondere diejenigen Frauen, die beim Lesen der Überschrift und nachdem sie bemerkt haben, dass der Autor ein Mann ist, ein gewisses Grummeln verspürt und kritisch die Augenbrauen hochgezogen haben, seien gewarnt: All Ihre Befürchtungen werden sich bestätigen.

    Also, liebe Männer, nachdem wir jetzt so ganz unter uns sind, möchte ich euch zwei Tipps geben: Wenn Ihr so Typen seid, die gern mal anderen Menschen was erklären, z.B. den Unterschied zwischen Web-App und nativer App oder ähnlich schwerwiegende Dinge, auch wenn die das vielleicht gar nicht erklärt haben wollen oder es vielleicht sogar selbst besser wissen: Schaut genau hin, ob euch ein Mann oder eine Frau gegenüber ist.

    Ist es ein Mann, macht ruhig weiter. Vielleicht schaut der euch genervt an und sagt: „Halt die Klappe, ich weiß das selbst.“ Oder er sagt: „Behalt deine Schlauheit für dich, mich interessiert das nicht!“ Zu mir hat sogar mal einer gesagt: „Hast du keinen Friseur? Erzähl dem das!“ – aber mehr passiert nicht.

    Wenn es aber eine Frau ist, der ihr euer Wissen aufdrängt, dann ist das, was ihr da macht „Mansplaining“ und das ist nicht nur nervig, sondern politisch, jawohl. Ihr seid dann nicht nur Besserwisser, sondern extrem reaktionär, fast AfD, oder so.

    Oder wenn ihr mal eine Person seht, die irgendwas macht, und ihr habt das Gefühl, sie stellt sich ungeschickt an, und ihr denkt, ihr könntet das schneller und besser und wollt gar helfen – oder nur zeigen, was ihr für geschickte Leute seid. Bevor ihr diese Person beiseiteschiebt und ihr das Werkzeug aus der Hand nehmt, schaut genau, ob es eine Frau oder ein Mann ist.

    Bei einem Mann, kann euch nicht viel passieren. Vielleicht schubst er euch zurück und sagt: „Ich will das selbst hinkriegen“ oder „Lass mich in Ruhe, ich kann das schon.“ Im schlimmsten Fall, wenn ihr es dann selbst nicht hinbekommt, werdet ihr ausgelacht. Bei einer Frau ist das auch Mansplaining. Da kann es euch passieren, dass ihr bei ihrem als Beispiel für diese schreckliche Sorte Männer herhalten müsst, die das Patriarchat aus dem vorletzten Jahrhundert wiederhaben wollen, die das Frauenwahlrecht ablehnen und überhaupt finden, dass Frauen besser zu Hause bleiben sollen. Denn was ihr dann macht, ist eben dieses Mansplaining, und das ist viel schlimmer, als einfach nur zu nerven.

    Wer als Mann als fortschrittlich und zeitgemäß gelten will, beherzigt am besten folgende Grundregeln: Helft keiner Frau, wenn sie nicht ausdrücklich darum bittet. Und macht nie mehr als wirklich nötig. Erklärt einer Frau nichts, wonach sie euch nicht explizit gefragt hat. Und kein Wort mehr als unbedingt erforderlich. Dann seid ihr moderne Männer. Eure Freude am Erklären und am Helfen lebt besser unter Männern aus.

  • Selfies: Selbstbildnis vor Sehenswürdigkeit

    Selfies: Selbstbildnis vor Sehenswürdigkeit

    Uns ist eine Kulturtechnik verloren gegangen, und dafür haben wir eine neue erlernt – Selfies machen. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren war es eine Selbstverständlichkeit, fremde Leute anzusprechen, damit sie von uns ein Erinnerungsfoto machen, wenn wir uns in der Sichtweite einer Sehenswürdigkeit befinden. Irgendwie waren die Fotoapparate damals nicht so konstruiert, dass man ohne weiteres den Auslöser betätigen konnte, während man in die Linse schaute. Obwohl das beim Smartphone oder Tablet natürlich auch einige Übung erfordert – aber sein entscheidender Vorteil ist ohnehin, dass man auf dem großen Display kontrollieren kann, was auf dem Bild später zu sehen sein wird – weshalb die meisten Menschen auf den Selfies auch gar nicht in die Linse schauen, sondern knapp daneben – eben aufs Display.

