Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Föderalismus: Die Bundes-Bürde

    Föderalismus: Die Bundes-Bürde

    Wie steht es um den Föderalismus in Deutschland? Schlecht, denn hier wird das Wort „Bund“ nicht als „Gemeinschaft von autonomen Gleichen“ sondern als „die Zentralregierung“ verstanden. Dass Deutschland eine Bundesrepublik ist, also ein Bündnis von deutschen Ländern, wird gern ignoriert oder als unerfreulicher Missstand angesehen. Man kann das regelmäßig beobachten, wenn etwa beklagt wird, dass die Bildungssysteme in den Ländern unterschiedlich sind, oder dass die Polizeibehörden nicht besser und zentral abgestimmt zusammenarbeiten.

    In den letzten Wochen war das Missvergnügen der Deutschen über das Verhalten der Repräsentanten der Bundesgenossen besonders stark. Immer, wenn ein Ministerpräsident eines Freistaates oder eines Bundeslandes einmal für seinen Verantwortungsbereich einen Kurs einschlagen wollte, der nicht mit „allen anderen abgestimmt“ war oder gar von den Leitlinien des „Bundes“ – genauer, der allseits als unumstrittene Autorität akzeptierten Kanzlerin – abwich, wurde er mit Kritik, Spott und Häme überzogen, der machtpolitischen Profilierungssucht bezichtigt und natürlich wurde ihm mangelnde Einsicht in das große Ganze unterstellt.

    Föderalismus in der Pandemie

    Dabei ist es gerade im Falle der Corona-Krise eine gute Idee, auf die regionalen Besonderheiten Rücksicht zu nehmen, die sich in den verschiedenen Bundesländern zeigen. Natürlich sind die Grenzen zwischen Bayern und Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen keine exakten Trennlinien zwischen verschiedenen Wirtschaftsstrukturen, Besiedlungsdichten und Bevölkerungs-Mentalitäten. Aber es gibt gravierende Unterschiede zwischen den Süddeutschen, den Rheinländern und den Küstenbewohnern hinsichtlich ihrer Neigung zur „sozialen Distanzierung“ ebenso, wie es Unterschiede in der Bevölkerungsdichte, der ökonomischen Bedingungen und der Rolle von Bus und Bahn gibt. Es gibt Unterschiede in den typischen Schul- und Arbeitswegen, den kulturellen Infrastrukturen und den Bildungseinrichtungen. Und selbst wenn es auch innerhalb der Bundesländer noch einmal Differenzen gibt, kann man die Konsequenzen daraus in den jeweiligen Landeseinrichtungen deutlich besser in praktisches Handeln umsetzen als aus der Berliner Perspektive. Und auch die Interaktionen zwischen benachbarten Landkreisen verschiedener Bundesländer lassen sich in der bilateralen Zusammenarbeit besser regeln als durch bundesweite Vorgaben.

    Warum so skeptisch?

    Man fragt sich, warum in Deutschland solch eine Skepsis gegenüber den Landesregierungen und solch eine Hoffnung auf einen Zentralstaat namens „der Bund“ besteht. Ist es eine alte kulturelle Erinnerung an Preußen? Haben wir unsere überschaubaren Länder nie wirklich schätzen gelernt, weil einige von ihnen, die Bindestrichländer, eher künstliche Gebilde als gewachsene kulturelle Regionen sind?

    Natürlich ist eine Abstimmung zwischen Bundesgenossen immer zu wünschen. Das Ergebnis einer solchen Abstimmung muss aber nicht sein, dass alle dasselbe machen. In der Corona-Krise konnte man oft den Eindruck gewinnen, dass Bürger und Medien sich die Bund-Länder-Abstimmung als Durchregieren der guten Kanzlerin vorstellen, und dass jeder Ministerpräsident, der auf seiner eigenen Kompetenz beharrt, als Störenfried zur Ordnung gerufen werden muss. Das ist nicht im Sinne des Grundgesetzes.

  • Was kommt nach dem Händeschütteln?

    Umso länger wir uns zur Begrüßung und zum Abschied nicht die Hände schütteln dürfen, desto mehr fragt man sich, warum wir es je getan haben. Der feste Händedruck ist vermutlich auch schon vor drei Monaten eine der häufigsten Gelegenheiten zur Weitergabe von Viren und Bakterien zwischen mehr oder weniger fremden Menschen gewesen. Könnte die gegenwärtige Zurückhaltung nicht eine gute Gelegenheit sein, sich diesen Körperkontakt ganz abzugewöhnen?

    In diesen Tagen treffen wir ohnehin selten mit Menschen zusammen, denen wir zu Beginn der Begegnung die Hand reichen würden. Wenn es aber doch mal dazu kommt, entsteht eine gewisse Verlegenheit: irgendetwas fehlt. Aber was genau vermisst man da?

    Der Händedruck ist ein Ritual, und als solches hat er eine Bedeutung für unsere Zusammenleben in der Gesellschaft. Aber welche? Kaum jemand, der über diese Frage nachdenkt, wird sich noch genau daran erinnern können, wie er diese Geste erlernt hat. Das ist das Dilemma mit solchen Gewohnheiten. Wir wissen eigentlich gar nicht genau, warum wir ihnen folgen. Und wenn wir uns selbst oder andere nach den Gründen fragen, denken wir uns meistens etwas aus, was plausibel klingt und was andere akzeptieren können.

