Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Der kleine Soßenkrieg

    Der kleine Soßenkrieg

    Ein Lebensmittelhersteller gibt einer süßlich schmeckenden, roten Tunke, die mikroskopische Spuren von Paprikastücken enthält, einen neuen Namen, teilt dies vorab öffentlich mit, und schon ist in den sozialen Netzwerken der Teufel los.

    Was war geschehen? Das Heilbronner Unternehmen Knorr, zum Unilever-Konzern gehörend, spezialisiert auf Tütensuppen, Brühwürfel und tausenderlei Barbecue-Dips tauft sein Produkt Zigeunersoße in „Paprikasauce Ungarische Art“ um. Als – gemäß Info der Kommunikationsabteilung – Reaktion auf die Sensibilisierung weiter Bevölkerungskreise im Zusammenhang mit dem Tod des US-Amerikaners George Floyd und die im Nachgang entflammte weltweite Rassismusdebatte. Aus eigener Einsicht, eigenem Entschluss, nicht auf Druck der Straße hin. Kann man gut finden, kann man als am eigentlichen Problem vorbei gehandelt finden, oder man kann es als ewig Unbelehrbarer auch Kacke finden. Es bleibt aber als erster wichtiger Punkt festzuhalten, dass das Unternehmen aus eigenem Antrieb heraus handelte. Niemand, weder Aktivisten, noch der Heilbronner Stadtrat oder die böse Merkel-Regierung haben Knorr zu dieser Umfirmierung gezwungen.

    Wortherkunft unklar

    An dieser Stelle stoppen wir kurz und beschäftigen uns im Eildurchgang mit dem Wort Zigeuner: Die Herkunft des Begriffs ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Vollends desavouiert wurden Zigeuner durch die Nürnberger Gesetze von 1935, in denen ihnen als sogenannter „artfremder Rasse“ sowohl die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen als auch Eheschließungen mit Ariern untersagt wurden. Berufsverbote, Inhaftierung und Verschleppung in die Konzentrationslager waren die nächsten Schritte, an deren Ende der Porajmos (= das Verschlingen) stand. Bis 1945 fielen eine halbe Million Mitglieder dieser Volksgruppe der Nazibarbarei zum Opfer. Ein himmelschreiendes Unrecht, das vom deutschen Staat erst spät als solches anerkannt und bisher bloß ansatzweise gesühnt wurde.

    Es ist also ein frommes Märchen, dass unseren Großvätern und Großmüttern, wenn sie in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ungeniert das Wort Zigeuner in den Mund nahmen, nicht bewusst war, dass es sich hierbei um einen kontaminierten Begriff handelte. Sie taten es halt trotzdem und eventuell aus dem Grund heraus, weil ihnen alternative Synonyme nicht geläufig waren. Das macht es aber nur graduell besser. Zigeuner haftete immer stark das Odium des Andersseins, der Ausgrenzung an. Die sind nicht wie wir, gehen keiner geregelten Arbeit nach, betteln, klauen, sind nicht sozialisierbar und integrieren wollen sie sich auch nicht. Der Zigeuner wohnt nicht in Klinkerreihenhaus-Vororten oder Hochhaussiedlungen, sondern am Stadtrand in einem Campingwagen und lebt dort sowieso in ständigem Kuddelmuddel, mit riesiger Kinderschar und in Vielweiberei. Mit Einbruch der Dunkelheit sollte man Gegenden, in denen sich Zigeuner rumtreiben, tunlichst meiden.

    So weit, so schlecht, so eindeutig stigmatisiert.

    Zwei Herzen in der deutschen Brust

    Allerdings schlagen in unserer Brust zwei Herzen. Da ist einmal das Herz der Ordnungsliebe, das des jeden Zweiten-Samstag-wird-der-A6-innen-und-außen-gereinigt-Deutschen, egal welches Wetter draußen herrscht und ob der Kopf noch vom Freitagabendstammtischbesäufnis höllisch brummt. Und dann gibt es noch das Herz des Kitsches und der Rührseligkeit. Mit wehmütigen Sehnsüchten nach Zigeunermusik, Zigeunerwein, Zigeunertänzen, den unendlichen Weiten der ungarischen Puszta und den dort ständig sexuell verfügbaren, glutäugigen und mit prallem & leicht geschnürtem Dekolleté auf den deutschen ü50-A6-Fahrer wartenden Zigeunerweibern. Manifestiert in: Operetten, Liedern, Filmen, die auf so herzerwärmende Titel wie „Der Zigeunerbaron“, „Du schwarzer Zigeuner“, „Lustig ist das Zigeunerleben“, „Komm Zigan, spiel mir ins Ohr“ lauten. Bitte nicht verwechseln mit Brahms Ungarischen Tänzen. Die sind wunderbar anzuhören.
    Ach wie schön sind Debrecen und sein Zigeunergulasch!

    Das zweite Herz pulsiert allerdings immer erst nach Dienstschluss und vorzugsweise am Wochenende. Und spätestens um 5h morgens muss es aufhören zu schlagen, denn dann meldet sich das (verkaterte, evtl noch kotzend über der Kloschüssel hängende) ordnungsliebende Herz wieder gemäß dem urdeutschen Motto: Wer feiert und Zigeunerlieder singt, muss am Tag darauf auch arbeiten können.

    Aus dieser Nach-22-Uhr-Kitsch-Rührseligkeit leiten dann einige Kommentatoren ab, dass dem Begriff Zigeuner doch durchaus eine wohlwollende Komponente innewohne, man ihn also für positiv besetzt einstuft und deshalb jederzeit bar jeglicher Scham über die Verbrechen unserer (Ur-) Großeltern verwenden dürfe. Ob die Sinti und Roma lieber Sinti und Roma genannt werden wollen – wen juckt’s? Gipfelnd in der Frage, ob der Song „Zigeunerjunge“ nunmehr nachträglich umgeschrieben werden müsse, oder das ZDF die 70er-Jahre-Serie „Arpad der Zigeuner“ aus der Mediathek zu entfernen habe. Ich kann Sie beruhigen: Nein, muss beides nicht sein. Wer auf schnulzige Alexandra-Songs abfährt, kann diese weiterhin bei einem Glas Tokajer hören, wer gerne 70er-Jahre-ZDF-Serien anschaut, kann das auch in Zukunft mit einer Tüte Paprikachips neben sich auf dem Sofa tun. Will (bisher) niemand an der deutschen Nach-22-Uhr-Rührseligkeit rütteln.

    Vollends in den argumentativen Wahnsinn driftet die Diskussion allerdings ab, wenn nun plötzlich Ostfriesen und Blondinen bemüht werden, um auf das (angeblich) identische Diskriminierungslevel hinzuweisen. NEIN, Blondinen und Ostfriesen werden bei uns in Deutschland bei Job- und Wohnungssuche nicht benachteiligt. Keine Blondine fand sich, bloß weil sie Blondine war, im Lager Birkenau wieder. Kein Ostfriese muss, weil er aus Emden stammt, Racial profiling befürchten. Das sind ausgemachte Scheißhauswandschmierfinken-Vergleiche.

    Gutunmenschen und gedrehter Antiziganismus

    Ernster zu nehmen sind hingegen diese beiden Einwände:
    (a) Wer Zigeuner aus jeglicher Schusslinie rausnimmt, betreibt gedrehten Antiziganismus.
    (b) Das Austauschen von Wörtern hilft keinen Deut weiter.

    (a) Der gequirlte Antiziganismus
    (gibt’s natürlich auch als gedrehten Antisemitismus, gedrehten Rassismus und alles andere, was sich angeblich drehen lässt)

    Diese Argumentation entstammt der neurechten Soßenküche und will zum Ausdruck bringen, dass die linksliberalen Gutunmenschen (Sie wissen nicht, was ein linksliberaler Gutunmensch ist? Ich kann Sie beruhigen: ich wusste es bis vor einer Woche auch nicht. Erkundigen Sie sich bei Frau Lasselsberger, die erklärt es Ihnen gerne) aus ihrem selbstgerechten moralischen Überlegenheitsgefühl heraus bestimmte Gruppen für sakrosankt erklären. Bspw. Zigeuner, Juden, Flüchtlinge, Schwule & Lesben, Frauen, die sich in der me2-Bewegung engagieren. Diese sakrosankten Gruppen genießen dann verschärften Artenschutz und dürfen nicht mehr kritisiert werden. Man muss sich das so ähnlich wie die Sehnsucht der Romantik nach dem edlen Wilden vorstellen. Diesen Wilden wurde von der damaligen intellektuellen Avantgarde jede Gräueltat verziehen, denn als Wilde befanden sie sich qua Definition im Status immerwährender Unschuld. Oder wie Lisa E. doppelbödig (ein paar böse Zungen behaupten, dies sei bloß ein Euphemismus für Kalauer), den Gutunmenschen den Spiegel vorhaltend, in die Runde fragt: „Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? Der feuchte Albtraum der politischen Korrektheit.“ Eine Unschuldssehnsucht, von der jedoch glücklicherweise nur hypersensitive ADHS-Intellektuelle (in ihrer Mehrzahl politisch natürlich linksgrün orientiert) befallen werden. Das Volk in seiner Manifestation als Facebook-Kommentatoren mit seinem allzeit gesunden kollektiven Menschenverstand ist vor dieser psychischen Krankheit Gottseidank gefeit und noch imstande, die ganz offensichtlich schieflaufenden Dinge beim Namen zu nennen. Auch wenn das Aussprechen der Wahrheit oft gefährlich ist. Wer trotzdem den Mut aufbringt, es wider den linken Mainstream zu tun, wird von den linksliberalen Gutunmenschen umgehend in die böse rechte Ecke gestellt. Denn die Gutunmenschen denken zwar genauso böse und rassistisch wie das dem gesunden Menschenverstand vertrauende Volk, jedoch sprechen die Linksliberalen das nicht offen aus, sondern behaupten sogar wider besseren Wissens ständig das Gegenteil. Was einerseits verlogen und andererseits ein eindeutiger Beweis dafür ist, weshalb die Linken die wahren Antiziganisten sind. Sie sind ob der gequirlten Anti-Dingsbums-Argumentation verwirrt? Trösten Sie sich – ich ebenfalls.

    Gottlob gibt’s ja noch Facebook, wo man sagen darf, was man woanders schon lange nicht mehr sagen darf.

    (b) Wörter inkriminieren bringt überhaupt nichts
    Das reine Austauschen von Begriffen hilft selbstverständlich nicht weiter. Wird niemand über Nacht zum Nicht-Rassisten, nur weil er keine Zigeunersoße mehr im Supermarktregal findet. Das ist eine Binse.

    Allerdings bedeutet das Eliminieren diskriminierender Wörter aus unserem Sprachschatz einen ersten Schritt hin in Richtung Ernstnehmen der Belange von Minderheiten.

    Der Zentralrat der Sinti und Roma erklärt dazu:

    Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert … Uns bereitet allerdings der wachsende Rassismus in Deutschland und Europa größere Sorgen … Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit. Viel wichtiger ist es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, etwa wenn in Fußballstadien „Zigeuner“ oder „Jude“ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird.

    Sehen Sie, der Zentralrat hat kein Problem mit der Zigeunersoße, sagen Sie nun?
    Lesen Sie den Text nochmal, antworte ich; der Zentralrat sieht zwar dringendere Probleme als die Umfirmierung einer klebrigen roten Tunke, aber er begrüßt dennoch die Entscheidung von Knorr.

    Diskriminierende Begriffe sind toxisch, weil sie bewusst oder unbewusst unser Denken bestimmen: Keine Frau möchte ständig Schlampe/ Bitch in der Zeitung lesen, wenn da auch Frau stehen könnte. Kein alter, weißer, männlicher Facebook-Kommentator fände es auf Dauer lustig, in der Öffentlichkeit abwechselnd nur noch als Wutbürger oder Frührentner angesprochen zu werden. Kein Politiker will immerfort aufs Brot geschmiert bekommen, dass er einer korrupten Elite angehört.

    Die Vergleiche hinken, sagen Sie?
    Sie hinken vielleicht ein bisschen, aber sie lahmen nicht völlig, erwidere ich.

    Weshalb kann man also nicht die historisch derart belastete Bezeichnung Zigeuner langsam auslaufen lassen und durch Sinti und Roma ersetzen? Weil uns die Befindlichkeiten der Minderheiten, die ja ständig irgendwas zu meckern haben, ganz gepflegt am Arsch vorbeigehen? Wenn’s denen nicht gefällt, wie wir hier reden, dann sollen sie halt wieder in Richtung Indien verschwinden, wo sie ursprünglich mal beheimatet waren. Und überhaupt – was steuern die Zigeuner schon zum Bruttoinlandsprodukt bei? Die sind nicht wie wir, die wir von morgens bis spät in die Nacht schwer schuften; die singen und tanzen die ganze Zeit. Da wird man im Gegenzug doch ein kleines Zigeunerschnitzel ertragen können. Wo bleibt bloß der Humor dieser Leute? Mich nennen die Tommies „Hunne“, die Itaker „Kartoffel“ und der Franzmann sagt sogar „Schwein“ zu mir; und rege ich mich darüber auf? Nein. Ein bisschen mehr Gelassenheit stünde manchen Minderheiten wirklich gut zu Gesicht.

    Wir bleiben also halsstarrig bei Zigeunersoße und Zigeunerschnitzel, weil:
    ♦ Wir das immer schon so gesagt haben
    ♦ Die ganze Political Correctness ein arger Scheißdreck ist, der bloß der Selbstbefriedigung linksliberaler Spinner dient
    ♦ Wir im Moment wirklich wichtigere Probleme haben, als uns mit solchen Kinkerlitzchen zu beschäftigen?

    Mein Opa hat Zigeunerschnitzel geliebt, mein Vater hat über alles Zigeunersoße gekippt, und ich sage Zigeuner, wann immer ICH es für richtig halte. Das wäre ja noch schöner, wenn ich mir von linksliberalen Sprachakrobaten die Wörter vorschreiben ließe. Und ich bin natürlich kein Rassist, denn ich höre jeden Freitagabend „Zigeunerjunge“, und bei einer Zigeunerwahrsagerin war ich auch schon 2x. Haben Sie es nun begriffen, Herr Kolumnist?

    Also, ICH find’s gut, dass Knorr aus eigenem Antrieb heraus den Namen geändert hat. Auch wenn die neue Bezeichnung in meinen Ohren etwas sperrig klingt. Geht die deutsche Sprachwelt nicht von unter, antworte ich Ihnen. Ob einem die süßliche, rote Tunke schmeckt – egal, wie sie nun heißt –, ist ein anderes Thema. In dieser Kolumne ging’s um (toxische) Begriffe und nicht um Kochrezepte.

    Jetzt können die Sprachnostalgiker, die an den schönen alten Wörtern ihrer Großeltern hängen, drei Mal laut „Zigeunerschnitzel!“ vom Balkon runterrufen und dabei mit dem Fuß aufstampfen. Wenn’s hilft.

    Und nun komme ich abrupt zum Ende, weil mir der Tabasco ausgegangen ist, und der Supermarkt gleich zumacht.