    Warum macht man sich die Mühe des Selfies?

    Man könnte ja schlicht die Sehenswürdigkeit selbst fotografieren, ohne selbst mit im Bild zu sein. Das hätte viele Vorteile: man sieht viel besser, was man da im Bild hat, die großartige Landschaft oder das bedeutende Gebäude wird nicht von einem Gesicht verdeckt, das ich jeden Tag im Spiegel sehen kann, und die Kamera auf der anderen Seite des Smartphones macht auch bessere Bilder. Trotzdem müht man sich, das teure Mobiltelefon irgendwie zwischen Zeige- und Ringfinger geklemmt, den Daumen auf dem virtuellen Drücker, sich selbst und die Gegend gemeinsam für ein Selfie  würdig ins Bild zu bekommen. Und dann noch lächeln!

    Man könnte die Gründe, wie die Philosophen sagen, rational rekonstruieren. Das heißt, wir können versuchen, irgendwelche möglichen vernünftigen Begründungen für unser Verhalten zu suchen. Etwa, dass wir uns später erinnern wollen, das wir wirklich selbst an diesem Ort waren. Oder, dass wir diese Tatsache anderen beweisen wollen.

    Aber mal Hand aufs Herz: Wer denkt sich sowas, bevor er das Foto macht? Rationale Gründe suchen wir meist, um das, was wir tun, im Nachhinein zu rechtfertigen, weil wir ja gelernt haben, dass wir vernünftige Wesen sind, die Gründe haben für das, was wir tun.

    Eine einfache Erklärung wäre, dass wir Selfies vor Sehenswürdigkeiten machen, weil es alle tun. Man macht das so, man zeigt sich gegenseitig nach dem Urlaub auf dem Smartphone solche Bilder – also mache ich das auch. Selfies vor Sehenswürdigkeiten machen ist etwas, womit ich mir selbst versichere, dazuzugehören zu der Kultur der Selfies-Machenden Urlaubs-Weltreisenden.

    Natürlich, so kann man jetzt einwenden, denkt sich wohl auch kaum jemand: Ich muss mich dringend dort drüben vor den Berg oder die Kirche stellen und Selfies machen, weil das ja alle machen. Aber die Nachahmung ist vielleicht eine unserer grundlegenden Kulturtechniken, die dafür sorgt, dass wir schnell lernen, was wir fürs Leben brauchen und dass wir eine vertraute gemeinsame Welt mit anderen haben.

    Das würde auch erklären, wie wir uns vor den Sehenswürdigkeiten aufbauen – und warum wir immer lächeln. Warum lächeln wir auf diesen Bildern? Kurz vorher noch schaut man ernst und konzentriert – und dann, kurz bevor man den Auslöser drückt, neigt man grazil den Kopf und schiebt man die Mundwinkel nach oben. So haben wir es tausendmal auf anderen Bildern gesehen, schon auf den Gemälden der großen Maler schauen die Damen und Herren so ins Bild – also tun wir das auch.

    Haben wir denn eine Wahl?

    Klar – wir können uns auch an anderen Vorbildern orientieren. Nicht an den missglückten Selfies der Kollegen, das bitte nicht. Aber die Welt ist voll von Bildern, die nicht ganz der Norm entsprechen und die uns trotzdem gefallen. Versuchen Sie, herauszufinden, warum Ihnen dieses Bild besser gefällt als jenes und denken Sie beim nächsten Urlaub einfach mal dran – Sie werden sehen, dann klappt es mit den interessanten Selbstbildnissen vor Sehenswürdigkeiten ganz von allein – und Sie werden Bilder machen, an die Sie lange zurückdenken und die Sie länger als drei Sekunden betrachten mögen.

