Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Das Klima geht den Bach runter. Wer will das noch ernsthaft bezweifeln? Die Sommer werden immer heißer, es regnet wochenlang keinen einzigen Tropfen und wenn es dann mal wieder regnet, schüttet es wie aus Kübeln und man bekommt einen Eindruck davon, wie sich Noah und seine Familie kurz vor Eintreten der Sintflut gefühlt haben müssen. Die Winter im Rheinland taugen nichts mehr [wobei die Winter bei uns noch nie viel getaugt haben] und gehen Ende April nahtlos in den zu früh beginnenden Sommer über. Ob das nun an temporären oder chronisch durcheinandergeratenen Wetterfronten liegt oder sich das Klima in Gänze in den letzten Jetstream-Zügen befindet – darüber mögen Experten streiten. Für mich als Klimalaien und Boomer steht jedenfalls fest: Früher war nicht alles besser, aber das Wetter war schon schöner (iSv. weniger extrem) als heute, und als Kinder konnten wir im Winter im Siebengebirge noch Schlitten fahren.

    Ob man gegen den vom Trab mittlerweile in Sprintgeschwindigkeit gewechselten Klimawandel was tun kann – darüber wird erbittert gestritten. Viel kann man dagegen tun, sagen die einen. Gegen das Klima kann man nicht sinnvoll ankämpfen, behaupten die anderen. Von der Fraktion, die den Wandel komplett leugnet, hier mal völlig abgesehen. Ich befinde mich irgendwo mittig zwischen den beiden erstgenannten Positionen: Ja, man kann was aktiv tun. Z.B. wie ich bei vielen Dingen Konsumverzicht üben (was mir als Minimalist, der außer ner Schreibmaschine, nem Bett und Facebook kaum was braucht) zugegebenermaßen einfach fällt). Und nein: es wird trotzdem nicht richtig funktionieren. Es wird deshalb nicht richtig funktionieren, weil zum einen nicht alle mitmachen – und es müssen VIELE und SCHNELL mitmachen, wenn wir die kritischen Kipppunkte, bei deren Überschreiten dann eh alles zu spät ist, haarscharf vor der 1.5-Grad-Grenze vermeiden möchten –, und zum anderen niemand mit Gewissheit sagen kann, ob das Klima, selbst wenn wir den CO2-Ausstoß bereits heute weltweit auf Null runterfahren, sich nicht dennoch (drastisch) ändern wird. Für mich persönlich ist die Frage, wie werden wir mit dem Wandel umgehen, mithin die wichtigere als die, wie wir ihn eventuell noch verhindern können. Das erste ist pragmatisch, das zweite überwiegend Wunschdenken.

    Letzte Generation: schon der Name ist drüber

    Nun sehen das natürlich nicht alle so wie ich und folglich gibt es zum Thema Klima viel Diskussionsbedarf und jede Menge Aktivismus. Besonders in den Vordergrund spielt sich dabei seit einiger Zeit eine Gruppierung, die unter dem apokalyptischen Namen Die letzte Generation firmiert. Schon darüber könnte man diskutieren: denn auch auf diese angeblich letzte werden ganz sicher noch viele weitere Generationen folgen, bis die Menschheit entweder auf den terrageformten Mars übersiedelt oder sich gegenseitig ausgerottet haben wird. Ich taxiere dieses Ereignis auf das Jahr 2525.

    Aber um den Namen dieser Gruppe soll es in dieser Kolumne nicht gehen. Wir wollen uns lieber mit ihren Aktionen beschäftigen.

    Was also tun Jünger der Letzte-Generation-Sekte, wenn sie den Planeten vor dem Untergang bewahren möchten? Sie verfügen für die Weltrettung über ein dreigliedriges Instrumentarium – sie:
    (A) kleben sich irgendwo fest
    (B) beschmieren Hauswände
    (C) bewerfen Gemälde mit Kartoffelbrei
    [Anmerkung des Lektors: (D) hin und wieder containern sie und verschenken diese Lebensmittel an Bedürftige].

    3 Aktionsformen: alle 3 infantil

    Mal völlig losgelöst von der Schwierigkeit, einen direkten Zusammenhang zwischen einem mit Erbsensuppe bekleckerten van Gogh und dem aus Aktivistenperspektive notwendigen Stopp der Verfeuerung fossiler Energieträger zu erkennen, verstört v.a. die Monotonie der ständigen Wiederholung. Nach spätestens 3x auf die Straße kleben haben wir ja verstanden, dass es Menschen gibt, die sich Tag und Nacht vor der alsbald bevorstehenden Klimaapokalypse fürchten. Da braucht’s nun wirklich keine Dauerschleife. Die, die es verstehen wollen, haben es beim dritten Mal geschnallt und die anderen werden es auch nach 1000 Wiederholungen nicht begreifen (wollen). Es ist wie mit der Werbung für ein Reizdarm-Heilmittel, die seit gefühlt 10 Jahren gefühlt jeden Abend unmittelbar vor der 20h-Tagesschau über den Bildschirm flimmert: die tägliche Erinnerung an unseren (Reiz-) Darm und das (angeblich) Heilung spendende Mittel nervt gewaltig, die Sache verkehrt sich in ihr Gegenteil. Selbst anfangs gutwillige Betrachter/potenzielle Käufer wenden sich gelangweilt ab oder reagieren aggressiv, wenn sie bloß den Namen „Kijimea“ bzw. „Letzte Generation“ hören.

    Ich mein‘, wer jede Woche in Berlin kilometerlange Staus verursacht oder historische Gemälde mit Pattex besudelt, der kann sich doch nicht ernsthaft darüber wundern, dass die Mitbürger, die sich nicht 24/7 vor der Klimakatastrophe ängstigen, so langsam ans Ende ihrer Geduld geraten. Wie kann man sich als Ich-kleb-mich-überall-wo-es-mir-passt-fest-Aktivist bestürzt zeigen, dass BILD und der restliche Boulevard dies zum Anlass für polemische Artikel nehmen? Weiß man das als Apokalypse-Junkie nicht vorher? Wer berät denn diese Jünger:innen? Und nicht jeder, der Kartoffelbrei-Attacken kritisiert, hasst deshalb gleich diejenigen, die damit um sich werfen oder negiert gar die Notwendigkeit der Energiewende. Manchmal ist es einfach bloß Kritik an einer Vorgehensweise, die als grenzwertig, wenn nicht schon deutlich drüber, erachtet wird.Und auch mit (scharfer) Kritik muss man als Sekundenkleber-Guerilla irgendwie umgehen können. Im Vergleich zu dem, was die Letzte Generation aufführt, waren/sind die Aktionen von Greenpeace geradezu Gold.

    Tomatensuppe auf van Gogh = Instagram-Aktionismus

    Sind wir mal ehrlich: sich auf Straßen pappen, Häuserwände mit dümmlichen Slogans bekritzeln und Tomatensuppe auf van Gogh werfen, ist Instagram-Aktionismus. Ein paar „schöne“ Bilder für die Follower generieren, die mit ein paar nicen Hashtags hochladen, dann zurück nach Hause, dort den Sekundenkleber von den Händen scheuern, warm duschen, sich an Mamas/Muttis Tisch setzen, die Bio-Makkaroni schmecken lassen, dann noch eine Episode „The walking dead“ auf Netflix schauen, bevor man/frau sich angenehm erschöpft und rundum mit sich und der heutigen Kartoffelbrei-Performance zufrieden ins Bett legt und dort vor dem Einschlafen noch ein bisschen vor der bald nahenden Klimakatastrophe gruselt. Es ist ein Statement von Wohlstands-Kindern gegen die Wohlstandsgesellschaft, in der sie sozialisiert wurden. Kann man okay und notwendig finden. Man kann’s aber auch Scheiße und am Thema vorbei finden.

    Lieber ein Jahr unter Pinguinen leben

    Würde einer von denen nen Köpper von einem Eisberg in das (zu warme) Polarmeer machen oder in Sandalen und kurzer Hose die (sich ebenfalls galoppierend erwärmende) Antarktis durchqueren, um so auf die steigenden Temperaturen und die Polschmelze aufmerksam zu machen – meine Hochachtung und Respekt wären ihm/ihr gewiss. Aber diese infantile Kleberei und Erbsensuppen-Werferei als Social-Media-Challenge-Spielart von Umwelt-Alarmismus kann ich echt nicht ernstnehmen. Es ist wie beim Klingelmännchen: Wenn man das als ein für Warnsignale nicht empfänglicher Schwachkopf immer wieder praktiziert, wird irgendwann einer, den das tierisch nervt, einem eine kleben. Und dann bin ich gespannt, was die Klebe-Aktivisten von diesem Kleben halten werden.

    Auch wenn die Klimaapokalypse (angeblich) schon kurz vor Brunsbüttel steht, sollten wir dennoch bei unseren Das-Ende-ist-nah-Geißlerzügen ein Mindestmaß an Public-Relations-Intelligenz walten lassen. FFF und mit Eisbären um die Wette schwimmen oder ein Jahr allein unter Pinguinen leben stellen legitime Ausdrucksformen von Klimabesorgnis dar; Museen mit Kartoffelbrei verunstalten und sich im Wochenrhythmus in Berlin auf der A100 festkleben, sind jedoch definitiv drüber. Nicht alles, was sich selbst das Gütesiegel „Ziviler Ungehorsam“ verleiht, ist deshalb zwangsweise notwendig oder vernünftig. Mitunter wird sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich erreichen will.

    PS. an den Lektor: Aktionsform (D) scheint mir noch die sinnvollste von allen zu sein. Die wird allerdings wenig beworben von der Gruppe, sodass man davon als Kolumnist und Klimalaie erst beim Lektorat erfährt. 

  • 3. Oktober – brauchen wir den?

    3. Oktober – brauchen wir den?

    „Wir sehen uns am Dienstag wieder“, sage ich vergangenen Freitagnachmittag zu einem Bürokollegen.
    „Warum am Dienstag? Hast du Montag Urlaub?“, fragt er.
    „Montag ist ein Feiertag.“
    „Welcher denn?“
    „Tag der Einheit.“
    „Ach, dieser Feiertag ist am Montag. Prima, da kann ich länger im Bett bleiben und nach dem Frühstück 2 neue IKEA-Regale aufbauen … dann sehen wir uns am Dienstag wieder.“

    Nun ist dieses kleine Bürogespräch sicher nicht repräsentativ für den Wissensstand des Durchschnittsbürgers; es spiegelt jedoch anekdotisch ganz gut wider, welchen Stellenwert der 3. Oktober bei vielen Deutschen heutzutage besitzt: Er ist auf den Status eines Mitnahme-Feiertags abgesunken. Vergleichbar mit Pfingstmontag, Fronleichnam, dem 1. Mai oder dem 1. November. Kaum ein Mensch weiß so ganz genau, was an diesen Tagen eigentlich gefeiert wird, aber es ist trotzdem schön, dass die Daten im Kalender stehen, weil wir da länger schlafen und IKEA-Regale zusammenschrauben können.

    Aufbruchstimmung lange verflogen

    Die Aufbruchstimmung, die anfangs herrschte und die der zum Feiertag erklärte 3. Oktober eindrucksvoll nach innen und außen demonstrieren sollte, ist mittlerweile komplett verflogen. Galt es in den 90-er Jahren noch als aufregend, dass etwas völlig Unerwartetes geschehen war, freuten sich West & Ost gleichermaßen darüber, wieder vereint zu sein, so herrscht heute ermüdendes Verteilungskleinklein vor: Wer bekommt wie viel aus dem Steuerkuchen überwiesen? Wohin sollen die Transfermilliarden fließen? Es ist auch keine patriotische Begeisterung wie am 4. Juli in den USA oder zehn Tage später in Frankreich an deren nahezu heiligen Nationalfeiertagen zu spüren. Stattdessen beschränken wir uns auf lokale folkloristische Events, die jedes Jahr von Bundesland zu Bundesland wandern und bekommen eine – in weiten Teilen stets gleichlautende – Rede unseres Präsidenten (oder Kanzlers oder BT-Präsidenten oder wer auch immer vom politischen Spitzepersonal dafür gerade Zeit und Muße hat) vorgesetzt. Damit erreicht man schätzungsweise 5 Prozent der Bürger. Der Rest der Bevölkerung schläft am 3. Oktober etwas länger und schraubt nach dem Frühstück 2 IKEA-Regale zusammen. Man kann es positiv als neudeutsche Unaufgeregtheit oder negativ mit Feiertags-Lethargie umschreiben.

    Fürs Aufkommen bzw. Nicht-Aufkommen einer flächendeckeckenden Euphorie kommt erschwerend hinzu, dass Ost & West seit der Jahrtausendwende emotional eher auseinander driften als näher zusammenzufinden. Die Unzufriedenheit des Ostens mit der deutschen Demokratie wächst von Jahr zu Jahr. Der aktuelle Jahresbericht des Ostbeauftragten der Bundesregierung liefert niederschmetternde Ergebnisse: Nur 39 Prozent der Menschen im Osten haben Vertrauen in unsere Demokratie. 2020 waren es noch 48% gewesen. Zwar sind die entsprechenden Werte im Westen ebenfalls nicht berauschend; jedoch liegen sie deutlich höher als jenseits der Elbe. Nur noch ein Viertel der Menschen im Osten ist mit der sozialen Gerechtigkeit glücklich. Oha!, denke ich. Da fehlt nur noch ein Funken und das Ganze fliegt uns um die Ohren. Fleißig marschieren tun sie ja schon wieder in Dresden, Leipzig, Ostberlin und in zahlreichen Provinznestern in Sachsen & Co. Die wiederbelebten Montagsdemonstrationen wurden allerdings längst gekapert von Pegidisten und Querfrontlern. Statt „Wir wollen höhere Löhne!“ skandieren die sogenannten Spaziergänger Sprüche wie: „Weg mit den Russlandsanktionen!“, „Verhandlungen jetzt!“, „Raus aus der NATO!“. Der Bocksgesang des im Osten viel stärker als im Westen verwurzelten Antiamerikanismus schwillt zunehmend an.

