Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Freedom Day: Wer, um Himmelswillen, braucht den heute?

    Freedom Day: Wer, um Himmelswillen, braucht den heute?

    Zum 20. März endeten mit der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes die meisten, bundeseinheitlich vorgeschriebenen, Corona-Schutzmaßnahmen. Mit 14-tägiger Übergangsfrist liefen sie nun heute um Mitternacht definitiv aus. Pandemie-Skeptiker und notorische Optimisten bejubeln das als Freedom Day, an dem wir alle unsere Freiheit zurückerhalten. Ist das wirklich so?

    Freedom Day: Was zur Corona-Hölle soll das sein?

    Freedom Day: Das klingt nach Abzug sämtlicher russischer Streitkräfte aus der Ukraine, zumindest aber nach Palastrevolutionen gegen Baschar al-Assad oder Kim Jong-un. Gemeint ist jedoch bloß der weitgehende Wegfall der Covid-19–Prävention in Deutschland an diesem Sonntag. Was für ein hochtrabender Begriff für einen Federstrich!

    Ich geb’s zu: Auch ich bin Corona-müde, bin froh, meine Homeoffice-Höhle, in die ich mich in den vergangenen zwei Jahren zurückgezogen hatte, wieder verlassen zu dürfen. Bin glücklich, mich mit Freunden zu treffen, ohne dabei abzuzählen: 1,2,3 und zu viel bist du. Freue mich darüber, Urlaubspläne schmieden zu können, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und fühle mich, da geimpft und geboostert, einigermaßen geschützt gegen die Seuche. Das normale Leben, so wie wir es bis zum Ausbruch der Pandemie führten, kehrt langsam zurück, und das ist auch gut so.

    Und trotzdem befällt mich ein ungutes Gefühl, dass nun nahezu sämtliche Schutzmaßnahmen, inklusive Maskenpflicht, plötzlich purzeln. „Du bist ein Hypochonder, geradezu hysterisch“, sagt meine alte Schulfreundin. „Weshalb bin ich hysterisch, wenn ich den Sinn der Maske anerkenne?“, frage ich zurück. „Weil der Schutz der Maske nur ein fiktiver ist, und du das Ding ja freiwillig weiterhin aufsetzen kannst. Hindert dich niemand daran, damit ins Bett zu gehen, falls du dich dann besser fühlst“, antwortet sie. „Und die megahohe Inzidenz? Was ist mit der?“, sage ich. „Was soll mit der schon sein? Die wäre mit oder ohne Maske genauso hoch. Zudem ist Omnikron harmlos, maximal wie ne mittelschwere Erkältung. Mach dir also nicht gleich in die Hose, wenn du es bekommst“, erwidert sie und legt auf.

    Ich sollte also eigentlich beruhigt sein: Omnikron harmlos, ich geimpft und geboostert, und es droht maximal eine mittelschwere Erkältung. Aber irgendwie bin ich ganz und gar nicht happy über den sogenannten Freedom Day. Warum ist das so?

    Omnikron: Tatsächlich so harmlos?

    Zum einen gilt Omnikron zwar als harmloser als sein Vorgänger Delta, was den Krankheitsverlauf anbelangt; im Gegenzug ist die erstgenannte Mutation des Virus sehr viel ansteckender. Täglich infizieren sich 100.000 Menschen alleine in Deutschland damit (vor kurzem lag die Zahl bei >200.000), kommen hunderte ins Krankenhaus und sterben 50 bis 100 daran (aktuell insgesamt: 130.000 in D, was in etwa der Größe von Regensburg oder dem 3x ausverkauften Weserstadion in Bremen entspricht). Umgerechnet auf 1 Jahr bedeutet dies rd. 50.000 bis 70.000 Tote (die es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch 2022 erwischen wird). Von den Long-Covid-Folgen, die bisher noch nicht so richtig erforscht sind, will ich hier gar nicht erst anfangen. Harmlos stelle ich mir anders vor. Dass die AHA-Regeln vor Übertragung schützen – und zwar mich selbst und ebenfalls die anderen, die sich mit mir in einem Raum befinden – sah man lange Zeit als Stand der Wissenschaft an. Weshalb das plötzlich ab dem 3. April nicht mehr so sein soll, erschließt sich Hypochondern wie mir Nullkommanull.

    Zum anderen ist das mit der Freiwilligkeit so ne Sache. Auf freiwilliger Basis sind zu wenig Mitbürger geimpft, halten sich zu wenige an die Schutzmaßnahmen, fahren zu viele im Sommer an den Ballermann, um sich da ordentlich zuzuballern und stecken dabei sich und die anderen Ballermänner an. Dass der Staat bei einer großflächigen Bedrohungslage regulatorisch eingreift, ist vernünftig und erwarte ich sogar von ihm. Würden wir uns im Krieg befinden – und letztlich sind wir im Krieg mit Covid-19 –, kann auch nicht jeder individuell entscheiden, ob er bei der Verteidigung seines Landes mitmacht oder stattdessen lieber in Urlaub fährt. Mit der Begründung, der Eingriff stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen, könnten wir ebenfalls die Gurtpflicht aufheben, das Tempolimit in geschlossenen Ortschaften abschaffen und die Ampeln auf Dauer-Grün schalten.

    Maskenpflicht entfällt weitgehend

    Man (in diesem Falle: ich) kann sich mithin des Eindrucks nicht erwehren, dass der weitgehende Wegfall(*) der verpflichtenden Schutzmaßnahmen weniger mit wissenschaftlicher Erkenntnis – die (seriösen) Experten raten weiterhin dringend zum Befolgen von AHA. Das RKI spricht im jüngsten Wochenbericht von ungebrochen sehr hohem Infektionsdruck – zu tun hat und stattdessen mehr auf einem vulgär-liberalen Weltbild gründet, das jeden staatlichen Eingriff, und sei er auch noch so klein wie eine Maske, als sozialistisch-paternalistisches Teufelswerk ansieht. Wer dieser Ideologie huldigt, der nimmt schulterzuckend auch ein paar Tote in Kauf, denn ein bisschen Risiko ist eben immer, sobald man den Safe space der eigenen 4 Wände verlässt. Dass dieses Risiko vor allem die Alten und vulnerablen Gruppen trifft – geschenkt. Das ist aus vulgär-liberaler Perspektive ein kleines Statistikproblem, für dessen Lösung es keinerlei regulatorischen Rahmens bedarf. Motto: lieber freiwillig tot als staatlich bevormundet ins Homeoffice.

    (*) Masken sind gem. Neufassung des Infektionsschutzgesetzes bundesweit weiterhin verpflichtend im Flug- und Personenfernverkehr. Über alles andere entscheiden ab 20. März (mit Übergangsfrist bis zum 2. April) die Länder gem. sogenannter Hotspot-Regeln. Die gesetzliche Pflicht, Masken beim Einkaufen zu tragen, entfällt. Es sei denn, die Ladeninhaber machen von ihrem Hausrecht Gebrauch … weshalb Masken in Flugzeug und Bahn (Fernverkehr) schützen, im Supermarkt jedoch nicht – diese Logik erschließt sich dem Laien nicht … zu erwarten ist ein regionaler Flickenteppich an Maßnahmen, wo man sich vor jedem Grenzübertritt (NRW nach RLP, Hessen nach Bayern, Sachsen nach Brandenburg) vorher schlau machen muss, was im jeweiligen Bundesland gerade erlaubt ist und was nicht geht. Klarheit sieht anders aus. Der Bund stiehlt sich aus der Verantwortung.

    Tragischste Figur in diesem Spiel: Karl Lauterbach

    Dass nun ausgerechnet der Mahner und von mir lange Zeit hochgeschätzte Experte Karl Lauterbach den Freedom Day verkünden und in der Öffentlichkeit verteidigen muss, ist tragisch und gehört in die Rubrik: falsch verstandene Kabinettsdisziplin. Besser wäre es gewesen, der Gesundheitsminister hätte eine Pressekonferenz abgehalten, in der er erklärt, weshalb er den Öffnungsbeschluss nicht mitträgt, warum er sich mit seinen vernünftigen Argumenten in der Ampel nicht durchsetzen konnte und hätte zum Schluss sein Ministeramt mit den Worten, „Macht euren Freedom-Day-Mist ab sofort ohne mich“, an den Nagel gehängt. Das hätte auf mich überzeugend gewirkt. So, wie es jetzt gelaufen ist, bleibt bei mir der schale Eindruck des Klebens-am-Job zurück.

    Beim Freedom Day hat der Schwanz (FDP) mit dem Hund (SPD & Grüne) gewedelt. Kann man, wenn man FDP-Anhänger ist und Corona für eine mittelschwere Erkältung hält, gut finden, kann man aber auch, wenn man ein hysterischer Hypochonder so wie ich ist, Scheiße finden. Bei einer Inzidenz jenseits der 1500, wo gesamt Deutschland einen einzigen Hotspot darstellt, nun auch noch die Maskenpflicht großenteils aufzuheben, halte ich für grob fahrlässig. Die Konsequenz werden volllaufende Krankenhäuser & Intensivstationen sein, die Todeszahlen bleiben hoch und im kommenden Herbst stehen wir ungeschützt vor der nächsten Mutation, die dann eventuell gefährlicher sein wird als das „harmlose“ Omnikron.
    +++

    Jetzt malen Sie aber SEHR schwarz, Herr Kolumnist, sagen Sie?
    Mag sein, antworte ich. Ich bin halt nicht nur ein Hypochonder, sondern in Blickrichtung auf die menschliche Freiwilligkeit/Dummheit auch ein Pessimist.

    Und nun bestelle ich 100 FFP2-Masken; bevor es demnächst keine mehr gibt.

  • Putins Tod …

    Putins Tod …

    Oft liest man in diesen Tagen, Putin unterdrückt sein Volk, nimmt die Russen in Geiselhaft. Einige versteigen sich gar zu Stauffenberg-Fantasien (zur Gedächtnisauffrischung: diese Sache ging gründlich schief). Was alle diese Beiträge eint, ist die Vorstellung, dass das Böse sich in 1 Mann konzentriert. Wäre der über Nacht nicht mehr da, würde das Gute wieder Einzug halten in Russland … klingt schön; ich bitte jedoch bereits an dieser frühen Stelle des Textes um Pardon, denn ich habe da so meine Zweifel.

    Dass Putin ein Schurke ist – darüber brauchen wir nicht groß zu diskutieren. Er hat innen- u außenpolitisch mittlerweile derart viel Dreck am Stecken, dass es – ohne Wartezeit – direkt für einen Platz im 5-ten Untergeschoss der Hölle reicht, wo die besonders bösen Buben aufbewahrt und hin u wieder von Lord Satan persönlich gegrillt werden. Die Liga von Hitler & Stalin hat er zwar noch nicht erreicht, aber er arbeitet dran.

    Abends im Kreml: Koks & Nutten

    Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Putin verbringt im Kreis seiner engsten Getreuen einen feuchtfröhlichen Wodkaabend. Zwischendurch werden Kaviar & Koks serviert, ab 22 Uhr gesellen sich ein paar Edelnutten dazu, eine blutjunge Eiskunstläuferin steigt auf den 20m langen Tisch und legt einen atemberaubenden Strip hin, die Männer stecken ihr 100-Dollarscheine zu (mit Rubel kriegt man leider keine Stripperin mehr auf den Tisch), um Mitternacht werden patriotische Lieder angestimmt, die lautstark in der Nationalhymne gipfeln. Gegen 2 Uhr verlässt Putin bestens gelaunt und mittelschwer angeheitert die illustre Runde, um sich noch ein paar Stunden aufs Ohr zu legen, bevor er morgen Früh wieder den zu allem entschlossenen Oberbefehlshaber der in der Ukraine tapfer kämpfenden Truppen gibt. Und es stehen wichtige Telefonate mit seinen Kumpels Bolsonaro, Trump u Erdogan auf dem Programm … jetzt können wir Wladimir Wladimirowitsch Putin entweder eine der vielen Treppen im Kreml runterstürzen (Genickbruch o irgendwas mit Schädelbasis) o ihn an einem drogeninduzierten Schlaganfall in seinem Bett sterben lassen … Tyrann tot – alles wird wieder gut?

    Die schwierige Frage der Nachfolgeregelung

    Die Getreuen scharen sich um den Leichnam. Es werden ein paar Krokodilstränen vergossen: „Er wird uns und dem Volk fehlen. Was für ein furchtbarer Verlust für Russland.“ Im Anschluss wird überlegt, welcher der beste Zeitpunkt für die Publikmachung der Todesnachricht ist, ob man es überhaupt publik machen soll, ob jemand jemanden kennt, der als Double einspringen könnte. Man beschließt, die Sache 48 Stunden lang geheim zu halten, um sich neu zu sortieren und lässt den Arzt, der den Tod diagnostiziert hat, vorsichtshalber inhaftieren, damit der nichts vorschnell ausplaudert. Dann gehen alle nach Hause, schlafen nochmal ne Runde – denn der gestrige Abend mit Wodka, Koks & Edelnutten zehrt noch an den Kräften der (zumeist) älteren Herren – und verabreden sich für den späten Nachmittag, um die Nachfolge zu regeln. Wobei allen klar ist – und sie betonen es deshalb mehrmals, während sie um den Leichnam herumstehen -, dass man einen großen Anführer wie Putin eigentlich überhaupt nicht ersetzen kann.

    Von der zweiten Amtshandlung hängt alles ab

    Wir überspringen ein paar Tage (sonst wird der Text für ne Kolumne zu lang). Nach 72 Stunden, die von intensiven Diskussionen, Grüppchenbildung u VIELEN Versprechen geprägt sind, einigen sich die Paladine auf XY (hier können Sie nun entweder die Namen Lawrow, Mischustin, Kolokolzew, Medwedew, Bortnikow o Surkow, o wen auch immer Sie für geeignet halten, einsetzen) als Nachfolger. Dessen erste Amtshandlung besteht darin, eine GIGANTISCHE Beerdingungsfeierlichkeit für Wladimir Wladimirowitsch Putin zu organisieren, zu der Delegationen aus dem gesamten Land eingeladen sind und den Auftrag für ein überlebensgroßes Reiterdenkmal – zu klären ist noch, ob Putin bekleidet o mit nacktem Oberkörper im Sattel gezeigt wird – an einen patriotischen Künstler zu vergeben … der Tyrann ist beerdigt, das Volk trauert, ein Nachfolger ist nach zähem internen Ringen gefunden, und der wird nun als zweite wichtige Amtshandlung was tun?

    (A) Den Ukraine-Krieg sofort beenden?
    (B) ihn mit gebremstem Schaum erst mal weiterlaufen lassen?
    (C) sich mit den wichtigsten Feudalherren (pardon: Oligarchen) des Landes treffen, um in Erfahrung zu bringen, was man als Kremlchef so alles noch nebenbei verdienen kann. Jedes Jahr 4 Wochen Gratis-Sommerferien in Putins Residenz auf der Krim wären schon mal ein prima Start ins neue Amt.

    Der friedenssehnsüchtige Westen geht natürlich felsenfest von (A) aus. Gemäß der Gedankenkette: Tyrann tot, DAS Böse besiegt, Volk aus Geiselhaft befreit, Russland wird jetzt Anträge auf EU- u NATO-Mitgliedschaft stellen u.v.a. Atomraketen zu Bausparverträgen. (C) ist egal, weil’s ne interne russische Angelegenheit ist, wer wann und wie lange Urlaub in Putins Sommerresidenz macht. EWIGER Friede wird einziehen in Europa und wir können uns endlich wieder den wichtigen Dingen widmen: Windkrafträder in jeden Vorgarten u korrektes Gendern in Facebook. Okay, da schwelt noch hinten links im Balkan der Konflikt zwischen Serbien u Bosnien. Aber der ist Kleinkram und kann auf Ministerialdirigenten-Ebene erledigt werden.

    Friedenssehnsucht kollidiert mit Realität

    Ich (alter weißer cis-Mann) tippe allerdings eher auf B. (C. ist mir ebenfalls egal). Vielleicht würde der Nachfolger, um nicht von Beginn an in den Geruch eines Weicheis zu kommen, der sich vom Westen auf der Nase rumtanzen lässt, den Krieg mit der Ukraine sogar noch brutaler führen. Die Rückholung ins Reich als zweite (zur Erinnerung: die erste war die Organisation der 7-tägigen Beerdigungsfeier) große Tat von XY (hier bitte den passenden Namen einfügen).

    DENN (das ist ein wichtiges Denn) die Idee der Renaissance von Großrussland war (in unserer kleinen Geschichte ist er seit ein paar Tagen tot; deshalb Vergangenheitsform) ja nicht nur auf den 1 Bösen beschränkt. Seine gesamte Entourage, aus der selbstverständlich auch XY entstammt, sieht es ebenfalls so. Weite Teile des Volkes sehen es so. Der 1 Böse fällt ja nicht plötzlich vom Himmel (bzw. entsteigt eines Nachts einer schwefligen Erdspalte), sondern hat ne längere Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte lautet immer: eine einflussreiche & wohlhabende Clique unterstützt ihn auf seinem Weg an die Macht – hält ihn dort und wird im Gegenzug mit Firmenübereignungen, Ländereien, Steuergeschenken, Ausschaltung von Wettbewerbern und Fußballclubs belohnt – und mit seiner Demagogie trifft er einen empfindlichen Nerv des Volkes. Möchte nicht wissen, wie viele Normalo-Russen (k.A., ob es da überhaupt noch Bürger im westlichen Sinn des Begriffs gibt) die Idee von einem GROßEN Russland ganz hervorragend finden. Es werden zwar nicht alle, aber doch VIELE sein. Bei den in der jüngeren Vergangenheit praktizierten Auseinandersetzungen (Tschetschenien, Georgien, Krim) schoßen Putins Zustimmungswerte während und im Anschluss steil nach oben (wobei Umfragen in einer gelenkten Demokratie natürlich mit einer gewissen Portion Vorsicht zu betrachten sind). Festzuhalten bleibt jedoch an dieser Stelle: In einer durchgängig friedensbewegten Nation kann 1 Böser nicht an die Macht gelangen und sich dort über 20 Jahre lang halten.

