Kategorie: Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle

  • Frankfurt HBF, Montagmorgen

    Frankfurt HBF, Montagmorgen

    Am vergangenen Montag gegen 10 Uhr morgens ereignete sich auf Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs ein grauenvolles Verbrechen: Ein 40jähriger Mann eritreischer Herkunft stieß eine Mutter und deren acht Jahre alten Sohn, sich ihnen heimtückisch von hinten nähernd, von der Bahnsteigkante vor einen einfahrenden Zug. Während sich die Frau in letzter Sekunde durch seitliches Wegrollen retten konnte, gelang dies dem Kind nicht. Es wurde von der Lokomotive erfasst und zermalmt. Nachdem der Täter, nun allerdings erfolglos, versucht hatte, eine dritte Person ins Gleisbett zu schubsen, floh er, wurde von geistesgegenwärtigen Zeugen verfolgt, die ihn ein paar hundert Meter weiter stellten, beherzt überwältigten und an die nun herbeieilende Polizei übergaben. So weit – so fürchterlich.

    Zehntausende digitale Beileidsbekundungen

    Minuten später verbreitete sich die Nachricht dieser Tragödie wie ein Lauffeuer im Netz. Im Sekundentakt wurden Beileidsbekundungen, Betroffenheitsadressen, Wie-schlimm-man-sowas-findet-Texte gepostet, sich Sorgen darum gemacht, ob die Mutter diesen Schock wohl jemals verarbeiten wird. Alles in Ordnung. Auch ich dachte im ersten Moment mit Schaudern daran, was mir und meinen Kindern, wenn wir im Kölner Hauptbahnhof hin und wieder auf die S-Bahn warten, doch so alles passieren könnte.

    Man musste nicht lange Ausschau halten bis in Facebook & Twitter das geschah, was immer geschieht, wenn der Täter über einen Migrationshintergrund verfügt und eine dunkle Hautfarbe spazieren trägt: die Gerüchteküche begann zu brodeln, köchelte, erhitzte zunehmend, bis sie in Tötungsfantasien in Blickrichtung auf den Eritreer kulminierte. Befeuert durch Posts wie diese:

    An Entsetzlichkeit ist diese Tat kaum mehr zu überbieten – was muss noch passieren? Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!
    © Alice Weidel, MdB, AfD

    „Frau Merkel, Sie werden nie wissen, was es bedeutet Mutter zu sein, weder für ein Kind, noch für dieses Land! Aber ich verfluche den Tag Ihrer Geburt!“
    © Verena Hartmann, MdB, AfD

    Speziell beim zweiten Tweet fragt man sich, wes Geistes Kind man sein muss, um solch einen Unflat in die Welt hinauszurotzen.

    Schmaler Grat zwischen Betroffenheit und Hetze

    Schuld waren also mal wieder die arme Kanzlerin und deren Grenzöffnungspolitik im Spätsommer 2015. Des Weiteren wurde darauf hingewiesen, dass junge Afrikaner eben genetisch und qua Sozialisation zu Gewalt neigen, keinerlei Respekt vor Frauen zeigen, zumal wenn sie dem Islam anhingen. Der Einwand, doch erst einmal in Ruhe die Verlautbarungen der Ermittlungsbehörden abzuwarten, wurde weggebügelt mit dem Argument: „Erklären Sie das mal den Eltern des toten Jungen“. Warum ich als Wildfremder den Eltern überhaupt was erklären muss, wird mir wiederum nicht erklärt.

    So weit – so vorhersehbar in der digitalen Hölle.

    Der Innenminister unterbrach sofort seinen Urlaub. Weshalb er das nun ausgerechnet bei diesem Vorfall tat und nicht ebenfalls bei all den anderen Morden, die täglich bei uns geschehen, weiß außer ihm und seiner PR-Abteilung auch niemand so genau. Die auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz geäußerten Vorschläge zur zukünftigen Gefahrenabwehr in Bahnhöfen sind Placebos. Entweder zu teuer oder ineffektiv oder beides zusammen. Jemand, der morden will, mordet. Falls er dafür, weil an einem bestimmten Ort alle anderen Möglichkeiten ausscheiden, eine Nylonschnur oder eine Nagelfeile benutzen muss, wird er es tun. Und niemand wird ihn daran hindern.

    Nicht alle Kölner sind Gewaltverbrecher

    Zurück zu den Frankfurter Ermittlern. Die veröffentlichten im Laufe des Dienstags und Mittwochs folgende Erkenntnisse: Bei dem 40jährigen handelt es sich um einen Eritreer, christlich-orthodox, der seit 2006 in der Schweiz lebt, dort über einen sogenannten Sicheren Aufenthaltsstatus verfügt, kurz vor der Einbürgerung steht, verheiratet ist, drei Kinder hat, einer geregelten Arbeit nachgeht und als hervorragend integriert gilt. Er befand sich seit einiger Zeit in psychologischer Behandlung, war im vergangenen Jahr sowie letzte Woche in seinem Heimatort ausgeflippt, hatte eine Nachbarin bedroht, war geflohen und abgetaucht. In Deutschland hielt er sich erst seit drei, vier Tagen auf.