    Nun mag es durchaus Gründe geben, weshalb der Osten frustriert ist. Geringeres Lohnniveau, weniger Rente im Alter, zu viele Westimporte an den Schaltstellen von Wirtschaft & Verwaltung, Braindrain, ganze Landstriche sind entvölkert. Allerdings liegt die Bruttowertschöpfung in den neuen Ländern deutlich unterhalb der im Westen, woraus dann logischerweise geringere Löhne und Renten resultieren. Kann man Scheiße finden; man sollte dann aber erst mal an der Verbesserung der Wertschöpfung arbeiten, anstatt über – häufig eingebildete – Ungerechtigkeiten zu lamentieren.

    Die Treuhand ist an allem schuld

    Und natürlich ist nach wie vor die Treuhandanstalt an allem schuld. Die hätte der (angeblich) intakten DDR-Wirtschaft den Garaus gemacht. Zur Erinnerung: Die THA war Anfang der 90-er Jahre die Behörde (übrigens von der letzten DDR-Regierung ins Leben gerufen), die mit vielen Milliarden (westlicher) Steuergelder die maroden Ostbetriebe aufgepimpt und dann an Investoren (die ebenfalls aus dem Osten stammen konnten. Stichwort: MBO/Management-buy-out) „verkauft“ hat. Verkauft deshalb in Anführungszeichen, weil es sich dabei zum weit überwiegenden Teil um Zuschussgeschäfte handelte. Oft lag der Verkaufspreis bei 1 symbolischen Mark – vorher war allerdings ne Menge Kohle in die Sanierung bzw. Fit-für-den-Markt-Machung des Verkaufsobjektes geflossen–; wofür der Erwerber im Gegenzug bloß in eine mehrjährige Beschäftigungsgarantie einzuwilligen brauchte. Dass dabei mitunter Fehler (Bonität der Investoren nicht ausreichend geprüft, schwarze Schafe in der Treuhand) unterliefen – geschenkt. War/ist eine Sache der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass bei einer großen Menge Transaktionen auch ein paar schiefgelaufene darunter sind.

    Was wären die Alternativen gewesen? Tausende völlig heterogene Betriebe jahrelang unter staatlicher Obhut belassen? Die Angelegenheit aussitzen und in Ruhe abwarten, bis die Ost-Unternehmen alle pleite sind? Oder aber – Möglichkeit 3 – die Währungsunion hinauszögern und so die Wettbewerbsfähigkeit auf den früheren Comecon-Märkten eine Zeit lang sicherstellen? Da aber der gesamte Osten die SCHNELLE Einführung der D-Mark forderte, wurde sie schnell eingeführt. Dass aus der Übernahme der D-Mark unweigerlich der Zusammenbruch der maroden DDR-Ökonomie resultierte – das wurde 1990 von einigen Experten klar vorhergesehen. Deren Warnungen wollte aber niemand wahrhaben. Und so trat die Treuhand in Aktion, die versuchte, den harten Transformationsprozess von der Plan- in die Marktwirtschaft einigermaßen abzufedern. Im Großen und Ganzen hat die Behörde diesen Job gut gemacht.

    Hatte Lafontaine doch recht?

    Statt die Sache zu nehmen, wie sie ist und sich zu freuen, dass man heute in einem freien Land und materiell weit besser ausgestattet als vor 1989 lebt, wird stattdessen lieber über gebrochene Lebensläufe und (eingebildete) Unfreiheit geklagt. Kann man tun; jedoch darf man sich dann nicht wundern, dass mancher Westler (bspw. der Autor dieses Textes) dieser Jammerei irgendwann überdrüssig wird und sich ab und an fragt, weshalb wir 1990 nicht auf Oskar Lafontaine gehört haben, der auf die ökonomischen Risiken der Turbogeschwindigkeit-Vereinigung hinwies und stattdessen die Lösung „2 Staaten auf deutschem Boden, die sich schrittweise annähern“ propagierte. Was wir damals alle unterschätzten, ist der Umstand, wie zäh der Prozess vonstattengeht, bis Menschen, denen 56 Jahre lang bloß Diktatur bekannt war, sich von einem staatlich großenteils durchgeplanten an ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben umgewöhnen. Das scheint im Zeitlauf 1 Generation nicht möglich zu sein. Weshalb also weiterhin Geduld gefragt ist. Denn rückgängig können wir die Sache nicht mehr machen. Jetzt gilt die Devise: Augen zu und irgendwie durch.

    Während ich in den 90-er Jahren hinsichtlich Wiedervereinigung ein Optimist war, von der raschen Verschmelzung beider Welten felsenfest überzeugt , bin ich mittlerweile ins Lager der Pessimisten übergewechselt: Einen zufriedenen Osten werde ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr erleben. Man kann diesbezüglich schon froh sein, wenn bei einer Landtagswahl die AfD nur zweitstärkste Kraft wird und die „Spaziergänger“ halbwegs friedlich bleiben, während sie Querfront-Parolen grölen.

    Ich werde den 3. Oktober deshalb so begehen wie in den vorherigen Jahren: länger schlafen und nach dem Frühstück eine Kolumne (diese hier) tippen. Manchmal denke ich, an einem dritten Weihnachtsfeiertag hätten wir mehr Freude als von diesem blutleeren Tag der Einheit.

  • Trigger-Alarm: notwendig oder Zeitgeistmarotte?

    Trigger-Alarm: notwendig oder Zeitgeistmarotte?

    Seit einiger Zeit zeigt mir Amazon Prime, wenn ich mir dort einen ü18-Film aussuche, diese Textzeile: „Achtung: Rauchen, Drogenkonsum, Alkohol, Nacktheit, Schimpfwörter, sexuelle Inhalte, Gewalt.“

    Boh!, dachte ich beim ersten Mal. Das ist aber wirklich klug von den Amazon-Leuten, wie sie diese kritischen Inhalte aus dem Film extrahieren; da steckt bestimmt ne superschlaue K.I. dahinter. Als ich den identischen Hinweis zum fünften Mal sah, begriff ich, dass es sich um eine Standard-Textzeile handelt. Und spätestens beim zehnten Mal habe ich es gar nicht mehr gelesen.

    Warnhinweise: inflationsartige Vermehrung

    Solche Warnungen gibt’s ja mittlerweile inflationsartig: als Nachspann „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ zu Baldriantropfen, Reizdarm-Blockern und Schmerzsalben im TV, auf Zigarettenpackungen, die mit drastischen Sätzen zzgl Ekelbildern garniert sind, als Nutri-Score bei hochkalorischen Lebensmitteln und ebenfalls in Audio-Form: „Bitte achten Sie beim Ausstieg auf den Abstand zwischen Zug und Bahnsteig!“ (im engl. Original etwas knackiger: „Mind the gap!“) , sobald man die U-Bahn verlässt. Gebrauchsanleitungen enthalten seitenlange Vorspänne, worauf man alles achten muss, wenn man ein IKEA-Regal zusammenschraubt oder eine Batterie in eine Fernbedienung einlegt. Und man fragt sich als älterer Mensch manchmal, wie das früher ohne diese Hinweise funktioniert hat. Da sind anscheinend zig Millionen Menschen weltweit gestorben, weil sie die Schrauben und die Batterien runtergeschluckt haben, anstatt sie in die Regale einzubauen bzw. in die Fernbedienungen reinzutun.

    Jetzt ist ja gegen Warnungen auf Zigarettenpackungen und bei überzuckerten Lebensmitteln prinzipiell nichts einzuwenden; obwohl man sich hin und wieder fragt, weshalb dasselbe nicht ebenfalls beim Alkohol und den Sozialen Medien praktiziert wird. Und die Alterseinschränkungen ü18 und ü16 sind ebenfalls nicht verkehrt, auch wenn die nicht immer stringent angewendet werden. Mancher Zombie-Film, der als „für Jugendliche tauglich“ eingestuft ist, müsste eigentlich den Hinweis „Frühestens mit 40 und nur, wenn Sie über einen robusten Magen verfügen“ versehen werden. Während einige lauwarme ü18-Erotikstreifen sicher ebenfalls für frühreife Teenager geeignet wären. Aber vom Grundsatz her ist die FSK-Einsortierung schon okay.

    Nun reichen Alterseinstufungen, Beipackzettel in Medikamentenpackungen, Warnungen vor Nikotin und Lebensmittelampeln jedoch bei weitem nicht aus, um den postmodernen Hinweishunger zu stillen. Gemäß dem Motto „Der Trigger lauert immer und überall“ werden wir mittlerweile von einer wahren Springflut an Warnungen überschwemmt. Als neues Betätigungsfeld haben die Hinweis-Pädagogen Bücher entdeckt; und hier erst mal den Teilbereich „Belletristik“. Nun gab’s auch bei Romanen schon lange die Alterseinschränkung, manche durften nur unter dem Ladentisch verkauft werden und einige durften sogar überhaupt nicht verkauft werden. Mütter wussten, dass „Die Geschichte der O“ kein altersadäquates Geburtstagspräsent für die 14-jährige Tochter ist, Väter ahnten, dass sie Pornohefte besser heimlich alleine durchblättern, als sie mit der gesamten Familie zu teilen. Und notfalls konnte man sich beim vielbelesenen Bürokollegen erkundigen, ob Millers „Opus Pistorum“ als Mitbringsel für eine Grillparty beim Nachbarn taugt. Diese informelle Try-& Error-Vorgehensweise hat jahrhundertelang ganz gut funktioniert.

    Trigger: reale und eingebildete

    Jetzt kann es aber ja durchaus sein, dass zartbesaitete Naturen nach den ersten 50 Seiten von de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ erschrocken feststellen, dass in ihrer eigenen schwarzen Seele (bisher nicht verwirklichte) Gewaltfantasien schlummern. Der nicht gefestigte Abstinenzler wird wegen der Lektüre des Kurzgeschichtenbandes „Schlechte Verlierer“ von Bukowski wieder an die Flasche gebracht. Nach 20 Unterrichtseinheiten „Die Leiden des jungen Werthers“ im Deutsch-Grundkurs der 11-ten Klasse schießen die Suchanfragen nach Pistolen im Darknet in die Höhe. Soll heißen: In jedem Roman steckt immer auch was Gefährliches/Gefährdendes drin. Es kann aber auch jedes Mal das komplette Gegenteil eintreten: Nach der letzten Seite „Die 120 Tage von Sodom“ beschließt man, niemals einem anderen Menschen Leid zufügen zu wollen. Bukowskis Schilderungen der Monotonie des Säuferlebens bestärken den trockenen Alkoholiker in seinem Abstinenzwunsch. Die Schüler erkennen, dass Selbstmord aufgrund von Liebeskummer nur ein spontaner Affekt, jedoch keine vernünftige Lösung ist. Merke: Nicht alles, was angeblich triggert, triggert auch tatsächlich.

    Als trockenem Alkoholiker ist mir durchaus bewusst, was ein Trigger ist und wie gefährlich so ein äußerer Reiz mitunter werden kann: ein Glas Bier auf dem Tisch beim Skatabend mit den Kumpels, eine Flasche Wodka auf dem Tresen der Hotelbar, das Regal mit den Flachmännern an der Supermarktkasse. Das sind aber allesamt reale Gefahren. Ich kann sie sehen, riechen, anfassen, kaufen und mir die Kehle runterlaufen lassen. Davor gilt es mich zu schützen bzw. sinnvolle Abwehrmechanismen zu entwickeln. Von einem zwischen Buchdeckel eingezwängten Alkohol-Trigger habe ich bisher jedoch noch nie was gehört. Und glauben Sie mir: ich habe in den Jahren meiner Trockenheit schon von vielen Alkohol-Triggern gehört.