    Etwa so: Das Geben der Hand ist ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts dem anderen gegenüber. So bringt man es den Kindern bei: „Gib der Oma mal die Hand, das macht man so, das gehört sich.“ Auf jeden Fall ist es ein Zeichen von Ablehnung oder gar Respektlosigkeit, die ausgestreckte Hand nicht zu ergreifen. Wer erinnert sich nicht, wie Bodo Ramelow dem AfD-Vorsitzenden in Thüringen den Händedruck verweigerte? Vielleicht geben wir einander deshalb normalerweise die Hand, um mit der Verweigerung dieser Berührung ein starkes Zeichen der Ablehnung setzen zu können?

    Einander die Hand reichen, das hat sogar sprichwörtliche Bedeutung, wobei damit nicht immer das Händeschütteln gemeint ist, da kann man sich auch die Menschenketten vorstellen, oder das trauernde Beisammenstehen am Grab.

    Auf jeden Fall ist der Händedruck beim Zusammentreffen und auch der beim Abschied eine Geste des Friedens, wenigstens des Waffenstillstands oder der Bereitschaft zur zeitweisen friedlichen Zusammenarbeit. Der Händedruck besiegelt etwas, und wenn man sich dabei auch noch in die Augen sieht, was man ja tun sollte, dann versichert man einander, dass man sich wenigstens bis demnächst an ein paar soziale Spielregeln halten will, dass man verlässlich und berechenbar sein wird.

    Der Moment des Händedrucks ist deshalb auch ein Augenblick des Innehaltens. Man macht einen Anfang damit, selbst wenn man danach auseinandergeht.

    Ohne eine solche Geste wird es also auf Dauer nicht gehen. Wer den Händedruck aber als Berührung nicht mag, sollte die Corona-Krise als Chance sehen: Jetzt ist der richtige Moment, auszuprobieren, was als Alternative in Frage kommt. Eine leichte Verbeugung, ein freundliches Nicken? Ein Winken? Das Zusammenschlagen der Hacken? Das Tippen an die (imaginäre) Hutkrempe? Wir werden das nicht per Abstimmung entscheiden können, aber wir können heute beginnen, dies und das zu versuchen und die Irritation nutzen, um mit anderen darüber zu reden. Das wäre ein Anfang für einen friedlichen Abschied vom Händedruck.

  • Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Es gibt bezüglich der Philosophie eine Vielzahl von Formen der öffentlichen Darstellung und Diskussion ihrer Fragestellungen, Diskussionen, Inhalte und Ergebnisse. Es gibt Sammelbände und Fachzeitschriften, in denen akademische Philosophinnen ebenso vertreten sind wie Denker, die außerhalb der Akademie arbeiten. Es gibt Bücher, die sich vor allem an ein Fachpublikum wenden, ebenso wie solche, die an ein breites Publikum adressiert sind. Darunter sind Übersichtsdarstellungen ebenso wie anspruchsvolle Diskussionen von Einzelproblemen. Es gibt zudem Publikumszeitschriften, in denen sich wiederum unterschiedlichste Textformen finden, im denen philosophische Fragen gestellt und Antwortversuche verständlich gemacht werden. Dort finden sich neben literarischen Versuchen auch Interviews mit akademischen Meistern und professionellen Philosophinnen. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungsformate, Fernseh- und Rundfunksendungen, in denen Hochschullehrerinnen und Privatgelehrte auftreten, vortragen, antworten und diskutieren.

    Insofern ist Daniel-Pascal Zorn zuzustimmen, wenn er auf Seite 90 seines weniger als 100 Seiten umfassenden Essays „Shooting Stars. Philosophie zwischen Pop und Akademie“ schreibt, es sei „verfehlt, von einer einfachen Gegenüberstellung von Populärphilosophie und akademischer Philosophie auszugehen“. Allerdings reibt sich der Leser an dieser Stelle, so kurz vor Schluss des Textes, verwundert die Augen und fragt sich, was er denn auf den Seiten bis dahin andererseits gelesen hätte als eben eine solche einfache Gegenüberstellung. „Wie Karikaturen stehen sie sich gegenüber“ schreibt Zorn auf Seite 24 – und verschweigt an dieser Stelle, dass es seine Karikaturen sind, die er selbst zeichnet. Daran ändert nichts, dass er diese Karikaturen selbst als „wenig sympathische Idealtypen“ (Seite 8) bezeichnet und verspricht, „diese Kategorien selbst noch einmal kritisch [zu] befragen“ (Seite 9) – ein Versprechen, das höchstens ansatzweise eingelöst wird und dessen Einlösung in der polemischen, holzschnittartigen und radikal vereinfachenden Zeichnung der Karikatur „Populärphilosophie“ untergeht.

    Dabei ist das spezielle Verhältnis zwischen akademischer Fach-Philosophie und populärphilosophischen Arbeiten durchaus der genaueren Betrachtung wert, gerade weil es in der Philosophie in Wirklichkeit eine Vielfalt gibt, die anderen Disziplinen fremd ist. In Wissenschaften wie etwa der Physik oder auch der Ökonomie können wir sehr gut zwischen akademischer Forschung und populärer Darstellung unterscheiden – und kaum jemand käme auf die Idee, einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift oder einer Fernsehsendung die Vereinfachungen anzukreiden, die mit der allgemeinverständlichen Darstellung verbunden sind. Im Verhältnis von akademischer Arbeit und populärem Verstehen kommt eine Differenz zwischen diesen Wissenschaften und der Philosophie zum Ausdruck, deren Verstehen uns helfen kann, die unterschiedliche Bedeutung beider Handlungsfelder klar zu machen.