    ENDE der Soße

  • Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Ich liebe Lisa Eckhart.
    Also nicht die Kunstfigur, denn mein Bedarf an Femme fatales ist seit der letzten, mit der ich zusammen war, und die mich als geistiges Wrack zurückgelassen hatte, wovon ich mich immer noch nicht ganz erholt habe, restlos gedeckt, und ob ich mich in die Privatperson verliebe, würde erstmal voraussetzen, dass wir uns real treffen, was aber aus zahlreichen Gründen heraus sehr unwahrscheinlich ist, weil uns zum einen dreißig Lebensjahre trennen (was bei einem Date schon ne Menge ist), und wir zum anderen doch recht weit auseinander wohnen, um nur die zwei wichtigsten Gründe für diese Unwahrscheinlichkeit hier anzuführen. Ich liebe sie aber dafür, dass sie uns Kolumnisten derart VIEL Gesprächsstoff liefert, dass wir seit Tagen Seite um Seite mit der Debatte über ihr Bühnenprogramm füllen können. Sie enthebt mich seit zwei Wochen des anstrengenden Nachdenkens, worüber ich heute einen Text schreiben könnte. Ich wache auf und lese Lisa Eckhart-Kolumnen in Facebook, gehe aufs Klo und lese dort die dazugehörigen Lisa-Eckhart-Kommentare, beim Mittagessen springt sie mir aus dem Feuilleton der Zeitung entgegen, am Nachmittag packt der Fischhändler den von mir gekauften Hering in Zeitungspapier ein, auf dem mir das Lisa-Eckhart-Gesicht entgegenlächelt, und abends ist das gesamte Netz mit Lisa-Eckhart-Pro-&-Contra geflutet. Die Dame ist omnipräsent. Genießt zur Zeit einen Starrummel wie Trump, Drosten und Nordkorea-Kim zusammenaddiert.

    Ich setz mich an die Tastatur und sage fröhlich zu mir: heute schreibe ich mal wieder über Lisa Eckhart. Und nichts anderes!
    Dafür bin ich ihr dankbar.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Stimmt.

    Replik auf die Replik

    Der werte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz hat am vergangenen Samstag einen Text Lisa Eckhart – und? veröffentlicht, der eine Replik auf meinen, eine Woche zuvor erschienenen Text „Antisemitismus als Geschäftsmodell?“ war. Das macht Heinrich Schmitz eher selten, also Repliken zu anderen Kolumnisten verfassen – zuletzt geschah das vor eineinhalb Jahren, als wir beim Thema „Dschungelcamp“ unterschiedliche Auffassungen zur erzieherischen Notwendigkeit solcher Formate vertraten – und nun mal wieder bei Lisa E. Da ich finde, dass Heinrich Schmitz für diese Replik eine Antwort verdient hat und ich zudem eine Woche Urlaub und Zeit & Muße habe, werde ich nun die Replik der Replik zu Papier bringen.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Das haben Sie weiter oben schon gesagt, antworte ich.

    Heinrich Schmitz, der im realen Leben seine Brötchen als Strafverteidiger verdient*, baut seinen Text wie ein juristisches Plädoyer auf. Er zimmert für seine Mandantin Lisa E. Verteidigungslinien. Und beginnt den gerichtlichen Vortrag sofort mit einem Paukenschlag: Lisa E. ist KEINE Antisemitin. Und wer was anderes behauptet, muss ihr das erstmal nachweisen. Solange dieser Nachweis nicht gelingt, gilt die Unschuldsvermutung.

    * womit ich meine Brötchen verdiene, wollen Sie wissen? Scrollen Sie runter zu meinem Kurzlebenslauf. Da wird’s erklärt.

    Klingt gut, klingt plausibel, klingt nach Rechtsstaat.
    Bloß hat gar kein ernstzunehmender Kritiker der Schmitzschen Mandantin Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorwurf lautet auf „Nutzung antisemitischer Klischees als Geschäftsmodell“.
    Das ist doch dasselbe, sagen Sie?
    Hören Sie jetzt auf zu lesen, erwidere ich. Wir verschwenden hier beide nur unsere Lebenszeit, wenn wir noch länger zusammenbleiben.

    Lisa E. gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen, ist so, als ob der Verteidiger eines in eine Wirthausprügelei verwickelten Raufbolds den Gerichtssaal mit den Worten betritt: »Mein Mandant hat keinen Mord begangen. Es liegen keinerlei aussagekräftige Beweise gegen ihn vor«. Woraufhin der Richter antwortet: »Mord wird im ersten Stock verhandelt. Bei mir geht’s heute um Körperverletzung«.

    Damit dürfte diese irrtümliche Falschbehauptung gegen die Lisa E.-Kritiker hoffentlich vom Tisch sein. Denn noch geben sich ja die meisten Kritiker der vagen Hoffnung hin, dass Lisa Lasselsberger, wie sie im realen Leben heißt, anders denkt, als ihre Kunstfigur spricht.

    Die Show live erleben und die Künstlerin dabei riechen können

    Schau’n wir mal, welche weiteren Verteidigungslinien wir in Heinrich Schmitz‘ Kolumne entdecken. Denn ein guter Anwalt hält natürlich einen bunten Strauß Argumente bereit, um seine Mandantin möglichst unbeschadet aus dem Gerichtssaal wieder nach draußen ans Sonnenlicht zu führen.

    In der Strafprozessordnung gibt es den Grundsatz der Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, insbesondere der Beweisaufnahme. Ein Zeuge ist live und in Farbe zu vernehmen.

    Bin ich grundsätzlich d’accord. Würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass wir die Hälfte unserer Texte in die Tonne kloppen können, weil wir der Mehrzahl der Prominenten, die wir in unseren Kolumnen aufs Korn nehmen, in der analogen Welt nie begegnet sind. Weder Heinrich Schmitz noch ich waren bspw. bisher realiter im Dschungelcamp dabei. Und trotzdem schreiben wir darüber. Ich bin mir auch sehr unsicher, ob ich Lisa E. live riechen muss, wie in der Replik gefordert, um mir ein Urteil über ihren Auftritt bilden zu können. Ich hab mir den Clip 3x auf Youtube angeschaut. Das reichte mir.

    … entscheidend ist aber der gesamte Auftritt. Es ist schon falsch, – wie geschehen – sich nur eine Passage aus einem Programm herauszupicken …

    Auch hier bin ich grundsätzlich einverstanden; jedoch es geht halt nun mal um diese EINE 5-Minuten-Sequenz. In der übrigens – jenseits der antisemitischen – genügend andere dumpfe Klischees bedient werden, um als Gut(un)mensch-Zuschauer spontan nervösen Schluckauf zu bekommen. Wenn ich EINE Geschichte von Bukowski bespreche, bespreche ich eben diese EINE Geschichte. Es kann nicht schaden, noch weitere Geschichten dieses Autors oder sogar sein gesamtes Œuvre zu kennen. Aber das ist nicht zwingend notwendig, um die EINE Geschichte zu kritisieren. Wichtig ist hingegen, die monierte Stelle exakt beim Namen zu nennen. Und das tun die Kritiker ja auch. Es handelt sich um „Mitternachtsspitzen im WDR. Programmpunkt ‚Die heilige Kuh hat BSE‘. Ausgestrahlt im September 2018“. Und anlässlich dieses EINEN Auftritts fielen die toxischen Sätze. Und genau diese Sätze werden kritisiert. Hat niemand behauptet, dass Lisa E. durchgängig bei ALLEN Bühnenauftritten antisemitische Klischees bemüht, um billige Lacher zu erzielen. Es geht erstmal nur um diesen EINEN Auftritt.

    Hinsichtlich der Beurteilung des Handwerklichen liegen Heinrich Schmitz und ich also gar nicht so weit auseinander. Wenngleich ich zu bedenken gebe, dass eine Kolumne einen (schnellen) Meinungsbeitrag und keine Diplomarbeit, darstellt. Die Erstgenannte nimmt kurz und knapp was aufs Korn, während die wissenschaftliche Analyse mehr Recherche, mehr Einordnung in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang, mehr Abwägung sämtlicher Pros & Cons erfordert, weshalb man eine Kolumne im mittleren Durchschnitt in zwei, drei Stunden getippt hat, während man an der Diplomarbeit ein halbes Jahr sitzt.

    Was, um Himmelswillen, ist gedrehter Antisemitismus?

    Kommen wir aber nun zur inhaltlichen Beurteilung dessen, was Lisa E. auf der Bühne darbietet. Und da tun sich jetzt doch größere Satiregräben zwischen Heinrich Schmitz und mir auf.

    … tatsächlich wunderbar herausgekitzelt wird, ist das Dilemma derjenigen, die alle Juden für grundsätzlich immer ganz tolle Menschen, alle Schwarzen, alle Flüchtlinge und alle Frauen für immer nur bedauernswerte Opfer halten, die ihres immerwährenden Schutzes bedürfen, die nie und nimmer etwas Böses tun, ja nicht einmal tun könnten […]Und wenn sich nun herausstellt, dass auch ein Jude, ein Schwarzer, ein Flüchtling, ein Schwuler ein Verbrechen begehen kann, dann führt das genau zu dem, was Lisa Eckhart „BSE bei der heiligen Kuh“ nennt. Es hilft weder den Juden, noch den Schwarzen, den Flüchtlingen, den Schwulen, noch den Frauen, so zu tun, als seien sie anormalerweise per se besser als der Rest der Menschheit. Auch das ist eine Form von gedrehtem Antisemitismus, Rassismus, Fremden-, Frauenhass und Homophobie, wenn denjenigen wieder einmal aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die in diesem Fall ausschließlich positiv sind.

    ei ei ei, sage ich hier nur. Ist das nicht genau die neurechte Denke, die wir Kolumnisten in vielen Texten anprangern? Denn dass Flüchtlinge, Schwarze, Frauen, Schwule und Juden ebenfalls Verbrechen begehen, weiß wirklich auch der letzte Gut(un)mensch, und ist schon alleine aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass es in jedem Obstkorb auch wurmstichige Äpfel gibt, eine Binse. Sogar das merkwürdige (um ein harmloses Adjektiv zu benutzen. Mir fielen auch heftigere ein) Argument, dass, wer für vorsichtigen Umgang bei der Zuschreibung diskriminierender (Minderheiten-) Klischees eintritt, in der Konsequenz nichts anderes als ein „gedrehter“ Antisemit, Rassist etc. sei, wird hier bemüht. Oha! Man ist jetzt also ein gequirlter (pardon: gedrehter) Antisemit, wenn man das platte Erzählen antisemitischer Kalauer nicht superlustig findet? Falls ja, dann stimmt mMn irgendwas nicht mit der (gedrehten) Antisemitismusdefinition. Diese Definition ist aber auch gar keine wissenschaftliche, sondern wird einfach seit Jahren von den Neurechten (vermutlich ebenfalls von den Altrechten und was es sonst noch alles für Rechte gibt) unters Volk gestreut in der Gewissheit, wenn man den Unsinn nur oft und lange genug wiederholt, wird schon irgendwas haften bleiben. In Heinrich Schmitz Lisa-E.-Kolumne blieb es augenscheinlich haften, was mich zwar wunderte; aber ich nahm es zur Kenntnis.

    Künstlich konstruierter Zusammenhang zwischen sexueller Übergriffigkeit und Religionszugehörigkeit

    Hier geht es um das Aufdröseln von Widersprüchen auch und gerade innerhalb derjenigen, die sich stets auf der richtigen Seite wähnen. Den Fundamentalismus der guten Absicht vorzuführen, ist bei Lisa Eckhart Programm.

    Was für Widersprüche dröselt Lisa E. denn auf? Etwa denjenigen, dass ich bei Weinstein, Allen und Polanski als Gut(un)mensch sofort gedacht habe: Typisch, das sind Juden?
    Es aber nur gedacht und nicht gesagt habe, weil Gut(un)menschen sowas nicht offen aussprechen?

    Ich muss Sie enttäuschen. Ich habe bei allen drei oben genannten Herren nie gedacht, dass sie übergriffig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit sind, sondern war immer davon ausgegangen, dass sie  sexuelle Gewalt ausgeübt haben, weil sie ihre männliche Machtposition schamlos ausnutzten* und bei ihrem Tun ein Schweigekartell um sich herum wussten. Mir braucht also keine affektierte Kabarettistin mit einem von ihr künstlich hergestellten Konnex den Spiegel vorzuhalten. Was nicht bedeutet, dass man nicht ebenfalls links-grün-versifften, großstädtischen Vernissagen- & Kleinkunstbühnen-Besuchern wie mir (wobei ich mir weder aus Vernissagen noch aus Kleinkunstbühnen allzu viel mache, sondern mich lieber beim Effzeh in den Unterrang West setze. Oberrang ist echt teuer, und für die Südkurve bin ich mittlerweile zu alt) den Spiegel vorhalten kann. Auch in dieser Gruppe gibt es jede Menge Verlogenheiten und Absurditäten zu persiflieren. Aber es müsste halt ein anderer Spiegel sein als derjenige, den Lisa E. nutzt bzw. es müsste sich ein anderes Bild darin spiegeln. Gerhart Polt mit ‚Mai Ling‘ kam der Sache da sehr viel näher als die österreichische Kalauer-Tante.

    * wobei die sexuelle Übergriffigkeit bei Allen sehr viel strittiger ist als bei Weinstein und Polanski. Das muss der Fairness halber schon auch erwähnt werden.

    „Der Fundamentalismus der guten Absicht“: wow!
    Waren also meine Eltern und Großeltern Fundamentalisten, weil sie ihre Kinder dazu erzogen, manche Sachen nicht zu sagen? Meine Großmutter väterlicherseits war da sehr rigoros. Die wusch uns den Mund mit Seife aus, wenn ich böse Sachen sagte, die auf ihrer Tabuliste ganz oben standen. Würde man heute nicht mehr tun – also Kindern den Mund mit Seife auswaschen –, aber nach wie vor gilt: Wer böse Tabubrüche begeht, muss sich im Gegenzug auch (z.T. harsche) Kritik anhören.

    Satire muss das nicht, weil Satire ALLES darf, meinen Sie?
    Selbst wenn Satire alles dürfte (was sie ganz sicher nicht darf), entrückt sie das nicht völlig der Kritik.

    IQ 140 notwendig, um diese Art Satire zu verstehen?

    Man muss aber auch nicht alles schlecht machen, nur weil man es nicht versteht oder weil man es nicht mag.

    Die alte Leier. Gähn. Sobald man was kritisiert, was einem anderen gefällt, hat man es als Kritiker angeblich nicht verstanden. Nun muss man aber nicht Atomphysik studiert haben oder Stephen Hawking heißen, um die platten Jokes der Lisa E. zu begreifen. Sie bewegt sich – auch außerhalb ihrer Kunstfigur-antisemitischen-Rhetorik – halt durchgängig auf Fips-Asmussen-Niveau. Das ist ja auch okay, solange es nicht justiziabel wird. Bloß anmerken muss es der Kritiker dürfen, genauso wie die Künstlerin unappetitliche Sottisen erzählen darf. Wer diese grobschlächtigen Kalauer für Satire hält, die zum Nachdenken anregt, der hätte wahrscheinlich ebenfalls hinter Goebbels Sportpalastrede eine satirische Botschaft vermutet. Vielleicht ist ja auch all das, was Beatrix v. Storch und Kohorten (pardon: Konsorten) uns erzählen, letztlich bloß Satire? Gloria v. T. und ihre dauer-schnackselnden Schwarzen: Satire? Wer außer dem Absender weiß das schon so genau? Warum, um Himmelswillen, vermuten einige hinter jedem Unsinn, bloß weil er auf einer Bühne zum Besten gegeben wird, immer gleich ne tiefere Botschaft? Begleiten Sie mich in den Kölner Karneval. Da gibt’s jedes Jahr aufs Neue hunderte botschaftsbefreite Kalauer zu hören. Die teilweise auch ganz lustig sind. Unter der Voraussetzung natürlich, Sie verstehen unseren Kölner Dialekt. Käme kein Jeck (hier iSv. Zuschauer) auf die Idee, neben jedem Büttenredner gleich einen Spiegel zu sehen, der aufs Publikum gerichtet ist, damit es sich darin selbst erschrocken erblickt. Und was anderes als ne Büttenrede konnte ich in dem kritisierten Mitternachtsspitzenauftritt von Lisa E. echt nicht erkennen. Es gibt sogar zuhauf bessere Büttenreden als die, die Lisa E. im September 2018 ihrem Publikum darbot.