    Die Existenz und Gefährlichkeit von äußeren Reizen für bestimmte Gruppen sollen also gar nicht in Zweifel gezogen werden. Zu fragen ist jedoch, ob nun jedes kleine emotionale Unwohlsein gleich als lebensgefährdender Zustand eingestuft werden sollte, weshalb derjenige, der sich manchmal unwohl fühlt, per Hinweis vor dem eventuellen Eintreten dieser als negativ empfundenen Gefühlsregung gewarnt werden muss. Bei Heimspielen des Effzeh in etwa so: „Achtung: Von den letzten 10 Heimspielen hat Köln 5 verloren. Sollten Sie ein eingefleischter Effzeh-Fan sein, der zu vegetativem Bluthochdruck neigt, raten wir vor dem Stadionbesuch zu einem Belastungs-EKG bei Ihrem Kardiologen. Ein mittelschweres Unwohlsein im Falle einer Niederlage wird aber auch Ihr Kardiologe nicht verhindern können.“

    Zeitgemäße Einordnung, weil wir anscheinend alle im Geschichtsunterricht geschlafen haben

    Zurück zu Büchern & Filmen. Heutzutage, wo allen Ernstes davor gewarnt wird, den flüssigen Inhalt von Autobatterien nicht zu trinken, sondern als Giftmüll von einem zertifizierten Fachbetrieb sachgerecht entsorgen zu lassen, reichen Klappentexte bei Romanen nicht mehr. Da muss zusätzlich mit sogenannten „Einordnenden Hinweisen“ auf irgendwas hingewiesen werden. Z.B. dass es in Ovids Metamorphosen streckenweise recht obszön zugeht, Shakespeare seinen Protagonisten  Julius Cäsar am Ende ermorden lässt, Romeo & Julia durch Selbsttötung sterben und die teils drastischen Schilderungen der sozialen Missstände im viktorianischen England in den Geschichten von Charles Dickens verstörend auf Leser mit Armutsphobie wirken könnten. Mein aktueller Liebling: Einordnende Hinweise zu den Romanen und Filmen von der Deutschen drittliebstem Schriftsteller*in (nach Thomas Mann und Rosamunde Pilcher) Karl May. Dass der bei der Zeichnung seiner Figuren mitunter Klischees verwendete, der Wilde Westen nicht so war, wie May ihn gerne gehabt hätte und überhaupt das alles irgendwie mit kolonial geprägtem Rassismus zu tun habe. Oha!, denke ich. Ohne diese Klarstellung wäre ich von selbst nie drauf gekommen, dass Karl May Fiktion und keine naturgetreuen Reisereportagen zu Papier gebracht hatte. Dank also an die fleißigen Hinweis-Geber. Eventuell sollten wir ältere Werke, bei denen uns aufgrund permanenten Schwänzens des Geschichtsunterrichts der Zeitbezug abhandengekommen ist, ohne vorherige Inhaltswarnungen gar nicht mehr in die Hand nehmen.

    Man könnte das Problem – unterstellt: es handelt sich überhaupt um eins – auch dadurch zu lösen versuchen, indem man sich vor dem Kauf eines Romans dessen Inhaltsangabe und ein paar Rezensionen durchliest. Dann würde man schnell begreifen, ob das Buch für den persönlichen Gebrauch taugt. Aber das wäre zu old school bzw. zu aufwändig. Deshalb ab sofort die kurzen Warntexte vor dem eigentlichen Text. In der Hoffnung, dass der heutige Homo legens es schafft, mehr als den Hinweis zu lesen, ohne danach abrupt und erschöpft abzubrechen.

    Und man fragt sich, welche Sorte Leser braucht solche standardisierten Texttafeln? Weshalb benötigen anscheinend speziell Studenten diese Hinweise? Warum studiert man, wenn man vor jeder universitären Lektüre gewarnt werden muss? Vielleicht ist es dann besser, gar keine Romane mehr zu lesen, anstatt sich ständig vor deren Inhalten zu fürchten. Oder alternativ: keine Geisteswissenschaft belegen, sondern sich für Physik einschreiben. Wobei da dann natürlich die Lehrbücher auf negative Kernkraft-& Wurmloch-Trigger untersucht werden müssten.

    Vorbei die Zeiten, in denen man unbegleitet einen Winnetou-Film anschauen konnte. Heute gibt’s dazu eine sogenannte begleitende Berichterstattung, die dann so lautet:

    Die Handlung des Films ist frei erfunden und bildet Stereotype ab. Der Film zeichnet deshalb kein authentisches Bild der tatsächlichen Lebensweise indigener Völker in Nordamerika.

    Wird in Filmen nicht ganz oft mit Stereotypen gearbeitet, geht es mir durch den Kopf; ist es nicht geradezu ein bestimmendes Merkmal von Fiktion, dass der Autor sich eine Fantasiewelt zurechtzimmert? Die halt nicht 1 zu 1 der Realität entspricht. Manche Autoren übertreiben es zugegebenermaßen mit der Fantasie; aber muss ich als mündiger Leser davor tatsächlich gewarnt werden? Ich handhabe es bspw. so, dass ich einem Roman 30 Seiten gebe, um mich in seinen Bann zu ziehen. Gelingt ihm das, lese ich ihn bis zum Ende. Falls nicht, stelle ich ihn ins Regal zurück. Das mache ich so seit 50 Jahren und brauchte bisher noch nie eine (standardisierte) Inhaltswarnung.

    Wo soll die Hinweis-Inflation hinführen?

    Inhaltswarnungen alsbald auch vor der Tagesschau?
    „Achtung: Hier werden gleich Bilder vom Kriegsgeschehen in der Ukraine ausgestrahlt, die auf Pazifisten und Öffentliche Briefeschreiber verstörend wirken könnten!“

    Oder vor dem 21-Uhr-Krimi?
    „Im nun folgenden Film werden 3 Menschen ermordet und ein paar Liter (Kunst-) Blut zu sehen sein. Wer Probleme mit Fernseh-Leichen und Kunstblut hat, dem empfehlen wir stattdessen die Doku ‚Wie Achtsamkeit und Nachhaltigkeit zusammenhängen‘ in unserer Mediathek.“

    Vor Partyhits?
    „Dieses Sauf- & Pufflied geht nüchtern gar nicht. Sie sollten 4 Flaschen Bier intus haben, bevor Sie es anhören und Minimum 1 Pulle Wodka, wenn Sie es mitgrölen.“

    An den Anfang von medizinischen Lehrbüchern?
    „Hier gibt’s seitenweise Ekelbilder von geplatzten Blinddärmen und Karzinomen im Endstadium zu sehen. Wer so was nicht sehen kann, der sollte schleunigst das Studienfach wechseln.“

    Muss ich demnächst vor jeden meiner Texte, „Achtung: Sie betreten nun die als Kolumne getarnte Welt des Schwachsinns!“, schreiben?

    Ja, sollte ich tun?
    Okay, werde ich ab sofort machen.

    Rubrik: Betreutes Lesen & (Film-) Schauen.
    +++

    PS. Weshalb ich den schreienden Hai als Titelbild ausgewählt habe? Hat keinen tieferen Grund. Einfach nur so, weil der bei der Schlagwortsuche „Trigger“ in der Bildergalerie erschien und mir spontan gut gefiel. Denn auch mir ist manchmal nach Schreien, wenn ich saublöde Warnhinweise lese.

  • Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Triggerwarnung: In diesem Text kommen weiße Meerjungfrauen vor. Bei manchen Menschen kann dieses Thema negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

    Ich geb’s zu: Ich bin kein Fan von Disneyfilmen und Meerjungfrauen. Die Erstgenannten sind zumeist Tränendrüsen-strapazierend kitschig*, die Zweitgenannten erinnern mich stark an Barbiepuppen mit Fischschwänzen. Und sowohl aus Filmkitsch als auch Fischschwänzen mache ich mir wenig. Von daher bin ich entweder der komplett Falsche, mich mit dem Thema „Welche Hautfarbe haben Sirenen?“ zu beschäftigen, oder aber – weil’s mir großenteils egal ist – dann doch wieder der Richtige. Suchen Sie es sich aus.

    * hiervon explizit ausnehmen muss man natürlich cineastische Schätze wie Steamboat Willie, Schneewittchen, Pinocchio und Das Dschungelbuch.

    Von Undine über Andersen zu Arielle

    Der Reihe nach:

    Arielle, die Meerjungfrau (Originaltitel: The Little Mermaid) ist ein Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, der im Jahr 1989 erschien. Er basiert auf den Motiven des Märchens „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen und ist der letzte Disney-Trickfilm, der mit Hilfe von Elektrofotografie hergestellt wurde.
    © Wikipedia

    Mit Elektrofotografie – sicher ebenfalls ein spannendes Thema – wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen, sondern konzentrieren uns auf: (A) Hans Christian Andersen (B) das Original von 1989.

    Hans Christian Andersen [* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen] gilt als der bekannteste Märchenonkel Dänemarks. Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) schrieb er 1837. Die Geschichte basiert auf der Erzählung der Undine. Die ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist. Diese Nixe stammt wiederum aus dem Geschichtszyklus des oberrheinischen Rittergeschlechts der Staufenberg. Der Stoff ist in einem Gedicht um 1320 enthalten und wurde vielfach adaptiert. Mir gefiel die Version Splash mit Daryl Hannah als sexy Fischschwanz-Blondine 1984 ganz gut.

    Auch wenn Andersen die Hautfarbe seiner Protagonistin nicht explizit erwähnt, wird diese mit 99.9%-iger Sicherheit weiß gewesen sein. Was nun wiederum nicht zwangsläufig auf kolonial begründeten Rassismus des Schriftstellers hinweist, sondern höchstwahrscheinlich dem Umstand geschuldet ist, dass Undine dem nordischen Sagenkreis entstammt. Und im hochmittelalterlichen Europa – der Periode, in der die meisten Sagen verschriftlicht wurden – nördlich der Alpen war Weiß nun mal der vorherrschende Hauttyp. Von daher sei Andersen – postkoloniale Diversity hin oder her – entschuldigt. Also ich entschuldige ihn. Ob Sie es tun, hängt vom Grad Ihrer Welche-Farbe-hat-eine-Meerjungfrau-Toleranz ab.

    Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der germanisch-keltischen Mythologie jetzt zurück zu Disney. Als dessen Filmstudio den Stoff 1989 aufgriff, entschied man sich für eine hellhäutige Figur (die nachträglich Arielle getauft wurde. Im Märchen von Andersen ist sie namenlos). Auch der Nachfolger „Arielle, die Meerjungfrau 2 – Sehnsucht nach dem Meer“ (2000) und das Prequel „Arielle, die Meerjungfrau – Wie alles begann“ (2008) zeigen weiße Nixen.

    Erst beim Remake „Arielle, die Meerjungfrau“, das 2023 ins Kino kommt, beschloss man, die Hautfarbe zu wechseln. Jetzt schwimmt dort Halle Bailey und zwar real. Also ein zweifacher Shift: Sowohl weg vom Cartoon als auch hin zur Trendfarbe Schwarz.

    1989 wär’s innovativ gewesen

    Und das finde ich – pardon – lächerlich. Es geht mir dabei nicht um die Grundsatzfrage, ob Meerjungfrauen weiß, schwarz, braun, gelb, blau oder grün durch unsere Weltmeere pflügen, sondern einzig um die nachträgliche Umlackierung der Arielle. Die in Schwarz zu zeichnen, wäre 1989 wirklich innovativ gewesen. In Südafrika machte das Apartheidsregime seine finalen Seufzer, Nelson Mandela saß noch im Gefängnis, in den USA konnte man der zweiten (oder dritten) Generation Schwarze Panther nördlich der 110ten Straße in Manhattan begegnen, und in Hollywood waren schwarze Stars eher rar gesät. Mir fallen da spontan bloß Sidney Poitier, Richard Roundtree, Danny Glover und Eddie Murphy ein (denen mehrere Dutzend weiße Filmidole gegenüberstanden). 1989 wäre also ein Zeitpunkt gewesen, an dem eine schwarze Meerjungfrau tatsächlich Erstaunen hervorgerufen hätte, wo es mutig gewesen wäre, mit einer dunkelhäutigen Wassernixe Neuland zu betreten. Jedoch 2022: Welchen Zweck verfolgt man heute mit einer neugestrichenen Arielle? Die halt traditionell weiß ist: Sowohl als Undine als auch als Andersens Meerjungfrau und als Original von 89.

    Was kommt als nächstes: ne schwule Micky Maus, ein chinesischer Donald Duck, der lieber an ner Tasse grünem Tee als an einer Flasche Cola nuckelt, Tick, Trick & Track sind unbegleitete frühpubertäre Einwanderer aus Honduras, Goofy als Afro-Entenhausener und Onkel Dagobert wird Philanthrop und spendet seine Fantastilliarden an Greepeace und Ärzte ohne Grenzen? Das ist Diversität-Unfug und (Comic-) Geschichtsklitterung. Genauso Banane wie Scarlett Johansson in „Ghost in a shell“ eine japanische Manga-Kriegerin spielen zu lassen oder Indianerrollen mit Sonnenstudio-gebräunten Weißen zu besetzen (wobei das seit den 70er Jahren stark rückläufig ist).

    Mehr schwarze Hauptdarsteller statt bemühter Farbwechsel

    Disney hat mit Arielle 2022 eine doppelt schlechte Entscheidung getroffen: Zum einen ein fader Aufguss einer schon 3x verfilmten Story (gehen denen die kreativen Drehbuchschreiber aus?), zum anderen die Auf-Teufel-komm-raus-Anpassung an den politisch korrekten Zeitgeist. Ich warte nun darauf, dass Bernard und Bianca beim Remake in Bonobos (stehen ganz oben auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten) umgewidmet werden. Käm‘ ja auch niemand auf die Idee, Shakespeares Othello plötzlich als Weißen auf die Bühne zu schicken bzw. der Aufschrei, wenn dies geschähe, wäre noch auf der Rückseite des äußersten Saturnrings zu hören.

