Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Gendern: Notwendig oder elitäre Haarspalterei?

    Gendern: Notwendig oder elitäre Haarspalterei?

    »Der Doppelpunkt wird das Rennen machen, und das ist auch gut so«, sagt eine Bekannte, die sich beruflich viel mit unserer Sprache beschäftigt.
    »Warum ist das gut?«, frage ich.
    »Weil der Doppelpunkt den Lesefluss weniger stört als der Stern.«,
    »Noch weniger würde es den Lesefluss stören, wenn alles so bleibt, wie es ist«, sage ich.
    »Du stehst den dringend notwendigen Modernisierungsmaßnahmen unserer Sprache also ablehnend gegenüber?«
    »Modernisierungsmaßnahmen sind es; aber ob sie tatsächlich dringend notwendig sind, bezweifele ich.«
    »Du bezweifelst, dass Frauen aufgrund des generischen Maskulinums diskriminiert werden
    »Ja, das bezweifele ich … was zur Hölle ist ein generisches Maskulinum?«
    »Du musst aufpassen, dass du nicht in die Ecke des alten weißen Misogynisten gesteckt wirst«, sagt meine Bekannte, die sich beruflich viel mit unserer Sprache beschäftigt, und legt auf.

    Brauchen wir das, oder kann es weg?

    Beim Gendern bin ich tatsächlich oft hin und her gerissen, ob wir es wirklich brauchen, oder ob das weg kann. Es liest sich großenteils wie eine schlecht ins Deutsche übersetzte japanische Gebrauchsanleitung und klingt gesprochen, als haben Wissenschaftler eine neue Kunstsprache im Labor entwickelt, die nur von einigen wenigen Auserwählten beherrscht wird.

    Während mir Doppelpunkte, Sternchen, Schräg-/ Unterstriche und Binnenversalien in Texten, die ich in gendergerechten Zeitungen und Magazinen überfliege, noch halbwegs egal sind, so lange ich nicht gezwungen werde, selber Doppelpunkte und Sternchen in meinen eigenen Beiträgen zu verwenden, überkommt mich beim Lesen des (angeblich) geschlechtsneutralen Partizips Präsens immer nervöser Schluckauf, der sich erst wieder beruhigt, sobald ich den Text mitsamt seinen verquasten Konstruktionen zur Seite lege und mir schnellstmöglich was traditionell Geschriebenes von Bukowski reinziehe. Gegen Neuerungen wie Studierende, Mitarbeitende oder Dienstleistende kann man ohnehin nichts mehr tun. Die haben sich mittlerweile etabliert. Auch wenn diese Formulierungen sprachlicher Nonsens sind, denn ein Studierender ist mitnichten dasselbe wie ein früherer Student und nicht jeder Mitarbeitende arbeitet in diesem Moment aktiv mit – was das Partizip ja eigentlich zum Ausdruck bringen möchte –, sondern chillt gerade zu Hause auf dem Sofa; jedoch – geschenkt. Von Studierenden, Mitarbeitenden & Dienstleistenden wird unsere Sprache nicht untergehen. Sie hat auch schon anderen Unfug à la Handy, Information Point und Onboarding absorbiert und überlebt.

    Wovor mir jedoch regelrecht graut, ist die Intention der Hardcore-Genderisten, die Bastion Generisches Maskulinum komplett zu schleifen. Herauskommen werden Sachen wie: Gästin, PersonIn, Patient:innenanwalt:wältin, Herr Doktorin, Textschaffende, Balltretende, Speerwerfende oder Kardinal:in & PäpstIn. Und hier muss deshalb die grundlegende Frage erlaubt sein: Wozu soll die ganze Genderei gut sein bzw. was wird durch den Einsatz hässlicher Doppelpunkte und falscher Partizipien überhaupt bezweckt?

    Uralte sprachliche Ungerechtigkeiten werden endlich beseitigt?

    Wann das Generische Maskulinum Einzug in den mitteleuropäischen Sprachraum hielt, weiß heute niemand mehr so ganz genau. Vielleicht mit Luther, vielleicht mit den Mönchen in ihren frühmittelalterlichen klösterlichen Studierstuben, eventuell sind es Nachwirkungen der Völkerwanderung oder die Germanen/Kelten/Skythen waren schuld. Vermutlich ist diese Ungerechtigkeit aber noch wesentlich älteren Ursprungs und wurde um 3000 vuZ von den sogenannten Kurgan-Leuten eingeschleppt, die uns damals nicht nur das Pferd, sondern ebenfalls ihr männlich dominiertes Pantheon und das Patriarchat aus der südrussischen Steppe mitbrachten. Vorbei war’s mit der Großen Erdmutter, der Venus von Milo und der Frauenherrschaft. Ab sofort übernahmen im Jenseits Zeus/Jupiter/Wotan/Odin, im Diesseits herrschten anstatt weiser und gütiger Priesterinnen fortan Kriegerfürsten & Könige und zu Hause in der verrußten Bretterbude war jetzt der Pater familias das unumstrittene Oberhaupt des Jungsteinzeit-Clans. 5 Jahrtausende sind viel Zeit, um einer Sprache einen männlichen Stempel aufzudrücken.

    Das ist zum einen hochgradig ungerecht und zum anderen wird es nach 5000 Jahren allerhöchste Eisenbahn, das wieder umzukehren, sagen Sie? Ungerecht ist es, da stimme ich Ihnen zu. Aber hochgradig? Bei hochgradig ungerecht fallen mir echt andere Sachen ein als männliche Berufsbezeichnungen. Und DRINGEND? Wir wollen also in einer linguistischen Gewaltaktion sämtliche generischen Maskulina (das Deutsche kennt rund 10.000) entweder ausmerzen oder in falsche Partizipien transformieren -> Warum?

    Weil:
    (a) Frauen dann endlich gleich behandelt werden?
    (b) wir uns alle besser fühlen?
    (c) hin und wieder eben was modernisiert werden muss? Wer fragt da schon kleinlich nach der Notwendigkeit?

    Sprachkosmetik ohne konkrete Folgen

    (a) trifft erwiesenermaßen nicht zu. Rückkehr nach Mutterschutz & Elternzeit in den Beruf ohne Karrierenachteile befürchten zu müssen, Teilzeitangebote, flächendeckende Kita-Versorgung, Frauenquote für Führungspositionen, verpflichtend gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeiten bringen deutlich mehr. Wir werden keine einzige Ministerin zusätzlich bekommen, wenn wir den Minister in Ministrierende umbenennen. Keine Abteilungsleiterin on top, obwohl wir sie jetzt doch als Abteilungsleitende bezeichnen. Das ist bloß schlecht aufgetragenes Sprach-Make-up, das beim Reden noch schneller abbröckelt als beim Schreiben. Es läuft also stark auf (b) hinaus: Wir wollen uns durch korrekte Wortwahl besser fühlen. Jedoch billig besser fühlen, denn konkret gemacht haben wir ja nichts für den Aufstieg der Frauen im Berufsleben. Das ist wie mit den Bildchen in Facebook: ‚Je suis Charlie‘, ‚Stay home“ oder ‚Solidarität mit XY‘ = reine Lippenbekenntnisse.

    Man könnte Doppelpunkt und (falsches) Partizip als Marotte einer selbst ernannten Sprach-Avantgarde abtun, die uns Normalbürger – die wir weiter, „Ich geh zum Bäcker Brötchen holen“, sagen, auch wenn der Bäcker eine Bäckerin ist (denn das generische Maskulinum umfasst als abstrakte Idee ja ebenfalls das zweite Geschlecht und mittlerweile auch noch die Transgender-Bäcker) – nicht großartig zu berühren braucht, falls dabei nicht zwei konkrete Gefahren drohten:

    (1) Wir geben denjenigen, die nicht freudig mitmachen (sei es aus Unwissenheit, Unfähigkeit oder aus sprachästhetischen Gründen heraus) das Gefühl, etwas Schlechtes zu tun, wenn sie nicht doppel:punkten, mit Sternen um sich werfen oder ihren Sohn traditionell als Schüler anstatt Zu-Beschulenden bezeichnen. Ist derselbe Elite-Dünkel wie ‚Ich kauf mein Fleisch beim Biometzger; du jedoch holst dir dein mariniertes Schweinesteak aus der Kühltruhe beim Lidl. Ist dir klar, wie sehr DEIN Schwein vorher leiden musste?‘ Oder: ‚Unsere Familie ist mit sämtlichen 4 Autos auf E-Mobilität umgestiegen. Du aber fährst nach wie vor deinen stinkenden Benziner (noch schlimmer: deinen Giftstoffe ausstoßenden Diesel)‘. Wobei ich persönlich sowohl den Umbau unserer Mobilität als auch die Eindämmung der Massentierhaltung weitaus wichtiger finde als die korrekte Platzierung der Binnenversalie.

    (2) Wir schaffen damit ein massives Integrationshemmnis: Unsere Sprache ist unbestreitbar schwer zu erlernen. Ich zolle jedem Ausländer (korrekt = Mensch:in mit Migrationshintergrund), der nach ein paar Jahren Deutsch spricht und schreibt, höchsten Respekt. Und jetzt sollen Syrer, Nigerianer und Vietnamesen (alternativ: Kasachen, Usbeken und Weißrussen) zusätzlich auch noch fehlerfrei Doppelpunkte und (falsche) Partizipien beherrschen, bevor sie das Zertifikat B1 ausgehändigt bekommen? Das wird die Quote der erfolgreichen Lehrgangsteilnehmenden ganz sicher halbieren. In der Folge weniger Jobangebote für z.B. Flüchtlinge (was nicht dasselbe wie Flüchtende ist), weniger Aufenthaltstitel, mehr Abschiebungen = Aufnahmestopp durch die gender-sprachliche Hintertür.

    Es kann eher weg

    Wenn wir die Pros & Cons des Genderns nüchtern abwägen, erkenne ich außer des Beweggrunds, sich durch die hypersensible Wortwahl womöglich etwas besser als sonst zu fühlen, keinerlei Vorteil, für den es sich lohnt, unsere schöne Sprache einer derartigen Radikalkur zu unterziehen. Die o.g. Bäckerin wird nicht 1 Dinkelvollkornbrötchen mehr verkaufen, bloß weil wir sie jetzt Bäcker:in schreiben und in Backschaffende umtaufen. Um auf meine Ausgangsfrage „Brauchen wir das, oder kann es weg?“ zurückzukommen –> m.E. kann es eher weg. Die Doppelpunkte – und noch weniger die falschen Partizipien – benötigt kein Mensch. Wobei mir klar ist, dass der Gender-Zug rollt und vermutlich nicht mehr zu stoppen ist. So sehr Realist bin ich bei allem Generisches-Maskulinum-Traditionalismus dann doch. Ob’s mir gefällt, dass wir unsere Muttersprache ohne Not verhunzen, steht auf einem anderen Blatt.

    PS. Ob mir bewusst ist, dass ich ein alter weißer, misogyner Mann bin? Ja, ist mir bewusst. Bei misogyn streite ich mich allerdings noch mit meiner Psycholog:in, wie stark das bei mir vorliegt.

    PPS. Wir könnten überlegen, die deutsche Sprache von ihren ungerechten Artikeln „der“ und „die“ zu befreien und ab sofort nur noch das neutrale Genus verwenden:

    – Das Kanzler
    – Das Astronaut
    – Das Geschäftsführer
    &
    – Das Kosmetikerin
    – Das Prostituierte
    – Das Kindergärtnerin.

  • Deutsche Corona-Netiquette

    Deutsche Corona-Netiquette

    Nachdem #allesdichtmachen in den vergangenen Tagen ne Menge Staub in den sozialen Netzwerken aufgewirbelt hat und die Kritiker auf teils massive Gegenkritik gestoßen waren – worüber sich die Kritiker wunderten, was ihnen aber jeder Facebook-Hilfsschüler vorher hätte sagen können –, wollen wir uns mit der aktuellen deutschen Corona-Netiquette beschäftigen: Was darf man kritisieren, ab welchem Grad der Kritik ist man als Querdenker anzusehen, ist Gegenkritik zulässig, wie hart darf diese formuliert sein?

    15 einfache Fragen + 15 schlichte Antworten

    (1) Sind Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – rechts oder gar Nazis, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

    Antwort: Nein, sind sie nicht (es sei denn, sie sind trotzdem rechts, reden aber in der Öffentlichkeit nicht darüber, weshalb hier die Unschuldsvermutung gilt).

    (2) Bewegen sich Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – in die Nähe von Querdenkern, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

    Antwort: Hängt davon ab, wie viele u.v.a. welche Argumente der Querdenker 1 zu 1 übernommen werden. Bei einigen Videos wähnte man sich, sobald man die Augen schloss, auf einer Stuttgarter Ohne-Masken-Demo, was zwar durchaus ein Indikator für fortgeschrittenes Querdenken wäre, jedoch juristisch als gerichtsfester Beweis nicht ausreicht. Zumal alle Kommissare, als sie auf ihre Nähe zu den Querdenkern hingewiesen wurden, sich tags darauf empört davon distanzierten.

