Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    »Warum hängst du seit Stunden in Facebook ab, anstatt dich mit mir zu unterhalten?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Keine Ahnung. Einfach so«, antworte ich.
    »Es muss doch einen Grund geben, warum du das tust.«
    »Gibt keinen bestimmten Grund.«
    »Du hängst ohne bestimmten Grund seit Stunden in Facebook ab? Was ist es dann: eine Sucht?«
    »Nennen wir es ‚schlechte Angewohnheit‘.«
    »Also eine Sucht. Wusst‘ ich’s doch«, sagt die alte Schulfreundin.
    +++

    Facebook feiert in diesem Februar seinen 20sten Geburtstag. [1] Ein guter Anlass, sich mal wieder mit der Deutschen 10t-liebster Freizeitbeschäftigung [2] zu befassen = dem überwiegend sinnbefreiten Rumscrollen und Posten in sozialen Netzwerken.

    Wie das Monster erschaffen wurde

    Hin und wieder erschafft der Mensch Ungeheures: den Alkohol, die Religion, den Staat, die Tranquilizer, die Atomkraft oder die sozialen Medien. Warum und aus welchem Antrieb heraus er dies tut – darüber sind viele kluge Bücher und noch mehr schlaue Fachaufsätze geschrieben worden.

    Wer verstehen will, weshalb und in welchem Zustand der damals 18-jährige Harvard-Student Mark Zuckerberg Facebook erfand, dem empfehle ich als Lektüre das Buch Milliardär per Zufall von Ben Mezrich oder sich den Film The Social Network auf Netflix anzuschauen [der auf dem Buch basiert]. Man kann auch beides tun. Ich hab’s gemacht. Und zwar in dieser Reihenfolge: Zuerst den Film angesehen, dann das Buch bestellt und im Anschluss nochmal in Netflix reingezappt.

    Im Grunde reicht der Film aus, um zu begreifen, welche tiefen bzw. seichten Gedanken der Erschaffung von Facebook vorangingen: Die Plattform war damals halbwegs neu [es gab Vorläufer: Myspace, Classmates, SixDegrees, Orkut], ich Mark Zuckerberg kann es, das Teil ist cool, damit lässt sich schnell Geld verdienen. Viel mehr an Idee steckte nicht dahinter. Facebook war auf jeden Fall nie als ein Wir-retten-den-Planeten- oder auch nur Wir-machen-die-Welt-ein-bisschen-besser-Ding gedacht. Von Anfang an ging’s um Kohle, Koks und Nutten. Allerdings in der verschämten Davon-darf-niemand-Wind-bekommen-Variante. Als sich Mitinhaber Sean Parker auf einer Party mit weißem Pulver erwischen ließ, war bei Zuckerberg sofort Schluss mit lustig.

    Nun muss man als Schöpfer nicht zwingend von Anfang an tiefe oder gar weit in die Zukunft reichende Gedanken haben, wenn man etwas erfindet. Ich wage zu bezweifeln, dass Benz und Citroën bewusst war, wie radikal ihre Benzin getriebenen Vehikel das Transportwesen umkrempeln werden. Hätte Lilienthal seine Visionen von der 747 und dem A380 im Jahre 1890 einem breiteren Publikum offenbart, wäre er weggesperrt worden. Watt wird nicht ansatzweise geahnt haben, dass seine Dampfmaschine die industrielle Revolution in Gang setzt. Als Curie die Radioaktivität entdeckte, hatte sie Hiroshima und Tschernobyl nicht auf dem Schirm. Unser Cro-Magnon-Vorfahre, der als Erster aus Gerste und Honig eine Urversion des Biers braute, freute sich am Ende seines Experiments darüber, dass der neue Stoff interessanter als das langweilige stille Wasser aus dem Gebirgsbach schmeckte und er sich als Nebeneffekt einen gepflegten Rausch antrinken konnte. Dass er damit sowohl die Nachtgastronomie als auch die Abstinenzbewegung ins Leben rief, überstieg ganz sicher seine Vorstellungskraft. Weshalb ein Erfinder immer die Folgen seiner Erfindung einschätzen soll, bevor er mit ihr zum Patentamt läuft oder sie ins Internet stellt – das müssen Sie unsere Technikphilosophen fragen. Ich weiß darauf keine Antwort.

    3 Kategorien von Erfindungen

    Es gibt Entdeckungen, die aus der Champagnerlaune eines genialen Augenblicks heraus oder rein zufällig geschahen, sich im Laufe der Jahre aber dennoch als sinnvoll im Alltagsgebrauch erwiesen haben. Zu diesen Geistesblitzen gehören der Tesafilm, die (Zelluloid-) Filmrolle, das Post-it, der Teebeutel, die Teflonpfanne und Kartoffelchips in Tüten.

    So wie wir alle auch Erfindungen kennen, denen viel Forschungsarbeit und das ernsthafte Bemühen, das Los der Menschheit zu verbessern, zugrunde lagen, die sich jedoch nachträglich als Fluch entpuppten. In dieser Kategorie finden wir die schon erwähnte Atomkraft, das Privatfernsehen, Ghettoblaster und den kostenlosen Eintritt ins Internet.

    Und dann stehen wir noch einer dritten Gruppe Innovationen gegenüber: = denen, die im Moment der Schöpfung trivial waren und auch zeitlebens trivial bleiben. D.h. ihr konkreter Nutzen für die Käufer/Anwender ist minimal bis hin zu vernachlässigbar. Beispielsweise Kaugummiautomaten und einzelportioniertes Katzenfutter. In diese Rubrik sortiere ich Facebook ein. Es sättigt niemand, wärmt mich nicht, fördert keinen Wohlstand, es macht nicht intelligenter, nicht glücklicher, nicht gesünder, es transportiert mich nicht von A nach B, mein soziales Prestige steigt dadurch nicht an, ich kann nicht reinschneuzen, sobald ich Schnupfen habe, es deckt keine Pickel ab, verschafft keinen Orgasmus. Ganz simple Frage: Würde uns konkret was fehlen, wenn es Facebook morgen nicht mehr gäbe? Antwort: nein. Die Welt funktionierte ohne Facebook genauso gut oder genauso schlecht wie vor 2004. Unterm Strich betrachtet braucht kein Mensch diese Plattform; jede Elektrozahnbürste ist nützlicher. Und trotzdem macht die Maschine süchtig und gilt neben Google als die erfolgreichste Geschäftsidee seit Coca Cola‘s Umwidmung von einer Hustenmedizin in ein Erfrischungsgetränk. Neben Facebook wirkt selbst McDonald’s wie ein Collegeteam aus Chicago, das ein Footballmatch gegen die 49ers bestreiten möchte.

    Man könnte lapidar mit den Schultern zucken, die Sache als vorübergehendes Zeitgeistphänomen einstufen und sich anderen, wichtigeren Dingen zuwenden, wenn Facebook in den vergangenen 20 Jahren nicht derart rasant gewachsen wäre, dass es die Schwelle vom Ungeheuren zum Monster schon längst überschritten hat. Denn ungeheuer zielstrebig und unternehmerisch klar gedacht war es sicher, zum einen das Potenzial zu erkennen, das im Hochritzeln und Aufhübschen der vormals biederen Studentenverzeichnisse [das sind die ursprünglichen Facebooks] lag und zum anderen Geldgeber wie Peter Thiel zur Beteiligung am Wagnis zu überreden. Die Überschrift von Mezrichs Buch, „Milliardär aus Zufall“, korrespondiert deshalb nicht mit der Realität. Denn Zuckerberg hatte ja nicht qua Zufall 1 Milliarde Dollar am Roulettetisch im Cesars Palace gewonnen, sondern in jungen Jahren den richtigen Riecher für eine fulminante Geschäftsidee bewiesen. Dass das Teil so schnell so abnorm groß werden würde, ahnte er 2004 vermutlich nicht; jedoch war ihm klar, dass er mit Facebook [bzw. ‚The Facebook‘, wie die Plattform in den ersten Monaten hieß] in die bisher ungenützte Lücke der voyeuristischen Online-Kakophonie vorstieß und sich, unter der Voraussetzung, dass man es nur schlau genug anstellt, damit ordentlich Geld verdienen ließ. Und schlau waren er und seine Mitstreiter zweifelsohne.

    Kleines oder großes Monster?

    Warum ist Facebook ein Monster – denn so lautet ja die Überschrift dieses Kapitels –, könnten Sie nun fragen. Und danach noch die Frage hinterherschieben: Ist es ein großes Monster der Kategorie Atomkrieg oder doch eher was Kleines wie nervige Werbung im TV? Ich bin da hin und her gerissen. Facebook bedroht natürlich nicht unseren Weltfrieden, wie das nordkoreanische Interkontinentalraketen tun oder löscht mit einem Drohnenflug oder IS-Sprengstoffgürtel dutzende Leben aus. Es verseucht nicht dauerhaft die Umwelt wie Union Carbide 1984 in Bhopal, es führt nicht zum Schmelzen der Polkappen und zur Auflösung der Ozonschicht. Es bewirkt keine Adipositas und Diabetes wie Burger King & Pepsi, und das Rauchen einer Packung Marlboro am Tag ist sicher schädlicher für die Herzkranzgefäße als 1 Stunde in einem sozialen Medium surfen. Man muss nicht ständig wiederkehrend 200 Euro blechen, um sich den nächsten Facebook-Schuss setzen zu können. All das spräche erstmal dafür, das Zuckerberg-Produkt in die Rubrik „Kleines Monster“ einzusortieren.

    Dem gegenüber stehen allerdings besorgniserregende Entwicklungen wie: Verbreitung von Fake News & gezielte Streuung von Desinformation, Zunahme von Hate Speech bei gleichzeitiger Abnahme der kommunikativen Empathie, Depressionsschübe, weil man trotz strenger Diät und täglich Fitnessstudio nie so sexy wie das eigene gephotoshopte Profilbild aussehen wird, Selbstmordgedanken, sobald man zur Zielscheibe eines Shitstorms oder von Cyber-Mobbing avanciert, Abdriften in die Social-Media-Abhängigkeit.

    Was Facebook und Heroin gemeinsam haben

    Die Erfindung von Facebook im Jahre 2003 war für die Menschheit von ebensolcher Bedeutung wie die Entdeckung des Alkohols in der Mittelsteinzeit, die Idee, den kürzeren Knochen zu ziehen [markiert den Beginn des gewerblichen Glücksspiels; ebenfalls Mittelsteinzeit] und die Erfindung des Heroins am Ausgang des 19-ten Jahrhunderts. Kann man jetzt nicht 1 zu 1 vergleichen, wenden Sie  ein? Klar kann man es nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen – was kann man überhaupt wissenschaftlich sauber 1 zu 1 miteinander vergleichen? –; aber vergleichen kann man es. Alle 4 hier genannten Stoffe und Aktivitäten führen bei längerem Gebrauch zu Abhängigkeit, die bei dafür prädisponierten Menschen in Sucht gipfelt. Was soll denn eine Facebook-Sucht sein, noch nie gehört, sagen Sie jetzt? Gedulden Sie sich noch ein paar Absätze. Ich erkläre es. Und zwar so, bis auch der letzte Zweifler versteht, dass es sich bei exzessiver Anwendung von Facebook bloß um die krankhafte Befriedigung von 3 menschlichen Grundbedürfnissen dreht:
    (1) sich die tägliche Dosis Klatsch & Tratsch reinziehen (Voyeurismus)
    (2) gefahrfrei pöbeln (Aggressionsbewältigung)
    (3) 24/7 mit Menschen kommunizieren (Einsamkeit entfliehen).
    Es gibt weitere Motivatoren wie bspw. (politische, religiöse, ernährungstechnische) Überzeugungsarbeit leisten, Sexpartner finden, Produkte verkaufen; aber die sind Nebenkriegsschauplätze.

    Es handelt sich also v.a. um die 3 o.g. triebgesteuerten Bedürfnisbefriedigungen, die unserem exzessiven  Facebook-Verhalten zugrundeliegen. Die sich zwar nicht sofort auf unsere seelische und geistige Gesundheit ausbreiten; eher wie ein langsames Gift wirken. Mit jedem Tag, den wir die Droge konsumieren, schleicht sie sich tiefer in unser Unterbewusstsein ein, bis wir eines Tages das bunte Paralleluniversum für die bessere der beiden Welten ansehen und uns weitgehend aus der Realität ausklinken. Endphase: 24/7 online: NICHTS mehr verpassen, ALLES kommentieren, NICHTS mehr glauben, was wir nicht in Facebook sehen, ALLE anderen Informationen anzweifeln oder gar als Lügen deklarieren. So schlimm ist es doch gar nicht, sagen Sie? Doch, es ist bei einigen schon so schlimm, und es wird mit jedem Tag, an dem Facebook nahezu unreglementiert weitermachen darf, ständig schlimmer werden, antworte ich Ihnen.

    Sie übertreiben maßlos, Herr Hirsch. Nicht jeder, der Facebook nutzt, ist süchtig. Ich zum Beispiel bin ganz und gar nicht süchtig, meinen Sie? Selbstverständlich übertreibe ich, denn so funktioniert nun mal das Geschäft mit dem Erheischen von Aufmerksamkeit = Plakative Überschrift, reißerische Anmoderation, und schon klappt es mit Klicks und Reichweite. Habe ich übrigens in Facebook gelernt. Die Überspitzung der These bedeutet allerdings nicht, dass sie verkehrt ist. Sie bedeutet bloß, dass es stärker Süchtige (bspw. mich) und weniger Süchtige (bspw. Sie) gibt. D.h. ich pfeife mir täglich eine höhere Dosis rein als Sie, der Sie jedoch ebenfalls jeden Tag aufs Neue in dieser Plattform unterwegs sind. ICH kann JEDERZEIT damit aufhören, entgegnen Sie empört? Mag sein, aber 99,9 Prozent derjenigen, die in Facebook schreiben, dass sie aufhören, sind nach spätestens 1 Woche zurück und posten und kommentieren dann mehr als vorher. Komplettaussteiger trifft man SEHR selten. Und bisher weitgehend unerforscht ist die finale Destination. Verlassen sie tatsächlich ein für alle Mal den digitalen Zirkus, kehren verkatert & reumütig in die analoge Welt zurück, oder wandern sie von Facebook zu Twitter, Telegram, Instagram, TikTok, Bluesky oder Mastodon? Wechseln also nur die Plattform [die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Suchtverlagerung].

    Kontrollierter Konsum ist die kleine Schwester von Sucht

    Ich habe FESTE Zeiten, in denen ich in Facebook unterwegs bin, an denen richte ich mich aus. Das ist Lichtjahre entfernt von Sucht, sagen Sie jetzt? Na ja, wenn man erst mal feste Zeiten etablieren muss, dann ist das nichts anderes als Sucht, der man ein Korsett verpasst. Bei Alkoholikern nennt man das Trinkmuster. Und glauben Sie mir: mit Alkohol und Mustern kenne ich mich aus. Das Problem mit den Mustern besteht darin, dass man sie eines Tages nicht mehr erfüllen kann und sowohl die Frequenz verkürzen als auch die Dosis erhöhen muss, um das Glückslevel zu halten. Auch ich habe übrigens ein Muster, man kann es sogar eine Regel nennen: Niemals in der Nacht! Ich klappe Facebook um 23 Uhr zu und mache es erst um 7 Uhr morgens wieder auf. Dann aber gehört der sofortige Blick in die Kommentarspalten genauso zu meiner Morgenroutine wie Kaffeekochen, auf dem Klo den Sportteil der Tageszeitung lesen und Zähneputzen. Und im Laufe der folgenden 16 Stunden schaue ich so oft nach, ob eventuell was „Interessantes“ in meiner Bubble passiert ist, dass ich mich um 23.01 Uhr manchmal frage, warum ich das getan habe. Ich kann’s mir bloß mit Sucht erklären.