    Lange Geschichte (bis hierhin sind schon 75% der Leser ausgestiegen, meldet mir eben Facebook), kurzer Sinn: Es ist naiv, daran zu glauben, dass ein bloßes Austauschen der Personen an der grundlegenden Problematik (und das ist der russische Super-Nationalismus) irgendwas ändert. Ein Nachfolger würde es eventuell ein bisschen anders machen als der aktuelle 1 Böse; aber auch er wird an dem Narrativ des von EU & NATO bedrohten Russlands festhalten. Weil’s halt ein schönes Narrativ ist, um die eigenen Expansionspläne (die im Westen vermutlich bis zur Oder reichen) zu verschleiern.

    Und jetzt können wir alle wieder wahlweise Teelichter ins Fenster stellen, unsere Profilbilder mit Ukraine-Flaggen verzieren und den Sonntagsreden unserer Politiker lauschen.

  • Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (3)

    Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (3)

    Nachdem wir uns in den Teilen 1 und 2 mit Hartz 4 und dem Mindestlohn beschäftigt haben, wollen wir uns heute einem Thema zuwenden, das nicht jeder auf dem Radar hat, wenn er an seine zukünftige Wahlentscheidung denkt, welches ich als trockener Alkoholiker jedoch überaus spannend finde: Wie halten es die für den Bundestag kandidierenden Parteien mit den Drogen? Nicht im Sinne von: Was rauchen, schnupfen, werfen unsere Parlamentarier ein, bevor sie an die Rednertribüne des Plenums treten? Auch wenn das sicher ebenfalls aufschlussreich wäre. Sondern ganz politanalytisch klassisch: Wie sähe die zukünftige Drogenstrategie aus, falls Rot, Schwarz, Grün, Gelb, Hellblau oder Dunkelrot in Regierungsverantwortung kommen? Bisher sieht es so aus:

    • Alkohol: volle Pulle in die Stratosphäre
    • Nikotin: bis die Lunge der Fahrbahndecke der A3, Streckenabschnitt ‚Siebengebirge-Ausfahrt Siegburg Nord‘, ähnelt
    • Cannabis: mit Mengen, die nicht als Eigenbedarf gelten (und der wird äußerst klein dimensioniert angesetzt), landet man schnell vor Gericht und darf im Anschluss erstmal jede Menge Sozialstunden schieben
    • Koks & Chemie: da klicken ratzfatz die Handschellen
    • Opiate: Maßregelvollzug ist das Mindeste.

    Da mir nie eingeleuchtet hat, weshalb:
    ♦ man volltrunken dem Nachbarn in den Vorgarten pinkelnd von den Bullen freundlich untergehakt ins Bett gebracht, jedoch bei Besitz von 3 Krümeln Marihuana von denselben Bullen aufs Revier verfrachtet wird
    ♦ es sinnvoll sein soll, 25 Prozent der Polizeiarbeit mit THC-Pillepalle zu verschwenden
    ♦ ein Joint als Einstiegsdroge in die Welt der Crack-Verwahrlosung gilt, während niemand auf die eigentlich naheliegende Idee kommt, dass Alkopops den ersten Schritt ins Wodka-Nirwana bedeuten …
    … bin ich nun äußerst neugierig, welche Schlussfolgerungen die 6 Parteien, die realistische Chancen haben, am 26. September die 5%-Marke zu überqueren, aus dem Dauerbrenner ‚Wir wollen alle am Wochenende entweder betrunken oder bekifft oder sonst irgendwie stoned sein‘ ziehen; wie lauten ihre Lösungskonzepte?

    Drogenpolitik – was dazu in den Programmen drinsteht

    Eine Legalisierung illegaler Drogen lehnen wir ab. Zu groß sind die gesundheitlichen Folgen für den Einzelnen und die Auswirkungen auf Familie, Umfeld und Gesellschaft. Wer legalisiert, der stellt gerade nicht Gesundheits- und Jugendschutz in den Mittelpunkt der Drogenpolitik, entzieht sich seiner Verantwortung und lässt Betroffene sowie ihre Angehörigen mit den Problemen allein. Das ist nicht unser Weg.

    Was wir brauchen, sind Aufklärung sowie frühe und massentauglichere Sanktionen, die der Tat auf dem Fuße folgen und unmittelbar zur Wahrnehmung von Beratungs- und Therapieangeboten veranlassen.

    Bei legalen Suchtmitteln setzen wir auf verantwortungsvollen Umgang. Dafür braucht es mehr Aufklärung, bessere Hilfsangebote und einen starken Jugendschutz, um den Gefahren des Rauchens und des Alkoholmissbrauchs wirkungsvoll zu begegnen.
    © Gemeinsam für ein modernes Deutschland – Programm für Stabilität und Erneuerung von CDU & CSU, S. 65: Keine Drogen legalisieren, Suchtprävention stärken

    Kurzfazit CDU/CSU: Allgemein gehaltenes Blabla: Illegale Drogen sind böse und gehören verboten, Alkohol und Zigaretten sind zwar auch nicht bekömmlich für die Gesundheit, hier reichen jedoch Aufklärung und gutes Zureden. Was mit „massentauglichere Sanktionen“ genau gemeint ist, wird nicht näher ausgeführt. Es steht allerdings zu vermuten, dass das für die Betroffenen nichts Schönes werden soll. Insgesamt ein Text, der auf dem Erkenntnisstand der 50er Jahre stehengeblieben ist.

    Wie Alkohol ist auch Cannabis eine gesellschaftliche Realität, mit der wir einen adäquaten politischen Umgang finden müssen. Verbote und Kriminalisierung haben den Konsum nicht gesenkt, sie stehen einer effektiven Suchtprävention und Jugendschutz entgegen und binden enorme Ressourcen bei Justiz und Polizei. Eine regulierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene soll in Modellprojekten von Ländern und Kommunen erprobt werden können, begleitet durch Maßnahmen der Prävention, Beratung und Behandlung im Jugendbereich. Zudem werden wir bundeseinheitlich regeln, dass der Besitz kleiner Mengen von Cannabis strafrechtlich nicht mehr verfolgt wird.
    © Aus Respekt vor deiner Zukunft – Das Zukunftsprogramm der SPD, S. 52: Gesundheitsschutz, Jugendschutz und Entkriminalisierung bestimmen unsere Drogenpolitik

    Kurzfazit SPD: Eine Achtelspur moderner als die Union: Cannabis soll erprobt (was auch immer man da erproben muss) und im Anschluss evtl reguliert verkauft werden. Wofür „reguliert“ in diesem Zusammenhang steht – darüber schweigen sich die Sozen aus. Aufklärung, Prävention, Behandlung … klingt alles gut; gibt’s aber alles schon längst. Der Besitz kleinerer Mengen Marihuana soll nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden: na immerhin. Der große Wurf ist das aber bei weitem nicht.

    Wir Freie Demokraten fordern eine kontrollierte Freigabe von Cannabis. Wir setzen uns dafür ein, den Besitz und Konsum für volljährige Personen zu erlauben. Nur mit einem Verkauf in lizenzierten Geschäften können die Qualität kontrolliert, die Weitergabe von verunreinigten Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet werden. Wenn Cannabis ähnlich wie Zigaretten besteuert wird, können jährlich bis zu einer Milliarde Euro eingenommen werden. Zu beachten bleibt jedoch, dass eine zu hoch angesetzte Steuer und damit ein entsprechend hoher Preis nicht zur effektiven Eindämmung des Schwarzmarktes führen wird. Das zusätzliche Geld soll für Prävention, Suchtbehandlung und Beratung eingesetzt werden. Das Verbot von Cannabis kriminalisiert unzählige Menschen, bindet immense Polizeiressourcen und erleichtert durch illegalen Kontakt zu Dealern den Einstieg zu härteren Drogen.
    © Nie gab es mehr zu tun – Wahlprogramm der Freien Demokraten, S. 30: Kontrollierte Freigabe von Cannabis

    Kurzfazit: FDP: Auch hier – wie bei der SPD – die kontrollierte Freigabe. „Kontrolliert“ bedeutet für die Liberalen wohl den Vertrieb über zertifizierte Fachgeschäfte. Legalisierung von Besitz und Konsum. Dass die Verfolgung jeglicher Bagatelldrogendelikte durch die Polizei unglaublich viel Ressourcen bindet, hat sich als Erkenntnis bei der FDP durchgesetzt. Liest sich alles bis hierher recht vernünftig. Weshalb illegale Joints eher in die Abhängigkeit von harten Drogen führen sollen als legal gekauftes Gras – verstehe, wer will. Ich tu’s nicht.

    Wir wollen einen Wechsel in der Drogenpolitik, der Gesundheits- und Jugendschutz sowie die Befähigung zum eigenverantwortlichen Umgang mit Risiken in den Mittelpunkt stellt. Grüne Drogenpolitik beruht auf den vier Säulen Prävention, Hilfe, Schadensminimierung und Regulierung. Das heutige Betäubungsmittelrecht ist reformbedürftig. Auf dem Schwarzmarkt existiert kein Jugend- und Verbraucherschutz. Wer abhängig ist, braucht Hilfe und keine Strafverfolgung. Grundsätzlich soll sich die Regulierung von Drogen an den tatsächlichen gesundheitlichen Risiken orientieren. Wir wollen Kommunen ermöglichen Modellprojekte durchzuführen und sie dabei unterstützen, zielgruppenspezifische und niedrigschwellige Angebote in der Drogen- und Suchthilfe auszubauen. Hierzu zählen etwa aufsuchende Sozialarbeit, Substanzanalysen (Drug Checking), Substitutions- und Diamorphinprogramme (auch in Haftanstalten) und Angebote für Wohnsitzlose sowie die bessere Vermittlung in ambulante und stationäre Therapie. Wir wollen Hindernisse für die Substitution durch Ärzt*innen und Ambulanzen abbauen. Wir stärken die Suchtprävention mit modernen Ansätzen und digitalen Medien unter Einbeziehung der Zielgruppe, auch für Alkohol, Medikamente und Tabak. Den Nichtraucherschutz wollen wir stärken. Für Drogen soll nicht geworben werden. Das derzeitige Verbot von Cannabis verursacht mehr Probleme, als es löst. Deshalb werden wir dem Schwarzmarkt den Boden entziehen und mit einem Cannabiskontrollgesetz auf der Grundlage eines strikten Jugend- und Verbraucherschutzes einen regulierten Verkauf von Cannabis in lizenzierten Fachgeschäften ermöglichen und klare Regelungen für die Teilnahme am Straßenverkehr einführen. Die Versorgung mit medizinischem Cannabis wollen wir verbessern und die Forschung dazu unterstützen.
    © Deutschland, alles ist drin – Grünes Wahlprogramm, S. 129: Für eine verantwortungsvolle Drogen- und Suchtpolitik

    Kurzfazit Grüne: Mehr Text als bei der FDP, aber – cum grano salis – derselbe Inhalt: Entkriminalisierung von Besitz und Konsum, Vertrieb über Fachgeschäfte. Die Suchthilfe soll verbessert werden. Substitutionsprogramme (z.B. Methadon, Diamorphin) ausbauen und in Haftanstalten anbieten. Ziel sei die Austrocknung des Schwarzmarkts. Was eingedenk der Tatsache, dass der Schwarzmarkt nicht nur aus Marihuana besteht, etwas blauäugig anmutet. Die THC-Fahrtauglichkeits-Grenze analog zur 0.5-Promille-Regel beim Alkohol hat was.

    Für medizinische Indikationen sollen unter ärztlicher Aufsicht Präparate mit dem Hauptwirkstoff zur Verfügung stehen. Wir befürworten den Ausbau der suchtpsychiatrischen Versorgung für eine dauerhafte Abstinenz von Drogen.
    © Deutschland. Aber normal – Wahlprogramm der AfD, S. 142: Cannabis nur in der Medizin

    Kurzfazit AfD: magere drei Zeilen widmen die Hellblauen dem Thema „Drogen“. THC unter ärztlicher Aufsicht zur Schmerzlinderung ist okay. Ausbau der suchtpsychiatrischen Versorgung (Heroin Substitution?): immerhin. Damit tat sich bspw. die Union über viele Jahre sehr schwer. Kein Wort zur Legalisierung von Cannabis, was vermuten lässt, dass die AfD keine über medizinische Indikationen hinausreichende Legalisierung möchte.

    DIE LINKE setzt sich für einen Paradigmenwechsel ein: weg von der Strafverfolgung, hin zu Prävention, Beratung und Hilfe. Wir sehen es nicht als Aufgabe der Politik an, Menschen zu erziehen, sondern ihnen eine informierte und risikobewusste Konsumentscheidung zu ermöglichen. Wir wollen den Wunsch nach Rausch nicht moralisch werten. Er ist ein Bestandteil der Kultur, auch wenn damit Risiken und mögliche Schäden verbunden sind …

    Wir wollen Cannabis legalisieren. Wir wollen eine vorrangig nichtkommerzielle Bezugsmöglichkeit schaffen und den Besitz sowie Anbau zum eigenen Bedarf erlauben. Als zeitlich befristete Übergangslösung schlagen wir Modellprojekte zur legalen Verfügbarkeit in den Bundesländern bei gleichzeitiger bundesweiter Entkriminalisierung der Konsumierenden vor …

    Wir wollen die Kriminalisierung von Konsumierenden beenden. Dafür sollen für häufig gebrauchte Drogen bundeseinheitliche Höchstmengen festgelegt werden, bei deren Besitz keine Strafverfolgung erfolgt. In diesen Fällen muss die Strafverfolgung durch Beratungs- und Hilfsangebote ersetzt werden. Zudem werden so Mittel frei, die Organisierte Kriminalität zu bekämpfen …

    Werbung und Sponsoring für Tabak- und Alkoholprodukte in der Öffentlichkeit wollen wir verbieten.
    © Zeit zu handeln! – Wahlprogramm der Linken, S. 131 ff.: Schluss mit der Kriminalisierung der Drogen

    Kurzfazit Die Linke: Der mit Abstand weitreichendste Entwurf: weg von Strafverfolgung, hin zu Substitution und Therapie. Jedem erwachsenen Menschen steht das Recht auf Berauschung zu. Egal, welches Rauschmittel er dafür benutzt. Die Bagatelldelikt-Ressourcenverschwendung bei den Ermittlungsbehörden soll ein für alle Mal beendet werden. Cannabis nicht nur in Fachgeschäften, sondern zukünftig ebenfalls straffrei im Eigenanbau. Keine Werbung mehr für Alkohol & Tabak.

    1x progressiv, 2x zeitgemäß, 3x konservativ

    Bereits vor 8 Jahren forderten 120 Strafrechtsprofessoren – als Berufsstand nicht verdächtig, mit Kriminellen einen Kuschelkurs fahren zu wollen – vom Gesetzgeber eine Revision des antiquierten Betäubungsmittelgesetzes:

    … zeigt sich weltweit die Erfolglosigkeit strafrechtlicher Bekämpfung von Drogennachfrage und -angebot. Demgegenüber zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Gefährdungen durch bislang illegale Drogen ebenso wie solche durch Medikamente und Alkohol besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung … zu bewältigen wären.

    Die im sog. Schildower Kreis organisierten Strafrechtler regten zudem die Einsetzung einer Enquete-Kommission zum Thema „Reformierung des Betäubungsmittelgesetzes“ an. 4 Jahre später (!!) reagierte die damalige Drogenbeauftragte mit den Worten: „Die Diskussion muss beendet werden, weil sie zur Verharmlosung des Drogenkonsums beiträgt … Wir sagen: Es gibt so viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Konsumverbot von Cannabis, und es gibt so wenige einfache Lösungen, dass wir eine konzertierte Aktion im Sinne einer Enquete-Kommission brauchen, um einen Konsens herzustellen“. Das war 2017. Geschehen ist seither Nullkommanull.

    Dass sich an der bisherigen – v.a. auf Repression ausgerichteten – Drogenpolitik nichts ändert – dafür stehen Union und AfD. Ein bisschen mehr Beratung & Prävention, Cannabis vom Arzt verschrieben kann in Ausnahmefällen okay sein; aber auch nur dann, wenn’s keine alternativen klassischen Schmerzmittel zur Behandlung gibt. Der altbewährte Dämon „1 Joint -> das elende Junkieleben ist vorprogrammiert“ wird nach wie vor beschworen. Im Zweifelsfall lieber ab in den Knast als zur Therapie. Graduell mehr in der Jetztzeit angekommen ist die SPD: Die will Marihuana in Modellprojekten testen lassen und zumindest den Besitz kleiner Mengen straffrei stellen. Ökos und FDP sind da schon fortschrittlicher: Legalisierung des Konsums und Vertrieb über lizensierte Fachhändler. Ein Hauch von Holland weht durch die Cannabis-Passagen der grünen und gelben Programme.