    Das bedeutet wiederum: Der Mann war weder ein aggressiver Bootsflüchtling, den die zu laxe Merkelpolitik ständig ungefiltert in unser Land hineinspülen lässt, noch gehörte er dem Islam an, noch saugte er den Sozialstaat aus, noch war er ein blitzradikalisierter, frustrierter Einzelgänger oder gar ein Schläfer einer Terrorzelle. Er war, und das wird sich im Verlauf der weiteren Befragungen herausstellen, ein verwirrter Einzeltäter, der ohne ein für den Normalmenschen begreifbares Motiv spontan tötet. Und da sich bloße Verwirrung nicht unbedingt strafmildernd auswirkt, kann ihm  eine (lebens-) lange Haft drohen. Und falls er schuldunfähig sein sollte, erwartet ihn der Maßregelvollzug, der solange dauert, bis von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Das ist auch völlig okay. Mitleid mit einem Kindsmörder muss niemand haben.

    Was aber nicht okay ist, sind die voreiligen Schlüsse, die immer dann gezogen werden, sobald ein fremdländisch aussehender Mensch ein Verbrechen begeht. Weder ist Mord symptomatisch für alle Eritreer, noch für alle Afrikaner oder Flüchtlinge oder alle Männer. Gemordet wird unabhängig von Nationalität, Religion und Hautfarbe. Es scheint in gewissen Kreisen mittlerweile ein Volkssport geworden zu sein, vom Einzelfall sofort auf gruppenbezogene Abnormitäten schlusszufolgern. Interessanterweise habe ich aber bisher noch nie gelesen, wenn drei Morde in Köln geschehen: „Vorsicht vor Kölnern! Die sind alle Verbrecher“. Das Etikett „Ständig gewaltbereit“ klebt man lieber anderen auf die Stirn. Vornehmlich Ausländern und da am liebsten denjenigen, die nicht so aussehen wie der 08/15 Biodeutsche. Halt unterm Strich ganz ordinäre Fremdenfeindlichkeit.

    Oder, um mit den Worten Jan Böhmermanns, die der nach der Frankfurter Tat twitterte, zu schließen:

    Wenn du dich nur aufregst, wenn der Täter eine Hautfarbe hat, die dir nicht passt, dann bist du kein besorgter Bürger, dann bist du einfach ein Rassist.

  • Wenn ein Schnitzel plötzlich zum Kulturgut wird

    Wenn ein Schnitzel plötzlich zum Kulturgut wird

    „Jetzt dürfen unsere Kinder noch nicht mal mehr Schnitzel essen“, ruft Jupp erregt und legt die BILD beiseite.
    „Zu viel Schwein ist eh nicht gesund“, sage ich.
    „Darum geht es hier nicht!!“, schreit Jupp.
    „Worum dann?“
    „Dass wir uns dem Islam unterwerfen.“
    „???“
    „Verstehst du das denn immer noch nicht: Sie zwingen uns Stück für Stück ihre Bräuche auf. Es geht mit den Kopftüchern und Schnitzel los, dann fallen unsere Feiertage und zum Schluss laufen wir alle in Pluderhosen und Burkas hier rum. Wir müssen gegensteuern und uns endlich dagegen wehren.“
    „So ein Budenzauber wegen ein paar Schnitzeln?“
    „Schwein ist ein deutsches Kulturgut!“
    „Ach so“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, weil Jupp mittlerweile einen hochroten Kopf hat, und ich weiß, dass sein Arzt ihm aufgrund zu hohen Blutdrucks neben den Betablockern auch weniger Aufregung verschrieben hat. Ich will auf keinen Fall schuld daran sein, wenn er nachher mit Herzkammerflimmern auf die Intensiv muss.

    Was war passiert?

    Zwei Leipziger Kitas – beide in privater Trägerschaft – hatten Mitte Juli beschlossen, Schwein vom mittäglichen Speiseplan zu streichen. Aus Rücksichtnahme vor muslimischen Kindern, um denen nicht das Gefühl zu vermitteln, sie seien Außenseiter bzw. sie noch stärker in die Gruppe zu integrieren. Vorab die Eltern informiert, von denen der Großteil diese Entscheidung (angeblich) gutgeheißen hatte. Als die Information auf verschlungenen Pfaden an die Presse durchgestochen wurde, titelte die BILD am Dienstag:

    Aus Rücksicht auf das Seelenheil – Kita streicht Schweinefleisch für alle Kinder

    Und legt im Text nach:

    Bratwurst, Bulette oder Schnitzel – viele Kinder wollen nichts anderes. Doch die Jungen und Mädchen zweier Kitas in Leipzig müssen ab sofort auf diese Speisen verzichten. Schweinefleisch verboten!