    Natürlich existieren Unterschiede bei den oben genannten Süchten. So hängen weltweit weniger Junkies an der Nadel, als sich User sekündlich in Facebook einloggen. Bei Black Jack, Texas Hold’em, auf der Pferderennbahn und am Roulettetisch kann man in einer Nacht Haus und Hof verzocken, während man nach einem nächtlichen Kommentar-Marathon in einer digitalen Kloake bloß todmüde ins Bett fällt. Für Alkohol gibt’s Spezialkliniken und Entwöhnungsprogramme. Welcher Arzt hilft mir beim Ausstieg aus Facebook? Hat irgendwer schon mal Kontakt mit einer Facebook-Selbsthilfegruppe gehabt oder existieren die Anonymen Facebookies?

    So cool wie eine Zahnzusatzversicherung

    Wer heute meint, Facebook sei immer noch en vogue, der hält auch eine Zahnzusatzversicherung für hip. Spätestens, als ich im Herbst 2009 – damals 47-jähriger Vater von drei Kindern und Eigenheimbesitzer inklusive Vorgarten und Hauskatze – mit der User Nr. 305.257.368 hinzugestoßen bin, wurde die Plattform von halb- auf viertelcool runtergestuft. Seitdem ist das Gesichtsbuch in etwa so trendy wie ein Toyota Corolla, Cherry Coke light oder Fischstäbchen. Ob ich mir einen Big Mäc kaufe, einen Lottoschein ausfülle oder in Facebook surfe: vom Coolheitsgrad her ist es dasselbe. Wenn ich mal für ein paar Stunden das Gefühl „Heißer Scheiß, Koks und Nutten“ spüren möchte, verirre ich mich ganz bestimmt nicht hierhin, wo ich jeden Tag aufs Neue bloß Texte und Bilder von der Stange serviert bekomme. Online-Langeweile in Dauerschleife.

    Warum ich, der ich das Problem (angeblich) erkannt habe, immer noch drin bin, fragen Sie mich völlig zurecht? Weil es von der Krankheitseinsicht bis zur Überwindung oft lange dauert. Viele schaffen den Ausstieg nie, obwohl sie sich ihrer Abhängigkeit schon seit Jahren bewusst sind. Ich persönlich finde die Abschiednahme von Facebook [weitere Foren nutze ich nicht] mittlerweile als schwieriger als vom Alkohol, tröste mich aber damit, dass Social Media bei mir keine körperlichen Schäden anrichtet. Auf meine Psyche wirkt sich das tägliche Geschnatter hingegen schon aus. Passiert nicht selten, dass ich Stunden später panisch kontrolliere, ob ich meinen vorvorletzten Kommentar auch im dazu passenden Thread hochgeladen oder versehentlich an einer Stelle, wo er nicht hingehört, platziert habe. Oder die ständige Sorge, alte/falsche Wörter zu verwenden, durch die sich ein anderer User (m/w/d) angegriffen fühlt, obwohl ich gar nicht vorhatte, ihn durch deren Gebrauch zu attackieren. Das sind temporäre Schweißausbrüche & Tachykardie-Schübe, die mir vor Social Media fremd waren..

    Lassen Sie uns am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Facebooks konkreter Nutzen für den privaten Nutzer bewegt sich gegen Null [3]
    (B) die Plattform dient uns v.a. zwecks Triebbefriedigung
    (C) obwohl wir das wissen, bleiben wir trotzdem alle hier [von Kurzzeitabwanderungen zu Bluesky mal abgesehen]
    (D) um das böse Wort „Sucht“ zu vermeiden, reden wir stattdessen lieber von lebenslanger Kundenbindung.

    »Wo wirst du den ellenlangen Text veröffentlichen?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Auf Facebook«, antworte ich.
    »Damit du dich dann mit den Kommentatoren über deren Sucht zoffen kannst?«
    »Ja, auch.«
    »Dir ist echt nicht zu helfen mit deinem ständigen Facebook.«
    »Du meinst, da hilft bloß noch die dauerhafte Abstinenz?.«
    »Klar.«
    »So weit bin ich leider noch nicht.«
    »Ich weiß.«

    PS. kleiner Test zum Schluss: Wie lange schaffen Sie es, nicht in Social Media reinzugucken, ohne Symptome wie Unruhe, Appetitlosigkeit und gestörten Schlaf zu spüren? Ich tippe mal, spätestens nach 24 Stunden werden die meisten schwach und tun es wieder [sinnlos posten u kommentieren].
    +++

    [1] Genau genommen handelt es sich um den 20. Jahrestag der weltweiten (kommerziellen) Online-Schaltung. Die ersten, lokal eingegrenzten Gehversuche mit der Plattform wurden bereits 2003 unternommen.
    [2] auf Platz 1 steht übrigens „das Internet nutzen“
    [3] natürlich nutzt Facebook jemand. Nämlich dem Mutterkonzern Meta als immerwährende Gelddruckmaschine.

  • Bauer als Feindbild?

    Bauer als Feindbild?

    Ich hatte mir für 2024 vorgenommen – mein einziger Vorsatz übrigens –, nur noch Kolumnen über Filme und Serien zu schreiben. Einen triftigen Grund dafür gibt‘s gar nicht. Ich wollte bloß aus meiner Netflix-Abhängigkeit eine Tugend machen bzw. mir selbst einreden, dass hinter 100 Episoden „Shameless“ Komaglotzen mehr steckt als eine ordinäre TV-Sucht. Allerdings reizte mich der Beitrag Bauer sucht Stau (erschienen am 6. Januar) des werten Redaktionskollegen Schmitz dann doch dazu, spontan ins politische Terrain zurückzukehren und ein paar Anmerkungen zu machen bzw. Widerworte zu formulieren. Sie erkennen bereits an dieser frühen Stelle des Textes, dass nichts so kurzlebig ist wie der Neujahrsvorsatz eines Kolumnisten.

    Unschöne Szenen am Fährhafen

    Am vergangenen Donnerstag blockieren rund 100 (vllt. 200) aufgebrachte schleswig-holsteinische Landwirte – darunter wohl ein paar rechte Freischärler – den Schiffsanleger Schüttsiel und hindern die Passagiere einer Fähre – unter ihnen Vizekanzler Robert Habeck – daran, an Land zu gehen. Die Atmosphäre ist aufgeheizt; die Menge fordert den Wirtschaftsminister auf, rauszukommen und sich draußen auf der Mole ihren Fragen zu stellen. Habeck lehnt dies ab und bietet seinerseits an, sich mit 3 Wortführern im geschützten Raum zusammenzusetzen und zu diskutieren. Das wiederum missfällt den Bauern, die Stimmung verschlechtert sich, Kapitän und Personenschutz des Ministers entscheiden, die Taue wieder zu kappen, sich erst mal auf einer Hallig in Sicherheit zu bringen und dort abzuwarten, bis sich die Lage beruhigt. Polizei rückt derweil an, treibt den Haufen auseinander, nimmt die Personalien von Rädelsführern und Schreihälsen auf. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei. Mit ein paar Stunden Verspätung erreichen alle Passagiere körperlich unversehrt ihre jeweiligen Zieldestinationen. Am Morgen danach sprechen die Medien von einem rechtem Mob, der einen Minister samt zufällig anwesender Touristen bedroht & nötigt und empfehlen den Landwirten, sich erst mal von hellblauem Ballast zu befreien, bevor sie ihre für den Montag terminierte Aktionswoche starten.

    Das sind Leute, denen geht es nicht um die deutsche Landwirtschaft […] der Vorfall ist inakzeptabel […] die Bauern, die Habeck am Verlassen der Fähre gehindert haben, haben feuchte Träume von Umstürzen. Doch diese wird es nicht geben.
    © Landwirtschaftsminister Cem Özdemir am Freitag im ARD-Morgenmagazin

    &

    Blockaden dieser Art sind ein No-Go. Wir sind ein Verband, der die demokratischen Gepflogenheiten wahrt. Persönliche Angriffe, Beleidigungen, Bedrohungen, Nötigung oder Gewalt gehen gar nicht.
    © Bauernpräsident Joachim Rukwied, ebenfalls am Freitag

    Die mediale Kritik in den kalten Januarwind schlagend machen die Landesbauernverbände seit Montag mobil und mit zahlreichen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam. Dazu zählen neben Kundgebungen und Demonstrationen auch Blockaden von Straßen und Autobahnauffahrten, langsam fahrende Kolonnen mit Traktoren und Autokorsos.

    Schwieriges Thema „Subventionen“

    Wir wollen uns in dieser Kolumne nicht mit Sinn oder Unsinn von (Dauer-) Subventionen im Allgemeinen und Agrardiesel-Steuererleichterungen im Speziellen beschäftigen. Um diese Fragen zu klären – dafür gibt’s Experten. Womit ich die richtigen Experten, und nicht die selbsternannten in den sozialen Netzwerken, meine. Als alter (iSv. altgewordener) Liberaler bekomme ich selbstverständlich Bauchschmerzen, sobald ich höre, dass ein Wirtschaftszweig nur aufgrund permanenter Alimentierung überlebt. Allerdings verstehe ich, dass der internationale Konkurrenzdruck im Agrarsektor enorm ist und die heimische Branche durch zahlreiche politische & bürokratische Vorgaben an „normaler“ Gewinnerzielung gehindert wird. Soll heißen = ohne Unterstützungszahlungen gäb’s demnächst kein deutsches Bauerntum mehr. Und das gilt sowohl für die konventionelle als auch die sogenannte biologische Landwirtschaft. Ob die staatlichen Leistungen immer richtig eingesetzt werden, hängt stark vom Blickwinkel des Experten ab. Die einen bemängeln die Zahlungen an die (angeblich) die Umwelt zerstörenden Großbetriebe, die anderen kritisieren das Hätscheln der Bio-Bauernhöfe, deren Produkte sich bloß die gutverdienende, urbane Öko-Schickeria leisten kann. Und damit soll es an dieser Stelle auch schon wieder genug sein mit den Subventionen.

    Die Fragen, um die es sich eigentlich dreht

    Worum es mir in dieser Kolumne geht, sind diese 3 Fragestellungen:

    (A) Dürfen Bauern für ihre egoistischen Anliegen streiken?
    (B) Wird ein Protest illegitim, sobald rechte Trittbrettfahrer sich daran beteiligen?
    (C) Woher rührt die Verachtung der urbanen Mittelschicht für die Bauernschaft?

    Zu (A) Klar, Bauern dürfen für ihre (egoistischen) Anliegen auf die Straße gehen. Auch wenn es sich bei ihrem Verband nicht um eine Gewerkschaft handelt, können die Landwirte als Berufsstand selbstverständlich jederzeit in einen „Streik“ treten. Den sie übrigens aus eigener Tasche bezahlen. Niemand ersetzt ihnen den Arbeits- & Verdienstausfall. Ob sie für höhere Milchpreise, gentechnisch optimierten Raps, mehr Sonnenschein oder die Beibehaltung des reduzierten Steuersatzes auf Agrardiesel demonstrieren, ist ihre eigene Entscheidung. Käme ja niemand im Entferntesten auf die Idee, den Lokführern vorzuschreiben, ob die für ne 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich den Zugverkehr und die Piloten für mehr Urlaub unsere Flughäfen lahmlegen dürfen. Dass Bauern ihren Ärger am liebsten auf Traktoren in unsere Städte transportieren, ist jetzt auch keine Erfindung des Jahres 2024. Das handhaben sie seit Jahrzehnten so und haben früher manchem Landwirtschaftsminister 10.000 Liter Gülle vor die Tür seines Ministeriums gekippt, ohne dass davon die Demokratie unterging. Bauernprotest ist halt was anderes als ne Stuhlkreisgruppe der Anonymen Lärmsensiblen.

    Zu (B) Schwieriger zu beantworten als (A). Kommt drauf an bzw. hängt davon ab. Z.B. wer organisiert die Aktionswoche, wie lauten die Forderungen, welche Fahnen werden geschwenkt, wie viele Trittbrettfahrer (die auch deutlich als solche erkennbar sind) marschieren mit, bleibt es friedlich? Alte (Bauern-) Regel: 100 aufgebrachte (rechte) Landwirte am Fährhafen von Schüttsiel machen noch keine bundesweite Nazi-Demo. Meine Beobachtung am Montag & Dienstag [bei uns im Raum Köln-Bonn wurde eifrig demonstriert]: Es ging den Bauern bei ihren Traktor-Umzügen um 2er-lei: (1) das Nicht-Antasten des Steuersatzes auf den sog. Agrardiesel (spezielle Forderung), (2) eine Neujustierung der deutschen Agrarpolitik (generelles Anliegen). Plakate, die zu Gewalt & Umsturz aufriefen, habe ich keine gesehen, in der Luft lag der Geruch von Diesel & Kuhmist und nicht der Pesthauch eines Putsches von rechts.

    Frage an die Fraktion der Besorgten: wenn sich viele linke Politiker mit dem Lokführerstreik solidarisieren -> ist die Berufsgruppe der Lokomotivistas dann in der Konsequenz en bloc als Sozialisten einzustufen, droht durch das wiederholte Lahmlegen des Bahnverkehrs gar ein Umsturzversuch von links? Was ist mit unseren Fußballstadien: Darf ich als Effzeh-Fan kein Heimspiel „meines“ Clubs mehr besuchen, weil in der Südkurve ein paar Hooligans in Thor-Steinar-Jacken stehen? Das sind aber dämliche Frage, Herr Kolumnist, sagen Sie? Ja, es sind dämliche Fragen; aber genauso dämlich ist es, von 100 schleswig-holsteinischen Wut-Landwirten auf die Gesamtheit der deutschen Bauernschaft hochzurechnen. Es ist nicht nur dämlich, sondern unredlich.

    Zu (C) Was mich im Vorfeld des Bauernprotestes erstaunt hat – und glauben Sie mir: nach knapp 15 Jahren Facebook erstaunt mich nur noch wenig –, war der Umstand, dass selbst digitale Bekannte, die ich bisher als vernünftig und abwägend in ihrem Urteil eingeschätzt hatte – über Nacht auf den Anti-Landwirt-Zug aufsprangen. Da war kein Meme zu blöde, kein Vorurteil zu fadenscheinig, kein Joke zu seicht, als dass man das alles nicht dennoch im Brustton der intellektuellen & moralischen Überlegenheit postete. Tenor = Wir, die moderne urbane Mittelschicht, erklären euch Hinterwäldlern mal, was ein politisch korrekter Streik ist und wie die Landwirtschaft des 21stem Jhrd.s auszusehen hat. Seid dankbar, dass ihr als Branche aufgrund unserer Steuergelder überhaupt noch existiert und hört auf, die Umwelt zu zerstören und Tiere zu quälen.

    Kolumnistenkollege Schmitz schrieb dazu vergangenen Samstag:

    Aber er [der Großvater von H.S. Anm. d. Verf.] sagte immer, für einen Landwirt sei nicht wichtig, zu leiden ohne zu klagen, sondern im Gegenteil immer zu klagen ohne zu leiden. Das wird dem Bauern mit der Bäuerinnenmilch weitergegeben.

    &

    Irgendwie ist es schon lustig, dass die Bauern glauben, es sei geradezu ihre heilige Pflicht den Segen des Sankt Subventius zu fordern, gleichzeitig aber über diese Klimaaktivisten zu wettern, die ihnen den Weg zum Acker versperren.

    Gipfelnd in der Warnung:

    Mich stören die Bauernproteste nicht. Was mich stört, ist die Gefahr, die aus dem Größenwahn entsteht, mit Gewalt oder Androhung von Gewalt eine Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Demokratie hat ihre Spielregeln und wer die nicht einhalten will und meint, am Ende bestimme der, der den dicksten Traktor hat, will keine Demokratie. Das hatten wir schon mal und es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.