    Sich am eingehendsten mit der Materie auseinandergesetzt hat sich ganz augenscheinlich die PDL: das Zugeständnis des Rausches für Jedermann, völlig losgelöst davon, welches Mittel dafür verwendet wird. Entkriminalisierung des Konsums -> Therapie statt Strafe, Entlastung der Polizei von zeitaufwendiger Bagatelldelikt-Recherche und Forderung des Verbots jeglicher Alkohol- & Tabakwerbung.

    Dass der War on drugs nach 5 Jahrzehnten als gescheitert anzusehen ist, weiß eigentlich jeder, der sich etwas näher mit der Problematik beschäftigt. Aus Sicht der Konsumenten ergibt die Unterscheidung in illegale (Cannabis, Koks, Chemie, Opiate) und legale (Doppelkorn, Marlboro) Substanzen keinerlei Sinn. Dosierung und Häufigkeit der Verabreichung machen das Gift. Ob man(n)/frau/divers an der Nadel oder an der Flasche hängt, ist Körper und Geist egal. Ruinieren tut man auf Dauer beide sowohl mit Heroin als auch mit Wodka.

    Fazit nach den kumulierten Kurzfaziten: Meine Punkte beim Thema „Drogenpolitik“ gehen aufgrund der empirischen Evidenz der Änderungsvorschläge ganz eindeutig an die Linke. Dass Werbung für Alkohol (neben Nikotin der Volkskiller Nr. 1) erschwert werden soll, gefällt mir ebenfalls außerordentlich gut.

    PS. Ob Ihnen meine Beiträge helfen, Ihre nach wie vor munter oszillierende Wahlentscheidungsfindung zu präzisieren?
    Keine Ahnung.
    Mir hilft das Lesen ausgesuchter Passagen in den Programmen aber auf jeden Fall, so langsam zu einer (nämlich: meiner) Entscheidung zu gelangen. Und das reicht mir als Ergebnis dieser Schreibübung völlig aus.
    +++

    Kommende Woche knöpfen wir uns das Thema „Migration & Asyl“ vor.

    ⇒ hier geht es zu Teil 1: Hartz 4
    ⇒ und hier zu Teil 2: Mindestlohn

  • Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (2)

    Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (2)

    Verregnete Sonntage – von denen dieser Sommer übervoll ist – haben für Kolumnisten den Vorteil, dass sie nicht vor die Tür gehen müssen, sondern stattdessen mit 2 Litern (kaltem) Kaffee und 2 Litern (lauwarmer) Grapefruitlimonade neben der Tastatur Kolumnen schreiben. Deshalb heute bereits die eigentlich erst fürs kommende Wochenende zugesagte Fortsetzung „Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl“, Teil 2: Der Mindestlohn.

    Kurz vorab zur Auffrischung des Gedächtnisses hier die – in Deutschland noch recht kurze – Geschichte des gesetzlichen Mindestlohns (gML): Beschlossen im Sommer 2014/eingeführt zum Jahresbeginn 2015 auf Druck der SPD hin – hier ist namentlich die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles hervorzuheben –, gegen anfangs großen Widerstand des Koalitionspartners CDU/CSU. Die – damals außerparlamentarische – FDP befürchtete sogar den ökonomischen GAU und beschwor Horrorbilder von im großen Stil ihre Produktion ins Ausland verlagernden deutschen Unternehmen. Der gML zielt auf die Branchen, die sich zu keinen eigenen (z.B. tariflichen) Mindestlöhnen verpflichten (wobei seit 2015 der tarifliche nicht mehr unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen darf). Es gibt Ausnahmen (also Bereiche, in denen der gML unterschritten werden kann): einige Praktika, staatlich geförderte Orientierungshilfen, Volontariate, die ersten 6 Monate beruflicher Wiedereinstieg nach vorausgegangener längerer Arbeitslosigkeit. Für alle anderen gilt: Minimum der gesetzliche Mindestlohn. Der beträgt seit Juli dieses Jahres 9,60€ (gestartet war man 2015 mit 8,50). Drunter geht – zumindest in der Theorie – nichts. In der Praxis sieht es mitunter anders aus, da schuften sich einige auch für 5 Euro den Buckel krumm. Aber das gesetzliche Rahmenwerk ist jetzt da; das ist ja schon mal was.

    Die Höhe/Anpassung des gML wird von einer 9-köpfigen Kommission diskutiert und beschlossen, bestehend aus einem Vorsitzenden, drei Arbeitnehmer- und drei Arbeitgebervertretern sowie zwei nicht stimmberechtigten beratenden Mitgliedern aus dem Bereich der Wissenschaft. Die Mitglieder sind an Weisungen nicht gebunden und ehrenamtlich tätig.

    Die Intention des Mindestlohns hat niemand schöner auf den Punkt gebracht als Franklin Delano Roosevelt, als er auf dem Höhepunkt der US-amerikanischen Großen Depression im Sommer 1933 erklärte:

    Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu betreiben. (…) Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn meine ich mehr als das bloße Existenzminimum – ich meine Löhne, die ein anständiges Leben ermöglichen.

    Und nun wollen wir mal schauen, was die 6 im 19. Bundestag vertretenen Parteien in ihren Wahlprogrammen zum Thema „gesetzlicher Mindestlohn“ zu sagen haben:

    Gesetzlicher Mindestlohn – was dazu in den Programmen drinsteht

    Minijobs bedeuten Flexibilität für Arbeitgeber und Arbeitnehmer vieler mittelständischer Betriebe. Wir werden die Minijobgrenze von 450 Euro auf 550 Euro pro Monat erhöhen und diese Grenze mit Blick auf die Entwicklung des Mindestlohns regelmäßig überprüfen.
    © Gemeinsam für ein modernes Deutschland – Programm für Stabilität und Erneuerung von CDU & CSU, S. 38: Vielfalt des deutschen Arbeitsmarktes sichern

    Kurzfazit CDU/CSU: Das Wort „Mindestlohn“ taucht im Wahlprogramm nur 1x auf. Und zwar im Kontext mit Minijobs. Denn mit steigender Lohnuntergrenze verringert sich deren Wochenstundenzahl, weshalb nun von 450 auf 550 Euro angepasst werden soll. Mehr steht zum Mindestlohn in „Gemeinsam für ein modernes Deutschland – Programm für Stabilität und Erneuerung“ nicht drin.

    Wer den ganzen Tag arbeitet, muss von seiner Arbeit ohne zusätzliche Unterstützung leben können. Auch das ist eine Frage des Respekts. Wir werden den gesetzlichen Mindestlohn zunächst auf mindestens zwölf Euro erhöhen und die Spielräume der Mindestlohnkommission für künftige Erhöhungen ausweiten.
    © Aus Respekt vor deiner Zukunft – Das Zukunftsprogramm der SPD, S. 27: Arbeit wertschätzen

    Kurzfazit SPD: 12 Euro klingen schon mal gut. Auf jeden Fall deutlich besser als 9.60€. Was genau mit „Spielräume der ML-Kommission für künftige Erhöhungen ausweiten“ gemeint ist – dazu findet man nichts Präzisierendes im Text. Wahrscheinlich soll diese Kommission in Zukunft flexibler auf Tarifabschlüsse in vergleichbaren Branchen reagieren und somit den ML schneller nach oben anpassen können.

    Wir Freie Demokraten wollen die Minijob- und Midijob-Grenze erhöhen und dynamisch an den gesetzlichen Mindestlohn koppeln. Mit jeder Anpassung des Mindestlohns reduzieren sich heute die Stunden, die Beschäftigte im Rahmen eines Mini- beziehungsweise Midijobs arbeiten dürfen. Damit sind Mini- oder Midijobber von Erhöhungen durch die allgemeine Lohnentwicklung abgeschnitten. Das wollen wir ändern und so für mehr Leistungsgerechtigkeit sorgen.
    © Nie gab es mehr zu tun – Wahlprogramm der Freien Demokraten, S. 26 ff.: Moderne Arbeitswelt

    Kurzfazit: FDP: Wie bei der Union wird der Mindestlohn einzig im Zusammenhang mit der Problematik der Stundenreduktion bei den Mini- & Midijobs angesprochen. Ansonsten kein einziges Wort zu Lohnuntergrenzen. Lässt vermuten, dass die Liberalen dem gML weiterhin skeptisch gegenüberstehen. Allerdings wird nicht gefordert, den Mindestlohn wieder abzuschaffen. Immerhin.

    Arbeit muss gerecht bezahlt werden. Und die Menschen brauchen gute Arbeitsbedingungen. Aber in unserem reichen Land arbeiten noch immer Millionen Menschen im Niedriglohnsektor mit schlechten Löhnen und in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Besonders oft sind davon Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte betroffen. Das wollen wir ändern. Den gesetzlichen Mindestlohn werden wir sofort auf 12 Euro anheben. Anschließend muss der Mindestlohn weiter steigen, um wirksam vor Armut zu schützen und mindestens der Entwicklung der Tariflöhne zu entsprechen. Die Mindestlohnkommission wollen wir reformieren und mit diesem Auftrag ausstatten. Die bestehenden Ausnahmen für unter 18-Jährige und Langzeitarbeitslose werden wir abschaffen. Leiharbeiter*innen sollen vom ersten Tag an den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen wie Stammbeschäftigte – plus Flexibilitätsprämie.
    © Deutschland, alles ist drin – Grünes Wahlprogramm, S. 103: Wir sorgen für gute Arbeit und faire Löhne

    Kurzfazit Grüne: SOFORTIGE (wann auch immer genau „sofort“ stattfinden soll) Anhebung auf 12 Euro: wow! Die Lohnuntergrenze soll mindestens der Entwicklung der Tariflöhne folgen. Nochmal: wow!

    Der gesetzliche Mindestlohn ist mit dem Wesen der Sozialen Marktwirtschaft eng verbunden. Er korrigiert im Bereich der Entlohnung die Position der Niedriglohnempfänger als schwache Marktteilnehmer gegenüber den Interessen der Arbeitgeber als vergleichsweise starke Marktteilnehmer. Er schützt sie auch vor dem durch die derzeitige Massenmigration zu erwartenden Lohndruck. Insbesondere erlaubt der Mindestlohn eine Existenz jenseits der Armutsgrenze und die Finanzierung einer, wenn auch bescheidenen, Altersversorgung, die ansonsten im Wege staatlicher Unterstützung von der Gesellschaft zu tragen wäre. Mindestlöhne verhindern somit die Privatisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Sozialisierung der Kosten.
    © Deutschland. Aber normal – Wahlprogramm der AfD, S. 119: Mindestlohn beibehalten

    Kurzfazit AfD: Die Hellblauen sind in puncto gesetzlicher Mindestlohn progressiver als Union und FDP und scheuen sich auch nicht vor „linkem“ Vokabular: „ …verhindern die Privatisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Sozialisierung der Kosten“. Jedoch werden keinerlei konkrete Vorschläge zur Höhe des Stundenentgelts und zur Entscheidungsfreiheit der Kommission gemacht.

    Der gesetzliche Mindestlohn wird auf 13 Euro erhöht. Zuschläge für Sonntags-, Schicht- oder Mehrarbeit sowie Sonderzahlungen dürfen nicht mit dem Mindestlohn verrechnet werden. Sämtliche Ausnahmen vom Mindestlohn müssen gestrichen werden. Durch die Pflicht zur elektronischen Arbeitszeiterfassung und häufigere Kontrollen muss die Einhaltung des Mindestlohns durchgesetzt werden. Die Zahl der Kontrolleure bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls muss auf15000 verdoppelt werden. Die Bundesregierung soll ein offizielles Meldeportal gegen Mindestlohnbetrug einrichten.
    © Zeit zu handeln! – Wahlprogramm der Linken, S. 16: Löhne, die für ein gutes Leben reichen. Schluss mit dem Niedriglohn

    Kurzfazit Die Linke: Hier sind es sogar 13 Euro: doppel-wow!! Keine Anrechnung von Zuschlägen und Sonderzahlungen. Der nicht ganz unwichtige Aspekt der Überprüfbarkeit wird thematisiert. Was nützt der theoretisch „schönste“ Mindestlohn, wenn er in der Praxis unterlaufen wird, und niemand kontrolliert das?

    3x progressiv, 2x konservativ, 1x völkisch

    Da ich die obige Meinung von F.D. Roosevelt, „Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn meine ich mehr als das bloße Existenzminimum – ich meine Löhne, die ein anständiges Leben ermöglichen“, voll und ganz teile und bezweifele, dass ein anständiges Leben mit 9.60 Euro/Stunde – was in der Monatsmultiplikation in etwa 1.650€ brutto ergibt – überhaupt möglich ist, bejahe ich folglich ausdrücklich die Anhebung auf 12 Euro (dann landen wir bei monatlich 2000 und ein paar Zerquetschten). 13€ wären natürlich ebenfalls okay; aber wir wollen ja nicht gierig erscheinen. Das von den Wirtschaftsliberalen 2014 kassandrate Abwandern kompletter Wirtschaftszweige ins benachbarte Billiglohnausland ist nicht eingetreten. Die Unternehmen blieben in der Heimat, zu Massenentlassungen kam es nicht, und es war auch kein gML-bewirkter Branchen-Sekundentod zu beobachten. Die aktuell 9.60€ ML helfen den Niedriglöhnern, besser über die Runden zu kommen und stärken die Binnennachfrage, da das mehr verdiente Geld zum überwiegenden Teil in den Konsum fließt.

    Es gilt weiterhin das, was ich im Dezember 2019 (Kolumne: 12 Euro Mindestlohn: Gebot der Stunde oder Jobkiller?) schrieb:
    Wer vierzig Stunden pro Woche arbeitet, sollte NICHT:
    ■ sich abends bei McDonald’s an die Kasse setzen …
    ■ am Wochenende im Eroscenter die Warmmiete hinzuverdienen …
    ■ als Zweitberuf Banken ausrauben oder Millionärsgattinnen entführen …
    ■ im Jobcenter aufstocken …
    … müssen.

    Das scheinen Union und FDP nach wie vor anders zu sehen: Wenn es tagsüber mit 40 Stunden nicht zum Leben reicht, dann muss man halt nachts noch eine Schicht dranhängen. Oder aus der 2-Zimmer-Wohnung in eine WG umziehen oder nur noch 1x/Tag ne Mahlzeit zu sich nehmen. Nen eigenen PKW benötigt ein Niedriglöhner eh nicht, und Urlaub auf dem eigenen Balkon (falls die WG einen hat) ist sowieso am schönsten. Die AfD ist da schon progressiver, erkennt die Notwendigkeit gesetzlich fixierter Lohnuntergrenzen an, verquirlt das aber wieder mit ihrer unheiligen Ausländerfrage. Gemäß der kruden Logik: wenn wir die Löhne etwas höherschrauben, brauchen wir keine ausländischen Billigkräfte mehr ins Land zu lassen. Als ob das so einfach wäre bzw. derart eng miteinander korreliert. Verstanden, dass die Löhne rauf müssen, und dass diese Maßnahme der heimischen Wirtschaft aufgrund der Ankurbelung der Binnenkonjunktur mehr nützt als schadet, haben SPD, Grüne und Die Linke. Größerer ökonomischer Sachverstand im linken Lager: Wer hätte das gedacht?

    Fazit nach den kumulierten Kurzfaziten: Meine Punkte beim Thema „Mindestlohn“ gehen an SPD, Grüne und Linke. Ob’s jetzt 12 oder 13 Euro sind – geschenkt. Obwohl: 13 wären schon besser. Die Nach-wie-vor-Abwehrhaltung von Union und Liberalen törnt mich stark ab. Von völkischen Überlegungen beim Mindestlohn halte ich nichts. Den Sieg tragen heute mithin R2G davon.

    Wie geht’s jetzt weiter?

    Nun habe ich mir die Antworten zu 2 der – für meine Entscheidung wichtigen – Fragen (Mindestlohn und Hartz 4) in den Parteiprogrammen angesehen. Das reicht aber noch nicht, um mir sicher zu sein. Auf meiner Agenda stehen deshalb noch: Asyl, Migration & Menschenrechte und die Drogenpolitik. Ja ja, und falls mir langweilig sein sollte, auch was zum Klima. Europa wäre ebenfalls spannend. Mal schau’n, was ich in den kommenden 4 Wochen zu Papier bekomme. Sollte es bis zum Wahltag durchregnen, würde das meinen Output stark erhöhen.

    Ziel der Übung: am Morgen des 26.09. zu wissen, wo ich mein Kreuz setzen werde. Hoffentlich gelingt mir das auf diesem Weg.

  • Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (1)

    Nie war ich so unentschlossen wie vor dieser Wahl (1)

    Nie war ich so unentschlossen wie bei dieser Wahl. Was für mich ein Novum ist. Bisher war ich mir entweder zu 99.9 Prozent im Klaren darüber, wo ich mein Kreuz setze oder ich wusste zumindest, wen ich definitiv nicht wählen werde. Von der erstgenannten Entscheidungsvariante befinde ich mich zur Zeit weiter entfernt als Robert Habeck von der Kanzlerschaft, bei Möglichkeit 2 (so lange alles durchstreichen, bis am Ende irgendjemand übrigbleibt) x-e ich heute Scholz, morgen Baerbock und übermorgen Laschet weg, bloß um sie an Tag 4 alle wieder neu auf meine Liste zu setzen und mit dem X-en von vorne zu beginnen.