    Zu diesem Verstehen leistet Zorns Essay durchaus Beiträge indem es verständlich macht, wie Philosophie als Fragen immer radikal – an die Wurzel gehend – sein muss und wie sehr sie deshalb immer wieder ihre eigenen Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten fragwürdig machen muss. Das ist der Grund dafür, können wir fortsetzen, dass es in der Philosophie im Gegensatz zu den anderen Disziplinen kein stabiles Erkenntnisfundament geben kann, auf dem sich gemeinsam weiter aufbauen ließe. Denn immer ist es notwendig, dieses Fundament wiederum radikal zu befragen, seine Voraussetzungen und Grenzen zu klären.

    Man könnte meinen, dass dies doch auch etwa in der Physik der Fall sei. Aber die Sache liegt dort eben doch anders: Auch wenn man die Grenzen der Newtonschen Mechanik kennt gefunden, erkannt und überwunden hat, bleibt diese doch immer Fundament der Physik. Diskutiert man hingegen – um ein Beispiel zu nehmen – die Grenzen einer Ethik, die die Konsequenzen des Handelns im Fokus hat, wird man sofort auf ganz andere Möglichkeiten der Begründung von Ethik verwiesen. Philosophie ist der Versuch, Widersprüche, die sich daraus ergeben, denkend auszuhalten und zu verarbeiten.

    Daniel-Pascal Zorn liegt also mit seinem zentralen Anliegen richtig, dass Philosophie gelernt werden muss als Haltung, Selbstverständliches fragwürdig zu machen und auf seine Voraussetzungen zu befragen. In dem Teil, in dem Zorn dies erläutert (Seiten 43 bis etwa 56) ist sein Essay lesenswert. Zorn übersieht aber offenbar, dass es die Angebote, die dieses Lernen unterstützen wollen, bereits gibt: es ist eben die Vielfalt der philosophischen Bücher, der Interviews und der Beiträge in Philosophiezeitschriften, die sich, mehr oder weniger gelungen, seit langem um dieses Anliegen bemühen.

    Daniel-Pascal Zorn mag in seiner Kritik an einem einzelnen sehr populären deutschsprachigen Philosophen richtig liegen – wobei er seine Kritik auch an dieser Person nur sehr dürftig belegt. Und sicherlich ist es ein gutes Anliegen, die popularisierenden Autoren von Philosophiemagazinen immer wieder mahnend daran zu erinnern, dass sie mit Vereinfachungen Gefahr laufen, nicht nur eine komplizierte Sache zu einfach darzustellen, sondern das Wesen des philosophischen Problems ganz zu verfehlen. Dazu ist aber eine polemische Zuspitzung auf Karikaturen gerade nicht hilfreich. Es mag vielleicht dem Verkauf des Büchleins förderlich sein – aber es ist eben gerade nicht philosophisch.

    Jörg Phil Friedrich schreibt selbst philosophische Bücher und Aufsätze, die möglichst einem breiten Publikum verständlich sind. Zuletzt erschien von ihm Der plausible Gott.

  • Wörterbuch der Phänomene: Erkennen

    Wörterbuch der Phänomene: Erkennen

    Goethes Faust wollte „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Was er damit erkennt, sind seine Erkenntnisse. Als Erkenntnis bezeichnen wir zutreffende und begründete Überzeugungen hinsichtlich der Welt. Heute gewinnt die Wissenschaft Erkenntnisse, aber auch ich kann ganz im Privaten „Erkenntnisse“ haben, etwa über die Funktionsweise der App meines Tablet-Computers. So bezeichnen wir in diesem Zusammenhang also den Prozess der Formulierung von Vermutungen, die wir sodann durch systematisches Ausprobieren und gedankliches Kombinieren in gesicherte Überzeugungen verwandeln, die wir anderen erklären und rechtfertigen können.

    Sehen und Erkennen

    Aber dieser Begriff ist eigentlich ein Wort, das mit dem Sehen der Welt zusammenhängt, das wissen wir schon seit Aristoteles und seiner Metaphysik, in der er die wissenschaftliche Erkenntnis mit dem Sehen verbunden hat. Ich erkenne im Nebel etwa einen Schatten, und im Näherkommen erkenne ich eine Gestalt, die sich am Ende als eine Frau herausstellt, die ich kenne. Ich habe sie erkannt. Wir erkennen im Alltag ständig Personen oder Gegenstände, manchmal erkennen wir sie wieder, manchmal sind sie nicht wiederzuerkennen.

    Somit bedeutet dieses Wort dann immer ein Deuten dessen, was wir – mehr oder weniger deutlich – sehen können. Deuten heißt, dass wir das, was wir da sehen, auf einen Begriff bringen, den wir schon haben oder den wir uns dabei erst bilden. Das kann eine Sammelbezeichnung sein – Ich erkenne die Gestalt als Frau – oder ein Name – ich erkenne in der Frau Lisa Müller.

    Immer ist es aber eine Interpretation dessen, was ich sehe, im Rahmen meiner Begriffe und Erklärungsmöglichkeiten. Deshalb ist es, auch wenn es begründet wird, immer fehlbar. Zudem setzt jedes Erkennen ein ganz bestimmtes Weltverständnis voraus: Die Welt muss aus Einzeldingen bestehen, die in Sammelbegriffen oder Namen geordnet werden können. So deuten wir die Wirklichkeit. In einer Welt, die nur aus Nuancen und Übergängen bestünde, gäbe es keine Erkenntnis, wie wir sie – kennen.