    Ich mein‘, es hindert niemand Disney daran, ne neue Geschichte mit nem coolen schwarzen Helden:in auf den Markt zu bringen (wie es bspw. Marvel mit Black Panther gelungen ist). oder generell mehr Filme mit schwarzen Hauptdarstellern zu drehen oder Schwarze gar in Führungspositionen im Konzern zu berufen. Das wäre wahre Gleichberechtigung. Aber seine Sensibilität bloß dadurch unter Beweis stellen zu wollen, indem man der seit Jahrhunderten weißen Undine/Arielle im Jahr 2022 einen schwarzen Anstrich verpasst, wirkt auf mich sowohl bemüht als auch rein auf kommerziellen Überlegungen (woke Familien mit Kindern ins Kino locken) gründend.

    Aber was weiß schon ich, alter, weißer, (verbitterter) Mann?
    Vielleicht ist ne schwarze Meerjungfrau ja genau das, was unsere heutige Zeit benötigt, und wir freuen uns alle schon ganz doll auf ein queeres Aschenputtel.

  • Vom Bürgergeld wird auch niemand satt

    Vom Bürgergeld wird auch niemand satt

    Vor ein paar Stunden gab das Bundeskabinett grünes Licht für das neue Bürgergeld. Deklariert als das größte sozialpolitische Projekt der laufenden Legislaturperiode. Das Bürgergeld wird ab dem 1. Januar 2023 das dann hinfällige Hartz 4 ablösen.

    Jetzt macht ja allein ein neuer Name noch kein grundlegend neues Produkt, weshalb es lohnt, sich den neuen Inhalt mal etwas genauer anzuschauen. Was wird sich groß (?) verändern?

    Das wird neu ab Januar:

    Regelsatz
    Rauf von aktuell 449 auf 502 Euro für Alleinstehende (entspricht einem Anstieg von rd. 12%)

    Sanktionen
    Leistungskürzungen sind in den ersten sechs Monaten des Bezugs nur eingeschränkt möglich (z.B. bei versäumten Terminen und/oder Ablehnen eines vermittelten Jobs).

    Anreize
    Mehr positive Stimuli als bisher. Bspw. eine Weiterbildungsprämie in Höhe von 150 Euro.

    Vermögen
    Angesparte Rücklagen (bzw. Eigentum) bis zur Höhe von 60.000 Euro werden zwei Jahre lang nicht angerührt. Für denselben Zeitraum darf man ebenfalls in der alten Wohnung (auch wenn die zu groß ist) bleiben.

    Zuverdienst
    Von einem Mini-/Midi-Job, der 520 bis 1.000 Euro pro Monat einbringt, darf der Leistungsbezieher 30 Prozent behalten (bisher: 20%). Kinder aus Bürgergeld-Familien können bis zu 520 Euro(Monat ohne jegliche Abzüge hinzuverdienen.

    Kooperation
    Begegnung auf Augenhöhe: verbesserte Kommunikation, freundlichere Anschreiben.

    Kurzes Zwischenfazit an dieser Stelle: Es gibt ein paar Veränderungen iSv. Verbesserungen. Der große Sozialwurf, der von der Koalition angekündigt wurde, ist das aber sicher nicht. Eher ein Reförmchen als eine Reform. Weshalb Hartz 4 Version 23 als Name angebrachter wäre als der Euphemismus Bürgergeld.

    Sofort geht das Gezanke los

    Kaum hatte die Regierung die Mini-Reform beschlossen, hob – wie nicht anders zu erwarten – das Gezeter an. Viel zu wenig jammern die einen, viel zu viel schimpfen die anderen. Und natürlich ist es für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu wenig. Das zu bestreiten – dafür muss man Hardcore-Anhänger des Manchester-Kapitalismus oder ein Extremminimalist sein. Niemand macht mit 500 Euro große Sprünge, auch wenn die Miete, Heizung und ein paar andere Sachen vom Staat übernommen werden. Mit 500 Euro deckt man gerade mal seinen Bedarf an Nahrung und Hygieneartikeln. Urlaub, Theater, Konzerte, Restaurantbesuche u.ä. = komplette Fehlanzeige. Evtl. sind 1x/Monat 12 Chicken Nuggets bei McDonald’s und 1x/Quartal Arielle, die Meerjungfrau im Kinopolis drin; mehr aber ganz bestimmt nicht.

    Nun kann man natürlich argumentieren, dass die Grundsicherung deshalb so heißt, weil sie eben nur das Existenzminimum garantiert und keinen einzigen Kinobesuch on top. Wer Fast food von McDonald’s und Disneyfilme im Kinopolis sehen will, soll gefälligst dafür arbeiten. Wo kämen wir hin, wenn das zur gesellschaftlichen Teilhabe dazugezählt wird? Dieser Argumentation kann ich mich anschließen, wenn wir den Begriff Grundsicherung auch andersherum als Existenzminimum verstehen. Soll heißen: egal, was der Betroffene tut (oder nicht tut) – ihm kann davon nichts mehr abgezogen werden. Gibt ja von der Logik her keinen Sinn, wenn ich die Grundsicherung oben deckele, sie nach unten jedoch variabel gestalte. Entweder benötigt ein Mensch dieses Minimum, um zu überleben – dann ist es in der Konsequenz nicht mehr kürzbar –, oder wir reden beständig mit den falschen Begrifflichkeiten.

    Das Märchen von der sozialen Hängematte

    Okay, dass man mit 500 Euro nicht weit kommt, haben wir nun verstanden. Was ist aber mit den falschen Anreizen, die das Bürgergeld sendet? Wie soll in Zukunft noch verhindert werden, dass sich die Leute lieber in die soziale Hängematte legen, statt zu arbeiten, fragen Sie mich jetzt?

    Ja, das ist ein Vorwurf, der nicht tot zu kriegen ist. Völlig egal, wie hoch bzw. niedrig die Grundsicherung kalkuliert wird, völlig egal, wie erfolgreich das Jobcenter in nachhaltige Beschäftigung vermittelt, völlig egal, ob die Qualifizierungsmaßnahmen was taugen, völlig egal, ob es einen jungen oder alten Bezieher trifft, völlig egal, ob da noch eine Familie dranhängt – Sanktionen müssen sein. Die Gewährung einer Leistung setzt Mitwirkung voraus. Wer nicht mitwirkt, verliert sein Anrecht auf Alimentierung. Völlig egal, ob die Mitwirkung zu einem vernünftigen Ergebnis führt (ja ja, ich wiederhole mich).

    Das Soziale-Hängematte-Märchen beruht allerdings auf zwei Irrtümern:
    (A) einem verqueren Menschenbild: = ohne Druck funktioniert das System nicht
    (B) Unkenntnis über das Klientel der Jobcenter = die beziehen lieber Stütze, als sich ihr Geld wie wir täglich im Schweiße unseres Angesichts hart zu verdienen.

    Beides ist Nonsens. Wer mit ALG2-Empfängern redet, begreift schnell, dass die nichts lieber täten, als möglichst schnell wieder einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen. Niemand möchte länger als unbedingt notwendig hartzen, niemand lümmelt gerne jahrelang in Jogginghose zu Hause auf dem Sofa rum, niemand will bis ans Lebensende monatlich bloß sein Existenzminimum gesichert haben. Es mag Ausnahmen geben – also Menschen, die sich mit der Dauerarbeitslosigkeit arrangiert haben –; aber das sind wenige. Für den überwiegenden Teil gilt: der will so rasch als möglich raus aus der ALG2-Käseglocke. Unter der Voraussetzung, dass ein halbwegs interessanter Job in Aussicht ist.

    Jobcenter: Der Vermittlungserfolg ist beständig bescheiden

    Und hier gelangen wir nun zum Kernproblem der Jobvermittlung: Es wird überaus selten zu einem (halbwegs) interessanten Job geraten. Dass nicht 1 zu 1 in denselben Job vermittelt wird wie den, den man verloren hat – geschenkt. Dass man aber so gut wie nie in irgendein tragfähiges Beschäftigungsverhältnis gelangt, sondern stattdessen in prekäre Arbeit gesteckt wird – das ist wirklich ein riesiges Manko und der Hauptgrund dafür, weshalb es bei manchen an der Mitwirkung hapert. Da helfen auch keine Weiterbildungsmaßnahmen, wenn ich im Anschluss keine Anstellung in der Branche finde, für die ich mich monatelang weitergebildet habe. Und weil die Vermittlungsergebnisse bescheiden sind, die „Kunden“ (auch so ein Euphemismus) deshalb nur mit reduzierter Kraft mitwirken, kann das System einzig mit Druck ( = Kürzungen vom eigentlich nicht kürzbaren Existenzminimum) operieren.

    Wir könnten jetzt noch seitenlang über das Lohnabstandsgebot und die (angeblichen) Anreize zur Einwanderung in unser Sozialsystem diskutieren. Habe ich aber heute keine Lust drauf. Beide (Pseudo-) Argumente sollen ja nur darauf hinauslaufen, das Existenzminimum möglichst niedrig zu halten (wahrscheinlich gibt es Berechnungen, dass man mit 100 Euro/Monat prima auskommt) und die Leistungsempfänger zu zwingen, JEDEN angebotenen Job widerstandslos zu akzeptieren. Gemäß dem wirtschaftsliberalen Mantra „Wer mit 40 Sparkassen-Abteilungsleiter war, bricht sich mit 50 keinen Zacken aus der Krone, wenn er sich in ein Call Center setzt und am Telefon Zeitungsabos verkauft. Das ist zumutbar!!“ Kann man so sehen. Ich tu’s nicht und würde dem 50-jährigen ehemaligen Sparkassen-Abteilungsleiter dazu raten, sein Erspartes zusammenzukratzen (Sparkassen-Abteilungsleiter haben sicher was für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt) und sich mit der Kohle auf einer thailändischen Insel ein schönes Leben zu machen. Ich war aber auch nie ein Verfechter der Doktrin, dass man JEDEN Job annehmen muss, um in einem Sozialstaat sein Existenzminimum garantiert zu bekommen.

    Hartz 4: Ein echtes Depri-Thema

    Das Thema Hartz 4 ist frustrierend, weil sich für 95 Prozent der in der Verwahrungsmaschinerie Gefangenen seit Jahren nichts tut, und sich auch durch die Mini-Reform hin zum Bürgergeld nichts ändern wird. Was es statt ein bisschen Kosmetik an Symptomen und Namensgebung braucht, ist ein radikaler Systembruch = der komplette Wegfall des gescheiterten Experiments Hartz 4. Die partout Nicht-Vermittelbaren werden dann ehrlicherweise in die Sozialhilfe oder Frühverrentung transferiert. Für den arbeitswilligen Rest muss der Staat den öffentlichen Sektor ausbauen, um diese Menschen dort unterzubringen. Ja ja, ich weiß, dass zu viel staatlicher Sektor (angeblich) ökonomisch nicht gut ist. Ein paar Millionen Dauerarbeitslose (zzgl. ein paar Millionen Kinder) sind aber gesellschaftspolitisch gesehen auch nicht gut. Wenn ich mich also zwischen zwei nicht allzu guten Möglichkeiten entscheiden muss, dann nehme ich die, die gesellschaftspolitisch die bessere darstellt.

    Dass Ihr Vorschlag eine pure Wunschvorstellung ist, wissen Sie, Herr Hirsch?
    Ja, weiß ich.

    Und deshalb deprimiert mich dieses Thema dermaßen, dass ich an dieser Stelle abrupt stoppe.

  • Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    In den Plattformen des sich täglich hochschaukelnden Wahnsinns wird seit 48 Stunden ein neuer Mega-Aufreger durch die digitale Ödnis gejagt = die in Kürze bevorstehende Verbrennung sämtlicher Karl-May-Romane mit Schwerpunkt auf der Winnetou-Trilogie.

    Was war geschehen?

    Zeitgleich zum Kinostart von „Der junge Häuptling Winnetou“ wollte der altehrwürdige Verlag Ravensburger zwei Begleitbücher und ein paar Gimmicks auf den Markt bringen. Unter der entsprechenden Ankündigung in Instagram erhob sich alsbald ein mitteldimensionierter Shitstorm, wo dem Verlag so böse Sachen wie Nutzung rassistischer Stereotype & verharmlosender Klischees, Verwendung kolonialistischer Vorurteile, kulturelle Aneignung und Unterschlagung historischer Fakten um die digitalen Ohren gehauen wurden. Die Verantwortlichen entschieden sich deshalb für den sofortigen Stopp des Vertriebs und begründeten diesen 180°-Schwenk – wiederum in Instagram – mit folgenden Sätzen:

    Wir haben die vielen negativen Rückmeldungen zu unserem Buch „Der junge Häuptling Winnetou“ verfolgt und wir haben heute entschieden, die Auslieferung der Titel zu stoppen und sie aus dem Programm zu nehmen.

    Wir danken Euch für Eure Kritik. Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich.

    Unsere Redakteur*innen beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Diversität oder kultureller Aneignung. Die Kolleg*innen diskutieren die Folgen für das künftige Programm und überarbeiten Titel für Titel unser bestehendes Sortiment. Dabei ziehen sie auch externe Fachberater zu Rate oder setzen „Sensitivity Reader“ ein, die unsere Titel kritisch auf den richtigen Umgang mit sensiblen Themen prüfen. Leider ist uns all das bei den Winnetou-Titeln nicht gelungen. Die Entscheidung, die Titel zu veröffentlichen, würden wir heute nicht mehr so treffen. Wir haben zum damaligen Zeitpunkt einen Fehler gemacht und wir können euch versichern: Wir lernen daraus!