    Satire, die alles darf, sich abgenudelter Plattitüden bedient, Satire, die, sowohl was ihre Stilmittel als auch den von ihr transportierten Inhalt angeht, beliebig wird, ist aus meinem Verständnis heraus keine Satire mehr, sondern nichts anderes als ein Schenkelklopfer, wie man ihn in jeder Dorfkneipe spätabends am Urinal belauschen kann. Dann, wenn die sechste halbe Bier den PoC-Schutzwall aufweicht, den wir in der linken Nebenhirnrinde errichtet haben, weil wir ja heutzutage nicht mehr straffrei sagen können, was unsere Eltern noch völlig straffrei sagen konnten, und der Mann neben uns – während er die letzten Tropfen auf den Boden ausschüttelt und den Reißverschluss wieder hochzieht – mit leicht gerötetem Kopf und einem feinen Lächeln auf den Lippen zu uns sagt: »Es war nicht alles schlecht damals. Wissen’s, mit den Juden …«, und dann kommt etwas, wogegen sich meine Finger sträuben, es in die Tastatur zu tippen, bevor der Urinalnachbar mit einem Ha-ha-der-war-lustig-Grinsen im Gesicht und, »Pst, das war Satire, das versteh’ns schon, oder?«, zurück zu seinem Stammtisch schwankt, wo die anderen Dorfhonoratioren und die siebte Halbe auf ihn warten.

    Und damit soll es an dieser Stelle auch wieder genug sein mit meiner Replik auf Heinrich Schmitz Replik zu meiner Lisa-E.-Kolumne. Vielleicht gibt’s ja in ein paar Tagen wieder ne Replik auf diese Replik und das Ganze entwickelt sich zu einem Kolumnistenstreit historischen Ausmaßes. Schau’n wir mal.

    PAUSE

    Im zweiten Teil dieser Kolumne wollen wir uns mit dem Thema „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“ beschäftigen. Lisa E. also verlassen und sie nur noch als Sprungbrett nutzen, um uns unsere Sprache, die ständig weiter nach rechts driftet, etwas näher anzuschauen. Diesen Text gibt’s aber wie gewohnt erst am nächsten Wochenende zu lesen.

  • Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    „Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig“, twittert der dauertwitternde Dieter Nuhr.

    Und obwohl mir Dieter Nuhr noch egaler ist als die tägliche Kijimea-Werbung vor der Tagesschau bzw. ich beide vom Nervtöt-Niveau her auf demselben Level ansiedele, will ich an dieser Stelle ein paar Überlegungen einbringen. ‚Der Hirsch und denken: wie soll das zusammengehen?‘, wird der ein oder andere Leser jetzt sagen. Also zu seiner Frau am Frühstückstisch sagen, weil mir kann er es ja nicht persönlich sagen, denn ich sitze alleine an meinem Schreibtisch und das Telefon ist auf stumm geschaltet. Okay, ich versuch’s.

    Ich möchte der Klarheit halber vorausschicken, dass ich mir aus Comedy nicht allzu viel mache. Weder aus politischer noch aus ballermann-artiger. Früher, in der Zeit als es bloß drei Fernsehsender gab, schaute mein Vater gerne Notizen aus der Provinz, ein Format mit Dieter Hildebrandt, das in die Comedy-Richtung ging. Mein Vater schaute es gerne, um sich über den Linken Hildebrandt aufzuregen – denn mein Vater liebte es, sich über linke Politik aufzuregen –, und ich schaute es, weil gerade nichts anderes im Fernsehen lief, und ich um diese Uhrzeit nicht mehr mit Freunden telefonieren durfte. Also schaute ich Notizen aus der Provinz und auch noch ein paar andere Sendungen, die ähnlich waren wie Notizen aus der Provinz, deren Namen ich jedoch vergessen habe, und wurde dadurch mittels der in den 70er Jahren marktüblichen Satire sozialisiert. Für meinen Vater waren die damaligen Comedians – die sich selbst natürlich nie so bezeichnet hätten, denn den Begriff kannte vor 50 Jahren außer ein paar polyglotten Weltenbummlern niemand bei uns – alle links, für mich waren es alte Männer, die ständig über langweilige Politik redeten. Aber – und das soll dann doch schon bereits an dieser frühen Stelle der Kolumne erwähnt werden – bei diesen prähistorischen Comedians war immer klar, WO sie politisch standen. Auch wenn sie, um einen Punkt von der entgegengesetzten Seite zu beleuchten, in die Gestalt eines Reaktionärs schlüpften, ahnte man: dieser Kniff dient dazu, den Wahnsinn einer Sache (also Wahnsinn aus ihrer linken Perspektive heraus) auf die Spitze zu treiben. Im Traum wäre niemand auf die Idee gekommen, Heinz Schubert mit seiner Rolle Alfred Tetzlaff aka Ekel Alfred zu identifizieren. Wir wussten also bei all diesen älteren Herren, woran wir waren. Der Humor kam mitunter bemüht daher, manchmal langweilig, in der Retrospektive betrachtet geradezu bieder mit Tendenz hin zum erhobenen Zeigefinger. So ging’s halt in den braven 70er-TV-Jahren auf bundesdeutschen Bildschirmen zu.

    Dürfen Deutsche (inkl. Österreicher) Judenwitze erzählen?

    Ich überspringe die Transformationsphase mit Harald Schmidt als deutschem Klon von David Letterman und gelange direkt zur heutigen Comedian-Generation und hier speziell zur (angeblichen) Femme fatale Lisa Eckhart. Das heißt wir lassen die Ballermann/ Ischgl-Artisten Atze Schröder, Olli Dittrich, Matze Knop und – last but not least – Mario Barth links liegen und kümmern uns ebenfalls nicht um Volker Pispers. Ottfried Fischer, Herbert Feuerstein & Kabarett-Konsorten. Heute geht’s einzig um Lisa Eckhart und das, was sie auf deutschen Kleinkunstbühnen verkörpert.

    Hier als Appetizer ein paar Bonmots aus ihrem Wiener-Schmäh-Mund:

    Am meisten enttäuscht es von den Juden; da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.

    Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen aufzugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben … Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? … Die heilige Kuh hat BSE.

    Ich habe drei Jahre in Paris gelebt, um dort Germanistik zu studieren … Ich wollte dort als sprachliches Wunderkind gelten undhab mich als Polin ausgegeben, da sind sie mir dann aber dahinter gekommen und sagten: „Na, das ist aber schon sehr einfach, DU studierst Deutsch als Fremdsprache“, und letztlich wurde ich mehr gehänselt als der Jude in BWL.

    Das ist klar antisemitisch, empören Sie sich , Frau Müller?
    Das ist ein ganz eindeutiges Statement gegen Antisemitismus, widersprechen Sie sofort, Herr Meier?
    Woody Allen hat sowas auch erzählt, wirft nun Herr Schmitz in unsere Runde hinein.
    Es ist halt überhaupt nicht klar, was es sein soll, sage ich und mache die Sache damit völlig konfus.

    Beginnen wir mit Woody Allen. Wenn ein Jude einen Judenwitz erzählt, geht das völlig in Ordnung. Weshalb sollte ein Jude auch keine jüdischen Witze reißen dürfen? Ich mein, ich als Kölner mache gerne Witze über Kölner, manchmal auch über Düsseldorfer, aber die Geschichten über Kölner sind echt lustiger. Wenn aber ein Stuttgarter mit seinem komischen Akzent Witze über Kölner macht, finde ich das schon mäßig erheiternd. Falls es ein Sachse mit seinem noch komischeren Akzent tun sollte: oh weh! Um wie viel schlimmer muss es also in jüdischen Ohren klingen, wenn eine junge Deutsche Judenwitze zum Besten gibt? Lisa Eckhart ist Österreicherin, machen Sie mich auf meinen regionalen Zuordnungsfehler aufmerksam? Dann darf sie das natürlich. Denn die Österreicher waren ja qua Eigendefinition ebenfalls Opfer der Nazi-Barbarei gewesen. Ob aber die Juden an diese österreichische Eigendefinition glauben, glaube ich wiederum nicht. Es macht also einen Riesenunterschied, WER einen Judenwitz erzählt. Es gilt die einfache Faustregel: Deutsche (inkl. Österreicher) sollten es vernünftigerweise nicht tun. In 99.9 Prozent der Fälle geht der Schuss (pardon: Witz) nach hinten los. Sie fordern also ein die Meinungsfreiheit einschränkendes Witzverbot, Herr Kolumnist, fragen Sie mich? Ich fordere es nicht, ich gebe bloß einen unverbindlichen Tipp, antworte ich Ihnen.

    Aber Lisa Eckhart erzählt doch ihre Witze, um uns Deutschen den Spiegel vorzuhalten, uns unsere hässliche antisemitische Fratze mittels satirischer Überspitzung plakativ vor Augen zu führen, wenden Sie nun ein? Das mag zwar sein, erwidere ich – obwohl ich diese hehre Absicht eher bezweifele –, aber so eine Zielsetzung funktioniert nur dann, wenn ich als Zuschauer weiß, wo Frau Eckhart politisch steht. Und diesbezüglich hüllt sie sich in beharrliches Schweigen. Wir tappen hinsichtlich ihrer persönlichen Beweggründe im Dunkeln. Sie ist eine Kunstfigur. Sie muss ÜBERHAUPT nichts erklären, sagen Sie? Okay, falls Frau Eckhart eine reine Kunstfigur darstellt, deren private Standpunkte strikter Geheimhaltung unterliegen, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie missverstanden wird. Nur Banausen verstehen diese Art von Humor nicht, schauen Sie mich nun böse an? Ich habe kein Problem damit, ein Banause zu sein, und dass ich vieles nicht verstehe, zieht sich wie ein roter Faden seit früher Kindheit durch mein Leben.

    Kunstfigur vom Künstler trennen?

    Sie halten Lisa Eckhart für eine Antisemitin? Nicht Ihr Ernst, Herr Kolumnist, oder?
    Nein, tue ich nicht. Bzw. ich weiß es nicht so genau, denn sie äußert sich zu dieser Problematik ja nie außerhalb ihrer grellen Bühnenauftritte. Ich habe einen ganz anderen Verdacht: Lisa Eckhart hat den unappetitlichen Tabubruch einfach als Geschäftsmodell erkannt und verdient ihr Geld damit, Judenwitze auf der Bühne zu erzählen. Bar jeglicher inhaltlicher Botschaft. Die Pointe um der Pointe willen. Selbst wenn sie es täte; das tun doch viele andere ebenfalls. Auch Sie als Kolumnist sind ja nicht frei von dieser Attitüde, geben Sie zu bedenken? Für einen guten Witz würden Sie doch das Grab Ihrer Eltern verpfänden, oder? Das stimmt, allerdings mit zwei Einschränkungen: ich würde nie Witze über Stuttgarter und Leipziger (und über Juden schon gar nicht) zum Besten geben und bei mir ist dem Leser halbwegs präsent, wo ich politisch stehe. Ob der Leser meinen politischen Standpunkt teilt, ist dabei nebensächlich. Ihm ist aber klar, wo er mich in etwa zu verorten hat. D.h. es existiert zwar die Kunstfigur Kolumnist, die ist jedoch nicht komplett von der Privatperson Henning Hirsch abgekoppelt. Auch beim Auslöser dieses Beitrags, Dieter Nuhr, ahnen wir, dass seine wiederholten Polemiken gegen Greta Thunberg und die FfF-Bewegung nicht ein reiner Kunstkniff sind, sondern der Privatmeinung des Privatmanns Nuhr entspringen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser der Bewahrung des gepflegten Altherren-Kalauers verpflichtete Kabarettist das Theater verlässt, auf ein Fahrrad steigt, zu seinem Grünen-Ortsverein strampelt und dort über die Abstandsregeln von Windrädern diskutiert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt er sein Klimawandel-skeptisches Weltbild eins zu eins auf die Bühne. Vermutlich ist die Kunstfigur Nuhr sogar der ehrlichere Mensch als die Privatperson. Was das für Lisa Eckhart bedeutet, fragen Sie mich? Sagen Sie es mir, erwidere ich. Was es für Schröder, Dittrich, Knop u Barth bedeutet? Bei denen ist es egal.

    Komplett wurscht, meinen Sie jetzt, Satire darf alles?
    Sehe ich nicht so. Satire darf vieles, aber halt nicht alles. Bei Böhmermanns Entgleisungen gegenüber Erdogan war für mich vor ein paar Jahren bspw. ein Punkt erreicht, wo ich den Tatbestand der Beleidigung als erfüllt ansah. Und nein, ich bin kein Fan des türkischen Präsidenten. Aber eine ehrabschneidende Beleidigung erkenne ich auch jenseits meiner politischen Präferenzen. Was hat Erdogan mit Lisa Eckhart zu tun, fragen Sie mich? Ja ja, ich bin ein bisschen vom Thema abgewichen, ein Wesenszug alter Männer, die am Sonntagmorgen beim Tippen der Kolumne noch nicht richtig wach sind. Deshalb schnurstracks zurück zur (angeblichen) Femme fatale der deutschsprachigen Kleinkunst: Lisa Eckhart darf alles auf die Bühne bringen, was sich im Rahmen der gesetzlich festgeschriebenen Meinungsfreiheit bewegt. Sie darf dabei Tabus brechen. Sie darf Judenwitze erzählen, antisemitische Klischees bedienen. Sie muss uns nicht erklären, wie sie persönlich dazu steht. Sie kann sich einzig auf ihre (angebliche) Kunstfigur zurückziehen. Sie (und ihre Fans) können jeden, der Fragen hinsichtlich der Ethik dieses kommerzialisierten Tabubruchs formuliert, als Nicht-Checker oder Kunstbanausen titulieren.

    Aber mir als Nicht-Checker steht es vice versa natürlich zu, mich über anti-jüdische Klischees, die erklärungsfrei auf deutsche Kleinbühnen zum Gaudium des Publikums transportiert werden, zu wundern und anzuraten, in Interviews ab und an eine Erklärung hinterherzuschieben. Denn spätestens an dem Punkt, an dem man (breiten) Applaus von der falschen Seite erhält, sollte man als Künstler hellhörig werden und seine Inhalte kritisch hinterfragen. Gar NICHTS muss Frau Eckhart! Kann keiner was dafür, wenn die Falschen Beifall klatschen, sagen Sie? Davor sei keiner gefeit? Stimmt, kann jedem Künstler passieren. Trotzdem finde ich es grenzwertig, wenn ich plötzlich lauten Beifall von der Seite gespendet bekomme, deren charakterliche Defizite ich ja mit meiner Darbietung offenlegen möchte. Der stramme Antisemit gratuliert der antisemitischen Kunstfigur? Da scheint offensichtlich was schief zu laufen. Oder doch nicht? Vielleicht ist es ja völlig egal, von wem der Applaus stammt. Hauptsache, die Kasse klingelt am Ende des Abends.

    Tabubruch bloß, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

    Kann keiner was dafür, dass Sie ein humorloser Nicht-Checker sind, Herr Hirsch, sagen Sie? Diese Frau ist das Beste, was die deutsche Comedy zu bieten hat. Ei ei ei, antworte ich. Dann kann es mit der Qualität der deutschen Comedy ja nicht allzu weit her sein. Das inhaltleere Zurschaustellen anti-jüdischer Klischees, also den Tabubruch bloß um des Tabubruchs willens, finde ich unappetitlich. Was nützt die geschliffenste Rhetorik, wenn das, was auf der Bühne präsentiert wird, über Weimarer-Republik-Stammtischhumor nicht hinausreicht? Dinge, die man heute wieder sagt, weil man das ja schließlich noch unzensiert wird sagen dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden, oder?

    Muss man wirklich jeden Tabubruch ausprobieren? JA!, rufen Sie, denn sonst wird man heutzutage gar nicht mehr gehört. Nur dem Tabubrecher ist mediale Aufmerksamkeit garantiert. Und zudem herrscht Meinungsfreiheit. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns keine antisemitischen Klischees mehr anhören dürfen. Und wenn die (angebliche) Satire nur eine Mogelverpackung ist, um ungestraft antisemitische Klischees unters Volk zu bringen, frage ich? So dumm können doch selbst Sie sich nicht stellen, als dass Sie es nicht verstehen. Doch SO dumm bin ich, dass ich die Beweggründe, antisemitische Klischees als Geschäftsmodell auf die Bühne zu bringen, nicht in Gänze nachvollziehen kann. Halt wie so oft böswillig von Ihnen, meinen Sie? Nennen Sie es, wie Sie wollen, sage ich.