  • Svenja Flaßpöhler: Die potente Philosophin

    Svenja Flaßpöhler: Die potente Philosophin

    Als ich das erste Interview von Svenja Flaßpöhler zur #metoo-Debatte gesehen hatte, war ich begeistert. Ich schrieb bei Facebook, das dieses Interview ein schönes Beispiel dafür sei, wie eine Philosophin sich zu einem aktuell-politischen Thema äußern könne: reflektierend und auf Konsequenzen und tiefere Gründe von Argumentationen hinweisend, somit verstörend und zum kritischen Hinterfragen anregend.

    Nun hat Svenja Flaßpöhler ihre Gedanken zu diesem Thema in einem Buch mit dem Titel „Die potente Frau“ zusammengestellt, und auf dem Cover steht das Wort „Streitschrift“. Ist es ein philosophisches Buch? Ist alles, was eine Philosophin zu einem Thema in mehr als drei Sätzen sagt, Philosophie, insbesondere, wenn sie auf Standpunkte und Traditionen von Philosophien verweist und darauf wiederum die eigene Argumentation aufbaut? Spricht eine Philosophin immer, wenn sie sich öffentlich, aber monologisch äußert, als Philosophin, ist der Monolog also als Stück Philosophie aufzufassen?

    Das ist eine schwierige Frage, aber immerhin muss sich ein solcher Text philosophische Rückfragen gefallen lassen, insbesondere bezüglich der Stellen, an denen er philosophische Argumente referiert. Zwei Stellen will ich genauer ansehen:

    Die Pflicht zur Selbstverantwortung

    Einmal geht es um Autonomie und um die Pflicht, die jede Person habe, sich selbst aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Ein Gedanke, der mir eigentlich sehr gefällt. Svenja Flaßpöhler meint, jeder Mensch, der Handlungsoptionen hat, ist auch dazu verpflichtet, diese Optionen zu prüfen und trägt selbst die Verantwortung dafür, welche Option er wählt.

    Ich stimme dem zu und ich vertrete auch den Standpunkt, dass jede Person viel freier ist, als wir es im Alltag darstellen. Oft reden wir vom Zwang der Verhältnisse, wir sagen, dass wir keine Wahl haben, und reden uns dabei doch nur heraus, entschuldigen unsere Feigheit oder unseren Opportunismus. Ich bin dafür, immer wieder deutlich zu machen, dass wir fast immer eine Wahl haben, und ich stimme Svenja Flaßpöhler völlig darin zu, dass Veränderung immer damit anfängt, dass wir eine Wahl treffen, die uns das Leben nicht gerade einfacher macht.

    Aber ist es wirklich so einfach, dass damit die ganze Verantwortung dem einzelnen Subjekt, das Optionen hat, zufällt?

    Reden wir abstrakt: Wir haben zwei Personen, Alice und Bob. Bob möchte auf dem Gebiet A etwas erreichen, wofür er die Unterstützung von Alice benötigt. Er bietet ihr dafür eine für das Gebiet A legitime und anerkannte Gegenleistung an. Alice aber fordert von Bob eine Gegenleistung auf dem Gebiet B, das mit A überhaupt nichts zu tun hat und nicht als legitime Gegenleistung für das, was Bob von Alice wünscht, angesehen werden kann.

    Man könnte sagen, dass Bob dazu gezwungen ist, auf Alices Forderung in B einzugehen, weil sie die Macht hat, Bob die notwendige Unterstützung für sein Ziel in A zu verweigern. Die Hashtag-Aktivisten würden das anprangern und vom Staat wirksame Mechanismen fordern, die Alice zwingen, auf Bobs Dienst in B zu verzichten.