    Die Auswahl ist 3-fach schwierig:
    (1) Die Kandidaten überzeugen (mich) alle nicht
    (2) Parteiprogramme sind geduldig, lesen tut die eh keiner und am Ende müssen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen erfahrungsgemäß große Abstriche gemacht werden
    (3) Die Grenzen zwischen den Parteien der Mitte verwischen immer mehr. Die CSU hat den Klimaschutz entdeckt, die CDU ließe beim Mindestlohn mit sich reden, die SPD (zumindest deren Finanzminister) hütet die Schwarze Null argwöhnischer als weiland der Schwarze-Null-Gralswächter Schäuble, die Grünen lieben plötzlich die NATO und schwören ewige Bündnistreue. Die Liberalen wollen dieses Mal unbedingt regieren und wären folglich bereit, jede Menge grüne, rote oder schwarze Kröten zu schlucken. Hauptsache, die FDP bekommt die Finanz-, Außen- und WLAN-für-alle-Ministerien zugesprochen. Im Gegenzug würden die Liberalen sogar Lastenfahrrad-Subventionen durchwinken. Wer’s experimentell oder gar riskant bevorzugt, muss deshalb entweder an den irrlichternden linken oder völkisch-trüben rechten Rand ausweichen.

    Ich bin also immer noch hochgradig unentschlossen, wohin mit meinen beiden Stimmen und beschließe, mir ausnahmsweise die Parteiprogramme reinzuziehen. Natürlich nicht komplett – würde ich das tun, wäre ich am Ende reif für die geschlossene Psychiatrie –, sondern punktuell. Beginnen wir heute mit dem spannenden Thema „Hartz 4“ und schau’n mal ergebnisoffen, was die Schwarzen, Roten, Gelben, Grünen, Hellblauen und Dunkelroten dazu sagen.

    Hartz 4 – was dazu in den Parteiprogrammen drinsteht

    Prinzip des Forderns und Förderns erhalten … Soziale Sicherheit in Deutschland soll nicht nur Armut verhindern, sondern jedem ein Leben in Würde ermöglichen. Dazu stehen wir. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird es mit uns aber nicht geben.

    Wir starten eine Offensive zur beruflichen Aus- und Weiterbildung in der Grundsicherung für Arbeitsuchende, um zum Beispiel Sprachkompetenzen und Ausbildungsfähigkeit zu verbessern. Wir werden jedem ein Angebot machen, damit die Betroffenen wie der für sich selbst und andere sorgen können. Wir stehen zum Fördern und Fordern. Deshalb werden wir auch die Sanktionsmechanismen im SGB II beibehalten.

    Damit mehr geringqualifizierte Arbeitslose an einer Aus- und Weiterbildungsmaßnahme teilnehmen, werden wir die Rahmenbedingungen verbessern.

    Die Anrechnung von Einkommen im SGB II wollen wir neu ausgestalten, um damit mehr Anreize zur Aufnahme einer Beschäftigung zu setzen und einen schrittweisen Ausstieg aus Hartz IV zu fördern. Ziel muss sein, möglichst viele Menschen aus Hartz IV wieder in Arbeit zu bringen.
    © Gemeinsam für ein modernes Deutschland – Programm für Stabilität und Erneuerung von CDU & CSU, S. 61: Soziale Sicherheit in allen Lebenslagen

    Kurzfazit CDU/CSU: Bei „Deshalb werden wir auch die Sanktionsmechanismen im SGB II beibehalten“ habe ich aufgehört zu lesen. Die Union will – von ein paar kleinen kosmetischen Korrekturen abgesehen – an Hartz 4 also nichts ändern.

    Die Grundsicherung werden wir grundlegend überarbeiten und zu einem Bürgergeld entwickeln. Unser Bürgergeld steht für ein neues Verständnis eines haltgebenden und bürgernahen Sozialstaats. Das Bürgergeld soll digital und unkompliziert zugänglich sein. Bescheide und Schriftwechsel sollen eine verständliche Sprache sprechen. Die Regelsätze im neuen Bürgergeld müssen zu einem Leben in Würde ausreichen und zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigen. Das Bürgergeld muss absichern, dass eine kaputte Waschmaschine oder eine neue Winterjacke nicht zur untragbaren Last werden. Die Kriterien zur Regelsatzermittlung werden wir weiterentwickeln und Betroffene und Sozialverbände mit einbeziehen …

    Wir haben wegen der Corona-Pandemie die Vermögensprüfung weitestgehend ausgesetzt. Man läuft nicht mehr Gefahr, aus der Wohnung ausziehen zu müssen. Dadurch können sich die Behörden und die Betroffenen in den ersten Monaten mit voller Energie auf eine sinnvolle Wiederaufnahme der Beschäftigung konzentrieren. Die guten Erfahrungen aus diesen vorübergehenden Maßnahmen haben uns darin bestätigt, dafür zu sorgen, dass auch in Zukunft Vermögen und Wohnungsgröße innerhalb der ersten zwei Jahre nicht überprüft werden und das Schonvermögen erhöht wird. Das Bürgergeld beinhaltet Mitwirkungspflichten, setzt aber konsequent auf Hilfe und Ermutigung.
    © Aus Respekt vor deiner Zukunft – Das Zukunftsprogramm der SPD, S. 33: Solidarität erweitern

    Kurzfazit SPD: Hartz 4 wird umgelabelt in Bürgergeld und mit ein paar bunten Schleifen à la „(vorübergehende) Aussetzung der Vermögensprüfung“ verziert. Nimmt man die bunten Schleifen wieder ab und kratzt den neuen Namen runter, ist in der Tüte jedoch immer noch das alte Hartz 4 drin. Ist vermutlich so ein Schröder-Steinbrück-Clement-Nostalgieding. Obwohl die meisten Sozis wissen, dass Hartz 4 großer Mist ist, darf daran, weil’s die SPD vor 20 Jahren erfunden hatte, nicht gerüttelt werden.

    Wir Freie Demokraten wollen das Liberale Bürgergeld. Wir wollen steuerfinanzierte Sozialleistungen wie das Arbeitslosengeld II, die Grundsicherung im Alter, die Hilfe zum Lebensunterhalt oder das Wohngeld in einer Leistung und an einer staatlichen Stelle zusammenfassen, auch im Sinne einer negativen Einkommensteuer. Selbst verdientes Einkommen soll geringer als heute angerechnet werden …

    Wir Freie Demokraten wollen bessere Hinzuverdienstregeln beim Arbeitslosengeld II (ALG II) beziehungsweise beim angestrebten Liberalen Bürgergeld. Die aktuellen Regeln sind demotivierend und sie belohnen kaum, die Grundsicherung durch eigene Arbeit Schritt für Schritt zu verlassen. Bessere Hinzuverdienstregeln ermöglichen aber genau das: Sie bilden eine trittfeste Leiter, die aus Hartz IV herausführt …

    Wir Freie Demokraten wollen das Schonvermögen in der Grundsicherung ausweiten. Das betrifft insbesondere das Altersvorsorge- Vermögen, die selbst genutzte Immobilie und das für die Erwerbstätigkeit benötigte angemessene Kraftfahrzeug. Wir wollen Menschen davor bewahren, ihre auch abseits der staatlichen Förderung eigenverantwortlich und hart erarbeitete Altersvorsorge auflösen zu müssen …

    Wir Freie Demokraten wollen beim Arbeitslosengeld II beziehungsweise beim angestrebten Liberalen Bürgergeld einen einheitlichen Satz für alle erwachsenen Leistungsbezieherinnen und Leistungsbezieher – unabhängig vom Beziehungsstatus.
    © Nie gab es mehr zu tun – Wahlprogramm der Freien Demokraten, S. 64: Liberales Bürgergeld

    Kurzfazit FDP: Klingt beim ersten Zuhören gut. So wie alles, was Hartz 4 obsolet machen würde, erstmal gut klingt. Wie ich die FDP kenne, steckt da jedoch irgendwo im Kleingedruckten ein Pferdefuß drin.

    Jeder Mensch hat das Recht auf soziale Teilhabe, auf ein würdevolles Leben ohne Existenzangst. Deswegen wollen wir Hartz IV überwinden und ersetzen es durch eine Garantiesicherung. Sie schützt vor Armut und garantiert ohne Sanktionen das soziokulturelle Existenzminimum. Sie stärkt so Menschen in Zeiten des Wandels und kann angesichts großer Veränderungen der Arbeitswelt Sicherheit geben und Chancen und Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben eröffnen. Die grüne Garantiesicherung ist eine Grundsicherung, die nicht stigmatisiert und die einfach und auf Augenhöhe gewährt wird. Das soziokulturelle Existenzminimum werden wir neu berechnen und dabei die jetzigen Kürzungstricks beenden. In einem ersten Schritt werden wir den Regelsatz um mindestens 50 Euro und damit spürbar anheben. Die Leistungen der Garantiesicherung wollen wir schrittweise individualisieren. Die Anrechnung von Einkommen werden wir deutlich attraktiver gestalten, sodass zusätzliche Erwerbstätigkeit immer zu einem spürbar höheren Einkommen führt. Jugendliche in leistungsempfangenden Familien sollen ohne Anrechnung Geld verdienen dürfen. Vermögen werden künftig unbürokratischer und mit Hilfe einer einfachen Selbstauskunft geprüft. Das Schonvermögen wird angehoben. Wir streben an, die soziale Sicherung schrittweise weiter zu vereinfachen, indem wir die existenzsichernden Sozialleistungen zusammenlegen und ihre Auszahlung in das Steuersystem integrieren. Wir begrüßen und unterstützen Modellprojekte, um die Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens zu erforschen. Durch die Abschaffung der bürokratischen und entwürdigenden Sanktionen schafft die Garantiesicherung Raum und Zeit in den Jobcentern für wirkliche Arbeitsvermittlung und Begleitung. Wir brauchen einen Perspektivenwechsel bei der Arbeitsförderung mit ausreichend Personal, um der Unterschiedlichkeit der langzeitarbeitslosen Menschen gerecht zu werden. Notwendig sind intensive Betreuung, individuelle Unterstützung und anstelle eines Vermittlungsvorrangs in prekäre Arbeit wollen wir einen Vorrang für Ausbildung und Qualifizierung.
    © Deutschland, alles ist drin – Grünes Wahlprogramm, S. 111: Wir sichern die sozialen Netze

    Kurzfazit Grüne: Ich entdecke „Wir begrüßen und unterstützen Modellprojekte, um die Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens zu erforschen“ und bin schon halbwegs begeistert. Im Unterschied zum liberalen Bürgergeld befürchte ich bei der grünen Grundsicherung keinen Pferdefuß im Kleingedruckten. PS. Anmerkung des Lektors: Passage ist zu lang. Zwischendurch bitte Absätze bilden, um den Lesefluss zu erleichtern.

    Die AfD will eine „Aktivierende Grundsicherung“ als Alternative zum Arbeitslosengeld II (sogenanntes „Hartz IV“). Das erzielte Einkommen soll nicht wie bisher vollständig mit dem Unterstützungsbetrag verrechnet werden. Stattdessen verbleibt dem Erwerbstätigen stets ein spürbarer Anteil des eigenen Verdienstes. Dadurch entstehen Arbeitsanreize. Wer arbeitet, wird auf jeden Fall mehr Geld zur Verfügung haben als derjenige, der nicht arbeitet, aber arbeitsfähig ist (Lohnabstandsgebot). Missbrauchsmöglichkeiten sind auszuschließen.
    © Deutschland. Aber normal – Wahlprogramm der AfD, S. 121: Aktivierende Grundsicherung – Arbeit, die sich lohnt

    Kurzfazit AfD: Thema wird – v.a. vor dem Hintergrund, dass die AfD bei den Langzeitarbeitslosen seit langem um Stimmen buhlt – etwas stiefmütterlich abgehandelt. So richtig schlau wird man aus dem kurzen Abschnitt nicht. Es steht jedoch zu vermuten, dass die Hellblauen weder die Regelsätze signifikant erhöhen, noch am Sanktionsinstrumentarium was ändern oder gar Hartz 4 grundlegend reformieren wollen.

    Wir wollen das Hartz-IV-System abschaffen und es ersetzen durch Gute Arbeit (vgl. Kapitel »Gute Arbeit«), eine bessere Erwerbslosenversicherung (siehe oben) und eine bedarfsgerechte individuelle Mindestsicherung ohne Sanktionen. Um sicher gegen Armut zu schützen, muss sie derzeit 1.200 Euro betragen. Sie gilt für Erwerbslose, aufstockende Erwerbstätige, Langzeiterwerbslose und Erwerbsunfähige ohne hinreichendes Einkommen oder Vermögen. Sonderbedarf, zum Beispiel für chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderung, wird im Rahmen der Solidarischen Gesundheitsversicherung bzw. des Bundesteilhabegesetzes gewährt. In Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt werden zusätzlich zur Mindestsicherung auch höhere Wohnkosten übernommen.

    Die Höhe der sanktionsfreien Mindestsicherung muss jährlich entsprechend den Lebenshaltungskosten angehoben werden (Inflationsausgleich). Einmal in der Legislaturperiode wird die Höhe der Mindestsicherung überprüft, wobei sichergestellt sein muss, dass gesellschaftliche Teilhabe und Schutz vor Armut garantiert sind. Für Kinder wollen wir eine eigenständige Grundsicherung einführen (siehe unten) …

    Alle Sanktionen, also Kürzungen des Existenzminimums, müssen ausgeschlossen werden. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil vom 5. November 2019 bereits eine notwendige rote Linie gegen die bisherige Sanktionspraxis gezogen. Das Grundrecht auf soziale Teilhabe muss auch für Bezieher*innen von Grundsicherungsleistungen umgesetzt werden. Die bisherigen Sanktionsregelungen im SGB II sowie die Leistungseinschränkungen im SGB XII müssen gestrichen werden. Das sozialkulturelle Existenzminimum ist ein Grundrecht und darf nicht durch Sanktionen unterschritten werden.
    © Zeit zu handeln! – Wahlprogramm der Linken, S. 26: Bedarfsdeckende und sanktionsfreie individuelle Mindestsicherung

    Kurzfazit Die Linke: Verbal der am weitesten zielende Reformvorschlag: „Wir wollen das Hartz-IV-System abschaffen und es ersetzen durch Gute Arbeit, eine bessere Erwerbslosenversicherung und eine bedarfsgerechte individuelle Mindestsicherung ohne Sanktionen“. Auch „Um sicher gegen Armut zu schützen, muss sie derzeit 1.200 Euro betragen“, gefällt mir außerordentlich gut.

    2x progressiv, 3x konservativ, 1x nebulös

    Sämtliche sechs im Bundestag vertretenen Parteien haben also verstanden, dass ALG 2 und Hartz 4 Reizwörter darstellen, die es zu vermeiden gilt, wenn man nicht Gefahr laufen möchte, auf Wählerstimmen aus dem Langzeitarbeitslosen-Reservoir komplett zu verzichten. Wir lesen mithin schön klingende Begriffe in den Programmen: Bürgergeld, Garantiesicherung, Grundsicherung (okay, die gibt’s schon länger), Gute-Arbeit-Mindestsicherung. Am besten gefällt mir bisher jedoch „Modellprojekt Bedingungsloses Grundeinkommen“.

    Am progressivsten rücken augenscheinlich Grüne und Die Linke dem Dämon „Hartz 4“ zu Leibe. Ob und inwieweit sich dabei die Gute-Arbeit-Mindestsicherung (Linke) von der Garantiesicherung (Grüne) unterscheidet – darüber sollen sich Experten die Köpfe heiß reden. Das bisherige System beibehalten wollen Union, AfD und die SPD. Jeweils mit kleinen kosmetischen Korrekturen, aber am Grundsatz „Zu wenig Kohle für ein würdevolles Leben bei gleichzeitig Sanktionen, wenn man irgendeine der 1000 dummen Maßnahmen nicht sofort freudig erfüllt“ soll nicht gerüttelt werden. (Mir) etwas nebulös bleibt das liberale Bürgergeld. Irgendwas mit negativer Anrechnung auf die Einkommenssteuer oder reduzierter Steuer oder reziproken Steuersätzen oder ganz was anderes. Auf jeden Fall für den Normalo-Wahlberechtigten wie mich sehr/zu kompliziert. Am Ende kommt bei dieser Berechnung eventuell noch weniger für den Leistungsempfänger raus, als er aktuell bekommt. Zutrauen täte ich der FDP das.

    Fazit nach den kumulierten Kurzfaziten
    Beim Thema „Hartz 4 und dessen schleunige Überwindung“ gehen meine Punkte an Grüne und die Linke. Die anderen vier Parteien schwächeln da (teils erheblich). Denn dass Hartz 4 auf den Müllhaufen der Sozialgeschichte gehört – dazu habe ich in der Vergangenheit ja schon mehrere Kolumnen veröffentlicht. Gäb’s im Wahl-O-Maten einzig diese Frage, müsste ich mein Kreuz also entweder bei den Ökos oder bei den Sozialisten machen, die hier beide eindeutig den Sieg davontragen.

    Klima? Will keiner mehr lesen

    Da aber eine (meine) Wahlentscheidung selbstredend nicht nur von 1 Thema abhängt und der aktuelle Wahl-O-Mat noch gar nicht freigeschaltet ist, wollen wir uns kommende Woche an dieser Stelle entweder mit dem Mindestlohn, den unterschiedlichen Standpunkten der  Parteien zur Asylfrage oder ganz generell mit Migration & Menschenrechten beschäftigen. Ich entscheide dann spontan, wozu ich was schreiben möchte … Und warum nicht zum Klima, weshalb schreiben Sie nicht was übers Klima, Herr Hirsch, fragen Sie mich?