    Ob jemand, der den unappetitlichen Tabubruch als sein Alleinstellungsmerkmal erkannt hat, trotzdem auftreten darf, stellen Sie mir jetzt eine letzte Fangfrage? Auf jeden Fall, antworte ich. Denn es herrscht ja Meinungsfreiheit, und es handelt sich schließlich um Satire, die alles darf. Ich werd’s mir aber nicht anhören und verstehe jeden, der BUH! im Zuschauerraum ruft. Denn auch für die Zuhörer gilt Meinungsfreiheit; oder für die dann doch nicht?

    Heute möchte ich mit einem Witz von Woody Allen schließen:
    Immer wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.

    Woody Allen darf den erzählen?
    JA, Woody Allen darf den erzählen.

  • Ne Unterhosen-Kolumne

    Ne Unterhosen-Kolumne

    »Du hast schon lange nichts mehr geschrieben«, sagt sie.
    »Es ist heiß und alles Mitteilenswerte wurde schon tausend Mal geschrieben, bevor ich auch nur darüber nachdenke, was dazu zu schreiben«, sage ich.
    »Du bist halt ein langsamer Schreiber«, sagt sie.
    »Stimmt«, sage ich.
    »Willst du jetzt den gesamten Corona-Sommer in ner Unterhose auf deinem Balkon rumsitzen?«, fragt sie.
    »Was ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen?«, frage ich.
    »Nichts ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen. Aber du solltest trotzdem mal wieder was schreiben. Das wird dir gut tun«, sagt sie und legt auf.

    In Facebook auch nichts Neues

    Und nun sitze ich in Unterhose an meinem Schreibtisch und überlege, was ich schreiben soll, worüber andere nicht schon viel früher und viel Schlaueres, als ich es gleich tun werde, geschrieben haben. Ich meine, heute ist es doch so: Sie klappen das Internet morgens auf, und PENG werden Sie mit einer Million Informationen, die binnen Nanosekunden über Ihren Bildschirm flimmern, reizüberflutet. Eine chronische Reizüberflutung, die beim Ersten einen chronischem Reizdarm, beim Zweiten chronische Migräne und beim Dritten chronisch schlechte Laune auslöst. Die Kunst besteht also nicht darin, möglichst viele Nachrichten aufzunehmen, sondern zu erkennen, welche 99.9 Prozent man gar nicht erst lesen sollte, um nicht unnötig Lebenszeit mit dem Studium von Infomüll zu vergeuden und chronischen Reizdarm zu vermeiden, denn der ist das schlimmste von allen.

    Also, wofür lohnt es sich, am Sonntagmorgen zwei Stunden in Unterhose am Schreibtisch zu sitzen und eine Kolumne zu tippen? Ich schaue kurz in Facebook vorbei, weil dort alles, was auch nur den leisesten Hauch einer Nachricht aufweist, über den Newsfeed gejagt wird. Facebook ist neben meinen nächtlichen Albträumen die beste Inspirationsquelle für neue Texte. Ich lese, „DFG will Dieter Nuhr nicht mehr als Markenbotschafter haben“, und gähne. Das ist ein komplettes Nicht-Thema. Zum einen hat die DFG völlig Recht damit, Dieter Nuhr den Youtube-Stuhl vor die Tür zu setzen, zum anderen ist ein Tag ohne Dieter-Nuhr-alter-weißer-Mann-Kalauer eh immer ein guter Tag. Bloß keine Kolumne über inhaltlich ausgezehrte Comedians, die im Alter den rechten Rand als neue Zielgruppe für sich entdeckt haben. Die gestrige Demo in Berlin wäre vielleicht was: 20.000 Freiheitsbewegte, die gegen Corona, unsere Regierung und die Wissenschaft protestieren. Masken sind schädlicher als das Virus – falls es das überhaupt gibt –, Viren gab es immer schon, wer sich gesund ernährt, wird an Covid-19 nicht sterben, wir lassen uns das Recht auf Massentourismus nicht nehmen, Impfen ist Teufelszeug, die ganze Pandemie ist der größte Schwindel seit Apollo 11 und der Einführung der Sommerzeit etc. etc. Jetzt alles nichts unbedingt Neues; die verquere Diskussion kennt jeder, der in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Aber aufgrund der 20.000-maskenbefreiten-Personen-Haufenbildung mitten im Machtzentrum der Republik doch irgendwie spooky, selbst für Horrorfilm-gewöhnte Netflix-Kunden wie mich.

    Am besten gefällt mir ein Video, in dem eine Gruppe Entrückter (was sprachlich eng an ‚verrückt‘ dran ist. Falls diese sprachliche Verwandtschaft jemanden interessieren sollte) den Jesus tanzt. Nun ist den Jesus tanzen sicherlich politisch korrekter als den Mussolini tanzen; ich überlege dabei jedoch fieberhaft, was Jesus wohl zu SARS-CoV 2, den Wissenschaftlern, die vor einer zweiten Welle warnen und den Corona-weg-Tänzern gesagt hätte. Wäre er der Meinung gewesen, dass wir mittlerweile eh alle aufgrund des eitlen medizinischen Fortschritts viel zu alt werden, weshalb eine periodische Reduktionsnummer ab und an notwendig ist, um uns Menschen vom Irrglauben an unsere immerwährende irdische Existenz zu befreien? Ich meine, Gott war im Alten Testament nie zimperlich, wenn es darum ging, seinen Kindern die Grenzen aufzuzeigen. Denken Sie bloß an die zehn Plagen, die er über Ägypten sandte. Dagegen ist Corona ein kleiner Sonntagsspaziergang. Oder hätte Jesus, der ja chronologisch nicht mehr dem Alten, sondern dem Neuen Testament angehört, sich auf die Seite der Alten und Schwachen (neudeutsch = Risikogruppen) gestellt und uns aufgetragen, auf diese Mitbürger besondere Rücksicht zu nehmen? Und zu dieser Rücksichtnahme gehören eben auch zwingend Masken und Mindestabstand. Was mich zu dem Schluss gelangen lässt, dass jemand, der auf einer Corona-ist-auch-nur-ein-Schnupfen-Demo den Jesus tanzt, näher an ver- als an entrückt dran ist.

    Und bevor Sie jetzt sagen, der Hirsch wird im Alter wunderlich und sucht verzweifelt Gott – das hier zur Klarstellung: das letzte Mal gebetet habe ich auf Geheiß meiner Mutter – die legte da abends vor dem Zubettgehen Wert drauf – mit 10, und in die Kirche gehe ich nur anlässlich von Beerdigungen, die allerdings mit steigendem Alter meiner Verwandten und Freunde seit ein paar Jahren zunehmen.

    Über die wohlstandsverwahrloste Asozialität der Teilnehmer von Anti-Corona-Aufläufen hatte ich allerdings schon mal im Mai diesen Jahres eine Kolumne geschrieben, weshalb ich das heute nicht alles nochmal wiederholen möchte.

    Das gute alte Zigeunerschnitzel

    Das Thema ‚Rassismus‘ böte sich evtl noch an. Dass es in den sozialen Netzwerken (dort trauen sie es sich, oft unter Pseudonym und mit nem Tierbild im Profil) immer noch ne Menge Sprachnostalgiker gibt, die dem guten alten Zigeunerschnitzel hinterhertrauern, Negerküsse und Mohrenköpfe niedlich finden, die Mohrenapotheke fälschlich vom heiligen Mauritius herleiten und bei der geforderten Umbenennung von Mohrenstraßen meinen, dass es wirklich wichtigere Probleme gibt (z.B. die Beschäftigung mit der in Kürze mal wieder anstehenden Umsatzsteuervorauszahlung oder -rückzahlung oder sonstwas anderes Wichtiges mit der Umsatzsteuer), als alte Straßen umzubenennen (zumal die neuen Schilder ja auch wieder Geld kosten. Geld des Steuerzahlers!), brauche ich Ihnen als altgedientem Facebook-Kämpen nicht zu erzählen. Das lesen Sie ja alles selber in den Beiträgen, die Sie täglich überfliegen. Dass manche Übereifrige nun allerdings auch noch alte Kinderbücher von ‚bösen‘ Begriffen säubern wollen, erfüllt mich dann doch ein wenig mit Sorge. Hier gilt der Grundsatz: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch immer gut durchdacht oder gar gut gemacht. Nachträglicher Furor gegen Jim Knopf und Pippi Langstrumpf schadet der notwendigen Rassismus-Debatte eher, als dass er ihr nützt.

    Nicht jeder, der Negerkuss sagt und gerne Zigeunerschnitzel isst, ist deshalb gleich ein Rassist, Herr Sprachpolizist-Autor, wenden Sie ein?
    Das stimmt, antworte ich Ihnen. Jedoch ist die Korrelation zwischen Negerkuss, und „ich würde meine Tochter auf keinen Fall mit einem Afrikaner verheiraten wollen“, groß.
    Das soll Rassismus sein? Sie kennen weder mich noch meine Tochter, sagen Sie jetzt?
    Genau DAS ist Rassismus, erwidere ich.
    Anzeige raus, kommt nun noch von Ihnen, und dann blockieren Sie mich.

    Letztlich aber auch ein alter Hut. Darüber wurden schon tonnenweise Kolumnen geschrieben. Selbst von einem faulen Schreiber wie mir. Lohnt nicht, das heute alles ein weiteres Mal durchzukauen. So langsam gehen mir die mitteilenswerten Themen aus, merke ich. Soll ich deshalb an dieser Stelle den finalen Punkt setzen und vom Schreibtisch auf den Balkon wechseln? Halb elf morgens und schon knapp 30 Grad in meiner Bude. Das hält man wirklich nur in Unterhose auf dem Balkon aus.

    Aerodynamische Särge und Katzen

    Was gäb‘s sonst noch an diesem Sonntag, 2. August 2020, zu berichten? Heute wäre beispielsweise der 92ste Geburtstag von Luigi Colani gewesen. Sie wissen nicht, wer das ist? Schlagen Sie bitte unter „C“ in Ihrer Brockhaus-Taschenbuchausgabe nach. Colani, der nicht nur ein eigenwilliger und erfolgreicher Designer war, hat der Nachwelt neben dem aerodynamischen Sarg und der Küche, in der man jedes Gerät im Sitzen bedienen kann, auch einige durchaus zitierenswerte Sätze hinterlassen. Bspw. diesen hier:

    Die Autoproduktion muss weg! Sie muss anderen Verkehrsphilosophien Platz machen.

    Bereits in den 80er Jahren getätigt. Ähnliches äußerte in etwa zeitgleich ein Kumpel von mir, der von einem Zentralcomputer gelenkte Kugeln als PKW-Ersatz vorschlug. Wir hielten ihn damals alle für etwas weltentrückt (nicht verrückt, obwohl er unter Alkoholeinfluss stundenweise auch dazu neigte) und empfahlen ihm, weniger Perry-Rhodan-Hefte zu lesen; aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er doch Recht behalten.

    Oder den hier:

    Das Bauhaus ist out. Outer geht’s gar nicht mehr.

    Ich wiederum sage: Lieber Bauhaus als andere bauliche Scheußlichkeiten. Aber ich bin halt bloß ein architektonischer Laie und nicht Colani.

    Besonders gefällt mir allerdings diese Reflexion:

    Die Nierentische, das war ein geniales Design, das den Menschen einbezog in eine Kommaform.

    Und ich überlege, was genau mir der geniale Designer mit ‚einbeziehen in eine Kommaform‘ sagen will. Ist das eine Anspielung auf meine am Schreibtisch vom orthopädischen Blickwinkel aus schlechte Körperhaltung (die man sich wie einen Hybrid zwischen Scheuermann und Bandscheibenvorfall vorstellen muss), ein Plädoyer für mehr runde Ecken in meiner Wohnung, die Erkenntnis, dass es im Leben keine Punkte gibt, sondern unsere irdische Existenz bloß eine zufällige Abfolge von durch Kommas abgetrennten Ereignissen darstellt? Falls ja, dann setze ich an dieser Stelle zur Abwechslung mal ein Semikolon; denn der Strichpunkt läuft seit Jahren Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, bis er eines nicht mehr fernen Tages aufhört zu existieren. Dass ich vor einigen Jahren eine Facebookgruppe ‚Rettet das Semikolon!‘ gegründet habe, hatte ich Ihnen schon mal erzählt? Egal, ist auch nicht so wichtig. Mehr als fünf Mitglieder, die sich erbittert über die Notwendigkeit von Strichpunkten im 21. Jahrhundert stritten, hatte die eh nie, und in der Konsequenz lösten wir die Gruppe sechs Monate später wieder auf.

    Am 2. August wurden ebenfalls Jonas Blue, Katrin Müller-Hohenstein und Ruth Maria Kubitschek geboren, die bisher allerdings keine zitierenswerten Sätze hinterließen. Deshalb zitiere ich sie in dieser Kolumne auch nicht, denn ich möchte Ihre wertvolle Zeit keinesfalls mit nicht-zitierenswerten Sätzen verplempern.

    An einem 2. August gestorben ist u.a. William S. Burroughs, der – bevor Sie jetzt wieder mühsam in Ihrer Lexikon-Taschenbuchausgabe blättern müssen und ihn dort nicht finden, weil Ihre Lexikon-Taschenbuchausgabe der letzte Dreck ist, verrate ich es Ihnen – der Autor von Romanen wie ‚Naked lunch‘ und der ‚Nova-Trilogie‘ und zudem der Erfinder des – mittels vorheriger Drogenzufuhr stimulierten – automatischen Schreibens ist. Wenn ich mir anschaue, wie mühsam ich mit meinem 4-Finger-Suchsystem die Seiten fülle, träume ich manchmal von der Gabe des Maschinengewehr-artigen Tippens. Als ich das aber früher hin und wieder unter massivem Wodkazufluss ausprobierte, betrug der Output jedoch nie mehr als maximal zwanzig Zeilen, die zudem am Morgen danach allenfalls unter Hinzuziehung eines Kryptologen dechiffrierbar gewesen wären. Weshalb ich das Schreiben unter Wodkazufluss irgendwann ganz sein ließ. Das ist aber eine separate Geschichte, die ich heute nicht erzählen will. Vielleicht ein anderes Mal. Erinnern Sie mich aber bitte daran. Ich bin vergesslich.

    Diese Erkenntnis von Burroughs möchte ich Ihnen aber heute unbedingt noch mit auf den Weg geben:

    Meine Beziehung zu Katzen hat mich davor bewahrt, ein kompletter Ignorant zu werden.

    Denken Sie gleich, wenn Sie Ihren Hund Gassi führen, mal darüber nach.

    An dieser Stelle setze ich nun tatsächlich den finalen Punkt. Mein Rücken schmerzt, mir fällt partout nichts mehr ein, und ich muss die Unterhose dringend mal wechseln. Zudem ist mir Handlungsfaden zwischendurch irgendwo abhandengekommen.

    Dieser Text besaß nie einen Handlungsfaden, geschweige denn einen Spannungsbogen, meinen Sie mit strenger Stimme? Das trifft leider zu, erwidere ich; aber es ist heiß, und die Unterhose ist vom stundenlangen am Schreibtischsitzen komplett durchgeschwitzt und zwickt mittlerweile gewaltig, was den nicht-existenten Spannungsbogen hoffentlich ein wenig entschuldigt.