    (3) Darf man Menschen – bspw. Tatort-Kommissare –, wenn sie ähnlich wie die Querdenker argumentieren (in den sozialen Medien wird diese, die Coronagefahren leugnende, Argumentation auch als „schwurbeln“ bezeichnet), in der Konsequenz mit „Das ist bedrohlich nahe am Querdenkertum dran“ charakterisieren?

    Antwort: Ja, darf man.

    (4) Sind Querdenker alle rechts?

    Antwort: Nein, sind sie nicht. Einige von ihnen stehen halt (weit) rechts. Andere sind Yogalehrer, gehören fundamentalen christlichen Endzeit-Gruppen an, sind besorgt/verwirrt, haben schlichtweg keine Ahnung, wollen bloß mal auf ner Demo ohne Maske ordentlich Dampf ablassen.

    (5) Darf man einzelne Präventionsmaßnahmen kritisieren?

    Antwort: Ja, darf man.

    (6) Darf man sich über die Maßnahmen lustig machen?

    Antwort: Kann man machen. Darf sich dann aber nicht wundern oder gar jammern, wenn als Reaktion kräftiger Gegenwind entsteht.

    (7) Darf man gegen ALLE Maßnahmen polemisieren?

    Antwort: Ja, ist zulässig. Man bewegt sich dann aber gefährlich nah an den Querdenkern (siehe oben 3).

    (8) Ist Kritik an der Kritik erlaubt?

    Antwort: Unbedingt! Die Kritik an der Kritik sollte aber – Shitstorm hin, Shitstorm her – halbwegs zivilisiert ausfallen und die Grenze des guten Geschmacks nicht unterschreiten. Wobei sich Shitstorms erfahrungsgemäß um diese Grenze wenig scheren. Deshalb nennt man sie ja auch Shitstorms. Das sollte man als sensibler Coronamaßnahmen-Satirisierer rechtzeitig ins Kalkül ziehen, bevor man sein Video übereilt in Youtube hochlädt. Ein veritabler Shitstorm ist nichts für Zartbesaitete.

    (9) Und wie sieht es bei Ihnen persönlich aus, Herr Hirsch?
    Nervt Sie Corona nicht auch?

    HIR: Mir geht Corona mittlerweile tierisch auf den Sack.

    (10) Bezweifeln Sie die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen?

    HIR: Ja, tue ich. Beispielsweise ist mir nicht klar, weshalb die Außengastronomie geschlossen bleibt, während Friseure öffnen dürfen. Auch an der Sinnhaftigkeit der (durchlöcherten) Ausgangssperre sind durchaus Zweifel angebracht. Dass der ÖPNV weiter unterwegs ist, ist nichts anderes als eine 24/7 Viren-Großschleuder auf Rädern.

    (11) Bezweifeln Sie die Präventionspolitik der Regierung in Gänze?

    HIR: Nein, tue ich nicht. Ich bin ganz im Gegenteil der festen Überzeugung, dass unsere Regierung die Sache überwiegend gut gemanagt hat und v.a. nicht künstlich in die Länge ziehen will, sondern möglichst bald in den Corona-freien Normalbetrieb zurückwechseln möchte.

    (12) Sehen Sie Grundrechte u Demokratie in Gefahr?

    HIR: Nein.

    (13) Halten Sie sich an alle Maßnahmen?

    HIR: Ja. Hin u wieder vergesse/übersehe ich schon mal was; aber über den Zeitraum der letzten 12 Monate betrachtet habe ich mich zu 98% daran gehalten.

    (14) Werden Sie sich impfen lassen?

    HIR: JA! Egal mit was. Notfalls auch Sputnik oder das chinesische Zeug. Hauptsache, ich kann demnächst wieder sorgenfrei vor die Haustür.

    (15) Obwohl Sie einzelne Maßnahmen in Zweifel ziehen, befolgen Sie sie dennoch.
    Warum? Liegt’s an einem neuen Untertanengeist?

    HIR: Leck mich!
    *****

    Falls Ihnen noch Fragen fehlen sollten, oder Sie mit einigen Antworten nicht einverstanden sind, wenden Sie sich bitte an den Autor. Zivilisiert bevorzugt, Shitstorm ginge aber notfalls auch.

    PS. Die Rolle des Gerichtsmediziners in Tatorten ist mMn nicht essenziell. Gibt tausende Krimis, die ohne Gerichtsmedizin-Prota auskommen, und in denen der Mörder am Ende dennoch gefunden wird. Alternativ könnte man über die Neubesetzung der Rolle nachdenken. Wie wär’s zur Abwechslung mit ner sexy (und selbstverständlich blitzgescheiten) Gerichtsmedizinerin?
    PPS. dieser Text ist Teil der Kampagne #allesschlichtmachen
  • Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist doof! überschrieb Heinrich Schmitz seine gestrige Kolumne, in der er der „Klugheit“ der Lösch-Algorithmen nachging. Mein Kolumnisten-Kollege stellte dabei ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen der Indizierung von Nacktheit und Nonchalance bei Hassrede fest. Um am Ende zwei Fragen in den Raum zu werfen:
    (a) Ist die Plattform prüde?
    (b) Wird durch Facebook die Meinungsfreiheit gefährdet?

    Tittenphobie & Hausrecht

    (a) Lässt sich schnell beantworten: JA, Facebook ist superprüde. Jede blanke Titte, völlig egal, in welchem Kontext sie gezeigt wird, führt zu Löschung und zieht eine Sperre nach sich. Geschuldet dem puritanisch-verklemmten Erbe der Gründerväter der USA und vielleicht auch einer Tittenphobie des Facebook-Gründervaters. Darüber kann man sich als aufgeklärter, Tinto-Brass-Filme schon zum Frühstück schauender Europäer lustig machen; aber die Regel ist zumindest klar und eindeutig: KEINE Titten und KEINE Geschlechtsorgane! D.h. wenn ich mir sowas ansehen will, bin ich in Facebook verkehrt und muss in ein anderes Forum wechseln oder mir zu Hause einen alten VHS-Porno in den Videorekorder schieben.

    (b) Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist hingegen komplizierter. Facebook ist ein privates Unternehmen und gibt sich sein eigenes Hausrecht. Damit fängt’s schon mal an. So lange diese sogenannten Community Standards nicht gegen Gesetze verstoßen, gelten sie nun mal, und wir Nutzer müssen uns – ob’s uns passt oder nicht – daran halten. Versuchen Sie mal in einem Veganer-Restaurant eine Original Kölner Currywurst mit Fritten zu bestellen oder beim Wiener Opernball im Jogginganzug den Blaue-Donau-Walzer zu tanzen: In beiden Fällen werden Sie von der Security umgehend vor die Tür gesetzt. Dieses Hausrecht nehmen auch Sie ganz selbstverständlich in Ihrem eigenen Profil für sich in Anspruch, wenn Sie bei Ihren „Freunden“ rote Linien ziehen und Kommentatoren, die beleidigen u/o politisch extrem sind, zuerst ermahnen und im Wiederholungsfall von Ihrer Freundesliste streichen. Falls Sie das tun. Also ich tue es und zwar mehrmals pro Woche. Weil ich die Meinungsfreiheit einschränken will? Eigentlich mehr aus dem Grund heraus, weil ich keine idiotischen Kommentare in meinem Profil lesen möchte, da mir die Menge an idiotischen Beiträgen und Kommentaren in anderen Profilen völlig ausreicht. Aber natürlich schränke ich damit die Meinungsfreiheit des Kommentators ein, was mir jedoch in meinem eigenen Profil egal ist.

    Facebooks Problem besteht allerdings gar nicht in einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern es ist genau andersherum: Es kann nahezu JEDE noch so irrwitzige Meinung gepostet werden, solange sie nicht gegen die Tittenverbot-Regel verstößt. Was in der Konsequenz zur Verbreitung absurder Verschwörungstheorien und Aufrufen & Verabredung zu gemeinsamen Straftaten führt. Ich übertreibe maßlos, sagen Sie? Machen Sie sich lieber schlau, wie die Sache mit den Rohingya in Birma begann und auf welcher Plattform der Irre von Christchurch seine Videos vom Massaker in den beiden Moscheen hochlud, antworte ich. Es wäre also durchaus wünschenswert, wenn Facebook mehr als weniger Kontrolle durchführte. Die Begründung, man sei als Plattform für die gezeigten Inhalte nicht verantwortlich, Facebook sei schließlich keine Zeitung oder TV-Sender, ist für mein Alter-weißer-Mann-Boomer-Rechtsverständnis noch irrwitziger als manch irrwitziger Querdenker-Post.

    Hauptsache viel Traffic

    Um einige hundert Millionen – falls diese Zahl überhaupt reicht – täglich neuer Beiträge seriös zu überwachen, braucht es zwingend Menschen. Algorithmen und Bots sind dazu nicht in der Lage. Die erkennen zwar Titten- und Pimmelbilder, können aber nicht unterscheiden, ob es sich dabei um eine Erotik-Session mit Micaela Schäfer oder die Venus von Milo handelt. Also doch lieber Menschen urteilen lassen. Menschen kosten aber. Und nichts scheut der Konzern so sehr wie Personalausgaben, die nichts mit Wachstum zu tun haben. Nicht von ungefähr sind die Content Moderatoren nicht bei Facebook direkt angestellt, sondern erhalten befristete Verträge über Zeitarbeitsfirmen. Die Entlohnung der Inhalt-Admins ist ein Witz im Vergleich zu den Software-Entwicklern. Jeder Vierte Content Manager muss 1x pro Monat auf die Couch des Betriebspsychologen, so heftig sind die Videos, die diese Mitarbeiter sichten müssen. Wer dachte, ihn kann nach Splatter-Movies nichts mehr schocken, hat noch keine Filmchen von exotischen satanischen Ritualen gesehen, die bei Facebook-Regisseuren – im Unterschied zu Hollywood – real und live sind.

    Das Geschäftsmodell „Gratisnutzung & Werbefinanzierung“ kann nur funktionieren, wenn möglichst viele User gleichzeitig möglichst lange in der Plattform verweilen. Damit wir möglichst lange verweilen, müssen wir marktschreierische Inhalte zu sehen bekommen. Je mehr menschliche Moderation und Kontrolle, desto weniger marktschreierische Inhalte, desto weniger User und in der Konsequenz sinkende Werbeeinnahmen. Von daher hat das Unternehmen keinerlei Interesse daran – Ausnahme: es wird durch gesetzlichen und öffentlichen Druck dazu gezwungen –, über das minimal Notwendige hinaus zu moderieren, kontrollieren und Hassbeiträge zu löschen.

    08/15-Narzissmus & der tägliche Adrenalin-Kick

    So wie sich nicht jeder virtuelle Hooligan auf die Meinungsfreiheit berufen kann, wenn sein verbaler Rülpser gelöscht wird, so sollten wir uns selbst hin und wieder hinterfragen, weshalb wir das tun bzw. uns das antun: Also ständig in sozialen Medien abhängen. Es gab ja auch ein Leben vor Facebook & Co. Also ICH hatte durchaus ein Leben zuvor und das war, trotz aller analoger Limitierung, jetzt nicht unbedingt weniger aufregend oder gar schlechter. Was treibt mich seit Oktober 2009 – in diesem Monat begann mein Sündenfall – jeden Tag aufs Neue in diesen ständig um sich selbst kreisenden Jahrmarkt der banalen Eitelkeiten? Mein 08/15-Narzissmus, krankhafter Mitteilungsdrang (bis hin zum Wahnsinn, dass ich anderen Fotos von meinem Abendessen zeige), entziehe ich mich der tristgrauen Realität durch Flucht in eine bunte Bilderwelt, will ich dazugehören (wozu eigentlich?), ist es Voyeurismus, Angst, was zu verpassen, wenn ich nicht alle paar Minuten nachschaue, ob es was Neues gibt? Um dann schulterzuckend festzustellen, dass das angeblich Neue letztlich jeden Tag in wiederkehrender Monotonie dasselbe ist: Katzenbilder (obwohl die weniger geworden sind und immer mehr durch Hunde und Zierfische abgelöst werden), Fotos vom Abendessen (nicht tot zu kriegen), triviale Sinnsprüche, wie man sie früher auf Abreißkalendern las, gephotoshopte Profilbilder älterer Damen, auf denen sie aussehen wollen wie die eigenen Töchter (erhalten übrigens erfahrungsgemäß mit Abstand die meisten Likes), Angebote, an Yoga- und Fitnesskursen sowie an allerlei dümmlichen Challenges teilzunehmen und Statements zu aktuellen und weniger aktuellen politischen Themen. Je reißerischer ein politisches Thema anmoderiert wird (z.B. „Corona ist auch nur ein Schnupfen“ oder „Corona-Leugner gehören alle in den Knast“), desto mehr Aufmerksamkeit, Erregung und Traffic erzeuge ich als Facebook-Autor. Und das ist ganz im Sinne der Konzernzentrale; jedoch habe ich als Facebook-Autor Nullkommanull davon; denn ich werde am aufgrund meines genialen Beitrags explodierenden Werbeumsatz prozentual leider nicht beteiligt. Von 100 Kommentaren und 50 Likes wird allerdings niemand dauerhaft satt. Das Geschäftsmodell funktioniert einzig für die Plattform, nicht jedoch für die Lieferanten der Inhalte.