    Ich rieb mir verwundert die Augen und dachte: das darf doch alles nicht wahr sein. Woher rührt die Geringschätzung der deutschen Akademikerzunft für einen der ältesten Berufsstände? Ich will an dieser Stelle ein bisschen ausholen, auch auf die Gefahr hin, weitschweifig zu erscheinen: meine Familie väterlicherseits rührt her von einer langen Linie norddeutscher Landwirte, die ihren Hof Ende des 19. Jhrd.s aufgrund mangelhafter Rentabilität verkaufen mussten. Ein Teil der Sippschaft emigrierte im Anschluss nach Argentinien und sattelte dort die Pferde bzw. um auf Rinderbaron. Den anderen Teil verschlug es ins Rheinland, wo von meinem Urgroßvater ein neuer Zweig, der überwiegend aus Ingenieuren und Juristen besteht, gegründet wurde. Um aber nicht zu vergessen, wo wir herstammen, wurden die Söhne in den Sommerferien zum Arbeiten aufs Land geschickt: mein Vater hat damit nach dem Krieg die Familie mit Lebensmitteln versorgt, ich hab’s in den 70-er Jahren mehr zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung getan. Nach 6 Wochen Stall sauber machen, Heuballen stapeln, Zapfvorrichtungen an Kuheuter anschließen, beim Schlachten von Hühnern und der Geburt von Kälbern zusehen [und natürlich Traktorfahren] war mir 1 klar geworden = Ich möchte kein Bauer werden [v.a. das frühe Aufstehen und das im Vergleich zur Großstadt schmal dimensionierte abendliche Unterhaltungsangebot schreckten mich von einer landwirtschaftlichen Karriere ab]; aber 1 ist mir seitdem erhalten geblieben = der Respekt vor dieser Berufsgruppe.

    Kommentare, die einen baff zurücklassen

    Die Bio-und Nie-wieder-Faschismus-bewegte Kommentatorenblase unter Schmitz‘ Kolumne quittierte die Aktionswoche mit:

    Was wollen sie dann? Diktatur des Bauernproletariats?

    &

    Wenn ich mir die Foren von den Demo- Bauern ansehe, jeder dritte hat die AFD im Nacken , sie werden nicht gelöscht , eher Beifall für die Dümmis , wer die dickste Kartoffel 🥔 hat , sehen wir am Montag. DEMO genehmigt, hoffe es wird genauso vorgegangen , nur mit einem Unterschied FFF war für die Umwelt und zu Fuss.

    &

    Die deutsche #Agrarlobby: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert.

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    „Dumm wie ein Bauer“ – Vermeintliches Vorurteil als zutreffend bestätigt.

    &

    Wenn Klimaaktivisten in die Nähe von Terroristen gestellt werden, was sind dann die Bauern, die mit ihren Traktoren Autobahnen und Straßen blockieren?

    &

    Unfassbar, dieses Pck. Das waren terroristische Handlungen, aber das passiert halt, wenn man sich mit der rechtsextremen NSAfD zusammentut.

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    Dummheit, Gier und Hass wachsen auf einem Ast.

    Beifall erscholl zu jedem dieser Gebt-den-Landwirten-mal-ordentlich-eins-auf-die-Kappe-Kommentare; kaum Widerspruch. Der Bauer als Feindbild. Ich war baff.

    Tipps wie „Augen auf bei der Berufswahl“ oder die krampfhafte Unterscheidung in gute Klein-Bio-Landwirte und böse, die Umwelt zerstörende, Großbauern [die sich bei genauerer Betrachtung häufig als mittelständische Familienbetriebe entpuppen] lassen mich kopfschüttelnd zurück. Ist es tatsächlich so, dass der (gute) Klein-Bio-Landwirt völlig ohne Subventionen auskommt [was ich, sobald er dauerhaft davon seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, stark bezweifele], zerstören die Mittelständler tatsächlich alle die Landschaft und vergiften unsere Böden und Gewässer? Liegt die Lösung des Problems darin, Nahrung (stark) teurer zu machen? Ein Ratschlag, der völlig außer Acht lässt, dass inflationsbedingt viele Lebensmittel heutzutage eh das nahezu Doppelte im Vergleich zur Vor-Corona-&-vor-Ukrainekrieg-Zeit kosten. Wer garantiert, dass das Delta, das durch höhere Preise generiert wird, auch dem Erzeuger, und nicht dem Handel, zugutekommt? Die Landwirte, die ich kenne (ein halbes Dutzend), können vom Ertrag ihrer Arbeit leben – ich würde sie finanziell in die Kategorie „(halbwegs) gesunder Mittelstand“ einsortieren. Reichtümer häuft keiner von denen an –; jedoch bilden Transferzahlungen & Steuererleichterungen einen integralen Bestandteil der Kalkulation. Würden die wegfallen, sähe es sofort zappenduster für diese Betriebe aus. Wer also nonchalant empfiehlt, Preise rauf und Subventionen runter, der darf in ein paar Jahren nicht darüber jammern, dass unsere Kartoffeln mit dem Gütesiegel „Geerntet auf 100% ökologisch einwandfreien ukrainischen Äckern“ versehen sind, und das Bio-Hühnchen in einer ägyptischen Geflügelfarm aufgezogen wurde.

    Der Graben wird breiter

    Mich lehrt das Stück v.a. 1 = der Graben zwischen der urbanen, hippen Öko-Elite, vegan orientiert, 3x täglich in einem Szenecafé am 8-Euro-Flat-White mit aufgeschäumter Mandelmilch nuckelnd, und der Diesel fahrenden, Schweinenackensteak auf den Grill legenden und 2 Geschlechter für den biologischen Normalzustand haltenden Restbevölkerung wird breiter. Die einen beklagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit den linksgrünen Mainstream, der unsere Denkweise manipuliert, die anderen sehen sich umzingelt von reaktionären Boomern und haben kein Problem damit, Wirtschaftszweige, die aus ihrem städtisch verengten Blickwinkel antiquiert und überflüssig erscheinen, in die (böse) rechte Ecke zu verfrachten, wo sie sich entweder schämen oder auflösen (oder beides) sollen. Vernünftige – auf Konsens zielende, das Verhalten der jeweils anderen Gruppe erst mal verstehen wollende – Diskussionen werden ganz augenscheinlich zunehmend schwieriger. Meine Prognose = noch weitere 10 Jahre Facebook & Twitter, und wir werden ebenfalls in Europa US-amerikanische Verhältnisse haben, wo Stadt & Land, Demokraten & Republikaner, hippe Elite & Restbevölkerung sich gegenseitig abgrundtief misstrauen und Beschimpfung & Wutrede für die normale Form der Gesprächsführung halten. Zu düster gedacht, Herr Kolumnist, so schlimm wird’s sicher nicht kommen, meinen Sie? Ihr Wort in Zuckerbergs und Musks Ohren, antworte ich.

    Zum Schluss noch diesen Satz fürs Poesiealbum: Man muss nicht jede landwirtschaftliche Subvention für sinnvoll erachten; jedoch sollte man unseren Bauern schon den Respekt zollen, der ihnen als hart arbeitendem – und unsere tägliche Ernährung sicherstellendem – Berufsstand gebührt.

    PS. den Kindern von Öko-Hipster-Eltern empfehle ich Ferien auf dem Bauernhof. Womit ich nicht Pferde streicheln und Ferkel kuscheln, sondern richtiges Mitanpacken meine. Nach 6 Wochen Stall ausmisten und Traktorfahren wird der Blick aufs Landleben garantiert ein anderer (iSv. realitätsnäher) sein.
    PPS. nächste Woche kehre ich zurück in die Filmredaktion. Versprochen.

  • Über die Lebensdauer von Ampeln oder …

    Über die Lebensdauer von Ampeln oder …

    Gestern veröffentlichte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz einen Text mit der Überschrift Ampelmüdigkeit – Die Koalition hängt durch, in der die teils katastrophale Außendarstellung der Regierung und die (Nicht-) Führung des Kanzlers im Mittelpunkt stehen. Daraus resultiert wiederum eine Wert- (strenggenommen eigentlich: Gering-) Schätzung der aktuell praktizierten Staatskunst durch die Bürger von historisch niedrigen 35 Prozent. Man muss nicht 40 Semester Politikwissenschaften studiert haben, um zu ahnen, dass es sich, sollte nicht alsbald das Ruder herumgeworfen werden, bei der Ampel um ein 1-Legislaturperiode-Phänomen handelt.

    Schweres Erbe angetreten

    Völlig zurecht weist Heinrich Schmitz darauf hin, dass Rot-Grün-Gelb ein schweres Erbe angetreten hat. Viele Gesetzes- und Modernisierungsvorhaben wurden in der langen Ära Merkel – speziell während deren Spätphase – entweder verschleppt oder gar nicht erst angepackt, woraus großer Reformstau vor allem beim Megathema „Klima“ und im Bereich „Digitales“ resultierte. Allein mit der Abarbeitung dieser Problemfelder wäre eine neue Regierung 4 Jahre lang 24/7 ausgelastet. Erschwerend hinzu kamen aber noch die Corona-Pandemie (okay, die gab’s auch schon zum Finale von Merkel IV) und der Ukrainekrieg. Während uns Covid-19 ne Menge Lock- & Shutdowns (-> u.a. Kneipen-, Sportstudio- und Theatersterben) und viele Tage zu Hause im Home Office bescherte, zeigte uns der russische Überfall aufs Nachbarland gnadenlos auf, dass wir zum einen wie ein Junkie abhängig vom sibirischen Gas sind, und unsere Bundeswehr nicht nur mit veraltetem Gerät hantiert, sondern überwiegend kampfunfähig ist. Beides lange bekannt, von Experten wurde – falls man sie überhaupt mal fragte – periodisch auf diese Missstände hingewiesen; bloß im politischen Berlin interessierte sich bis zum Frühjahr 2022 niemand dafür. Ist allerdings ein Versäumnis nahezu aller Parteien; kann mich nicht daran erinnern, dass die damalige Opposition lautstark vor russischen Energielieferungen gewarnt hatte. Am 24. Februar 22 wurden uns schlagartig die Augen geöffnet, wir erwachten aus unserem Die-Welt-ist-gut-Schlaf und begriffen binnen weniger Tage, dass dringender Handlungsbedarf sowohl bei der Stärkung unserer militärischen Verteidigungsfähigkeit als auch bei der Zusammenstellung des zukünftigen Energiemixes geboten ist.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: keine neue Regierung der Bundesrepublik war jemals mit so vielen Großbaustellen gleichzeitig konfrontiert wie die Ampel.

    Niemand würdigt politischen Fleiß

    So nehmen die Reaktionen der Kommentatoren unter der gestrigen Kolumne nicht Wunder:

    (1) Die Ampel hat einen guten Job gemacht , schwierig in Krisen / Kriegszeiten, Holland kann sich schämen, bei uns werden Rechtspopulistische Parteien niemals gewinnen . Jeder von uns sollte die Verantwortung übernehmen, ich sehe keine Gefahr das 2025 die AFD das Ruder übernimmt , hatten wir Anno 1933 , jetzt ist nicht stärke , sondern ein absolutes Ausschlussverfahren gefragt. Volkshetze ist keine Demokratie, ich hoffe wir sind mehr.

    (2) Was die Ampel angeht: man sollte schon auch sehen, die haben nur noch 35% Zustimmung – dabei stehen aber die Grünen ziemlich exakt bei ihrem Wahlergebnis von 2021. Rasant abgestürzt in der Gunst der Wähler sind SPD und FDP. Die Linderistas haben ihre Zustimmungswerte mal eben halbiert. Und Habeck bemüht sich ja durchaus, das zu leisten, was du zu Recht einforderst und der Kanzler eben nicht liefert: Erklärungen. Allerdings kranken die Grünen an zwei Problemen: einerseits gelingt es ihnen nicht, der von Union, FDP und rechter Presse geschürten Wahrnehmung etwas entgegenzusetzen, sie seien der eigentliche Grund aller Probleme. Und andererseits wollen sie so realpolitisch sein, dass sie mittlerweile ihre eigene Basis dauernd vor den Kopf stoßen, weil sie bei grünen Kernthemen wie Flucht oder Klima nicht das liefern, was die Basis erwartet, teils sogar das Gegenteil.

    (3) Die Ampel hat fertig. Die Grünen versuchen mit immer mehr Geld die Probleme zu lösen, die mit weniger Intervention in den Markt erst gar nicht entstanden wären und erleben gerade ihren moralinsauren, ideologischen Kollaps; die ersten Stimmen in der SPD zweifeln, ob das als BGE ausgelegte Bürgergeld nicht doch mehr Probleme am Arbeitsmarkt schafft und weitere Löcher in die Sozialkassen reißt und die FDP hat so ziemlich jeden Wähler mit ihrer Umfallerei vergrault.

    Eigentlich müsste die Ampel wegen des Fleißes, mit der sie Tag und Nacht, die o.g. Großbaustellen beackert, Minimum 80 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung haben, meinen Sie? Theoretisch ja, aber praktisch sind es bloß 35, denn Fleiß alleine genügt dem Bürger nicht, wenn er sein Kreuz in der Wahlkabine macht. Da müssen noch andere Faktoren hinzukommen, um als Partei sexy zu erscheinen.

    Die Prognosen (sog. Sonntagsfrage) der renommierten Forschungsinstitute ergeben seit Monaten ein nahezu identisches Stimmungsbild = SPD und Grüne beide weit unterhalb von 20 Prozent, die FDP kann froh sein, wenn sie die 5%-Marke überquert. In der Addition reicht es bei weitem nicht, um die Koalition in der jetzigen Konstellation fortzuführen. Und diese (aus Sicht der Ampel-Befürworter) trübe Aussicht wird von sämtlichen Instituten geteilt, völlig egal, wie groß die gezogene Stichprobe ist und mit welcher Erhebungsmethode die Antworten der Probanden in Erfahrung gebracht werden.

    Prognosen = wie Kartenlegen?

    Prognosen sind die moderne Variante der antiken Eingeweide-Schau und interessieren niemand, sagen Sie? Oder: selbst Kartenleger treffen öfter ins Schwarze als unsere Meinungsforscher? Oder: nichts ist so alt wie die Umfrage von gestern? Das stimmt alles nur bedingt, antworte ich. Zum einen achten die renommierten Institute darauf, dass sowohl Stichprobe als auch Erhebungsmethode den strengen Kriterien, die notwendig sind, um als repräsentativ zu gelten, genügen. Hat ja kein Experte was davon, wenn er sich dauernd irrt. Zum anderen ist weniger die einzelne, stichtagsbezogene Umfrage als vielmehr deren Zeitreihe von Relevanz. Wenn man sich die Ergebnisse regelmäßig betrachtet, fällt auf, dass:

    (a) die ermittelten Werte sich institutsübergreifend ähneln
    (b) die Änderungen (eine Partei rauf, eine andere runter) bloß in kleinen Schritten vonstattengehen.

    Wollen wir uns interessehalber 4 aktuelle Umfragen anschauen.

    Partei/Institut Allensbach Verian (Emnid) FG Wahlen INSA
    CDU/CSU 32% 29 31 30
    AfD 19 20 22 22
    SPD 17 16 15 16
    Grüne 13.5 17 15 12
    FDP 6 5 5 6
    Linke 3.5 4 4 4
    FW 4 3
    Sonstige 5 9 8 7%
    Legende 23. Nov., 1.047 Teilnehmer, Face to face = Hausbesuche 25. Nov., Stichprobe = 1.452 Probanden. Telefon 24. Nov., 1.242 Teilnehmer, Telefon 25. Nov., 1.202 Teilnehmer, Mix aus Telefonbefragung und Online-Panel

    (c) wahlrecht.de

    Das Toleranzintervall (statistischer Fehler) beträgt (bis zu) plus/minus 3 Prozent. IdR. fällt es allerdings geringer aus. Die Vorhersagen sind, v.a. sobald der Wahltag näherrückt, in der Mehrzahl überaus exakt.

    Die Zeitreihen-Analyse führt im Rahmen einer Kolumne zu weit. Hier würde man allerdings unschwer feststellen, dass sich die Union nach ihrem Wahldebakel im Herbst 2021 Schritt für Schritt erholt und mittlerweile bei nahezu allen Instituten stabil bei 30 steht. Tendenz weist eher nach oben als nach unten. Ihren Anteil in den vergangenen 2 Jahren verdoppelt hat die AfD; auch das geschah peu à peu und keineswegs sprunghaft. Das 2021-Niveau halten können bisher in etwa die Grünen (wenngleich es bei dieser Partei in den vergangenen 24 Monaten die größten Schwankungen zu beobachten gibt), während SPD und FDP stetig runtergehen. Die Linke wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr im nächsten Bundestag sitzen, bei den Freien Wählern bleibt abzuwarten, wo deren momentaner Höhenflug endet. Im Bund wird’s für Aiwanger & Co. sicher schwieriger werden als in Bayern, die notwendigen 5% zu knacken.