    Als diese Erklärung die Runde gemacht hatte, stürmte rasend schnell der nächste – nun eher großdimensionierte – Shitstorm heran, in dem von Cancel Culture, Orwells Neusprech und Bücherverbrennungen à la 1933 schwadroniert wurde. „Wir lassen uns den Helden unserer Kindheit nicht nehmen!“, „Winnetou war ein Guter, und wir alle wollten wegen ihm an Rosenmontag Indianer sein“ und ähnlich klare Kante konnte man da lesen.

    Der junge Winnetou = Episode 327 des immerwährenden Kampfs der Traditionalisten gegen die Woken.

    Worum geht es eigentlich?

    Zwar ging es, wie man, wenn man den Instagram-Verlauf unter der Neuankündigung überfliegt und die Erklärung von Ravensburger studiert, nie um die 3 Winnetou-Originale von Karl May, sondern einzig um das 125 Jahre später nachgereichte Prequel aus der Feder von Thilo Petry-Lassak. Mit der dazugehörigen Frage: Müssen idealisierende Klischees und Auslassungen (wie die brutale Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die weißen Kolonisatoren), wie sie May am Ende des 19. Jahrhunderts zu Papier (bzw. nicht zu Papier) brachte, Anfang des 21. Jhrd.s eins zu eins wiederholt werden? Die Frage ist eine völlig berechtigte. Welche Schlussfolgerungen man aus ihrer Beantwortung zieht, ist ein Kapitel für sich. Dazu kommen wir etwas weiter unten in dieser Kolumne.

    Wir wollen an dieser Stelle erst mal bloß festhalten: Das, was zur Zeit von May okay war, muss heutzutage nicht zwingend ebenfalls okay sein, bloß weil wir alterssenil auf dem Standpunkt beharren, dass ein Buch, das wir als Kinder (unkritisch) gelesen und geliebt haben, ebenfalls aus dem Blickwinkel des Jahres 2022 supermegatoll sein muss. Die Geschmäcker und Wahrnehmungen ändern sich. Wenn schon das Original nicht mehr als supermegatoll durchgeht, passagenweise sogar als kritisch anzusehen ist – umso mehr muss ja die Frage erlaubt sein, ob man diesen Wildwest-Kitsch durch ein unreflektiertes Prequel fortschreiben muss. Man kann es tun; muss dann aber auch mit der entsprechenden Kritik rechnen und damit leben können.

    Jetzt wird mir sicher gleich die Frage gestellt werden, ob ich „Der junge Häuptling Winnetou“ überhaupt gelesen habe. Weil Kolumnisten ja eh nie das lesen, worüber sie nachher schreiben. Darauf lässt sich einfach antworten: Nein, habe ich nicht, weil der Verlag die Bücher praktischerweise vor Veröffentlichung schon wieder eingestampft hat. Ich kenne bloß ein paar Zusammenfassungen und Vorab-Rezensionen. Ich wollte mir alternativ spontan den Film anschauen, stellte aber beim Check in „Wer streamt es?“ fest, dass der Streifen im Moment nirgendwo, außer im Kinopolis in Bonn zu sehen ist. Und so weit geht meine Liebe zu Kinderfilmen jetzt nicht, dass ich mich dafür bei 32 Grad im Schatten ins Auto setze, 10 Kilometer fahre, 30 Minuten einen Parkplatz suche und mir dann zwei Stunden lang eine Geschichte anschaue, deren Zielgruppe ich seit 45 Jahren entwachsen bin. Da tippe ich lieber auf meinem Balkon eine Kolumne.

    Das heißt, Sie haben wie immer keine Ahnung, worüber Sie schreiben, Herr Hirsch, sagen Sie jetzt? Stimmt. Ich habe – liegt allerdings knapp ein halbes Jahrhundert zurück – jedoch alle 3 Winnetou-Originale gelesen und die Filme mit Pierre Brice als edelstem aller Häuptlinge und Lex Barker als treuestem aller Blutsbrüder mehrmals gesehen. War sogar während eines Jugoslawienurlaubs mit meinen Eltern in den 70-er Jahren an den Plitvicer Seen, wo die Außenaufnahmen gedreht wurden. An Karneval wollte ich immer Indianer sein (okay, 1x war ich Astronaut; aber das war ein blödes Kostüm) u in Nscho-tschi war ich als Zehnjähriger ein bisschen verliebt. Das reicht natürlich bei Weitem nicht aus, um als Karl-May-Experte durchzugehen; es reicht jedoch völlig aus, diese Kolumne zu schreiben.

    Karl May schrieb so, wie man vor 125 Jahren halt schrieb

    Kommen wir jetzt zum Grundsätzlichen: Was ist verkehrt daran, die Welt der indigenen Ureinwohner Amerikas idealisiert, mitunter haarscharf unterhalb der Schwelle zum Kitsch, zu präsentieren? Bzw. warum darf man das in den Augen der Hyperkorrekten nicht tun? Bloß, weil Winnetou am Reißbrett entworfen wurde und mit einem realen Apachen so viel zu tun hat wie Raumschiff Enterprise mit Apollo 11, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass die kindlichen Leser dieser Rothaut-Romantik zu späteren Rassisten mutieren, nur weil man Rothaut heute nicht mehr sagt. Sind wir mit grob fahrlässiger kultureller Aneignung konfrontiert, sobald ein Deutscher, ohne je die Schauplätze seiner Bücher betreten zu haben, einen Indianer-Roman schreibt? Bedeutet es einen literarischen Sündenfall, wenn ein Protagonist allenfalls bruchstückhaft einem Menschen aus Fleisch und Blut gleicht, sondern als Hochglanz-Kunstprodukt der Fantasie seines Schöpfers entsprungen ist? Muss ich als Autor in einer fiktiven Geschichte, die sich hart an der Grenze zum Märchen bewegt, zwingend sämtliche unschönen Umweltbedingungen, die in jener Epoche herrschten, erwähnen? Wer all dies von Karl May fordert, beweist damit vor allem 1: nämlich, dass er von Literatur und deren Zeitbezug keine Ahnung hat. May hat so geschrieben, wie man Ende des 19. Jahrhunderts eben schrieb. Und nicht so, wie wir das 125 Jahre später gerne hätten.

    Bevor nun wieder vorschnell von Zensur geredet wird – dass der junge Winnetou in Buchform nicht erscheint, ist eine Entscheidung des Verlags. Der hat vor dem Instagram-Shitstorm kapituliert. Hätte er nicht tun müssen. Auch, wenn sich die nachgeschobene Erklärung sehr edel anhört. Wobei man sich fragt, weshalb all das angebliche Kritische, das diese zwei Bücher beinhalten, erst ganz am Ende auffiel, und das kein Lektor Monate vorher beim Studium des Manuskripts geschnallt hat. So, wie es gelaufen ist, wirkt es wenig glaubwürdig. Wer publiziert, muss negatives Feedback abkönnen. Das gilt für Kolumnisten genauso wie für Ravensburger.

    Das Recht auf schlechte Bücher

    Das Recht, oberflächlich recherchierte, idealisierte, romantisierende, mit Auslassungen operierende, kitschige etc. etc. Stories zu publizieren, muss auf jeden Fall erhalten bleiben. Niemand wird gezwungen, den alten oder neuen/jungen Winnetou zu lesen oder für diese Bücher gar Geld auszugeben. Das Instrument, sich gegen schlechte Literatur zu wehren, existiert seit der griechischen Antike = Ich schreibe eine gepfefferte Kritik. Der Kritiker muss dann jedoch damit leben, dass andere es abweichend sehen und ihn den Kritiker wegen seiner Ahnungslosigkeit kritisieren. Kritik und Verriss sind lang erprobte Mittel, um Schund öffentlich anzuprangern und völlig legitim. Von Buchstürmerei, die sich des Shitstorms bedient und die Nichtveröffentlichung ungeliebter Werke fordert, halte ich hingegen gar nichts. Zum einen gibt es auch eine Daseinsberechtigung für schlechte Romane, zum anderen ist das, was an bösem Inhalt angeblich drin sein soll, bei unvoreingenommener Prüfung oft gar nicht drin. Bloß, weil alter und junger Winnetou nicht der Realität entsprechen, bedeutet die Romantisierung/Stereotypisierung nicht zwangsläufig, dass damit rassistischen Klischees Vorschub geleistet wird. Es kann auch ganz im Gegenteil zur Identifikation mit den Anliegen der amerikanischen Ureinwohner führen. Die Korrelation Winnetou & Rassismus ist eine ganz schwache; wahrscheinlich überhaupt nicht existent.

    Ob es ebenfalls ein Recht für die Veröffentlichung von schlechten Kolumnen gibt, wollen Sie wissen? Selbstverständlich gibt es das. Meine schlechten Kolumnen gibt’s – und das ist das besonders Perfide daran – sogar gratis.

    Die Gesetzmäßigkeit des sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshits

    Die aktuelle Winnetou-Debatte zeigt exemplarisch, wie Streit“kultur“ in den Sozialen Netzwerken funktioniert: Zuerst ein mal brauche ich einen Aufreger. Kann auch was Kleines sein. Ich mein‘, ein Film/Buch über die Kindheit eines Apachen-Häuptlings ist ja nun wirklich kein Riesenthema à la „Wie sollen wir im kommenden Winter unsere Heizkosten bezahlen?“. Dann interpretiere ich da Rassismus, kulturelle Aneignung und Verharmlosung rein, entfache unter der Instagram-Seite des Verlags einen mittelgroßen Shitstorm, in dem ich zum Boykott aufrufe, das Unternehmen knickt schließlich ein und stoppt zähneknirschend zzgl. reumütige Entschuldigung die Auslieferung. Pünktlich 5 Minuten später erhebt sich das Geschrei der Gegenseite, die das komplette Œuvre Mays von alsbaldiger Verbrennung bedroht sieht.

    Man kann das als Shitstorm-Folklore oder sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshit bezeichnen. Keine der beiden Parteien tut sich einen Gefallen damit, wenn von Anfang an mit Falschbehauptungen operiert wird. Trotzdem wird es in ermüdender Monotonie immer wieder getan. Eine seriöse Diskussion über die Frage „Wie viel Realitätsbezug sollte ein guter (Kinder-) Roman aufweisen?“ wird damit unmöglich. Aber bei den Bullshit-Prügeleien geht es eh nicht um Erkenntnisgewinn oder gar Wahrheitsfindung. Es soll einzig Empörungsdampf produziert und auf den Gegner eingedroschen werden. Der Shitstorm ist nichts anderes, als die Schmähgesänge der Südkurve in den virtuellen Raum verlegt. Und das gilt für ALLE Shitstorms: sowohl die der Hypersensiblen als auch die der Ich-hasse-die-Woken-aus-tiefstem-Herzen-Fraktion.

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich beim jungen Winnetou nicht allzu viele Ich-fühl-mich-unwohl-Aktivisten mit Sekundenkleber an die Kinostühle dranpappen. In diesem Fall wäre 5 Minuten später mit dem nächsten Kriegsgeheul der Karl-May-Traditionalisten zu rechnen. In Facebook & Co. folgt letztlich alles immer derselben Dramaturgie. Wär’s ein Film, würde man sagen: lasst euch mal was Neues einfallen; ist ständig die gleiche Sülze, die wir hier zu sehen bekommen.

  • Öffentlicher Rundfunk: Wichtig oder kann weg?

    Öffentlicher Rundfunk: Wichtig oder kann weg?

    Der Fall (hier im doppelten Wortsinn gebraucht) der Patricia Schlesinger wirbelt in diesem Sommer viel Staub auf. Täglich kommen neue Mauscheleien ans Licht, ständig tritt nun irgendjemand zurück oder wird aufgefordert, zurückzutreten. Vom Versagen der Kontrollgremien ist die Rede, die Intendanten der ARD sprechen der RBB-Spitze gegenüber ihr Misstrauen aus, die Angestellten verlangen in Zukunft mehr Mitwirkungsrechte bei der Programmgestaltung. Jeder ist empört, betroffen, will größere Transparenz und schon morgen soll es wieder um die Sache, und nicht um Personen gehen. Reumütiges Zähneknirschen und Ab-sofort-soll-alles-anders-werden Gelöbnisse, wohin man schaut.

    Die o.g. Änderungen mögen notwendig und vernünftig sein, um zukünftige Vetternwirtschaft schneller aufzudecken oder gar nicht erst entstehen zu lassen; jedoch liegt das Problem des ÖRR in Deutschland tiefer. Es geht um seinen Auftrag, die Zeitgemäßheit, die Art der Finanzierung und daraus resultierend seine Akzeptanz in der Bevölkerung.

    Neben dem sogenannten Grundversorgungsauftrag – jeder Bürger muss freien Zugang zu Informationen besitzen – sollen ARD & ZDF auch einen Programmauftrag erfüllen: Die Rundfunkprogramme dienen demnach gleichermaßen Informationsvermittlung, Bildung und Unterhaltung. Wesentliche Gesichtspunkte sind die Unabhängigkeit von staatlichen Eingriffen sowie die innere und äußere Pressefreiheit. Hört sich erst mal gut und plausibel an. Finanziert wird das Ganze über ein Konstrukt, das sich ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice (früher als GEZ bekannt) nennt und die Gebühren zwangsweise – und im Notfall auch recht ruppig – bei den Bürgern einkassiert. Das hört sich schon weniger gut an, sagen Sie? Hängt halt stark davon ab, was mit dem Geld passiert, antworte ich.