    Zurück zur Ursachenanalyse meiner Abhängigkeit: Suche ich krampfhaft Anerkennung in Form von erhobenen Daumen, Herzen und Umarmungen? Oder geht’s mir eher um den Adrenalin-Kick? Gemäß der Social-Media-Weisheit: Nur, wer einen digitalen Tsunami überlebt, weiß, wie sich richtiges Leben anfühlt. Im Alter ersetzt der Shitstorm den Köpfer vom 10-Meter-Brett oder die Prügelei im Stadion mit den Fans der anderen Mannschaft. Egal auf welchem Weg: Hauptsache, Adrenalin durchströmt meine Adern.

    Will ich in Facebook der Frau fürs Leben begegnen, wissend, dass die Wahrscheinlichkeit, ihr hier über den Weg zu laufen, geringer ausfällt als die Chance, dass sich Angelina Jolie mit mir auf eine Feierabend-Coke-Zero verabredet?

    Vermutlich ist es von allem was.

    Meine 3 Regeln

    Sie sind definitiv zu viel in Facebook unterwegs. Ich habe meinen Konsum im Griff, weil ich mir im Gegensatz zu Ihnen, Herr Hirsch, feste Regeln gegeben habe, sagen Sie jetzt?
    Auch ich habe 3 feste Regeln, erwidere ich. So klappe ich Facebook (1) zwischen 23 und 7 Uhr zu, kein Facebook (2) im Schlafzimmer (3) und auf dem Klo. Wobei ich ehrlich gesagt schon mal mit einem Bild von mir auf dem Klo à la Der Dude in „The Big Lebowski“ geliebäugelt habe. Meine Kinder rieten mir davon ab und meinten: »Das wäre definitiv too much, Papa. Das will KEINER sehen«. Und bei sowas höre ich auf meine Kinder.

    Aber trotz meiner 3 festen Regeln habe ich keineswegs den Eindruck, dass ich den Konsum zu 100 Prozent im Griff habe. Gibt Tage, da kontrolliere ich Facebook, und es gibt (mehr) Tage, an denen Facebook mich kontrolliert. Die Diagnose für mein offensichtliches Abhängigkeitsverhalten ist schnell gemacht: Suchtverlagerung. Gottseidank vom Wodka bloß zu Facebook und nicht auch noch zu Twitter (zu hektisch), Instagram (zu viele Fotos und Hashtags), Youtube (bin viel zu faul, um jeden Tag ein neues Video zu drehen), Tiktok (ich weiß gar nicht, worum es da geht). Virtuelle Mono-Abhängigkeit nennt man das. Schlimm genug, aber immer noch besser als polytoxes Surfen. Arme Schweine, die 24/7 von Facebook zu Twitter zu Instagram und zurück zappen müssen. Wann schlafen diese Menschen? Pinkeln die in ihre Kaffeetasse, um den Schreibtisch nicht verlassen zu müssen und bloß nichts zu verpassen? Mit denen möchte ich echt nicht tauschen. Meine virtuelle Mono-Abhängigkeit ist zwar eine Krankheit, allerdings aus meinem Blickwinkel heraus weniger dramatisch als Wodka & Koks. Ich kann um 23.01 seelenruhig schlafen, träume (noch) nicht von gephotoshopten Bildern älterer Damen, die aussehen wollen wie ihre Töchter, wache nicht um 3 Uhr schweißgebadet auf und laufe zur Nachttankstelle, um Nachschub zu besorgen, zittere nicht beim Aufstehen, sondern erst eine halbe Stunde später, wenn ich die ersten 3 irrwitzigen Querdenker-Posts überflogen habe.

    Wie wär’s zur Abwechslung mit ElitePartner oder dem Besuch einer Selbsthilfegruppe?

    Während mir persönlich halbwegs klar ist, weshalb ich mir den Irrsinn täglich antue, sollten SIE sich selbst auch mal fragen, warum Sie das machen. Es ist doch für einen erwachsenen Menschen nicht normal, ständig in Sozialen Medien abzuhängen.

     Sie sind einsam und suchen nach einem Partner? -> Investieren Sie nen Fuffi und melden Sie sich bei ElitePartner an.
     Sie wollen sich möglichst breit informieren? -> Investieren Sie einen weiteren Fuffi und abonnieren 3 Tageszeitungen und 2 Politmagazine.
     Sie möchten die Welt an Ihrem Leben teilhaben lassen? -> Niemand interessiert sich für Ihr Leben.
     Sie wollen sich vernetzen? -> Warum, um Himmelswillen, muss man sich mit hunderten wildfremden Menschen vernetzen? 99% von diesen „Freunden“ würden Ihnen noch nicht mal 5 Euro borgen oder Ihnen was vom geposteten Abendessen abgeben.
     Sie möchten einfach Spaß haben? -> Das ist schon besser. Obwohl der Spaßfaktor von Facebook mMn arg begrenzt ist. Auf 1 lustigen Post kommen 46 mittelmäßige und 53 Müll-Beiträge.

    Würde Ihnen was fehlen, wenn Facebook heute Nacht explodiert? Also grundlegend was fehlen? Müssten Sie dann panisch zu Twitter oder Tiktok rennen, um ihre virtuelle Sucht zu befriedigen? Oder kehrte dann endlich analoge Ruhe in Ihren Alltag ein?

    Das mit der Explosion von Facebook ist zwar eine theoretische Frage, aber je nachdem, wie die Antwort ausfällt, sollten Sie überlegen, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich dort mit anderen Social-Media-Junkies auszutauschen und von denen zu lernen, wie Sie sich von dieser zeitraubenden Abhängigkeit befreien können.

    Letztlich ist es mit Facebook wie mit jeder anderen Sucht: Wenn man davon loskommen will, muss man den Weg der Abstinenz einschlagen. Fangen Sie mit diesen zwei Büchern an:

    Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst (Jaron Lanier)
    &
    Das Internet muss weg (Schlecky Silberstein).

    Sind beide flott geschrieben, und es steht erschreckend viel Wahres drin.

    Ob ICH mich heute in Facebook abmelden werde?
    Nein, werde ich nicht.
    Ich bekenne mich offen zu meiner schlechten Angewohnheit, rede mit meiner Psychologin darüber und habe hin und wieder Spaß damit (also mit Facebook, nicht mit der Psychologin. Obwohl: ab und an auch mit der Psychologin).

  • Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Die Inzidenz klettert munter gen 200, wenn’s so weitergeht, sind im April auch 500 drin. Falls 500 dann nicht das neue 35 wird, ist mit schärferen Maßnahmen zu rechnen. Seit vergangener Woche herrscht bei uns im Bonner Süden eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr. Woher ich das weiß? Von meinen Söhnen. Und woher die das wissen? Aus einer Facebookgruppe. Mein sofortiger Check auf der Seite der Kreisverwaltung ergab: Information stimmt. Soll noch mal einer sagen, Facebook würde uns einzig verblöden. Ne AUSGANGSSPERRE! Militärjeeps rollen durch die Straßen, Luftkavallerie seilt sich aus Helikoptern ab, Sondereinsatzkommandos der Polizei brechen Türen auf und kontrollieren, wer sich alles berechtigt und unberechtigt am Abendessentisch befindet. Ich klebe mir vorsichtshalber einen Post-it ans Küchenfenster: Den Müll spätestens um 20.55 rausbringen!

    Softlockdown & Ausgangssperre light

    Jetzt ist es mir als Eigenbrötler, der seit einem Jahr abends die Zeit mit Netflix, ARD-Sondersendungen zum Thema Covid, Facebook und Ratgebern à la „Auch im Lockdown in 30 Tagen zur Bikinifigur. Die Power-Corona-Diät“ totschlägt, eigentlich egal, ob ich ohne oder mit Ausgangssperre um 21 Uhr auf meinem Sofa sitze. Trotzdem: Ne Ausgangssperre hat schon was. Die kannte ich bisher nur von Weltkriegserzählungen meiner Eltern und Großeltern und aus Hollywood-Katastrophenfilmen.

    Da geht aber bestimmt noch was on top: Supermarkt bloß 1x/Woche mit Berechtigungsschein, tanken einzig am Freitag, fürs Joggen muss ich vorher einen Online-Antrag bei der Gemeindeverwaltung stellen etc. etc. Am Ende dann 24/7-Ausgangssperre mit Drohnen, die mir die Lebensmittel über dem Balkon abwerfen und ganz nebenbei kontrollieren, ob ich mich tatsächlich am Homeoffice-Schreibtisch oder auf dem Klo befinde.

    Und so folgt ein Lockdown dem nächsten Lockdown, der wiederum in einen neuen Lockdown mündet, um von einem leicht gemilderten Lockdown (ich darf bis auf Weiteres 2x/ Woche zum Lidl u mir im Kiosk eine Zeitung besorgen) abgelöst zu werden, bis die Lockerung 14 Tage später wieder zurückgenommen wird, denn die Inzidenz liegt jetzt bei 5000. Und aus 5000 eine 35 zu machen: das traut sich dann doch keiner. Lockdown als neue Normalität bis zum Frühjahr 2023, bis das Virus endlich von selbst schlapp macht. Am Ende zählen wir ne Menge Tote, Ärzte & Pfleger, die binnen 24 Monaten um 24 Jahre gealtert sind, Kultur u Gastronomie haben sich halbiert, Insolvenzen u Arbeitslosigkeit sind so hoch, dass die Regierung beschließt, die Zahlen erstmal unter Verschluss zu halten, um Unruhen zu vermeiden. Aber wir dürfen ab sofort wieder 6x/ Woche zum Lidl u 7x zur Tanke, und bei der WM in Katar sind Fans im Stadion zugelassen. Das ist die Hauptsache.

    Nun rächt sich bitter, dass wir im Herbst vergangenen Jahres keinen harten Lockdown praktiziert haben gemäß der alten ABC-Schutz-Seuchen-Verordnung: ALLE 4 Wochen zu Hause bleiben. KEINE Ausnahmen. Dann wird’s dem Virus normalerweise langweilig und es zieht ein Land oder gar einen Kontinent weiter. Oder – noch besser – es verhungert. Wollte sich keiner unserer Politiker zu entschließen und jetzt haben wir halt den Dauer-Softlockdown-Salat. Ob ich „wäre, wäre, Fahrradkette“ kenne? Ja, kenne ich.

    Wer spät geimpft wird, kann sich länger drauf freuen

    Und das Impfen, was ist mit dem Impfen, fragen Sie mich? Was soll mit dem Impfen schon sein, antworte ich Ihnen. Erst ging’s im Januar langsam los, dann blieb‘s im Februar gemächlich, um in einen zögerlichen März überzugehen. Aber immerhin diskutieren wir jetzt schon darüber, ob auch Hausärzte impfen können und dürfen, und ob die Arbeitszeitverordnung es zulässt, dass die Impfzentren ebenfalls am Wochenende geöffnet sind. Und auch die Sache mit AstraZeneca soll bis spätestens Jahresende ’22 geklärt sein. Bis dahin gilt: Mit AZ geimpft werden bloß Jüngere, die nicht schwanger sind. Oder waren es Ältere, die nicht schwanger sind? Oder Single-Männer ohne Familie? Egal, auf jeden Fall ist bei AstraZeneca durchgängig Vorsicht geboten, bis die Ständige Impfkommission Entwarnung gibt. Dass die Ständige Impfkommission v.a. für ständige Verwirrung sorgt: geschenkt.

    Das Land des selbsternannten Organisationsweltmeisters rangiert bei der Impfgeschwindigkeit knapp oberhalb des Levels von Kasachstan, der Fidschi-Inseln und Paraguays. In den USA, in Großbritannien und Israel werden sie Covid-19 nur noch aus den Erzählungen der Großeltern kennen, da darf bei uns der erste Hausarzt endlich zur Spritze greifen. Und lassen Sie mich hier gar nicht erst von den Hotlines anfangen, bei denen man 20 Minuten lang in einer nervtötenden Warteschlange ausharrt, bis ein finales Tuten ertönt, weil das System einen rausgeworfen hat. Oder die Warn-App, die aufgrund unseres sakrosankten Datenschutzes für Amazon-Bestellungen besser taugt als für die Nachverfolgung der Infektionsketten. Und die Beschlüsse der nächtlichen Kanzlerin-Ministerpräsidenten-Candy-Crush-Runden, deren Haltbarkeitsdauer kürzer währt als die 15-minütige Sondersendung, die im Anschluss in der ARD ausgestrahlt wird. So blättert der Nimbus des Organisationsweltmeisters noch schneller, als die Fußball-Nati unter dem ewigen Löw ihren Ruf ramponiert. Es ist beides ein Trauerspiel. Zu ertragen einzig mit Netflix und Alkohol.