    PUNKT

  • Corona als Charaktertest

    Corona als Charaktertest

    Pfingsten steht vor der Tür, die Sonne scheint, mein monatelang sich in freiwilliger Selbstisolation kasteiender Nachbar steckt seine blasse Nase aus dem Fenster, schnuppert, ob die Luft noch nach Sars-CoV-2 riecht, entscheidet für sich, und weil Herr Ramelow das auch so sieht, dass die Gefahrenlage eine beherrschbare, wenn nicht sogar bereits obsolete, ist, steigt in sein Auto und fährt endlich mal raus aufs Land. Mit kurzem Stopp an der ESSO. Alles rein in den leeren Tank, denn der Sprit ist günstig. Wenigstens diesen kleinen Vorteil hat Corona uns beschert, sagt er. Und dann düst er ab in Richtung Vulkaneifel. Zwar nur ein kurzer 48h-Urlaub und ungewohnterweise in der Heimat, weil die Grenzen ja noch zu sind; jedoch dringend notwendig. „Ist ja nun schon wieder zwölf Wochen her mit den Skiferien. Eine Ewigkeit!“, seufzt mein Nachbar, der jedes Jahr 5x verreist. Im Sommer gerne nach Ko Samui. „Aber das wird 2020 schwierig werden. Vielleicht geht alternativ Mallorca. Zwar nicht dasselbe wie Thailand. Aber besser als nichts“.

    Das große Gewimmel

    Auf den Straßen wimmelt es, in den Innenstädten wimmelt es, in den Geschäften wimmelt es aufgrund der noch gültigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften noch nicht ganz so wie früher; allerdings wird’s ebenfalls dort – dem oben erwähnten Herrn Ramelow sei Dank – alsbald auch wieder fröhlich wimmeln. Wie überhaupt das Wimmeln ein urmenschlicher Trieb zu sein scheint. Ich behaupte mittlerweile sogar, dass die Menschen in der Periode ihrer Bleibt-zu-Hause-Kasernierung das Wimmeln am meisten vermisst haben. Das ständige Alleinsein in der 3-Zimmer-Wohnung und die Ruhe auf den Autobahnen sind zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache. Dafür, dass wir notorische Wimmler sind, haben wir uns in den ersten vier Wochen der Pandemie gut geschlagen. Sagen alle Politiker, und mein Nachbar sagt’s auch. Also wird es stimmen.

    Der Wendepunkt war um Ostern herum erreicht. Mehr als ein Monat Homeoffice war dem postmodernen Wimmler schlichtweg nicht zuzumuten. Die Politiker mit ihren feinen Antennen für jedes neue Magengrummeln ihres Wahlvolks empfingen die Wir-haben-die-Schnauze-voll-von TK-Pizza-und-jeden-Abend-ne Serie-auf Netflix-Signale der zunehmend frustrierteren Bürgerinnen und Bürger und kalibrierten umgehend ihren Corona-Kompass neu: 16 Ministerpräsidenten rückten von der Kanzlerin ab, die Kanzlerin mahnte ihren Chef-Virologen, nicht ständig alles allzu Schwarz zu sehen, der Boulevard nahm sich die Wissenschaft im Allgemeinen und den Drosten im Speziellen zur Brust. Und vorneweg marschierte Herr Laschet, dem es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann, nachdem er im März noch von der dringend notwendigen Entschleunigung aufgrund der immensen Gefährdungslage gesprochen hatte. Aber weshalb sollte Adenauers Einsicht, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, nicht ebenfalls für andere gelten? Wir sind alle Rheinländer (also Adenauer, Laschet und ich) und reden heute so, morgen so und übermorgen wieder so oder auch schon mal komplett andersherum. Bei Adenauer, der ist lange tot, und mir, ich bin bloß ein kleiner Kolumnist, ist das allerdings weniger folgenschwer als bei Laschet, der noch Großes vorhat, wobei ihm sein Corona-Schlingerkurs eventuell noch gehörig auf die Füße fallen könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

    Corona ist auch nur ein Schnupfen

    Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, beim Wendepunkt um Ostern herum. Quasi über Nacht wurde Covid-19 von tödlicher Gefahr auf Grippe und wiederum zwei Nächte später auf „auch nicht schlimmer als ein Schnupfen“ runtergestuft. In der Art eines Tornados, wie er periodisch die Südküste der USA heimsucht, von dort aus eine Spur der Verwüstung von Louisiana bis Arkansas hinterlässt, dabei an Kraft verliert, bis er schließlich in Missouri nur noch als laues Lüftchen wahrgenommen wird. Was ist das denn für ein Vergleich, fragen Sie mich? Ein Tornado ist doch was völlig anderes als ein Virus. Stimmt, antworte ich. Wir benehmen uns aber im Moment trotzdem dergestalt, als verhalte sich Corona wie ein Wirbelsturm: weitergezogen, Gefahr vorüber. Dass es nicht so ist, wissen die Virologen, die Freimaurer, Bill Gates und die, die 1918 – Die Welt im Fieber (*) gelesen haben. Die zweite Welle lauert irgendwo da draußen in den Weiten des Atlantiks oder im Dickdarm einer Wildente.

    Dass die Menschen wieder wimmeln wollen – geschenkt. Gemäß einer nicht-repräsentativen Umfrage in meiner Nachbarschaft vermissen 40 Prozent den regelmäßigen Friseurbesuch, ein Drittel will zu McDonald’s und die Hälfte möchte endlich mal wieder an den Strand. Das sind aufaddiert mehr als 100 Prozent, sagen Sie? Stimmt: Mehrfachantworten waren möglich. Sind alles urmenschliche Sehnsüchte, das sehe ich ein. Was jedoch im Wimmeltrieb-Zusammenhang verstört, ist der Umstand, mit welcher Vehemenz bis hin zu verbaler Brutalität diese Wünsche vorgetragen werden. Die wohlstandsverwahrlosten Anti-Corona-Demonstranten agieren ja nicht im luftleeren Raum. Das, was sie auf ihre Plakate schreiben und maskenbefreit quer über unsere Marktplätze grölen, ist nichts anderes als das, was man vorher schon tausendfach auf den digitalen Plattformen lesen konnte. Wenn man Facebook & Twitter für ein 1-zu-1-Abbild der realen Welt hält – was sie beide glücklicherweise (noch) nicht sind –, dann kann einem an manchen Tagen Angst und bange werden; dermaßen empathielos und voller Häme wird dort, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben (ich klopfe 3x auf Holz), gegen die noch fortbestehenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen gehetzt. Weshalb es unzumutbar sein soll, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, 1.5m Abstand einzuhalten und sich hin und wieder die Hände zu waschen – keine Ahnung. Und dass wir die Krankheit nicht in Altersheime einschleppen sollen, müsste ebenfalls einleuchten. Tut es aber nicht jedem. Man liest im Netz auch solche Sätze: „Meine Oma stirbt lieber in Würde als würdelos eingesperrt zu sein.“ Was soll man darauf erwidern? Am besten nichts und still hoffen, dass die besagte Oma den Besuch ihres Enkels unbeschadet überstehen wird.

    Politik muss manchmal schnell entscheiden

    Wie Covid-19 letztlich einsortiert werden muss, wie groß die reale Gefahr für Leib und Leben tatsächlich war, ob unser Gesundheitssystem ohne Staythefuckathome kollabiert wäre, werden wir erst in ein, zwei Jahren abschließend beurteilen können. Politik muss jedoch manchmal im Hier und Heute eine Entscheidung treffen und kann sich den Luxus des Aussitzens nicht immer leisten. Und dass bei Ausbruch einer globalen Seuche mit ungewissem Ausgang der Aspekt der sofortigen Gefahrenabwehr unbedingten Vorrang vor allen anderen Betrachtungsweisen genießt, scheint mir ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man Politik im Sinne der Allgemeinwohlverpflichtung begreift; was natürlich nicht in jedem Land selbstverständlich ist. Wer davon faselt, dass Gesundheit und Leben bloß zwei Faktoren unter vielen im Grundrechte-Kanon darstellen, der sieht das mit der Notwendigkeit eines solidarischen Shutdowns folgerichtig anders. Für den sind die Öffnungszeiten des lokalen Baumarkts wichtiger als die ausreichende Bettenkapazität im Kreiskrankenhaus. Von da bis zum Gedanken, dass wir – und vor allem die alten Leute – eh irgendwann sterben müssen, ist es erfahrungsgemäß nur ein kleiner Schritt. Eugenik light im 21sten Jahrhundert. Der Primat der Wirtschaft endet für mich allerdings dort, wo es um lebensrettende Maßnahmen geht.

    Ich habe vollstes Verständnis für die Nöte von Branchen, die wegen des Lockdowns in Existenznot geraten sind: z.B. Gastronomie, Kulturbetriebe, Fitnessstudios. Hier geht es oft um’s blanke wirtschaftliche Überleben. Und deshalb müssen zum einen schnelle finanzielle Hilfen angeboten und zum anderen Fortführungsperspektiven aufgezeigt werden. Weshalb in manchen Bundesländern der Aufenthalt in einem Sportstudio strenger beurteilt wird als bspw. der Besuch eines Gottesdienstes, erschließt sich dem nicht-virologisch-geschulten Betrachter nicht immer. Warum in NRW Sachen erlaubt sind, die Bayern weiterhin verbietet, begreift auch nicht jeder. Dass die betroffenen Wirtschaftszweige darüber ihren Unmut äußern – völlig legitim. Weniger Verständnis habe ich hingegen für diejenigen, die jammern, dass sie ein paar Wochen lang nicht ins Sportstudio durften. So what? Mach jeden Morgen ein paar Kniebeugen und Sit-ups auf dem Wohnzimmerteppich, und gut ist es. Und am wenigsten Verständnis habe ich für die Gruppe von Schreihälsen, die sich lautstark über den Wegfall von Trainingsmöglichkeiten beschweren, ohne je ein Fitnessstudio von innen gesehen zu haben.

    Hauptsache, dagegen gestänkert

    Und ebenfalls die Äußerungen mancher Politiker – auch jenseits der dauerstänkernden Fundamentaloppositionisten von der AfD – lassen mich abwechselnd ratlos und verstört zurück. Was einen Herrn Lindner reitet, wenn er von Corona-Maulkörben spricht oder seinen Parteikollegen Kubicki antreibt, der mal ganz salopp die Sinnhaftigkeit der R-Zahl in Zweifel zieht, oder auf welcher Grundlage Frau Sudings Warnruf, durch die temporären Schulschließungen stünden die Lebenschancen mehrerer (!) Generationen auf dem Spiel, erfolgt, wissen vermutlich die drei Genannten selbst nicht so genau. Hauptsache, mal wieder einen rausgehauen und der Kanzlerin und ihrem Rasputin (pardon: Drosten) ordentlich was eingeschenkt. Für mich hat dieser faktenfreie Beißreflex schon was Pawlowartiges. Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Politik ist ein undankbares Geschäft, wie blauäugig sind Sie denn, Herr Kolumnist, fragen Sie? Ich weiß, dass Politik ein undankbares Geschäft ist. Mache aber der guten Ordnung halber hin und wieder trotzdem darauf aufmerksam. Ich wiederum behaupte, bei der Einsicht bzw. der Nicht-Einsicht in die Notwendigkeit solidarischen Handelns zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Wer zwingend gebotene Vorsichtsmaßnahmen als Panikmache verunglimpft und sich gar zu der Behauptung versteigt, eine Gesundheitsdiktatur stünde kurz bevor, ist bestenfalls verstrahlt. Vermutlich gehört er aber der Glaubensrichtung an, die von der unbedingten Vorteilhaftigkeit individueller Entscheidungen und singulären Tuns überzeugt ist. Gemäß dieser Doktrin muss halt jeder für sich selbst wissen, wie er mit einer Seuche umgeht. Der Staat hat sich da rauszuhalten. Kann man mögen und dran sterben. Und wenn man dran stirbt, ist es auch nicht weiter tragisch, denn man hat sich das ja freiwillig ausgesucht. Da ergibt der Spruch, „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, gleich einen ganz anderen Sinn.

    Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem leisen Das-haben-Sie-gut-gemacht-Frau-Bundeskanzlerin?

    Ob es eine gute Idee war, einen Großteil unserer Präventionsregeln über Bord zu werfen und von nun an so zu tun, als ob Covid-19 eine vorübergezogene, kleine Wintergrippe gewesen sei, werden die kommenden Monate erweisen. Der Optimist in mir hofft: Ja, das war’s. Der Pessimist im schräg gegenüberliegenden Hirnlappen raunt hingegen: Es kommt oft heftiger, als man denkt. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass Deutschland aufgrund raschen Handelns halbwegs glimpflich aus der Sache rausgekommen ist. Zumindest halbwegs glimpflich aus der ersten Welle der Sache rausgekommen ist. Wie man die Auswirkungen einer Pandemie durch anfängliches Verharmlosen und zu lange mit der Entscheidung warten verschlimmert – dafür brauchen wir bloß nach USA, UK und Brasilien zu schauen. Deshalb wäre an dieser Stelle ein leises Danke-Frau-Merkel-das-haben-Sie-gut-gemacht durchaus angebracht. Ich bedank mich doch nicht bei ner Kanzlerin dafür, dass die ihren Job ausübt. Dafür wird die doch fürstlich bezahlt, sagen Sie? Ich weiß, dass Sie das nicht tun, antworte ich. Mir würd’s schon reichen, wenn Sie sich nicht ständig über Ihre Phantomschmerzen wegen des Baby-Lockdowns beklagen würden. Und Frau Merkel würde das ebenfalls reichen. Da bin ich mir sicher.
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    (*) Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

  • Die Wohlstandsverwahrlosten

    Die Wohlstandsverwahrlosten

    Covid-19 ist nichts Schönes. Die damit infizierten Menschen krepieren, wenn sie älter sind, an Vorerkrankungen leiden oder als Jüngere und nicht vorerkrankte einfach nur Pech haben, elend an Beatmungsmaschinen. Das ist kein schneller Tod, sondern zieht sich über mehrere grauenvolle Tage. Es ist auch, wie von Verharmlosern und anderen beratungsresistenten Wohlstandsverwahrlosten trotz wochenlanger Aufklärung wahrheitswidrig immer noch behauptet wird, keine normale Grippe, an der jedes Jahr im Winter sowieso Tausende sterben, ohne dass da dramatisch ein Fass aufgemacht wird. Nein, SARS-CoV 2 ist was Neues, Tückisches, hochgradig Kontagiöses, das, wenn es für einen Infizierten schlecht läuft, zuerst ans Beatmungsgerät und dann in den elenden Tod führt. Es ist eine Pandemie, die aktuell in ihrer ersten Welle kreuz und quer über den Globus wütet, bis sie irgendwann abebbt, in einem entlegenen Winkel der Welt kurz verschnauft, bevor sich die Seuche in einer zweiten Welle, die oft heftiger ausfällt als die erste, erneut über den Erdball verbreiten wird. Es sei denn, man schafft es, das Virus vorher verhungern zu lassen oder entwickelt rechtzeitig einen Impfstoff.

    Im März: einhellig „flatten the curve!“

    Woher der Erreger stammt, ist erstmal völlig egal. Ob er nun auf dem Wochenmarkt in Wuhan beim Fledermaus-Barbecue entstand, aufgrund Fahrlässigkeit aus einem Labor entwich oder von Bill Gates in seiner Garage zusammengebastelt wurde, um die Microsoft-Weltherrschaft zu beschleunigen – alles wurscht. Ob die WHO rechtzeitig oder zu spät Alarm schlug, ob Herr Spahn im Januar was anderes sagte als im März, warum die Kanzlerin im Januar noch überhaupt nichts dazu sagte – ebenfalls Nebenkriegsschauplätze. Es ging ab März, als die tödliche Gefahr endlich erkannt wurde, ausschließlich darum, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Und das ließ sich auf die Schnelle einzig mittels eines Lockdowns in die Praxis umsetzen: Leute bleibt zu Hause, verlasst nur noch zum Einkaufen und Solo-Spaziergang eure Wohnungen, arbeitet im Homeoffice. Kindergärten zu, Schulen zu, Einzelhandel bis auf die Supermärkte zu. Keine Besuche mehr in Altersheimen. Nicht, um die Alten zu quälen, sondern um zu verhindern, dass die Krankheit dort eingeschleppt wird. Sicher alles drastische und ungewohnte Maßnahmen, aber wie will man Infektionsketten sonst wirkungsvoll unterbrechen? Im Vergleich zu dem, was einige Nachbarländer unternahmen, jedoch eh nur die Babyversion eines Shutdowns.