    Linke Mehrheit SEHR unwahrscheinlich

    Aufbauend auf den oben gezeigten Zahlen – welche Konstellationen sind Ende 2025 möglich (und wahrscheinlich)?

    möglich
    (1) Union + AfD
    (2) Union + SPD
    (3) Union + 2 Juniorpartner (z.B. SPD + FDP oder Grüne + FDP)
    (4) sollten die Freien Wähler reinkommen, dann wäre evtl. auch ein 3er-Bündnis Union+Liberale+FW denkbar.

    Was – Stand heute – definitiv nicht möglich ist = linke Mehrheiten.

    wahrscheinlich
    Da ich optimistisch davon ausgehe, dass die Brandmauer gegen rechts bis 2025 hält (sprich: niemand gemeinsam mit den Hellblauen regieren wird), scheinen mir folgende Konstellationen die wahrscheinlichsten zu sein:

    (1) Neuauflage der Groko (vermutlich mit einem Kanzler, der entweder Merz oder Söder heißt)
    (2) Schwarz-Grün (setzt allerdings einen Kanzler Wüst oder Günther und ein paar Prozentpunkte mehr für die Grünen voraus)
    (3) „Deutschland“ = Union + SPD + FDP
    (4) Jamaika = Union + Grün + Liberale.

    Wer aus (1) bis (4) mein persönlicher Favorit ist? Ganz klar (2) = Schwarz-Grün. Von 3er-Kombinationen halte ich wenig, die Groko gab’s schon zu oft. Schwarz-Grün funktioniert auf Länderebene tadellos, läuft dabei nahezu geräuschfrei und wäre für den Bund mal was Neues.

    Die Umfragen können 2025 völlig anders aussehen als heute, meinen Sie? Stimmt, jedoch müsste, damit der Trend sich signifikant wendet, ein mittelgroßes Wunder à la die Bevölkerung mutiert zu überzeugten Klimaschützern oder unser Kanzler wandelt sich in einen charismatischen Anführer (am besten beides zusammen) geschehen. Und dass die Deutschen den Grünen (mal abgesehen von deren Kern-Klientel, das sich auf ca. 15% beläuft) auf deren Wir-retten-den-Planeten-Marsch folgen werden, ist genauso unwahrscheinlich wie ein Olaf Scholz, der mit der Faust auf den Tisch haut und „Basta!“ ruft. Mal ganz abgesehen von der gelben Laus im rot-grünen Pelz, die man nicht abschütteln kann, weil ansonsten der Pelz zu sehr schrumpft.

    Mit 98%-iger Wahrscheinlichkeit wird es deshalb in knapp 2 Jahren, wenn der nächste BT-Wahlgang ansteht, zu einem Wechsel der Koalition und ebenfalls der Kanzlerschaft kommen. Meine Prognose lautet = Schwarz-Grün & Hendrik Wüst.

    Sie glauben weiterhin nicht an Umfragen? Das tut mir wirklich leid für Sie.

  • Die Me2-Freundin, die nicht schlafen kann

    Die Me2-Freundin, die nicht schlafen kann

    Es war mitten in der Nacht, als mein Telefon wie verrückt klingelte. Nicht 5x, sondern 10x und dann wieder 10x und erneut 10x. Musste also was Wichtiges sein.
    „Bist du wach?“, fragte Vera.
    „Jetzt schon“, antwortete ich.
    „Ich kann nicht schlafen“, sagte sie.
    „Und dann rufst du um 3 Uhr fremde Leute an?“
    „Du bist nicht fremde Leute. Wir waren zusammen auf der Schule. Oder hast du das vergessen?“
    „Nein, habe ich nicht vergessen. Was gibt’s so Dringendes, dass du seit ner Viertelstunde dauerläutest?“

    Ne schiefgelaufene Facebook-Konversation

    „Ich kann nicht schlafen“, sagte Vera.
    „Sagtest du schon“, sagte ich.
    „Willst du wissen, weshalb ich nicht schlafen kann?“
    „Eigentlich nicht; aber du wirst es mir trotzdem erzählen.“
    „Mir geht eine Facebook-Konversation nicht aus dem Kopf.“
    „Seit wann gibt’s in Facebook Konversation? Da werden doch nur grob gestrickte Meinungen mit dem Holzhammer ausgetauscht. So lange, bis der eine beleidigt ist und der andere ihn blockiert.“
    „Bei dir vielleicht. Bei mir geht es gesittet zu. Ich achte sehr auf Etikette.“
    „Und kannst jetzt nicht schlafen.“
    „Kannst du nicht manchmal ebenfalls nicht schlafen, weil dich eine Facebook-Konversation nicht loslässt?“
    „Ich schlafe wie ein Baby.“
    „Du warst immer schon gut im Verdrängen. Liegt an deinem oberflächlichen Charakter.“

    „Vera, worum geht’s konkret? Sonst lege ich mich wieder hin. Ich brauch meinen Schlaf.“
    „Ich hab gestern ein altes Filmplakat gepostet.“
    „Ein altes Filmplakat?“
    „War ein Plakat zu Der Spion, der mich liebte. Kennst du den?“
    „Klar, kenne ich den: war der dritte mit Roger Moore. Mit ner echt heißen Barbara Bach an seiner Seite. Allein für den Arsch von ihr lohnt es, sich den Film mehrmals anzusehen.“
    „Genau darum geht es.“
    „Um den Arsch von Barbara Bach?“
    „Dass das Filmplakat zu aufreizend gestaltet war, zu sexy. Heute könnte man so was nicht mehr zeigen wegen Sexismus und Me2. Und ich hab mich im Anschluss echt schlecht gefühlt, weil ich es gepostet hatte; denn, wie du weißt, Me2 liegt mir sehr am Herzen. Ich wollt’s aber auch nicht wieder löschen, weil schon so viele Kommentare drunter standen. Und nun habe ich ein sexistisches Plakat auf meiner Seite stehen und kann deshalb nicht schlafen.“

    „Trink 2 Glas Rotwein und scheiß auf die Kommentatoren“, sagte ich.
    „Und das ausgerechnet aus deinem Mund.“
    „Dann trink halt keinen Rotwein.“
    „ICH kann jederzeit Rotwein trinken, aber du solltest noch nicht mal daran denken!“
    „Ich geh jetzt aufs Klo.“
    „Aber nicht einpennen. Ich warte, bis du wiederkommst.“

    Ich ging aufs Klo und dachte kurz drüber nach, mich in die Badewanne zu legen, um weiterzuschlafen. Das Geräusch der Spülung vermischt mit dem Zitronengeruch der WC-Steine machte mich wieder wach. Ich schlurfte zurück ins Wohnzimmer.

    Was darf auf einem Filmplakat (nicht) gezeigt werden?

    „Hast du Pipi gemacht?“, wollte Vera wissen.
    „Männer in meinem Alter machen nicht Pipi.“
    „Sondern?“
    „Sie pissen.“
    „Was für ein vulgäres Wort. Ob du dich dabei hinsetzt, frage ich gar nicht erst.“

    „Also, was ist jetzt mit dem Filmplakat? Haben deine Follower hyperventiliert, weil der knackige Arsch von Barbara Bach darauf zu sehen war?“
    „Sie haben geschrieben, dass man so ein Plakat heute auf gar keinen Fall mehr zeigen darf.“
    „Du hättest antworten können, dass es ein Plakat aus den 70-ern ist. Damals hat man mit solchen Collagen für Filme geworben und sich keine Gedanken über Me2 und Sexismus gemacht. So wie man sich auch keine Gedanken über die Homo-Ehe und Palmöl in Nutella gemacht hat. Wer ein Problem mit 007-Plakaten hat, soll sich die Filme halt nicht anschauen.“
    „Aber genau hier liegt das Paradox, das ich nicht verstehe“, sagte Vera.
    „Was für ein Paradox?“

    „Meine Freunde schrieben, dass die Filme wunderbar sind, und Roger Moore ein toller Bond wäre.“
    „Deine Follower haben keinen blassen Dunst von guten Filmen.“
    „Aber du hast Ahnung von Filmen?“
    „Augenscheinlich mehr als deine digitalen Freunde. Denn Moore war im Vergleich zu Connery natürlich ein qualitativer Abstieg. Sowohl von der schauspielerischen Leistung her als auch bei den meisten Geschichten. Von „Der Spion, der mich liebte“ mal abgesehen. Der wird aber vor allem durch den Knackarsch von Barbara Bach und den Beißer gerettet. Streng genommen hätte man die Reihe nach Connerys letztem Auftritt beenden müssen. Alles, was danach kam, war Wiederholung und Mittelmaß.“
    „Fandst du Barbara Bach damals geil?“
    „Wer fand Barbara Bach damals nicht geil?“
    „Hast du auf Sie masturbiert?“
    „Wie soll ich heute noch wissen, auf wen ich 1977 masturbiert habe?“
    „Also hast du es. Wusste ich sofort.“

    007 ohne Sexismus ist wie Dick ohne Doof

    Wir redeten jetzt eine Viertelstunde miteinander und mir war immer noch nicht so richtig klar, was Vera derart aus der Fassung gebracht hatte, dass sie nicht schlafen konnte. Sie rief mich zwar hin und wieder an, aber nie nach Mitternacht. Es musste was mit Gute-Menschen-posten-keine-70er-Jahre-Filmplakate zu tun haben. Und wenn sie es dennoch tun, um ihre Liebe zu alten 007-Streifen zu bekunden, dann müssen sie sich zumindest vom Plakat distanzieren und darunter schreiben, dass sie die Collage (zusätzlich zur leichtbekleideten Barbara Bach sind darauf noch 2 unbekannte Bikini-Schönheiten und der seine Walther PPK zückende Roger Moore zu sehen) nur deshalb posten, weil es das Original ist, sie aber keineswegs mit dem Inhalt konform gehen. Denn solche Bilder degradieren Frauen zu Sexobjekten und gehören heutzutage selbstverständlich auf den Puritanismus-Index. Zeigen darf man sie bloß noch, um die Historie nicht zu verfälschen (iSv. wissenschaftlich sauber bleiben, indem man die Primärquelle demonstriert) und sollte das Bild dann aber sofort mit einem Warnhinweis versehen. Dass nun ausgerechnet meine Me2-angehauchte Schulfreundin Vera solch harsche Kritik von ihren virtuellen Freunden erfuhr, machte ihr offensichtlich stark zu schaffen.

    „James Bond und Frauen als Sexobjekte sind untrennbar miteinander verknüpft. So wie Oliver Hardy & Stan Laurel oder Linda Lovelace mit Deep Throat. Das eine ist ohne das andere undenkbar, geradezu sinnbefreit“, sagte ich.
    „Das Plakat spiegelt den Inhalt?“
    „Natürlich tut es das. Es ist sogar harmloser als der Film, den in dem gibt’s ja Chauvi-Sprüche am laufenden Band. Vor allem die 70-er-Jahre-Produktionen borden über von Sexismus.“
    „Also ist es ein Paradox, die Filme zu mögen, jedoch das Plakat zu verdammen?“
    „Es ist Heuchelei, um auf billige Art dem Me2-Zeitgeist zu entsprechen, ohne die eigenen Sehgewohnheiten in Frage zu stellen. Wer ein Problem mit Sexismus hat, darf sich keinen Bond mehr anschauen.“
    „Gilt das auch für die neuen Produktionen mit Craig?“
    „Ja, das gilt auch für Craig.“

    „Du hast natürlich kein Problem mit Chauvinismus und 007“, sagte Vera.
    „Ich hab eher ein Problem damit, dass Bond partout nicht sterben will und wie ein Untoter alle paar Jahre wieder auf die Bühne gezerrt wird. Das erfüllt mittlerweile den Tatbestand der Leichenfledderei.“
    „Lenk nicht vom Thema ab. Für dich ist das alte Plakat also auch aus heutigem Blickwinkel okay?“
    „Völlig okay.“
    „Das wollte ich wissen.“
    „Gut, dass wir darüber nachts um 3 gesprochen haben. Ich leg mich jetzt wieder hin.“
    „Schlaf schön und träum von Barbara Bach.“

    Ich ging nochmal aufs Klo, denn ü60 ist es ratsam, seine Blase akkurat zu leeren, bevor man sich ins Bett legt, und überlegte, ob ich 1977 auf Barbara Bach masturbiert hatte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, aber das heißt nicht viel, weil man in meinem Alter ne Menge vergisst.

  • Philosophen und Diamanten

    Philosophen und Diamanten

    Frauen über 50 sind dick und tragen Wischmoppfrisuren, Männer ü60 bekommen ihn ohne Viagra nicht mehr hoch, Düsseldorfer sind die Allerblödesten (von Köln aus betrachtet), Engländer randalieren, wenn sie zu viel getrunken haben, Russen sind alle aggro, Belgier können kein Auto fahren, in Schweden geht jeder mit jedem ins Bett (v.a. im Winter), der Ami ist oberflächlich und schießwütig, wer Kolumnen schreibt, ist entweder Rentner oder arbeitslos und hat sowieso von nichts Ahnung.

    Keep it simple, stupid!

    Hand aufs Herz: Wer von uns hat das – oder Ähnliches – noch nicht gesagt oder zumindest gedacht? Also, ich hab so was schon hin und wieder gesagt. Speziell das mit den Düsseldorfern und den Kolumnisten habe ich gesagt. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe – was auch schon wieder 10 Jahre her ist – das mit den Düsseldorfern nicht mehr sage, aber ab und an noch denke. Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte: Wir alle verallgemeinern und sortieren gerne in Schubladen ein. Das mag man schlimm finden, liegt aber nun mal in der menschlichen Natur bzw. an der Zähflüssigkeit unseres Hirnstroms, die uns komplexe Dinge (nicht alle Düsseldorfer sind blöde, es gibt auch halbblöde und sogar recht nette) auf simple Merksätze reduzieren lässt. Ich mein‘, sämtliche Drogensüchtige lügen und klauen ist natürlich einprägsamer als: man muss bei Abhängigkeitserkrankten in mehrere Fallgruppen unterscheiden. Wer hat schon Lust und Zeit, sich immer die langatmigen Differenzierungen reinzuziehen? Speziell das Social-Media-Zeitalter verlangt kurze & knackige Beschreibungen. Für unser Bedürfnis, komplizierte Dinge auf 1 einfache Formel runterzubrechen, gibt’s sogar einen Fachbegriff, der KISS heißt = keep it simple, stupid!

    Neu in die KISS-Zitate-Bibliothek aufgenommen wurde nun ein Diskussionsfragment aus einem wöchentlich erscheinenden Podcast der Herren Lanz und Precht (lfd. Nr. 110: Über Israel und den Gazastreifen, vom 13. Okt. 2023, abrufbar via ZDF-Mediathek), in dem der Zweitgenannte im Brustton der Überzeugung erklärt:

    Die Religion verbietet streng orthodoxen Juden zu arbeiten. Ein paar Sachen, wie Diamanthandel und ein paar Finanzgeschäfte ausgenommen.

    Die Vorlage zu der Aussage gab sein Gesprächspartner, als der von seinen Begegnungen mit Orthodoxen in Israel erzählt:

    Die meisten von ihnen arbeiten nicht, weil sie sich vollumfänglich der Religion widmen.

    … das ist doch ne knackige Wussten-wir-doch-immer-schon-dass die-da-hinten-im-Nahen-Osten-alle-nicht-richtig-arbeiten-Klassifizierung, oder? Wow!

    Mal losgelöst davon, dass mir der Unterschied zwischen orthodoxen, streng orthodoxen oder gar ultraorthodoxen Juden nicht richtig klar ist und ich überlege, welche Schrittfolge dem im Christentum entspräche (Feiertagsprotestant, Ganzjahreskatholik, Sektenmitglied?), will mich der Prechtsche Simplifikator mit folgender Realität vertraut machen – (streng) orthodoxe Juden:
     sind 24/7 mit ihrer Religion beschäftigt
     können deshalb logischerweise keinem geregelten Erwerbsleben nachgehen
     und falls sie doch hin und wieder arbeiten, dann verschieben sie bloß große Geldbeträge kreuz und quer über den Globus und maggeln mit teuren Klunkern.