    Impfzwang: daran darf man nicht mal denken

    Ob wir so jemals die notwendige Herdenimmunität erreichen werden? Keine Ahnung. Ich bin kein Virologe oder Epidemiologe oder Lungenarzt oder Vorsitzender der Vereinigung der Intensivmediziner oder oder oder, sondern bloß treuer Corona-Sondersendungen-Zuschauer. Meine Vermutung: Das Virus wird schon von selbst gestorben sein, bis wir AstraZeneca eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Nur vorübergehend (also die Unbedenklichkeitsbescheinigung), denn was eine ordentliche deutsche Behörde ist, die lässt auf die 23-ste natürlich noch eine 24-ste Prüfung folgen. Nicht, dass EINER aus 3 Millionen eventuell eine Erektionsstörung durch die Impfung erleidet. Eventuelle Nebenwirkungen müssen KOMPLETT ausgeschlossen werden. Im Zweifelsfall noch eine 25-ste Prüfung dranhängen.

    Jetzt malen Sie aber SEHR schwarz, Herr Hirsch, meinen Sie? Lassen Sie es mich so sagen: Nach 1 Jahr Homeoffice und abends alleine auf dem Sofa abhängen bin ich etwas Lockdown-müde. Das mag mein objektives Urteilsvermögen trüben; gebe ich unumwunden zu. Aufgrund dieser Trübung sehe ich für einige Branchen bei uns im Land des entzauberten Organisationsweltmeisters mittlerweile allerdings nicht nur schwarz, sondern blicke in ein zappendusteres Insolvenzloch. Sobald die Überbrückungshilfen und das Kurzarbeitergeld wegfallen, werden wir vor einem gewaltigen Scherbenhaufen an Firmenpleiten und explodierender Arbeitslosigkeit stehen. Jeder Tag, den das Impf-Schneckentempo weiter anhält, vernichtet ein paar tausend Existenzen. Viele davon unwiderruflich.

    Nachts träume ich manchmal von Impfzwang – pardon: Impfpflicht – und mobilen Einsatzkommandos, die die Leute in ihren Wohnzimmern verarzten. Als ich das vor ein paar Tagen mal in Facebook vorschlug, erhob sich sofort Protest: Nicht vom Grundgesetz gedeckt, würde vom Verfassungsgericht umgehend gekippt, und überhaupt sei es entlarvend, sowas wie einen Impfzwang überhaupt nur zu denken. Fiele in die Kategorie: paramilitärische Feuchtfantasien eines alten Mannes, der zu viel Katastrophenfilme auf Netflix schaut und sich nach klarer Führung sehnt. In Ordnung, dann werde ich ab sofort nicht mehr von Impfzwang (pardon: Impfpflicht) träumen. Und was ist mit der Idee, dass Geimpfte mehr dürfen als Ungeimpfte? Wäre das eventuell ein Instrument, um Impfbereitschaft und Geschwindigkeit zu erhöhen? Das sei nichts anderes als ZWANG(!) durch die Hintertür, sagen Sie? Okay okay, ich höre schon wieder damit auf.

    Hauptsache, Netflix & Alkohol gehen uns nicht aus

    So bleibt mir also in den kommenden Monaten nichts weiter übrig, als:
    (a) geduldig auf meinen Impftermin zu warten (ich akzeptiere auch Sputnik oder das chinesische Zeug)
    (b) zu hoffen, dass ich als notorischer Schwarzseher für Gastro, Fitness, Kunst & Event viel zu schwarz sehe und am Ende von Corona alles genauso heiter weitergeht, als habe es das Virus vom Wuhaner Großmarkt nie gegeben
    (c) mich bei Netflix zu erkundigen, ob eine neue Staffel „The walking dead“ in Arbeit ist.

    Und vor allem werde ich mir ein zweites Post-it an die Haustür kleben:

    Müll spätestens um 20.55 Uhr rausbringen!

    #impfenindeutschland=eintrauerspiel

  • Halbnackte Ärsche in Arabiens Wüste?

    Halbnackte Ärsche in Arabiens Wüste?

    In Katar wird Anfang März ein internationales Beachvolleyball-Turnier ausgetragen. Und zwar sowohl eines für Männer (bereits die 8-te Auflage) und eins für Frauen (zum ersten Mal). Das klingt für ein Land, in dem die traditionellen Sportarten eigentlich Kamelrennen und Falken-Wettfliegen heißen, beinahe so absurd, wie eine Fußball- oder eine Leichtathletik-WM dorthin zu vergeben. Aber seitdem der Sport professionell und ein Zirkus geworden ist, zieht er halt von einer Oase zur nächsten. Hauptsache, es gibt genug Futter in der Karawanserei.

    Deutsches Frauen-Doppel erklärt Verzicht

    Vor ein paar Tagen fiel dem deutschen Beach-Duo Karla Borger und Julia Sude plötzlich auf, dass am Persischen Golf andere Kleiderregeln herrschen als an unseren Ostsee- und Mittelmeerstränden: Bikinis sind am Rand der Arabischen Wüste nicht gerne gesehen, als Alternativ-Beleidung sollen knielange Radlerhosen und T-Shirts ins Reisegepäck. Die beiden Athletinnen erklärten daraufhin, auf den Trip nach Doha verzichten zu wollen. Mit folgender Begründung: »Es geht gar nicht um wenig anhaben oder nicht. Es geht darum, dass wir in unserer Arbeitskleidung nicht unsere Arbeit machen können.«

    Kann man tun, also die Teilnahme verweigern. Ich hab auch nicht immer Lust, ständig an irgendwas teilnehmen zu müssen und sag deshalb hin und wieder spontan ab. Einfach mal ein Turnier aussetzen und beim nächsten, das dann hoffentlich in einem Land stattfindet, in dem man Bikini tragen darf, wieder mit von der Partie sein. Völlig okay. Was aber ganz und gar nicht okay ist, ist das, was nun einige Medien und vor allem das ständig erregte Facebook aus dem Vorfall machen – nämlich die alleinige Schuld für das Mikro-Debakel auf Seiten Katars zu verorten. Denn dass muslimisch geprägte Länder Probleme mit der öffentlichen Demonstration von zu viel nackter weiblicher Haut haben, ist jetzt wahrlich keine neue Erkenntnis, für deren Verständnis man 30 Semester Arabistik studiert haben muss.

    FIVB: Geschlafen oder war’s egal?

    Also entweder hat der Weltverband (FIVB) geschlafen, als er die entsprechenden Papiere unterschrieb, oder die Funktionäre taten es in vollem Wissen der am Persischen Golf geltenden Bekleidungsvorschriften, ohne jedoch die Athleten über den entsprechenden Passus rechtzeitig zu informieren. Oder aber die Sportler hat es monatelang nicht interessiert und jetzt plötzlich, wo das Turnier unmittelbar bevorsteht, fällt ihnen wie Schuppen vor den Augen, dass sie sich einer vom Standardprozedere abweichenden Kleiderordnung unterwerfen sollen. Das Versäumnis liegt bei nüchterner Betrachtung ganz eindeutig auf Seiten des FIVB, der in so einen Vertrag einwilligt sowie der Spielergewerkschaft IBVPA, die nicht früh genug Alarm geschlagen hat.

    Den Kataris nun vorzuwerfen, die würden einem mittelalterlichen Frauenbild huldigen, ist billig. Denn dass das orientalische Frauenbild ein anderes als unser westliches ist, wusste man auch schon vor Februar 2021. Die aufgeregte Diskussion um Bikinis vs. Radlerhosen beim Beachvolleyball ist eine Phantomdebatte, die vom eigentlichen Stein des Anstoßes ablenken soll. Nebelkerze in der Wüste statt Flutlicht im Stadion.

    Warum redet eigentlich niemand über die Zustände auf den Baustellen?

    Die wirklich diskussionswürdigen Fragen im Zusammenhang mit der Vergabepraxis der Beachvolleyball-World-Tour lauten vielmehr:
    (A) Warum Frauenturniere in Ländern, in denen Frauen nicht derselbe Respekt wie Männern gezollt wird?
    (B) Weshalb überhaupt Sportveranstaltungen in Katar, wo doch nun mittlerweile auch dem letzten BILD-Zeitung-Leser bekannt ist, dass dort sklavenartige Zustände beim Bau der Arenen herrschen?
    (C) Und last but not least: Kann man bzw. frau Beachvolleyball tatsächlich nur im Bikini spielen oder ginge notfalls auch ein anderes, weniger sexy, Outfit?

    Mir leuchtet die Begründung des Weltverbands FIVB, man respektiere mit Radlerhosen & T-Shirt die Kultur und die Tradition des Gastgeberlands, vom Grundsatz her ein. Ich selber käme nie auf die Idee, in Badehose und mit freiem Oberkörper durch einen arabischen Suq zu laufen. Nicht alles, was im deutschen Schwimmbad oder am Münchner Eisbach erlaubt ist, geht halt auch im Ausland. Und seien wir ehrlich: Würde demnächst ein Beachvolleyball-Turnier im Vatikanstaat organisiert – auf dem Petersplatz wäre sicher genügend Platz für ein paar künstliche Sanddünen –, dürften die Damen dort hundertpro ebenfalls nicht im Bikini antreten.

    Rückständig ist immer das, was wir nicht kennen

    Das Argument, öffentlich demonstrierte Sexyness sei ein Zeichen von Emanzipation und Zivilisation, gefällt mir übrigens „am besten“. Fragen Sie mal einen Yanomami aus dem Amazonas-Regenwald, der/die bis auf einen Mini-Lendenschurz nackt durch eine unserer Fußgängerzonen flaniert, wie lange es dauert, bis die Polizei ihn/ sie aufgrund Erregung öffentlichen Ärgernisses einkassiert. Der würde unsere mitteleuropäischen Kleiderregeln ganz sicher zum einen als spießig und zum anderen als mittelalterlich einstufen.

    Merke: Rückständig sind immer die Kleidervorschriften, die die deutsche Kartoffel nicht kennt.

    Borger und Sude, die 14 Tage vor Turnierbeginn ihren Verzicht öffentlichkeitswirksam bekunden – was ihr gutes Recht ist –, müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb sie nicht schon früher gegen den Irrsinn der Vergabe eines Frauenturniers in ein Frauen nicht immer freundlich gesonnenes Umfeld protestiert haben. Weil sie erst Mitte Februar erfuhren, dass es mit den Frauenrechten in Katar nicht allzu weit her ist? Und sie müssen sich zudem der Frage stellen, ob sie jenseits der strittigen Kleiderordnung auch aus obigem Grund (B) „Sklaven schuften und sterben auf den Sportarena-Baustellen“ auf die Teilnahme verzichtet hätten.

    So, wie die Diskussion jetzt mal wieder abgelaufen ist, zeigt sie bloß eines: Arroganz des Westens gegenüber anderen Kulturkreisen.

    PS. Mittlerweile hat Katar erklärt, dass die Frauen ihren schweißtreibenden Job am Netz nun doch in der gewohnten Bikini-Arbeitskleidung verrichten dürfen. Radlerhosen-Vorgaben habe es nie gegeben. Rubrik: Viel Lärm um wenig Stoff.

  • Impfen in Deutschland: Hintergründe eines Schneckenrennens

    Impfen in Deutschland: Hintergründe eines Schneckenrennens

    Der Impfgipfel kreißte und gebar 3 Gratis-Dosen BionTech und eine Besichtigungstour bei Curevac in Tübingen zzgl. Händeschütteln mit OB Boris Palmer, der seine Stadt bereits vor Monaten zur Corona-befreiten Zone erklärt hatte. Das ist böse und stimmt so natürlich nicht ganz. Der Gipfel gebar nämlich zusätzlich die Aussicht auf einen nationalen Impfplan. Pläne sind immer super. Und die bloße Aussicht auf einen Plan ist auch schon gut. Bloß: was soll in diesem Plan eigentlich konkret drinstehen: Verlässliche Zahlen oder bleibt’s bei schwammigen Absichtserklärungen?

    Warum ein Impfplan heute und nicht bereits im Sommer?

    Weshalb musste jetzt eigentlich auf die Schnelle ein Impfplan aus der Ampulle gezaubert werden? Oder andersherum gefragt: weshalb gibt es diesen Plan nicht bereits seit Monaten? Ganz neu ist die Sache mit dem Coronavirus ja nun nicht. Mit nem Plan hätten also sowohl die EU als auch Deutschland schon im vergangenen Herbst aufwarten können. Geschenkt. Pläne gibt’s dann, wenn irgendwer sie plötzlich DRINGEND fordert. In diesem Fall die SPD, die dem Gesundheitsminister erstmal einen Fragenkatalog zugeschickt und die Presse freundlicherweise gleich in cc. gesetzt hat, damit wir alle erfahren, was die Sozialdemokraten von der Regierung wissen wollen. Wenn Sie nun wiederum von mir wissen möchten, warum es dafür im Januar 21 einen ellenlangen Fragebogen braucht, wo doch die SPD-Minister seit Beginn an mit am Corona-Kabinettstisch sitzen, so muss ich Ihnen leider schulterzuckend antworten: Ich weiß es nicht. Aber besser spät als nie. Nicht, dass die Sozialdemokraten Corona noch komplett verschlafen.