    Lesen Sie aus dem Wörterbuch der Phänomene auch etwas über Vergangenheit.

  • Verständliche Philosophie: Strengt euch an!

    Verständliche Philosophie: Strengt euch an!

    Wie ist es um die deutschsprachige Philosophie bestellt? Angesichts der Medienpräsenz und der Auflagenerfolge von Autoren wie Richard David Precht und Marcus Gabriel sprechen die einen von einem nie dagewesenen Interesse für philosophische Themen, für verständliche Philosophie und fürs Philosophieren, während andere eine Verflachung und einen Niedergang des philosophischen Denkens diagnostizieren. Philosophie scheint, wenn man den kritischen Kommentaren der letzten Monate glauben darf, nur in zwei Modi möglich zu sein: Entweder als weltabgewandter, unverständlicher akademischer Diskurs oder als flache, unterhaltsame, welterklärende Talkshow-Diskussion, die von trivialisierender Ratgeberliteratur begleitet wird. Und so lauten auch die gegenseitigen Vorwürfe: die Professoren an den deutschen Universitäten werfen den populären Medienstars vor, die Welt allzu simpel zu erklären und die wahre Tiefe der philosophischen Probleme zu verfehlen, während die Freunde leicht verständlicher Sachbücher der akademischen Elite von ihren akademischen Kollegen fordern, den Elfenbeinturm der Fachphilosophie zu verlassen und ihre Ideen auf den Markt zu tragen, wie es der Legende nach schon der Urvater Sokrates getan haben soll. Allerdings wissen wir das nur über die Aufzeichnungen seines Schülers Platon, der wiederum gerade nicht auf dem Markt philosophiert hat, sondern in seiner eigens gegründeten Akademie. Das sollte uns zu denken geben.

    Wozu überhaupt verständliche Philosophie?

    Und so könnten wir zuerst einmal fragen, woher der Anspruch an die Philosophie, gefälligst für jeden verständlich zu sein, der sich irgendwie für sie interessiert, überhaupt kommt. Niemand erwartet von der modernen Naturwissenschaft, dass sie sich einer Sprache bedient, die jeder versteht. Und keiner macht umgekehrt den Verfassern populärwissenschaftlicher Bücher über Quantenmechanik oder Mikrobiologie den Vorwurf, die schwierigen Zusammenhänge der Wissenschaften allzu oberflächlich darzustellen. Warum verlangt man überhaupt von der akademischen Philosophie, auch verständliche Philosophie zu sein? Woher andererseits der Vorwurf an die Autoren populärer Philosophiebücher, die Disziplin zu trivialisieren?

    Die Antwort ist: Zwischen der modernen Naturwissenschaft und dem Alltag gibt es mit den Ingenieursdisziplinen eine Vermittlungsinstanz, die die komplizierten wissenschaftlichen Zusammenhänge für den Alltag brauchbar macht. Man muss sie nicht im Detail verstehen, um sie „verwenden“ zu können – sie müssen, als Teil von Technik, einfach stabil funktionieren. Die wissenschaftliche Erklärung, allgemeinverständlich aufbereitet, ist bloßes Beiwerk, das Vertrauen schafft. Es wäre ein anderes Thema, das genaue Wechselspiel von Wissenschaft und Technik und die Rechtfertigung des Vertrauens, das wir in sie setzen, zu diskutieren.
    Eine solche Vermittlungsinstanz gibt es für die Philosophie aber nicht. Als fragende, nach Gründen suchende Disziplin kann sie die Erzeugung brauchbarer, funktionierender Lebenstechniken nicht an eine Zunft von Sozialingenieuren delegieren. Indem sie nach dem Selbstverständnis des Menschen, nach der Bedeutung der Welt für unser Leben, nach den Sicherheiten unserer Urteile und nach der Rechtfertigung unserer Ziele fragt, betrifft sie das Leben jedes Menschen, dem sein Platz in der Welt fragwürdig geworden ist, ganz unmittelbar. Das Interesse für verständliche Philosophie entspringt aus dieser Fragwürdigkeit, die Fragen, die die akademische Philosophie sich stellt, sind dieselben, wie die, die sich dem verunsicherten Menschen im Alltag aufdrängen. Deshalb interessieren uns die Antworten der Philosophen, und eine vermittelnde Ingenieursdisziplin, die aus philosophischen Theorien praktikable Lebenstechniken machen würde, wäre immer unbefriedigend.

    So wird auch die Ablehnung der popularisierenden Talkshow-Philosophen durch die akademische Philosophie verständlich. Sie sieht, dass der bedrängte Mensch von Ratgeber-Stars mit billigen Rezepten abgespeist wird, die den wirklichen Problemen nicht gerecht werden. Sie sieht, dass die Antworten, die so gegeben werden, auf dünnem Boden stehen, dass die scheinbaren Klärungen, die diese Antworten schaffen, trügerisch sind, weil schon eine kleine weitere Frage reichen könnte, um alle Sicherheiten zunichte zu machen.