    Was bereits Sergio Leone wusste

    Das ist ausgemachter Nonsens, denn selbstverständlich malochen (streng u ultra) orthodoxe Juden ebenfalls in stinknormalen Jobs wie Sie und ich. Da gibt’s den Bäcker, den Schreibwarenhändler, den Bauingenieur, den IT-Spezialisten und den Webdesigner. Weiß man bzw. könnte man problemlos in Erfahrung bringen, wenn man schon mal in Israel war oder 1 Buch übers Judentum gelesen hat oder bei Filmen aufpasst, in denen (orthodoxe) Juden dargestellt werden (bspw. zu Beginn von Sergio Leones Meisterwerk:„Es war einmal in Amerika“) oder sich, bevor man einen Podcast aufnimmt, mittels Google entsprechend informiert. Und dass es von Finanzgeschäften und Diamanthandel hin zu antisemitischen Verschwörungserzählungen nicht weit ist, sollte eigentlich bei deutschen Intellektuellen Allgemeingut sein.

    Wobei ich an dieser Stelle einen kleinen Einschub machen möchte.
    [Beginn des Einschubs] Nicht jede Wiedergabe eines antisemitischen Klischees gründet auf einem genuin antisemitischen Impuls. Häufig stecken bloß Unkenntnis oder Faulheit, sich entsprechend zu informieren, bevor man was Dummes sagt, dahinter. [Ende des Einschubs].

    Bei Onkel Anton drücken wir schon mal 1 Auge zu

    Das wäre alles halb so dramatisch, wenn die Vortragenden ihre Unwissenheit im kleinen Umfeld verlautbart hätten: mittags bei Eisbein & Sauerkraut in der Kantine, abends nach dem 7ten Bier an der Theke ihrer Stammkneipe, Sonntagnachmittag im Familienkreis bei Schwarzwälder Torte und 2 Kurzen. Auch dann bleibt es Nonsens, jedoch Nonsens, der nur eine geringe Anzahl Zuhörer erreicht. Ich will gar nicht wissen, wie viel Unsinn täglich unter Arbeitskollegen und an den Stammtischen der Republik ausgetauscht wird. Falls Onkel Anton nach dem dritten Zwetschgenwasser zum Sonntagkuchen im Brustton der Überzeugung behauptet, orthodoxe Juden arbeiten ausschließlich als Diamantenhändler, alles andere sei ihnen von ihrer Religion nicht erlaubt, dann kann man ihm entweder widersprechen oder still hoffen, dass er mit seinen 90 Jahren eh nicht mehr allzu oft an Familienfeiern teilnehmen wird, bevor man ihn pünktlich um 18 Uhr wieder im Seniorenstift abliefert.

    Wollen wir deshalb an dieser Stelle festhalten.
    (a) Unsinn erzählen ist menschlich
    (b) so lange das in Kneipen und anderen abgeschlossenen Orten in kleiner Gruppe geschieht, müssen wir es tolerieren
    [Den meisten Unsinn verzapfen eh die Kolumnisten, sagen Sie? Da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu].

    Ärgerlich wird das Verbreiten von Nonsens jedoch, wenn die Falschinformationen das enge Kollegen-/Freundes-/Verwandten-Umfeld verlassen und vor großem Publikum gestreut werden. Z.B. in Zeitungen, im Radio oder gar zur besten Sendezeit in einem unserer öffentlich-rechtlichen TV-Kanäle. Denn hier ist die Breitenwirkung eine völlig andere als beim Sonntagplausch mit Onkel Anton. Zudem vertrauen ja (noch) ne Menge Menschen der internen Qualitätskontrolle der Medien. Soll heißen, man geht als Zuschauer davon aus, dass eine – speziell in einer Wissenssendung – getroffene Aussage vorher von der Redaktion auf ihren Wahrheitsgehalt hin abgeklopft wurde. Oder aber der Moderator widerspricht dem „Experten“ oder es sind weitere Kenner der Materie anwesend, die die (falsche) Sache geraderücken. Diese Regulierungsmechanismen sind jedoch ganz offenkundig ausgeschaltet, sobald Deutschlands Star-Interviewer auf Deutschlands Universalgenie trifft. Da wird dann munter, und leider auch oft faktenfrei, drauflos gelabert (pardon: Expertise ausgetauscht).

    Universalgelehrte heißen heute = TV-Philosophen

    Auch das wäre noch zu verkraften, wenn nicht qua (selbst verliehener) Berufsbezeichnung „Philosoph“ der trügerische Anschein erweckt würde, hier einen Alles-Checker vor sich zu haben. Jemand, der seinen Aristoteles (natürlich im altgriechischen Original) gelesen hat, der mit Descartes eingeklemmt unter dem linken (und Kant unter dem rechten) Arm zur Arbeit erscheint, der täglich mit Jürgen Habermas telefoniert und die Weltgeschichte seit dem Ende der Altsteinzeit in ihren großen Läufen überblickt. Einer, der 48 Stunden über eine Sache nachdenkt, bevor er 1 Satz dazu sagt und im Anschluss wieder in Schweigen verfällt, um über das nächste Problem zu grübeln. Hätte Precht seine Behauptung folgendermaßen formuliert, „Ich hab gestern mal wieder ‚Snatch‘ von Guy Ritchie angeschaut. Da kann man sehr schön sehen, dass orthodoxe Juden vor allem im Diamantenhandel aktiv sind (und dubiose Finanztransaktionen durchführen und sich den Rest des Tages mit dem Studium der Thora beschäftigen) und auch mein Onkel Anton sagt dasselbe“, dann wär’s zwar immer noch falsch gewesen, aber der Zuschauer bzw. Zuhörer (war ja ein Podcast) würde sofort begreifen, dass es sich hierbei um Trivialwissen und keinesfalls Expertentum handelt. Hätte Lanz sofort dazwischen gegrätscht und „Stopp!“ gerufen, anstatt den Unsinn mit „richtig, genau“ zu goutieren, wär‘ das Schlimmste noch verhindert worden. So beidseitig felsenfest vom Klischee überzeugt, wie es im Podcast gelaufen ist, hätte es halt auf gar keinen Fall laufen sollen.

    Wäre, wäre, Fahrradkette … ja ja, kenne ich.

    Das übliche 50-Prozent-Entschuldigung-Procedere

    Es folgte, was dann immer folgt = Der Blätterwald u.v.a. die sozialen Medien rauschte/n. Deutschlands Starmoderator und Deutschlands TV-Philosoph Nr. 1 mussten sich den Vorwurf des Bedienens antisemitischer Narrative gefallen lassen. ZDF, Precht und Lanz entschuldigten sich halbgar; natürlich nicht, ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass man von Antisemitismus Lichtjahre entfernt und nun wegen der Kritik tief verletzt sei, man viele Juden kenne und auch schon interviewt habe, und man den Satz in der aktuellen Situation besser nicht gesagt hätte. Was irgendwie danach klingt, als ob man den Satz sonst schon hätte sagen können. Und natürlich durfte der Hinweis, die Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden (bei Precht heißt das = dekontextualisiert), und die bösen Medien würden sowieso ständig darauf lauern, dass solche Fehler passieren, nicht fehlen. Und an dieser Stelle bin ich raus. Wenn ein (selbst ernannter) Experte Fake News übers Judentum verbreitet und ihm diese Falschbehauptung nachgewiesen wird – sich dann auf Dekontextualisierung (was für ein Wort!) zu berufen und die Kritiker des absichtlichen Missverstehens zu zeihen; das ist dann doch der Chuzpe zu viel für mich.

    Mein (natürlich unverbindlicher) Rat an ZDF und den Philosophen lautet deshalb = lasst den Mann nur noch zu den Themen vor laufender Kamera (oder auf einem Podcast) reden, von denen er Ahnung hat. Vielleicht Aristoteles, vielleicht Descartes oder Kant. Aber halt nicht mehr zum Nahost-Konflikt, zum Judentum oder zu Corona und dem Ukrainekrieg. Da gibt’s Fachleute, die davon deutlich mehr Ahnung haben als unser (selbsternannter) Universalgelehrter.

    Philosoph ist keine geschützte Berufsbezeichnung

    Was können wir aus dieser Kolumne – an deren Ende wir jetzt gelangen – mitnehmen?
    (1) Philosoph ist keine geschützte Berufsbezeichnung (wie Lifestyle-Coach und Kolumnist)
    (2) si tacuisses …
    (3) antisemitische Klischees bleiben, auch wenn man sie aus Unwissenheit äußert, immer antisemitische Klischees
    (4) wer sich über (orthodoxe) jüdische Diamantenhändler informieren will, der schaue lieber Guy Ritchies „Snatch“, als sich Podcasts von Lanz & Precht anzuhören. Der Film ist zwar ebenfalls faktenfrei, aber deutlich unterhaltsamer
    (5) was beim 90-jährigen Onkel Anton aufgrund seiner fortgeschrittenen Demenz geduldet wird, darf man Philosophen nicht unwidersprochen durchgehen lassen.

    Ob Kolumnisten nicht ebenfalls Dampfplauderer oder gar Dummschwätzer sind? Natürlich sind sie (speziell ich) das. Aber Kolumnen sind halt Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Fachaufsätze. Und vor allem lassen wir Kritik (die hagelt es ja mitunter wäschekörbeweise in den Kommentarspalten unter unseren Texten) zu und jammern nicht rum, dass wir absichtlich dekontextualisiert werden, sondern freuen uns darüber, dass ein paar Menschen unser Zeug lesen und im Anschluss mit uns schimpfen.

    PS. heute Nachmittag bin ich mit einer netten Düsseldorferin zu Kaffee & Kuchen verabredet. Wir treffen uns auf neutralem Boden in Bonn. Falls das jemand interessieren sollte.

  • Das übliche Gezeter

    Das übliche Gezeter

    „Du schreibst gar nichts mehr“, sagt die alte Schulfreundin, als wir uns vor ein paar Tagen bei ihr auf 1 Heißgetränk treffen.
    „Was ist das für ein Zeug, das ich hier gerade trinke?“, frage ich.
    „Matcha latte. Klar, dass du das nicht kennst.“
    „Schmeckt ein bisschen wie abgemähte Wiese“, sage ich.
    „Lenk nicht vom Thema ab. Du schreibst schon seit Wochen nichts. Muss ich mir Sorgen machen?“
    „Mir fällt nichts Gescheites ein.“
    „Dann schreib halt über was nicht so Gescheites. Hauptsache, du schreibst was und hängst nicht den ganzen Tag phlegmatisch rum. Im Vergleich zu dir ist ne Schildkröte ein Rennpferd.“
    „Okay, ich überleg mir was. Kann aber dauern.“

    „Wusstest du, dass Jupp jetzt Hartz 4 bekommt?“, fragt die alte Schulfreundin.
    „Der war doch 30 Jahre als Firmenkundenbetreuer bei der Volksbank beschäftigt.“
    „Den haben Sie betriebsbedingt gekündigt und er hat, weil er näher an der 60 als an der 50 ist, kein Jobangebot mehr bekommen. Wegen seinem Alter nicht vermittelbar, hat die Frau vom Arbeitsamt erklärt. Und jetzt muss er mit Hartz 4 über die Runden kommen.“
    „Das heißt seit Jahresbeginn Bürgergeld“, sage ich.
    „Scheißegal, wie das jetzt heißt. Für Jupp ist es ne mittlere Katastrophe … noch 1 Glas Matcha?“
    „Auf gar keinen Fall!“
    +++

    Bürgergeld ist auch nix anderes als Hartz 4

    Seit dem 1. Januar dieses Jahres firmiert Arbeitslosengeld 2 – jahrelang berühmt-berüchtigt als Hartz 4 – unter dem freundlicher klingenden Namen „Bürgergeld“. Von ein paar Kleinigkeiten abgesehen hat sich nichts großartig verändert. So wird das angesparte Vermögen bis zur Höhe von 60.000 Euro in den ersten 2 Jahren des Bezugs nicht angetastet, man kann vorerst in der alten Wohnung bleiben (muss sich also nicht sofort ein Miniapartment suchen), vom evtl. Zuverdienst (aus Mini- & Midijob) dürfen 30 Prozent behalten werden, es gibt kleine Prämien für freiwillige Weiterbildung, und Leistungskürzungen sind in den ersten 6 Monaten nur eingeschränkt möglich. Des Weiteren soll die Kommunikation zwischen Amt (pardon: Jobcenter) und Leistungsempfänger (erneut pardon: Kunde) netter gestaltet werden. Weniger Befehlston, mehr verbale Harmonie.

    Die von Grünen und SPD im Wahlkampf angekündigte große Reform war das ganz sicher nicht, eher ein Reförmchen. Das Bürgergeld ist vom bedingungslosen Grundeinkommen so weit entfernt wie ich vom Pulitzerpreis für die Kolumne des Jahres.

    Was man zum Start des Bürgergeldes immerhin tat, war die Anhebung des Regelsatzes von damals 449 auf 502 Euro (für Alleinstehende). Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als nichts.

    Nun soll zum kommenden Januar eine weitere Erhöhung erfolgen: auf 563€, was umgerechnet eine 12%-ige Steigerung bedeutet. Unterm Strich nur ein wenig mehr als der im Gesetz verankerte verpflichtende Inflationsausgleich; aber sofort geht das Gezeter der Gegner wieder los. Warum überhaupt noch arbeiten, dann legen sich bald alle Arbeitsscheuen in die soziale Hängematte, die sollen sich um nen Job bemühen, statt uns Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, was ist mit den Geringverdienern, die am Ende des Monats weniger im Portemonnaie haben als ein Bürgergeld-Bezieher lauten die altbekannten, und bei jedem Inflationsausgleich pawlowartig vorgebrachten, Einwände. Sie werden auch bei ständiger Wiederholung nicht richtiger. Denn: große Sprünge macht niemand mit 563 Euro, und der allergrößte Teil der ALG2-Empfänger wäre heilfroh, wenn er arbeiten könnte, anstatt jeden Tag aufs Neue Bewerbungen zu verschicken, die bei den Adressaten sofort im Papierkorb landen.

    Was der Homo oeconomicus von 563 Euro hält

    Unterstellen wir mal, der Mensch sei ein reiner Nutzenmaximierer, wie wir ihn im Grundkurs Mikroökonomie an der Uni kennengelernt haben. Er sitzt also zu Hause auf seinem leicht verschlissenen Second-Hand-Sofa, vor sich nen Taschenrechner, und kalkuliert: Lohnt es für mich, mit 563 Euro komplett und für immer aus dem Erwerbsleben auszusteigen und ab sofort nur noch auf meinem Second-Hand-Sofa rumzugammeln?

    Ich habe das mal spaßeshalber für mich durchgerechnet: 1500 (besser: 2000) Euro Bares/Monat sind schon gut. Und ich brauch wirklich nicht allzu viel. Allein die letzte Autoreparatur (ja ja, ein böser Verbrenner) hat allerdings zweieinhalb Mille gekostet. Und hin und wieder ein kleiner Skiurlaub (den kalkuliere ich erfahrungsgemäß zwischen 3 u 4k; da sind aber der Skipass u die Brotzeit auf der Piste inklusive) sollte auch drin sein. Dann kaufe ich periodisch nen Schwung Bücher (die ich jedoch nicht alle lese. 50 Prozent verschenke ich unbenutzt weiter) oder rangiere 3 alte Jacketts aus und bestelle spontan 3 neue. Die ganzen Abos für Amazon, Netflix, WOW kommen hinzu, von diversen Privatversicherungen, die man so braucht (vielleicht braucht man sie auch nicht. Egal, ich hab sie trotzdem irgendwann mal abgeschlossen) ganz zu schweigen. Ab und an 1 Date (bei dem nichts rumkommt, ich mach’s trotzdem, um nicht völlig aus der Übung zu geraten), bei dem ich als Boomer die Restaurantrechnung für beide bezahle. Also, wenn ich es mir so richtig überlege: mit weniger als 2 Riesen wird es selbst für nen Minimalisten wie mich schwierig.