    Weil seit Wochen ALLE was übers Klima schreiben. Mir hängt das Thema mittlerweile echt Bioflora-Dünndarm-lang zum Anus raus. Dass sich das Klima wandelt, weiß ich. Dass der menschengemachte Anteil daran groß ist, weiß ich ebenfalls. Und dass ich persönlich demnächst von meinem Diesel-Kombi auf ein Lastenrad umsteigen und meiner geliebten Currywurst für immer Lebewohl sagen soll, habe ich auch begriffen. Denn wenn ich weiter Diesel fahre, im Sommer grille und 1x/Monat in der Kölner Innenstadt bei Wurst Willy einkehre, wird sich nichts ändern und wir werden abwechselnd entweder verdorren oder absaufen. Mir alles längst bewusst, weil mir das missionarische Klimaretter täglich dutzendfach unter meine Facebook-Beiträge posten. Aber ob ICH was dazu schreiben möchte – da bin ich heute sehr unsicher. Das Thema „Mindestlohn“ finde ich wirklich spannender, als vegane Kochrezepte auszutauschen. Wenn das Wetter schön sein sollte, schreibe ich aber vielleicht auch gar nichts, sondern gehe stattdessen spazieren oder ein Eis essen. Wie gesagt: Ich entscheide das spontan.

    Am Ende dieser Kolumne freue ich mich auf jeden Fall darüber, heute mal einen schnellen Blick in 6 Parteiprogramme reingeworfen zu haben. Wann macht man das schon, wenn man kein habilitierter Parteiprogramm-Exegese-Experte ist, der damit seinen Lebensunterhalt bestreitet? Kolumnen zu Papier bringen ist nicht nur Nonsens; manchmal dient es auch der Bildung (des Kolumnisten).

  • Afghanistan: vom Komplettversagen deutschen Regierungshandelns

    Afghanistan: vom Komplettversagen deutschen Regierungshandelns

    Afghanistan und kein Ende titelte hier am vergangenen Wochenende Heinrich Schmitz. Nicht ahnend, dass die Gotteskrieger im Präsidentenpalast bereits fröhlich Selfies schossen, als die Tinte seiner Kolumne noch nicht getrocknet war. Die Taliban nahmen Kabul am Sonntag kampflos ein, Militär und Polizei streckten, ohne Widerstand zu leisten, die Waffen, der tags zuvor noch siegesgewisse Regierungschef Ghani verließ sang- und klanglos wie ein Dieb durch die Hintertür das Land. Im Gepäck noch 25 Prozent des Staatshaushalts; denn das Leben im Exil ist erfahrungsgemäß teuer.

    So weit, so gut bzw. schlecht bzw. das ENDE. 20 Jahre westlicher Aufbau pulverisiert binnen 10 Tagen. Pulverisiert durch Kämpfer in Sandalen, die mit alten Maschinengewehren auf der Ladefläche noch älterer LKW hocken. Mit Turbanen statt Helmen auf dem Kopf. Bar jeglichen High-Tech-Schnickschnacks, mit Krummsäbeln und rostigen Armeepistolen als Standardausrüstung. Was für eine Blamage für die USA und ihre Verbündeten! Das ist, als wenn beim Kampf Tyrannosaurus Rex gegen ein Meerschweinchen das Meerscheinchen siegt. Wettquote 1 zu 10.000.

    Dass Afghanistan nach dem Rückzug der NATO-Truppen fallen wird, wusste eigentlich jeder. Und genau genommen war es allen – so lange sie keine Afghanen sind – auch herzlich gleichgültig. Hauptsache raus aus diesem Land und nie mehr Brunnen bohren. Was überraschte, war einzig die Schnelligkeit, in der eine Provinz nach der anderen wie überreifes Fallobst in die Hände der Gotteskrieger fiel. Noch am Samstag ging man in den westlichen Regierungszentralen (angeblich) davon aus, dass sich Kabul einige Wochen lang halten wird. Dieser Irrglaube währte exakt 24 Stunden. Dann entpuppte auch er sich als fatale Fehleinschätzung.

    Eine Aneinanderreihung fataler Fehleinschätzungen

    Und mit dem Stichwort „Fehleinschätzung“ sind wir endlich beim Thema dieser Kolumne angelangt. Und zwar bei den sich aneinanderreihenden deutschen Fehleinschätzungen der Situation. Nun kann man schulterzuckend sagen, dass es völlig egal ist, ob wir Deutsche in Afghanistan eine Situation richtig oder falsch einschätzen. Hauptsache, die Amerikaner wissen, wo es lang geht. Bloß wussten es die Amerikaner dieses Mal eben auch nicht. Der geplante geordnete Rückzug mutierte so binnen Minuten in eine Chaos-Flucht, wie wir sie zuletzt im April 75 in Saigon gesehen hatten.

    Natürlich ist es legitim, nach 20 Jahren aus einem Land abzuziehen, in dem man eigentlich nichts verloren hat. Es ist ebenfalls nachvollziehbar, dass man nicht jedes Jahr aufs Neue zig Milliarden Dollar in einem Fass ohne Boden versenken möchte. Der Glaube, dass 300.000 gut ausgerüstete einheimische Soldaten ausreichen müssten, um 80.000 Krummsäbel-Kämpfer ein paar Monate lang im Zaum zu halten, ist ja jetzt kein völliges Hirngespinst. Da man als Laie nicht mit täglichen Geheimdienstdossiers von der Front versorgt wird, erscheint einem das alles erstmal plausibel. Geklappt hat es allerdings weder mit dem Im-Zaum-halten, noch mit dem geordneten Rückzug. Was wir da an Bildern vom Kabuler Flughafen zu sehen bekommen, ist mit „verstörend“ sehr beschönigend umschrieben. Dass wir Deutsche es nicht schaffen, alle Deutsche rechtzeitig auszufliegen und die Ortskräfte, die für uns gearbeitet haben, zu evakuieren, ist ein Drama, das in vielen Fällen in einer Tragödie enden wird.

    5 Fragen, die jetzt gestellt werden müssen

    Nun müssen Fragen gestellt werden:
    (1) Wer wusste wann worüber Bescheid? Lieferten die Geheimdienste tatsächlich Fehleinschätzungen, oder lasen unsere Politiker die evtl. doch wahrheitsgetreuen Berichte gar nicht, oder lasen sie die Analysen zwar, wollten aber die traurige Wahrheit aus wahltaktischen Gründen nicht hören?
    (2) Weshalb wurden die schon Wochen vorher übermittelten Warnungen des deutschen Botschaftspersonals vom AA komplett in den Wind geschlagen?
    (3) Warum wurde mit den Evakuierungen nicht schon im Frühjahr begonnen? (einen entsprechenden Antrag der Grünen im Bundestag lehnten die beiden Regierungsparteien mit ihrer Stimmenmehrheit ab)
    (4) Wie konnte man 10 Tage vorher noch guten Gewissens Abschiebungen nach Afghanistan fordern?
    (5) Und last, but not least: Wer in unserer Regierung ist für was verantwortlich? Das ist die dümmste Frage von allen. Und ich entschuldige mich dafür, sie überhaupt gestellt zu haben. In der deutschen Regierung ist nie irgendjemand für irgendwas verantwortlich. Es tut allen ein bisschen leid, dass es dumm mit der Rettungskation gelaufen ist; aber das habe man vorher beim besten Willen nicht wissen können und überhaupt hätten sich ja ALLE (inkl. der Amerikaner) getäuscht. Zuallererst muss deshalb Joe Biden den Job an den Nagel hängen, bevor in Berlin über Rücktritte nachgedacht wird.

    Das Kabinett Merkel IV, das in Punkto „Mittelmäßigkeit“ viele Vorgänger-Kabinette schon lange überholt hat, zeigt sich in diesen Tagen von seiner traurigsten Seite: ALLE waren ahnungslos (beim BND hängen sich gerade 5 Afghanistan-Experten auf, während ihre Analysen eilig geschreddert werden), Kanzlerin und Minister geben sich zerknirscht, versprechen, JETZT alles Menschenmögliche zu tun, um die Leute rauszuholen und düsen dann fort zum nächsten Wahlkampfauftritt in Lüneburg oder Würselen, um auch dort die Zerknirschten zu mimen.

    Kandidat Laschet warnt davor, dass sich 2015 auf gar keinen Fall wiederholen darf und regt an – dabei eifrig assistiert von Kandidat Scholz –, stattdessen den Afghanen vor Ort zu helfen. Beispielsweise, indem man den afghanischen Frauen, die nun erneut von Bildung ausgeschlossen werden, per Geheimkurier ausrangiertes deutsches Unterrichtsmaterial nach Hause schickt. Oder den 1500sten Brunnen bohrt, oder Zelte für Flüchtlingslager spendet, oder Geld an die Taliban überweist, damit die das dann gerecht auf die Bevölkerung verteilen. Aber bloß KEINE Asyl suchenden Afghanen in Deutschland! Die sollen entweder zu Hause bleiben und sich mit der Theokratie arrangieren oder in die USA auswandern. Da ist mehr Platz, und die Amerikaner haben uns den ganzen Schlamassel schließlich eingebrockt.

    Eine Ära endet im Debakel

    Während ich diese Zeilen tippe, fliegen deutsche Soldaten ein paar hundert Ortskräfte aus. Die vorher brav sämtliche Einreisedokumente ausgefüllt und zum Flughafen mitgebracht haben. War ein Kästchen falsch angekreuzt, musste man nochmal zurück nach Hause, das Dokument erneut ausdrucken und durfte sich dann wieder hinten in der Evakuierungsschlange anstellen. 2500 (von geschätzt 20.000) Menschen, die wir vor den religiösen Mordbuben in Sicherheit bringen, werden es am Ende wohl sein. Fehlen also nur 17.500, die wir aufgrund grob fahrlässigen Nichtstuns schnöde ihrem Schicksal überlassen. Aber da unsere Regierung das ja alles nicht ahnen konnte, sind die 2500 selbstredend als mittelgroßer Erfolg zu buchen.

    Und ganz ehrlich: Ich bin schon froh, dass die deutschen Maschinen überhaupt abhoben, sich wegen Materialermüdung nicht gerade in einem Reparatur-Hangar befanden und genügend Kerosin getankt hatten. Sollte ich jemals von irgendwo evakuiert werden müssen, vertraue ich im Zweifelsfall lieber auf die Amerikaner als auf unsere Bundeswehr.

    Wäre es 5 Wochen vor der Wahl nicht egal, würde ich jetzt am Ende dieser Kolumne noch was Gepfeffertes zu den DRINGEND gebotenen Rücktritten schreiben. Mit gutem Beispiel vorangehen müsste allerdings die Kanzlerin, denn bei einem solch eklatanten Prognose-Versagen, wie wir es gerade in Bezug auf die fatale Fehleinschätzung in Afghanistan sehen, wären Außenminister und Verteidigungsministerin bloß Bauernopfer. Der Fisch … (den Satz dürfen Sie selbst vervollständigen).

    Mit dem schnöden Im-Stich-lassen vieler Helfer und derer Familien endet die Ära Merkel unrühmlich.

    PS. lasst die Afghanen bei uns rein! Vor allem die Kinder und Frauen. Für das Desaster am Hindukusch sind wir Deutsche mehr verantwortlich als die bitterarmen afghanischen Nachbarländer, die nun die Menschenströme aufnehmen und für den reichen Westen die Flüchtlingssuppe mal wieder auslöffeln sollen.

  • Ich bin ein Boomer. Wer holt …

    Ich bin ein Boomer. Wer holt …

    „Mama, hinter uns ist ein Boomer“, sagt die Kleine an der Supermarktkasse.
    Ich schaue hinter mich. Hinter mir steht keiner.
    „Das Wort hat sie im Kindergarten aufgeschnappt. Entschuldigung“, erklärt die Mutter, die sich zu mir umgedreht hat, mich bei ihrer Entschuldigung aber mit Augen ansieht, die unmissverständlich signalisieren, dass sie ihrer Tochter innerlich recht gibt.
    „Nicht der Rede wert“, sage ich und packe fettarmen Käse, kalorienreduziertes Dosenravioli und zuckerfreie Grapefruitlimo aufs Band.
    „8.23 Euro. Zahlen Sie mit Karte oder bar?“, fragt die hübsche Kassiererin.
    „Bar“, sage ich.
    „Natürlich“, sagt die hübsche Kassiererin in einem Ton, der deutlich zum Ausdruck bringt, dass es dumm ist, einen Boomer zu fragen, ob er eine EC-Karte für einen 8€23-Einkauf benutzt, sie diese Frage aber trotzdem stellen muss.

    Auf dem Weg zurück stoppe ich an der Apotheke und besorge mir dort was für den Magen, den Blutdruck, gegen Haarausfall und für ein erfülltes Sexleben. Die Apothekerin packt mir freundlicherweise noch eine Probe Krampfaderprophylaxe-Creme forte ein. „Kann man nicht früh genug mit anfangen. Sie als Boomer gehen ja schon stark auf die 60 zu“, sagt sie. Auf der Theke liegt ein Prospekt „Rollator leasen leicht gemacht“, den tut sie mir zusätzlich dazu. Im Briefkasten entdecke ich einen Flyer mit der Überschrift „Seniorenstift Elysium – Paradies für mittelprächtig verdienende Bommer“.

    Wo kommt diese inflationäre Boomer-Scheiße plötzlich her, wundere ich mich, während ich gleichzeitig überlege, zu welchem anderen Zweck man ne Krampfaderprophylaxe-Probe sonst noch verwenden kann. Mir fällt nichts Gescheites ein und deshalb werfe ich die Krampfaderprophylaxe-Probe ungeöffnet in die Schublade mit den anderen ungeöffneten Proben.

    Was genau zum Teufel ist ein Boomer?

    Boomer, was genau zum Teufel ist ein Boomer, hämmert es in meinem Kopf. Ich beschließe, eine schnelle Meinungsforschung am Telefon durchzuführen und rufe meine 3 Kinder an. Nacheinander, jeweils einzeln, sie wissen vorher nicht Bescheid, Antwort muss spontan – ohne Zuhilfenahme fremder Quellen – erfolgen.

    „Habe den Begriff noch nie gehört“, sagt Sohn Nr. 1 und legt wieder auf, weil er anderweitig beschäftigt ist und von Forschung am Telefon generell wenig hält.
    „Die sind in etwa so alt wie du und technisch völlig unbegabt“, meint Sohn Nr. 2.
    „Boomer liegen voll im Trend. Jeder will einen haben“, erklärt wiederum die Tochter.

    Damit ist schon mal bewiesen, dass meine Kinder nicht im selben Kindergarten waren wie die Kleine vorhin an der Supermarktkasse.

    Ich mache mich im Internet schlau:

    Der Ausdruck „Boomer“ bezieht sich auf die Personen, die zur Zeit des „Baby-Booms“ geboren wurden. Dieser Zeitraum umfasst ungefähr die Mitte der 1950er und 1960er Jahre, somit sind die jüngsten Personen aus dieser Generation heute um die 60 Jahre alt.
    © Netzwelt

    Die Phrase „OK Boomer“ wird als Erwiderung auf Meinungen älterer Personen, meist aus der Baby-Boomer-Generation, verwendet, die vom Aussprechenden individuell als engstirnig, veraltet, negativ-abwertend oder herablassend empfunden werden. Häufig handelt es sich dabei um Aussagen, die sich auf den technischen Fortschritt, die globale Erwärmung, die Definition von Minderheiten oder auf allgemeine Einstellungen und Wertvorstellungen der jüngeren Generation (häufig als Generation Woke oder Generation Snowflake bezeichnet) beziehen.
    © Wikipedia

    „Ok, Boomer“ ist eine Aussage, die dafür verwendet wird, um despektierliche Aussagen der Baby Boomer Generation (Personen, die nach dem zweiten Weltkrieg zwischen 1946 und 1964 geboren sind) gegenüber den Millenials (Generation Y, ab 1980er bis Mitte 1990er) und der Generation Z (ab 1997 – 2012) zu relativieren.

    Einfacher gesagt: Die Jugend von heute ist genervt von den respektlosen Aussagen und dem Schubladendenken der Eltern und Großeltern und tut diese mit den Worten „Ok Boomer“ ab. Diese beiden Worte könnten in ihrer inhaltlichen Bedeutung auch mit einem ironischen „Ok, alles klar“ oder „Spinn dich aus“ oder „Ja ne, ist klar“ übersetzt werden.
    © studihub.de

    Boomer bezeichnet also einerseits eine Geburtsdekade bzw. zwei davon und drückt mit dem Zusatz „OK“ eine Geisteshaltung aus, und zwar eine nicht so schöne: engstirnig, veraltet, negativ abwertend und herablassend.

    Das verdient eine kurze Würdigung.

    Wir konstruieren einen Beispiel-Boomer

    An unserem Geburtsjahr können wir nachträglich nicht allzu viel ändern. Wir können uns optisch aufhübschen oder aufhübschen lassen (Toupet, falsche Zähne, Dr. Juchheim, Botox oder uns bei einem Schönheitschirurg für ein Rundum-Erneuerungspaket unters Messer legen), im Darknet neue Ausweispapiere bestellen. Unsere inneren Organe haben trotzdem 60 Jahre auf der Uhr, auch wenn die Lippen aufgespritzt sind und im Fake-Perso bei Geburtsjahr 1981 vermerkt ist. Und ebenfalls das Gehirn wird durch Toupet und Dr. Juchheim nicht einen Tag jünger. Biologisch 60 ist und bleibt nun mal 60. Ärgerlich, aber bis zum 70sten gewöhnt man sich daran.