    Svenja Flaßpöhler würde erwidern, dass Bob ja durchaus die freie Wahl hat, er kann Alices Forderung in B akzeptieren, um sein Ziel in A zu erreichen – oder er kann sich in B verweigern, erreicht dann in A nicht sein Ziel und sucht sich ein anderes Ziel.

    Wenn man die Sache so abstrakt formuliert, dann sieht man, dass sich eine ganze Reihe schwieriger Fragen der Bewertung von A und B auftun. Ist es Bob zuzumuten, auf sein Ziel in A zu verzichten? Ist es moralisch akzeptabel für eine Leistung auf einem Gebiet eine Gegenleistung auf einem anderen zu verlangen. Was darf A und was darf B sein, damit das akzeptabel ist? Welche As und welche Bs gibt es, bei denen man von einer Wahl für Bob sprechen kann, wann können wir sagen, dass er eben doch keine Wahl hatte?

    Kann ich wissen, wie es ist, ein Mann zu sein?

    Die andere Stelle, bei der Svenja Flaßpöhler explizit philosophisch argumentiert uns sich mithin philosophische Nachfragen gefallen lassen müsste, ist die wo sie mit einer „Neuen Phänomenologie“ argumentiert. Es sei mal dahingestellt, ob diese Phänomenologie des Leibes wirklich so neu ist. Auch ist es bedenklich, dass sie einfach so schreibt: „Nicht das Sein, sondern der Schein ist die Grundlage der Erkenntnis“ in der Phänomenologie. Mir scheint die ganze Argumentation, die sich da anschließt, schwach.

    Gewiss kann ich nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Aber kann ich wissen, wie es ist „ein Mann“ zu sein, kann jede Frau wissen, wie es ist „eine Frau“ zu sein? Nimmt man die Leibphänomenologie ernst, kann jede Person erst mal nur wissen, wie es ist, sie selbst zu sein, ich weiß wie es für mich ist, einen Penis zu haben, aber ich weiß nicht, wie es für einen anderen Mann ist. Die Verständigung darüber, dass es für jemanden anders ähnlich ist, das gleiche Körperteil zu haben wie ich, ist nicht so einfach – und sie ist vor allem kulturell, sprachlich vermittelt und hängt an Bedeutungen, die bereits vorgefunden werden. Wie es ist, einen Penis zu haben, „weiß“ ich womöglich schon lange bevor ich das erste Mal etwas mit diesem Körperteil erlebe, was mit Sexualität zu tun hat. Und ich erlebe (interpretiere, deute) in meine Erfahrungen meine Erwartungen mit hinein. Die interessanteste Erkenntnis der Phänomenologie ist ja gerade, dass ich eben nicht mich selbst erlebe, sondern das, was „man“ erlebt. Daran ändert auch die Leibphänomenologie nichts.

    Und die Sache wird noch problematischer, wenn Svenja Flaßpöhler den Begriff des Erlebens der Frau (oder des Mannes) auf die Potentia ausdehnt, also auf die Möglichkeiten. Weiß ich, wie es ist, einen Samenerguss haben zu können, bevor ich ihn zum ersten Mal gehabt habe? Weiß eine Frau, wie es ist, schwanger werden zu können, bevor sie das erste Mal schwanger geworden ist? Wenn ja, dann eben nur vermittelt über das „Man“, denn „man weiß“ wie es ist, weil man weiß, dass man jemand ist, der das erfahren könnte, und weil andere einem schon gesagt haben, wie es sein wird, wenn man es mal erleben wird.

