Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Die Socken stopfende Oma

    Die Socken stopfende Oma

    Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorad, Motorad, Motorad.
    Das sind tausend Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ne alte Umweltsau,

    beginnt ein umgetextetes Liedchen, das vom WDR-Kinderchor in der Weihnachtszeit geträllert wurde und am 27sten Dezember viral ging. Kurz danach brach ein Shit-Tsunami der Orkanstärke 11,7 los, gegen den selbst die Empörung bei der Veröffentlichung des Ibiza-Oligarchentochter-Videos wie ein laues Frühjahrslüftchen wirkte.

    Meine Oma sagt, Motoradfahren ist voll cool, echt voll cool, echt voll cool.
    Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    Unklarheit, welche Generation genau gemeint ist

    Eine ganze Generation (welche eigentlich genau?) würde zu Unrecht verunglimpft, die Klimaaktivisten trieben einen Keil zwischen die Jungen und die Alten, die ökologisch verwahrlosten Redakteure instrumentalisieren unschuldige Kinder für ihre panikschürende Armageddonagenda, der linke Staatsfunk treibt Schindluder mit unseren GEZ-Beiträgen und vieles Empörtes mehr bis hin zu Goebbels-Propaganda-Parallelen bekam man in Twitter, Facebook & Co. zigtausendfach zu lesen. Die besorgten Bürger gingen steil.

    Meine Oma fährt im SUV beim Arzt vor, beim Arzt vor, beim Arzt vor.
    Sie überfährt dabei zwei Opis mit Rollator, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „ICH bin keine Umweltsau!!“, schreibt eine entrüstete Großmutter, „ich trenne meinen Müll ordentlich und steige innerörtlich in die Straßenbahn“. Eine andere weiß zu berichten, „Ich fahre nur einmal im Jahr in Urlaub und dann am liebsten nach Österreich“, und eine dritte weist darauf hin, dass sie 3x Woche kein Fleisch isst, freiwillig. Dafür brauche es keinen grünen Rigorismus.

    Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett.
    Weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „Unsere Großmütter stopften die kaputten Socken selber“, ruft einer, „Mein Großvater holte die Milch noch in der Kanne im Tante-Emma-Laden an der Ecke“, ergänzt der Zweite. „Bei uns wurden alle fünf Kinder nacheinander im selben Badewannenwasser gebadet, und das Wasser im Anschluss verwendet, um die Blumen im Vorgarten zu gießen“, fügt ein Dritter hinzu. „Und all diese Menschen haben unser Land aus Ruinen wieder aufgebaut“, tippt zornbebend der Vierte.

    Meine Oma fliegt nicht mehr, sie ist geläutert, geläutert, geläutert. Stattdessen macht sie jetzt zehnmal im Jahr ne Kreuzfahrt, meine Oma ist doch keine Umweltsau.

    „INSTRUMENTALISIERUNG von Kindern durch den Staatsfunk!!“, schreit ein besonders lauter Schreihals. Na ja, denke ich, werden Kinder nicht ständig für Wahlkampfplakate, TV-Werbung und das Singen von Kirchenchorälen instrumentalisiert?

    Nun kann man sich wahrlich darüber unterhalten, ob die von einer Motorradbraut- in eine Umweltsau verwandelte Oma das Zeug zum Witz des Monats hat. Bereits das Original reißt mich nicht vom Hocker. Feinsinniger Humor geht anderes. Auch in der Rubrik Satire habe ich schon tiefschürfendere Beiträge gehört. Aber Umweltsau tatsächlich als Auslöser einer mittelschweren Staatskrise, in deren Verlauf der Intendant des inkriminierten Senders öffentlich Abbitte leisten und das Video aus der Mediathek entfernt werden muss? Wirklich?

    Missbrauch von Kindern?

    „MISSBRAUCH von Kindern!!“, hallt es trotzdem weiter durch die digitalen Furorräume. So schnell, wie sie entstanden ist, die Siebengebirgs-hohe Empörungswelle, will sie jetzt nicht wieder abebben. Da geht noch was. Wäre ja noch schöner, wenn die professionell orchestrierte Wutschnaubsaktion aufgrund der Vernichtung der Beweismittel jetzt sofort wieder abgeblasen wird. „Sie wollen es partout nicht verstehen“, schreibt nun einer in meine Richtung, „der Punkt ist die Instrumentalisierung unpolitischer Kinder durch eine parastaatliche, zur Neutralität verpflichtete Anstalt, die mit Pflichtbeiträgen üppig finanziert wird. Fällt bei Ihnen jetzt endlich der Groschen?“

    Stimmt nicht so ganz. Die verantwortlichen Redakteure und der Chorleiter weisen darauf hin, dass der Text vorab den Eltern zugesandt wurde, und die Teilnahme an der Aufnahme selbstverständlich freiwillig war. Eigentlich müsste deshalb eher mit den Eltern als mit den Redakteuren geschimpft werden. Aber egal, darum geht’s ja eh nicht. Es geht – völlig losgelöst von Kinderchor, Umweltsauen und Omas – darum, den ÖR-Sendern bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen einzuschenken. Das Gerede von der Neutralität, die jederzeit strikt einzuhalten sei, basiert nämlich auf einem Irrtum. Klingt zwar beim ersten Zuhören durchaus plausibel die Sache mit der strikten Neutralität, führt jedoch auf einen gefährlichen Holzweg. Denn – wie soll die in der Realität aussehen, die (strikte) Neutralität? Bekommen wir dann nur noch ein farblich exakt abgestimmtes Testbild zu sehen, sobald wir ARD, ZDF und die Dritten einschalten? Oder muss bei jedem kritischen Beitrag sofort im Anschluss eine Gegenmeinung veröffentlicht werden? Als ob Sender und speziell die Magazine, die sie ausstrahlen, nicht immer irgendeiner politischen Agenda folgen. Wobei sich die politischen Ausrichtungen egalisieren, wenn montags ein linkes, dienstags ein rechtes und am Mittwoch ein liberales Magazin über die Mattscheibe flimmert. Am Donnerstag Fußball und dann ist schon wieder Wochenende und höchste Zeit für Quizformate und Helene Fischer, bevor am Sonntag der Weltspiegel erneut unsere Augen auf die Politik richtet. Nennt sich in der Gesamtheit AUSGEWOGEN. Das ist aber nicht dasselbe wie (strikt) neutral. Wer sich strikt neutral verhält, hat auch kein Problem mit Faschisten und deren verbalen Ergüssen, weil ja knapp 15% der wahlberechtigten Bürger dahinter stehen und deshalb Meinungsfreiheit ebenfalls für Latrinenparolen gelten muss.

    Die Mär von der strikten Neutralität

    Strikte Neutralität ist die öffentlich-rechtliche Cousine der gutbürgerlichen Äquidistanz, die bei einem Synagogenanschlag sagt: „Ja, das ist schlimm. Aber nicht minder schlimm sind die linken Autonomen, die am ersten Mai Farbbeutel auf Juweliergeschäfte schmeißen und Müllcontainer anzünden“. Und ganz besonders schlimm sind linke Sender, die Kinder für Lieder missbrauchen. Und das mit den uns vom Mund abgesparten Zwangsabgaben. 17,50 Euro im Monat = zweieinhalb Packungen Marlboro weniger oder drei Pullen Discount-Cognac beim Aldi. Ein Verzicht, der Monat für Monat schmerzt. Besonders diejenigen, die zwar nicht beim Discounter einkaufen, die aber generell keine Lust auf den kritischen ör-Rundfunk haben. Diejenigen, denen das von RTL u. Pro 7 gebotene Programm völlig ausreicht, und die Dieter Nuhr & Mario Barth für die Krönung der Satire halten.

    Arme Kinder, die von grundbösen (linken) Redakteuren instrumentalisiert wurden, um deren (also die der Redakteure und des WDR) links-grün-versiffte Propaganda zu verbreiten. Da schnüren sich sofort die besorgten Elternherzen zu. „Ich will nicht, dass mein Kind für falsche Klimalehren missbraucht wird“, seufzt Mama Kathrin aus Castrop-Rauxel. „Und ich handelte schon ökologisch korrekt, als die Ökos noch gar nicht erfunden waren“, springt Omi Susanne ihrer den Tränen nahen Tochter bei, zündet sich ne Kippe an, klettert in ihren Skoda und knattert, schwarze Dieselwolken aus dem Auspuff ausstoßend, zum Supermarkt davon, wo es heute argentinisches Rind im Sonderangebot gibt.

    Der Intendant entschuldigt sich mehrmals und von Herzen, der Ministerpräsident fand’s auch völlig daneben, der Sender zieht das Video zurück, empörte Wutbürger protestieren tags darauf am Appellhofplatz. Dort, wo sonst der Spatz seine kindgerechten Botschaften formulierte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Was, um Himmelswillen, geschieht hier gerade? Bestimmen jetzt Twitter & Co. darüber, welches Video aufbewahrt werden darf und welches nicht? Wurde irgendjemand persönlich beleidigt, ist die Sache eventuell justiziabel? Eine amorphe Riesenmenge Umweltsau-Omas – so what? Omas als zufällig gewählter Begriff, der jederzeit durch Opas, Babyboomer, 68er, Kolumnisten, Kölner ausgewechselt werden kann. DAS ist tatsächlich ein Aufreger? Bzw. das soll eine Aktion gewesen sein, die drei Millimeter an einer Straftat vorbei schrammte? War es natürlich alles nicht. Es war ein mäßig witziges Liedchen. Zum Jahresend-Skandälchen hochgetrommelt von denjenigen, die:
    (a) den ör-Rundfunk sowieso abschaffen wollen
    (b) auf Klimawandel und die durch ihn verursachten Einschränkungen unseres Konsumverhaltens NULL Bock haben.

    Mal wieder den Öffentlich-Rechtlichen ordentlich einen einschenken

    Und weil die Rundfunk-Abschaffer selten ehrlich argumentieren – ehrlich wären bspw. die Sätze: „Mehr an Info & Entertainment, als es RTL u SAT 1 bieten, braucht kein Mensch. Alles andere ist Perlen vor die Säue werfen“ oder „Ich möchte keine Sender in Deutschland haben, die links von der FDP stehen“ – sitzen sie jeden Tag auf dem Sofa und warten darauf, dass irgendwo was ausgestrahlt wird, was ihrer konservativen Auffassung von Political Correctness widerspricht. Sobald dann ein kleines Umweltsau-Oma-Liedchen läuft, geraten sie binnen Sekunden in Wallung, der Puls schnellt auf 150 hoch, sie verabreden sich zum digitalen Waidmannsheil , die Jagd ist eröffnet, die Finger flitzen über zehntausende Tastaturen. Ende ist dann, wenn die Beute röchelt und die nächste Skandalsau am Horizont erscheint. Notfalls werden noch ein paar analoge Hooligans vor die Haustüren der Redakteure und die Eingangspforte des WDR ausgesandt, um dem berechtigen Volkszorn Nachdruck zu verleihen. Schuld hat sowieso der Sender, denn sowas bringt man nicht, und augenscheinlich haben sämtliche Kontrollinstanzen versagt. Konservative und neoliberale Brüder und Schwestern: Wir müssen DRINGEND (zum tausendsten Mal) über die Zwangsfinanzierung der linksgrünen Sendeanstalten reden!