    Weshalb zentral einkaufen grundsätzlich schlau ist

    Die Impfgeschwindigkeit in Deutschland sowie in der gesamten EU lässt stark zu wünschen übrig. Da kann man wirklich auch als Mainstream-Medien-Abonnent nichts beschönigen. Nachdem ich vor 1 Monat geschrieben hatte, lasst erstmal den Januar verstreichen, bevor wir mit dem Meckern anfangen und dieser Januar nun eher einem Schnecken-Hindernisparcours-Rennen denn einem beherzten Tübinger Wettlauf glich, kann es nicht verwundern, dass die europäische Beschaffungspolitik weiterhin heftig unter Dauerbeschuss steht. Warum ist überhaupt europäisch und nicht national eingekauft worden? Ich geh ja auch alleine in den Supermarkt, um mir dort meine Vanillejoghurts zu besorgen und koordiniere mich im Vorfeld nicht erst mit meinen Nachbarn, ob die auch Vanillejoghurts haben wollen. Da sind mir ein paar Cent eventuell winkender Preisvorteil bei größerer Bestellmenge schnurzpiepegal. Hauptsache, ich komme schnell an meine Vanillejoghurts dran.

    Jan Fleischhauer im Focus verstieg sich in diesem Zusammenhang sogar zu der Behauptung: „Merkels Impfstoff-Versagen: Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit“. Wow, dachte ich vor vier Wochen. Unsinn bleibt Unsinn, denke ich heute.

    Fassen wir an dieser Stelle für die Zentraleinkauf-Skeptiker deshalb nochmal die 3 Hauptgründe für die Auslagerung der Beschaffung nach Brüssel zusammen:

    (1) Verhinderung eines Wettlaufs der 27 Mitglieder um die Impfstoffe
    (2) Bündelung der Expertise an einer Stelle
    (3) Erzielung von Mengen- (-> Preis-) Vorteilen.

    (1) Insofern man die EU als Solidargemeinschaft begreift, sollte ein schnellerer Zugriff der reichen Länder – in denen die Produzenten beheimatet sind – zu Lasten des ärmeren Südens und Ostens vermieden werden. Die Impfdosen werden von Brüssel aus gemäß vorher festgelegter, transparenter Schlüssel an die einzelnen Mitglieder verteilt. Kann man, wenn man eher national gesinnt ist und die EU sowieso generell Scheiße findet, bemängeln, ändert aber nichts daran, dass die Grundidee von der europäischen Perspektive aus betrachtet durchaus richtig ist.

    (2) Es lässt sich wochenlang wunderbar bis erhitzt darüber streiten, ob die Brüsseler Experten mehr oder weniger Ahnung als ihre nationalen Kollegen haben. Am Ende der Diskussion wird jedoch außer Erschöpfung der Kommentatoren nichts Verwertbares herauskommen; weshalb wir uns diese nutzlose Debatte auch gleich ganz sparen können.

    (3) Hier schälen sich doch langsam Ungereimtheiten heraus: War es wirklich so wichtig, den Preis zu drücken? Klar, als Einkäufer darf man sich keine Mondpreise von den Herstellern aufschwatzen lassen. Aber musste da tatsächlich bis zum letzten Zehntelcent gefeilscht werden? Produkthaftung: natürlich ein Punkt. Jedoch wäre es deutlich schneller gegangen, wenn die EU die ausnahmsweise übernommen hätte. Jetzt liegt der Produkthaftungs-Peter zwar bei den Produzenten; dafür konnten beide Seiten allerdings erst im Spätherbst die Tinte unter die Verträge setzen, während die US-Amerikaner, Briten und Israelis bereits im Sommer auf große Impfstoff-Shoppingtour gegangen waren. Merke: Wer als Letzter kauft, bekommt halt nur die Restbestände aus dem Sortiment.

    Ändert natürlich alles nichts daran, dass sich die Hersteller an die zugesagten Liefermengen halten müssen. Man hätte ja in die Verträge reinschreiben können, dass verspätete Lieferungen in der Konsequenz zu drakonischen Konventionalstrafen führen. Wer nicht liefert, zahlt nen Betrag, der ordentlich schmerzt. Oder muss die nächsten 50 Millionen Dosen gratis zur Verfügung stellen. So wird das normalerweise unter Profis geregelt. Das Hin- und Herschieben des Verantwortungs-Peters bringt überhaupt nichts. Es ist nun mal im Januar schlecht gelaufen mit Einkauf, Produktion und Auslieferung, und jetzt müssen beide Seiten schauen, dass es schnell besser wird. Aber das wird ja GsD seit gestern Abend alles der Gipfel regeln. Oder etwa doch nicht?

    Warum die Länder mit in der Verantwortung sind

    Was in der aufgeregten Diskussion über die Liefermengen jedoch zumeist verschwiegen wird, ist der Umstand, dass im Land des (angeblichen) Organisationsweltmeisters vieles im Argen liegt mit dieser Organisation. Hotlines, die nicht funktionieren oder gar nicht erst existieren, telefonische und digitale Anfragen, die per Briefpost beantwortet werden – falls sie überhaupt beantwortet werden –, Verstorbene, die angeschrieben und zu Impfterminen eingeladen werden – auf die die Lebenden immer noch warten –, Vorsichtsvorratshaltung, anstatt das Zeug schnell unter die Leute zu bringen, Priorisierungen, die nur noch Experten verstehen … die Aufzählung der Organisations- und Planungspannen auf Länder- und kommunaler Ebene ist nicht gerade kurz und ich frage mich, ob die SPD im Anschluss an ihren Bundesfragebogen auch Fragebögen an die 16 Landesgesundheitsminister und im Anschluss an sämtliche Landräte, Bürgermeister und Behördenleiter der Gesundheitsämter verschicken wird. Keine Sorge: ich kann mir die Frage selbst beantworten. Die SPD wird das selbstverständlich nicht tun. Denn in 7 Ländern stellt sie selbst den MP und in 4 weiteren sitzt sie als Juniorpartner mit am Regierungstisch. Streng befragen tut man nie sich selber, sondern immer nur den politischen Gegner (auch wenn man mit dem seit gefühlt 50 Jahren täglich in der Groko beisammen hockt. Fällt in die Rubrik: Auflösungserscheinungen einer alten Ehe).

    Weshalb nationale Alleingänge nichts bringen

    Ich persönlich halte vom immer zügelloser um sich greifenden Impfnationalismus sowieso herzlich wenig. Unterm Strich muss die gesamte Weltbevölkerung gegen das Virus immunisiert werden. Und nicht nur die reichen US-Amerikaner, Briten, Israelis, Deutschen, Skandinavier u.ä. Was ist mit den Afrikanern, Südamerikanern und Südostasiaten? Bekommen die 2025 die letzten Chargen, bei denen das MHD bereits abgelaufen ist oder eventuell überhaupt nichts? Ebenfalls beim Impfen America & Europe first? Dürfen bloß die Nationen die Leben ihrer Bevölkerungen schützen, die genügend Kohle springen lassen können, um den teuren Stoff in doppelt bis dreifach übertriebener Menge zu horten? Das wäre sowohl egoistisch als auch zu kurz gedacht. Während wir uns hier durchimpfen lassen und dabei ständig jammern, dass es woanders schneller geht, mutiert das Virus in den ungeimpften Weltregionen munter vor sich hin, wird alsbald in veränderter Form wieder in Europa eingeschleppt und der ganze SARS-CoV-Wahnsinn beginnt von vorne. An dieser Stelle lobe ich AstraZeneca: Die verkaufen weltweit zum Selbstkostenpreis. Da können sich Biontech und Moderna ne Scheibe von abschneiden.

    Am Ende dieser Kolumne wollen wir 3 Merksätze festhalten:
    (1) Impfen ist eine globale Aufgabe. Welche Nation damit als Erste fertig ist, ist in etwa so relevant, wie sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob Leverkusen jemals Deutscher Meister wird. Beides ist völlig unwichtig.
    (2) Der Zentraleinkauf auf europäischer Ebene war eine weise Grundsatzentscheidung. Es hapert jedoch mit der operativen Umsetzung.
    (3) SPD-Minister ins Corona-Kabinett einzuladen, ist vergebliche Liebesmühe. Entweder schlafen sie dort, während die anderen über Corona reden oder sie spielen Candy Crush. Und am Ende reichen sie einen ellenlangen Fragebogen ein, um all die Fragen beantwortet zu bekommen, bei deren Erörterung sie geschlafen oder Candy Crush gespielt haben.

    PS. Leverkusen wird nie Deutscher Meister werden.

  • Social Media ohne Trump?

    Social Media ohne Trump?

    Als am späten Abend des 6. Januar der letzte QAnon-Schamane aus dem Kongress vertrieben worden war und sich die Reinigungstrupps aufmachten, die in den heiligen Hallen herumfliegenden Bierdosen und BigMac-Kartons einzusammeln, geschah etwas Ungewöhnliches: Sowohl Twitter als auch Facebook sperrten den irrlichternden US-Präsidenten auf ihren Plattformen. Erstmal begrenzt auf 12 Stunden, dann ausgeweitet bis zum Ende seiner Amtszeit. Während sich dieser Schritt bei Twitter schon länger anbahnte, mutete die plötzliche Rigorosität Zuckerbergs, der in einer Art Spontan-Erweckungserlebnis seine Liebe zu einer Fakenews-freien Online-Welt entdeckt zu haben schien, anfangs doch erstaunlich an. Besser spät als nie, dachte ich und ging beruhigt ins Bett. Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, sortierte ich die Heldentat der Plattformbetreiber am Morgen danach leicht anders ein: Nämlich als 5 nach 12 Bannstrahl, um im allerletzten Moment die Reißleine zu ziehen und nicht in den trumpschen Abwärtsstrudel mit reinzugeraten. Gelegenheit, Eier zu zeigen, gab es vorher schon zur Genüge: Charlottesville, der Aufruf an „Patrioten“, den Anti-Corona-Maßnahmen von Michigan-Gouverneurin Whitmer nicht Folge zu leisten, die Entsendung paramilitärischer Einheiten nach Portland zwecks Eindämmung der BLM-Demonstrationen mögen hier als Beispiele genügen.

    Biegsame Standards und Hausrecht des Betreibers

    Völlig losgelöst vom konkreten Fall Trump müssen drei Fragen gestellt werden:
    – Reicht das Regelwerk der Social-Media-Betreiber aus?
    – Ist es klar formuliert und transparent genug?
    – Und die Gretchenfrage: können private Anbieter nach eigenem Ermessen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, oder unterliegen Informationsgiganten doch öffentlichen Regeln bzw. muss Meinungsfreiheit auch von manchen Privaten garantiert werden?

    Die (sehr biegsamen) Standards von Facebook und Twitter sind hier und hier zu finden. Nach Studium derselben entsteht der Eindruck, dass eine halbentblößte Titte auf einem Ölgemälde, das ein Rubens-Liebhaber postet, strenger sanktioniert wird als Hass, Hetze, Beleidigung und was es sonst noch alles an Unappetitlichem in den Social-Media-Kanälen zu lesen gibt. Zudem werden die ohnehin nur rudimentären Regeln kaum ernsthaft durchgesetzt. 99 Prozent der Fake-News-Trolle gehen straffrei aus. Was auf entweder grob fahrlässige Nonchalance oder chronisch unterbesetzte Kontrollabteilungen hindeutet. Beides wäre kein Ruhmesblatt für Hightech-Konzerne.

    Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist tricky bis heikel, weshalb es sich an dieser Stelle empfiehlt, erstmal die bundesdeutsche Generalklausel zu zitieren:

    Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
    Art. 5 GG, Abs. 1

    Allerdings regelt das Grundgesetz vornehmlich das Verhältnis Bürger-Staat, nicht jedoch die Interaktion zwischen Privatleuten. Und die Social-Media-Kanäle werden nun mal von Privatunternehmen betrieben, die ihre eigenen Regeln aufstellen dürfen. Niemand besitzt ein Dauer-Anrecht auf einen Account und niemand wird durch eine Sperre daran gehindert, seine Meinung trotzdem zu vertreten. Um beim aktuellen Auslöser Donald Trump zu bleiben: Dem stehen ja außerhalb von Facebook & Twitter weitere Kanäle offen, seine Weltsicht zu verbreiten. Beispielsweise Presse Briefings, Pressemitteilungen, TV-Ansprache an die Nation, Teilnahme an öffentlichen Diskussionsrunden, Leserbriefe etc. etc. Ist ja nun nicht so, als ob Social Media die einzige Möglichkeit der Informationsvermittlung darstellt.