    „Flatten the curve“ hieß das Motto im März: sicherstellen, dass die Bettenkapazitäten unserer Krankenhäuser ausreichen, um den zu erwartenden Ansturm der schwer Infizierten menschenwürdig behandeln zu können. Bloß keine Auswahlentscheidung (die sog. Triage), wer darf ans Beatmungsgerät und bei wem lohnt das nicht mehr, durch die Ärzte, wie sie in Italien, Spanien und Frankreich aufgrund der dortigen Überlastungen der Systeme getroffen werden musste. Und es klappte: die Todeszahlen stiegen zwar stetig, allerdings im Vergleich zu anderen Ländern eher moderat,  und die Kliniken mussten ungezählte Sonderschichten einlegen; jedoch verblieben wir unterm Strich im orangen/ gelben Bereich. So weit, so „gut“. Das war bisher halbwegs glimpflich für uns Deutsche verlaufen, der bittere Kelch an uns fürs Erste vorübergegangen. Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen, welche Maßnahmen haben sich bewährt, welche eher nicht, Zeit, eine Kerze in der Kirche anzuzünden und auch der Regierung für besonnenes und erfolgreiches Krisenmanagement zu danken. Man muss übrigens kein Merkelianer sein, um das vorbehaltlos anzuerkennen.

    Im April: Lockerungen sofort!

    Wir wären aber nicht in Deutschland, wenn nicht, sobald die größte Gefahr überstanden ist, sofort die Heckenschützen aus ihren Gräben hervorkommen und nun dieselbe Regierung, der sie im März noch Gefolgschaftstreue bei der Überwindung dieser Jahrhundertkrise geschworen hatten, ins Kreuzfeuer nehmen. Der Shutdown dauert zu lange, wir müssen dringend lockern, schallt es plötzlich von links und rechts. Genau genommen eher von rechts. Gestorben wird sowieso immer, vor allem bei den Alten, hört man jetzt in Talk Shows und liest es in Interviews. Der Lockdown war ein Fehler, schaut nach Schweden, erklären die Hobby-Virologen, und ich schaue nach Schweden und sehe dort prozentual mehr Tote als bei uns. DIE WIRTSCHAFT muss SCHNELL wieder hochfahren, fordern die Ministerpräsidenten, machen ab sofort alle ihr eigenes Ding und scheren sich einen Dreck darum, was sie gestern noch in Berlin mit dem Kanzleramt vereinbart hatten. Das ist das Wesen des Föderalismus, sagen Sie? Die Kehrseite von Föderalismus heißt Kakophonie, antworte ich. Aber okay, so funktioniert eben das politische Geschäft. Ein ewiges Hauen und Stechen. Wer zartbesaitet ist oder gar Freundschaften fürs Leben sucht, sollte da besser nicht anheuern.

    Es ist die hohe Zeit von Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern. Wer öfter im weltweiten Netz unterwegs ist, kennt diese beiden Gruppen und kann den Wahrheitsgehalt ihrer oft ins Wahnhafte gesteigerten Mutmaßungen gut einsortieren. Verschwörungstheoretiker wittern nun mal per Definition überall Verschwörungen, und Impfgegner wollen weder sich noch ihre Kinder (was ich übrigens sehr asozial finde) gegen irgendwas impfen lassen, sondern vertrauen stattdessen auf Bachblüten, schwach gesüßten Pfefferminztee und kalte Wadenwickel. Quark, den ich schon tausend Mal in Facebook, Twitter & Co. gelesen habe. Jetzt nichts Besonderes, dass die einen sich bei Corona auf die Chinesen, die das Virus gezüchtet haben, um die westliche Welt zu vernichten, einschießen, und die anderen Bill Gates zum Sündenbock erklären, der uns entweder ausrotten oder sich am Impfstoff schamlos bereichern oder beides zusammen will. Halt der übliche Verschwörungs- und Esoterikmüll, über den man täglich in den sozialen Netzwerken stolpert.

    Im Mai: Verschwörungstheoretiker und Impfgegner rotten sich zusammen

    Unappetitlich wird es aber seit Neuestem durch einen Verein, der sich Widerstand 2020 nennt und sogenannte Querdenker und Anti-Corona-Rebellen zu Aktionen gegen die Regierung auffordert. Mantra: Das Grundgesetz wird außer Kraft gesetzt, die Elite bereitet die (Eliten-) Diktatur vor. Dass die beiden oben genannten Spinnergruppen auf sowas abfahren – geschenkt. Was jedoch erschreckt, ist die Beobachtung, dass ebenfalls Menschen, die ich bisher der bürgerlichen Mitte zugeordnet hatte, plötzlich vom Querdenker-Bazillus infiziert werden. Mal völlig losgelöst vom Umstand, dass querdenken nicht zwangsläufig richtig denken bedeutet, mutet es schon ein bisschen exotisch an, wenn ich nun Rechtsanwältinnen, Mathematiklehrer und Steuerberater was von Revolution faseln höre. Und ich frage: Welche eurer Grundrechte wurden denn derart massiv ausgesetzt, dass ihr zu Revoluzzern mutieren möchtet? Mir wird die Teilnahme am Gottesdienst verwehrt, antwortet der Steuerberater, der vor zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten ist. Ich darf meine Oma nicht mehr im Altersheim besuchen, sagt der Mathematiklehrer, dessen beide Omas schon vor der Jahrtausendwende gestorben sind. Es geht ums Prinzip, erklärt die Rechtsanwältin. Wir sind das Volk und dürfen ALLES. Die Regierung hingegen muss sich rechtfertigen vor uns. Wo kommen wir denn hin, wenn der Einzelhandel über Nacht geschlossen wird, und wir alle wochenlang nicht ins Kosmetikstudio gehen können? Schauen Sie sich meine Fingernägel an. Eine einzige Katastrophe. Und die Einschränkung der Reisefreiheit!! Fragen Sie mal meine Kinder, wie die das fanden, als wir über Ostern nicht an den Gardasee fahren durften, wo wir eine schöne Ferienwohnung in Bardolino besitzen. KATASTROPHE. Aber die Regierung hat doch täglich erläutert, was sie tut, und weshalb die Maßnahmen im Moment notwendig sind, wende ich ein. Ach, das sind doch alles bloß Verwirrspiele, um das Parlament zu entmachten und die Diktatur vorzubereiten, sagt die Rechtsanwältin, bevor sie sich wieder über ihren Schriftsatz beugt, den sie gleich ans Bundesverfassungsgericht losschicken wird, um die sofortige Inhaftierung der gesamten korrupten Berliner Regierungsriege zu fordern.

    Wie schult man nun querdenkende Rechtsanwältinnen, Mathematiklehrer und Steuerberater auf Revolutionäre um? Menschen, die es gewohnt sind, drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen, zwei Autos im Carport stehen zu haben, abends zwischen RTL, Netflix und Amazon Prime zu wählen und in einem warmen Bett mit 5-Zonen-Komfort-Matratze zu schlafen? Man startet mit einer kleinen Aufgabe: Setzt keine Masken auf! Denn Masken:
    (a) zwingen dich, CO2 einzuatmen
    (b) sind schlecht für die Gesichtshaut
    (c) sind bisher unerforscht hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf unseren Stuhlgang
    (d) verursachen mehr Schaden als Covid 19, das sowieso nur eine Erfindung der Pharmaindustrie ist.

    Und so schmeißen die Corona-Widerständler ihre Masken in den Müllcontainer und fühlen sich dabei sehr revolutionär.

    In einem zweiten Schritt organisiert man kleine Querdenker-Demonstrationen, auf denen natürlich ebenfalls keine Masken getragen, dafür aber Schilder in die Höhe gehalten werden: Merkel muss weg, ist da zu lesen. Wir lassen uns nicht länger verarschen. Corona ist ein Hirngespinst. Bill Gates = größter Menschenfeind und so weiter und so Bullshit. Dass die Sicherheitsabstände von 1.5 Metern bei diesen Flashmobs nicht eingehalten werden – geschenkt. Dass die Wacht-endlich-auf-ihr-Schlafschaf-Trompeter ihre Meinung ungefiltert und unsanktioniert herumtrompeten dürfen, obwohl doch diese Meinungsfreiheit angeblich aufs Höchste gefährdet ist, ebenfalls geschenkt. Dass wir in ein paar Tagen wieder stark ansteigende Krankheitszahlen in den Städten, in denen die Covid-19-Rebellen zusammenströmten, erleben werden  – zum dritten Mal geschenkt. Dass die Rechtsextremen Seit an Seit marschieren – geschenkt die Vierte. Widerstand 2020 ist auch nur wutbürgerndes Pegidatum, bloß mit neuer Themensetzung.

    Wohlstandsverwahrlostes Revoluzzertum = asozial

    Mir ist zwar vor diesen Sofa-Revolutionären, die aufgrund galoppierender Verweichlichung im Verein mit gleichzeitig chronischer Kurzatmigkeit beim Eignungstest für richtige Revolutionäre allesamt durchfallen würden, nicht bange; jedoch empfinde ich deren Aktivitäten in zunehmendem Maße als hochgradig egoistisch, unser Grundrecht auf Gesundheit grob fahrlässig gefährdend und in Blickrichtung auf den Solidaritätsgedanken, der eine Gesellschaft letztlich zusammenhält, fortgeschritten asozial.

    Menschen, die in Zeiten einer Pandemie Grundrechte auf regelmäßigen Besuch im Fingernagelstudio und Osterurlaub am Gardasee einfordern, kann ich nicht Ernst nehmen. Ich bezeichne solche Leute deshalb als das, was sie in Wirklichkeit sind:
    Unsere Wohlstandsverwahrlosten.

  • ?!Ausgangssperre jetzt!?

    ?!Ausgangssperre jetzt!?

    Bayern und das Saarland haben sie, der Rest der Republik überlegt noch, ob sie tatsächlich notwendig ist: die Ausgangssperre, etwas weniger dramatisch klingend auch als Ausgangsbeschränkung bezeichnet. In der aktuellen Praxis bedeutet das: Zu Hause bleiben, auf die Straße bloß noch zum Einkaufen und für einen Spaziergang. Den Zweitgenannten aber bitte möglichst alleine und nicht unnötig in die Länge ziehen. Schulen, Kitas, Universitäten geschlossen: Eltern mit Kindern auf mitunter kleinstem Raum kaserniert. Soziale Kontaktpflege erfolgt via Facebook, Twitter, WhatsApp und Instagram. Polizei und Ordnungsamt kontrollieren, ob wir unseren Stubenarrest auch brav einhalten, bei Grüppchenbildung drohen drakonische Bußgelder. Über die Notwendigkeit von Militärpatrouillen wird nachgedacht. Die Bürger hamstern, obwohl hamstern erstmal gar nicht notwendig ist; aber wer weiß schon so genau, ob Klopapier, Nudeln und Dosenravioli in den kommenden Monaten nicht doch knapp und nur noch gegen Bezugsscheine verteilt werden? Klingt wie Resident Evil, Teil 2 oder chinesische Hardcore-Umerziehungspädagogik. Bei uns im freien Westen alles bis vor kurzem noch undenkbar. Aber Corona verändert uns und unseren Alltag rasanter, als sich die Zombies in R.E, Folge 3 vermehren.

    #staythefuckhome!

    Der kollektive Schlachtruf lautet: #staythefuckhome! Und wie das mit kollektiven Schlachtrufen so ist – man wird rasch als Realitäts- und Exponentialkurvenverweigerer abgestempelt, wenn man (a) Fragen stellt und (b) von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme nicht zu hundert Prozent überzeugt ist, zu bedenken gibt, dass Söders Vorpreschen entgegen vorher getroffener Absprache mit dem Kanzleramt wenig kollegial anmutet. Da schallt einem in Facebook auch mal ein herzliches, „Du bist so asozial!“, entgegen.

    Eine grundlegende Frage müsste beispielsweise lauten: Weshalb wurde die von Corona ausgehende Gefahr noch im Februar mit gering eingestuft? Dass Pandemien die unangenehme Eigenschaft besitzen, sich rasend schnell weltweit zu verbreiten und sich dabei einen Scheiß um nationale Grenzen scheren, ist ja nun keine brandneue Erkenntnis. Warum keine frühe Warnung vor Großveranstaltungen wie Karneval, Konzerten und Sportevents? Weshalb wiegten wir uns noch viele Wochen nach den aus Wuhan zu uns gesendeten Bildern in trügerischer Sicherheit? Warum wurden die Experten und in der Folge die Politik erst nervös, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war bzw. das Virus in Norditalien wütete wie weiland der Schwarze Tod? Wäre, wäre … Fahrradkette? Stimmt. Aber zumindest die Frage darf ja noch erlaubt sein. Wenn man Prävention ernst nimmt, dann muss diese viel früher greifen, als bei Sars-CoV-2 geschehen. Mit Szenarien wie dem Aktuellen beschäftigt sich seit Jahrzehnten unser Katastrophenschutz in seinen Planspielen. Und bei biologischer Kriegsführung gilt die Regel, dass man erstmal das betroffene Gebiet – das wäre im vorliegenden Fall der Landkreis Heinsberg gewesen – abriegelt, bevor man die Durchseuchung einer Region oder gar eines Landes riskiert. An dieser Stelle aber auch schon wieder Schluss mit der Fahrradkette.

    #flatenthecurve

    Was bringt eine Ausgangssperre, die durchlöchert ist wie ein Emmentaler, nachdem ihn Dirty Harry für eine Schießübung benutzt hat? Nach wie vor pendeln Massen an Berufstätigen täglich zur Arbeit, wo sie auf andere eventuell infizierte Berufstätige treffen. Wir gehen weiterhin in den Supermarkt und stürzen uns dort in den Nahkampf um die letzte Dose Thunfisch und die finale 4er-Packung Zewa. Wir setzen uns in Busse und Bahnen, in denen der Passagier hinter uns sich gerade die Lunge aus dem Hals hustet und seinen Rotz dabei fahrlässig über den Haltegriff verteilt. Wer die Frage nach Sinn und Nutzen stellt, der wird auf die Notwendigkeit von #flatenthecurve verwiesen kombiniert mit Schaubildern für Dummies à la: Wie überlistet man eine Exponentialfunktion? Und es erfolgt natürlich der Hinweis auf Hubei, wo die chinesischen Behörden das Virus aufgrund der Zwangsquarantäne nun unter Kontrolle gebracht haben. Allerdings fielen die in Wuhan ergriffenen Maßnahmen sehr viel drastischer aus als bei uns. Es gab einen kompletten Lockdown und die Kasernierung der Bevölkerung dauerte deutlich länger als zwei Wochen. Und ob die bösen Geister nun tatsächlich dauerhaft aus Zentralchina vertrieben wurden, oder die Epidemie alsbald zurückkehrt, wird man mit Gewissheit erst in ein paar Monaten beurteilen können. Weshalb wir uns also in dem Glauben wähnen, wir Europäer bleiben jetzt alle ein paar Tage zu Hause, und danach kann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, erschließt sich mir selbst bei optimistischster Betrachtung des nun verordneten kollektiven Stubenarrests nicht. Auch die oben genannte Kurve wird sich binnen Zwei-Wochen-Frist nicht derart abflachen, dass unsere Krankenhäuser mit ihrer bestehenden Bettenkapazität die zu erwartende Masse der Neu-Erkrankten auffangen können werden. „Ihnen gehen sämtliche Kenntnisse der Exponentialrechnung ab, Herr Kolumnist. In 14 Tagen sind wir aus dem Gröbsten raus“, sagen Sie? „Hoffentlich behalten Sie Recht und nicht ich“, erwidere ich.