    Und was geschieht? Der Intendant kriecht tatsächlich zu Kreuze. Mea culpa, Asche über unser WDR-Haupt, wir werden nie mehr was mit Kindern und Klima bringen, denn es könnte ja sein, dass sich wieder einige empören. Und Empörung ist nicht gut fürs Geschäft. Ab sofort Konzentration auf Fußball, Biathlon, Spielformate, hin und wieder ein Ratequiz und Talk Shows, zu denen sämtliche Parteien streng paritätisch eingeladen werden und der Moderator nur noch Fragen stellt, die den Teilnehmern vorher bekannt waren. Und die Tagesschau bloß aus alter Gewohnheit. Denn auch die ist aus dem Blickwinkel der Klimawandel-Verneiner viel zu ökolastig. Aber diese Bastion bekommt die konservativ-neoliberale Fraktion ebenfalls noch geschleift. Wenn man weiß, wie Empörungswelle funktioniert und auf der anderen Seite Schnell-Einknicker sitzen, kriegt man im Zeitablauf ne Menge kurz und klein gehauen.

    Meine Oma ist doch KEINE Umweltsau,

    endet übrigens das kleine Lied. Aber bis zur letzten Strophe hört sich das von den Dauerempörten sowieso keiner an.

    Kurzfazit zum Oma-Gate: Der WDR hat offensichtlich eher ein Intendanten- als ein Kinderchorproblem. Und die Ich-stopfe-meine-Socken-selbst-Omas sollten kurz nach Silvester wieder rauskommen aus der Schmollecke und ihre Enkel bei der korrekten Mülltrennung der gestern verschossenen Raketen beraten.
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    »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen«, sagt Toni, der begnadetste brotlose Dichter unserer Stadt, als ich ihm den Text zeige.
    »Stimmt«, antworte ich.

  • Jahresend-Kolumne

    Jahresend-Kolumne

    »Du bist eine gottverdammte Facebook-Hure«, sagt Toni, der begnadetste, brotlose Dichter unserer Stadt.
    »Stimmt«, sage ich.
    »Hast du mir was mitgebracht?«, fragt er.
    »Habe ich«, antworte ich und stelle ne Pulle Cognac zwischen uns auf den Tisch.
    »Oh, ein Remy!«, sagt er, »da hast du dich aber zur Abwechslung mal in Unkosten gestürzt.«
    »Nachträglich zu Weihnachten«, sage ich.
    »Du willst bestimmt was von mir, wenn du nen Remy springen lässt«, sagt Toni und schüttet sich ein halbes Wasserglas voll mit dem Zeug.
    »Ich brauch dringend ne Idee«, sage ich.
    »Du warst doch früher nicht so ideenlos, aber da warst du ja auch noch keine Facebook-Hure und hast hin und wieder mal ein halbwegs passables Gedicht geschrieben. Heute hingegen nur noch Posts. Dass du dich nicht selbst für das schämst, was du da im Minutentakt raushaust. Wenn’s wenigstens richtig schlecht wär und zur Spontan-Darmentleerung nützte. Aber nicht mal das ist es, sondern bloß ödes Mittelmaß. Und jetzt brauchst du ne Idee, denkst, der alte Toni sitzt auf nem Berg Ideen und dem kann ich billig mit ner Pulle Cognac einen Geistesblitz abkaufen.«
    »So in etwa«, sage ich.
    »Das kostet extra.«
    »Wie viel?«
    »Nen weiteren Remy und einen Moet zu Silvester. Kannst du dir das leisten?«
    »Schaffe ich«, sage ich.

    »Gut«, sagt Toni, »dann sind wir im Geschäft. Ich nenn dir zwei Top-Begriffe, und du machst was draus.«
    »Was für Top-Begriffe sollen das denn sein?«
    »Facebook und Thunberg.«
    »Facebook und Thunberg: mehr kommt von dir nicht?»
    »Ganz genau: Facebook und Thunberg. Mehr braucht man nicht, um das in drei Tagen ablaufende Jahr zu charakterisieren. Da müsste selbst ein mittelmäßig begabter Schreiber wie du ne Kolumne drüber schreiben können.«
    »Das sind teuer eingekaufte Begriffe«, seufze ich.
    »Jammer nicht rum. Tipp den Scheißtext und komm vorbei, wenn du damit fertig bist. Und vergiss bloß den Cognac und den Moet nicht.«

    2019 = Greta-Thunberg-Jahr

    Und nun sitze ich am Tag vor Silvester zu Hause und zermartere mir das Hirn, was es Sinnvolles über Facebook und zu Greta Thunberg zu schreiben gibt, was in den vergangenen Monaten nicht schon Minimum zwanzigtausend Mal veröffentlicht wurde. Lieber wär’s mir ehrlich gesagt gewesen, Toni hätte als Top-Begriff den FC genannt. Denn was gab es in 2019 schon Wichtigeres als den direkten Wiederaufstieg der Geißböcke? Und meine Hauptsorge für das kommende Jahr gilt dem Klassenerhalt der ewigen Fahrstuhlmannschaft. Vor dem Hintergrund der instabilen Viererkette und der Sturmspitzen mit chronischer Ladehemmung verblassen alle anderen Dinge; Facebook und Greta Thunberg mit eingeschlossen. Allerdings versteht außerhalb Kölns niemand meine panische Angst vor dem erneuten Abstieg, und selbst im Schatten der Domtürme ist nicht jeder eingefleischter FC-Fan seit Geburt. Es gibt sogar (zugezogene) Kölner, die es mit den Bayern oder Dortmundern halten oder sich überhaupt nicht für Fußball, sondern für Musicals, Stummfilme und Mittelalter-Flohmärkte interessieren. Deshalb ist es vielleicht doch vernünftig, wenn ich den FC bei meinem Jahresrückblick außen vor lasse und mich stattdessen auf Greta Thunberg konzentriere.

    Person des Jahres. Gekürt vom renommierten Time-Magazin. Und das bereits mit 16. Wow! Das waren Hitler und Stalin ebenfalls, schreibt ein Kommentator in Facebook. Mag sein, antwortete ich damals, aber Greta strebt nicht die Weltherrschaft an. Es ist keine Auszeichnung, sondern bloß eine Feststellung, fuhr der Kommentator fort; den Unterschied verstehen Sie doch hoffentlich? Keine Ahnung, ob ich den Unterschied zwischen Auszeichnung und Feststellung richtig verstehe. Viele würden sich auf jeden Fall ganz ausgezeichnet fühlen, wenn sie als Person des Jahres auf dem Time-Cover abgelichtet wären. So unter anderem Donald Trump, der sich bitterlich darüber beschwerte, dass dieser publizistische Sonnenplatz der jungen Schwedin und nicht ihm eingeräumt worden war. Anscheinend hat auch der US-Präsident den feinen Unterschied nicht verstanden, womit er und ich mal einen seltenen Berührungspunkt aufweisen. Wobei, eine weitere wichtige Gemeinsamkeit des Greatest POTUS of all time und mir liegt in Geschlecht und sexueller Orientierung: wir sind beide alte, weiße, der Mehrheitsgesellschaft angehörende Hetero-Männer. Das war’s dann aber mit den Entsprechungen. Nur nicht übertreiben bei den Schnittmengen.

    Alte Männer = politisch überrepräsentiert

    Wenn man die politische Weltkarte mit einem Aufklärungssatelliten überfliegt, stellt man schnell fest, dass der Globus zu 95 Prozent von Männern regiert wird. Nicht alle weiß, nicht alle hetero, aber viele alt, ne Menge übergewichtig und in der Regel aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft entsprungen. Und wie die meisten alten Männer – ja ja, mich eingeschlossen – dazu tendierend, von sich, ihrer Klug- und Weisheit über alle Maßen überzeugt zu sein. Es wimmelt von Alte-Männer-Kotzbrocken, Alte-Männer-Irrlichtern, Alte-Männer-Diktatoren, Alte-Männer-Kriegstreibern, Alte-Männer-Fake-News-Verbreitern, Alte-Männer-Intriganten, alten Männern, die mit entblößtem Oberkörper auf Pferden sitzen und alten Männern, die am liebsten mit jungen Referentinnen ins Bett steigen, obwohl ihre Potenz gerade mal für ne 5-Minuten-Nummer ausreicht. Hin und wieder trifft man tatsächlich einen alten Mann, der trotz seiner XY-first-Rhetorik witzig und halbwegs sympathisch rüberkommt. Der ständig zerzauste Boris Johnson fällt in diese Kategorie. Aber unterm Strich gehören die meisten der Alten-Männer-Regierungschefs doch der altbackenen Sorte Jetzt-komm-ich-und-basta an.

    Stellt sich die grundlegende Frage: Würden wir besser regiert werden, wenn (junge) Frauen an den Schalthebeln der Macht säßen? Schnelle Antwort: Ja, würden wir. Und zwar aus simplen, in Biologie und Sozialisation verwurzelten Gründen heraus: Frauen neigen weniger zur Klugscheißerei, haben kein Problem damit, einen gemachten Fehler einzugestehen und zu korrigieren, umgeben sich mit intelligenten Beratern, sind empathischer unterwegs als ihre männlichen Kollegen, benötigen keine Muskel- und Schwanzvergleichspiele, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich kann Ihnen ein Dutzend Gegenbeispiele aufzählen, schreien Sie sofort los? Natürlich können Sie das, aber es sind halt bloß ein Dutzend, während es bei den alten Männern hunderte sind, die täglich an den Balken sägen, die unsere Welt zusammenhalten. Angela Merkel hat es in den vergangenen 14 Jahren nicht schlecht – auf jeden Fall leiser und weniger divenhaft als ihre Vorgänger – angestellt, Hillary Clinton würde den Job besser als Trump machen, die österreichische Übergangskanzlerin biegt ruhig und ohne begleitendes Publicity-Tamtam das gerade, was die männerdominierte ÖVP-FPÖ-Koalition in der kurzen Zeit ihres Bestehens verbockt hatte. In Skandinavien werden vier (aus fünf) Regierungen solide und geräuscharm von Frauen geführt. Müsste ich mich zwischen der taktvollen und menschenfreundlichen Neuseeländerin Ardern und dem Klimawandel-leugnenden, auf Hawaii urlaubenden, während sein Land in Flammen steht, Australier Morrison entscheiden, fiele mir die Wahl leicht. Nicht auszumalen, falls im Nahen Osten, wo sich seit Jahrzehnten alle Spinnefeind sind und beim kleinsten Anlass an die Gurgel fahren, kompromissbereite Frauen die Ruder in die Hand nähmen. Das würde die Region ganz sicher dem Frieden näherbringen als die ständigen Provokationen, Drohungen und Kleinkriegvorbereitungen, die in den männlichen Regierungspalästen in Teheran, Riad, Damaskus und Jerusalem ausgeheckt werden.

    20er Jahre = mehr Frauen an die Macht!