    Es muss anstrengend sein

    Was ist zu tun? Wenn den Menschen, die aus ihrem Alltag heraus auf philosophische Fragen stoßen, die Vermittlungsinstanz des Technikers fehlt, der ihm die Erkenntnisse der Forschung nutzbar machen könnte, dann bleibt nur ein Weg, um den Abgrund zwischen akademischer Philosophie und Alltag zu überwinden: Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Die Philosophen müssen sich bemühen, so verständlich wie möglich zu schreiben, ohne ihren Anspruch auf Tiefe aufzugeben. Und das philosophisch fragende Publikum muss einsehen, dass auch verständliche  Philosophie keine leicht verdauliche Kost sein kann, dass sie Anstrengung erfordert. Es darf die Antwort auf seine Fragen nicht in knackigen Slogans erwarten, es darf nicht hoffen, dass es die Lösung der tiefsten Probleme in einem launigen Vortrag oder einem unterhaltsamen Fernsehtalk erfährt. Wer einmal auf philosophische Fragen gestoßen ist, die ihn verunsichern, muss begreifen, dass es ein langer, schwieriger aber lohnender Weg ist, bis wieder eine gewisse Sicherheit erreicht ist.

    Und diese Philosophie und dieses Publikum gibt es bereits. Es gibt nicht hier die unverständliche akademische Philosophie und dort die trivialisierenden Sachbuchautoren. Jedes Werk, das auf den philosophischen Buchmarkt kommt, nimmt einen bestimmten Punkt irgendwo in einem Spektrum ein und ist ein Teil der Brücke, die gebaut werden muss. Nicht alle Autoren, die zu dieser Brücke beitragen, sind Teil der akademischen Philosophie. Barbara Bleisch gehört dazu, die Fragen der familiären Verantwortung diskutiert, und auch die Reflexionen von Peter Trawny in den Heidegger Fragmenten.

    Wer mit philosophischen Fragen ringt, darf es sich nicht leichtmachen. Die nicht, die darüber schreiben: Sie müssen eine Sprache finden, die den Problemen gerecht wird, und doch auch verständlich werden kann, ohne missverständlich zu sein. Und auch die, die lesend nach Antworten suchen, dürfen zwar verständliche Philosophie, aber keine sanfte Unterhaltung erwarten, denn die Probleme, die sich ihnen aufdrängen, sind gewaltiger als man vielleicht meint, wenn man ihnen das erste Mal begegnet. Man kann die wechselseitige Ablehnung der akademischen Autoren und der Publikumslieblinge auch als notwendige Kritik auffassen, dass es sich beide Seiten auf ihren Plätzen allzu bequem machen und damit das fragende Publikum eben beide nicht zu der Anstrengung motivieren, die nötig wäre, um den Herausforderungen der philosophischen Probleme gerecht zu werden.

    Lesen Sie dazu auch die Rezension von Jörg Phil Friedrich zu dem Buch Shooting Stars von Daniel-Pascal Zorn.

  • Wörterbuch der Phänomene: Vergangenheit

    Wörterbuch der Phänomene: Vergangenheit

    Kann man von der Vergangenheit überhaupt in der Gegenwart sprechen? Kann man sagen: „Meine Vergangenheit ist eine Last“? Kann man sie „haben“ – wo doch die sie eben dadurch von der Gegenwart unterschieden ist, dass sie vorbei, also nicht mehr „da“ ist?

    Wenn die sie wirklich vorbei wäre, dann gäbe es sie gar nicht, denn als das Vergangene noch nicht vergangen war, war es ja noch Gegenwart, und vorher war es sogar noch Zukunft.

    Aber vielleicht ist die Vergangenheit eben einfach das, was von heute aus gesehen eben früher passiert ist? Irgendetwas passiert immer, und das, was bereits passiert ist, ist eben die Vergangenheit.

    Das klingt so, als ob man sich außerhalb dieses Stromes der Zeit aufstellen könnte, und als ob er von dort aus auf den Strom der Zeit schauen kann. So wie man am Ufer eines Flusses stehen kann und das Vorbeiströmen beobachten kann. Das, was direkt vor mir liegt, ist die Gegenwart, das, was stromabwärts von mir wegfließt, ist die Vergangenheit, und das, was stromaufwärts auf mich zukommt, ist die Zukunft.

    Aber wenn ich von mir selbst spreche, dann stehe ich immer selbst mitten im Strom. Meine Vergangenheit ist nicht das, was ich hinter mir gelassen habe, sondern das, was bei mir geblieben ist.

    Zu meiner Vergangenheit gehören nicht die Dinge, die ich gesehen habe, sie ist eben nicht das, was zurückliegt, sondern das, was geblieben ist. Sie hat nicht Spuren hinterlassen, sondern sie ist die Gesamtheit dieser Spuren, und genau genommen sind sie genau das, was mich ausmacht.

    Aber oft hört man doch, dass man nicht in der Vergangenheit leben soll, dass man sie hinter sich zurücklassen und in die Zukunft schauen soll. Warum ist das so? Vielleicht, weil jeder eben seine eigene Vergangenheit hat, und wir kommen immer mit Menschen zusammen, die eine andere Vergangenheit haben. Wir brauchen Gemeinsamkeiten, und wenn es die Vergangenheit nicht ist, dann müssen wir die verdrängen und uns auf das Gemeinsame, die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren.

    Vergangenheit lässt sich aber nicht abschütteln, wenn ich doch nichts anderes bin als das, was ich geworden bin. Leben ist vielleicht nichts anderes als die Balance zwischen der eigenen Vergangenheit und der gemeinsamen Zukunft. Die wird aber nur möglich, wenn man Vertrautheit findet – indem man Vergangenheiten teilt.

    Lesen Sie im Wörterbuch der Phänomene auch etwas über die Arbeit.

  • Was kommt nach dem Klimawandel?

    Was kommt nach dem Klimawandel?