    Das Buch von Svenja Flaßpöhler ist eine Streitschrift

    Diesen Schritt geht Svenja Flaßpöhler leider nicht und sie bleibt damit auf halber Strecke stehen. Man könnte sagen: Das Buch ist nur gut 40 Seiten lang. Es ist eine Streitschrift, es ist keine Philosophie, sondern Politik, die mit ein paar philosophischen Gedanken und Thesen argumentiert. Das würde dann zeigen, dass die philosophische Argumentation zu dem Thema eben noch fehlt. Aber die ist eben nicht sexy, mit der kommt man nicht ins Rundfunkprogramm und nicht in die Feuilletons. Und in die muss man hinein, wenn man den einseitigen Deutungen der Hashtag-Aktivisten etwas entgegensetzen will.

  • Was die Empörung um Julia Kristeva verrät

    Was die Empörung um Julia Kristeva verrät

    Man weiß noch nichts genaues, aber man schaltet schon einmal probeweise in den Modus der Empörung und der entsetzten Ungläubigkeit um. Seitdem gemeldet wurde, dass die bulgarisch-französische Philosophin und Schriftstellerin Julia Kristeva 1971 als dreißigjährige womöglich bereit gewesen ist, für den bulgarischen Auslandsgeheimdienst zu arbeiten, erscheinen in den sozialen Medien erste Postings, in denen schon einmal sicherheitshalber Entsetzen im Konjunktiv geäußert wird.

    Empörung im Konjunktiv

    Es wäre philosophisch interessant, die Logik solcher Äußerungen zu untersuchen – sozusagen eine Modallogik des Konjunktivs. Was würde ich sagen wollen, wenn das, was da in Meldungen angedeutet wird, wahr wäre? Vor allem wäre interessant, den Gründen für solche Konjunktiv-Meinungsäußerungen nachzugehen. Warum haben Menschen das Bedürfnis, schon mal probeweise eine Person zu kritisieren, zu verurteilen oder zu vernichten, von deren bösem Tun man bisher nur Vermutungen hat und jedenfalls nichts Genaues weiß? Gibt es nicht genügend erwiesene Missetaten, deren Umfang ausreichend bekannt ist, über die man sich empören kann, wenn man sich schon unbedingt echauffieren will?

    So eine konjunktive Empörung hat ja viele Vorzüge: Man kann schon mal seine eigene moralische Überlegenheit gegenüber einer verwerflichen Tat deutlich machen und ist damit ganz vorn mit dabei im Wettbewerb um die besten ethischen Prinzipien – und kann sich doch jederzeit wieder zurückziehen wenn sich zeigt, dass an der Sache quasi nichts, oder doch nur lächerlich wenig dran war. Man konnte den möglichen Fall schon einmal nutzen, um klar zu machen, dass man dies und das von jener Person nicht gedacht hätte (ein bisschen naiv in moralischen Fragen stellt man sich ja gern mal hin) und kann doch schon mal über die allgemeine Schlechtigkeit der Welt reden, in der selbst solche Personen etwas verwerfliches getan haben.

    Auch ein philosophisch ertragreicher Gegenstand dürfte die Frage sein, welche Art von Wissen eigentlich diesem empörten Reden auf Probe zugrunde liegt. Da ist eine Meldung in einigen Zeitungen, zugegeben alles sehr seriöse Blätter. Diese Meldung bezieht sich auf eine Verlautbarung einer Kommission, die hierzulande kaum bekannt sein dürfte, deren Zweck und Ziel nur angedeutet ist. Der eigentliche Inhalt ist dürftig, auch wenn er sich auf eine umfangreiche Recherche beruft. Die tatsächlichen Geschehnisse, über die man auf dieser Basis Vermutungen anstellen kann, erstrecken sich von „eigentlich nichts“ bis „umfangreiche geheimdienstliche Tätigkeit“. Wenn „Wissen“ die Grundlage von „Urteilen“ ist, dann wäre es wirklich eine Herausforderung, zu beschreiben, in welchem Sinne die, die hier probeweise urteilen, eigentlich Wissen besitzen.

    Und wenn Julia Kristeva es getan hat?