    Schwein gehabt!

    Für 300 Leipziger Kita-Kinder steht dieser Spruch nicht für „Glück gehabt“, sondern für Abschied: Schluss mit Speck und Schwarte!

    Doch ganz so lustig ist es nicht. Wenn wegen zwei muslimischen Kindern alle anderen ihre Ernährung umstellen sollen, wird Minderheitenschutz zur Mehrheitsverachtung.

    Um es klar zu sagen: Von Kasseler & Co. hängt bei uns nicht das Seelenheil ab. Allerdings: für niemanden. Wer spezielle Essgewohnheiten hat, kann Gerichte abwählen, Zutaten weglassen, sich privat verpflegen.

    Nicht nur elementare demokratische Prinzipien werden durch dieses Minderheiten-Diktat außer Kraft gesetzt, sondern auch die Trennung von Religion und Staat. Das Schnitzel mag verzichtbar sein, die Grundregeln unseres Zusammenlebens sind es nicht!
    © BILD vom 23.07.2019

    Flankiert von Fotos der beiden Kindertagesstätten.

    Minuten später brach der Shitstorm-Tsunami los. Befeuert durch die üblichen Verdächtigen aus AfD und CSU, die sich neben dem mittäglichen Schweineverzicht auch um unsere deutschen Gummibärchen sorgen. Tenor: Wir lassen uns die Bratwurst auf gar keinen Fall von Fremden verbieten. Schwein ist ein Kulturträger!

    Im Netz überstürzen sich derweil die Ereignisse. Ein Drittel der deutschsprachigen Nutzer beteiligt sich 48 Stunden lang an erbitterten Diskussionen zum Thema „Ein Tag ohne Schnitzel ist der erste Schritt ins Kalifat“. Da werden Leberkäse und Rostbratwürste zu essenziellen Kulturgütern hochgejubelt, neben denen selbst Goethe, Kant und Mozart verblassen. Die Leiter der Kitas erhalten die üblichen Schmäh- und Hassmails, die örtliche Polizei schaltet sich vermittelnd ein und am Ende wird der mittägliche Schweinefleischverzicht vom entnervten und sich bedroht fühlenden Management zurückgenommen. Also alles gut ausgegangen: die Leipziger Kinder dürfen weiterhin deutsches Kulturschwein verzehren und wurden vor dem islamischen Diktat gerettet.

    Zu den Fakten

    Es handelt sich bei beiden Kindertagesstätten um einen privaten Träger. Der kann und darf natürlich auch frei entscheiden, welche Nahrung den Kindern kredenzt wird. Z.B. könnte dort beschlossen werden, ab sofort keine zuckerhaltigen Getränke mehr auszuschenken. Und das, obwohl Zitronen- und Orangenlimo bestimmt ebenfalls in der deutschen Kulturguthitparade gelistet sind. Zwar nicht so weit oben wie das mitteleuropäische Hausschwein, aber sicher irgendwo im Mittelfeld. Oder man erklärt, dass Süßigkeiten nicht mehr gewollt sind. Oder spricht einen Bann gegen Salzgebäck aus. Alles möglich und völlig legal.

    Die Kindergartenleitung kommunizierte den Entschluss vor 14 Tagen übrigens mit diesem Satz:

    Aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt werden ab dem 15. Juli nur noch Essen und Vesper bestellt und ausgegeben, die schweinefleischfrei sind.

    Von einer komplett schweinebefreiten Schutzzone ist da nichts zu lesen. Eltern, die befürchten, dass ihr Kind tagsüber zu wenig Wurst und Kotelett zu sich nimmt, steht es natürlich frei, morgens Schinken- und Leberwurstbrote zu schmieren und Sohn u/o Tochter als Wegzehrung mitzugeben.

    Wofür steht die Debatte?

    Die aufgeheizt bis hysterisch geführte Diskussion zeigt exemplarisch drei Dinge auf:

    (1) Rücksichtnahme und Empathie sind für viele zu Fremdwörtern geworden. Anstatt die beiden Kindergärten für ihren integrativen Ansatz zu loben oder alternativ gar nichts dazu zu sagen, wird das Management massiv angefeindet.

    (2) Es wird faktenfrei argumentiert. Denn natürlich kann ein privater Träger völlig autark darüber entscheiden, was mittags bei ihm auf den Tisch kommt. Das hat Nullkommanichts mit der Aushebelung elementarer demokratischer Prinzipien zu tun, wie die BILD fälschlicherweise behauptet.