    Bei der uns 60-jährigen zugeschriebenen Geisteshaltung müssen wir allerdings ein wenig differenzieren: Es gibt zum einen Boomer, die auch wie Boomer denken (Typ A), und es gibt des Weiteren  Boomer, die nicht wie Boomer denken (Typ B). Im Folgenden beschäftigen wir uns mit Typ (A). Und zwar in der Ausprägung: männlich und weiß (den Zusatz „alt“, den man mitunter sieht, braucht es nicht. Denn wer 60 ist, ist alt und ist sich dessen aufgrund quietschender Bandscheibe und häufiger Zahnwurzelbehandlungen durchaus bewusst).

    Typ (A) sei in unserem Beispiel ein (beinahe) 60-jähriger Kolumnist aus dem Rheinland. Geschieden, 3 Kinder. Sein Geld verdient er tagsüber mit Marketing & Orga. Abends schreibt er. Zudem hängt er viel in Facebook ab. In Twitter (da stört er sich an der Textlimitierung auf 280 Zeichen) und in Instagram (da stört er sich an allem) begegnet man ihm hingegen selten. Von Tiktok und ähnlichem Nonsens lässt er komplett die Finger weg. Jetzt wollen wir die Attribute engstirnig und veraltet mal hinsichtlich der oben in Wikipedia genannten Themenbereiche unter die Lupe nehmen:

    (I) Technischer Fortschritt
    Hier gilt die Aussage von Sohn Nr. 2 „Technisch völlig unbegabt“ vollumfänglich. Unserem Kolumnisten sind neue Apps und Software-Updates grundsätzlich suspekt. Nicht selbst erklärende Programme, in die er sich einarbeiten muss, hasst er. Alexa, Siri und Cortana hasst er noch viel mehr. Wenn der Laptop nicht das tut, was er will – und der Laptop tut oft nicht das, was unser (beinahe) 60-jähriger Kolumnist will – steht er manchmal kurz davor, das Teil aus dem Fenster zu werfen. Davon hält ihn einzig der Gedanke ab, dass ein neuer Laptop teuer ist und tagelang mühsam konfiguriert werden muss.

    (II) Globale Erwärmung
    Ja, es wird wärmer. In manchen Jahren auch nicht; in denen wird es dafür nasser. Den Unterschied zwischen Wetter und Klima kennt unser Kolumnist. Zumindest oberflächlich. Er sagt, dass es in seiner Kindheit noch richtige Winter und richtige Sommer gab. Vielleicht irrt er sich aber auch, denn im Alter lässt die Gedächtnisleistung nach. Ob Holland in 20 Jahren überflutet wird, interessiert ihn vor allem unter dem Aspekt, ob dann noch mehr Holländer als sonst schon üblich die Campingplätze am Rheinufer bevölkern werden. Da er selber in 20 Jahren 80 sein wird und im Seniorenstift Elysium vor sich hindämmert, interessiert es ihn die Sache mit Holland in Not allerdings nicht so brennend. Greta Thunberg mag er. „Die ist blitzgescheit, macht ihr Ding und bleibt cool dabei. Das gefällt mir“, sagt er. „Und warum schließt du dich ihr dann nicht an?“, fragt ihn die Tochter. „Weil ich mich ja nicht jedem anschließen muss, nur weil ich ihn cool finde“, erwidert er. „Und dein ökologischer Fußabdruck, was ist mit deinem ökologischen Fußabdruck?“, hakt die Tochter nach. „Der ist gar nicht so schlecht. Vor allem weil ich wenig Sachen kaufe und die meisten Dinge so lange gebrauche, bis sie von selbst auseinanderfallen. Ressourcenschonung durch Konsumverzicht.“

    „Würdest du auch auf dein Auto verzichten?“, will die Tochter wissen.
    „Auf gar keinen Fall!“

    (III) Definition von Minderheiten
    Hier kann sich unser Kolumnist nach etlichen – zumeist ergebnislos verlaufenden – Facebook-Diskussionen zu diesem Thema des Eindrucks nicht erwehren, dass es für eine nicht unerhebliche Anzahl Mitmenschen weniger wichtig ist, ob man greifbaren Minderheiten (z.B. Flüchtlingen) in der Realität konkret helfen kann, sondern es sich zuvorderst um eine akademische Befindlichkeitsdebatte dreht. Man definiere eine x-beliebige Minderheit (z.B. Schwule Veganer in der Fußballfan-Szene), dichte sich selbst dazu und fühle sich sofort diskriminiert: Ich gehöre der Gruppe der Schwulen Veganer im BVB-Block an und finde es total ungerecht, dass ich immer der erste bin, der von den Schalkern aufs Maul bekommt.

    Wenn man dann als Typ A-Boomer einwendet …:
    (a) man muss sich als schwuler Veganer nicht unbedingt in den BVB-Ultrablock stellen
    (b) die Sache mit Schalke hat sich ja jetzt für ein paar Jahre von selbst erledigt, da Königsblau nicht mehr erstklassig ist
    … erschallt umgehend der Ruf: OK Boomer! (im Sinne von: DU Nullchecker hast wie immer gar nichts verstanden!!!).
    Vermutlich so ein Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung-Ding.

    Boomer ernähren sich von Currywurst und fahren alte Diesel

    Typ-A-Boomer sind idR. keine Veganer und legen im Sommer schon mal ein Discount-Kotelett auf den Grill. Von me2 haben sie gehört, kannten aber die meisten der „neuen“ Verhaltensregeln gegenüber Frauen schon aufgrund der Erziehung, die sie in den 60-er und 70-er Jahren bei ihren Eltern genossen hatten. Dass man Sekretärinnen nicht ungefragt an die linke Arschbacke greift (auch nicht bei der Weihnachtsfeier) und schlüpfrige Witze im Büro oft megapeinlich sind, wissen Boomer nicht erst, seit es Harvey Weinstein an den Kragen ging. Und als die Boomer in den 80ern gegen Apartheid und Rassismus in Südafrika auf die Straßen strömten und für die Freilassung von Nelson Mandela demonstrierten, waren viele von denen, die sich heute lautstark gegen jedwede Form von Diskriminierung wenden, noch gar nicht als Samenzelle im Hoden ihres nicht-gebärenden Elternteils existent.

    Die politische Gesinnung des Typ-A-Boomers ist bisher noch wenig erforscht. Man findet ihn kreuz und quer über alle Parteien verstreut. Eventuell mit leichter Schwerpunktbildung rechts von der Mitte. Mir sind allerdings Typ-A-Vertreter auch in SPD, Linker und sogar bei den Grünen bekannt. Unser Beispiel-Kolumnist verortet sich selbst im linksliberalen Spektrum, sieht sich jedoch, seit der organisierte Liberalismus sich auf Einkommensteuererklärungen, die auf Bierdeckel passen müssen und Gratis-WLAN für alle verzwergt, politisch als heimatlos an. Ein Typ-A-Boomer kann also gleichzeitig Carnivore (gerne Currywurst) und sozialisationsbedingt strikt hetero sein, einen alten Diesel fahren und Gendern meiden wie weiland seine konservativen Eltern die Mao-Bibel, aber gleichzeitig mit schwulen Kumpels im Ultrablock des BVB (beim gewählten Beispiel-Boomer wäre das jedoch die Südkurve des Effzeh) stehen und die Notwendigkeit zeitnah zu treffender klimapolitischer Maßnahmen anerkennen. Ganz so eindeutig, wie es das „OK“ signalisieren soll, ist es mit dem Typ-A-Boomer dann doch nicht. Bzw. der Typ-A-Boomer ist durchaus bunter, als es das „Ok!“ vermuten lässt.

    Dass einem die Älteren mit ihren antiquierten Ansichten oft auf den Sack gehen, ist nämlich nun wahrlich nichts grundlegend Neues bzw. keine Erleuchtung, die erst den Millenials kam. Auch mir gingen mein Vater und mein Großvater mit ihren von meiner jugendlichen Perspektive abweichenden Blickwinkeln oft ganz gehörig auf den Sack. Ich nannte sie nicht Boomer (da ich den Begriff nicht kannte, und weil das ja auch falsch gewesen wäre), sondern Neandertaler, um mir dann von meinem Vater erzählen zu lassen, dass der 30 Jahre früher seinen Vater und Großvater ebenfalls als aus der Zeit gefallen angesehen hatte. Der Ok-Boomer-Generationenkonflikt ist also so alt wie die Menschheit selber. Die Themen, über die gestritten und diskutiert wird, ändern sich, der Tenor bleibt jedoch immer dieselbe: Die Jugend sieht es anders als die Alten.

    Ganz anders der Typ-B-Boomer

    Vom Typ A- müssten wir jetzt noch den Typ B-Boomer streng unterscheiden. Da jedoch die Uhrzeit schon weit fortgeschritten ist, und es für den Typ-A-Kolumnisten langsam Zeit wird, an seinen Vor-Mitternacht-Schlaf zu denken, wollen wir an dieser Stelle stoppen. Zum B-Typ nur so viel: Der ist woker als die meisten Millenials. Surft genauso sicher auf der Zeitgeistwelle wie ein 25-jähriger Soziologiestudent der FU Berlin und gendert beidhändig fehlerfrei. Weshalb ihm auch nie ein strenges „Ok Boomer!“ entgegenschallt. Diese Kolumne sollte aber am besten von einem B-Typ-Boomer geschrieben werden.
    +++

    Und nun wird’s Zeit für die Magenpillen (oder ist heute der Blutdruck an der Reihe?) und die Anti-Haarausfalltinktur, bevor unserem (Beispiel-) Kolumnisten bei Folge 5 (Staffel 7) von „The walking dead“ auf Netflix die Augen zufallen werden.

  • Im Land der Selbstgerechten

    Im Land der Selbstgerechten

    Wenn ein Tourist (bspw. ein Han-Chinese aus Schanghai) uns Deutsche für seine daheimgebliebenen Parteigenossen charakterisieren soll, dann dürfen folgende Attribute in seiner Aufzählung nicht fehlen: Bratwurst, solide Mittelklasse- und Oberklasse-PKW, die rund um die Uhr auf Vollepulle-Autobahnen dahinflitzen, Luther, Beethoven (der allerdings seine produktivste Zeit in Österreich verbrachte), Heidegger (unter der Voraussetzung, dass sich unser chinesischer Tourist für Fragen der theoretischen Philosophie interessiert), paradiesisches Refugium der 10.000 Biere und nicht viel weniger Brotsorten, aber auch Land der Freitagabendstammtisch-Komatrinker und der 24/7-Selbstgerechtigkeit. Gibt kaum ein anderes Volk weltweit, das sich derart im Besitz der Wahrheit wähnt und mit diesem Wahn seinen Nachbarn ständig gewaltig auf die Nüsse geht. Wenn wir Deutschen sagen, der Müll gehört 5-fach getrennt, weil nur auf diese Weise die Welt gerettet werden kann, dann ist das Fakt und alternativlos. Kein Urlaubsort, wo keine 5-fach Mülltrennung! Weshalb wenige Deutsche nach China zum Skilaufen oder ans Meer fahren, während die Han-Chinesen keine Berührungsängste mit dem deutschen Freitagabendkomasaufen zeigen und sich nur hin und wieder über unser mittelalterliches Mobilfunknetz wundern. Womit wir uns vom chinesischen Touristen, der bloß als Intro diente, schon wieder ab- und dem Kern dieser Kolumne, der wahnhaften Selbstgerechtigkeit, zuwenden.

    Scheißestürme in der digitalen Jauchegrube

    Die Kehrseite des uns mit der Muttermilch eingeflößten Hangs zur Selbstgerechtigkeit (Herr, ich bin gut, weil ich meinen Müll 5-fach trenne und die Milch beim Biobauer kaufe) lautet Entrüstung: Herr, strafe meinen Nachbarn, der seinen Müll nicht trennt und die Milch beim Aldi holt!

    Besonders augenfällig ist die Empörung der Selbstgerechten in den Sozialen Netzwerken aka digitale Jauchegruben, wo dieses Phänomen als Shitstorm bezeichnet wird, was man mit Scheißesturm übersetzen könnte, jedoch nicht tut, weil sich Scheißesturm irgendwie unfein anhört. Während wir in der guten alten Boomer-Zeit Shitstorms – die damals noch nicht so, sondern irgendwie anders hießen. Der Begriff fällt mir aber gerade nicht ein, und ich bin zu faul zum Recherchieren. Deshalb belassen wir es beim Shitstorm – bloß aus dem Boulevard kannten, man ihnen also entgehen konnte, indem man sich am Kiosk nicht die BILD, sondern den Kicker besorgte, kann ihnen (also: den Shitstorms) heutzutage niemand mehr entfliehen. Es sei denn, er meldet sich aus sämtlichen Online-Foren ab, wirft PC & Smartphone in den Müll und übersiedelt auf eine einsame Insel am Rande der Arktis, die noch nicht an die globale Kakophonie angeschlossen ist.

    Wie das mit allen Sachen, die anfangs Spaß machen (z.B. Schnaps, Koks, Fetischspiele) so ist, mutiert die anfänglich sporadische Nutzung schnell zur Sucht: Herr gib mir meinen täglichen Shitstorm, an dem ich mich mit selbstgerechten Kommentaren beteiligen darf! Denn ohne meine tägliche Dosis Selbstgerechtigkeit fühle ich mich unausgeglichen und antriebslos.

    Gut zu beobachten in den vergangenen 14 Tagen bei den Olympischen Spielen, bei denen wir von den Athleten nicht nur Medaillen – denn wozu sonst geben wir Jahr für Jahr so viel Steuergeld für den Spitzensport aus? Geld, das man alternativ auch für die Erforschung der 6-fachen Mülltrennung einsetzen könnte –, sondern ebenfalls hyperkorrektes Benehmen erwarten. Eine Rugbymannschaft, die sich abends aus Frust über eine Niederlage volllaufen lässt und in die Duschkabine pisst, geht nicht ( = Alkoholexzess), ein Coach, der vom Straßenrand aus seinem Fahrer zuruft, „Hol dir den Kameltreiber!“, geht doppelt nicht ( = steht unter dringendem Rassismusverdacht) und eine 5-Kämpferin, die auf einem lahmen Gaul, der sich weigert, über die Hürden zu springen, in Tränen ausbricht, während ihre Trainerin verzweifelt „Hau drauf!“ schreit, geht dreifach nicht ( = Tierquälerei). Und wenn im Volk der Discount-Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler eins noch schlimmer ist als die Erhöhung der Fleischpreise, dann ist es das Stigma ‚Tierquäler‘. Haben Sie schon mal den Du-elender-Tierquäler-Todesblick einer Nachbarin erlebt, deren Hund in ihrer 2-Zimmer-Wohnung 12 von 24 Stunden kläfft und jault, bis man ihm entnervt vom Balkon aus zuruft, „Hör endlich auf, sonst komm ich rüber und setz dich am Flussufer aus oder bringe dich ins Tierheim zum Einschläfern“? Nein? Ich schon.

    Und so erwischte die deutsche 5-Kämpferin folgerichtig die volle Breitseite eines Shitstorms der Stärke 8: Negativberichterstattung in den Medien, Youtube-Clips, in denen sie heulend auf der bockenden Mähre gezeigt wird, vernichtende Kommentare in den „Sozialen“ Medien zzgl. Hassnachrichten an ihre persönliche Adresse.

    Da muss man als Tierquäler durch, sagen Sie?
    Ja, da muss man heutzutage als weinende 5-Kämpferin halt durch, antworte ich.

    Empörungswellen werden zu 99.9% von Ahnungslosen dominiert

    Unnötig zu erwähnen – ich tue es der guten Ordnung halber trotzdem –, dass 99.9 Prozent der Shitstorm-Teilnehmer von Pferden und vom Pferdesport Nullkommanull Ahnung haben. Ich übrigens ebenfalls nicht. Aber ich beteilige mich an solchen Aktionen auch nicht, sondern schreibe lieber im Nachgang eine Kolumne darüber. Ob also der Sachverhalt, dass ein Reiter seine Gerte einsetzt, um das Pferd zum Sprung zu bewegen, bereits den Tatbestand der Quälerei erfüllt, kann ich nicht beurteilen. Das mögen Experten tun. Was ich jedoch auch als Laie darf – Fragen stellen:
    (a) Weshalb werden Pferde im Modernen 5-Kampf als Sportgeräte angesehen?
    (b) Warum muss bei einem 5-Kampf überhaupt geritten werden?
    (c) Springen Pferde gerne über (hohe) Hindernisse, oder müssen sie vorher (hart) trainiert werden, damit sie es unter Wettbewerbsbedingungen tun?

    (a) ließe sich schnell lösen, (b) hört sich so an, als müssten die Funktionäre dazu 10 Jahre beraten, um am Ende dann alles beim Alten zu belassen und (c) rüttelt an den Grundfesten des Reitsports. Kann mir keiner weismachen, dass Pferde freiwillig dämliche Pirouetten drehen und mit Freude über Mauern und Wassergräben hüpfen. All das setzt HARTES Training voraus. Und zwar mit Methoden, die den Einsatz der Gerte durch die deutsche 5-Kämpferin wie einen zarten Klaps auf den Po erscheinen lassen, während man im Verborgenen, da wo keine Kameras zugelassen sind, auch den Einsatz von Elektroschocks kennt.