    Minimalismus ≠ Armut

    „Herr Hirsch, Skiurlaub, Streaming-Abos, Restaurants – das ist keinesfalls Minimalismus“ oder „Was Sie als Minimalismus betrachten, ist der gehobene bürgerliche Luxus“, halten Sie mir entgegen?

    Unter Minimalismus versteht jeder was anderes, schon klar. Ich benötige jedoch tatsächlich nur wenig materielle Dinge, um glücklich zu sein. Meine Wohnung sieht aus, als ob die Möbelpacker nach 10 Minuten aufgehört haben, Möbel rein zu schleppen und das, was in meinem Kleiderschrank hängt und mir fürs gesamte Jahr reicht, reicht anderen für 1 Woche. Trotzdem würde ich nur ungerne auf Waschmaschine, Spülmaschine und meinen Flachbildschirm-TV verzichten (schaffe die mir aber erst dann wieder neu an, sobald die alten endgültig ihren Geist aufgeben). Ich fahre auch hin wieder gerne weg (im Alter allerdings sehr viel seltener als in der Jugend) und besuche Museen & Kunstausstellungen. Meine jährlichen Restaurantausflüge kann man an den Fingern einer Hand abzählen.

    Denn: Minimalismus ist nicht dasselbe wie Armut. Viele verwechseln das miteinander bzw. glauben, die beiden Worte bedeuten dasselbe. Gemäß dieser irrtümlichen Auffassung müsste ein Minimalist leben wie Diogenes = nackt, auf einer Matratze in einer Mönchszelle hausend (bewohnte Fässer sieht man heute kaum noch), das essen, was andere übrig lassen und statt Dating-Restaurantbesuchen in der Öffentlichkeit onanieren? Falls ja: ganz so weit bin ich noch nicht. Speziell mit der Masturbation coram publico habe ich meine Probleme … PS. lebte Diogenes heute, hätte er selbstverständlich ebenfalls zwei, drei Streamingkanäle im Abo. Ob er Skifahren würde? Wahrscheinlich eher nicht. Griechen – v.a., wenn sie nackt rumlaufen – ist es auf den Pisten erfahrungsgemäß zu kalt.

    Mer muss och jünne künne

    Nachdem wir jetzt den Unterschied zwischen Minimalismus und Armut geklärt haben – zurück zum ursprünglichen Thema: Stimulieren 563 Euro dazu, sich ab sofort auf die faule Haut zu legen, dem geregelten Erwerbsleben für alle Ewigkeit abzuschwören und in Zukunft nur noch auf dem Second-Hand-Sofa vor laut laufendem RTL2-Trash-TV abzuhängen? Eindeutige Antwort = NEIN! Niemand – speziell der Homo oeconomicus nicht – käme auf die blödsinnige Idee, dass ihm 563 Euro Barschaft auf Dauer ausreichen. Damit kann man eine Zeit lang – mehr schlecht als recht – über die Runden kommen; aber das war’s schon. Jeder, der seine 5 Sinne beisammen hat, will deshalb so schnell als möglich raus aus dem Bürgergeld-Bezug.

    Das Geschrei, das jedes Mal ertönt, sobald der Regelsatz moderat erhöht wird, ist nur das Schüren einer künstlichen Neiddebatte zu Lasten der Ärmsten unserer Gesellschaft. Und deshalb vor allem nicht christlich (denn aus den Reihen der C-Parteien hört man ja besonders häufig, dass Bürgergeld zu Faulheit verleitet. Ja ja, die FDP sagt das ebenfalls; aber die FDP trägt kein C im Namen).

    An dieser Stelle wiederhole ich mich (hatte das schon in früheren Kolumnen zu Hartz 4 geschrieben): Was wir in Deutschland dringend benötigen, ist ein kompletter Systemwechsel beim Arbeitslosengeld. Die partout Nicht-Vermittelbaren werden ehrlicherweise in Sozialhilfe und Frühverrentung transferiert. Für den arbeitswilligen Rest muss der Staat den öffentlichen Sektor ausbauen, um diese Menschen dort unterzubringen. Ja ja, ich weiß, dass zu viel staatlicher Sektor (angeblich) ökonomisch nicht gut ist. Ein paar Millionen Dauerarbeitslose (zzgl. deren Millionen Kinder) sind aber gesellschaftspolitisch gesehen auch nicht gut. Wenn ich mich also zwischen 2 nicht allzu guten Möglichkeiten entscheiden muss, dann nehme ich die, die gesellschaftspolitisch die bessere darstellt.

    Es ist und bleibt ein deprimierendes Thema, da nur wenigen der Ausstieg aus Hartz 4 (pardon: dem Bürgergeld) gelingt, und wir diejenigen, die ohne Schuld dauerhaft darin gefangen sind, als Arbeitsscheue und Kostgänger stigmatisieren. Wer Arbeitslosen deren Regelsatz nicht gönnt, sollte mal testen, wie weit er mit 563 Euro kommt – ich verrate es Ihnen = nicht weit. Gepriesen sei der, der das alte Kölner Sprichwort kennt: „Mer muss och jünne künne“ (man muss auch gönnen können).

  • Ne Hundescheiße-Kolumne

    Ne Hundescheiße-Kolumne

    Was war geschehen?

    Am Abend des 11. Februar, ein Samstag, schmiert Marco Goecke, Ballettchef der Staatsoper Hannover, einer FAZ-Feuilletonistin Hundekot ins Gesicht, weil ihm deren Kritiken nicht gefallen. Im Anschluss fegen Empörungswellen durch die Sozialen Netzwerke und die Kommentarspalten der Zeitungen, sodass der Tanzdirektor keine 48 Stunden später vom Dienst suspendiert wird und sich entschuldigen muss.

    Harsche Kritik ./. sensible Künstlerseele

    Nun ist Hundekot im Gesicht eine ziemlich eklige Angelegenheit – jeder, der nach einer durchzechten Nacht (wie bspw. der Schreiber dieser Zeilen) schon mal in einer öffentlichen Parkanlage 5 Zentimeter von einem Hundehaufen entfernt aufgewacht ist, kann das bestätigen –; aber auch ne Menge Kritiken sind ziemlich eklig formuliert. Würden schlechte Kritiken Geruch ausströmen, kämen sie dem von frischen Hundehaufen recht nahe.

    Dass miese Kritiken einen teils verheerenden Einfluss auf sensible Künstlerseelen haben, weiß jeder. Ich weiß es, Sie wissen es, jeder vierte Facebook-Poster weiß es und selbstverständlich sollten es auch die professionellen Kritiker wissen. Statistisch nicht erhoben, aber keinesfalls vernachlässigbar wird die Zahl der Künstler sein, die sich nach einem Verriss zu Tode saufen, oder – falls das nicht gelingt – morgens 5 Zentimeter entfernt von einem Hundehaufen aufwachen oder freiwillig Hundekot schlucken, um Buße zu tun für ihre von der Kritik zerfetzten Werke.

    Jetzt kann die Sensibilität der Künstlerseele natürlich nicht zur Folge haben, dass Kunst ab sofort nicht mehr kritisiert werden darf bzw. nur noch positive Urteile, egal welcher Schrott dargeboten wurde, erlaubt sind. Wie wir alle lebt auch der Künstler nicht im kritiklosen Raum. Deshalb kann, darf, muss es auf jeden Fall auch Kritik in der Art geben, in der Schwachstellen aufgezeigt und Verbesserungsmöglichkeiten genannt werden.

    Allerdings ist professionelle Kritik mittlerweile zu einer eigenen Kunstform avanciert, die stark auf Reichweite zielt, was wiederum dazu führt, dass manche Kritiker meinen, selbst die besseren Texte zu schreiben. In diesem Fall geht es dann gar nicht mehr um konstruktive Kritik am analysierten Werk, sondern der Kritiker nutzt das Buch/Stück/die Aufführung bloß als Aufhänger, um sich selbst zu beweihräuchern und dabei verbal einen runterzuholen. Liest sich mitunter ganz amüsant, verfehlt jedoch den eigentlichen Zweck der Sache. Ganz schwierig wird es, wenn der Kritiker glaubt, seine Kritik sei das eigentlich Wichtige und verkennt, dass die Kunst auch (gut?) ohne Kritik leben könnte, während der Kritiker die Kunst wie die Nahrungsaufnahme für den Stuhlgang benötigt, denn ohne sie (gleich ob gut, mittelmäßig oder mies) würde seine Arbeitsgrundlage wegfallen, und er müsste sich alternativ seine Brötchen entweder als mieser Autor oder Hundehaufen-im-Park-Einsammler verdienen.

    Hundescheiße lieber im eigenen Wohnzimmer verteilen

    Die Botschaft, manche Kritik mit einem Haufen (Hunde-) Scheiße gleichzusetzen, ist deshalb grundsätzlich erst mal nicht verkehrt. Ich bin, wenn ich Verrisse von Ich-hol-mir-verbal-einen-runter-Kritikern lese, da ganz der Meinung des Ballettdirektors. An seiner Stelle hätte ich jedoch den Text, der mein Blut in ungesunde Wallung versetzt, aus dem Feuilleton ausgeschnitten, gewartet, bis mein Hund da einen Haufen draufsetzt (ich habe keinen Hund, hätte mir den Haufen also entweder von meinem Nachbarn borgen oder in einer Parkanlage einsammeln müssen) und diese kleine Aromatüte der Kritikerin am Rande einer Aufführung überreicht. Wahrscheinlich stumm, man könnte aber auch flankierend dazu sagen: „Das ist das, was ich von Ihren Kritiken halte“. Ebenfalls mit dieser Aktion wäre mir der Shitstorm sicher gewesen; jedoch hätte ich mir die Vorwürfe wegen körperlicher Übergriffigkeit und Misogynie (wobei: dieser Vorwurf kommt ja immer) erspart.

    Noch schlauer wäre es zwar gewesen, die Kritik von sich abperlen zu lassen und sich seinen (Hundescheiße-) Teil dazu zu denken. Oder, wenn es in diesem Fall unbedingt Hundekot sein muss, den (vom Nachbarn geborgt) im eigenen Wohnzimmer zu verteilen, anstatt ihn der Kritikerin ins Gesicht zu schmieren. Denn, und das ist eine wichtige Beobachtung, Kritiker verstehen überhaupt keinen Spaß, wenn man ihre Kritiken kritisiert oder gar mit Hundescheiße gleichsetzt. Dann geht sofort das Lamento los von wegen mangelnder Kritikfähigkeit des Künstlers, Einschränkung der Meinungsfreiheit, dass Kunst ohne Kritik gar nichts wert sei bis hin zu (staatlich alimentierte) Künstler wären wie verwöhnte Kinder, denen Mami und Papi ständig die Kohle zuschieben, ohne dafür ne entsprechende Gegenleistung zu bekommen. Und so vorhersehbar langweilig weiter und so vorhersehbar langweilig fort.

    Mehr Humor wäre auch bei Hundekot nicht verkehrt

    In dieser Auch-ne-Scheiß-Kritik-ist sakrosankt-Atmosphäre nimmt es nicht wunder, dass der Ballettdirektor nen Shit-Tsunami erlebt, seinen Job los ist und von ihm täglich neue Entschuldigungen eingefordert werden. Die gescholtene Kritikerin wiederum ist schockiert über Scheißentschuldigungen, die ihrer Meinung nach keine sind und redet von Beleidigung und Körperverletzung. Bei den ersten beiden Sachen (Shit-Tsunami und Job los) bin ich Mainstream: Scheiße ins Gesicht geht nicht; dafür muss man dann halt die Konsequenz tragen und sich nen neuen Arbeitgeber suchen. Bei der Entschuldigung hingegen sage ich: Scheiß drauf! Was nützen schon eingeforderte Lippenbekenntnisse, die so gut wie nie aufrichtig sind?

    Und der Kritikerin rate ich, so was in Zukunft mit mehr Gelassenheit zu nehmen. Wie viel cooler wäre es gewesen, wenn sie sich mit dem Finger durchs beschmierte Gesicht fährt, kurz daran gerochen hätte und dann fragt: „Pudel oder Neufundländer?“ Stattdessen die altbekannte Tonfolge: Schock, Beleidigung, Körperverletzung, nochmaliger Schock, weil die Entschuldigung nicht ausreicht. Und natürlich Misogynie. GÄHN! Ich hoffe, sie schreibt lustiger, als sie im realen Leben auftritt. Obwohl – es gibt so gut wie keine humorvollen Kritiker. Vor allem nicht in Deutschland. Die meisten sind von der Wichtigkeit ihrer Aufgabe tief durchdrungen. Von daher passt es schon, wie auf die Provinzposse reagiert wird.

    Womit wir am Ende angelangt sind. Schluss mit Hundekot für heute.

    PS. wie ich mit der Kritik zu dieser (Scheiß-) Kolumne umgehen werde?
    (a) ich hab mir angewöhnt, dass mir die großenteils scheißegal ist
    (b) falls sie mich doch über Gebühr ärgern sollte, schließe ich Fenster und Türen und schreie meinen Laptop an
    (c) notfalls kann ich mir bei meinem Nachbarn sicher einen Hundehaufen (Rottweiler) leihen.

  • Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Man kann es drehen und wenden, wie man will und versuchen, die Sache schön zu reden: viel Ballbesitz, oft im gegnerischen Strafraum, teils atemberaubende Dribblings, häufig aufs Tor geschossen, interessante Mischung aus Routiniers und jungen Wilden etc. etc. – ändert aber alles nichts an der ernüchternden Tatsache, dass es zu mehr als dem dritten Platz in Gruppe E nicht gereicht hat. Und es hat v.a. zum dritten Mal hintereinander zu nicht mehr als 2x Vorrunde und 1x Achtelfinale gelangt. Das ist für eine große Fußballnation, als die wir uns ja nach wie vor begreifen, schon blamabel.

    Nicht, dass ich mich über die Titelchancen unserer Mannschaft vorab großen Illusionen hingegeben hätte. Für mich heißen die Favoriten Frankreich, Brasilien, Argentinien, Niederlande. Aber aufs Erreichen des Viertelfinales hatte ich schon spekuliert. Wie lauten die Gründe, weshalb wir Deutsche mittlerweile aus jedem Turnier, das größer ist als der Rheinland-Pfalz-Cup, so früh rausfliegen? Versuch einer Analyse aus dem Blickwinkel eines 08/15-Fans.

    Das Personal

    Da waren dieses Mal solche und solche dabei. Topspieler wie Rüdiger, Gündogan, Havertz vermischt mit einigen No Names (Füllkrug, Raum, Klostermann) und ner Menge Mittelmaß. Kann funktionieren, wenn das Mischungsverhältnis richtig angerührt wird; hat aber im deutschen Fall ganz augenscheinlich nicht funktioniert. Ich frag mich, wenn ich Schlotterbeck und Süle über den Ball stolpern sehe, weshalb Hummels nicht mitgenommen wurde. Bei den ergebnislosen Slaloms von Musiala geht mir durch den Kopf, warum Füllkrug nicht mehr Einsatzzeit erhält. Aus welchem Grund sitzt der torgefährliche Havertz auf der Bank? Wo ist überhaupt ein Führungsspieler, der die Sache bei engen Matches in die Hand nimmt und seine Kollegen zu mehr Leistung anspornt? Aber ich denk mir dann schulterzuckend, dass der Bundestrainer und sein Stab sich 24/7 mit so was beschäftigen und deshalb mehr Ahnung davon haben als ich der 08/15-Fan. Wobei ich mir manchmal ebenfalls denke, dass der Trainer und sein Stab auch nur Menschen sind, die halt hin und wieder irren u/o aus irgendeiner Strategiedogmatik heraus merkwürdige Entscheidungen treffen. In die Kategorie „verstehe ich nicht“ fällt bspw. die Nibelungentreue zum Bayernblock, bei dem einige Akteure ihren Zenit mittlerweile erkennbar überschritten haben, weshalb Leistung nicht das Kriterium gewesen sein kann, sie immer wieder aufzustellen. Während einige der No Names durchaus positiv überraschten, aber trotzdem nur wenig Einsatzzeit erhielten.