    Von der eklatanten Aushebelung unserer Grundrechte auf Bewegung, Pflege von Sozialkontakten und ungehinderter Berufsausübung mittels schwammiger Generalklauseln wie § 28 Infektionsschutzgesetz will ich hier gar nicht erst anfangen. Sonst werde ich in meinem seit einer Woche währenden Hausarrest noch deprimierter, als ich es als freiheitsliebender Mensch im Moment ohnehin schon bin. „Was nützen Ihnen diese Rechte, wenn wir demnächst alle tot sind?“, fragen Sie mich? „Stimmt natürlich auch wieder“, antworte ich Ihnen. Wobei wir die Fälle zunehmender häuslicher Gewalt und verzweifelter Sprünge vom Balkon, die ab Monat 2 in Quarantäne drohen, hier mal außen vor lassen wollen. Darüber reden wir, wenn es soweit ist.

    Aus der Krise lernen!?

    Sobald der Corona-Tsunami irgendwann abgeflaut sein wird – gibt Experten, die ein Abebben allerdings erst im kommenden Jahr prognostizieren –, dann stehen wir vor zwei Scherbenhaufen: (1) vielen Toten und (2) jeder Menge bankrotter Freiberufler, insolventer Mittelständler und ein paar Hunderttausend (vielleicht sogar Millionen) zusätzlicher Arbeitsloser. Ob man Lehren aus dieser Megakrise ziehen kann? Klar kann man das: Drohenden Seuchen wirkungsvoller begegnen, indem Warnstufen deutlich früher ausgerufen werden, Intensivkapazitäten der Kliniken aufstocken, medizinisches Personal besser bezahlen, sattelfeste rechtliche Grundlagen für solch einen Katastrophenfall schaffen, SCHNELLE finanzielle Hilfen für die Epidemie-Verlierer anbieten: z.B. ein zeitlich begrenztes (bedingungsloses) Grundeinkommen und/ oder Barschecks, wie sie in den USA verteilt werden sollen, Konjunkturprogramme nicht nur für die Großindustrie, sondern ebenfalls für den kleinen Mittelstand und die vielen freiberuflichen Einzelkämpfer etc. etc. Ob’s das alles nach Corona geben wird? Der Optimist in mir sagt: Ja. Der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte meint hingegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die versprochenen Hilfen zügig und unbürokratisch ausgezahlt werden, liegt in etwa so hoch wie die, von Tante Mitzi zum Geburtstag ein Buch geschenkt zu bekommen, das man wirklich lesen mag. Beides im kleinen einstelligen Prozentbereich anzusiedeln. Ja ja, der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte schweigt jetzt sofort wieder.

    Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, bleiben wir alle erstmal ein paar Wochen lang zu Hause, beten täglich darum, dass Instagram und Netflix störungsfrei funktionieren mögen, lesen endlich Tante Mitzis Bücher, lernen per Babbel Serbokroatisch und Finnisch, posten minütlich Kommentare in Facebook und überlegen, während wir mit streng rationiertem Toilettenpapier auf dem Klo sitzen, worüber wir uns heute Abend mit unserem Partner, den wir jetzt 24/7 an der Backe haben, unterhalten werden, denn so langsam gehen uns die Gesprächsthemen aus; ja, wir reagieren sogar schon leicht gereizt auf die pure Präsenz des anderen. Spätestens ab Woche 4 im Stubenarrest wird ein Run auf Psychopharmaka und Sedativa einsetzen. Hoffe, dass die Apotheken entsprechend vorbereitet sind.

    Am Ende dieser Kolumne wünsche ich uns allen, dass wir in Zeiten von Corona zumindest unseren (Galgen-) Humor nicht verlieren. Kommen wieder bessere Zeiten, allerdings auch neue Pandemien. Bleiben Sie gesund!

    #keepyoursenseofhumor

  • Kolumnenschreiben in Zeiten von Corona

    Kolumnenschreiben in Zeiten von Corona

    Ich geb’s zu: ich habe das Virus einige Wochen lang unterschätzt. Am Anfang wütete es in einer zentralchinesischen Provinz, bei der ich erstmal in meinem alten Diercke-Atlas nachschauen musste, wo genau die sich überhaupt befindet. Irgendwas ist in China mit seiner 1 Fantastilliarde Einwohnern krankheitsmäßig ja immer los, dachte ich, wenn darüber in der Tagesschau berichtet wurde und zappte im Anschluss weiter zu Netflix, um mir Resident Evil, Teil 5 anzugucken. Die Lage in Wuhan verschlechterte sich, die Behörden verordneten Zwangsquarantäne und Ausgangssperren, und ich überlegte: Die armen Menschen, ICH würde einen Lagerkoller bekommen, wenn ich meine eigenen vier Wände tagelang nicht verlassen dürfte. Der Erreger erreichte derweil Südkorea und Singapur, und mir ging durch den Kopf: WEIT weg von Zentraleuropa. Kein Grund zur Panik. Israel schloss seine Grenzen und setzte Flüge aus. Fand ich übertrieben. Zumal: Was interessieren ein Virus schon nationale Grenzen? Die ersten Menschen starben, und ich dachte: Das tun sie bei Grippe, Malaria und HIV ebenfalls, ohne dass darüber stündlich berichtet wird. Weiterhin kein Grund zu Panik und Hamsterkäufen. Das Leben muss trotz Todesfällen schließlich irgendwie weitergehen.

    Wer will schon Geisterspiele sehen?

    Mittlerweile ertappte ich mich allerdings dabei, dass ich mir die Hände häufiger und penibler wusch als sonst üblich und in der Schlange vor der Supermarktkasse misstrauisch darauf achtete, ob der Kunde vor oder hinter mir verdächtig hustete. Jetzt verfällst du selbst in Panik, seufzte ich und passte dennoch auf, ob die hübsche Bäckereifachverkäuferin Handschuhe überstreifte, bevor sie meine Brötchen in die Tüte packte. Halt so kleine Vorsichtsmaßnahmen, die den Alltag nicht allzu sehr einschränken. Hauptsache, die Bundesliga läuft weiter. Ein Wochenende ohne den Effzeh ist ein vergeudetes Wochenende.

    Dann drei zeitlich eng getaktete Paukenschläge: Italien schaltet in den Komplett-Krisenmodus, Veranstaltungen über 1000 Besucher sollen abgesagt werden, die Eishockeyliga stellt den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung ein. Oha, denke ich, jetzt fehlen bloß noch Geisterspiele, aber wer will sowas ernsthaft erleben? Und es kam tatsächlich zu Geisterspielen. Zwar bloß ein Dutzend an der Zahl; allerdings waren die wie erwartet alle grausam anzuschauen. Wenn ich Friedhofsruhe haben möchte, gehe ich auf den Friedhof, aber setze mich nicht in eine Skybar, um den FC ohne Fans in Gladbach absaufen zu sehen. „Macht es wie die vom Eishockey oder verlängert die Saison in den Sommer hinein. Aber erspart uns Spiele ohne Zuschauer. Das ist wie Sex ohne Partner im Bett“, dachte ich und ging kopfschüttelnd zurück nach Hause. So langsam fing das Virus an, mir gehörig auf die Nerven zu gehen.

    Sich informieren hilft

    Da regelmäßiges Zeitunglesen und TV-Nachrichtengucken durchaus hilfreich sein können, den eigenen begrenzten Horizont zu erweitern, wurde mir peu à peu bewusst, dass sich die Gefahrenlage doch dramatischer darstellt, als ich mir das mit meinem Grippewellen-haben-wir-jedes-Jahr-ist-jetzt-nichts-besonderes-Latein laienhaft zurechtgebogen hatte. Vor allem geht’s ja bloß zur Hälfte darum, ob ich selbst aufgrund SARS-CoV-2 früher als geplant das Zeitliche segne, sondern es stellt sich ebenfalls die Frage, ob ich als eventuell von der Infektion nichts außer leichtem Fieber bemerkender Glückspilz dann als unbewusster Virenverteiler für mein Umfeld agiere und andere, weniger Glückliche mit schwächerem Immunsystem ins Grab befördere. Okay, leuchtet mir ein.

    Im Folgenden wechselte ich in meinen persönlichen Krisenmodus: Homeoffice, keine Restaurants & Café-Besuche, Skybar meiden (Fußball pausiert eh), Einkäufe im Supermarkt auf 2x/ Woche beschränken, alle bevorstehenden Geburtstagspartys abgesagt (u.a. meine eigene. Ganz praktisch. Erspart mir die Vorbereitungsarbeit und das lästige Aufräumen am Morgen danach), Hand leicht zum Gruß erheben anstatt andere evtl. infizierte zu schütteln, eine Armlänge Abstand einhalten und all so kleine Sachen, um dem Erreger das Überspringen auf mich nicht so leicht zu machen. Ob’s tatsächlich was nützt? Wer weiß das schon mit 100%iger Sicherheit?

    Und auch, wenn ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass sich Covid-19 zur bis dato schlimmsten Geißel der Menschheitsgeschichte entwickeln wird, so halte ich dieses Virus doch für einen guten Anlass, um zum einen unser Organisationstalent und zum anderen unsere Befähigung zur Solidarität in einer Krisensituation zu testen. Eine globale Seuche lässt sich nur durch konzertierte internationale Zusammenarbeit in den Griff bekommen. Nationale Alleingänge bringen wenig, wenn der Nachbar nicht ebenfalls zu gleichgelagerten Maßnahmen greift.

    Obwohl Skeptiker nun vor unnötig geschürter Panik warnen – von Panik kann ich in dem regionalen Umfeld, in dem ich mich bewege, nach wie vor nichts bemerken. Es sei denn, man bezeichnet bereits Homeoffice und reduzierte Nutzung des ÖPNV als Panik. Von dem, was den Verschwörungstheoretikern alles zu Corona einfällt, will ich hier gar nichts schreiben. Ansonsten verlöre sich die Kolumne im Uferlosen, dermaßen viel fällt den Verschwörungstheoretikern an Quark zu dieser Pandemie ein. Aber so sind diese Menschen halt, sonst wären sie ja keine Verschwörungstheoretiker.

    Bisherige Maßnahmen sind zu lasch

    Wenn man den Gedanken der Verzögerung der Ausbreitung wirklich ernst nimmt, dann reichen die bisher getroffenen Maßnahmen allerdings bei Weitem nicht aus. Dann muss der ÖPNV (die schlimmste Virenschleuder überhaupt) stark gedrosselt, müssen on top zu Schulen und Kindergärten weitere Begegnungsorte (Universitäten, Schwimmbäder, Fitnessstudios, Gaststätten, Clubs etc.) geschlossen, muss Homeoffice, wann immer möglich, verpflichtend und muss der nicht-lebensnotwendige Einzelhandel dicht gemacht werden. Notfalls sind Ausgangssperren zu verhängen. Ein paar Tage auf dem heimischen Sofa werden wir doch aushalten. Oder nicht?

    Jetzt verfallen Sie aber richtig in Panik, Herr Kolumnist, sagen Sie? Geht so. Ich sitze zu Hause mit einer Tasse Kaffee neben mir, während ich mit Puls im Normalbereich diese Zeilen tippe. Noch nicht mal einen Coronatest habe ich bisher absolviert. Ich meide eben eine Zeit lang Kontakt mit Menschen, wo er nicht unbedingt notwendig ist, und halte mich an die Häufig-Hände-waschen-Regel. Finde ich jetzt beides weder schwierig, noch gar dramatisch.

    Und die Wirtschaft, was ist mit der Wirtschaft? Wir schlittern wegen der Covid-Panik in eine riesige Rezession, gegen die die Finanzkrise 2008 wie ein unschuldiges Kinderspiel anmutet, geben Sie nun zu bedenken? Wer weiß das schon so genau, antworte ich. Vielleicht kommt’s so, vielleicht auch nicht. Aber lieber zwei, drei Wochen ökonomischer Stillstand als viele Jahre tot.

    Obwohl ich als Rheinländer bis zu einem gewissen Grad zum Fatalismus neige – Et kütt, wie et kütt. Da mähste eh nix –, bin ich mittlerweile doch zu der Überzeugung gelangt, dass bei einer Seuche konsequentes Durchgreifen wie in China und Italien erfolgversprechender ist als bloße Appelle an die Vernunft des Einzelnen oder unser Kölner Mantra „Et hätt noch emmer joot jejange“. Manche Dinge gehen eben nicht gut, wenn man nicht rechtzeitig rigorose Gegenmaßnahmen ergreift. Vorsicht ist in Zeiten einer weltweiten Pandemie eine Tugend.

  • Europas Abschied von der Menschlichkeit

    Europas Abschied von der Menschlichkeit

    Politik ist ein zähes Geschäft. In einer Demokratie, die noch nie eine Alleinregierung sah, sondern bisher immer nur Koalitionen in unterschiedlichen Farbkombinationen kennt, sowieso. Da wird nächte- und wochenlang diskutiert, gestritten, gerungen, um am Ende den Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners zu vereinbaren, der auf der obligatorischen Pressekonferenz am darauffolgenden Morgen nach außen hin stolz als epochaler Schritt in die richtige Richtung präsentiert wird. So weit, so gut oder schlecht. Aber an die Trippelschritte Deutschlands und der EU hat man sich als langjähriger Zeitungsleser und Tagesschau-Gucker gewöhnt und mit dem Stillstand irgendwie arrangiert. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, sagt mein schlauer Studiendirektor-Nachbar gerne, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen, um auch beim Vorüberlaufen seine humanistische Bildung herauszustreichen; wobei er allerdings unterschlägt, dass die Bauzeit Roms doch um einiges flotter über die Bühne ging, als der durchschnittliche Konsensfindungsprozess im deutschen politischen System dauert. Mitunter ist ja Langsamkeit auch eine Tugend. Speziell die aktuelle Kanzlerin mit ihrem Credo ‚Die Dinge vom Ende her denken‘ hat das Fahren mit reduzierter Geschwindigkeit auf Sicht zur Doktrin erhoben. Misstrauisch gegenüber Visionen, große Entwürfe so lange zerredend, bis sich keiner mehr daran erinnert, was anfangs eigentlich gewollt gewesen war, betreiben wir seit Jahren Politik in Oberamtsratmanier: Die Akte, die man nach dem Frühstückskaffee auf dem Schreibtisch vorfindet, wird bearbeitet und morgen kommt die nächste Akte an die Reihe. Kann man, wenn man selbst ein Oberamtsrat ist, mögen, kann man aber auch aufgrund des völligen Mangels an zukunftsgerichteten Ideen als schauderhaft empfinden.

    2015: „Wir schaffen das“

    Nun blitzte in unserer Kanzlerin im Sommer 2015 völlig unerwartet doch ein großer christlicher Gedanke auf. Nämlich der der barmherzigen Gastfreundschaft gegenüber Menschen, die aus bitterer Not zu uns fliehen. Und zwar losgelöst von deren regionaler Herkunft und Religionszugehörigkeit. Wir schaffen das lautete in der ersten Euphorie das damalige Motto, und wir schafften es ja auch. Der Großteil der Flüchtlinge wurde gut integriert, in Jobs und Ausbildungen gebracht, weder unsere Sozialsysteme noch die Ökonomie kollabierten, die Kriminalitätsrate stieg allenfalls im Promillebereich an. Mitteleuropa ist nach wie vor christlich und atheistisch dominiert, von einer schleichenden Machtübernahme durch den Islam kann keine Rede sein. Deutschland für ein paar Wochen eine Zufluchtsstätte für die Müden und Armen, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen, für die geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren – so wie die Freiheitsstatue jahrzehntelang die zumeist europäischen Einwanderer in New York begrüßte. Einen kurzen Spätsommer lang vergessen das unsägliche Dublin 3-Kleinklein.