    Wir Reiter lieben unsere Pferde, kommt jetzt?
    Das tun Eiskunstlauf-Mütter und Turnerinnen-Väter auch, wenn sie ihre Töchter noch im Kindergartenalter jeden Tag ins Sportzentrum chauffieren, damit sie dort so lange geschunden (pardon: trainiert) werden, bis sie endlich olympiafähig sind und mit 14 Jahren Sachen auf dem Schwebebalken machen, wo’s mir beim Zuschauen mehr gruselt als bei Carpenters Halloween 1 (übrigens ein guter Film. Die nachfolgenden Teile taugen hingegen wenig. Aber das ist bei nachfolgenden Teilen ja oft so).

    Ob das Whataboutismus ist?
    Natürlich ist es das.
    Aber wer sagt denn, dass Whataboutismus immer verkehrt ist?

    Der Shitstorm als würdiger Nachfolger des Lynchmobs

    Was hat das nun alles mit selbstgerechter Empörung zu tun? Stimmt, ich bin ein wenig vom Ausgangsthema abgewichen. Eine Marotte alter Männer, für die ich mich beim eiligen Leser entschuldige. Deshalb jetzt zurück zum Auslöser des Textes:

    Der Shitstorm gegen die deutsche 5-Kämpferin fällt in 2 Kategorien:

    (A) oberflächlich, uninformiert
    Nicht die einzelne Athletin gehört an den Pranger gestellt, sondern der Verband, der Pferde als Ausleih-Sportgeräte ansieht, muss die Breitseite der Kritik abbekommen. Nicht die mediale Gerte ist das Problem, sondern die Trainingsmethoden, die im Hintergrund praktiziert werden, sind grenzwertig bis hin zu unmenschlich (besser: komplett wider die tierische Natur).

    (B) selbstgerecht
    Obwohl ich (in diesem Fall meine ich Sie und nicht mich) jede Woche 5 Kilo Fleisch aus Massentierhaltung auf meinen Webergrill lege und eine Gerte nicht von einer Trense unterscheiden kann, erlaube ich mir eine Meinung „TIERQUÄLEREI!“ und nehme selbstverständlich am Shitstorm teil. Denn die Teilnahme an einem Online-Lynchmob ist Gute-Bürgerpflicht, v.a. für diejenigen, die ihren Müll 5-fach trennen (Lynchmob trifft es ganz gut, denn beim Lynchen war/ist der Grund des Hängens eigentlich nebensächlich. Hauptsache, es wurde jede Woche einer gehängt, und man war nach dem Zuschauen pünktlich zum Abendessen wieder zurück zu Hause und sprach vor Bratwurst und Stielkotelett ein frommes Tischgebet).

    Hauptsache, die Bratwurst liegt pünktlich auf dem Grill

    Während wir in den guten alten Zeiten Hinrichtungen und Shitstorms allenfalls im Wochenrhythmus erlebten, werden wir heute beinahe täglich Zeuge einer Online-Exekution. Ich kann mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass wir geradezu sehnsüchtig auf den nächsten Fauxpas eines A-, B-, C- oder D-Promis oder werbetreibenden Unternehmens warten, um dem dann Minuten später unsere geballte Laien-Wut um die Ohren zu hauen. Mittlerweile reichen Schlüpfrigkeiten à la, „Oralverzehr – schneller gelangst du nicht zum Samengenuss (True Fruits)“, um die Empörungsmaschine anzuwerfen und zehntausendfach Schmähkommentare zu generieren. Unser Dealer (pardon: Gratisinformationshändler) versorgt uns mehrmals am Tag mit niedrigschwelligen Shitstorm-Angeboten, von denen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit 1 oder 2 auswählen werden, um uns im Anschluss online auskotzen und abreagieren zu können. Die Ziele unserer Hasstiraden sind egal und beliebig austauschbar (wer wird morgen noch wissen, wie der Name der weinenden 5-Kämpferin lautet?). Wichtig ist einzig: Wir haben uns ausgekotzt, teilen dieses Kotzen mit möglichst vielen anderen (denn alleine kotzen kann mitunter peinlich sein. Schon klüger, wenn sich viele gleichzeitig übergeben) und fühlen uns im Anschluss euphorisch: Ich, der Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler, der seit Jahren seinen Müll penibel 5fach trennt, habe dieser unsäglichen Athletin jetzt mal ordentlich Bescheid gegeben. Da schmeckt das abendliche Schweinenackensteak gleich um 10 Keulenschläge besser. Und weil die Euphorie nur von kurzer Dauer ist, der Patient (korrekt: der Social-Media-Abhängigkeitserkrankte) sich bereits am Morgen danach wieder lustlos und schlapp fühlt, muss schnell nachgefeuert werden, weshalb man/frau sich um 6.30 vor den Monitor setzt und mit zittrigen Fingern nach dem nächsten „Skandal“ forscht. Und so weiter und so Kacke in die Tastatur, bis die Wände des Internets am Abend mal wieder komplett mit Scheiße beschmiert sind.
    +++

    Zum Schluss der Kolumne 3 Merksätze:

    (1) Die Teilnahme an einem Shitstorm ist vergnüglich, so lange es einen nicht selbst erwischt.

    (2) Sobald man/frau die Schwelle zur Shitstormabhängigkeit überquert hat, wird kontrolliertes Shitstormen unmöglich. Da hilft dann bloß noch die komplette Abstinenz (Monitor & Smartphone in den Müll = Elektroschrott = Tonne Nr. 6).

    (3) Auch Kolumnisten profitieren von Shitstorms. Wir tippen allerdings keine Hasskommentare, sondern schreiben im Anschluss eine Kolumne darüber. Mit der wir dann, wenn die Reichweite stimmt, höllenmäßig viel Geld verdienen.

  • Olympia und das neue K-Wort

    Olympia und das neue K-Wort

    Seit gestern ist im Index der nicht sagbaren Wörter auch der Buchstabe K besetzt.

    Was war geschehen?

    „Beim Einzelzeitfahren der Männer kam es zu einer rassistischen Äußerung durch den deutschen Leistungssportdirektor des Bunds Deutscher Radfahrer. Patrick Moster rief Nikias Arndt bei seinem Rennen »Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!« hinterher. Vor Arndt fuhren zu diesem Zeitpunkt Azzedine Lagab aus Algerien und Amanuel Ghebreigzabhier aus Eritrea.“
    © Spiegel online: Rassismus-Eklat um deutschen Radsportdirektor

    Die zu erwartende Empörungswelle in Print- & Onlinemedien zzgl. Soziale Plattformen nahm direkt Fahrt auf. Auch die Tagesschau berichtete in ihren 20h-Nachrichten und betonte dabei, dass sich ihr Reporter völlig korrekt verhalten habe, indem er die Äußerung des Trainers SOFORT mit dem Etikett „unterirdisch“ belegte.

    Wenn man sich die Szene auf Youtube anschaut (!Achtung Triggerwarnung: nicht tauglich für sensible Gemüter!), kommt man nicht umhin, in der Bild-Ton-Kombination eine gewisse Komik zu erkennen. Die Szene erinnert an einen Benny-Hill-Clip, in dem er als Besucher eines Windhundrennens auf einen Hund wettet, der dem Feld jedoch weit hinterherläuft, woraufhin Hill von der Tribüne in den Parcours springt, neben seinem Favoriten herläuft, den er abwechselnd anfeuert, um direkt im Anschluss die vor ihm liegenden Hunde mit wenig schmeichelhaften Tiernamen zu belegen. Das geht so munter 90 Sekunden lang hin und her. Am Ende gewinnt Benny Hill das Rennen, sein Favorit liegt röchelnd am Boden und Hill zerreißt wütend den Wettschein. (ob ich jetzt Radfahrer mit Hunden gleichsetzen möchte? Um Gotteswillen: nein! … falls der Clip nicht von Benny Hill stammen sollte, dann habe ich ihn entweder woanders gesehen oder geträumt oder frei erfunden).

    Das K-Wort im Zeitalter der Wokeness

    woke = (englisch ,erwacht‘, ,wach‘, ist ein aus dem Afroamerikanischen Englisch der 1940er Jahre stammender Ausdruck, der ein ‚erwachtes‘ Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus beschreibt.
    © Wikipedia: woke

    Im heraufdämmernden Zeitalter der 24/7-Wokeness unterscheiden wir bei den aufgrund ihrer Nicht-Sagbarkeit auf 1 Buchstaben verkürzten Wörtern 3 Empörungsgrade:

    (A) heftig: gilt demjenigen, der den indizierten Ausdruck aktiv benutzt
    (B) mittel: verwendet den Ausdruck zwar nicht, sympathisiert aber mit denjenigen, die ihn nutzen und/oder sagt zwar offiziell „Schwarzer“, denkt aber insgeheim „N“ (ist natürlich alles nicht so einfach nachzuweisen; aber sobald der Schwindel auffliegt, ist Empörung gewiss)
    (C) leicht: zitiert das Wort. Z.B. um seine Verwendung in einer Schulmaterialie anzuprangern. Aus woker Sicht ist jedoch auch das nicht zulässig. Denn das Zitat könnte eventuell darauf hindeuten, dass man es nur als Vorwand benutzt, um N endlich mal in Gänze auszusprechen. Dafür gibt’s allerdings nur einen kleinen Shitstorm. Nicht zu vergleichen mit (B) oder gar (A).

    Ich prüfe mich selber: (A) trifft bei mir nicht zu. In meinem Wortschatz, der aus max. 3000 Wörtern besteht (fürs Schreiben einer Kolumne reichen auch weniger), kommt „Kameltreiber“ nicht vor. Kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dieses Wort in den vergangenen 59 Jahren schon mal aktiv genutzt zu haben. Aber Sie tun es gerade hier, Herr Hirsch, unterbrechen Sie mich? Stimmt, antworte ich; aber ich zitiere ja bloß. Auch das darf man nicht? Das Wort sei absolut unsagbar? Okay, das handeln wir zwei Absätze später unter (C) ab. Bitte noch 20 Sekunden Geduld.
    (B) Ich denke auch nicht, wenn ich „algerischer Radfahrer“ sage, heimlich an das K-Wort. Kamele und deren Treiber tauchen ebenfalls nicht in meinen Träumen auf. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, ein bisher Kamel- & Treiber-loses Leben geführt zu haben.

    Wo liegt dann das Problem, Herr Hirsch, kommen Sie endlich zum Punkt.
    Okay; ich beeile mich.

    Bei (C) hat es mich gestern erwischt: ich habe das K-Wort ausgeschrieben und erinnerte mich daran, „Kameltreiber“ in meiner Kindheit in Karl Mays „Im Lande des Mahdi I“ gelesen zu haben, woraufhin ich dem deutschen Trainer für die Zukunft folgenden aufmunternden Satz empfahl: „Was trödelst du seit Stunden hinter den beiden elenden Urenkeln früherer Kameltreiber hinterher?“. Ich konnte dem Vorfall also – politisch natürlich völlig unkorrekt – eine komische Note abgewinnen, anstatt mich – das wäre an und für sich die politisch zwingend gebotene Vorgehensweise gewesen – sofort zu empören, was in der Konsequenz dann wieder zu Empörung über mich sorgte. Ich würde mich bei meinem Verfolgungswahn vor Sprachpolizei mittlerweile heillos verrennen, lautete einer der freundlicheren Vorwürfe an meine Adresse.

    Wehe dem, der erwischt wird

    Während bei gebildeten Menschen weitgehend Konsens herrscht, bestimmte toxische Begriffe nicht aktiv zu verwenden (bspw. das N-Wort) – (A) also unstrittig ist –, wird es bei (B) schon schwieriger: denn wer weiß schon so genau, ob der Gast. der im Wirtshaus ‚Zur fettigen Panade‘ zwar politisch korrekt ein Schnitzel ungarische Art bestellt, heimlich von einem Zigeunergulasch träumt? (was hier, weil man Gulasch nicht frittieren kann, jedoch nicht auf der Speisekarte steht). Aber auch hier gilt: Es ist äußerst unfein, das Z-Wort zwar nicht offen auszusprechen, es allerdings insgeheim zu denken, wenn man ein Wirtshaus betritt … So weit – so woke.

    Bei (C) gelangen wir nun in den kritischen Bereich der 24/7-Korrektheit: Weder ist es zulässig, die indizierten Wörter auszuschreiben, noch darf man sie – völlig egal, in welchem Kontext das geschieht – aussprechen. Folgerichtig musste sich die grüne Kanzlerkandidatin, als sie vor einigen Tagen das N-Wort in voller Länge zitierte, umgehend entschuldigen. Die muss sich in letzter Zeit eh oft entschuldigen, sagen Sie? Stimmt, das gehört jetzt aber nicht hierher. Dem Bild der von Kamelen auf Hightech-Rennräder umgestiegenen Wüstensöhne (hoffe, hierbei handelt es sich nicht um ein W-Wort) eine komische Note abzugewinnen, geht natürlich überhaupt nicht. Wer das auch nur ansatzweise lustig findet, wird ohne Zwischenstopp in (B) sofort in Kategorie (A) einsortiert. Das Komisch- bzw. Nicht-so-schlimm-finden eines vom Kamel aufs Rennrad umgesattelten Algeriers ist dann nahezu genauso verwerflich wie das, was der deutsche Trainer getan hat. Wahrscheinlich sogar noch verwerflicher, denn er tat es in der Hitze des Gefechts, während ich es mit Puls 60 auf meiner Tastatur tippte. Der Funktionär zeigte sich sofort reumütig und auch ich zeige mich reumütig: Ich werde ab sofort das K-Wort aus meinem Wortschatz streichen. Wobei (ja ja, ich wiederhole mich) ich schwör beim Grab meiner Mutter: Ich hab das Wort bis gestern NIE benutzt!!!

    Die Liste der nicht sagbaren Wörter

    Die Liste der nicht sagbaren Wörter füllt sich. Bald werden alle Buchstaben besetzt sein und wir müssen dann mit Erweiterungen arbeiten. Z.B. das K3-Wort. Denn wie alle Listen neigt auch das Das-darfst-du-auf-keinen-Fall-sagen-Verzeichnis dazu. ständig verlängert zu werden. Unter strenger Beobachtung befinden sich aktuell Perle, Torte, Schuss, Braut u.ä., die alsbald zu P-, T-, S- & B-Wörtern mutieren. Politisch völlig zurecht. Welche Frau will schon „Torte“ genannt werden? Trotzdem denke ich (-> Kategorie B.) mitunter wehmütig an die 80er zurück, als man in Köln seine Kumpels noch fragen durfte: „Habt ihr gerade den blonden Schuss mit dem geilen Arsch auf der anderen Straßenseite vorbeispazieren gesehen?“. Heute darf man das S-Wort noch nicht mal denken. Vorgezogenes PS. an dieser Stelle: seitdem ich die 30 überschritten habe, nutze ich das S-Wort nicht mehr aktiv. Alles hat/hatte seine Zeit. Ich hör’s aber nach wie vor ganz gerne, wenn ich es in Köln zufällig auf der Straße höre.

    Persiflage als letztes Mittel, das bleibt

    Wie alle Ismen ist auch der Wokismus besonders schlecht auf diejenigen zu sprechen, die ihn persiflieren. Dabei ist diese Denkschule nur durch ständige Persiflage oder eine Pulle Wodka zum Frühstück oder am besten beides kombiniert überhaupt zu ertragen. So wie sich in den 50ern Senator McCarthy und seine Jünger tagein tagaus von Kommunisten umzingelt wähnten, wähnen die heutigen Wokisten an allen Straßen- und Facebook-Ecken Rassismus, Sexismus oder eine sonstige Sauerei gegen irgendeine Minderheit, von der man bis dato gar nicht wusste, dass diese Minderheit überhaupt existiert. Jede Epoche hat den Wahn, den sie verdient.

    Zum Schluss jetzt noch die Woke-Regel: indizierte (also mit 1 Buchstaben abgekürzte) Wörter NIE aktiv verwenden! Das gilt sowohl fürs Sagen als auch fürs Schreiben. Sie ebenfalls nicht denken. Denn ein aufmerksamer Wokist bemerkt Ihr Mimikry. Hat vielen Gewerkschaftern und Filmschaffenden in den 50ern Nullkommanull genützt, dass sie beteuerten, nie Mitglied in der KP gewesen zu sein und gar nicht zu wissen, was in Marx „Das Kapital“ drinsteht. Es reichte der Verdacht, dass sie mit dem Sozialismus insgeheim sympathisieren könnten, und schon waren sie ihre Jobs los und/oder befanden sich in einem Gerichtssaal. Indizierte Wörter auch nicht zitieren oder sich gar über die ausufernde Indizierung lustig machen. (falls Sie in die Kategorie „supervorsichtig“ gehören, dann am besten sich ebenfalls empören, sobald die anderen sich empören. Auch wenn Sie nicht genau wissen, worüber und warum sich gerade wieder empört wird = Empörung zwecks Eigenschutz = das ist völlig legitim). Insofern Sie sich an diese einfache Regel halten, wird Ihnen nichts passieren. Es sei denn, Sie setzen versehentlich ein Like bei jemand, der sich über woke Themen lustig macht. Dann wird auch gegen Sie ermittelt. Denn woke Menschen sind stets wachsam und supermisstrauisch. Man könnte sagen: Woke ist auch nichts anderes als McCarthy 4.0 (was 2.0 und 3.0 sind? … habe ich vergessen).
    +++

    Und bevor hier jetzt gleich die woke Gegenreaktion einsetzt, besorge ich mir erstmal ne Pulle Wodka.