    Gesetzt den Fall, dass die Berechnungen der Klimaforscher zum globalen Klimawandel ungefähr richtig sind, spricht eigentlich nichts dafür, dass dieser Wandel, der sich zur Klimakatastrophe auswachsen dürfte, noch aufzuhalten ist. Ein Umdenken und vor allem eine globale Veränderung im Handeln bei der Erzeugung von Treibhausgasen ist nicht in Sicht. Zeit, sich einmal über die Folgen des Geschehens nicht nur abstrakt, sondern etwas genauer Gedanken zu machen.

    Natürlich kann man heute nicht konkret vorhersagen, wie sich das Klima genau in einer bestimmten Region ändern wird. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Klar ist: Sowohl unsere technische Infrastruktur als auch die Landwirtschaft sind davon abhängig, dass Wetterereignisse, die heute als Extreme angesehen werden, nur selten und räumlich begrenzt auftreten. Zugleich sind unsere Versorgungssysteme überregional und global so vernetzt, dass extreme Veränderungen in dem, was als normal gilt, auch in weit entfernten Gebieten gravierende Auswirkungen haben. Wenn etwa in Italien keine Äpfel mehr wachsen und in Spanien nicht mehr erfolgreich Obst angebaut werden kann, haben wir in Deutschland ein Versorgungsproblem. Wenn Strommasten in verschiedenen Teilen Europas unter Schneelast oder in Stürmen umknicken, oder wenn Stauseen für Wasserkraftwerke zu wenig Wasser speichern ist die Stromversorgung in ganz Europa gefährdet. Wenn Extremwetterereignisse Straßen, Schienen und Flughäfen blockieren, bricht schnell die gesamte Grundstruktur unserer Gesellschaft zusammen.

    Da ist kein Klima mehr

    Kritisch ist die Zeit, welche vermutlich ein paar Jahrzehnte andauern wird, in der es gar kein Klima mehr gibt: Kein „normaler Wetterverlauf“ mit einer gewissen Bandbreite des Erwartbaren, auf den wir uns einstellen können und der nur hin und wieder hier und da von extremen Ausnahmen gestört wird. Eine Zeit, in der die unerwartbaren Ausnahmen zur Normalität werden, allerdings ohne dass jemand weiß, welches Extrem als nächstes kommt. In dieser Zeit werden die Menschen nicht planen können. Man weiß nicht, welche Getreide- und Gemüsesorten wachsen werden und welche von Trockenheit oder Starkregen vernichtet werden. Man weiß nicht, ob im Sommer die Hitze alles verbrennt oder ob im Winter die Schneemassen das Leben zum Erliegen bringen. Nach und nach wird in so einer Welt sowohl die überregionale als auch die regionale Infrastruktur zum Erliegen kommen. Wir können annehmen, dass alles, was wir derzeit täglich tun, gefährdet ist oder nicht mehr funktioniert, entweder, weil die Verkehrs- und Energienetze, die alles ermöglichen, ständig gestört sind, oder weil sie in der täglichen Sorge, wie das Leben weitergeht, nicht mehr wichtig sind.

    Mit dem Zusammenbruch der Infrastrukturen bricht allerdings auch der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel zusammen. Wir fahren keine Autos mehr, weil es keinen Treibstoff mehr gibt, wir verschwenden keinen Strom mehr, weil die Energieversorgung zusammenbricht. Mit dem Reparieren werden wir nicht so schnell nachkommen, wie neue Extremereignisse wieder alles zerstören.

    Nach dem Klimawandel: Ein neuer Himmel und eine neue Erde

    Nach ein paar Jahrzehnten wird also ein neues Klima entstehen, eine neue Normalität, auf die die Menschen sich einstellen können. Wird es dann noch Menschen geben? Werden Menschen das Chaos überstanden haben? Sicherlich. Wir müssen hier nicht spekulieren, wie viele Menschen die neue Normalität erleben werden und wo sie leben werden. Es gibt heute mehr als sieben Milliarden Menschen, sie leben an den verschiedensten Orten der Erde. In der Zeit der chaotischen Klimalosigkeit werden manche an den Orten bleiben, an denen sie immer gelebt haben, andere werden sich auf Wanderschaft begeben. Manche werden scheitern, andere werden mit Glück und Verstand überleben.

    Die Erde hat heute eine Vielzahl klimatischer Regionen und Ökosysteme. Das wird auch nach dem großen Klimawandel so sein. Hier und da werden Menschen sich angesiedelt haben, die Nischen zum Überleben gefunden haben werden. Sie werden einen Neuanfang machen.

    Womöglich wird es Konflikte und Kriege um Ressourcen geben, wahrscheinlich werden defekte Infrastrukturen Tiere, Pflanzen und Menschen in einigen Regionen vergiften und neue Krankheiten hervorrufen.

    Aber es ist anzunehmen, dass die Vielfalt der Bedingungen auf der Erde ebenso groß sein wird, wie sie heute ist. Dazu kommt, dass viele große wichtige Kräfte des Erd-Ökosystems vom Klimawandel unbeeindruckt bleiben: Die Erde wird weiter rotieren, die Verteilung der Landmassen bleibt unverändert. Wasser und Luft werden nicht verschwinden (auch wenn sich die Zusammensetzung der Luft womöglich ändern wird). Die Erde wird den Menschen neue Plätze zum Leben ermöglichen.

    Wenn wir die Klimakatastrophe nicht stoppen können, müssen wir uns auf so eine Zeit vorbereiten. Was kann man tun? Ein paar Basis-Fähigkeiten zu haben, wird nicht schaden, um in einer Welt ohne hoch-technisierte Infrastrukturen auszukommen. Dazu gehören nicht nur handwerkliches Können und körperliche Fähigkeiten. Vielleicht sollten wir auch beginnen, Geschichten und Gedichte zu lernen, damit wir in Zeiten ohne Medien etwas haben, was wir einander erzählen können – denn wer will schon Bücherstapel zum Vorlesen durch die Berge und Täler schleppen, wenn er auf Wanderschaft ist?