    Der Durchschnittskonsument nutzt längst andere Angebote

    Um die Zeitgemäßheit des ÖRR zu bestimmen, untersuchen wir im Folgenden die TV- & Radiogewohnheiten eines durchschnittlichen westdeutschen, männlichen Boomers; nämlich meine. Bis zu meinem 25-sten Lebensjahr kannte ich nichts anderes als ARD, ZDF und das Dritte. Die Programme starteten am Nachmittag, um 19 Uhr gab’s Heute (mein Vater kam dafür pünktlich jeden Abend um 18.59 aus dem Büro zurück), um 20.15 ein Ratequiz oder eine Spielshow oder ein politisches Magazin, wenn man Glück hatte, wurde ab 22.30 ein nicht völlig veralteter Hollywood-Film gezeigt, im Anschluss die Spätnachrichten und dann gegen Mitternacht die Nationalhymne und im BR das Bayernlied. Sportereignisse allesamt im ÖRR. Bundesliga live im Radio: WDR 2. Mehr brauchte man/frau bis 1987 anscheinend nicht. Revolutioniert (wobei Revolution arg hochgegriffen ist; nennen wir es besser: Ausweitung, um nicht von Aufblähung sprechen zu müssen) wurde das jahrzehntelang beschauliche Angebot durch die Zulassung privater Sender Mitte der 80-er Jahre. RTL, SAT.1, ProSieben traten als neue Akteure in den Markt ein. Jetzt wurden wir mit Sendungen, die auf so schöne Namen wie „Tutti Frutti“, „Explosiv – Der heiße Stuhl“ oder „Alles Nichts Oder?!“ lauteten, beglückt. Bald gefolgt von Shows, die abwechselnd in Containern oder im Dschungel spielen, Bauer-sucht-Frau-Events und so nützlichen Sachen wie Scripted-Reality-Gerichtssendungen. Kannten wir bis 1990 alles nicht, hatten wir bis dahin auch nicht groß vermisst; aber, wie das mit nem neuen süchtig machenden Angebot nun mal so ist: Ist es erst mal in der Welt, will man seine tägliche Dosis haben und zählt die Stunden rückwärts, bis endlich die nächste Staffel GNTM über den Bildschirm flimmert. Man kann das private Angebot entweder superwichtig, megatoll oder völlig für den Arsch finden. Man kann es 24/7 laufen lassen, hin und wieder punktuell vorbeischauen oder die Trivialsender komplett boykottieren. Aber all dies geschieht freiwillig, niemand wird gezwungen, sich Promi Big Brother reinzupfeifen und dafür auch nur 1 müden Cent bezahlen zu müssen.

    Zurück zu den Konsumgewohnheiten des westdeutschen, männlichen Boomers: Ich schaue so gut wie nie bei den privaten Sender vorbei. Nicht, weil ich sie ideologisch boykottiere, sondern da mir das Angebot nicht zusagt. Und wenn mal was dabei ist, was mich interessiert, wird das so oft von Werbung unterbrochen, dass ich spätestens bei der dritten Wiederholung von glücklichen Maggisuppen-Konsumenten entnervt weiterzappe. Allerdings hat ebenfalls mein ÖRR-Konsum in den vergangenen Jahren merklich nachgelassen. Ich habe auf meiner Liste: Die Tagesschau, Sportschau (die ist am Samstag ein Muss), hin und wieder ein Sportevent, ganz selten ein Politmagazin und – noch seltener – eine Talkrunde. Für den ganzen Rest nutze ich mittlerweile Streamingdienste. Wenn ich meine Vor-der-Glotze-hock-Zeit prozentual aufgliedere, gelange ich zu folgender Verteilung: 85% Amazon & Netflix, 14.9% ÖRR, 0.1% RTL & Co.

    Zwangsbeiträge vs. Werbefinanzierung und monatlich kündbare Gebühren

    An dieser Stelle kommen wir nicht drumherum, über Geld sprechen zu müssen. Wie finanzieren sich die Sender? ARD und ZDF erheben dafür (pro Wohnung) einen sogenannten Rundfunkbeitrag. Den muss man zahlen, völlig egal, ob man die Programme nutzt, sogar losgelöst davon, ob man überhaupt ein TV-geeignetes Endgerät besitzt. Beläuft sich aktuell auf 18.36 Euro, was umgerechnet auf meine Seh-Gewohnheiten 60 Cent pro 1 Tagesschau bedeutet. Das ist aber nicht die einzige Quelle der ÖRR: Werbezeit verkaufen die ebenfalls. Sehr strapaziös für männliche Boomer sind die 5 Minuten mit den rezeptfreien Medikamenten für die Zielgruppe Senioren mit Darmreizung u/o unkontrolliertem Harndrang vor den 20-Uhr-Nachrichten. Danach fühle ich mich oft ganz krank und nehme mir vor, demnächst mal wieder einen Routinecheck beim Urologen vornehmen zu lassen. Die Privaten hingegen finanzieren sich ausschließlich über Werbung (von den Plus-Angeboten im Internet mal abgesehen). Die Streaming-Dienste wiederum verlangen monatliche Gebühren (jederzeit kündbar) und verleihen einzelne Filme zu moderaten Stückpreisen. Das Argument, dass ich im Privatsektor ein nahezu identisches Gut entweder gratis oder mittels jederzeit kündbarer Gebühr erhalte, für das der ÖRR lebenslange Pflichtbeiträge von mir einfordert, ist ein starkes und kann nicht einfach mit der Frage, „Was sind schon 18.36€?“ vom Tisch gewischt werden. Es macht eben einen Unterschied, ob ich 18€/Monat freiwillig für 2 Packungen Marlboro (bzw. 1 Kasten Krombacher) oder zwangsweise für eine überwiegend mediokre TV-Berieselung ausgebe.

    Die Rechtfertigung für den Rundfunkbeitrag kann nicht darin liegen, dass der ÖRR versucht, das private Angebot zu kopieren oder gar zu übertrumpfen. Es besteht weder eine Notwendigkeit, 08/15-Vorabendserien auszustrahlen (bei denen bloß die Gesichter der Protagonisten und die Orte, an denen das Ganze spielt, ausgetauscht werden. Die Handlungen sind nahezu identisch, die Dialoge werden von K.I. verfasst), noch Spielshows, die mitunter noch dämlicher sind als die, die RTL mir zumuten will, zu produzieren. Es muss auch nicht bei jedem Sportevent mitgeboten werden. Wenn die geldgierige DFL zu dem Entschluss kommen sollte, dass ARD & ZDF zu wenig für die Übertragungsrechte zahlen, dann gibt’s in Zukunft Fußball eben nur noch auf Sky und DAZN. So what? Geht die Welt nicht von unter. Weshalb jeder Sender mittlerweile 1 Dutzend Talkrunden – in denen ständig dieselben Teilnehmer sitzen – ausstrahlen muss: keine Ahnung. Warum gibt’s eigentlich so viele ARD- und ZDF-Töchter? Schaut sich diese Spartenkanäle überhaupt jemand an, oder existieren die bloß, weil die Verantwortlichen es cool finden, über so viele Kanäle herrschen zu können? Wozu die ganzen Landeshäuser (aktuell = 9) der ARD: reicht nicht 1 Erstes? Was ist mit der Idee, den ÖRR zu 1 Anstalt zu bündeln? Wie beispielsweise die BBC oder die RAI. Müssen wir tatsächlich Kleinstsender wie Radio Bremen oder den Saarländischen Rundfunk betreiben?

    Was nun dringend zu tun wäre

    Um wirklichen Änderungswillen zu demonstrieren, muss sich der ÖRR grundlegend (und möglichst schnell) reformieren. Die Haupt-Aufgabenfelder bestehen in:

    (A) Programmstraffung (Konzentration auf den Kernauftrag: Nachrichten & Informationsvermittlung)
    (B) Abbau überflüssiger Verwaltungsstrukturen (keine Organisation benötigt zigfach 9 identische föderale Stellen, wenn es 1 zentrale Position genauso gut täte)
    (C) Prüfung der Zusammenlegung von ARD & ZDF zu 1 ör-Rundfunkanstalt.

    Ziel sollte sein, mit 10€ Rundfunkbeitrag/Monat die Grundversorgung an (unabhängigen) Nachrichten und wichtigen Informationen (z.B. Weltspiegel, Brennpunkt, plusminus, ttt, geschichtliche Dokus etc.) sicherzustellen. Wenn das gelingt = prima. Falls nicht, dann steht zu befürchten, dass die Akzeptanz für dieses Gebührenmodell in der Bevölkerung weiter schwindet, viele mit den Füßen abstimmen (sprich: zu anderen Anbietern abwandern) und der Druck aus dem konservativ-liberalen Lager, das zum Teil bereits die komplette Auflösung des ÖRR fordert, ständig zunimmt.

    Schlau wäre es also, den Fall Schlesinger für eine Generalüberholung zu nutzen. Und es nicht bei neuen Chefs und ein bisschen mehr Mitbestimmung für die Mitarbeiter zu belassen. Da der ÖRR jedoch ein träger Organismus ist – noch träger als ich an einem warmen Sommersonntagmittag –, fehlt mir ein bisschen der Glaube, dass sich da in den kommenden Monaten großartig was von innen heraus reformieren wird. Ich schreibe diese Kolumne aber trotzdem, um meinen Enkeln in ein paar Jahren sagen zu können: „Ihr kennt ARD & ZDF gar nicht mehr, weil die 2030 aufgelöst wurden. Schaut mal her, was euer Opa denen 2022 alles Schlaues geraten hatte. Und sie haben nichts davon gemacht. Typisch. Niemand hört auf Kolumnisten. Das haben sie nun davon. Selbst schuld.“ Und im Anschluss sehe ich mir die Sportschau in Amazon an.
    +++

    Um es nochmal kurz zusammenzufassen: ÖRR ist schon wichtig. Jedoch nur in einer schlanken Variante und mit Konzentration auf Kernaufgaben. Im Zeitalter von geschätzt 100 TV- und Streaminganbietern leuchtet es Nullkommanull ein, weshalb ich mit meinem Rundfunkbeitrag dusselige Shows und noch dusseligere Vorabendserien finanzieren muss, die ich gratis bei RTL und ProSieben nachgeworfen bekomme.

  • Kulturelle Aneignung ist auch nichts anderes als geistiger Diebstahl

    Kulturelle Aneignung ist auch nichts anderes als geistiger Diebstahl

    Mein werter Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz veröffentlichte gestern einen Text, der mit Kulturelle Aneignung und Unwohlsein überschrieben ist, in dem er seine Sichtweise auf den erzwungenen Abbruch eines Reggaekonzerts in der Schweiz schildert.

    Um die in Bern vermutete – und in woken Kreisen verfemte – kulturelle Aneignung ins Absurde zu ziehen, listet Heinrich Schmitz in seinem Beitrag ein paar spontan gewählte Beispiele auf: Kann ein Chinese die Fugen von Bach spielen? Durfte Roberto Blanco sich Blanco nennen? Mit welchem Recht setzt sich Billy Mo einen Tirolerhut auf?

    Hier werden völlig unterschiedliche Begebenheiten munter durcheinander gewürfelt. Denn auch der Berufsstand der Kulturwächter erkennt durchaus den Unterschied zwischen Aneignung und Austausch, weshalb es von Vorteil ist, diese beiden Phänomene erst mal voneinander zu trennen, bevor man darüber schreibt oder redet. Das linker Identitätspolitik eher unverdächtige Wikipedia definiert den Sachverhalt folgendermaßen:

    Mit dem Begriff Kulturelle Aneignung (englisch cultural appropriation) wird die Übernahme eines Bestandteils einer Kultur von Trägern einer anderen Kultur oder Identität bezeichnet. Die ethische Dimension kultureller Aneignung wird in der Regel nur dann thematisiert, wenn die angeeigneten Kulturelemente einer Minderheit angehören, die als sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt gilt. Die Kultur werde somit in der Tradition historischer Unterdrückung ihrem Kontext entrissen.

    Kulturelle Aneignung ist gemäß dieser Definition von kulturellem Austausch abzugrenzen: Bei kultureller Aneignung würden die angeeigneten Bestandteile kultureller Identität zur Ware gemacht und damit trivialisiert. Zudem würden die angeeigneten Kulturelemente oftmals falsch, verzerrt oder übertrieben reproduziert, was zur Förderung von Stereotypen führen kann. Kultureller Austausch dagegen basiert auf Wertschätzung und Respekt und findet meist im Rahmen eines gegenseitigen Kennenlernens der Träger der unterschiedlichen Kulturen statt.
    © Wikipedia, Stichwort: Kulturelle Aneignung

    D.h. ob es sich um (guten) Austausch oder (böse) Aneignung handelt, hängt von drei Faktoren ab:
    (1) Der Diebstahl (oder weniger StGB-relevant ausgedrückt: die Übernahme) geschieht durch die herrschende Mehrheit
    (2) Die Aneignung gründet (oft) auf kommerzieller Absicht (-> Simplifizierung des Ursprunggedankens)
    (3) Mitunter liegen diffamierende Ursachen zugrunde.