    Wenn Greta Thunberg mich eins gelehrt hat, dann dass weibliche Beharrlichkeit bei gleichzeitigem Sich-selbst-als-Person-zurücknehmen eine wichtige Sache weiter voranbringen als männliches Gepolter. Hätte anfangs ein Lars Frederikson (Name völlig frei erfunden) vor den Stufen des schwedischen Parlaments gesessen und hätte schlaue Interviews gegeben – die Fridays-for-future-Bewegung wäre nie über Malmö und den Öresund hinausgelangt. Ich bewundere Ruhe und Gelassenheit dieser jungen Frau, die sich selbst durch wüsteste Beschimpfungen und hektoliterweise über sie gekübelte Häme nicht aus dem Konzept bringen lässt. Die von ihr initiierten Umweltdemonstrationen sind ein Meilenstein auf dem Weg, die sich anbahnende Katastrophe ins Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Und selbst, wenn FfF sich eines Tages totlaufen sollte oder in ein RTL-Heidi-Klum-Format mutiert, wird Greta Thunberg doch für immer in den Geschichtsbüchern stehen als diejenige, die es rechtzeitig gepredigt und ein Umdenken bewirkt hat. Und genau dafür hassen viele Alte-Männer-Narzissten die Schwedin. Was wird später Gutes über Trump, Johnson, Putin, Erdogan und wie die alten Machos sonst noch alle heißen mögen, im Geschichtsunterricht gelehrt werden? Gar nichts. Eine Ansammlung von Herrschern, die außer dem unbedingten Willen zur Macht und der Ansicht, dass ihre Staaten Selbstbedienungsläden seien, Nullkommanull auf der Habenseite vorzuweisen haben. Von zukunftsorientierten Visionen ganz zu schweigen. Wer Visionen hat, muss dringend zum Arzt, sagen Sie? Sie am besten gleich hinterher, antworte ich.

    Facebook = Tittenphobie und Nonchalance bei Häme & Hass

    Von daher ist es richtig, wenn mein Kumpel Toni meint, dass Greta Thunberg der Top Act des in 24 Stunden zu Ende gehenden Jahres war. Da kann der FC nicht mitstinken und die weiter oben aufgezählten Herren schon gar nicht. Und Facebook, was ist mit Facebook, das hatte Toni auch genannt, fragen Sie? Ach, was soll mit Facebook sein? Es ist Jahr für Jahr dieselbe stinkende Kloake, über die wir die Nase rümpfen, um uns trotzdem jeden Morgen aufs Neue in die morastigen Fluten hineinzustürzen. Ein unbarmherziger Moloch, der Tittenbilder und Anti-Nazi-Kommentare frisst, Hetze und Häme hingegen nahezu sanktionslos durchgehen lässt, uns mit Katzen- und Hundebildern eine heile Kitschwelt vorgaukelt und uns hintenrum intensiver ausspioniert als NSA, die CIA, der FSB und MI6 gemeinsam es zustande brächten. Eine Plattform, die Arschlöcher anzieht wie ein frisch ausgeschiedener Haufen Kuhscheiße die Schmeißfliegen. Aber ebenfalls ein Forum, in dem man mitunter Gleichgesinnte und nette Leute trifft und hin und wieder Spaß haben kann. Alles das war Facebook in 2019 und wird es auch nicht anders in 2020 sein. Wer Facebook ein paar Jahre überlebt, ohne Schaden an Geist und Seele zu nehmen, dem muss vor nichts mehr bange sein, sagt der Volksmund. Ich überlebe Facebook seit nunmehr zehn Jahren. Ob ohne bleibende Schäden an Geist und Seele – darüber sind meine Psychologin und ich geteilter Meinung.

    Das war mein Alter-weißer-Mann-Lamento zum 2019-Finale. Für das in ein paar Stunden startende Neue Jahr wünsche ich mir, dass Greta Thunberg ruhig und besonnen bleibt, die FfF-Jugend weiter auf die Straße geht und mehr Frauen an die Macht (das vor allem). Bei Facebook wäre ich schon zufrieden, wenn die Nippel- und Tittenphobie auf ein vernünftiges Maß reduziert wird, und die Admins (so es die denn überhaupt gibt) schneller und strikter bei Verstößen gegen die Political Correctness einschreiten. Nicht jeder hingerotzte Hasskommentar verdient es, zur Meinungsfreiheit geadelt zu werden. Und (ganz wichtig) möge der FC die Liga halten!!

    2020 = auf ein Wiedersehen mit uns Kolumnisten

    Ihnen als Lesern wünsche ich Erfolg, Glück und Gesundheit und bedanke mich dafür, dass Sie so geduldig mit uns Kolumnisten – speziell mit mir – waren und hoffe, dass wir uns in 2020 wieder an den bekannten Distributionsstellen begegnen.

    Und nun wird es Zeit, den Remy und den Schampus für Toni, den begnadetsten, brotlosen Künstler der Stadt, zu besorgen, damit der mit sich und seinen drei kastrierten Katern Silvester feiern kann. Ob Toni böllert, wollen Sie noch wissen? Nein, tut er nicht.

  • 12 Euro Mindestlohn: Gebot der Stunde oder Jobkiller?

    12 Euro Mindestlohn: Gebot der Stunde oder Jobkiller?

    Das von der Basis frisch gekürte SPD-Spitzenduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans forderte im innerparteilichen Wahlkampf eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns (ML) auf 12 Euro/ Stunde.

    In einem Facebook-Thread, den ich mit der Überschrift …

    Mindestlohn 12€ finde ich gut. Befreit von staatlicher Stütze und kurbelt die Nachfrage an

    … gestartet hatte, oszillierten die Reaktionen von:

    Wissenschaftler haben errechnet, dass 12.98 Euro notwendig sind, um Altersarmut zu verhindern.

    über:

    Ist immer eine Frage des Standpunktes. Die bei mir angestellten Architekten bekommen sicher viel mehr, aber Werkstudenten kann ich mir dann nicht mehr leisten.
    &
    12 Euro liegen deutlich über dem, was in meiner Branche für angestellte Trainer üblich ist.

    bis hin zu:

    Ist Lohn ein Sozialhilfe-Instrument oder die Vergütung für Arbeit?
    &
    Eine betriebsbedingte Entlassung ist die Alternative und kein adäquates Instrument Altersarmut zu verhindern, finde ich.

    Von Anfang an stark umstritten

    Nun war das im Vorfeld des Beschlusses über die  Einführung des MLs im Sommer 2014 (Gesetz trat am 1. Januar 2015 in Kraft) nicht viel anders gewesen, Geschrei und Kassandrarufe erreichten schon damals schwindelerregende Ausmaße. Das Abwandern kompletter Wirtschaftszweige ins benachbarte Ausland wurde prognostiziert, ein dramatischer Niedergang des heimischen Gewerbes herbeiorakelt. Und passiert ist im Nachgang herzlich wenig. Also passiert auf der negativen Seite. Weder kam es zu Massenentlassungen, noch starben Branchen den Kostenexplosion-Sekundentod. Ganz im Gegenteil: der Konjunkturmotor brummt. Die aktuell 9.19€ ML helfen den Niedriglöhnern, besser über die Runden zu kommen und stärken die Binnennachfrage, da das mehr verdiente Geld zum überwiegenden Teil in den Konsum fließt.

    So weit, so gut. Trotzdem müssen Fragen erlaubt sein:
    (a)   Wie viel ML verträgt die Wirtschaft? Kann der problemlos jährlich immer weiter angehoben werden?
    (b)   Ist der ML für sämtliche Branchen praktikabel?
    (c)   Sollen alle Arbeitnehmer davon partizipieren? Was ist bspw. mit Praktikanten, Werkstudenten und Schüleraushilfen?

    Denn natürlich soll der Mindestlohn nicht dazu führen, dass Menschen, die nur eine temporäre Arbeit – z.B. in den Semesterferien –, suchen, in Zukunft aufgrund zu hoher Lohnkosten nicht mehr eingestellt werden. Wie ist der ML für Kleingewerbetreibende, die eine 20-Stunden-Aushilfe beschäftigen möchten, zu sehen? Ein flächendeckender, starrer ML kann durchaus einen negativen Beschäftigungseffekt bewirken. Es wäre blauäugig, dies nicht wahrhaben zu wollen.

    Andererseits – wer vierzig Stunden pro Woche arbeitet, sollte NICHT:
    ■ sich abends bei McDonald’s an die Kasse setzen …
    ■ am Wochenende im Eroscenter die Warmmiete hinzuverdienen …
    ■ als Zweitberuf Banken ausrauben oder Millionärsgattinnen entführen …
    ■ im Jobcenter aufstocken …
    … müssen.

    Schon Roosevelt lehnte Magerlöhne ab

    Der frisch gewählte US-Präsident Franklin D. Roosevelt formulierte seine Abneigung gegen Löhne, die nicht zum Leben ausreichen, im Sommer 1933 auf diese Weise:

    Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu betreiben. (…) Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn meine ich mehr als das bloße Existenzminimum – ich meine Löhne, die ein anständiges Leben ermöglichen.

    9.19€/ Stunde bedeuten hochgerechnet auf den Monat ein Gehalt in der Größenordnung von rund 1600€ brutto. Davon kann, nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben, wahrlich niemand ein anständiges Leben, wie es Roosevelt vorschwebte, führen. Vermutlich reicht es noch nicht mal zum eigenen Mini-Apartment, sondern allenfalls zur möblierten Untermiete in einer Vorort-WG. Bei einer Anhebung auf 12€ resultierte daraus ein Monatssalär von immerhin etwas über 2000€. Schwer vorstellbar, dass es Branchen gibt, die das ihren Arbeitnehmern nicht ausbezahlen können. Und große Sprünge kann der Angestellte dann immer noch nicht machen. Weder teure Urlaubsreisen noch Eigenheim oder sorgenfreie Altersvorsorge sind damit möglich.

    Während die beiden oben genannten Sondertatbestände temporäre Beschäftigung (Praktikanten, Werkstudenten) und Kleingewerbe durchaus Ausnahmen nach unten rechtfertigen, greift der Vorwurf des Eingriffs in die Tarifautonomie nicht so richtig. Es steht den Tarifpartnern ja durchaus frei, höhere Standards zu vereinbaren. Bloß unter die 9.19 Euro dürfen sie bei ihrer Vereinbarung nicht gehen. In vielen Branchen wird deshalb mehr bezahlt als der gesetzliche Mindestlohn.

    Der Markt hilft den Niedriglöhnern auch nicht weiter

    Auch ist den Niedriglöhnern nicht mit den abgedroschenen Hinweisen auf ihre (angeblich) niedrige Qualifizierung und den Markt, der (auch hier: angeblich) alles regelt, geholfen. Zum einen trifft es nicht nur gering Qualifizierte, zum anderen müssen ebenfalls schlecht Ausgebildete, die fulltime malochen, ein Gehalt beziehen, das ihre Lebenshaltungskosten deckt. Wer will dem dauerarbeitslosen Romanisten mit gutem Gewissen sagen: „Hättest du vor dreißig Jahren mal besser nicht Italienisch und Französisch studiert, sondern was Anständiges gelernt“? Und als Tipp geben: „Lass dich von der Arbeitsagentur auf Programmierer umschulen. Die werden von der Wirtschaft händeringend gesucht. Oder bewirb dich als Aushilfskraft in nem Altersheim“? Die Weiterbildungskapazität von Menschen ist begrenzt. Aus einem arbeitslosen Bäcker lässt sich nicht so einfach ein IT-Experte machen. Ein Hartz4-LKW-Fahrer wird nicht über Nacht zum Krankenpfleger. Ein jobsuchender Deutschlehrer kann nicht bis zur Rente in einem Call Center telefonieren. Wer bei diesen menschlichen Dramen schulterzuckend auf deren nicht marktfähige Ausbildungsgänge verweist, drückt damit vor allem eins aus – nämlich dass ihm das Schicksal dieser Menschen gepflegt am Arsch vorbeigeht.