    Die Einstellung

    Deutschland war mal DIE Turniermannschaft. Linekers Bonmot, „und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, stimmte zwar nie zu hundert Prozent, aber zu achtzig war es schon zutreffend. Davon ist das aktuelle Team allerdings Lichtjahre entfernt. Mittlerweile gilt ja eher die Beobachtung: Die Deutschen spielen streckenweise ganz hübsch anzuschauen, sobald es eng wird, geraten sie aber sofort ins Strudeln und zu mehr als maximal nem Achtelfinale reicht es nicht. Da ne Menge Topspieler im Team sind, kann es an der Qualität der einzelnen nicht liegen; scheint also eher eine Mentalitätssache zu sein. Geht so ein bisschen in die Richtung: Wir wollen zwar einen guten Job machen, uns dafür jedoch nicht quälen. Wenn’s läuft, dann läuft es und wenn es nicht läuft, läuft es eben nicht. Kein Grund Trübsal zu blasen, denn wir sind alle talentiert, in der Mannschaft herrscht beim Training eine Superstimmung und wenn es bei diesem Turnier nicht klappt, klappt es halt in 2 oder 4 Jahren. Try and error. Davon geht die Fußballwelt nicht unter. Hauptsache, wir waren überhaupt dabei und hatten Spaß. Gewinnen ist nicht alles. Und als Boomer erwischt man sich dabei, wie man sich insgeheim Typen wie Matthäus, Effenberg, Sammer und Kahn zurückwünscht, die bei der von Deutschland zelebrierten Variante des Schönwetterfußballs in jedem Match Minimum 10 veritable Wutanfälle bekommen hätten. Auch mich, den 08/15-Fan, hätte das ziellose Für-die-Galerie-Gekicke früher wütend gemacht. Heute zucke ich nur noch mit den Schultern und besorge mir in der Küche eine starke Tasse Kaffee, um in der zweiten Halbzeit nicht einzuschlafen. Mein Puls lag, selbst als Costa Rica zwischenzeitlich führte, unterhalb von 80. In der Spitze, kurz vor Ende vergeblich auf das späte Ausgleichstor der Spanier hoffend, maximal bei 90. Und als es vorbei war, dachte ich wie die Spieler: blöd gelaufen, aber da konnte man eben heute nichts machen. Fatalismus statt Fan-atismus.

    Das hypermoralische Habitat

    Deutschland, zumindest große Teile davon, hat diese WM nicht gemocht, über Monate hinweg schlecht geredet und die Mannschaft mit Sachen überfrachtet, die mit Fußball nichts zu tun haben. Wenn wir uns vor dem ersten Spiel ernsthaft länger mit der Frage beschäftigen, welche Armbinde der Kapitän tragen soll als mit der Aufstellung und ständig Forderungen nach Nicht-Teilnahme bzw. Rückzug ertönen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn genau das nun eingetreten ist = der Rückzug. Allerdings nicht ganz freiwillig, sondern aufgrund mangelhafter Leistung in der Vorrunde. Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb es uns nicht gelingt, die Veranstaltung vom Ausrichter zu trennen. Niemand im deutschen Team ist verantwortlich dafür, dass in Katar andere Regeln herrschen als bei uns, und niemand aus der Mannschaft hat sich dafür stark gemacht, das Turnier am Ostrand der großen Arabischen Wüste stattfinden zu lassen. Warum ist es nicht möglich, die Fußballer einfach ihren Job machen zu lassen? Ist das so ein deutsches Ding, anderen ungebeten unsere (angebliche) kulturelle Überlegenheit demonstrieren zu müssen? Falls ja: weder das eine (gesellschaftlicher Umschwung in Arabien) noch das andere (Erfolg bei der WM) hat funktioniert. Aber Hauptsache, unsere Offiziellen streifen ne Regenbogenbinde über, wenn sie in Doha auf der Tribüne sitzen. Wem sie damit konkret helfen? Niemand. Aber aufs konkrete Helfen kommt es bei der deutschen Zeichensetzerei ja auch gar nicht an. Zeichen werden gesetzt, weil Zeichen eben gesetzt werden müssen. Vor allem in Katar.

    Mehr Amateurfußball schauen ist auch keine Lösung

    Bei mir hinterlässt das Ganze einen schalen Geschmack: zum dritten Mal hintereinander in einem Turnier früh gescheitert. Eine WM in der Wüste, wo sie definitiv nicht hingehört und zu Hause ein Volk voller Heuchler, die kein Problem mit katarischem Öl & Gas und Geld (v.a. wenn es bei uns investiert wird) haben, aber laut aufheulen, sobald da Fußball gespielt wird. Und ein DFB, der es allen Seiten recht machen will und damit eine krachende Bruchlandung erlebt. Wäre ich nicht Fan seit Geburt (allerdings mehr des Effzeh als der Nationalmannschaft), würde ich mich jetzt so langsam abwenden vom deprimierenden Profigeschehen u mir in Zukunft bloß noch ehrliche Kreis- und Bezirksligapartien ansehen. Wo’s nicht um Kohle, sondern nur um den Sport geht. Wo die Trikots am Ende vor Dreck starren, wo man als Zuschauer die meisten der Spieler persönlich kennt. Wo man auf der Tribüne – falls es überhaupt eine gibt – noch ne Bratwurst für 3 Euro verzehrt u am Ende 10€ für die Vereinskasse spendet. Aber in meinem fortgeschrittenen Alter werde ich den Schwenk weg vom Profi- hin zum Amateurfußball wahrscheinlich nicht mehr hinbekommen. Leider.

    Ob ich glaube, dass wir in eineinhalb Jahren bei der (Heim-) EM was reißen werden? Nein, glaube ich nicht. Auch da wird im Achtelfinale Schluss sein. Denn im deutschen Fußball herrscht ein strukturelles Problem, das sich nicht lösen lässt, wenn man nicht willens ist, auf der Trainerbank und im Management neue Köpfe zu installieren und alles wieder auszusitzen versucht, wie schon vergeblich nach 2016 und 2018 geschehen. Ob ich mir nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft noch weitere Partien anschauen werde? Klar werde ich das tun. Die WM wird ja jetzt mit Beginn der K.o.-Phase erst richtig interessant. Und der Boykott, was ist mit dem Boykott, fragen Sie mich? Ich hatte nie vor, dieses Turnier zu boykottieren, denn mir gelingt es, das Event fein säuberlich vom Ausrichter zu trennen. Und ich habe noch nicht mal Gewissenbisse bei diesem Spagat.

    Fazit: (aus deutscher Perspektive) eine Gurken-WM.

  • Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Die Partie Deutschland-Japan endete heute Nachmittag 1 zu 2. Das deutsche Team hat dabei eine durchwachsene Leistung gezeigt. Die erste Halbzeit war okay, während sich in der zweiten Hälfte die unnötigen Ballverluste häuften, die Defensive erschreckende Fehler zeigte und vorne ganz augenscheinlich die Offensivkraft fehlte. In der Folge kam Japan immer besser ins Spiel, drückte aufs deutsche Tor und gewann am Ende völlig verdient. In der guten alten Zeit hätten wir jetzt über die Aussetzer von Schlotterbeck, die schönen, aber erfolglosen Dribblings von Musiala und den fehlenden Torriecher von Gnabry diskutiert, oder uns die Köpfe heißgeredet, ob Füllkrug früher hätte eingewechselt werden müssen. Wie stehen die Chancen, jetzt überhaupt noch ins Achtelfinale zu gelangen? Welcher Gegner würde uns da erwarten? Und so weiter und so Fußballstammtisch.

    One Love und Turnier der Schande

    Aber das ist mittlerweile alles komplett nebensächlich. Heute geht’s ja nicht mehr um das Spiel, sondern um so Sachen wie Regenbogen- – auch One-Love- genannt – Binden und ob man sich dieses „Turnier der Schande“ überhaupt anschauen darf. Um es vorneweg zu nehmen: Ich schaue mir das Turnier an. So wie ich mir alle EM- & WM-Turniere seit 1972 zzgl. der wöchentlichen Bundesligapartien anschaue. Ich werde mir bei dieser WM vermutlich nur ein paar Spiele angucken: die der eigenen Nationalmannschaft und dann die Highlights ab dem Achtelfinale. Das Finale – egal, wer da gegen wen spielt – auf jeden Fall.

    Zurück zu Regenbogen und Boykott. Beginnen wir mit der Armbinde. Ja, die Situation der LGBTQ Community in Katar ist prekär. Wie in den meisten islamischen Ländern. Ist jetzt aber zum einen nichts Neues und zum anderen ist nicht bekannt, dass diese Situation in Katar prekärer wäre als bspw. in Dubai, Abu Dhabi oder Ägypten, wo wir Deutschen ja sehr gerne zum Shoppen und Schnorcheln hinfliegen. Dass die Situation prekär ist, wusste man auch schon 2010 bei der Vergabe des Events an den Ostrand der Großen Arabischen Wüste und diese Kenntnis hat damals trotzdem keinen FIFA-Funktionär davon abgehalten, seine Stimme pro Katar abzugeben. Der Aufschrei in der Presse war moderat. Es ging dabei auch mehr um Aspekte wie mangelnde Fußballhistorie und mörderisches Klima im Hochsommer. Das LGBTQ-Thema hatte 2010 anscheinend niemand auf dem Schirm gehabt. Das kam erst vor kurzem auf die WM22-ist-pfui-Liste. Und nun sollten wir uns folgende Fragen stellen:
    (a) Weshalb hat uns die Situation der Schwulen & Lesben in Katar bis weit ins Jahr 2022 hinein nicht interessiert?
    (b) Warum muss der Fußball richten, was die Politik nicht hinbekommt?
    (c) Welchen nachhaltigen Nutzen hätte das Tragen einer solchen Binde bei 1 Spiel?

    Man könnte dann noch weitere Fragen stellen. Bspw. Weshalb fordert niemand von unseren Politikern, wenn sie an den Golf reisen – was sie ja häufig tun –, dort mit einer Regenbodenbinde zur Audienz beim Emir zu erscheinen? Warum kümmern wir uns nicht erst mal um die Rechte der Schwulen & Lesben in unseren eigenen Breitengraden? (zur Erinnerung: bis 1994 waren homosexuelle Handlungen bei uns unter Strafe gestellt). Wie sieht es überhaupt mit unserem eigenen Engagement hinsichtlich der Gleichberechtigung queerer Menschen aus?

    Gelbe Karte ist was anderes als Geldstrafe

    Dass es bei der angekündigten Sanktionierung nicht um eine Geldzahlung ging – die hätte der DFB wohl akzeptiert –, sondern eine gelbe Karte für den Kapitän drohte, mag für die Moralisten nebensächlich sein: Was ist schon 1 Gelbe Karte? Wer etwas mehr Ahnung hat, weiß aber, dass bei der zweiten gelben Karte schon der Ausschluss vom weiteren Turnierverlauf zu befürchten steht, weshalb Spieler unnötige Gelbe Karten ebenso zu vermeiden trachten wie Moralisten zu lange Sperren in Facebook, wenn sie bei einem Trigger-Thread mal wieder hyperventilieren.

    Von der Regenbogenbinde nun zum Boykott. Jetzt sei endgültig klar, wie korrupt und menschenverachtend die FIFA ist, es würde höchste Zeit, unser Team zurückzuziehen und der DFB möge sich darum kümmern, entweder die FIFA schnellstmöglich zu grundlegend reformieren oder gemeinsam mit anderen Europäern einen neuen Weltverband ins Leben zu rufen, lese ich in Posts von Facebook-Bekannten, die ich bisher als intelligente Zeitgenossen wahrgenommen hatte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Wie naiv oder dreist kann man sein (suchen Sie es sich aus, was für Sie zutrifft), solche Forderungen zu erheben? Der DFB, dessen Hauptdaseinszweck neben der Förderung des Amateursports (der Profibereich braucht den Verband nicht. Der hat seine DFL) darin besteht, mit seinen Nationalteams an Turnieren teilzunehmen und dort eine möglichst gute Platzierung zu erreichen, soll in diesem Jahr darauf verzichten? Weil der Kapitän keine bunte Armbinde tragen darf. Echt jetzt? Wie realitätsfern und moralbesoffen ist denn solch ein Ansinnen? Weil Hetero Heinz Kowalski aus Oer-Erkenschwick, der bis heute nicht weiß, wofür das Kürzel LGBTQ überhaupt steht (ja ja, ich muss das auch regelmäßig googlen), der felsenfesten Überzeugung ist, dass wir den Kataris und der FIFA jetzt demonstrieren müssen, wo der deutsche LGBTQ-Hammer hängt?

    Fernbereichsethik geht einfach

    Folgendes Gedankenspiel: Herr Kowalski arbeitet bei einem mittelständischen Maschinenbauer, der u.a. Teile produziert, die in der Öl- und Gasförderung eingesetzt werden. Da der russische Absatzmarkt aktuell zusammengebrochen ist, hat der Vertrieb nun alternativ einen Großauftrag aus Katar an Land gezogen. Die Arbeitsplätze in Oer-Erkenschwick sind fürs Erste gerettet. In ein paar Tagen steht die Vertragsunterzeichnung in Doha auf dem Programm. Herr Kowalski fordert nun in einer Mail, die an sämtliche Mitarbeiter adressiert ist, Folgendes: (a) das deutsche Management muss ab Ankunft in Doha International Airport bis zum Abflug durchgängig eine gut sichtbare Regenbogenbinde überstreifen (b) falls das deutsche Management daran gehindert wird, hat es Katar umgehend zu verlassen und den Deal platzen zu lassen … was der Betriebsrat Herrn Kowalski darauf antworten wird, brauche ich hier nicht zu schreiben. Das überlasse ich Ihrer eigenen Fantasie. Herr Kowalski würde solch eine Mail mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gar nicht verschicken. Weil die Konsequenzen viel zu nah an ihm selbst dran wären. Er wäre nämlich vermutlich zeitnah arbeitslos. Deshalb löscht Herr Kowalski seine Mail schnell wieder und ruft stattdessen lautstark in Facebook zum Boykott der WM auf. Schlaue Menschen (also nicht ich) haben das mal als Fernbereichsethik bezeichnet. Die praktischer als die des Nahbereichs ist, weil moralische Forderungen, die man nicht selbst erfüllen muss, einem einfach über die Lippen gehen.

    So ein Beispiel dürfen Sie nicht bringen, Herr Hirsch, sagen Sie? Das ist unredlich?
    Doch genau so ein Beispiel bringe ich, um zu demonstrieren, wie realitätsfremd dieser treudeutsch-romantische Boykottaufruf ist.

    Warum eigentlich immer die Fußballer?

    Die Überfrachtung des Sports mit Symbolen, die der jetzt dauernd senden soll, geht in eine komplett falsche Richtung. Sportler sollen ihren Sport ausüben. Wenn sich einer davon berufen fühlt, gegen irgendwas zu demonstrieren, möge er das jederzeit gerne tun. Hindert ja niemand bspw. Herrn Goretzka daran, dem Emir mal ordentlich die Meinung zu geigen (und im Anschluss vermutlich sofort zurück nach Hause fliegen zu dürfen). Aber komplette Mannschaften dafür in Sippenhaft nehmen zu wollen, dass Funktionäre grundlegend falsche Entscheidungen treffen – wie die Vergabe der WM in die Wüste –, und unsere Politiker sich nicht trauen, vor Ort Tacheles zu reden, kann nun wirklich nicht die Lösung sein. Und warum immer die Fußballer? Weshalb nicht ebenfalls die Leichtathleten oder die Beachvolleyballer? Was, wenn demnächst wieder Eishockey-Turniere in Russland stattfinden: Müssen unsere Spieler dort Putin-muss-weg-Plakate in die Höhe halten, bevor sie auf den Puck schlagen dürfen? Bei der kommenden WM in Mexiko dann Armbinden, um auf die Diskriminierung der Indigenen aufmerksam zu machen und bei den Partien in den USA knien alle nieder, um sich mit Black Lives matter solidarisch zu zeigen? Und so rigide bis unbarmherzig, wie sich die Amerikaner mit ihrer Border Patrol gegen Migranten aus Mittel- und Südamerika geben, dürften wir eigentlich gar nicht dort antreten. Das ist was völlig anderes bzw. das ist ein unredlicher Vergleich, sagen Sie? Ja ja, ich weiß. Hatten Sie weiter oben ja auch schon angemerkt.