    PS. der deutsche Trainer wurde mittlerweile vom DOSB nach Hause geschickt. Ob ich das gerecht finde? Natürlich ist das gerecht. Wenn man das K-Wort benutzt, sollte man sich nicht vor laufender Kamera dabei erwischen lassen. Die anderen Trainer sind da schlauer und sagen sowas hinter verschlossenen Türen oder halten sich zumindest die Hand vor den Mund.

  • Von angsterfüllten Boomern und Hobby-Kapitäninnen

    Von angsterfüllten Boomern und Hobby-Kapitäninnen

    Ich will diese Kolumne mit meinen Eltern beginnen. Das tue ich, glaube ich, zum ersten Mal. Eigentlich habe ich die strikte Regel, nie einen nahen Verwandten in einer meiner Kolumnen auftauchen zu lassen; heute aber ist es als Einleitung sinnvoll.

    Als meine Eltern mich im Sommer 1961 zeugten, war ihnen beiden nicht bewusst, dass sie einen Boomer zeugen. Sie zerbrachen sich weder den Kopf über den seit Mitte der 50-er Jahre zu beobachtenden Anstieg der Fertilitätsrate, noch ahnten sie im Entferntesten, dass man ihren Sohn dereinst als Boomer bezeichnen würde. „Was, um Himmelswillen, ist ein Boomer?“, hätte meine Mutter gefragt. „Das kommt bestimmt aus Amerika“, hätte mein Vater ihr geantwortet und damit wäre das Thema für meine Mutter abgehakt gewesen, und sie hätte sich als zukünftige Boomer-Mutter der Vorbereitung des Abendessens für meinen Vater zugewandt, denn das musste pünktlich um 19 Uhr auf dem Tisch stehen. An dieser Stelle verlassen wir meine Eltern aber auch schon wieder, die damals in einer 2-Zimmer-Mansardenwohnung in Bonn-Poppelsdorf wohnten, überspringen 60 Jahre und beamen uns in die Facebook-Jetztzeit.

    Beschreibung der Szene

    Ort: Deutschland, konkret: deutsches Facebook
    Zeit: Ende Juni/Anfang Juli 21
    Oberthema: Bundestagswahlkampf
    Subplot: Wahlkampf der grünen Partei
    Szene: Der Tag, als herauskam, dass Annalena Baerbock abgeschrieben hat bzw. hat abschreiben lassen
    Kameraführung: aus dem Blickwinkel eines männlichen Boomers.

    Als ich am Morgen des 29. Juni – das war ein Dienstag – verschlafen meinen Laptop aufklappte und die Beiträge der vergangenen Nacht durchscrollte, staunte ich nicht schlecht, als mir die brandaktuellste Meldung aus dem Hause Focus ins Auge sprang: Schwere Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock: Teile von Buch abgeschrieben? Nicht schon wieder, lautete mein erster Gedanke. Wie dumm kann man sein, war mein zweiter. Das war’s dann mit dem grünen Wahlkampf gewesen, schoss mir als Nummer 3 durch den Kopf. Ich klappte den Laptop wieder zu, setzte mich aufs Klo und überlegte mir dort den ersten Post des Tages.

    30 Minuten später stieg ich in die bereits hitzig geführte Debatte über Plagiate, Plagiatsjäger und chronische Tricksereien ein und bezeichnete Plagiate in Zeiten, in denen es professionelle Plagiatsjäger gibt, als selten dämlich. Noch dämlicher, als Plagiate zu verwenden, die jeder Teilzeit-Plagiatsjäger binnen Minuten aufspürt, fand ich es, dass dies nun ausgerechnet drei Monate vor dem alles entscheidenden Wahltag passieren musste. Warum muss man überhaupt ein Buch herausgeben, das man nicht selbst geschrieben hat, fragte ich. Wenn da sowieso nur drinsteht, was überall anders auch schon drinsteht, hätte man sich das doch gleich ganz schenken können. Ich wähl doch einen Kandidaten nicht deshalb, weil der vorher ein langweiliges Sachbuch, das eh niemand liest, veröffentlicht hat. Die Reaktionen der Kommentatoren streuten von Zustimmung („genauso ist es“, „Plagiate kommen vor dem Fall“) über Relativierung („das tun doch alle“ & „das, was Scholz und Laschet tun, ist weitaus schlimmer als ein nicht selbst geschriebenes Sachbuch“) bis hin zu kompletter Leugnung („das sind keine Plagiate, sondern frei zugängliche und gemeinfreie Fakten“). Und natürlich durfte der Hinweis nicht fehlen, dass ich als alter, männlicher, misogyner Boomer der Kandidatur einer jungen grünen Frau misstrauisch bis hin zu angsterfüllt gegenüberstünde. An dieser Stelle eine kurze sprachliche Klarstellung: Boomer sind qua Geburtsjahrzehnt immer alt. Wenn sie männlich sind, sind sie per Definition stets misogyn (entweder genetisch- oder sozialisationsbedingt oder beides). Die Adjektiv-Kaskade vor dem Boomer ist mithin überflüssig. Steckt alles im Substantiv schon drin.

    Telefonat mit einer alten Schulfreundin

    Vielleicht ist an dem misogyn tatsächlich was dran, überlegte ich beim Mittagessen. Nach 3 Scheidungen, 30 sündhaft teuren und ergebnislosen Club-einsame-Herzen-Singlereisen, 300 vergeblichen Dates mit Frauen im Altersintervall 40-60 aus dem PLZ-Bereich 5 und explodierenden Monatsbeiträgen in ElitePartner, Parship und Lovescout24 mutiert auch der friedlichste männliche Boomer zum Frauenfeind. Ich rief meine alte Schulfreundin Vera an:
    »Klar, bist du misodingens. Warst du schon immer«, sagte sie.
    »ICH war IMMER schon misogyn?«
    »Erinnerst du dich noch daran, wie du jeder dritten der 30 Barbiepuppen deiner kleinen Schwester den Kopf abgeschnitten hast?«
    »Ich hatte ihnen nur Glatzen rasiert«, erwiderte ich schuldbewusst.
    »Und in mich und meine Gefühlswelt konntest du dich auch nie reinversetzen. Hast immer nur an dich gedacht.«
    »Das ist aber nicht gleichbedeutend mit misogyn.«
    »Betreib jetzt keine Haarspalterei. Du bist seit Kindheit ein Egoist und im Alter kommt halt auch noch Frauenfeindlichkeit dazu. Schau dich doch bloß mal an: 100 Jahre Single, unfähig, länger als zwei Stunden mit einer Frau gemeinsam in einem Raum zu verbringen, völlig bindungsparanoid. DAS nennt man kurz und knackig auf den Punkt gebracht: misogyn. Jetzt geschnallt?«
    »Ja, hab’s geschnallt … Was hältst du eigentlich von der Baerbock?«, sagte ich.
    »Ist das die, die ihren Lebenslauf frisiert hat?«
    »Ja, ist die.«
    »Ne Hochstaplerin wähle ich nicht. Die hätten den Habeck nehmen sollen. Den find ich echt sexy. Und jetzt muss ich mich ums Mittagessen kümmern«, sagte meine alte Schulfreundin Vera und legte auf.

    Nun ist Vera eingefleischte Sozialdemokratin. Allerdings eine Sozialdemokratin Schmidtscher und Schröderscher Prägung. »Das waren noch Männer. Reden konnten die. Und das Charisma. Das besitzt doch heute keiner mehr«, seufzt sie, wenn wir ausnahmsweise mal über Politik fachsimpeln. Kann also durchaus sein, dass die Schmidt-Schröder-Prägung ihre Objektivität in Blickrichtung auf die grüne Spitzenkandidatin etwas einschränkt. Aber zumindest beweist Vera – ja ja, ist eine sehr kleine Stichprobe. Ich geb’s zu –, dass man nicht zwingend alt und männlich sein muss, um Lebenslauf-Blingbling als minderattraktiv einzustufen. Alt und weiblich findet das ebenfalls wenig sexy.

    3x passiert ist 2x zu viel

    Dabei fand ich die Idee, Baerbock zu nominieren, anfangs echt sexy. Muss nicht jeder Kanzler männlich – von der ewigen Merkel mal abgesehen – und Minimum 50 sein, wenn er ins Amt gelangt. Weiblich und 40, Trampolin-Championesse, Jugend voran, frohlockte ich im April, als die Kandidatur bekannt gemacht wurde. Und ein bisschen das Klima und die Welt retten, wollte ich auch. Den aufgeritzelten CV ließ ich deshalb passieren. Wen interessieren schon die Spiegelstriche in Lebensläufen? Also: mich nicht. Und ob ein englischer Master einem deutschen Diplom entspricht und ob man dafür vorher ein Vordiplom oder einen Bachelor gemacht haben muss – darüber sollen sich Prüfungsämter und Facebook-Kommentatoren streiten. Mir ist sowas egal. Bei den nicht-deklarierten Nebeneinkünften wurde ich kurz stutzig, ließ mich jedoch mit der Erklärung einlullen, dass man/frau irgendwas immer vergisst zu deklarieren und jetzt habe sie es ja mit Verspätung deklariert. Wenngleich die Nicht-Deklarierung von Nebeneinkünften bei den wahrheitspuseligen Grünen beinahe so schwer ins Gewicht fällt wie eine Tonne unverzollter pakistanischer FFP2-Masken, die ein CSU-Parlamentarier auf dem Corona-Schwarzmarkt vertickt. Mehr darf jetzt nicht mehr passieren, sagten die Medien und auf gar keinen Fall darf nun noch was passieren, dachte auch ich.

    Aber natürlich passierte mehr. Ende Juni wurde ein Sachbuch mit dem schönen Titel Jetzt: Wie wir unser Land erneuern ins Schaufenster gestellt. In weiten Teilen wohl von einem Ghostwriter geschrieben, der – wie das Ghosts aufgrund enger Deadlines und schmaler Entlohnung häufig tun – zwischendurch immer mal wieder per Copy & Paste fremde Textpassagen eingestreut hatte. Ohne diese Passagen ordentlich als Zitate zu kennzeichnen. Passiert halt, wenn es schnell gehen soll und man beim Lektorat hudelt. Was soll’s? Ist ja bloß ein Sachbuch und großartig Neues oder gar Weltbewegendes steht ja ohnehin nicht drin. Ob ich das Buch gelesen habe? Nein. Liegt aber weder am Inhalt noch an der (angeblichen) Autorin. Ich lese generell keine Bücher, die Politiker geschrieben haben bzw. haben schreiben lassen. Die sind mir zu langweilig. Ich bevorzuge Bukowski und U-Comix.

    !Die anderen sind doch noch viel schlimmer?

    Bücher, in denen mit Plagiaten gearbeitet wird, besitzen eine dumme Eigenschaft: sie erwecken einen doppelten Zweifel. Zum einen lassen sie an der Seriosität des Verfassers zweifeln, und zum anderen zweifelt man in Zeiten professioneller Plagiatsjäger ebenfalls an der Cleverness des Herausgebers. Beides – also mangelhafte Seriosität und mangelnde Cleverness – sind keine guten Voraussetzungen, um sich fürs wichtigste Amt im Staat zu bewerben.

    Aber das sind doch bloß Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was die zwei anderen schon alles verbockt und vertuscht haben, meinen Sie? Das mag schon so sein, antworte ich. Allerdings sind die beiden anderen bereits 60 und hatten mithin 20 Jahre mehr Zeit, Sachen zu verbocken und zu vertuschen. Und sie sind drin im Geschäft – der eine als Vizekanzler, der andere als Ministerpräsident –, während die grüne Kandidatin halt draußen vor der Tür steht und erstmal um Einlass in den Vorraum der großen Macht bitten muss. Alte Regel: Wer als Newcomer rein will, bei dem ist Glaubhaftigkeit erste Kandidatenpflicht. Während man denen, die bereits seit 20 Jahren drinnen sind, die in Teilen abhandengekommene Glaubhaftigkeit schon mal verzeiht. Politik, v.a. wenn man an der Macht ist, ist ein dreckiges Geschäft. Wer weiß, was Annalena Baerbock in 20 Jahren alles verbockt und vertuscht haben wird?

    Und das Klima? Und die Welt? Was ist mit den Sachthemen? Da sind Lebensläufe und abgekupferte Bücher doch völlig unwichtig, schieben Sie jetzt hinterher? Klar, ist das Klima wichtiger als Copy-and-paste-Wikipedia-Beiträge. Klima haben jedoch die meisten Parteien auf ihrer Agenda. Ist heutzutage kein grünes Alleinstellungsmerkmal mehr. Und die Welt retten – wenngleich mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung – möchten ebenfalls SPD und die Linke. Union und FDP begnügen sich derweil mit der Stärkung des Standorts Deutschland. Aber auch das ist als Zielsetzung legitim und mMn nicht unvernünftig, zumindest dann nicht, insofern man an weiterhin bezahlbarer Energie interessiert ist und an seiner Individualmobilität hängt.

    Es ist mithin naiv, wenn man das eigene Wahlprogramm – Hand aufs Herz: Wer liest Programme? Also ich nicht – für derart überlegen und selbsterklärend einschätzt, dass alles andere drumherum – z.B. die Glaubwürdigkeit des eigenen Spitzenkandidaten – daneben verblasst. Wäre dem so, bräuchten wir keine Spitzenkandidaten, sondern würden die Programme per Dialogpost an jeden Haushalt versenden. Und bei den Spitzenkandidaten geht’s eben nicht nur darum, dass sie die Inhalte des jeweiligen Programms auf Knopfdruck repetieren können. Sie müssen zudem sympathisch, wortgewandt und attraktiv rüberkommen. So sexy (gilt für m/w/d gleichermaßen) sein, dass ich als Otto-Normalwähler, der ich die Programme nicht lese, am Ende der Bewerberkür mein Kreuz bei Grün (oder Schwarz oder Rot) setze. Das ist ja wie bei Heidi Klum, sagen Sie? Ja, ist wie bei Heidi Klum, antworte ich.

    Ein bisschen Schmutz ist immer

    Und Schmutzkampagne, was ist mit der Schmutzkampagne, wollen Sie nun noch von mir wissen. Ich kann beim besten Willen keine Schmutzkampagne entdecken. Also keine Schmutzkampagne, die schmutziger wäre als das, was wir bereits von früheren Wahlkämpfen her kennen. Und vom Schmutz à la Trump sind wir Gottseidank noch 2 Immobilienblasen und Finanzkrisen entfernt. Zudem – wer sich in die erste Reihe stellt, muss Schmutz abkönnen. Das müssen Laschet und Scholz ebenfalls und mussten auch schon viele Kanzleramtsbewerber früherer Jahre über sich ergehen lassen. So lange sie nicht unter die Gürtellinie zielen, sind harte Schläge erlaubt. Hindert ja niemand die Grünen daran, den beiden anderen Kandidaten deren Verfehlungen und Fettnäpfe jeden Tag um die Ohren zu hausen. Wahlkampf ist kein Kuschelseminar.

    Mich beschleicht seit dem Ding mit dem frisierten Lebenslauf und mehreren recht hölzern wirkenden TV-Auftritten der grünen Kandidatin das, sich von Woche zu Woche verstärkende Gefühl, dass die Ökos mit einer Hobby-Kapitänin zuzüglich billig angeheuerter Amateur-Crew ins Rennen um die Kanzlerschaft aufgebrochen sind. Weiblich und jung plus Politikstudenten und ehrenamtliche Prenzlberger Hausfrauen in der Schaltzentrale reichen halt doch nicht. Obwohl ich die Idee – schrieb ich ja schon weiter oben – anfangs durchaus sexy fand. Nach der Plagiatssache ist bei mir jedoch große Ernüchterung eingezogen. Das wird nichts werden mit der noch im April geplanten Machtübernahme. Die Zustimmungswerte purzeln mit jeder neuen Sonntagsfrage. Und zwar stetig nach unten. Wenn am 26. September 15 Prozent auf der Uhr stehen, können sich die Grünen glücklich schätzen. Es wird dann mit Ach und Krach und etwas Glück für die Juniorpartnerschaft mit der Union reichen. Und ob ich Juniorpartnerschaft für derart sexy einschätze, dass ich da mein Kreuz setzen werde, weiß ich heute noch nicht. Schwarz-grün klingt für mich ähnlich attraktiv wie die Ergrünung der CSU, die Söder neuerdings behauptet. Im Sozialbereich, dem Feld, dem ich bei zementiert 4 Millionen ALG2-Empfängern die Top-Priorität für eine baldige Radikalreform beimesse, wird sich mit dieser Farbkombi nichts großartig ändern.

    Positiv betrachtet: Die Grünen sollten den Wahlkampf 21 als Testlauf ansehen und es 2025 ein weiteres Mal versuchen. Dann allerdings mit professionellerem Management. Wähler schätzen die Abteilung Attacke. Die gepflegte Defensive taugt eher für die Nationalmannschaft als für den mit Fallen gespickten Marsch ins Kanzleramt. Willy Brandt benötigte im Boomer-Zeugungs-Jahrzehnt 3 Anläufe, um den Macht- und Paradigmenwechselwechsel herbeizuführen.

    Nie war ich in den vergangenen 41 Jahren (59 minus 18) derart unentschlossen wie heute, wie ich mich am Wahltag entscheiden soll.
    +++

    Ob diese Kolumne aus dem Blickwinkel eines angsterfüllten, männlichen Boomers geschrieben wurde?
    Ja (siehe weiter oben: Beschreibung der Szene)