    BGE könnte eine Alternative sein

    Unterstellt, es gibt Branchen, die einen Lohn von 12 Euro nicht zahlen können, weil die höheren Personalkosten nicht auf die Verkaufspreise umwälzbar sind – dann böte sich eine weitere Variante der Kompensation an: Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das muss nicht sehr hoch bemessen sein. Man könnte mit 500 Euro/ Monat starten. BGE plus Entlohnung unter ML werden steuerfrei gestellt und mit einem reduzierten Beitragssatz zu den Sozialversicherungen belastet. Das wäre ein möglicher Weg, um Vollzeit-40 Stunden-Niedriglöhnern den entwürdigenden Gang zum Jobcenter zu ersparen, um dort nach Aufstockung zu betteln.

    Ein Gehalt, das zur Abdeckung der Lebenshaltungskosten ausreicht, dient so ganz nebenbei der Stärkung der Selbstwertschätzung des einzelnen Arbeitnehmers und nimmt damit Druck aus dem Kessel der täglich spürbarer werdenden Einkommensungleichheit und -ungerechtigkeit. Ein positiver, deeskalierender Effekt, der in einem Gemeinwesen nicht unterschätzt werden sollte.

    Von daher sind 12€ neuer Mindestlohn – von den oben genannten Ausnahmen abgesehen – sinnvoll und zu befürworten.

  • Keine Redefreiheit mehr für Konservative?

    Keine Redefreiheit mehr für Konservative?

    Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fühlt sich bemüßigt, zu mehr Debattenkultur aufzurufen und fordert einen offenen, respektvollen Streit, den wir uns in der Demokratie jederzeit zumuten müssen. Auslöser dieser präsidentiellen Ermahnung waren drei Vorfälle, die sich in den vergangenen Tagen zugetragen hatten: Die Störung der Wiederaufnahme des Vorlesungsbetriebs von AfD-Rückkehrer Lucke, die Absage einer Veranstaltung von FDP-Chef Lindner in den Räumen einer Universität sowie die Verhinderung einer Buchpräsentation von Ex-Innen- & -Verteidigungsminister de Maizière. Tatorte: 2x Universität Hamburg, 1x Altes Rathaus Göttingen.

    Meinungsfreiheit – streng genommen jeden Tag 1000x gefährdet

    »Sie haben vollkommen Recht, Herr Präsident«, möchte man im ersten Reflex antworten, »Ausgrenzung und Gewalt dürfen nie zu Mitteln der politischen Auseinandersetzung werden.« Aber noch während diese Sätze die Lippen überqueren, merkt man selbst bereits, wie rührselig-naiv das alles klingt. Denn das hohe Gut der freien Meinungsäußerung sieht sich tagtäglich mit zigtausend Angriffen konfrontiert. Ist ja nun nicht so, dass einzig die weiter oben genannten drei Herren Schwierigkeiten dabei haben, ihre Sicht der Dinge kundzutun. Versuchen Sie mal, als linker Redakteur bei der FAZ zu überleben – wenn Sie denn überhaupt eingestellt werden – oder als Unternehmer die Vorzüge der Tariffreiheit auf einem Gewerkschaftstag anzupreisen. Im ersten Fall werden Sie noch vor Ablauf der Probezeit gefeuert, im zweiten gnadenlos ausgebuht. Was ist mit Politikern – gleich welcher Couleur –, deren öffentliche Auftritte durch gellende Pfeifkonzerte gestört werden? Sind das alles keine Attacken auf die Meinungsfreiheit? »Sie vergleichen wie immer Spaghetti fatti a mano mit Dosenravioli, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Stimme ich Ihnen zu, denn natürlich steht es der FAZ frei, nur solche Journalisten anzuheuern, die sich problemlos ins politische Korsett des Blatts integrieren lassen. Aber genauso ist es das gute Recht der Universität Hamburg, auf ihre Hausordnung zu pochen und Veranstaltungen, die ausschließlich parteipolitischen Charakter tragen, also Null Mehrwert für Wissenschaft und Lehre erbringen, auf ihrem Campus abzulehnen. Mir ohnehin schleierhaft, weshalb man dafür nicht wie früher das Hinterzimmer einer in Uni-Nähe gelegenen Studentenkneipe gewählt hat, in dem die ständige Versorgung mit Bier gewährleistet ist, und man sich vielleicht sogar eine Zigarette anzünden darf. mMn ein weitaus stimmungsvolleres Ambiente für parteigeschwängerte Debatten als ein steriler Raum in einer Hochschule.

    Nachvollziehbarer Protest und dumme Aktionen

    Das heißt, die drei die Ermahnung unseres Staatsoberhaupts auslösenden Vorgänge sind unterschiedlich zu bewerten. Während es für Lindner zwar ärgerlich sein mag, ein paar hundert Meter weiter nach Harvestehude oder Altona auszuweichen, um dort seine Rede zu halten, liegt bei der Absage der Universitätsverwaltung jedoch auch bei strenger Betrachtung kein Angriff auf die freie Meinungsäußerung vor. Umso verstörender, dass der FDP-Chef aber genau dieses, ansonsten von der Rechten verwendete, Narrativ bedient: „Sind das hier die ‚wissenschaftlichen Vorträge‘, die die Uni #Hamburg im Unterschied zu meiner Diskussion genehmigen kann? Frau Senatorin @fegebanks, Sie sind gefordert! CL #Meinungsfreiheit“.

    Anders ist hingegen die verhinderte Buchpräsentation Lothar de Maizières in Göttingen einzusortieren. Falls es einem massiv sauer aufstößt, dass er als früherer Verteidigungsminister Waffenverkäufe an die Türkei (nach wie vor unser NATO-Partner) genehmigt hat, dann hätte man diese Einwände in der nach jeder Lesung stattfindenden Diskussion als kritische Fragen einstreuen können, anstatt die Veranstaltung komplett zu verunmöglichen. Gehört in die Kategorie „dreifach dumme Aktion“. Denn de Maizières Sicht der Dinge besteht weiterhin in Buchform, die Präsentation wird an einem anderen Tag an einem anderen Ort stattfinden, und die Aktivisten haben der Keine-Waffenexport-Sache einen Bärendienst erwiesen, weil solche Blockaden vom Publikum nicht geschätzt werden. Da die Meinungsfreiheit des Exministers nur für ein paar Stunden eingeschränkt wurde, wird Lothar de Maizière den Göttinger Abend schnell verschmerzen und abhaken.

    Wiederum abweichend verhält es sich mit dem Vorlesungsboykott von AfD-Erfinder Lucke. Hier kann ich den Hamburger AStA verstehen. Es ist für Studenten, so sie denn nicht reaktionären Burschenschaften angehören, schlichtweg eine Zumutung, dass dieser Professor nach seinem jahrelangen Ausflug auf die dunkle Seite der Macht, nun, nachdem er in der Welt der Politik gescheitert ist, still und leise an seine Alma Mater zurückkehrt, so tut, als wäre nie irgendwas von Bedeutung geschehen, als sei die Erweckung des Monsters die normalste Sache der Welt, schlimmstenfalls ein unbeabsichtigter Betriebsunfall der Geschichte und allen Ernstes erwartet, dass sich seine Zuhörer ebenfalls der gnädigen Amnäsie anheimgeben. Bei Professoren wie ihm wären in den 70er und 80er Jahren nicht nur Papierkügelchen verschossen worden, sondern es hätte tagelange wütende Demonstrationszüge im Universitätsviertel gegeben. Diesbezüglich geht es heute sehr viel friedlicher zu als in meiner Studentenzeit. Zumal Lucke ja auch nicht an seiner freien Meinungsäußerung gehindert wurde, denn eine Vorlesung dient einzig der Vermittlung von in Lehrbüchern nachschlagbarem Wissen. Papierkügelchen hagelte es früher übrigens schon, wenn der Dozent langweilig referierte. »Nun schwelgen Sie doch nicht ständig in längst vergangenen Zeiten, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Das sei ein untrügliches Zeichen dafür, dass man alt wird? »Stimmt auch wieder«, antworte ich. Sei’s, wie es sei – Lucke kann seine freie Meinung weiterhin in Talk Shows und in Interviews zum Besten geben, außer kleinen Tohuwabohus bei seinen ersten zwei Vorlesungen ist nichts Gravierendes geschehen.

    Demnächst eine Beschwerde-Hotline beim Bundespräsidenten?

    Womit ich jetzt zur abschließenden Frage dieser Kolumne gelange: Weshalb beschäftigt sich unser Präsident überhaupt mit solchen Kinkerlitzchen? Ist ja nun nicht so, dass nicht täglich schwerwiegendere Dinge, die sicher kommentierenswerter wären, passieren, als die hier geschilderten drei Vorgänge. Fällt das in die Rubrik: Wehret den Anfängen? Muss ab sofort jeder Pfiff, jeder Buhruf, wenn mir ein Vortrag partout nicht zusagt, unterbleiben? Müssen Talkrunden in Zukunft streng paritätisch besetzt werden, damit auch wirklich jede Position dort vertreten ist? Keine Zwischenrufe mehr im Parlament? Keine Gegendemos zu Demos? Keine Abstimmung mit den Füßen à la den Veranstaltungen von Herrn Lucke einfach fernbleiben, sodass er seine Anschauung demnächst vor leeren Rängen predigt? Was, wenn meine Frau mir androht, dass ich eine Woche im Gästezimmer schlafen muss, wenn ich nicht sofort ihre Auffassung teile oder der Chef mit den Entlassungspapieren winkt, weil ich eine Sache anders sehe als er? Kann man sich in solchen Fällen in Zukunft immer vertrauensvoll ans Bundespräsidialamt wenden, wird dort gar eine Freie-Meinungsäußerung-Hotline eingerichtet? »Ist nicht alles dasselbe«, wenden Sie ein? Ich gebe Ihnen erneut Recht, mache aber an dieser Stelle ein weiteres Mal darauf aufmerksam, dass nicht bei jedem Vorkommnis, bei dem der Betroffene laut ruft, »Meine Redefreiheit wird verhindert!«, es sich bei näherer Betrachtung auch tatsächlich um eine dauerhafte Unterdrückung von Meinung handelt. Alle drei hier genannten Herren sind derart medienpräsent, dass es wirklich schwierig ist, ihren Weltsichten zu entgehen, so man nicht TV und Zeitungen abbestellt und den Totalrückzug aus den sozialen Medien plant.

    Das war nun meine Meinung zur Phantomdebatte, dass man in unserem Land nicht mehr seine freie Meinung äußern darf.

  • Die Weltbewegerin

    Die Weltbewegerin

    Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

    Klimawandel? – echt langweilig!

    All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

    Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

    Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

    EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

    Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

    Fadenscheinige Kritik alter Männer

    Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

    Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

    Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

    Wow!

    Was war das nun?
    (a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
    oder
    (b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

    Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

    Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

    Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

  • Die maoistisch-leninistische Sportschau

    Die maoistisch-leninistische Sportschau

    Eigentlich wollte ich heute was zur Heldenreise der AfD schreiben, die sich täglich in den heroischen Kampf gegen Meinungsdiktatur und Mainstreammedien stürzt. Da kam mir gestern Abend jedoch eine kleine Diskussion in Facebook dazwischen, zu der es sich lohnt, ein paar Sätze zu verlieren, weshalb die Heldenreise aufgeschoben, aber nicht vergessen, wird.