    Meinungsfreiheit und Last-Minute-Notbremse

    Streng genommen bedeutet Meinungsfreiheit nichts anderes als den Staat – von begründeten (und gut zu begründenden) Ausnahmefällen abgesehen – daran zu hindern, Zensur auszuüben. Was Zuckerberg und Dorsey mitunter tun, mag dem ein oder anderen zwar wie Zensur vorkommen; juristisch gesehen machen sie jedoch nur von ihrem Hausrecht Gebrauch, das jedem Privatmann zusteht. Wie ein Kneipenwirt dürfen sie einen pöbelnden Gast vor die Tür bugsieren. Und gepöbelt hatte der 45. US-Präsident in den vergangenen 4 Jahren wahrlich genug. Das hätte für 400 Rausschmisse ausgereicht.

    Trotzdem bleibt bei den Social-Media-Riesen ein ungutes Gefühl zurück. Wer entscheidet da eigentlich? Und anhand welcher Kriterien wird entschieden? Kann man Facebook & Twitter noch mit einer Kneipe gleichsetzen, oder müssen aufgrund der globalen Nahezu-Monopolstellung dieser Anbieter nicht doch andere Maßstäbe herangezogen werden? Gibt es bei Facebook ein Experten-Gremium, das eine so weitreichende Entscheidung wie die Sperrung des US-Präsidenten-Kontos trifft oder macht das der CEO alleine? Konnte Herr Zuckerberg nicht mehr schlafen, weil er um den Fortbestand der US-Demokratie fürchtete oder handelte es sich eher darum, um 5 nach 12 panikgetrieben von Bord des unrettbar sinkenden Seelenverkäufers ans rettende Ufer zu springen? Eine Last-Minute-Notbremse, um den ansonsten drohenden massiven Einbruch der Werbeeinnahmen in der allerallerletzten Nanosekunde zu verhindern? Ist Facebook eine Trink- und Saufhalle mit unbeschränktem Hausrecht des Gastronomen oder müssen/ sollten doch Regeln, wie sie für den öffentlichen Bereich gelten, zur Anwendung gelangen?

    Die Regelwerke von Facebook & Co. gehören dringend überarbeitet

    Nicht nur Angela Merkel sieht die dauerhafte Sperrung der Social-Media-Konten des US-Präsidenten deshalb kritisch: „Die Betreiber sozialer Netzwerke tragen zwar Verantwortung dafür, dass die politische Kommunikation nicht mit Hass und Anstiftung zu Gewalt vergiftet wird. Die Meinungsfreiheit als Grundrecht von elementarer Bedeutung kann aber nur durch den Gesetzgeber, nicht nach der Maßgabe von Unternehmen, eingeschränkt werden“. Hört also die Meinungsfreiheit gar nicht jenseits der staatlichen Garantie auf, sondern umfasst auch Teile des privaten Sektors? Meiner Meinung nach: JA. Denn Facebook & Twitter sind schlichtweg zu groß und kommunikationsmächtig, als dass sie im Bedarfsfall wie ein erzürnter Kneipenwirt handeln dürfen. So sehr die Übernacht-Kündigung Trumps uns emotional gefallen mag, so birgt die Sperre doch den Keim für nachfolgendes Unheil. Was, wenn Zuckerberg in einem Jahr entscheiden sollte, Joe Biden vor die Tür zu setzen, weil der Steuererleichterungen zurücknimmt und/oder eine stärkere Kontrolle der Online-Giganten fordert? Warum Trump und nicht ebenfalls alle anderen Politiker, die offenkundige Falschnachrichten verbreiten und zwischen den Zeilen Unzufriedenheit und Gewalt schüren? Weil The greatest POTUS of all time im Moment des Bannstrahls bereits verloren war, während man das bei den anderen Fakenews-Spreadern halt noch nicht so genau weiß und deshalb mit der Entscheidung lieber abwartet? Das Instrument der Account-Stilllegung aus schierem Opportunismus heraus?

    Facebook & Co. werden um eine grundlegende Debatte, was bei ihnen geht und was definitiv nicht geht, nicht herumkommen. Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen Tittenphobie und Beide-Augen-zudrücken bei Hass & Hetze ist dem Publikum nicht mehr lange vermittelbar. Da hilft auch ein Leuchtturm-Rausschmiss wie der des US-Präsidenten nicht weiter. Ohne transparente Regeln und die Möglichkeit des ernstgenommenen Einspruchs des Sanktionierten werden die Socialmedia-Plattformen keine Zukunft haben. Anfang 2021 wirkt das alles immer noch stark flickschusterartig zusammengebastelt anstatt seriös geplant und konstruiert.

  • Von Kolumnen und Fake News

    Von Kolumnen und Fake News

    »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern«, sagte meine englische Bekannte oft, wenn sie mich in Köln besuchte. Lange vor dem Brexit.
    »Klugscheißer gibt es in jedem Land der Erde«, antwortete ich.
    »Aber nirgendwo so flächendeckend und dermaßen humorlos wie bei euch«, legte sie nach, und dann wechselten wir das Thema und sprachen über das Wetter.

    Die nächste Sau im digitalen Dorf

    An Weihnachten ging es in den sozialen Netzwerken zur Abwechslung mal ein paar Tage beschaulich zu, Bilder von Weihnachtsbäumen und freizügigen Heiligabend-Dekolletés gefolgt von Leichte-Küche-Tipps für 2021 bestimmten die Szene. So ruhig kann’s durchaus weitergehen, dachte ich am Silvesterabend, überlegte, ob ich am Morgen darauf ein Katzenbild oder einen Poesiealbumspruch poste, legte mich schlafen, erwachte ausgeruht und friedlich, wollte gerade meinen Poesiealbumspruch hochladen, als ich feststellte, dass die alte Jauchegrube Facebook direkt nach dem Jahreswechsel erneut zu brodeln und rumoren begann. Also alles wie immer. Ich packte das Poesiealbum wieder in die Schublade und informierte mich erstmal, welche Sau nun durch digitale Dorf getrieben wurde, und weshalb man sie trieb.

    Es ging/ geht um den (angeblich) schleppenden Impfstart in Deutschland. Viel zu langsam, andere Länder seien da weitaus schneller als wir. Na ja, was erwarten die Superschlauen nach drei, vier Tagen: Dass wir da schon das gesamte Land geimpft haben?, dachte ich. Aller Anfang ist schwer und holprig. Hauptsache, wir werden bis zum Sommer damit fertig. Woche 1 finde ich persönlich da völlig uninteressant.

    Schaut auf Israel, Bahrein, Singapur, Liechtenstein, Tuvalu und die Marshallinseln; da sind sie überall schon viel weiter als bei uns, hielt mir die Superschlau-Fraktion entgegen, als ich meinen Einwand, den Erfolg bei einem Marathon nicht schon nach den ersten 400 Metern prognostizieren zu können, in diversen Threads platzierte. Wenn man sich die Zahlen der o.g. Länder dann anschaut, stellt man zwar fest, dass sie bereits ein paar Kilometer des Marathons absolviert haben, jedoch z.T. früher mit dem Impfen begannen und vom Ziel der Flächendeckung auch noch (sehr) weit entfernt sind. Abgerechnet wird am Ende und nicht, wenn das Rennen sich noch im absoluten Anfangsstadium befindet.

    Und was ist mit der Einkaufspolitik, kommt dann.
    Was soll mit der Einkaufspolitik sein, frage ich zurück.
    Die war grob fahrlässig verfehlt, Herr Kolumnist!
    Verfehlt, und dann auch noch grob fahrlässig??
    Lesen Sie denn keine Zeitung, Herr Hirsch?

    !!Was für’n Superlativ im Focus!!

    Auslöser für das Verfehlte-Einkaufspolitik-Gerücht war wohl eine Focus-Kolumne von Jan Fleischhauer, die den schönen Titel „Merkels Impfstoff-Versagen: Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit“ trägt. Wow! denke ich, das ist ja mal ein Superlativ, verheerendste Entscheidung, der Kanzlerin, in 15 Jahren und hänge direkt noch ein weiteres Wow! dran.

    Es folgen Sätze wie:

    Deutschland hat es leider versäumt, beizeiten ausreichend Impfstoff zu ordern.
    „Beziehungsweise die Regierung hat diese für die Gesundheit der Bürger zentrale Aufgabe nach Brüssel delegiert, wo man leider auch in Gesundheitsdingen zunächst die politischen Aspekte in den Blick nimmt und dann erst die pragmatischen.

    Satz 1 ist Unfug, Satz 2 trifft bis zum Komma zu; danach wird auch er zu Unfug.

    Hier die offiziellen (bisherigen) Bestellmengen der EU (in Mio. Dosen):
    (1) CureVac: 405
    (2) AstraZeneca: 400
    (3) Johnson & Johnson: 400
    (4) Sanofi-GSK: 300
    (5) BioNTeck/Pfizer: 300
    (6) Moderna: 160

    Ergibt in der Addition 1.965 Mio. (also knapp 2 Mrd.) Impfdosen.

    Damit könnte jeder der 450 Mio. Einwohner der EU 4.5x geimpft werden (was eine 100%-ige Impfbereitschaft unterstellt, die ja ohnehin nicht gegeben ist).

    Dass die nationalen Regierungen sich für eine Zentralisierung der Beschaffung entschlossen: dafür gab es gute Gründe. Z.B.
    (a) Risikosplitt (6 potenzielle Lieferanten sind besser als 3 oder gar nur 1)
    (b) Verhinderung eines nationalen Wettlaufs (der vermutlich schlecht für die ärmeren EU-Mitglieder ausgegangen wäre) -> Verteilungsgerechtigkeit
    (c) Konzentration der Expertise in Brüssel
    (d) Heraushandeln besserer Konditionen.

    Praktiziert jeder Konzern genauso. Die Beschaffung strategisch wichtiger Produkte ist bei der Mutter zentralisiert, die diese dann wieder an die Töchter anhand vorher vereinbarter Schlüssel verteilt. Das ist jetzt wahrlich keine EU-spezifische oder gar sträflich falsche Vorgehensweise.

    Dass es so gemacht wird, stand seit Juni 2020 fest. Nachzulesen bspw. in der öffentlich zugänglichen Presse-Ecke der Europäischen Kommission.

    Haben die SPD-Minister geschlafen, als im Kabinett über die Beschaffung diskutiert wurde?

    Wo waren die ganzen Besserwisser damals?
    Wo war die SPD, die sich heute über die (angeblich) verfehlte Einkaufspolitik der Regierung (der sie selbst seit drei Jahren angehört) beschwert? Haben deren Minister, als das im Kabinett diskutiert wurde, allesamt geschlafen? Haben sie – was noch schlimmer wäre – evtl. überhaupt nicht verstanden, worüber der Gesundheitsminister und die Kanzlerin redeten? Und dann die Entscheidung einfach stumm abgenickt? Müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Es gilt weiterhin die Feststellung meiner englischen Bekannten: »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern.«
    In diesem Fall mal nicht von Bundestrainer-Klugscheißern, sondern von Einkaufspolitik-Amateuren, die es (im Nachhinein) besser wissen als die Profis im ungeliebten Brüssel.

    Bleiben wir bei der auslösenden Fleischhauer-Kolumne:

    Bereits im Sommer hatte sich abgezeichnet, dass der aussichtsreichste Kandidat aus Mainz kam und nicht aus Paris. Dennoch schloss die EU-Kommission ausgerechnet mit Sanofi einen der beiden ersten Verträge ab, also dem französischen Pharmakonzern, der für seine Unzuverlässigkeit bekannt ist.

    Das sind Sätze aus der Abteilung Propaganda. Niemand konnte im vergangenen Sommer wissen, welcher Hersteller bis zum Jahresende das Rennen machen wird. Niemandem war klar, wer eine schnelle Zulassung erhält. Und bei Unsicherheit ist ein Risiko-Splitt – in diesem Fall die Verteilung der Bestellung auf 6 mögliche Lieferanten – immer eine kluge Option. Würde jeder andere (Profi-!) Einkäufer ebenfalls so handhaben. Kein Profi (!) verlässt sich auf einen einzigen Zulieferer, so lange überhaupt nicht absehbar ist, ob der mit der Entwicklung rechtzeitig fertig wird und wenn er irgendwann fertig wird, jemals die notwendige Menge bereitstellen kann. Für die Behauptung, Sanofi sei bekanntermaßen unzuverlässig, bleibt Fleischhauer den Beweis schuldig. Für mich klingt das stark nach germanischer Überheblichkeit: Was jenseits von Spaghetti Carbonara, Rotwein und Bœuf bourguignon aus romanischen Ländern kommt, taugt nichts. Typische deutscher Porschefahrer-Dünkel.

    Die Wahrheit ist: Gegen Biontech sprach zweierlei, die deutsche Herkunft und die Allianz mit Pfizer, dem großen Rivalen aus New York. Wenn man sich bei Leuten umhört, die mit den Verhandlungen vertraut sind, hört man, dass die Franzosen die Impfstoffbestellung als eine Frage des Ansehens betrachteten. Deshalb war auch klar, dass die Bestellung bei Biontech niemals über die 300 Millionen Impfdosen hinausgehen durfte, die man im September bei Sanofi geordert hatte. Das sei eine Sache der nationalen Ehre. Man glaubt es sofort.