    Aber interessant ist auch, einen Blick auf die Vermutungen selbst zu werfen, über die man sich empören würde, wenn sie sich denn als wahr herausstellen würden. Da soll also eine dreißigjährige Philosophin im Jahre 1971 Kontakt mit einem osteuropäischen Geheimdienst gehabt haben. Ist es grundsätzlich schon erschütternd, dass Philosophinnen Geheimdienstkontakte haben? Das mag man so sehen. Hier kommt wohl dazu, dass der Geheimdienst zur „anderen Seite“ gehört hat, schließlich lebte die Frau zu jener Zeit schon in Paris, und der Geheimdienst war einer aus dem kommunistischen Block.

    Wenn man den Kontakt zwischen Philosophinnen und Geheimdiensten nicht grundsätzlich verabscheuenswürdig findet, dann muss man sich doch fragen, ob es wirklich 1971 für eine Pariser Philosophin bulgarischer Herkunft so verwerflich war, mit Geheimdienstlern ihres Heimatlandes zu reden. Aus der Sicht der heute Besserwissenden mag das so sein. Damals war die Begeisterung für eine sozialistische Idee unter westeuropäischen Intellektuellen jedoch verbreitet, und wie weit der reale Sozialismus in Osteuropa von dieser Idee entfernt war, wie weltfremd jede Hoffnung war, dass sich diese Realität in Richtung des Ideals entwickeln konnte, lag nicht offensichtlich auf der Hand. Gleichzeitig war eine kritische Einstellung zum westlichen System des Wirtschaftens und der Politik verbreitet, viele Probleme in den so genannten sozialistischen Staaten wurden dem Westen angerechnet, der kalte Krieg lief auf Hochtouren. Dass da ein Mensch mit sozialistischen Idealen bereit ist, den schwachen Osten gegen den starken Westen zu unterstützen, ist eigentlich nicht überraschend.

    Nein, wenn die Vorwürfe gegen Julia Kristeva sich als zutreffend herausstellen würden, wäre das, aus philosophischer Perspektive, kein ethisches Problem, sondern allenfalls ein erkenntnistheoretisches: Es würde wieder einmal illustrieren, dass philosophische Reflexionsfähigkeiten nicht politische Urteilsfähigkeit nach sich ziehen. Philosophen sind, wenn es um die Beurteilung politischer Situationen geht, keine guten Ratgeber, schon gar keine Experten. Wenn sie sich politisch betätigen, tun sie das nicht auf der Basis tieferer Einsichten in das, was politisch wirklich läuft. Die Geschichten von politischen Fehlern großer Denkerinnen und Denker sollten die philosophische Zunft bescheiden machen beim Verteilen politischer Ratschläge – viel bescheidener, als sie ist.

  • Warum Arme früher sterben

    Warum Arme früher sterben

    „Was geht alles für 4.80 Euro?“ fragt Henning Hirsch in seiner gestrigen Kolumne „Kochen mit Hartz IV“. In dem Text finden sich viele Behauptungen, über deren Wahrheitsgehalt unter denen, die meinen „Hartz IV ist staatlich verordnete Armut“, weitgehend Einigkeit besteht. Die Kommentare unter dem Artikel und bei Facebook bestätigen das eindrucksvoll. Das ist der Grund, warum ich diese Kolumne nicht einfach ignorieren kann, wie ich es eigentlich wollte, sondern doch kritisch nachhaken muss.

    Was hat Kochen mit dem frühen Tod zu tun?

    Schon im Teaser stellt Henning Hirsch eine Beziehung her zwischen der „Armut“ der Hartz-IV-Empfänger und ihrer gegenüber den Reichen deutlich niedrigeren Lebenserwartung. Ohne es ausdrücklich zu sagen, aber durch eine eindeutige Zusammenstellung der Sätze provoziert er die Schlussfolgerung: da Hartz-IV-Empfänger sich von dem bisschen Geld nicht vernünftig ernähren können, müssen sie früher sterben.