    Zudem könnten wir anfangen, darüber nachzudenken, was wir nach dem Neuanfang anders machen wollen, damit wir nicht schnurstracks in die nächste Katastrophe laufen.

  • Wörterbuch der Phänomene: Arbeit

    Wörterbuch der Phänomene: Arbeit

    Wir müssen arbeiten – es ist ein gewisser Zwang zur Arbeit da, denn ohne können wir nicht überleben. Die meisten von uns sind auf das Geld angewiesen, dass sie dafür bekommen. Außerdem brauchen wir die Arbeit vieler, damit unsere Gesellschaft weiterexistiert und unser Überleben in dieser Gesellschaft gesichert ist.

    Die Arbeit hält uns von dem ab, was wir viel lieber täten. Während wir arbeiten, freuen wir uns auf die Freizeit: den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub, die Rente.

    Aber ohne können wir auch auf andere Weise nicht leben: Die meisten Menschen ziehen aus ihr ein eigenes Selbstverständnis als Mensch. Fragt man sie, was sie sind, antworten sie mit einer Berufsbezeichnung. Wir erzählen einander während der Freizeit gern und oft Geschichten von der Arbeit.

    Darin unterscheiden sich Lehrerinnen nicht von Kassierern, Professorinnen nicht von Bauarbeitern. Vielleicht ist der Mensch das vernünftige Wesen, dass in jeder Arbeit einen Sinn finden kann. Zwar meinen manche, die ihre eigene höher schätzen als die der Anderen, dass diese Anderen ihre wohl nur widerwillig und nur zwangsläufig zum Broterwerb verrichten. Aber jede Begegnung mit arbeitenden Menschen, egal, was es konkret ist, beweist uns: Es gibt fast keine, an der ein Mensch keine Freude finden könnte. Zudem ist der Arbeitsplatz auch der Ort, an dem Menschen einander treffen: Nicht nur ist die sie das große Thema im privaten Gespräch, der Arbeitsplatz ist auch der Ort, an dem private Gespräche geführt werden und private Kontakte entstehen. Deshalb möchte auch niemand ganz auf den Arbeitsplatz verzichten und nur noch im Homeoffice sitzen.

    Mancher, der die Erwerbsarbeit für die Quelle der Entfremdung des Menschen von seinem eigentlichen Selbst hält, mag diese Argumentation als schönfärberisch abtun und vermuten, dass ich hier nur den ausbeuterischen Charakter der Lohnarbeit verbergen möchte. Aber was wäre, wenn die Menschen auf ihre Arbeit nicht verzichten können, wenn sie im Grunde viel lieber arbeiten möchten, als irgendwelchen Hobbys nachzugehen, zu relaxen oder Unterhaltung zu konsumieren?

    Das Problem ist, dass dieser Mensch sich immer neue Arbeit suchen wird, er will produzieren, schaffen, bauen, gestalten, entwickeln, verändern. Arbeit aber verbraucht Ressourcen und verändert die Welt auf unvorhersehbare Weise. Unsere Zukunftsprobleme könnten auch daraus entstehen, dass wir immerfort arbeiten wollen.

    Lesen Sie auch aus dem Wörterbuch der Phänomene die Wahrheit über die Wahrheit.

  • Richter vs. Donnersmarck: Kein Werk ohne Autor

    Richter vs. Donnersmarck: Kein Werk ohne Autor

    Der Film Werk ohne Autor ist in diesem Jahr für den Oscar nominiert. Das sollte Anlass zur Freude sein, aber die Schlagzeilen rund zu diesem Film sind von einer Kontroverse um den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und den Maler Gerhard Richter bestimmt.

    Die Fakten sind schnell erzählt. Von Donnersmarck hatte Richter um ein Gespräch gebeten, nachdem er das Buch „Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ von Jürgen Schreiber gelesen hatte. Die Gespräche waren Ausgangspunkt des Filmprojekts, dessen Ergebnis nun die Chance auf den großen Filmpreis hat.

    Den Regisseur interessierte an der Lebensgeschichte des Malers offenbar, inwiefern sich das Leben des Künstlers im Werk zeigt. Führen bestimmte Erlebnisse des Malers folgerichtig zu einem bestimmten Werk? Dieser Frage geht der Film nach, ob eine Antwort gelungen ist oder nicht, kann für diese Kolumne dahingestellt bleiben.

    Die Kontroverse entsteht daraus, dass Gerhard Richter in dem Film zwar die Fakten seines Lebens erkennen kann und muss, aber sich selbst nicht erkennt. Der Regisseur hat, meint Richter, sein Leben falsch gedeutet.

    Der Film deutet die Fakten des Lebens auf eine bestimmte Weise, und zwar so, dass es plausibel erscheint, dass der Maler eben aus seiner besonderen Lebensgeschichte heraus genau diese Werke auf genau diese Weise geschaffen hat. Richter sieht das offenbar anders. Die Frage ist: Wer hat das Recht dazu, ein Leben zu deuten? Genauer: Wer kann entscheiden, welche Deutung öffentlich als plausibel angesehen werden darf?