    Die NZZ – neben der BILD das AfD-Versteherblatt Nr. 1 im mitteleuropäischen Sprachraum – berichtet unter dem Titel „ARD und ZDF haben laut Studie ein linkes Publikum“ über die Untersuchung eines britischen Meinungsforschungsinstituts, die belegen soll, dass die Zuschauer der deutschen öffentlich-rechtlichen Programme als politisch links einzustufen sind. Von linkes Publikum zu linkes Programmangebot ist es nur ein gedanklicher Katzensprung. Und so lauteten die Kommentare entsprechend:

    Außer dem Börsenbarometer ist alles rot

    Nicht ohne Grund schaue ich seit Jahren nur noch Netflix

    Tagesschau = Sozialismus pur

    ARD = Rotfunk

    ARD = Rotfunk, das wusste bereits mein Vater – Gott hab ihn selig –, der sich in den 80ern am liebsten über Klaus Bednarz‘ Monitor aufregte, den er sich aber trotzdem immer wieder ansah. Vielleicht einzig aus dem Grund heraus, sich darüber aufregen zu können. Manche Menschen brauchen dieses Gefühl so wie andere den Kick, bei Rot über eine sechsspurige Schnellstraße zu laufen. Wobei wir der Fairness halber dazu sagen müssen, dass damals links weiter links begann, während links seit dem Spätsommer 2015 unmittelbar links von Herrn Seehofer losgeht. Ein Herr Blüm würde heute im Stamokap-Flügel der SPD verortet, während er früher noch als Herz-Jesu-Sozialist durchging. ARD = Rotfunk ist also keine grundlegend neue Erkenntnis; jedoch das kreuzbrave ZDF ebenfalls links??? Weil manche Politiker in Interviews angeblich härter in die Mangel genommen werden als andere?


    An dieser Stelle eine kurze Zwischenbemerkung meinerseits: Die Demokratiefeinde, denen seit Jahren überproportional viel Raum in sämtlichen politischen Sendungen eingeräumt wird, werden dort nach wie vor mit Samthandschuhen angepackt. Ich wünsche mir oft, dass da mal ein Moderator richtig hart nachhakt, um manch menschenverachtende Aussage als das zu entlarven, was sie ist – nämlich demokratiefeindlich und menschenverachtend. Und den Rechten nicht ihre ständige Rumopferei durchgehen lässt. Aber das geschieht leider so gut wie nie. Ende dieser Zwischenbemerkung.

    Studie mit fragwürdiger Repräsentativität

    Zurück zur britischen Studie. Die stammt aus dem Reuters Institute der University of Oxford. Keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt. Ich kenne Reuters und ich war auch schon mal in Oxford und hab mir dort die altehrwürdige Hochschule von außen angeschaut. Die Kombination von beiden ist mir jedoch fremd. Klingt ein bisschen wie Monsanto-Fakultät an der TH Köln. Sei’s drum. Ich frage mich allerdings, wie man seriös die politischen Präferenzen von zig Millionen Zuschauern, die sich über mehrere Dutzend Formate verteilen, evaluieren möchte. Welche Stichprobe wurde gezogen? Wie groß ist die Stichprobe? Wie lauten die Kriterien, um in die Stichprobe aufgenommen zu werden? Hier Repräsentativität sicherzustellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Andersherum ausgedrückt: Hätten sich die Autoren auf die Analyse eines (in Ziffer dargestellt: 1) Politmagazins konzentriert – bspw. Panorama, plusminus, Frontal 21 –, hätte was statistisch Belastbares draus werden können; aber über alle Sendungen? Wer Bergdoktor und Traumschiff anschaut, ist linker als das Mock-the-week-Publikum der BBC? Wer sich Tatort und Donna Leon reinzieht, setzt sein Kreuz bei SPD, Grünen und der Linken? Wer soll solch einen hanebüchenen Quatsch denn glauben? Und sowas wird mir als ernstzunehmendes Studienergebnis verkauft?

    Weshalb interessieren sich Briten und Schweizer überhaupt dafür, wer in Deutschland abends welchen Kanal einschaltet? Bei den Schweizern kann ich es sogar verstehen. Das Land ist jenseits des Bankgeheimnisses derart langweilig, dass man sich notgedrungen täglich mit den Nachbarn beschäftigen muss, weil es sonst nichts zu schreiben gibt. Aber die Engländer? Die haben ja im Moment mehr als genug mit sich und dem Brexit um die Ohren, als dass man eine merkwürdige Studie zum Thema „Politische Präferenzen des deutschen ÖR-Publikums“ in Auftrag geben müsste. Die dann zu bahnbrechenden Resultaten wie diesem gelangt: „Eine Hälfte der Zuschauer [der BBC] verortet sich leicht links der Mitte, die andere leicht rechts davon, während sich das Publikum von ARD und ZDF fast vollständig in die linke Hälfte des politischen Koordinatensystems einordnet “. Wow! Was für eine [schwachsinnige] Erkenntnis.

    Altbekannte Lügengeschichte von den linken Medien

    Es ist dies natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die immer schon gewusst haben, dass wir von den öffentlich-rechtlichen Anstalten [links] zwangsindoktriniert werden, und die deshalb dem staatlichen Rotfunk die Geldzufuhr kappen wollen. Diese Forderung erschallt in schöner Regelmäßigkeit aus den Lagern von AfD und FDP. Den einen ist alles links von Gauland zu links, den anderen ist ebenfalls vieles zu links, sie stören sich aber v.a. am durch die Gebühren außer Kraft gesetzten Wettbewerbsprinzip. Vielleicht steckt auch bloß schnöder Geiz dahinter, weil man heute alles gratis auf den Monitor erhalten möchte. Nun kann man sich natürlich darüber unterhalten, ob 17,50 Euro pro Monat (entspricht zweieinhalb Schachteln Marlboro) eventuell zu hoch angesetzt sind für 24/7 Nachrichten, Politik, Sport und Entertainment, ob wirklich jede Vorabendserie und jede Klamauk-Show zum Bildungsauftrag der Öffentlichen dazugehört. Man kann ebenfalls darüber diskutieren, wie viel ein Intendant und ein Chefredakteur verdienen sollen, ob wir ständig mehr ör-Spartenprogramme benötigen, oder ob Erstes, Zweites und Drittes und ein bisschen ARTE nicht völlig ausreichen. Was ich persönlich allerdings auf gar keinen Fall haben möchte, ist der Wegfall der Öffentlichen bei gleichzeitiger Dauerberieselung durch RTL und Pro 7. Sollte das jemals geschehen, werde ich mich komplett in die (linke?) Scheinwelt von Amazon und Netflix zurückziehen.

    Die Lügengeschichte (Märchen klingt in diesem Zusammenhang zu nett) von der flächendeckenden sozialistischen Umerziehung durch unsere Medien wird auch durch die Veröffentlichung [absurder] Studien und ihrer Verbreitung durch AfD-Versteherpublikationen nicht wahrer. Ner Lüge kann man auf den Leim gehen, oder man tut es eben nicht. Wer glaubt, der Fernsehgarten sei ne linke Sendung, der glaubt auch daran, dass die erste Mondlandung in Studio 613 von MGM und nicht auf dem Mond stattfand und der berühmte Satz, „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“, aus der Feder eines (linken) Hollywoodautors stammt.

    Ich werde mir heute Abend übrigens die maoistisch-leninistische Sportschau – in der Hoffnung, dass es der FC gegen Gladbach nicht verkackt – ansehen und direkt im Anschluss die linksextreme Tagesschau. Und danach schwanke ich zwischen einem linken Tarantino-Streifen und einem ultralinken Tim-Burton-Film.

  • Die halluzinierte Meinungsdiktatur

    Die halluzinierte Meinungsdiktatur

    »Man darf nichts mehr sagen«, sagt Jupp.
    »Du hast sie nicht mehr alle«, sage ich.

    »Schreib bloß nicht wieder so viel«, meint sie.
    »Nur zwei, drei Seiten«, sage ich.
    »Maximal eine«, erwidert sie. »Mehr liest eh keiner.«

    Am vergangenen Sonntag wurde in Brandenburg und Sachsen gewählt. Dank der Prognosen, die seit Wochen bekannt waren, kam das Ergebnis dann zwar leicht schockartig, jedoch nicht überraschend. Ich vergleiche es mit einer Krebserkrankung, von der man schon länger ahnt, dass man sie in sich trägt und die, wenn man sich damit endlich zum Arzt traut, von diesem mit trauriger Miene bestätigt wird. Obwohl man wusste, dass es so kommt, ist man in dem Augenblick, in dem es definitiv feststeht, dann doch leicht frustriert, weil man insgeheim gehofft hatte, dass es anders ausgeht. Et es wie et es, sagen wir in Köln dazu. Gefolgt vom schulterzuckenden: Wat wells de maache?

    Es soll in dieser Kolumne nicht darum gehen, ob der Osten brauner tickt als der Westen. Und falls ja, woran das liegt. Darüber wurden schon tonnenweise kluge und weniger kluge Texte veröffentlicht. Mich beschäftigen in dieser Nachbetrachtung speziell zwei Fragestellungen, die mir im Zusammenhang mit dem ständigen Erstarken der Hellblauen von Relevanz zu sein scheinen.
    (A) Stimmt es, dass man heute nicht mehr offen das sagen darf, was man denkt?
    (B) Wie reagieren Politik und Medien auf das Phänomen?

    Deutschland eine Meinungsdiktatur?

    Keine Erzählung – von der angeblichen Gefahr der messermordenden Migranten abgesehen – wird so häufig und mit solcher Inbrunst von den AfD-Funktionären und ihren Followern auf allen Kanälen verbreitet wie die Behauptung, in Deutschland könne man nicht mehr frei das aussprechen, was einen wirklich beschäftigt; dürfen die wahren Probleme allenfalls flüsternd im engen Freundeskreis diskutiert werden. Ich reibe mir dann immer verdutzt die Augen bzw. säubere meine Ohren mit Q-tips, um auch bloß nichts von dem zu verpassen, was da an bisher streng Geheimgehaltenen gleich kommen wird. Und es kommt entweder nichts oder halt Altbekanntes. Dass nämlich Deutschland aufgrund der Migration kurz vor dem Kollaps steht. Ich blicke von meinem Balkon runter auf die Straße, in der viele Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation leben, und überlege, ob der Kollaps spätestens übermorgen droht oder ich ihn eventuell verschlafen habe. Danach gehe zurück ins Wohnzimmer und denke: Wat soll dä Kwatsch?