    Im Frühjahr 2016 dann der Flüchtlingsdeal mit Erdogan: Du hältst uns die Syrer, Afghanen und wer sonst noch alles auf dem Weg nach Europa dein Land durchquert vom Leib, wir entlohnen Dich im Gegenzug fürstlich dafür. Dass dieses Geschäft nicht sehr tragfähig sein würde und großes Erpressungspotenzial birgt, wussten eigentlich alle Beteiligten von Anfang an. Trotzdem wurde das Abkommen besiegelt. Heute, vier Jahre später, stehen EU und Deutschland vor dem Scherbenhaufen ihrer Weigerung, sich proaktiv mit der Problematik der globalen Migrationsströme zu beschäftigen. Geld nach Ankara überweisen, und alles wird gut. Einwanderungsgesetz? Wer braucht schon ein Einwanderungsgesetz? Und deshalb stehen wir auch völlig verdient vor diesem Scherbenhaufen, denn der Deal war immer ein schmutziger und es gab nie einen Plan B.

    Heute: „2020 lässt sich mit 2015 nicht vergleichen“

    Am kleinen Grenzfluss Evros, bereits in WK1 Schauplatz dramatischer Gefechte, spielen sich seit zwei Wochen jeden Tag aufs neue unglaubliche Szenen ab: Tausende von den Türken dorthin chauffierte Flüchtlinge begehren Einlass nach Europa, und die Griechen verrammeln und verriegeln ihren heiligen Boden, versprühen Tränengas, lassen Wasserwerfer zum Einsatz kommen, schießen in die Luft und mitunter wohl auch in die Menge. Und Europa schweigt, sieht weg oder applaudiert. In den Lagern auf den ägäischen Inseln vegetieren derweil Menschen in Behausungen, die Müllkippen ähnlicher sind als Favelas, die sanitären Bedingungen katastrophal, die medizinische Versorgung entspricht derjenigen des Südsudan. Und wir? Uns lässt das alles erstmal kalt. Hauptsache, der ÖPNV hat keine Verspätung, die GEZ erhöht nicht die Gebühren, und es werden nicht zu viele Fußballspiele aufgrund Corona abgesagt. 2015 darf sich auf keinen Fall wiederholen, heißt das neue Mantra. Selbst aus dem Mund der Kanzlerin hören wir: „2020 lässt sich mit 2015 überhaupt nicht vergleichen“. Wir reiben uns erstaunt die Augen und fragen: Was um Himmelswillen ist an der heutigen Situation so grundlegend anders als an der vor fünf Jahren? Nach wie vor fliehen Menschen aus Bürgerkriegsgebieten zu uns. Sie fliehen aus Ländern zu uns, die wir vorher üppig mit Waffen ausgestattet hatten und denen wir selbst dann nicht zu Hilfe kamen, als es dort schon lichterloh brannte. Es ist heute haargenau dasselbe wie im Sommer 2015.

    „Holt wenigstens die Kinder zu uns“, forderte Grünenchef Robert Habeck zu Weihnachten. Er wurde dafür belächelt, als Populist verunglimpft, als jemand, der partout nicht verstehen will, dass man Kinder nicht so einfach aus Lagern rausholen kann, weil erstmal über europäische Verteilquoten diskutiert werden muss. Bloß keine deutschen Alleingänge! Es ist inhuman, Kinder von ihren Müttern zu trennen, sagen die besonders Cleveren. Dann lasst doch die Mütter gleich mit einreisen, antworte ich ihnen. So simpel, wie Sie sich das vorstellen, Herr Kolumnist, ist das natürlich nicht. Da braucht’s Anträge, Gesundheitschecks und Unbedenklichkeitserklärungen. So was dauert. Vor allem bei den Griechen. Wir schicken denen aber ein Dutzend deutsche Oberamtsräte zur Unterstützung bei der Bearbeitung der Asyldokumente und zwei Container mit Kopfkissen und Teddybären für die Kinder. Das ist schon viel. Andere europäische Länder tun weniger. Halten Sie aber bloß meinen Namen geheim, ich habe mich schon genügend unbeliebt bei meinen Vorgesetzten gemacht, bittet der Regierungsrat, der die zwei Container bewilligt hat.

    Verteilquoten wichtiger als schnelle Hilfeleistung

    Nach nächtelangen Diskussionen im Kanzleramt nun endlich grünes Licht für die Einreise von 1500 Kindern. Redeten wir anfangs nicht mal von 5000 oder gar mehr? Was ist mit den restlichen 3500 passiert? Sind die plötzlich nicht mehr gefährdet? Egal, lasst uns mit den 1500 beginnen. „Moment!“, ruft der anonym bleiben wollende Regierungsrat dazwischen, „Wir müssen vorher noch die Verteilquoten präzisieren und abwarten, wie sich die Situation am Evros entwickelt“. Weshalb können wir die 1500 Kinder jetzt nicht schleunigst zu uns verfrachten, frage ich. Und von mir aus gerne morgen die 1500 dazugehörigen Mütter direkt hinterher. „Weil alles seine Ordnung haben muss. Wir können hier nicht jeden X-beliebigen reinlassen“, klärt mich der Beamte auf. „Ordnung ist die erste Bürgerpflicht. Sonst droht Chaos“, schallt es aus den Reihen von CDU und CSU, und auch viele Liberale und SPD’ler denken so. Und unsere menschenfreundliche Kanzlerin? Die hüllt sich dazu großenteils in Schweigen, streut dann plötzlich erneut, „2020 lässt sich nicht mit 2015 vergleichen“, ein und möchte sich vor allem nicht von Erdogan erpressen lassen. Frau Merkel am Spätabend ihrer Regentschaft entweder zu müde oder lustlos oder beides, um sich mit den konservativen Granden der Union ein weiteres Mal anzulegen.

    Und so bleibt am Ende dieses traurigen Textes bloß dieses tieftraurige Fazit zu ziehen: Europa hat sich mal wieder Lichtjahre von jenen christlichen und humanistischen Werten entfernt, auf die es sich in Sonntagsreden und bei Karlspreisverleihungen so gerne beruft. Der einzige Unterschied zwischen dem Evros und dem Rio Grande besteht nur noch darin, dass Trump klar ausspricht, was ihn zur Totalschließung der Grenze bewegt: KEINE Fremden! Unsere europäischen Politiker drücken sich diesbezüglich zwar diplomatischer und verklausulierter aus, wollen aber genau dasselbe wie der US-Präsident: KEINE Flüchtlinge ins Land! Kinder in Lagern dauerhaft vor sich hin vegetieren zu lassen, grenzt hart an den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung.

  • Wie viel Vermummung darf es denn sein?

    Wie viel Vermummung darf es denn sein?

    Sehen beim Kopftuch schon einige rot bzw. orakeln den nahen Untergang des Abendlands herbei, so liegen bei vielen die Nerven völlig blank, sobald eine Burka tragende Muslima* an ihnen vorbeispaziert. Da wird das Futur vorm Abendland sofort ins Präsens ausgetauscht: es geht just in diesem Moment unter.

    Aktuelle Auslöser: (1) die schleswig-holsteinischen Grünen blockieren ein von CDU und FDP unterstütztes Burka- und Niqab-Verbot an der Universität Kiel. (2) Das Hamburger Verwaltungsgericht entscheidet, dass eine vollverschleierte Schülerin am Unterricht einer Berufsschule teilnehmen darf.

    Blaue Augen hinterm Sehschlitz

    Vorab eine kurze statistische Einsortierung des (angeblichen) Problems: es existieren keine offiziellen Erhebungen zu komplett vermummten Frauen in Deutschland. Die Schätzungen schwanken von ein paar hundert bis hin zu mehreren tausend. Die Chance, einer Frau mit einer hässlichen Wischmoppfrisur, in die orange Strähnen eingefärbt sind, zu begegnen, ist also um ein Vielfaches höher, als einer Burkaträgerin über den Weg zu laufen.

    Von den ganzkörperverhüllten Damen lebt schätzungsweise die Hälfte in meinem Nachbarstadtteil Bonn/ Bad Godesberg. Ich treffe sie beim Einkaufen im Supermarkt, im Sommer flanieren sie durch die Bonner Innenstadt, sitzen vor den Eisdielen und genießen dort Sonne & Latte Macchiato. Ich begegne ihnen am Rheinufer und am Springbrunnen vor dem C&A. Und das schon seit vielen Jahren. Mag also sein, dass ich mich an ihr – zugegebenermaßen in unseren Breitengraden exotisch anmutendes – Aussehen im Lauf der Zeit derart gewöhnt habe, dass ich eine Burkaträgerin zwar kurz registriere, mir jedoch im Nachgang keinen großen Kopf darüber mache, weshalb sie bei 35 Grad im Schatten derart vermummt durch unsere Stadt läuft.

    Interessanterweise blickt man oft in blaue Augen, wenn sie neben einem am Kühlregal stehen, und sie sprechen häufig fehlerfreies Deutsch bis hin zu astreinem Bonner Platt, das einem Büttenredner zur Ehre gereichen würde. Obschon es sicher auch arabischstämmige Frauen mit blauen Augen, die rheinischen Dialekt beherrschen, gibt, lässt sich doch die Vermutung nicht völlig von der Hand weisen, dass hier gerade Jaqueline Müller aus der Ramersdorfer Mühlengasse nach Vanillejoghurt und Erdbeerbuttermilch sucht, während sie zeitgleich die Neuigkeiten in ihrem Instagram-Account durchscrollt. Jaqueline Müller, die entweder aufgrund ihrer Vermählung mit dem aus Tunis stammenden Hussein Al Nasarwa zum wahren Glauben gefunden hat, oder die gemeinsam mit Kevin Müller, den sie seit der Tanzstunde kennt, unsere Bibel in den Koran umtauschte. Also eine Konvertitin und ein lokales Eigengewächs. Und wie Konvertiten nun mal so ticken, legt sie die Vorschriften der neuen Religion orthodoxer aus, als dies die in den Islam Hineingeborenen tun; benutzt ihr Gewand primär als Distinktionsmerkmal zur Mehrheitsgesellschaft. Denn ihr neuer Glaube schreibt das ja gar nicht zwingend vor. 99.9% der Muslima, die ich kenne, zeigen ihr Gesicht bzw. kleiden sich wie Jaqueline Müller, als die noch in Bonn-Ramersdorf das Tanzbein schwang. Spät bekehrte Strenggläubige findet man übrigens auch im Christentum und in anderen Religionen. Das nur mal am Rande bemerkt.

    Dass es sich bei der Burka bzw. der Kombi Abaya & Niqab mithin um ein reines Migrationsphänomen handelt, kann ganz blaueaugenscheinlich nicht stimmen. Aus welchem Grund Jaqueline zum Islam überwechselte, wissen wir nicht und geht uns auch erstmal überhaupt nichts an. Ich frage ja auch nicht, warum ein früherer Messdiener sich heute Buddhist nennt, und weshalb manche Bonner den Leverkusenern die Daumen drücken, wenn die gegen Köln spielen. Sind alles freie Gewissensentscheidungen erwachsener Menschen.

    Immer Ausdruck von Zwang und Unterdrückung?

    Burka und Niqab trägt niemand freiwillig; das geschieht einzig unter Zwang, bekomme ich von besorgten Facebook-Kommentatoren und konservativen Feministinnen zu hören. Das sei Ausdruck eines mittelalterlichen Rollenverständnisses, in dem der Mann als Pater familias, ausgestattet mit absoluter häuslicher Gewalt, Frau und Kindern seinen Willen aufzwingt. Und das Totschlagargument contra Niqab schlechthin: Im Iran demonstrieren die Frauen unter Todesgefahr dafür, die Verschleierung abzuschaffen. Was will man darauf noch groß erwidern? Außer vielleicht: im Reich der Mullahs ist der Tschador per Gesetz vorgeschrieben, bei uns hingegen nicht. Im Abendland hindert niemand die Trägerin daran, sich sofort dieses Utensils zu entledigen. „Doch, der Ehemann tut es!“, rufen Sie mir zu? Mag stimmen, mag auch nicht stimmen. So ganz genau weiß es keiner, weil ja nur ein winziger Bruchteil von uns Biodeutschen jenseits des 65-Zoll-Monitors im eigenen Wohnzimmer schon mal eine komplett vermummte Frau gesehen oder sich gar mit ihr unterhalten hat. Unser Wissen über diesen Menschenschlag speist sich aus RTL2, der BILD-Zeitung und Socialmedia-Shitstorms. Würde man mit einer dieser Damen ins Gespräch kommen – mir passiert das manchmal, weil sie, wie weiter oben schon gesagt, in meiner Nachbarschaft wohnen – erführe man Erstaunliches; nämlich, dass sie den Niqab aus freiem Antrieb, mit Stolz und dem Gefühl, endlich frei zu sein, aufsetzen. Ob sich dieses Gefühl der Freiheit mit meinem oder dem meiner weiblichen Verwandten und Bekannten deckt, steht auf einem anderen Blatt, tut hier aber nichts zur Sache. Ich kannte mal einen, der verließ jahrelang seine Wohnung nicht, weil er sich innerhalb seiner eigenen vier Wände sicherer und freier (!) fühlte. Das Adjektiv „frei“ ist schwer greifbar und bedeutet für jeden von uns was anderes.

    Und dass manche Frauen von ihren Männern unterdrückt werden, stellt nun wahrlich kein auf die muslimische Community eingegrenztes Phänomen dar. Was ist mit der Nachbarin, die immer montags, egal ob die Sonne scheint oder es aus Kübeln regnet, eine große Sonnenbrille trägt, damit man das Veilchen, das ihr Verlobter ihr am Wochenende mal wieder verpasste, nicht sieht? Was ist mit der Kollegin, die wie von wilden Furien gehetzt, jeden Tag um Punkt 16.59 das Büro fluchtartig verlässt, damit für ihren Partner, der um halb sieben nach Hause kommt, das Abendessen pünktlich auf dem Tisch steht? Was ist mit der Bekannten, die sich im Beisein ihres Manns nicht traut, an einer politischen Diskussion teilzunehmen, weil „der Heinz meint, ich habe davon keine Ahnung und soll kein dummes Zeug reden“? Auch wenn unsere abendländische Gesellschaft sich nach außen hin gerne mit dem Odium der kompletten Gleichberechtigung umgibt, so sind uns subtile bis hin zu weniger subtile Unterdrückungsmechanismen doch nicht ganz fremd. Immer erstmal vor der eigenen Tür kehren, bevor man andere Religionsgemeinschaften unter Generalverdacht stellt.

    Grundgesetz schützt auch religiös motivierte Kleidung

    Wenn wir aus ganz praktischen Erwägungen heraus – z.B. ein Lehrer möchte seiner Schülerin ins offene Gesicht blicken können. Oder ein Professor will sicherstellen, dass tatsächlich Jaqueline, und nicht ihre Freundin Yvonne, die Klausur schreibt – fordern, dass Komplettvermummung innerhalb öffentlicher Gebäude nichts zu suchen hat, so müssen wir unsere existierenden Gesetze (z.B. Schule und Hochschule) entsprechend ergänzen.

    So lange ein entsprechender Paragraf nicht existiert, kommen wir nicht umhin, Burka & Niqab als Kleidungsverwirrung – ähnlich wie Jack-Wolfskin-Jacken und weiße Socken in Sandalen – zu dulden. Ob die Teile uns ästhetisch behagen oder nicht, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Und dabei hoffen, dass manche Konvertitin sich ihres schweißtreibenden Outfits irgendwann aus freien Stücken entledigt. Ob das nun toleranzbesoffen ist, wie einige mir entgegenhalten, juckt mich nicht. Artikel 4 Grundgesetz schützt nämlich auch die Vollverschleierung, falls diese religiös motiviert ist. Das reicht mir, um ohne Abendland-untergeh-Fantasien neben Jaqueline am Kühlregal nach Joghurts (ich bevorzuge Rhabarber. Findet man aber leider selten) suchen zu können.
    ……………

    * Wir bezeichnen die Kombi Abaya & Niqab fälschlicherweise zumeist als Burka (= EIN Kleidungsstück). Da sich aber der Ausdruck „Burka“ mittlerweile für die Vollverschleierung eingebürgert hat, habe ich ihn der Einfachheit halber in dieser Kolumne beibehalten.