    Auch hier wieder Blabla bar jeglicher belastbarer Quelle. Gegen BionTech sprach u.a., dass das Vakzin durchgängig bei minus 70° kühl gelagert werden muss. Soviel ich weiß, kann die EU jederzeit in Mainz nachordern. Wie bei den anderen Herstellern ebenfalls. Die Frage ist bloß: kann BioNTech auch innerhalb vertretbarer Fristen so viel liefern wie Deutschland, die EU, letztlich die gesamte Welt gerne kaufen würden? Schnelle Antwort: mit hoher Wahrscheinlichkeit Nein. Weshalb – ich wiederhole mich – es eine kluge Entscheidung der EU war, die Beschaffung auf ein halbes Dutzend Produzenten zu streuen.

    Die Trennlinie zwischen Kolumne und Fake News muss scharf bleiben

    Und an dieser Stelle habe ich keine Lust mehr, noch weitere Sätze aus der Fleischhauer-Kolumne zu zitieren und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Auch wenn Kolumnen keine wissenschaftlichen Aufsätze und keine neutralen Artikel im Nachrichtenteil sind, sie bei psychologischer Betrachtung nichts anderes darstellen als das wöchentliche Lamento alter Männer, denen zu Hause keiner mehr zuhören mag, weshalb sie ihren Weltschmerz und/oder Weltzorn halt notgedrungen im Abstand von 7 Tagen in die Laptop-Tastatur hämmern müssen. Geht mir ja genauso. Kolumnisten dürfen ungeprüfte Hypothesen aufstellen, sticheln, reizen und am Ende des Textes was anderes behaupten als zu Beginn. Alles möglich. Niemand mag eine 100 Prozent politisch-korrekt-langweilige Kolumne lesen. Es kann munter nach links und rechts ausgeteilt werden, und der Kolumnist darf nie Angst vor einem Shitstorm haben. Trotzdem sollten auch Kolumnen einen gewissen Wahrheitskern enthalten bzw. die Wahrheit nicht dermaßen verdrehen, bis sie keine Kolumnen mehr sind, sondern an Fake News heranreichen.

    Und Sätze wie dieser (okay, ich zitiere doch noch einen):

    Was, wenn sich herausstellen sollte, dass ihre [gemeint ist die Kanzlerin. Anm. des Verf.] Unachtsamkeit das Sterben verlängert? Dass es ihre Fehlentscheidung war, die jeden Monat Menschenleben kostet, die andernfalls hätten gerettet werden können?

    sind zum einen mega-übel und befördern zum anderen die Fakenews-Produktion in den sozialen Medien, wo dann – ohne die konkreten Zahlen zu kennen – bloß noch davon geschwafelt wird, Deutschland hätte sträflich zu wenig Impfdosen geordert.

    Ich will hier nicht langweilen mit Notfallzulassung, Rüstzeit, Logistik, Kühlketten, Nachfrager, die den doppelten Preis zahlen, werden bevorzugt behandelt u.ä.; denn auch das hier ist eine Kolumne und kein Fachaufsatz über professionelles (!) Beschaffungswesen, sondern schließe mit einem Kommentar den ich in einer Facebook-Diskussion aufgestöbert habe:

    Ich kann auch am Donnerstag die Lottozahlen vom Mittwoch sagen und Herrn Fleischhauer dafür kritisieren, dass er falsch getippt habe.

    Mehr gibt’s zu dieser elenden Klugscheißer-Debatte von meiner Seite aus nicht zu sagen.

  • Nie war ich so fett wie heute oder …

    Nie war ich so fett wie heute oder …

    2020 war das Corona-Jahr. Nicht nur draußen in der realen Welt, sondern ebenfalls ganz heftig in den beiden virtuellen Paralleluniversen Facebook & Twitter und natürlich auch bei uns Kolumnisten. Es verging seit Februar kaum ein Monat, in dem wir uns nicht aus dem ein oder anderen Blickwinkel mit Covid-19 beschäftigten. Ging es am Anfang noch darum, das Problembewusstsein für diese neue Form der Bedrohung zu wecken und zu schärfen, handelten unsere späteren Artikel von Grundrechten in Zeiten von Corona über Nachhilfe für den Corona-Widerstand, gefolgt von Aus deutschen Schlachthöfen bis hin zu aktuell Impfpflicht?. Grob geschätzt zwei Dutzend Beiträge kann man finden, wenn man bei den Kolumnisten das Schlagwort Corona in die Suchmaske tippt. in Man sollte also meinen, zu Sars-CoV-2 wurde mittlerweile ALLES gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Stimmt auch nahezu. Einzig ein wichtiger Aspekt scheint mir bisher völlig zu kurz gekommen zu sein.

    Welcher wichtige Aspekt soll das denn sein, fragen Sie mich?
    Moment, ich erkläre es gleich.

    Stay (dauerhaft) at home -> Gewichtsexplosion

    An Heiligabend, 16 Uhr war es mal wieder so weit: Ich passte nicht mehr in den Heiligabend-Anzug, den ich in den vergangenen Jahren getragen hatte, hinein. Das war mir zuletzt 1997 oder 98 passiert. Da es am Heiligabend um 16 Uhr erfahrungsgemäß schwierig ist, einen Ersatzanzug zu kaufen oder zu leihen und die Änderungsschneiderin, die das Problem 1997 (oder 98) gelöst hatte, mittlerweile verstorben ist, bot sich die beste aller Töchter an, den Knopf so weit zu versetzen, dass ich für die Zeitdauer eines Abends eine geschlossene Hose zumindest simulieren konnte. Beim Jackett, das ebenfalls arg spannte, half der Tipp eines Facebook-Bekannten: „Sakkos immer offen tragen.“ Mit diesen kleinen Tricks kam ich durch den Heiligabend, besorgte mir an Silvester eine neue Batterie für meine Waage, die ich allerdings erst am Neujahrstag bestieg, um mir den Jahreswechsel nicht unnötig zu versauen, und siehe da, wenig erstaunlich, die Nadel zeigte 8 (!!) Kilo mehr als am Jahresbeginn 2020. Kein Wunder, dass viele meiner Hosen und Hemden mittlerweile arg zwickten, was ich bisher stets auf zu heiß eingestellte Programme in der Waschmaschine zurückgeführt hatte. Mich zugegebenermaßen hin und wieder darüber wunderte, weshalb ebenfalls Hosen und Hemden, die vorher gar nicht in der Waschmaschine gewesen waren, ebenfalls arg zwickten; aber lieber ein paar Stunden lang die Luft anhielt und den Bauch einzog, als mich mit dem immer offensichtlicher aus dem Hosenbund quellenden Thema des Corona-bedingten Aus-dem-Leim-gehens auseinanderzusetzen.

    Eine nicht ganz repräsentative telefonische Umfrage unter meinen Freunden und Bekannten ergab, dass 37 Prozent der in etwa gleich alten (also: gleich alt wie ich) Männer und sogar 42 der Frauen vom selben Phänomen berichteten: überproportionale Gewichtszunahme in Corona-Jahr 1. Und da natürlich nicht alle bei einer Telefonbefragung, zumal bei solch einer heiklen Sache wie dem Gewicht, ehrlich antworten, selbst wenn man ihnen komplette Anonymisierung der Daten garantiert, ist die Dunkelziffer hoch und es steht mithin zu befürchten, dass zu den eben genannten 37 und 42 Prozent jeweils nochmal ne Kalorien- bzw. Kilo-Schippe draufgelegt werden muss. Nicht wenige meiner Interview-Partner berichteten zudem von gravierenden Fitness-Einbußen. Einige, die vorher mühelos zehn Treppen steigen konnten, nehmen nun den Lift, um in den ersten Stock zu gelangen.

    Isolierung ja, aber mit Verstand

    An dieser Stelle wollen wir das individuelle Der-Hirsch-bekommt-den-Reißverschluss-seiner-Hose-nicht-mehr-zu-Thema verlassen und versuchen, die Problematik der Gewichtszunahme im Verein mit gleichzeitiger Fitness-Reduktion aus der Meta-Perspektive der nationalen Gesundheit (das ist nicht dasselbe wie die nationale Sicherheit, die in Hollywood-Filmen ständig bedroht wird; aber alles, wo national davor steht ist auf jeden Fall von großer Bedeutung) zu betrachten. Denn um unsere Gesundheit dreht sich seit 9 Monaten ja beinahe alles. Was auch vollkommen richtig ist. Gesundheit ist wichtiger als im Homeoffice kratze ich so langsam den Kitt aus den Fensterritzen und ich hasse es, beim Bäcker 20 Minuten draußen zu warten, bis ich endlich meine 3 Brötchen bekomme oder gar was mache ich mit meinen Fingernägeln, wenn das Nagelstudio wochenlang geschlossen ist?

    Was mir jedoch völlig schleierhaft ist: Warum sorgt sich der Corona-Nanny-Staat nicht ebenfalls um den Fitness-Zustand seiner Bevölkerung? Er sorgt sich mittlerweile um so VIELES, aber ausgerechnet die physische Kondition der Menschen ist ihm wurscht? Und das, obwohl ein guter Fitnessgrad neben Vereinzelung (sprich: alleine zu Hause auf dem Sofa hocken und 24/7 Paprikachips in sich reinstopfen), Maske tragen und 2m-Abstandsregel einhalten sicher eine veritable Krankheitsprophylaxe (iSv. milderer Verlauf bei Infektion) bedeutet? Woran liegt die beinahe schon grob fahrlässige Vernachlässigung dieses Aspekts? Weil unsere Politiker selber alle keinen Sport treiben? Weil sich der Staat aus unserer individuellen Fitness heraushalten möchte; die sei Privatsache? Derselbe Staat, der mir an Weihnachten und Silvester vorschreibt, wie viele Verwandte ich treffen darf? Weil das Geld für eine bundesweite Trimm-dich-Kampagne fehlt? Falls ja: dann sollte es schleunigst im Haushalt bereitgestellt werden.

    Mal wieder meine Großmutter väterlicherseits

    Es wird ständig gepredigt, was wir alles NICHT tun dürfen. Bin ich d’accord: In Zeiten einer Pandemie darf man halt einiges bis hin zu vieles nicht machen. Bis das Virus abebbt und/ oder Herdenimmunität qua Impfung erreicht ist. Es wird jedoch viel zu wenig gesagt, was wir alternativ tun können, um gesund durch die harten Lockdown-Wochen zu kommen. Kann ja nicht sein, dass Aerobic mit Pamela Reif und Peloton-Ergometer-strampeln die einzigen vernünftigen Indoor-Fitness-Angebote darstellen.

    Weshalb bieten unsere Öffentlich-Rechtlichen nicht 3x täglich ein kleines Zirkeltraining für die Couch-Kartoffeln an? Fände ich in Corona-Zeiten sinnvoller, als eine dumme Vorabendserie gefolgt von einer noch dümmeren Spiel-Show nach der anderen über den Äther zu jagen. Und der größte Irrsinn von allem: Wir schließen sämtliche Sportstätten und Fitnessstudios. Einrichtungen, die sich seit Monaten an sämtliche Hygienekonzepte halten und dafür Sorge tragen, dass zumindest der Teil der Bevölkerung, der sich fit halten will, das auch tun kann. Stattdessen beordern wir alle in die häusliche Isolation und wundern uns im nächsten Frühjahr darüber, dass der durchschnittliche Body-Mass-Index um 3 Punkte angestiegen und die Hälfte der ü50-Jungsenioren ohne Treppenlift alsbald nicht mehr in der Lage ist, vom Wohnzimmersofa aus das Schlafzimmer zu erreichen.

    Meine Großmutter väterlicherseits, die die Spanische Grippe, zwei Weltkriege und die Hungerjahre nach WK2 durchgemacht hatte, gab mir folgenden Ratschlag mit fürs Leben: Ernähre dich gesund und maßvoll (was ich in Corona-Jahr 1 ganz augenscheinlich nicht getan habe), beweg dich oft an der frischen Luft, lauf die Treppe hoch, so lange du kannst, geh vor Mitternacht schlafen und halte dich von Drogen fern, dann wirst du selten krank und wenn du zwischendurch nicht versehentlich vor eine Straßenbahn läufst, dann erlebst du wahrscheinlich sogar deinen 90-sten Geburtstag. Sie selbst wurde 97, war so gut wie nie krank und schlief an einem sonnigen Samstagmittag friedlich im Kreis ihrer Kinder ein.