    Losgelöst vom nicht stattfindenden Kollaps fällt bei genauem Hinhören auf, dass die behauptete Unsagbarkeit weder die AfD-Funktionäre noch deren Fanbasis daran hindert, eigentlich Unsagbares trotzdem fröhlich jeden Tag zu sagen. Da werden munter Schießbefehle an der Grenze, Internierungen auf einsamen Inseln, Reduzierung der Willkommensleistungen auf Null, schnelle Abschiebungen in Bürgerkriegsregionen, Einstellung der Seenotrettung im Mittelmeer gefordert, wird Libyen als sicheres Herkunftsland gepriesen, der syrische Schlächter Assad als gütiger Landesvater hofiert, werden junge Nordafrikaner in toto zu stets gewaltbereiten Sozialschmarotzern deklariert, und bekommt natürlich täglich die Kanzlerin, die an der ganzen Misere die Schuld trägt, ihr Fett weg. Es wird also im Minuten-Stakkato gesagt, was man früher noch nicht mal denken wollte. Und es wird, so lange man niemanden persönlich beleidigt oder Nazi-Vokabular benutzt, auch völlig straffrei, mithin risikolos, gesagt. D.h. jeder kann beispielsweise einen Hochverratsprozess – selbst wenn er mit 95%iger Wahrscheinlichkeit nicht weiß, was dieser Begriff überhaupt beinhaltet – gegen Frau Merkel verlangen, ohne dass ihm für diesen Wahnsinn auch nur eine Anzeige ins Haus flattert. Das hätte der Chemnitzer AfD-Rentner vor 35 Jahren mal bei Honecker versuchen sollen. Im Gerechtigkeitskombinat Bautzen wäre ihm schnell klar geworden, welche Systeme tolerieren, dass man sagen darf, was man denkt – selbst wenn es hanebüchen ist –, und welche Regime allergisch auf freie Meinungsäußerung reagieren.

    Das Märchen, dass wir in der Bundesrepublik nicht sagen dürfen, wo uns der Schuh wirklich drückt, darf man den Hellblauen nicht durchgehen lassen. Wenn sie es mal wieder mit Leichenbittermiene vortragen – wie bspw. der AfD-Vertreter in der Berliner Runde am vergangenen Sonntagabend –, muss die Reaktion lauten: „WAS dürfen Sie nicht sagen?“ und nicht: „Oh doch, bei uns im ZDF dürfen Sie alles sagen“. Schon ist man in die Falle getappt, denn dies impliziert, dass die Menschen außerhalb des liberalen ZDF eventuell doch nicht alles sagen dürfen. So fasste es der Herr von der reaktionären Alternative ja auch sofort auf. Bei der Frage „WAS?“ wird man hingegen feststellen, dass außer Flüchtling-Nordafrika-Messerstecher-Gebrabbel nichts kommt. Denn zu anderen Themen wie Renten, Bildung, Pflege, Infrastrukturausbau, E-Mobilität hat diese Partei einfach nichts zu sagen, weil sie sich mit diesen Problemfeldern gar nicht ernsthaft beschäftigt. Okay, noch ein bisschen mit der Klimalüge, aber das war’s dann schon mit Inhalten.

    Mehr mit den Menschen reden

    Eine am Abend des ersten September von den interviewten Politikern häufig in den Mund genommene Satzschablone lautete: „Wir müssen in Zukunft mehr mit den Menschen reden“. Und ich dachte: Wtf! Das tut ihr doch hoffentlich schon seit Anbeginn der Republik. Kommunikation ist ein integraler Bestandteil eures Jobs. Warum geht ihr den Hellblauen auf den Leim, die frech behaupten, außer ihnen würde niemand mit den Leuten ins Gespräch kommen? Denn „Wir müssen in Zukunft mehr mit den Menschen reden“ impliziert ja genau das: Bisher wurde anscheinend zu wenig kommuniziert.

    Wenn man sich mit Politikern, die etwas abseits des medialen Rampenlichts stehen, unterhält, ergibt sich folgendes Bild: dreißig bis fünfzig (in den parlamentsfreien Wochen) Prozent ihrer Zeit verbringen sie damit, den Kontakt zu den Bürgern zu pflegen. Denn die sind ihre Wähler. Wer mit denen nicht im ständigen Austausch steht, ist bei der nächsten Wahl ratzfatz wieder weg vom Fenster. Jeder Abgeordnete betreibt ein Wahlkreisbüro, bietet regelmäßige Sprechstunden an, tingelt in seinem Wahlkreis von Oberzentrum A über Mittelzentrum F bis hin ins Mikrozentrum Z. Besucht Weinfeste, Firmeneröffnungen, Gewerkschaftsbüros, Betriebsratssitzungen und Jubilare in Altersheimen. Er tut das, weil es (a) ihn von Berufs wegen interessiert (b) für ihn überlebenswichtig ist. Die Erzählung von der abgehobenen Politikerkaste, die vor lauter Staatsbanketten und Auslandsreisen gar nicht mehr weiß, was an der Basis eigentlich Sache ist, gründet genauso auf einem Hirngespinst wie die Mär von der Meinungsdiktatur. Aber – und das ist in diesem Kontext das wichtige Aber – ein Abgeordneter muss nicht zwangsläufig das für richtig erachten oder gar als Antrag im Parlament einbringen, was ihm ein einzelner Bürger insinuieren möchte. Weshalb sollte bspw. ein grüner MdB die Forderung eines Görlitzer Mauer-Nostalgikers nach Stacheldraht und Tellerminen entlang der Neiße mit zurück nach Berlin nehmen, wenn er selbst die Sache völlig anders sieht? Oder ein Sozialdemokrat sich für den Wunsch einer patriotischen Rente erwärmen? Es geht also gar nicht darum, dass die da oben denen da unten nicht zuhören, sondern darum, dass die oben nicht alle das machen, was einige da unten wollen. Prinzip nennt sich Repräsentative Demokratie, ein Konstrukt, das völkisch Denkenden noch nie gefallen hat, weshalb es völlig egal ist, wie viel mit den Rechten geredet wird. So lange man nicht das tut, was sie (also: die Rechten) für dringend notwendig erachten, werden sie stets über die dekadente, den Volkswillen mit Füßen tretende, Hauptstadtpolitikerbande lamentieren. Daran würde auch ein Hochfahren der Bürgerkommunikation auf hundert Prozent Nullkommanichts ändern.

    Kein falsches Verständnis für Unsagbares zeigen

    Um zum Abschluss der Kolumne zu gelangen, denn es sind doch schon wieder drei Seiten geworden: Es wird höchste Zeit, der AfD auf den Feldern, wo sie Unsinn erzählt oder gar offensichtlich Lügenmärchen auftischt, mit harter Replik zu begegnen. Jemand, der sich in einer Meinungsdiktatur wähnt, soll entweder konkrete Beispiele benennen oder, falls es die nicht gibt, er sich aber weiterhin in einer Tyrannis eingesperrt fühlt, zum Psychiater geschickt werden. Jedoch sollten Politik und Medien nicht immer wieder Verständnis für Menschen äußern, die unfassbare Dinge sagen, die wir früher noch nicht mal denken wollten. Andernfalls besteht irgendwann die Gefahr, dass wir uns aufgrund von Phantomschmerzen eine Kopf-OP aufschwatzen lassen, an deren Ende wir dann hirnlos in einer richtigen Meinungsdiktatur aufwachen.

  • Die Sonnenmilchpenis-Smoothie-Kolumne

    Die Sonnenmilchpenis-Smoothie-Kolumne

    Ich möchte vorausschicken, dass ich kein Smoothie-Konsument bin. Der Generation der alten, weißen, schlecht gelaunten Cis-Männer angehörend, sind die einzigen Mischgetränke, die ich kenne, Whisky-Cola, Bloody Mary und Gin Tonic. Die trinke ich allerdings bereits seit zwanzig Jahren nicht mehr und alles andere bloß pur. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, Drinks, die auf Namen wie Apfelstrudel, Lemon Cheescake oder Triple yellow lauten, in mich reinzukippen. Dies vorangestellt, möchte ich nun mit der eigentlichen Kolumne beginnen.

    True Fruits: betriebswirtschaftliche Erfolgsstory

    Das kleine Bonner Unternehmen True Fruits ist, betriebswirtschaftlich betrachtet, eine Erfolgsstory. Gestartet 2006 als Start-up dreier Bonner Studenten, erwirtschaftet die Firma heute, gemäß eigener Angaben, mit 31 Mitarbeitern einen Jahresumsatz in Höhe von 40 Mio. Euro. Was in Bezug auf die Kennzahl Umsatz pro Mitarbeiter schon bemerkenswert ist. True Fruits setzte von Anfang an auf vegan (keine Stabilisatoren, Farbstoffe oder zugesetzten Zucker) und die Glasflasche, erhielt für deren Formgebung und Beschriftung einen Design Award. Der Vertrieb geschah anfangs über Clubs und Discotheken, dann entdeckte man die pürierten Säfte ebenfalls in den Kühlregalen der regionalen Tankstellen, und mittlerweile gehören die Nicht-Durstlöscher zum Standardrepertoire der LEH-Filialisten.

    Bei der Werbung wurde auf pfiffige Texte geachtet. Wie beispielsweise:

    Man hat Batman und diesen Smoothie noch nie zusammen in einem Raum gesehen

    Grünzeug trinken statt rauchen

    Die Farbe dieses Produkts ähnelt Einhornkotze

    Oralverzehr – schneller kommst du nicht zum Samengenuss

    Bis hierhin alles wunderbar und im grünen Bereich.

    2017: Provokationslevel wird hochgefahren

    Aus Beweggründen, die bisher nicht abschließend erforscht sind, entschied man sich vor zwei Jahren bei einer in Österreich laufenden Kampagne dazu, das Provokationslevel drastisch hochzufahren. Nunmehr gab’s Slogans wie diese:

    Schafft es selten über die Grenze

    Noch mehr Flaschen aus dem Ausland

    Unser Quotenschwarzer

    zu lesen. Bildlich dargestellt mittels einer mit großem rotem X durchgestrichenen schwarzen Flasche (welche Geschmackssorte sich dahinter verbirgt: keine Ahnung).

    Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: die einen jubelten, die anderen schäumten. Von rassistischen Motiven und Flüchtlingsbashing war die Rede. Wir lassen uns von euch den Mund nicht verbieten, kam von der entgegengesetzten Seite zurück. Und die Strategen der Unternehmenskommunikation setzten noch einen drauf, indem sie die Kritiker der Kampagne abwechselnd als Hater oder neunmalkluge Vorverurteiler titulierten.

    Kann man alles machen. Nur fragt man sich als Nicht-Smoothiekonsument: Warum solch einen vorhersehbaren Ärger produzieren? Ist ja jetzt nicht so, dass pfiffige Werbung einzig mittels Tabubruch bei gleichzeitiger Kundenbeschimpfung gelingt. Die zwei trivialen Antworten lauten: Aufmerksamkeit um jeden Preis erzeugen und (eventuell) den Umsatz steigern. Beides für Unternehmen legitim; aber trotzdem bleibt die Frage: Heiligt der Zweck jedes Mittel?

    Werbung, die Tabus bricht oder hart an der Grenzlinie vorbeischrammt, gab es natürlich schon vor True Fruits. Die älteren Leser dieses Textes erinnern sich vielleicht noch an die Anfang der 90er Jahre heiß diskutierten Motive Benettons, die einen ölverschmutzten Vogel oder ein blankes Gesäß mit dem Stempelaufdruck „HIV positiv“ zeigten. Diese Aktion wurde zwischenzeitlich untersagt, bis das Bundesverfassungsgericht in einem Grundsatzurteil zu Gunsten der Presse- und Meinungsfreiheit und damit pro Benetton entschied. Vermutlich stellten die erste Frau im Bikini auf einem Plakat oder die 1983 startende Anti-AIDS-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in der teils mit Schockbildern gearbeitet wurde, in den damaligen Jahrzehnten ebenfalls Tabubrüche dar. Allerdings mit dem gravierenden Unterschied zu True Fruits: Man bewarb die Produkte ganz AUGENSCHEINLICH PRO dargestellter (Rand-) Gruppe.