    Die Grenzen sind natürlich fließend ,und die Beurteilung des konkreten Falls ist stark subjektiv gefärbt. Dort, wo für den Normalkonsumenten „Austausch“ draufsteht, kann für den Sensiblen bereits „Aneignung“ drin sein.

    Reggae: Weltkulturgut oder Jamaikafolklore?

    Um beim aktuellen Auslöser Weiße Band spielt Reggae und die Musiker tragen Dreadlocks zu bleiben, müsste man den Vorgang strenggenommen zweiteilen:
    (A) Reggae ist mittlerweile Weltkulturgut. Kann überall und zu jeder Uhrzeit gespielt werden. Wie Jazz in Dinkelsbühl, Beethoven auf Bali, Blues spätabends in ner Dortmunder Kneipe und deutsche Schlager auf dem New Yorker Oktoberfest. Reggae gehört allen; wobei es hinsichtlich der Qualität der musikalischen Präsentation natürlich große Unterschiede gibt.
    (B) Bei den Dreadlocks hingegen kommt es drauf an: Trägt man die, weil einem die Kultur und das Gedankengut, die sie verkörpern, gefallen, trägt man sie, weil’s einem modisch gerade in den Kram passt oder flicht man sich Zöpfchen, um als weißer Musiker, der grottigen Reggae spielt, zumindest optisch als Urenkel von Bob Marley erkannt zu werden?

    Soll heißen: klar kann eine Schweizer Schülerkapelle Reggaesongs auf einer öffentlichen Bühne darbieten; ob die Musiker sich dafür jedoch zusätzlich mit Filzlocken kostümieren müssen, ist zumindest diskutierenswert. Das Argument, Dreadlocks seien ebenfalls universell, da schon die alten Wikinger sich ungerne die Haare wuschen und deshalb Zöpfchen trugen, zieht nicht. Dieses Argument ist genauso dämlich wie den Italienern die Spaghetti abzusprechen, weil die Chinesen ein paar hundert Jahre früher die Glasnudeln kannten. Dreadlocks sind Jamaika, sind Reggae und nichts anderes. Der Eindruck, den Musikern der Band Lauwarm (hoffentlich spielen sie besser, als sie heißen) ginge es v.a. um ein kommerziell stimmiges Gesamtkonzept (Frisur passt zur Musik) und weniger um die Beschäftigung mit der jamaikanischen Kultur, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen.

    Aber das ist doch völlig legitim, Herr Hirsch, sagen Sie? Natürlich ist es legitim. Dass Kulturelle Aneignung keinen juristischen Straftatbestand darstellt, worauf Heinrich Schmitz in seiner Kolumne zurecht hinweist, darüber brauchen wir nicht ernsthaft zu diskutieren. Eine Sache bzw. Handlung kann jedoch formaljuristisch durchaus okay, aber moralisch betrachtet trotzdem gleichzeitig Scheiße sein. Wie z.B. Ich zeige als Chef einer Praktikantin meinen Schwanz, fordere sie jedoch nicht dazu auf, ihn in den Mund zu nehmen (die Sache mit der Praktikantin hätte ich völlig frei erfunden? Vielleicht).

    Was nicht so in Ordnung ist:

    Wikipedia listet im o.g. Abschnitt Kulturelle Aneignung ein paar Beispiele formaljuristisch einwandfreier, moralisch jedoch eher bedenklicher kultureller Übernahmen auf:
     Bo Derek trägt im Film „10“ (1979) Zöpfe mit eingeflochtenen Muscheln. Frisur geklaut von den Bewohnerinnen der Sahelzone. Der Streifen ist ein Kassenschlager
     Jackson Pollock kopiert die Malstile der indianischen Urbevölkerung und wird damit reich
     Scarlett Johansson spielt die Hauptrolle in „Ghost in the shell“ (2017) und streicht dafür ne fette Gage ein. Weshalb man für die Figur der Motoko Kusanagi (die komplette Handlung – basierend auf dem Kult-Manga von Masamune Shirow – ist in Tokio angesiedelt) eine weiße Hollywood-Akteurin ausgewählt hat, bleibt das Geheimnis von Produzent und Regisseur.

    Das Problem der unzulässigen Aneignung beschäftigt uns schon seit vielen Jahren im Kölner Karneval. Kann ich mein Kind mit gutem Gewissen in ein Indianer- oder Scheichkostüm stecken? mMn ja, denn hier geschieht die Übernahme fremder Kleidung nicht aus Gründen der Kommerzialisierung (okay, der Hersteller von Pfeil & Bogen verdient daran) u/o der Herabsetzung einer anderen Kultur. Es steht vielmehr eindeutig der kindliche Spaß am Kostümieren im Vordergrund. Niemand wird Indianer, weil er die Apachen, Sioux oder Kiowa dissen möchte. Ganz im Gegenteil ist eher Bewunderung für den (Edel-) Mut Winnetous und Sitting Bulls der Auslöser. Beim Blackfacing wird es bereits kritischer (war in meiner Jugend okay; aber Geschichten aus der eigenen Jugend fallen in die Kategorie „anekdotische Evidenz“, wie mir eine strenge Kommentatorin vor einigen Tagen unter einen Beitrag schrieb; weshalb ich hier nichts über meine Jugend schreiben werde), und „Südstädter Negerköpp“ gehen im 21. Jhrd. halt überhaupt nicht mehr. Völlig egal, aus welchem (evtl harmlosen) Beweggrund heraus dieser Name irgendwann in der Karnevalssteinzeit ausgeheckt wurde.

    Absurde Beispiele machen den Diebstahl auch nicht ungeschehen

    Die Ich-bin-besonders-vernagelt-Fraktion, von der man besonders viele in den sozialen Netzwerken trifft, versucht, das Phänomen der Kulturellen Aneignung mittels absurd gewählter Beispiele ins Lächerliche zu ziehen.

     Darf ich als Deutscher noch Pizza essen? (umgekehrt: darf ein Italiener sich in einer neapolitanischen Osteria ein deutsches Bier bestellen?)
     Hat Mozart Dreadlocks getragen? (falls ja: müssen dann alle seine Opern vom Spielplan genommen werden?)
     Darf ein Schwarzer deutsche Volkslieder trällern?

    Solche Fragestellungen beleidigen die Intelligenz, was natürlich voraussetzt, dass man nach jahrelangem massiven Facebook- & Twitter-Missbrauch noch über einen Rest davon verfügt (ja ja, mit meiner eigenen Intelligenz ist es nach 12 Jahren Facebook auch nicht mehr allzu weit her; falls Sie sich jetzt danach erkundigen wollen). Denn etwas zu essen oder zu trinken, was der Nachbar isst oder trinkt, ist nicht dasselbe wie ihm seine Musik zu klauen. Dass Mozart keine Dreadlocks, sondern eine Second-Hand-Rokoko-Perücke trug, darüber ist sich die Wissenschaft einig. Und natürlich darf ein schwarzer Deutscher auch unsere Volkslieder singen (und sich zusätzlich in Lederhose und Trachtenjacke kleiden). Warum auch nicht? Er entwendet uns ja damit nicht unser Liedgut, sondern integriert sich in die Gesellschaft. Das ist was völlig anderes, als den Reggae und die Dreadlocks aus Jamaika zu entführen, um damit woanders Kohle zu machen.

    Im Zweifelsfall ist es Austausch. Etwas mehr Gelassenheit wäre nicht verkehrt

    Ob man, wenn man Kulturelle Aneignung wittert, nun immer sofort in Alarmismus und Unwohlsein verfallen muss, steht auf einem anderen Blatt. Wem Reggaekonzerte von weißen Musikern nicht gefallen, der sollte da halt nicht hingehen oder alternativ – falls es ihn versehentlich dorthin verschlagen hat – leise den Saal verlassen. Man muss nicht immer alles, was einen persönlich ärgert, gleich verbieten wollen. Zumal die SHG „Ich bin hypersensibel und stolz darauf“ in Blickrichtung auf den Reggae sich eh auf dem Holzweg befindet. Der ist halt nun mal seit Bob Marley Weltkulturgut. Wenn alles untersagt würde, was mir auf den Sack geht, dann gäbe es 90 Prozent der TV-Werbespots und 7 von 10 Fernsehsendungen nicht mehr, da ich die so unfassbar dämlich finde. Weil ich aber ein toleranter (oder aufgrund jahrzehntelangen TV-Konsums abgehärteter/abgestumpfter. Suchen Sie sich gerne aus, was besser zu mir passt. Mir persönlich ist es wurscht) Zeitgenosse bin, zappe ich dann einfach weiter und rufe nicht beim Sender an, er möge bitte sofort den Bergdoktor aus dem Programm entfernen, andernfalls würde ich Anzeige wg. grob-fahrlässiger Volksverblödung stellen. Ein bisschen mehr Gelassenheit täte den Woken gut.

    Lange Kolumne, kurzer Sinn: Kulturtransfer, der nicht dem Austausch auf Augenhöhe, sondern der kommerziellen Bereicherung (und damit einhergehend der Trivialisierung des Ursprungsgedankens) dient, gibt es selbstredend. Wer anderes behauptet, hat sich mit dem Thema entweder nicht beschäftigt oder findet Diebstahl halt nicht weiter schlimm (Ausnahme: es handelt sich um die eigenen Sachen. Da wird dann immer umgehend die Polizei gerufen). Ob Diebstahl oder freiwilliger Austausch vorliegt, ist nicht immer klar zu erkennen, die Grenzen sind fließend, weshalb man im Zweifelsfall auf unschuldig plädieren und ein Konzert weißer Reggaemusikanten weiterlaufen lassen sollte. Merke: Ständiger Alarmismus ist ermüdend und schadet einer – an und für sich berechtigen – Sache mehr, als er nützt.
    +++

    Und nun werde ich in den Keller gehen und in meinen alten Umzugskartons nachschauen, ob ich da noch die 3 Marley-Alben „Natty Dread“, „Rastaman Vibration“ und „Exodus“ aufstöbern kann. Die hatte ich mir in den 70-ern im damals bestsortierten Plattenladen Kontinentaleuropas – Saturn am Kölner Hansaring – gekauft und habe die Scheiben lange nicht mehr aufgelegt. Das werde ich, nachdem ich hinter diesen Satz den finalen Punkt setze, heute mal wieder tun. PUNKT

  • Wahlbeteiligung NRW: ein Trauerspiel

    Wahlbeteiligung NRW: ein Trauerspiel

    In seiner Kolumne Ich habe gewählt. Und Sie? richtete Heinrich Schmitz am vergangenen Samstag einen Appell an die NRW-Leser, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Prophetisch völlig zu Recht; wie sich nun leider herausstellt.

    Mickrige 55.5 Prozent haben gewählt. Und das bei einer Landtagswahl, die aufgrund der Größe des Bundeslands traditionell als kleine Bundestagswahl gilt, bei der oft die Weichen für künftige Regierungen in Bonn und Berlin gestellt wurden/werden. Wie kann es sein, dass sagenhafte 44.5% der Wahlberechtigten ihre Stimme ungenutzt in die Tonne kloppen? Das ist beinahe jeder Zweite. Was für ein enormes Desinteresse an der demokratischen Willensbildung!

    Nehmen wir uns die möglichen Erklärungsgründe einzeln vor:

    Zu wenig Auswahl

    Offenkundiger Humbug. Auf dem Wahlzettel standen 27 Parteien. Von CDU über Grüne, Freie Wähler, Piraten, Die Violetten, Tierschutz bis hin zu VOLT: für jeden Geschmack was dabei. Mehr Auswahl findet man auch nicht in einer gutsortierten Eisdiele.

    Die Parteien wollen und machen alle dasselbe

    Ebenfalls Unfug. Die Konzepte unterscheiden sich stark. Und auch im konkreten Regierungshandeln gibt es große Unterschiede zu beobachten. Man muss natürlich schon ein bisschen Aufwand betreiben, indem man entweder die Programme durchblättert, die Zeitung liest, sich politische Sendungen im Fernsehen anschaut oder zumindest 1x den Wahl-O-Mat bedient. Wer all das nicht tut und seine Aufmerksamkeit auf Netflix & Instagram beschränkt, der steht am Stichtag natürlich ahnungslos im Wahllokal und zieht es deshalb vor, da gar nicht erst hinzugehen, sondern sich stattdessen die Folgen 23 bis 27 seiner Lieblingsserie auf Sky2go zum fünften Mal anzusehen und danach ein ausgiebiges Sonntagnachmittagnickerchen zu halten.

    Ich bin verdrossen, weil …

    Zumeist stoppt der Satz nach „verdrossen“. Beim Weil kommt dann entweder gar nichts oder Blödsinn à la: Die deutsche Politik ist nicht transparent genug. Was, um Himmelswillen, soll das bedeuten? Dass Politiker jedes interne Gespräch auf Band aufzeichnen und direkt im Anschluss in Spotify als Podcast bereitstellen? Und selbst, wenn sie das täten, würde von den Nicht-Wählern hundertpro gejammert werden, da sie die Podcasts zu lang u/o zu schwierig zu verstehen fänden.