    Mehr Sport ist auch ne Form der Prophylaxe

    Bei allem Respekt, aber Ihre Großmutter väterlicherseits hatte Null Ahnung von Sars-CoV-2, sagen Sie? Stimmt; jedoch hatte Sie ne Menge Ahnung von der Vorteilhaftigkeit eines intakten Immunsystems und hielt Sport – so lange man ihn in Maßen betreibt – für eine vernünftige Sache. Und Sie war dabei NIE eine Verfechterin von Bachblüten-Therapien und ähnlichem esoterischen Unfug. Sie würde sich – so sie heute noch lebte – auch an sämtliche Vorgaben halten gem. dem Motto, „In Zeiten einer Pandemie ist Vorsicht eine Tugend“. Was allerdings als Gegenbeweis, dass ein mittels sportlicher Aktivität und gesunder Ernährung gewappneter Körper dem Virus genauso schutzlos ausgeliefert ist wie alle anderen übergewichtigen und Fitness-verwahrlosten Körper auch, nicht taugt. Man kann ja durchaus beides tun – also AHA-Regeln befolgen und zusätzlich aufs Ergometer steigen –, anstatt mit der Chipstüte auf dem Sofa zu sitzen und 24/7 durch Netflix zu zappen.

    Deshalb mein Appell: Sportstätten und Fitnessstudios sollten schnell wieder geöffnet werden. Die sind Minimum genauso systemrelevant wie Friseure und Blumenläden. Wenn nicht sogar systemrelevanter.

    Was mit meiner eigenen Gewichtsreduktion ist, wollen Sie noch wissen?
    Eineinhalb Kilo sind schon runter – was evtl. an ner kräftigen Morgenverdauung heute Morgen liegen kann –, 4 weitere sollen bis Ende Januar purzeln. Ich habe es vor ein paar Jahren geschafft, auf zwei Pullen Wodka am Tag zu verzichten, da werde ich doch auch noch mit Nutellabrötchen, Keksen, Sonntagnachmittag-gedeckter-Apfelkuchen und Dosenravioli mit Extrasahne fertig werden. Andernfalls lasse ich mir den Magen verkleinern, denn so kann es auf keinen Fall in Corona-Jahr 2 weitergehen, sonst bin ich im nächsten Winter dreistellig auf der Waage. Eine post-apokalyptische Horrorvorstellung!

  • Corona und kein Ende?

    Corona und kein Ende?

    Die Zahlen steigen, steigen und steigen. Ob es sich dabei nun um die zweite, die Verlängerung der ersten oder den Vorboten der dritten Welle handelt, ist völlig egal. Ob die Zahlen exponentiell explodieren oder nur temporär nach rechts gekrümmt linear anwachsen, ist eigentlich auch nicht so superwichtig. Ob es daran liegt, dass heute mehr getestet wird als noch vor Wochen oder Monaten, interessiert mich als Laien ehrlich gesagt ebenfalls nur am Rande. Fakt ist: Die Gesundheitsämter melden jeden Tag neue Höchststände an Infizierten, die Belegung der Betten auf den Intensivstationen mit Covid-19-Patienten nimmt wieder zu. Wenn die Entwicklung weiter so voranschreitet wie im September und Oktober gehen wir einem äußerst ungemütlichen Spätherbst entgegen. Karl Lauterbach, den die einen für einen notorischen Schwarzseher, die anderen für die sozialdemokratische Reinkarnation der trojanischen Kassandra ansehen, prognostiziert für diesen Fall einen zweiten Lockdown. Und man mag zu Karl Lauterbach stehen wie man will: Er hat sich bisher in Bezug auf Corona so gut wie nie mit seinen Vorhersagen geirrt.

    Lockdown: Da war doch mal was in ferner Vergangenheit?
    Ich frische gerne Ihre Erinnerung auf:

    Lockdown = Ausgangssperre oder auch eine Absperrung bzw. Versiegelung von Gebäuden und Bereichen.

    Shutdown = Situation, in der ein Unternehmen (vorübergehend) seinen Betrieb einstellt.

    Lock- & Shutdown = mittelschwere Katastrophen

    Beides wäre eine mittelschwere Katastrophe. Und zwar sowohl für viele Familien, die dann wieder beginnen müssten, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten und zu bespaßen als auch für große Teile unserer Wirtschaft. Bis weit in den Oktober hinein habe ich deshalb gedacht: Ein neues Herunterfahren des öffentlichen Lebens wird es nicht geben. Wir sind weiter, haben gelernt, mit dem Virus zu leben, uns vor ihm zu schützen. Hin und wieder gibt es lokale Ausbrüche und lokale Hotspots, bei denen es völlig reicht, sie lokal zu bekämpfen. Anscheinend war das aber Wunschdenken meinerseits gewesen. Denn falls die Zahlen weiter so in die Höhe schnellen, wie sie es seit Wochen tun, ist binnen Monatsfrist Gesamt-Deutschland als Hotspot zu betrachten. Von unseren europäischen Nachbarn, wo es im Moment noch schlimmer aussieht als bei uns, brauchen wir hier erst gar nicht zu reden. Horrorbilder wie die vom März in Bergamo tauchen plötzlich vor meinem geistigen Auge auf. Nur dass diese Szenen dann in Köln und Castrop-Rauxel spielen.

    „Ist bei uns in Deutschland nicht möglich“, sagen Sie?
    „Ich klopfe abergläubisch 3x auf meine hölzerne Tischplatte“, sage ich.

    Falls einige sich im Juli und August in bierseliger Stimmung an dichtgedrängten Ostseestränden der Illusion hingegeben haben sollten, ‚aus und vorbei‘, so werden wir nun, wo draußen die Temperaturen sinken, schnell wieder mit der harten Realität konfrontiert: Das Virus war nie weg. Es hat eine kurze Verschnaufpause eingelegt und macht sich nun frisch erholt daran, uns ein weiteres Mal heimzusuchen. Ob es noch exakt derselbe Erreger wie im Frühjahr ist oder das Ding in den Sommerferien ein-, zwei-, dreimal mutierte: Wen, außer den Experten, juckt das? Es handelt sich nach wie vor um ein hochansteckendes Virus, das, wenn es schlecht läuft, den Infizierten ins Krankenhaus und, wenn es noch schlechter läuft, von dort in die Kühlkammer befördert.

    „Es sind doch aber nur wenige, die daran sterben und die, die sterben, sind alt und waren vorerkrankt. Wir können doch nicht ein ganzes Volk in Sippenhaftung für eine kleine Risikogruppe nehmen“, sagen Sie nun?
    „Sie mich auch“, erwidere ich.

    Ansteckungsgefahr wächst täglich

    Die Wahrscheinlichkeit, mit Covid-19 persönlich Bekanntschaft zu machen, wächst von Tag zu Tag. Kannte ich Corona bis in den Spätsommer hinein nur vom Hörensagen – z.B. der Kindergarten im Nachbarviertel schließt für zwei Wochen, weil eine Erzieherin sich angesteckt hatte –, so kommen die Einschläge nun im Herbst näher. Erst gestern wurde mir von einer befreundeten Familie berichtet, bei der fünf Personen gleichzeitig erkrankt sind und der Mann, jünger als ich, wegen schwerer Symptome bereits nach 48 Stunden ins Krankenhaus abtransportiert wurde, während sich Mutter und Kinder in strenger häuslicher Quarantäne befinden. Oha, dachte ich, so schnell kann’s gehen und überlegte, wann statistisch gesehen ich selbst an der Reihe bin.

    Nun neige ich weder zu Schwarzmalerei, noch zu Alarmismus. Lag selbst 10x auf der Intensivstation und weiß, dass es auch von dort wieder einen Weg nach draußen gibt. Das Virus wird uns nicht alle killen; dafür ist die Mortalität Gottseidank zu gering. Es wird uns jedoch nicht so schnell in Ruhe lassen und uns, falls wir nicht energisch gegensteuern, in den kommenden Monaten einige zehntausend vermeidbare Todesfälle bescheren.

    Die effektivste Methode, SARS-CoV-2 zu stoppen, bestünde darin, dass wir ALLE vier Wochen lang zu Hause bleiben. Vorher ordentlich Klopapier, Dosenravioli und Corned Beef hamstern und dann mit dem Arsch festgetackert auf dem Sofa kreuz und quer durch Netflix zappen. Dem Erreger keine Chance bieten, vom einen zum anderen Wirt weiterzuspringen, der biologischen Malware den humanen Nährboden entziehen, das Teil schlichtweg aushungern. Ob’s dann jedoch tatsächlich für immer und ewig vorbei ist, oder uns eventuell im März eine neue Welle von Asien oder Afrika oder vom Nordpol herkommend überrollen wird, weiß allerdings auch niemand so genau.

    Deshalb bleibt es beim weiter oben Gesagten: ein zweiter bundesweiter Lock-/ Shutdown kann nur die allerletzte Möglichkeit sein, falls alle anderen, weniger invasiven Maßnahmen versagen sollten. Denn ein erneuter Shutdown würde ein Branchensterben bisher nicht gekannten Ausmaßes nach sich ziehen. Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal ins Kino, zu einer Musikveranstaltung, ins Theater gegangen? Haben Sie sich mit einem Gastronomen oder Hotelbesitzer darüber unterhalten, was die für Umsatzeinbrüche in diesem Jahr verkraften müssen? Wissen Sie, wie viele Clubs & Nachtlokale in den vergangenen Monaten ihre Pforten für immer schließen mussten? Haben nicht zahlreiche Arbeitgeber Corona als willkommenen Vorwand genommen, um Belegschaft, die sie eh schon länger loswerden wollten, erst in Kurzarbeit und im Anschluss in die Jobcenter zu schicken? Der Kitt der Kurzarbeit verstellt im Moment den klaren Blick auf das wahre Ausmaß der sich in Bälde anbahnenden ökonomischen Katastrophe. 2021, sobald die Maßnahme ausläuft, wird als das Jahr mit DEN Rekord-Arbeitslosenzahlen in die Geschichtsbücher eingehen.

    Lieber arbeitslos als tot?

    „Lieber arbeitslos als tot“, meinen Sie?
    „Habe ich im Frühjahr noch genauso gesehen“, antworte ich. Heute hingegen graut mir manchmal vor einer Depression, wie wir sie Ende der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon mal erlebt haben. Auch wenn man die Situationen damals und heute nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen kann, so ähneln sich ökonomische Depressionen doch darin, dass sie sich oft als hartnäckig erweisen und als unappetitliche Folge das Erstarken der radikalen politischen Ränder im Schlepptau haben.

    So lange die Inzidenzwerte nicht in die Stratosphäre schießen, die Krankenhäuser nicht am Limit arbeiten u.v.a. die Mortalitätsrate nicht explodiert, sollten wir deshalb ALLES versuchen, die Pandemie mit hausärztlichen Mitteln (i.e. Maske beim Einkaufen und auf der Straße tragen, Abstand halten, Menschenmengen meiden, lieber einmal zu oft als einmal zu wenig zu Hause bleiben, die Möglichkeiten von Homeoffice und Homeschooling umfangreich nutzen etc. etc.) in den Griff zu bekommen, als Gefahr zu laufen, dass wir qua Gesetz/ Verordnung pünktlich zum Start der Adventszeit unsere vier Wände bis zum Frühjahr nicht mehr verlassen dürfen und Gastronomie & Hotellerie der endgültige Todesstoß versetzt wird. Der leicht erkältete Patient Deutschland, der sich im Moment noch mit Mitteln aus der Hausapotheke selbst kurieren kann, würde dann mit dauerhaft 40° Grad Fieber auf die ökonomische Intensivstation verfrachtet. Länge des Aufenthalts und Rückkehr zu alter Stärke völlig ungewiss.

    Der Optimist in mir sagt, wir werden es mit Masken und Rückzug auf die Wohnzimmercouch schaffen, weil wir Menschen vernünftige und soziale Wesen sind. Der Pessimist hält dagegen: „Vernünftig und sozial? Vergiss es! Das klappt nie und nimmer. Es gibt immer noch ne Menge Leute, die sich störrisch und grob fahrlässig der Prävention verweigern. Spätestens an Weihnachten wird der nationale Infektions-Notstand ausgerufen.“

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich möglichst viele am eindringlichen Appell der Kanzlerin ausrichten. Denjenigen, die der Kanzlerin, egal was die gerade empfiehlt, grundsätzlich misstrauen, sei zusätzlich ein Tipp meiner Großmutter väterlicherseits ans Herz gelegt: Im Krieg und bei Seuchen ist Vorsicht eine Tugend. Die Dame hat mit diesem Motto zwei Weltkriege und die Spanische Grippe relativ unbeschadet überlebt und wurde knapp 100 Jahre alt, weshalb mir der Ratschlag vernünftig zu sein scheint. Ich jedenfalls habe mir zusätzlich zum Netflix- jetzt auch noch ein Maxdome-Abo zugelegt und ein Dutzend Romane in Amazon bestellt, damit mir beim (noch freiwillig) Zu-Hause-bleiben auch bestimmt nicht langweilig wird.

    Und wie lange soll das (freiwillige) Zu-Hause-bleiben dauern, wollen Sie abschließend wissen? Halt so lange, bis die Werte wieder absinken und ein Impfstoff zur Verfügung steht. Und der Impfstoff wird kommen. Da bin ich SEHR zuversichtlich.