    Man könnte meinen, dass der Maler ja wohl besser wissen muss, was ihn zu seinen Werken gebracht hat, als es ein Regisseur wissen kann, der ein paar Gespräche geführt und ein paar Fakten recherchiert hat. Andererseits weiß man, dass eigene Erinnerungen trügen, und dass wir sehr oft die Frage, was uns zu einem bestimmten Ergebnis, zu unserer je eigenen Biografie geführt hat, oft nicht beantworten können oder wollen. Zudem sind wir oft bereit, uns vom Ergebnis her die Geschichte zurecht zu legen, dass sie uns selbst plausibel erscheint, und wir sagen uns, dass es nur genau so gewesen sein kann.

    Somit kann es auch sein, dass ein Außenstehender, der sich mit einem Leben beschäftigt und der sich in die Folgerichtigkeit der Ereignisse hineindenkt, zu einem anderen Ergebnis kommt. Letztlich ist unentscheidbar, wer Recht hat, denn es geht ja nicht um nachprüfbare Fakten, sondern um deren Deutung. Möglich ist jedenfalls, dass der Außenstehende der Wahrheit näher kommt, als es der Betroffene selbst kann.

    Mit Gerhard Richter kann man fragen, ob von Donnersmarck nicht seine Figur weiter vom Leben Richters hätte entfernen können. Er hätte die Geschichte eines Schriftstellers oder eines Bildhauers erzählen können, hätte ihn nicht aus Dresden, sondern aus Berlin stammen lassen können. Es hätte nicht die Tante sein müssen, die von den Nazis umgebracht wurde, sondern ein Schwager.

    Allerdings wäre dann eine bestimmte Diskussion im Publikum nicht möglich gewesen. Ich als Zuschauer kann mich fragen, ob mir die Geschichte des Films plausibel erscheint in Hinsicht auf das tatsächliche Leben des Malers Gerhard Richter, in Hinsicht auf seine Werke, die ich kenne, und in Hinsicht auf seine Äußerungen zu seinen Werken. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nur die Filmgestalt gäbe und nichts außerhalb der Deutung des Films. Ein solcher Film würde ja nur seine selbst geschaffene Figur deuten.

    „Werk ohne Autor“ ist selbst kein Werk ohne Autor. Wer meint, darin „die Wahrheit über Gerhardt Richter“ zu finden, ist natürlich im Irrtum, aber das ist nicht die Schuld des Regisseurs, sondern liegt an einer problematischen Vorstellung davon, was Kunst, auch Filmkunst, kann und soll. Der Film bietet eine Deutung eines Lebens und eines Werks an. Und über die kann man diskutieren, weil Werk und Maler bekannt sind.

    Lesen Sie auch Jörg Phil Friedrichs Kolumne über das „Klima“ in seinem Wörterbuch der Phänomene

  • Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Das Klima wandelt sich, früher war es angenehm und vorhersehbar, heute ist es unberechenbar geworden – und niemand weiß wie es weitergeht. Die meisten Menschen werden jetzt ans Wetter denken. Aber vielleicht handelt der erste Satz auch vom sozialen Klima in der Gesellschaft, oder vom Betriebsklima. In jedem Fall haben Sie den Satz vermutlich verstanden, Sie wissen, was gemeint ist. Vielleicht verstehen Sie auch sofort, dass derjenige, der den Satz vom veränderten Klima ausspricht, sich Sorgen um die Zukunft macht.

    Aber was heißt Klima, was bedeutet das Wort, das wir sowohl mit Bezug aufs Wetter als auch auf den sozialen Alltag verstehen?

    Die Meteorologen haben definiert, dass das Klima der mittlere Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort über einen gewissen Zeitraum ist. Dieser Zeitraum wurde irgendwann auf 30 Jahre festgelegt. Man misst also dreißig Jahre lang die Temperatur, den Wind, den Niederschlag und berechnet Mittelwerte. Die beschreiben dann das Klima an diesem Ort.

    Aber diese Zahlen sollen nur irgendwas zu fassen bekommen, was wir zuvor schon kennen. Wir fragen nach dem Klima an einem Ort, wenn wir wissen wollen, mit welchem Wetter wir rechnen müssen. Wenn Sie jetzt einen Winterurlaub planen, wollen Sie wissen, im Sie im Februar in Winterberg Schnee erwarten dürfen und auf welche Temperatur Sie sich einstellen müssen. Sie wissen: das kann auch schiefgehen. Sie packen einen dünneren und einen dickeren Pullover ein.

    So ähnlich ist es auch beim Betriebsklima. Wenn Ihnen jemand sagt, dass in dem Unternehmen ein freundliches Klima herrscht, dann wissen Sie, dass es auch mal unangenehm werden kann, aber normalerweise, meistens, sollte es da nett zugehen.

    Klima ist das, worauf wir uns einstellen, womit wir rechnen. Manchmal ist das, was wir dann wirklich erleben, anders, als wir es vom Klima erwartet hätten. Aber wenn unsere Vermutungen übers Klima richtig sind, dann kommen wir auf lange Sicht ganz gut zurecht, weil wir uns darauf einstellen können.

    Deshalb macht uns Klimawandel auch Angst, sei es, dass die globalen Temperaturen steigen, sei es, dass ein neuer Chef einen anderen Ton anschlägt. Klimaveränderungen stören unser Selbstvertrauen, das uns sagt, dass wir alles im Griff haben. Andere Zeiten brechen an, und wir wissen nicht, was kommt.

    Im Wörterbuch der Phänomene wird alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Im ersten Eintrag im „Wörterbuch der Phänomene“ ging es ums Nachdenken. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de