    Sonnenmilchpenis = Sexismus?

    Nachdem die Bonner aufgrund massiven Protests zum Aufreger „Noch mehr Flaschen aus dem Ausland“ werbeseitig zurückgerudert waren, herrschte ein paar Monate Ruhe an der Provokationsfront, bevor die Strategen der PR-Abteilung (in dieser Abteilung müssen wirklich richtige Strategen sitzen) den nächsten Coup für ihr aktuelles Produkt Sun creamy ausheckten:

    Sommer, wann feierst Du endlich Dein Cumback?

    Begleitet von einer nackten Frauenschulter, auf der ein mit Sonnenmilch gezeichneter ejakulierender Penis prangt.

    Darunter klein gedruckt: Achtung: Diese Werbung könnte von dummen Menschen missverstanden werden.

    Der Aufschrei in den sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Der Vorwurf lautet nun: fahrlässiges Spiel mit sexistischen Motiven.

    Der Generation alter, weißer, schlecht gelaunter Cis-Männer angehörend (ich wiederhole mich. Weiß ich), habe ich kein Problem mit leicht bekleideten Damen auf Pirelli-Kalendern, atombusigen Dirndl-Münchnerinnen, die mir lächelnd auf einem Plakat eine Maß Bier entgegenstrecken oder Frauen, die außer Strümpfen kein anderes Kleidungsstück am Körper tragen und so logischerweise für eine Strumpfmarke werben. Ich kann mir auch einen Pornofilm anschauen, ohne danach das Gefühl zu haben, dringend duschen zu müssen, um mich vom visuellen Schmutz zu befreien. Nackte Haut und erotische Motive schocken mich jetzt wirklich nicht. Ich bin auch ganz und gar nicht der Meinung, dass jede entblößte Frauenschulter auf einem Plakat gleich mit dem Stempel „Achtung: sexistisch!“ versehen werden muss. Trotzdem akzeptiere ich, dass sensiblere Naturen das anders sehen als ich. Soll heißen: Werbung kann mit erotischen Motiven hantieren, darf sich aber im Zeitalter der ständigen Triggerwarnungen nicht wundern, wenn es Gegenwind gibt.

    Unterirdisches Kommunikationsverhalten

    Und speziell mit dem Gegenwind scheint die Kommunikationsabteilung (also der Ort, an dem bei True Fruits die Strategen sitzen) ihre liebe Mühe zu haben. Hier ein paar Kostproben missratener Schadensbegrenzung:

    Leute malen nun mal mit Sonnencreme Penisse auf Rücken. Auf Männerrücken wie auch auf Frauenrücken. Na und?

    Liebe Freunde, liebe vermeintlich Diskriminierte, liebe Dumme,

    Wir sind diskriminierend gegenüber dummen Menschen, denn dumme Menschen schließt unsere Art der Kommunikation eindeutig aus.

    Klingt ähnlich meschugge wie die beleidigten Tweets des 45sten US-amerikanischen Präsidenten, sobald der sich mal wieder über Äußerungen der Demokraten oder von Menschenrechtlern ärgert.

    Zurück zur Ausgangsfrage: Weshalb tut man als Unternehmen so was? Mir fallen drei mögliche Antworten ein:

    (A)  Man geht insgeheim konform mit den fremdenfeindlichen und frauenverachtenden Parolen, kleidet die aber in witzige Slogans, um – falls der Sturm der Kritik Orkanstärke erreichen sollte – im Nachhinein sagen zu können: „War alles gar nicht so bitterernst gemeint. Wir sind bösartig missverstanden worden“ (ginge in Richtung Mausausrutscher)

    (B)  Die Strategen aus der Kommunikationsabteilung wollen Aufmerksamkeit auf Smoothie komm raus, völlig egal welcher Imageschaden damit angerichtet wird. Und wie trotzige Kinder (und trotzige US-Präsidenten) beharren sie darauf, weiter Tabubruch betreiben zu dürfen. Gemäß dem Motto: So lange es strafrechtlich nicht relevant ist, wissen wir selbst am besten, wie wir uns nach Außen darstellen und pfeifen deshalb auf die Kritik von pissnelkigen Kritikern

    (C)  Es ist genau andersherum: das Unternehmen möchte mittels provozierender Sprüche Botschaften contra Fremdenfeindlichkeit/ Rassismus und Sexismus senden. Sollte dies die Intention gewesen sein, ist sie von 90 Prozent der Konsumenten nicht verstanden worden. Bliebe zu fragen, ob nun die Adressaten zu blöde für Satire sind (so argumentieren die Strategen aus der PR-Abteilung), oder sich das Unternehmen schlichtweg bei den Tabubrüchen verzockt hat. Man kann sich ja auch auf den Standpunkt stellen, dass die Irritationen in der mangelhaften Formulierungskunst des Absenders begründet liegen. Speziell bei Werbung darf man nun keine an der Titanic geschulten Leser erwarten.

    Ich persönlich tendiere dazu, Antwort (B) für die mit dem höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad anzusehen: Ein PR-Spiel mit fremdenfeindlichen Motiven.  Und der Applaus kommt folgerichtig oft aus der rechten Ecke. Zynisch? Schnelle Antwort: JA!

    Eier aus Stahl oder doch eher pubertärer Trotz?

    Dazu passt auch der von True Fruits ausgeschriebene Award Eier aus Stahl. Zu verleihen an diejenigen, die ihr eigenes Ding durchziehen und sich nicht verbiegen lassen. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, lässt grüßen.

    Um zum Ende der Kolumne zu gelangen: Als alter, weißer Mann werde ich weiterhin keine pürierten Säfte kaufen. Falls ich es irgendwann doch mal tun sollte, dann sicher keinen von True Fruits. Obwohl ich als Bonner schon oft Produkte von Bonner Herstellern bevorzuge. Ich ärgere mich aber doch sehr über die Art und Weise, wie das Unternehmen mit seinen Kritikern umspringt:

    Wir leben in einer freien, fröhlichen Konsumwelt. Niemand zwingt euch, unseren Kram zu kaufen oder unseren Unterhaltungskanälen zu folgen … Namaste, ihr süßen Pissnelken.

    Das wirkt auf mich derart pubertätsbehaftet, dass ich inständig hoffe, dass sich jenseits der Kommunikationsabteilung Profis mit Einkauf, Produktion und Qualitätskontrolle beschäftigen. Nicht, dass da Mangos mit Papayas verwechselt werden. Und die Strategen dann auf die Kritik antworten: Ihr dummen Konsumenten. Das haben wir doch absichtlich getan, um euch klarzumachen, dass püriert alles gleich süß schmeckt. Und wenn euch unser Kram nicht passt, dann macht die Smoothies doch selbst.

    PS. Ganz am Schluss sei der guten Ordnung halber noch erwähnt: Es gibt eine Petition auf Change.org, in der zum Boykott der Bonner Smoothies aufgerufen wird. Stand 21. Aug., 15h: 40.000 Unterzeichner. Können sich die Profis aus Einkauf, Produktion und Qualitätskontrolle bei den Strategen aus der Kommunikationsabteilung für bedanken

  • Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Greta Thunberg seit gestern mal wieder in aller Munde. Dieses Mal, weil sie auf dem Cover der britischen Oktoberausgabe des Männer-Lifestyle-Magazins GQ prangen wird. Mit dem plakativem Titel: Game Changer of the year. Dort, wo es sonst um Fitnesstipps, Ernährungsberatung, Flirtverhalten zwischen den Geschlechtern und ähnlich wichtige Themen geht, können wir im Herbst ein mehrseitiges Interview mit der jungen schwedischen Umweltaktivistin abgedruckt lesen und erfahren, weshalb die Redaktion sie mit dem diesjährigen GQ-Award auszeichnet.

    Muss ein Verkünder mehr Experte sein als ein Experte?

    Die Anfeindungen im Netz ließen nicht lange auf sich warten. Von „Das geht gar nicht!!“ über „Hier zeigt sie ihr wahres Kommerzgesicht“ bis hin zu „Was soll ein Alien auf einem Modecover?“ und weiterem verbalem Unflat, bei dem ich mich weigere, den hier zu zitieren, war beinahe alles an Gemeinheiten, die Facebook & Co. ausspucken können, zu bestaunen.

    Auch ihr eigentlich wohlgesonnene Kommentatoren zeigten sich besorgt ob der täglichen medialen Omnipräsenz der Schwedin und fragen, wann die Belastbarkeitsgrenze erreicht ist. Ist es mittlerweile noch ihr eigenes Anliegen oder wird sie zunehmend mehr vor den Karren einer Kampagne, gesteuert von der Agentur „We don’t have time“, gespannt? Ohne Insider zu sein, fällt es schwer, das abschließend beurteilen zu können.

    Was aber ins Auge springt, ist der Umstand, wie viel Häme die junge Dame auf sich zieht, nur weil sie sich für etwas engagiert, von dem einige meinen, dass dessen Wandel ins Bedrohliche gar nicht existiert, sondern von böswilligen Wissenschaftlern im Verein mit noch bösartigeren Medien frei erfunden ist. Da wird sie mal fadenscheinig als geistig behindert (Asperger ist keine geistige Behinderung, sondern nur eine andere Wahrnehmung der Umwelt, häufig kombiniert mit außergewöhnlicher Begabung) und ausgenutzt von ihren geldgierigen und publicitygeilen Eltern bedauert, dann als naturwissenschaftlich Ahnungslose verunglimpft, als eine – weil sie sich im Hambacher Forst mit einer vermummten Aktivistin ablichten ließ – die die Grenze zum Extremismus überschritten hat in die äußerste linke Ecke gestellt oder gar zur Verführerin der ihretwegen jeden Freitag Schule schwänzenden deutschen Jugend hochstilisiert. Dass sie jetzt mit einem Segelboot den Atlantik überqueren wird, um nach New York zum UN-Klimagipfel zu gelangen, verlangt aus Sicht ihrer Gegner den Zusatz, dass dieses Boot mit einem Dieselhilfsmotor ausgestattet ist. Klar ist es das. Das sind nahezu alle größeren Segelyachten. Im übrigen gehören auch eine große Portion Mut und ein robuster Magen dazu, sich bei Windstärken vier bis acht 14 Tage lang einem übel schaukelnden Segelschiff anzuvertrauen. Das mal so am Rande erwähnt für die Fraktion der Greta-Disser.

    Natürlich kann eine 16-Jährige nicht über das meteorologische Grundlagenwissen eines 60-jährigen Naturwissenschaftlers verfügen. Manch Fachpolitiker wird mehr Ahnung vom Klima haben als Greta Thunberg. Das ändert aber alles nichts daran, dass die Schwedin seit gut einem Jahr ein bis dahin sträflich auf die lange Bank geschobenes Problem publikumswirksam und glaubwürdig besetzt. Sie ist das Gesicht einer Jugendbewegung, die zahlenmäßig täglich wächst und deren Forderungen nach einem ökologischen Systemwandel stündlich lauter werden. Das muss man nicht mögen. Man kann sich sogar auf den Standpunkt stellen, das sei alles maßlos übertrieben, es würde künstlich Hysterie verbreitet, bis hin zu der Behauptung: Wir Menschen haben Null Einfluss auf die Umwelt, weshalb es Zeitvergeudung ist, sich mit der Frage des drohenden Temperaturanstiegs überhaupt nur zu beschäftigen. Es gibt im Moment weitaus Drängenderes als den CO2-Gehalt der Atmosphäre, sagen manche. Und meinen damit Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge.