    Manchmal hilft ein Kompromiss

    Eventuell können wir uns auf einen Kompromiss einigen: Wer die WM in Katar boykottieren will, boykottiert sie. Wer sich die Spiele anschauen möchte, schaut sie sich an. Und beide Seiten sichern der jeweils anderen zu, ihr während der kommenden vier Wochen nicht auf die Nerven zu gehen. Und nach diesem Turnier setzen wir uns zusammen und überlegen gemeinsam, welche Reformen die FIFA dringend benötigt, um ihren Nimbus als geldgeiler und (in Teilen) korrupter Verband zu überwinden. Nur Herrn Infantino in die Wüste zu schicken – wo er ohnehin seit Anfang dieses Jahres dauerhaft wohnt –, wird dabei nicht ausreichen. Die Vergabepraktiken müssen auf den Prüfstand, damit sich so was wie Katar nicht wiederholt.

    Aber bis dahin sollten wir uns auf die kluge Formel „Das Event vom Ausrichter trennen“ einigen.

    PS. mein Turnierfavorit war bis gestern übrigens Argentinien, falls das am Ende dieser Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.
    PPS. die deutschen Spieler haben sich beim Mannschaftsfoto alle die Hand vor den Mund gehalten. Ob das als Zeichen des guten Willens ausreicht, um ihre Kritiker zu besänftigen, weiß ich nicht. Mir persönlich sind solche belanglosen Gesten eher egal.

  • Mal wieder ein Boykott

    Mal wieder ein Boykott

    „WAS trinkst du da?“, fragt meine Freundin.
    „Orangensaft“, sage ich, „Warum?“
    „Hast du auf das Etikett geschaut, wo der herkommt?“
    „Nein.“
    „Aus SÜDAFRIKA!“
    „Stimmt, da steht Südafrika auf dem Etikett“, sage ich.
    „Produkte aus Südafrika kauft man NICHT!“
    „Weshalb das denn?“
    „Weil da Apartheid herrscht. Anständige Menschen boykottieren dieses System.“
    „Indem wir keinen Orangensaft mehr trinken?“
    „KEINEN Orangensaft aus SÜDAFRIKA. Hast du das jetzt verstanden?“
    „Ja, habe ich verstanden.“
    © Dialog, der Mitte der 80-er Jahre in der Küche einer Münchner Studenten-WG stattfand (= mein erster Kontakt mit einem Boykottaufruf)
    +++

    Bevor wir nun gleich etwas tiefer in die wundersame Welt des Boykotts eintauchen, wollen wir kurz die Herkunft dieses Wortes beleuchten. Es stammt nicht aus dem lateinischen, griechischen oder mesopotamischen Sprachraum, sondern ein Engländer des 19. Jahrhunderts fungierte als Namensgeber:

    Das Wort Boykott geht auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter. Während des Land Wars nach 1870 rief der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand auf. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion fand Boycott keine Pächter mehr, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott gab allen anderen den Namen.
    © Wikipedia, Stichwort „Boykott“

    Prall gefüllte Briefumschläge und klimatisierte Stadien

    Nachdem wir das geklärt haben, springen wir 150 Jahre in die Jetztzeit und landen im heißen Wüstensand des kleinen Emirats Katar. Dieses Zwergland erhielt im Jahr 2010 auf einem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag, die WM-Endrunde 22 austragen zu dürfen. Welche Kriterien damals für diese Entscheidung ausschlaggebend waren, weiß man bis heute nicht genau. Angeblich ging es darum, den Fußball zur Abwechslung auch mal in die arabische Welt zu bringen, eventuell ging’s aber einfach bloß ums Geld. Katar ist reich, besitzt einige europäische Clubs, sponsort die Trikots zahlreicher weiterer Vereine, verfügt über ne Menge Einfluss in der UEFA. Und hatte bei der Abstimmung vielleicht ein paar Stimmen gekauft. Bevor Sie sich jetzt vorschnell über Letztgenanntes empören – das hatte Deutschland bei der Vergabe des Turniers 2006 angeblich auch getan. Dass mit Dollars (oder Euro oder Schweizer Franken) gefüllte Briefumschläge am Vorabend der Entscheidung unter Hoteltüren durchgeschoben werden, ist anscheinend alter FIFA-Brauch.

    Als nächster Kritikpunkt kam das Klima an die Reihe: links und rechts des Persischen Golfs herrschen im Hochsommer mörderische Temperaturen. Hätte man im Juni und Juli gespielt, wären Hitzetote auf dem Spielfeld und auf den Rängen zu befürchten gewesen. Also verschob man das Turnier auf den Winter – wofür die Spielpläne der europäischen und südamerikanischen Ligen geändert werden mussten – und baute klimatisierte Stadien. Was mit diesen Stadien nach der WM passiert, wollen Sie wissen? Die werden entweder wieder abgerissen oder verrotten. Aber ebenfalls hier bitte nicht vorschnell empören: auch das ist guter Brauch bei WM-Ausrichtern. Siehe bspw. Südafrika und Brasilien.

    Aber Katar hat NULL Fußballhistorie, sagen Sie jetzt? Stimmt, jedoch verfügten ebenfalls die USA 1994 (erneut 2026), Japan & Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) über keinerlei Fußballgeschichte. Ginge es einzig um die Historie, dann dürfte das Turnier bloß in Europa und Südamerika stattfinden. Aber es geht halt nicht einzig um die Geschichte, sondern um Teilhabe möglichst vieler Weltregionen an diesem globalen Sportspektakel Nr. 1 und deshalb wird das Event hin und wieder an exotisch anmutende Ausrichter vergeben. Finde ich vom Grundgedanken her auch nicht verkehrt und schlage deshalb für 2030 Thailand & Vietnam vor.

    Zwischenfazit (eventuell) gekaufte Stimmen, mangelnde Fußballhistorie, Hitze und Stadien, die nach Ende des Turniers niemand mehr braucht, reichen für einen Boykott erst mal nicht aus. Da muss also noch was kommen.

    Boykott: die dicken Bretter

    Beginnen wir damit, dass Katar keine Demokratie westlichen Zuschnitts ist. Das ist korrekt, aber das waren Argentinien 1978 (okay, schon was länger her) und Russland (2018) ebenfalls nicht. Vom zweifachen Olympia-Ausrichter China wollen wir hier erst gar nicht anfangen. Dass Sportgroßereignisse nur in Rechtsstaaten stattfinden dürfen, wäre zwar einerseits begrüßenswert, andererseits existiert diese Vorschrift nicht und würde zudem zwei Drittel der Länder auf unserem Planeten von vornherein als potenzielle Veranstalter ausschließen.

    Die Rechte der Schwulen und der Frauen: was ist mit denen, wollen Sie jetzt von mir wissen? Die sind beide prekär (also diese Rechte) in Katar. Wobei es mit den Rechten der Schwulen in Russland ebenfalls nicht allzu weit her ist (China weiß ich nicht. Müsste ich googlen). Das war bei der Vergabe 2010 hinreichend bekannt gewesen. An einen Aufschrei damals kann ich mich jedoch nicht erinnern. Das mit den mangelhaften Schwulen- und Frauenrechten am Persischen Golf scheint mir ein recht neuer Boykottgrund zu sen. Btw. wie ist eigentlich Tourismus in Dubai und Abu Dhabi – wo es um diese Rechte nicht besser bestellt ist – zu bewerten? Das ist was völlig anderes? Weiß nicht. Für mich ist das recht ähnlich gelagert.

    Kommen wir nun zum gravierendsten Boykott-Auslöser: der Todesrate auf den katarischen Baustellen. Hier schwanken die Angaben enorm. Die Bandbereite reicht von 3 über 6.000 bis hin zu 15.000. Experten verweisen darauf, dass es kaum möglich ist, eine belastbare Zahl zu ermitteln, da schlichtweg keine Statistik existiert. Soll heißen: man weiß zwar, wie viele Ausländer/Bauarbeiter in Katar pro Jahr sterben. Woran genau sie sterben bzw. wo sie sterben (Baustelle, Hotelzimmer, Krankenhaus), wird von amtlicher Seite nicht erhoben. Sind sie alle auf den WM-Baustellen verunglückt, oder gab’s weitere Tote bei den anderen Großprojekten, die zeitgleich aus dem Sand der Wüste in die Höhe gestampft wurden? Die Menge der wegen der WM verschiedenen Arbeiter wird sicher nicht 3 sein – wie die Behörden in Doha behaupten –, ob es 6.000 oder gar 15.000 sind, weiß jedoch niemand genau. Aber das ausbeuterische Kafala-System, was ist mit dem, fragen Sie jetzt? Ja, das ist großer Mist, eine Form moderner Sklaverei; allerdings üblich auf der Arabischen Halbinsel. In den VAE und Saudi-Arabien geht es genauso zu: da werden die Pässe der ausländischen Arbeiter ebenfalls einbehalten. Macht’s nicht besser, schon klar. Wurde aber alles bereits zum Zeitpunkt der Vergabe 2010 praktiziert. Die FIFA entschied in vollem Wissen des Kafala-Systems pro Katar. Die berechtigte Kritik daran kommt hauptsächlich aus den westlichen Industrienationen. Dass sich Pakistan, Indien, Bangladesch – also die Länder, aus denen die Arbeiter überwiegend stammen – daran stören – davon hört man so gut wie nichts.

    Wer würde davon getroffen?

    Nachdem wir die Gründe für den Boykott aufgelistet haben, wenden wir uns nun der Frage zu, wen wir mit unserem Ich-schau-mir-diese-WM-nicht-an-Protest treffen wollen. Wir können 3 Zielobjekte unterscheiden:

    (A) Katar
    (B) Die FIFA
    (C) Die Sponsoren

    Für Katar wäre es sicher bedauerlich, wenn weltweit die TV-Geräte ausbleiben. Ist ja schon bitter, wenn man höllenmäßig viel Geld für Einkauf und Organisation eines Events ausgibt, das nachher niemand sehen will. Allerdings bezweifele ich stark, dass das im Nachgang zu einem Umdenkprozess hin in Richtung Demokratie & Gewaltenteilung und mehr Rechte für Frauen und Schwule führen würde. Vielmehr steht zu befürchten, dass Katar den Spieß umdreht und dem (christlichen) Westen Arroganz oder gar Diskriminierung der arabischen Kultur und islamischer Werte vorhält. Ein Vorwurf, der in der muslimischen Welt sicher auf fruchtbaren Boden fallen wird.

    Für die FIFA wäre es SEHR ärgerlich, falls die Einschaltquoten in den Keller gingen. Gemäß der einfachen Formel: kleinere Reichweite = weniger Werbeeinnahmen & reduzierte TV-Gelder. Jedoch wird das so nicht eintreten. Dafür schauen dann doch noch zu viele Menschen aus Ländern zu, die sich für unseren deutschen Boykott Nullkommanull interessieren.

    Und die glorreiche Idee, keine Produkte der Sponsoren mehr zu kaufen, was halten Sie davon Herr Kolumnist? Weiß nicht. Die Liste der Sponsoren ist LANG. Stelle mir das von der praktischen Umsetzung her schwierig vor, bei jedem zukünftigen Besuch im Supermarkt erst mal zu überprüfen, ob ich Coca-Cola in meinen Einkaufswagen legen darf und mir im Anschluss einen Big Mac bei McDonald’s reinziehen kann. Was ist mit meinen Sportschuhen von adidas und dem Hyundai-SUV des Nachbarn? Und meine Visa-Card soll ich ab sofort auch nicht mehr benutzen? Kann man natürlich alles fordern, ob’s in der Realität von Erfolg gekrönt ist, gehört stark in die Rubrik Wunschdenken.

    Boykott: Pro & Contra

    Wollen wir abschließend festhalten: Ja, es existieren gute Gründe, die WM 22 zu boykottieren. Egal, ob dieser Boykott in der Praxis das bewirken wird, was den Boykotteuren damit vorschwebt.

    Es gibt allerdings auch Gründe für den Nicht-Boykott. Z.B.:
     Man sollte das Event vom Ausrichter trennen
     Der Otto-Normalo-Fan muss nicht ausbügeln, was die FIFA-Funktionäre verbockt haben
     Und auch die Spieler, für die die Teilnahme an einem WM-Turnier einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, sollten nicht durch kollektiven Unsere-Mattscheibe-bleibt-schwarz-Aktionismus bestraft werden.

    Wo ich persönlich zwischen diesen beiden Positionen stehe? Ich werde mir die Spiele angucken. Nicht ALLE, wie ich das bei einigen früheren Turnieren (zuletzt 2014 Brasilien, davor 2006 Deutschland) getan habe, aber schon die, die ich spannend finde. Große Vorfreude spüre ich nicht, das Gefühl des Der-ersten-Partie-entgegenfieberns hat sich bisher nicht eingestellt. Ich sehe zum einen aus Gewohnheit (tue ich seit der EM 72) und zum anderen, weil’s mich tatsächlich interessiert. So wie ich seit 50 Jahren ebenfalls an JEDEM Wochenende die Bundesliga schaue und bei der morgendlichen Zeitungslektüre zuerst den Sportteil mit den aktuellen Fußball-News aufschlage. An wilden Partys u/o Autocorsos nach evtl. deutschen Siegen werde ich mich hingegen nicht beteiligen (bin ich mittlerweile eh zu alt für). Und Fahnen oder Wimpel-schwenken war noch nie meins. Bin mehr der stille Fan (Ausnahme: der Effzeh spielt).

    Den Boykott wahrer Fußballfans (wenn sie ihn denn auch tatsächlich bis zum Finale durchhalten) bewerte ich höher als die Boykottaufrufe derjenigen, die keine Ahnung von diesem Sport haben. Merke: je weniger ich mich für Fußball interessiere, desto einfacher fällt mir natürlich die Verweigerung. Bei den Katar-Gegnern lohnt deshalb immer die Frage: wie viel Ahnung hast du jenseits der WM 22 eigentlich vom Fußball?

    Ich respektiere den Boykott, werde also keinen Protestler davon überzeugen wollen, sich gemeinsam mit mir das Spiel Deutschland vs. Spanien anzugucken. Bin mir auch darüber im Klaren, dass die Boykotteure das andersherum nicht so tolerant auffassen und mich zum Sklavenhalter-Regime-Befürworter stempeln werden. Aber ganz ehrlich: mir ist das völlig wurscht. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mir ein paar Partien anschauen werde, tendiert gegen Null.

    Ein gewisses Maß an Scheinheiligkeit

    Am Ende dieser Kolumne kann ich es mir allerdings nicht verkneifen, auf eine gewisse Scheinheiligkeit des WM22-Embargos hinzuweisen: denn mit Öl und Gas aus Katar haben wir keinerlei Problem, betteln förmlich darum, dass wir das dort kaufen dürfen und von Protestaufrufen gegen Russland 2018 und Peking 2022 habe ich nichts mitbekommen. Was mich schlussfolgern lässt, dass wir lieber kleine als große Schurkenstaaten boykottieren. Mit Atommächten wollen wir es uns nicht verscherzen, während wir einem kleinen arabischen Ausrichter mal demonstrieren möchten, wo der westlich-aufgeklärte Hammer hängt?

    Diese WM hätte nie an den Golf vergeben dürfen. Nun ist sie aber dort und sollte halbwegs in Ruhe durchgeführt werden können, ohne Fans und Spieler in Sippenhaft für merkwürdige Entscheidungen der Funktionäre zu nehmen. Und ja: die Vergabepraxis der FIFA gehört dringend auf den Prüfstand.

    Und nun wünsche ich den Boykotteuren eine sinnvolle Alternativbeschäftigung und uns Fans spannende vier Wochen.

    PS. Orangensaft aus Südafrika trinke ich weiterhin nicht. Was aber v.a. daran liegt, dass der Supermarkt, in dem ich meinen Orangensaft kaufe, die Orangen aus anderen Herkunftsländern bezieht.