    In einem Online veröffentlichten Text ist es ein Leichtes, die Herkunft solcher Angaben durch eine Verlinkung anzugeben. Merkwürdigerweise verzichtet der Autor darauf, was umso mehr überrascht, als er seine Erkenntnis als Ergebnis einer Recherche preist. Bemüht man selbst eine Suchmaschine, wird schnell klar, warum. Man erfährt nämlich, dass es in erster Linie ganz andere Gründe sind als die Ernährung mit billigen Lebensmitteln, die zu einer geringeren Lebenserwartung bei Menschen mit geringerem Einkommen führen. Klickt man sich durch die verschiedenen Studienergebnisse der letzten fünf Jahre, dann erkennt man, dass eine insgesamt ungesunde Lebensweise, weniger Sport, höherer Tabak- und Alkoholkonsum, geringeres Gesundheitsbewusstsein wesentliche Faktoren sind, warum Menschen mit geringerem Einkommen eine kürzere Lebenserwartung haben. Hinzu kommt vor allem bei Frauen die psychische Belastung durch Einkommensknappheit, bei Männern die oft schwerere und ungesündere Arbeit der unteren Einkommensgruppen. Zur Erhöhung der Lebenserwartung tragen auf der anderen Seite offenbar höhere Bildung und ein umfangreiches Freundesnetz bei.

    Interessant sind auch die Studien zur Lebenserwartung von Lottogewinnern, die zeigen, dass eine plötzliche Erhöhung des Einkommens bzw. des Wohlstandes nicht zu einer Erhöhung der Lebenserwartung führen. All das zeigt, dass es ein sehr komplexes Beziehungsgeflecht zwischen Einkommen, Lebensweise, sozialer Einbindung und Bildung gibt. Was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Keineswegs gilt: wer wenig Geld für Ernährung ausgeben kann, stirbt früher, wie es Henning Hirsch nahelegt.

    Wer die Würde nimmt

    Argumentationen wie die von Henning Hirsch laufen immer wieder darauf hinaus, dass die Menschen mit geringem Einkommen gar nichts an ihrer Lage ändern können. Sie erscheinen darin als die hilflosen Opfer einer bösen Welt, die nichts für sich tun können und denen der Staat einfach die Zuwendungen erhöhen muss, damit es ihnen besser geht und damit sie endlich in Würde leben können. Aber diese angebliche Sorge um die Würde dieser Menschen nimmt ihnen in Wirklichkeit die Menschenwürde – denn als Mensch lebt man in Würde, wenn man sich als selbstbestimmtes Wesen versteht, dass seine Situation begreift und aktiv verändert. Die Studien zum Zusammenhang von Lebenserwartung und Einkommen leisten dazu einen guten Beitrag – sie zeigen, was man tun kann, um sein Leben selbst aktiv zu gestalten und das Beste daraus zu machen. Wer die vielfältigen Zusammenhänge auf den einfachen Satz „Bist du arm, dann musst du eher sterben“ reduziert, trägt dazu bei, dass die Betroffenen ihre Situation gerade nicht verstehen und wie gelähmt in ihrer Bedürftigkeit verharren.

  • Die perfekte Nationalhymne

    Die perfekte Nationalhymne

    Immer wieder kommt die Nationalhymne ins Gerede. Neuerdings wird vorgeschlagen, den Text geschlechtsneutral umzuformulieren. Bei der Gelegenheit drängt sich natürlich die Frage auf, ob man nicht eine völlig neue Hymne schreiben könnte – wenigstens der alte Text könnte ja mal durch einen modernen ersetzt werden.

    Wozu überhaupt eine Nationalhymne?

    Natürlich melden sich auch Stimmen, die für die Abschaffung der Hymne überhaupt eintreten. Für sie ist die Hymne, wie auch die anderen Symbole des Nationalstaats, ein Relikt aus der Zeit, in der Staaten Kriege gegeneinander führten – am liebsten würden sie mit der Hymne auch die Nationalfarben und Wappen oder gleich den ganzen Staat abschaffen.