    Einer meiner Lieblings-Nonsens-Sätze (oft in Kombination mit wahlweise besorgtem oder zornigem Gesichtsausdruck des Interviewten) im TV lautet: „Ich bin verdrossen, weil sich keine Partei um meine Belange kümmert“. Leider erfolgt dann nie die Gegenfrage: „Welche Belange genau meinen Sie?“ … Wenn’s z.B. um die als zu niedrig empfundene Höhe der ALG2-Regelsätze geht – schau dir an, was die Linke zu Hartz 4 schreibt. Das ist was völlig anderes, als CDU, SPD, FDP und Grüne wollen. Man muss sich aber halt die Mühe machen, sich aktiv zu informieren. „Ich bin verdrossen, weil… “ ist unterm Strich betrachtet nichts anderes als eine billige Ausrede, die Lesefaulheit kaschieren soll … PS. auch um meine persönlichen Belange kümmert sich keine einzige Partei. Ich verlange das jedoch gar nicht. Mir reicht es, wenn (halbwegs) gut regiert wird.

    Da koaliert doch eh jeder mit jedem = es geht bloß um die Macht

    Stimmt bedingt. Dass sich die CDU gemeinsam mit der Linken auf die Regierungsbank setzt, besitzt eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 0.5%. Und dass die anderen es tun, liegt in der Logik von immer mehr Parteien, die in unsere Parlamente gelangen und damit in der Konsequenz niedrigeren Prozentzahlen für die ehemals Großen. Volkspartei, die alleine regiert, ist Vergangenheit. Es muss koaliert werden. Und je weniger Berührungsängste dabei zwischen Schwarz und Rot, Schwarz und Grün, Gelb und Rot, Gelb und Grün bestehen, desto besser für unser parlamentarisches Sytem. Denn würden die demokratischen Parteien aufgrund unüberbrückbarer ideologischer Gräben nicht miteinander koalieren können, würde das zwangsläufig die radikalen Ränder stärken und uns zudem in einen Zustand häufig notwendiger Neuwahlen katapultieren. Und Macht: klar, geht es in der Politik um Macht. So wie es beim Fußball um die Meisterschaft oder den Pokal geht. Oder wollen Sie bloß ne Partei wählen, deren Rolle in der Opposition zementiert ist oder Fan eines Clubs sein, der jedes Jahr gegen den Abstieg kämpft? Ohne Macht keine Gestaltungsmöglichkeiten.

    Stimme für „meine“ Kleinstpartei bringt nichts

    Die 1 Ausrede, die eventuell mit Bauchschmerzen akzeptabel klingt, ist die, dass die Stimme für die präferierte Kleinstpartei nichts bringt, weil die eh an der 5-Prozent-Hürde scheitert. Bloß, wie soll diese Kleinstpartei jemals in die Nähe dieser Hürde gelangen, wenn ihre Anhänger die Flinte schon vor dem ersten Schuss mutlos ins Korn werfen? Wäre ich Fan einer Kleinstpartei (okay, bin ich nicht), dann würde ich die eifrig wählen und zudem Werbung für sie machen. Mich vielleicht sogar in ihr engagieren. Aber das würde den durchschnittlichen Nicht-Wähler, der lieber über die Widrigkeiten des (genau genommen: seines) Lebens jammert, als aktiv was zu unternehmen, maßlos überfordern.

    Die meisten Nicht-Wahl-Begründungen sind Nebelkerzen

    Wie man unschwer erkennen kann, zünden die o.g. Erklärungsmuster alle nicht so richtig. Es sind Nebelkerzen, die den Blick auf die eigentliche Wahrheit verschleiern sollen, die da lautet: Ich, der Nicht-Wähler, bin zu bequem, mich im Vorfeld zu informieren. Ich habe keinen Bock, rechtzeitig Briefunterlagen anzufordern und wenn am Wahltag die Sonne scheint, gehe ich lieber ins Schwimmbad als an die Wahlurne. Gemäß dem modernen Wohlstandsmantra: Chillen & grillen first!

    Dass Nicht-Wähler sich mehr Gedanken über ihr Nicht-Wählen machen als Wähler für ihre Wahlentscheidung ist eine nette Erzählung, die in sporadischen Einzelfällen zutreffen mag, jedoch ganz sicher nicht für das Gros der Wahlverweigerer zutrifft.

    Zum Schluss der Kolumne – deren Leserschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit v.a. aus Wählern und weniger aus Nicht-Wählern bestehen wird – bleibt festzuhalten:
    (a) Wenn jeder Zweite bei einer Landtagswahl zu Hause auf dem Sofa bleibt bzw. lieber zum Grillen geht, ist das ein Trauerspiel
    (b) Die Begründungen, warum man nicht wählt, sind überwiegend substanzloses Blabla
    (c) Eine Wahlpflicht beseitigt das grundlegende Problem (Kompetenzmangel gepaart mit Interessenlosigkeit) nicht
    (d) Abhilfe würde vielleicht mehr politische Bildung in Schule, Ausbildung und im Berufsleben schaffen
    (e) Über ein Absenken der 5-Prozent-Hürde sollte nochmal nachgedacht werden. Damit kleine Parteien eine realistischere Chance erhalten. Man könnte durchaus 3% ausprobieren, ohne gleich Gefahr zu laufen, in Weimarer Verhältnisse der Unregierbarkeit abzugleiten

    Und ansonsten gilt: Nicht-Wählen ist auch nicht klüger, als sich täglich mit RTLZWEI zuzuballern.

  • Die Leberwurstaffäre

    Die Leberwurstaffäre

    In seiner jüngsten Kolumne Leberwurstdiplomatie stört sich Heinrich Schmitz an den mitunter ruppigen Umgangsformen des ukrainischen Botschafters und sagt: „Meine Oma hätte gesagt, wie der sich benimmt, das gehört sich nicht“ und „Ein Hund, der die Hand, die ihn füttern will, beißt, ist halt ein blöder Hund …“. Und so wie mein werter Kolumnistenkollege sehen das viele in Deutschland, v.a. in den asozialen Netzwerken, wo kein Tag vergeht, an dem man sich nicht ordentlich über Andrij Melnyk auskotzt.

    Ein so viel Gescholtener macht entweder alles falsch oder vielleicht doch alles richtig, weil er den Finger in Wunden legt, wo es wehtut, weshalb wir – die Kritisierten – das nicht hören wollen und uns, statt uns mit der Botschaft (womit in diesem Fall die übermittelte Nachricht und nicht das Gebäude in der Albrechtstr. 26, 10117 Berlin gemeint ist) zu beschäftigen, uns lieber auf den Überbringer stürzen und den zwar nicht gleich köpfen, aber doch liebend gerne zurück nach Kiew oder gleich an die Front schicken möchten.

    Großer Schwenk vom anfangs unnötigen Säbelrasseln hin zu Waffenlieferungen

    Versuchen wir deshalb in dieser Kolumne, uns der Frage, wie viel Leberwurst verträgt der Durchschnittsdeutsche, vorurteilsfrei und weitgehend emotionslos zu nähern.

    Folgendes scheint mir als Faktenlage mittlerweile weitgehend anerkannt zu sein:
    (A) Die Ukraine wurde grundlos überfallen (von den Nebelkerzen ‚Säbelrasseln‘, ‚die NATO ist zu nah an Russland herangerückt‘, ‚in Kiew herrscht ein quasi faschistisches Regime‘ und ähnlichem Nonsens haben sich der vernünftige Teil der Politik und die seriöse Presse GSD verabschiedet)
    (B) Die Ukraine wehrt sich seitdem jeden Tag gegen Bombenhagel, Beschuss von zivilen Einrichtungen, Vergewaltigungen, Exekutionen und Deportationen
    (C) Eine Verhandlungslösung ist schwierig (genau genommen sogar unmöglich), so lange der Aggressor auf Maximalforderungen beharrt
    (D) Aktive Hilfe iSv. wir schicken Soldaten u/o richten eine Flugüberwachungszone ein hat die Ukraine nicht zu erwarten, da die NATO ein Überschwappen des Krieges auf ihr eigenes Territorium auf jeden Fall verhindern möchte
    (E) Wir beschränken uns deshalb auf Sanktionen und Waffenlieferungen. Bei den Erstgenannten ist Gas ausgeklammert. Die Zweitgenannten laufen schleppend.

    Das ukrainische Botschaftspersonal drängt deshalb weltweit sowohl auf eine Verschärfung der Sanktionen als auch eine beschleunigte Belieferung mit schweren Waffen. Andernfalls wird sich das Ukraine nicht mehr lange gegen den Aggressor behaupten können.

    Ruppiger Sound, der oft ins Schwarze trifft

    Man kann also hin u wieder über die Tonlage Melnyks verwundert sein, nicht jedoch über sein legitimes Anliegen. Und natürlich hat er völlig Recht, wenn er bemängelt, dass der Westen – und hier speziell wir Deutsche – sich von Putin viel zu lange hat hinter die Fichte führen lassen. Wir haben sämtliche Warnsignale überhört und waren noch am Vorabend des Einmarsches in die Ukraine der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei der massiven Truppenkonzentration um eine bloße Übung der russischen Streitkräfte handelt. Weil ja Putin und Lawrow ständig sagten, wenn man sie danach fragte, dass es sich dabei bloß um eine Übung handelt. Und wenn zwei lupenreine Demokraten sowas sagen, muss es auch stimmen. Der Westen – wiederum speziell wir Deutsche – hat jahrelang jede Warnung der Osteuropäer nonchalant überhört. Wer sind schon Kiew, Bratislava und Tallinn? Wir sprechen und verhandeln nur auf identischer Augenhöhe mit Moskau. Was Moskau von identischer Augenhöhe mit Berlin hält, erleben wir jetzt: 40 Jahre Wandel durch Handel wurden von Putin über Nacht in die Tonne gekloppt. Das tut natürlich vielen hier im Westen weh, dass sie sich derart im Friedenswillen des Kreml getäuscht hatten. Kann ich verstehen. Täte mir auch weh. Allerdings habe ich an diesen Friedenswillen nie geglaubt: Grosny, die Krim und Aleppo lassen grüßen. Dass einem Ukrainer ob so viel westlicher – und speziell deutscher – Naivität, die hart an Realitätsverweigerung und Arroganz grenzt – mitunter die Hutschnur platzt, kann ich völlig nachvollziehen.

    Ob Melnyks manchmal etwas ruppiger Sound ihm (bzw. der Ukraine) immer nutzt, sei jetzt mal dahingestellt. Verständlich ist es aber, dass er uns ständig drängt, mehr zu tun als das, was wir bisher – häufig nur deshalb, weil Druck aufgebaut wurde – tun.

    Melnyk-Bashing ist eine Nebelkerze

    Diejenigen, die sich seit Wochen am ukrainischen Botschafter abarbeiten, eröffnen schlichtweg nur einen Nebenkriegsschauplatz bzw. werfen eine neue Nebelkerze. Wer sagt, „Der Melnyk muss weg!“, will eigentlich sagen: „Auf gar KEINEN Fall Waffen an die Ukraine. Und schwere schon gleich gar nicht“. Und dann kommt von den Melnyk-Gegnern in der Fußnote oft noch ein Hinweis darauf, wie teuer der Sprit vor der Ukrainekrise war u wie teuer er jetzt ist. Und weil es z.T. unpopulär ist, das zu sagen (und da sich ja ohnehin angeblich viele Deutsche nicht mehr trauen, das zu sagen, was sie eigentlich sagen wollen), regen sie sich stattdessen lieber über den Melnyk auf. Denn über den regen sich halt alle auf; also kann man sich da gefahrlos einreihen u ebenfalls sagen, dass man ihn hier nicht mehr als Botschafter haben möchte. Und – ganz ehrlich die Hand aufs Herz – wollen wir von diesem Krieg am liebsten gar nichts hören. Denn so ein Krieg in der unmittelbaren Nachbarschaft stört ja schon dabei, mit gutem Gewissen die nächste Mallorcareise zu planen, und im Supermarkt findet man seitdem kein Mehl und Sonnenblumenöl mehr in den Regalen, was auch sehr ärgerlich ist. Falls das schon unausweichlich scheint, dann will man aber wenigstens nicht jeden Tag vom Herrn Melnyk daran erinnert werden.

    Lieber 10 Melnyks als 1 Offener-Brief-Schreiber*innen

    Ich wiederum rege mich nie über den Melnyk auf. Ich kann seine Gefühlslage, die – wenn er täglich mitansehen muss, wie seine Ukrainer im Bombenhagel sterben u aus ihren Städten vertrieben werden – wahrscheinlich oft an Verzweiflung grenzt, gut verstehen u sehe ihm seine mitunter undiplomatische Art dafür nach. Ich reg mich mehr über deutsche Sofaklugscheißer auf, die dumme offene Briefe veröffentlichen. Wobei ich mir, wenn ich mich aufrege, immer vornehme, es nicht – oder nur kurz – zu tun, weil zu viel Aufregung im Alter nicht gut für den Blutdruck ist. Wir sollten also beim Dauerschimpfen über Herrn Melnyk alle mal nen Gang runterschalten. Der Mann macht seinen Job. Und dieser Job ist seit zehn Wochen echt nicht einfach. Ob er dabei stets die richtigen Worte wählt – geschenkt. Ob die Ukraine ihn irgendwann mal abzieht u durch einen ruhigeren Vertreter ersetzt – diese Entscheidung sollten wir Kiew überlassen. Bis dahin sei er ein zwar häufig unbequemer, aber doch willkommener Gast in unserem Land.

    Ich halte mich derweil an die Gleichung: Lieber 10 Melnyks als 1 Offener-Brief-Schreiber *innen