    Noch die reine Lehre oder schon Kommerz?

    Zurück zum Ausgangspunkt der Kolumne. Greta Thunberg als Covergirl auf Hochglanzmagazinen wie GQ und der Vogue. Ist das noch im erlaubten Rahmen für eine Ökoaktivistin, oder überschreitet sie damit die Grenzlinie zu Kommerz und Unglaubwürdigkeit?

    Lassen wir Eva Herzigova, in den 90er Jahren selbst in vielen Modezeitschriften abgelichtet, zu Wort kommen:

    Sie ist ein Supermodel, sie war auf dem Cover der Vogue. Sie verändert die Welt. Sie verkörpert das, was ein Supermodel heute haben muss. Das hat eben nicht mehr nur mit Ästhetik zu tun.

    Aus welchem Grund sollte eine Klimamissionarin nicht sämtliche sich anbietenden Kommunikationskanäle nutzen, um ihre Botschaft möglichst weit zu streuen? Was spricht inhaltlich grundlegend gegen Vogue und GQ? Darf sie Interviews nur in Ökopostillen auf fünf Mal recyceltem Papier geben? Muss sie vor jeder Äußerung vorher Experten zu Rate ziehen, die ihr dann die Sätze in den Mund legen, damit sie bloß nichts Unbedachtes sagt? Ist ihr verwehrt, den Hambacher Forst zu betreten, weil dort noch ein paar Hardcore-Aktivisten in Baumhäusern leben? Was passiert, wenn sie mal gedankenverloren ne Coke durch nen Plastikstrohhalm nuckelt oder im McDonald’s den Veggie Burger mit einem Big Mac verwechselt? Oder gar in Ermangelung anderer Transportmittel ein Flugzeug besteigt? Ist dann endlich aufgezeigt, wie verlogen dieser ganze Klimakram letztlich doch ist?

    Nein. Damit wäre nicht demonstriert, dass die Klimafrage unwichtig ist oder gar auf einem Lügengebäude gründet. Damit wäre einzig bewiesen, dass auch Superstars nur Menschen sind, denen hin und wieder Irrtümer passieren. Und Greta Thunberg werden Fehler unterlaufen. Fehler, auf die ihre Hater bloß warten, um dann im Anschluss sofort die mediale Vernichtungsmaschine anzuwerfen. Bleibt zu hoffen, dass sie über ein stabiles Nervenkostüm verfügt und sowohl familiär als auch im Freundeskreis Personen um sich geschart hat, die sie im Falle von heftigem Gegenwind emotional auffangen. Denn je erfolgreicher sie ihre Botschaft unter die Menschen bringt, desto stärker werden Druck und Verleumdungen zunehmen. Dafür steht für zahlreiche Wirtschaftsbosse und manche Staatenlenker einfach zu viel auf dem Spiel, als dass man gewillt wäre, die CO2-Pille ohne aggressive Gegenwehr zu schlucken. Wir befinden uns, was die Klimadiskussion – die ja auch ein Disput der Generationen ist – angeht, erst am Beginn der Auseinandersetzung. Die konträren Lager formieren sich zur Zeit, sind noch in der Findungsphase.

    Und ja – ich werde mir die beiden Vogue- und GQ-Ausgaben mit Greta Thunberg auf dem Titel besorgen. Warum auch nicht? Cover, Baby, … mehr Cover, Baby!

  • Vorschule für ALLE wäre mal ein Gedanke

    Vorschule für ALLE wäre mal ein Gedanke

    Der Unionsfraktionsvize im Bundestag, Carsten Linnemann (42) hat der Rheinischen Post (Düsseldorf) vorgestern ein Interview gegeben, in dem er sich u.a. zur Frage der Integration äußert, und das im Nachgang hohe Wellen in den sozialen Medien schlug.

    Interview löst hitzige Diskussion aus

    Hier die entsprechende Passage im vollen Wortlaut:

    RP: Wo muss sich die CDU profilieren?

    Linnemann: Ganz klar bei der Integration. Die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurt Bahnsteig, die Schwertattacke in Stuttgart – das alles wühlt die Menschen auf und befeuert die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten. Dem müssen wir jetzt vorbeugen. Nur ein Beispiel: Wenn wir in jeder Sonntagsrede erzählen, wie wichtig die Sprache für die Integration ist, dann müssen bei uns alle Alarmglocken schrillen, wenn bei Sprachtests in Duisburg über 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch können, und bei Vergleichstests in Berlin nahezu jeder dritte Grundschüler beim Lesen und Zuhören nicht einmal den Mindeststandard erreicht. Die Probleme werden immer größer, wir erleben neue Parallelgesellschaften in vielen Bereichen des Landes. Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt.

    RP: Was tun?

    Linnemann: Es reicht nicht nur, Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen durchzuführen, sondern es müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden. Das kostet Geld, aber fehlende Integration und unzureichende Bildung sind am Ende viel teurer.

    RP: Sie meinen, dass zu viel Zuwanderung die Qualität der Schulen hemmt?

    Linnemann: Diese Formulierung ist mir zu pauschal, zumal die Qualität der Schulen von vielen Faktoren abhängig ist. Aber wenn der Deutsche Philologenverband davor warnt, dass ein Migrationsanteil ab 30-40 Prozent häufig mit einer Absenkung des Leistungsniveaus einhergeht, dann sollten wir diese Zusammenhänge gerade in Zeiten verstärkter Zuwanderung aus anderen Kulturen nicht unter den Teppich kehren. Die oftmals so eilig hervorgeholte Rassismus-Keule nützt hier niemandem. Auch nicht den Kindern von Zuwanderern, die sich hier eine Zukunft aufbauen möchten.

    Es fällt folgendes auf:

    • Linnemann, studierter Wirtschaftswissenschaftler, der sich in der CDU schwerpunktmäßig mit Mittelstandspolitik beschäftigt, redet über ein Thema, von dem er vermutlich wenig bis keine Ahnung hat. Okay, von Schule und Deutsch haben wir alle ein bisschen Ahnung, aber ob das Bisschen ausreicht, um sich qualifiziert über die dringende Notwendigkeit von Vorschulunterricht auszulassen, wage ich zu bezweifeln.
    • Er stellt – ob bewusst oder unbewusst kann hier nicht beantwortet werden – einen Zusammenhang zwischen Gewaltverbrechen à la Frankfurter HBF, schiefgelaufener Integration und mangelhaften Sprachkenntnissen der Migrantenkinder her.
    • Wichtiger als die gelingende Sozialisierung scheint ihm der Aspekt des drohenden Absinkens des schulischen Leistungsniveaus zu sein, sobald der Anteil ausländischer Kinder in einer Klasse die kritische Schwelle von 30 Prozent übersteigt.

    Die Medien verkürzten seine obigen Aussagen zu: „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule nichts zu suchen“ oder gar: Linnemann fordert Grundschulverbot für Flüchtlingskinder.

    Wie es eben so passiert, wenn man solche Interviews gibt. Linnemann als Politprofi müsste eigentlich wissen, wie Schlagzeilen fabriziert werden, beschwert sich aber trotzdem, er sei massiv missverstanden worden. Wurde er das tatsächlich?

    Vorschule nur für einige?

    Natürlich hatte er kein generelles Grundschulverbot für nicht Deutsch sprechende Kinder gefordert, sondern „nur“ angeregt, diese ein, zwei Jahre später einzuschulen. Er hatte auch nicht explizit von ausländischen oder Migrantenkindern gesprochen. Aber welche Personen sollen mit der Formulierung „Kind, das kaum deutsch spricht und versteht“ sonst gemeint sein? Man muss nicht alles konkret beim Namen benennen, um bei der Zielgruppe, die man mit einer Aussage erreichen will, dennoch konkret verstanden zu werden.

    Was ist mit den Kindern, deren Eltern 24/7 RTL schauen, zu Hause auch so reden wie die F-Promis aus den Reality Shows und diesen limitierten Sprachschatz eins zu eins an ihren Nachwuchs weitergeben? Gilt für diese – vermutlich gar nicht so kleine Gruppe – ebenfalls das Linnemannsche Einschulungsverbot?

    Warum redet Linnemann nicht darüber, dass Kinder, egal ob mit biodeutschem oder ausländischem Hintergrund, korrektes Deutsch ohnehin oft erst in der Schule beigebracht bekommen? Weshalb erwähnt er nicht, dass Kinder Sprache am Schnellsten in von kompetentem Fachpersonal geführten Klassenverbänden erlernen? Wenn man schon Parallelgesellschaften beklagt – ist es dann sinnvoll, das Leben in dieser Parallelwelt durch Vorschulklassen einzig für Migrantenkinder künstlich nochmal um ein, zwei Jahre zu verlängern? Verbindliche Schulpflicht mit 6: soll die für Flüchtlingskinder ausgehebelt werden? Stellt fehlerfreies Deutsch überhaupt den einzigen Indikator dar, ob man schultauglich ist? Liegt es an den Flüchtlingen, dass die schulischen Leistungen in einigen Bundesländern Jahr für Jahr neue Tiefstände erreichen? Fragen über Fragen, auf die Linnemann mit keinem einzigen Wort eingeht. Oder weiß er das alles etwa überhaupt nicht und wollte bloß mal schnell was zum Thema „Deutsche Leitkultur“ raushauen?

    Vorschule für alle wäre ein Gedanke

    Diskutierenswert ist die Frage der einjährigen Vorschulpflicht nämlich durchaus. Jedoch ohne Herkunftseinschränkung für ALLE Kinder; obligatorisch im Jahr vor Eintritt in die Grundschule. Also in etwa beginnend mit Vollendung des 5ten Lebensjahres. Einerseits um den nicht für jeden einfachen Übergang vom Kindergartensandkasten zur harten Schulbank emotional abzufedern, andererseits um individuelle Defizite vor der Einschulung zu erkennen und weitestgehend zu eliminieren bzw. auf Normalstand zu bringen. Was beim einen die wacklige Sprache, kann beim anderen das mangelhafte Zahlenverständnis und beim Dritten das Fehlen von Musikalität sein. Hier ein Jahr vor Schulbeginn gezielt zu unterstützen, ist ganz sicher sinnvoll. Aber davon hat Herr Linnemann halt nicht gesprochen.

    So, wie es der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung formuliert hatte, geht es ihm nicht um das gezielte Fördern ALLER Kinder und die damit einhergehende spielerische Integration der Töchter und Söhne aus Migrantenfamilien, sondern vielmehr darum, ausländische Kinder von deutschen Grundschulen fernzuhalten, damit unser eigener Nachwuchs nicht in seiner Leistungsentfaltung gehindert wird. Als ob Kevin aus dem 24/7-RTL-Haushalt schneller das ABC versteht, wenn Omar aus Damaskus nicht neben ihm sitzt und Klein-Kevin beim Lernen stört.

    Ob das eine Form von Rassismus ist, fragen Sie mich? Nein, ist es nicht. Es handelt sich Gottseidank bloß um Ausgrenzung und Diskriminierung. Integration von Migranten ist eben immer nur lästig, und wird von konservativen Politikern so gut wie nie als Chance oder gar kulturelle Bereicherung begriffen. Schade!