    Es wäre zumindest eine sehr unpraktische Angelegenheit, wenn Deutschland beschließen würde, auf staatliche Symbole ganz zu verzichten. Hier und da, sei es bei Treffen von Regierungschefs oder bei sportlichen Großveranstaltungen, zeigen alle Länder Flagge, werden die Nationalhymnen gespielt. Ein Land, welches darauf verzichtet, spielt nicht richtig mit, fällt aus der Rolle, grenzt sich aus.

    Es klingt vielleicht paradox, aber das Nutzen staatlicher Symbole grenzt nicht aus, sondern verbindet. Jeder sagt, wo er her kommt, wo er sich zugehörig fühlt. Und es ist nun mal unter Menschen Konsens, dass sie irgendwo hingehören, dass sie sich einer Tradition, einer Gegend, einer Kultur verbunden fühlen. Ob der Nationalstaat da immer die optimale Klammer ist, sei dahingestellt, aber er ist schon mal ein Anhaltspunkt, aus welcher Gegend jemand stammt, und damit auch, zu welcher Tradition und Kultur er gehört.

    Während die anderen staatlichen Symbole, Flagge in Nationalfarben und Wappen, eine eher zufällige Gestalt haben, deren Bedeutung sich jedenfalls nicht ohne weiteres erkennen lässt, kann der Text einer Nationalhymne ein paar Kernaussagen zur Sprache bringen zum Selbstverständnis der Menschen, die diesen Text zu ihrer Nationalhymne gemacht haben. So kann man dann auch in den verschiedenen Abstufungen vom Inbrünstig-Singen über das Mit-Murmeln und Lippen-Bewegen bis hin zum Schweigen ein bisschen erkennen, wie wichtig dem Einzelnen diese Identifikation mit der Herkunft ist. Deshalb ist ein Text für eine Nationalhymne auch für die wichtig, die die Zugehörigkeit zur Nation eigentlich ablehnen – wie könnten sie besser zeigen, dass sie nichts damit zu tun haben wollen, als im Schweigen, wo alle anderen singen?

    Der Text der Hymne

    Wir könnten einen Wettbewerb für einen neuen Hymnentext für die deutsche Nationalhymne ausschreiben. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich an einem solchen Wettbewerb beteiligen würde, was für einen Text würde ich zu schreiben versuchen?

    Der Text müsste ein paar Sachen aufzählen, die an dem Land, welches er preist, lobenswert sind. Das können die Natur, die Landschaft und ihre Vielfalt sein, es können auch die kulturelle Tradition und die Leistungen vergangener Generationen sein, mit denen alle Bürger irgendwie aufwachsen.

    Also: Meere, Seen, Flüsse und Berge, Burgen und Schlösser, Ländliches und Urbanität. Dann Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Industrie. Das Denken und das Dichten, das Planen und Bauen.

    Sodann müsste die Hymne ausdrücken, was den Leuten hier wichtig ist. Verbundenheit und Freundschaft zu anderen, Einbindung in Europa, aktive Rolle zum Nutzen der Weltbevölkerung.

    Eine Hymne muss natürlich auch spezifisch sein, ein Text, der auf alle Völker passen kann, taugt nicht zur Nationalhymne.

    Schließlich muss so ein Hymnentext klar, verständlich und leicht mitzusingen sein. Nicht akademisch, sondern emotional. Deshalb werde ich als Philosoph auch keinen Preis in diesem Wettbewerb gewinnen, und meine Versuche, eine Hymne zu dichten, behalte ich lieber für mich.

    Aber wer weiß, vielleicht fühlen Sie sich jetzt herausgefordert, die ideale deutsche Nationalhymne zu dichten. Haben Sie Mut! Für einen nachhaltigen Ruhm kann man kaum was Besseres tun, als dem Heimatland couragiert eine Hymne zu dichten!