    (3) Wäre der Verzicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgt (z.B. zu viele Antibiotika im Schwein), hätte kein Hahn danach gekräht bzw. es keine Sau interessiert. So manifestiert sich der Eindruck, dass ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen und ihrer Politiker ein massives Problem mit religiös bedingten Speiseplänen hat. Das fällt dann in eine der beiden Kategorien „Atheistische Intoleranz“ oder „Ich mag den Islam sowieso nicht und warte nur drauf, dass die Brüder mal wieder was fordern, worüber ich mich auskotzen kann“. Gemäß dem Motto: Unseren täglichen Aufreger gib uns heute.

    Fazit

    Mittäglichen Schweinefleischverzicht im Kindergarten mit Kniefall vor dem Islam und Auslöschung unserer Kultur gleichzusetzen, ist an Perfidie und Dummheit kaum zu toppen. Wer Bratwurst und Kotelett für Kultur hält, der ist auch davon überzeugt, dass Modern Talking und Mario Barth in die Weltkulturerbeliste aufgenommen werden müssen. Deutlicher als mit unseren Reaktionen auf die Leipziger Entscheidung können wir den religiös orientierten muslimischen Mitbürgern nicht demonstrieren, dass wir sie für Fremdkörper in unserem Gemeinwesen ansehen.

    Um es mit den Worten des Stern-Kommentators zu sagen:

    Und so wird eine von den üblichen Brandstiftern heraufbeschworene Diskussion, die inhaltlich nicht mehr hergibt als ein durchschnittlicher Sommerlochfüller, zum Lehrstück für die schlimme Stimmung in diesem Land …

    Oder in meinen Worten, die ich gestern in einer Facebook-Diskussion spontan von mir gab:

    Wer keinen Bock auf Muslime hat, soll ehrlicherweise einfach sagen, ich habe keinen Bock auf Muslime, anstatt sich hinter dem Essensplan eines Kindergartens zu verstecken

    PS. Jupp hat sich bei Kaffee und Kuchen mittlerweile beruhigt und mein Friedensangebot, dass wir am Wochenende gemeinsam grillen werden (inkl. Bratwurst, Kotelett und marinierten Schweineschnitzeln), akzeptiert

  • Es ist heiß

    Es ist heiß

    „Es ist heiß“, sage ich.
    „Klar ist es heiß“, sagt sie. „Warum sagst du das?“
    „Nur so“, sage ich.
    „Immerfort musst du irgendwas Sinnbefreites sagen“, sagt sie.
    „Nicht mal mehr sagen, dass es heiß ist, darf ich“, sage ich.

    Also ich finde es seit Tagen wirklich heiß hier bei uns im Rheinland. Zweite Hälfte Juni und das Thermometer klettert jeden dritten Tag auf über 35 Grad.

    „Das gab’s früher nicht“, sage ich zu meiner Bekannten.
    „Früher, früher“, antwortet sie. „Wenn ich das schon immer höre: FRÜHER! Nimm’s wie es ist. Wenn’s dir zu warm wird, zieh ne kurze Hose an oder lauf nackt durch die Wohnung. Aber jammer nicht ständig über die Hitze.“

    Für Klimadebatten ist es heute definitiv zu heiß

    So kann man das natürlich auch betrachten. Übers Klima unterhalten wir uns nicht mehr, Zum einen, weil wir dazu unterschiedliche Auffassungen vertreten, zum anderen, da wir zu wenig Ahnung davon haben und zu guter Letzt, weil es selbst fürs Klima heute zu heiß ist. Ich mein, wann hat’s das schon mal gegeben, dass in Mitteleuropa ein Hitzesommer auf den anderen folgt? Und sie beginnen immer früher und dauern immer länger. Also die mitteleuropäischen Hitzesommer. Wochenlang 30 Grad plus kenne ich nur von den Sommerferien mit meinen Eltern am Strand von Terracina* und den Hundstagen, die bekanntermaßen Ende Juli liegen, was in irgendeinem Zusammenhang mit dem Sternbild des Sirius steht. Wie genau, weiß ich nicht und bin bei der aktuellen Raumtemperatur auch zu faul, das nachzuschlagen. Können Sie, falls es Sie näher interessiert, gerne selbst tun.

    Das ist völlig normal, meinen Sie? Wir leben in einer Zwischeneiszeit, in der es ständig wärmer wird. Vielleicht leben wir auch in einer Wärmezeit, in der es bisher bloß zu kalt war. Zur Zeit der Dinosaurier war es in unseren Breitengraden deutlich heißer. Alles kein Grund zur Panik. Nun sehe ich morgens kurz nach dem Aufstehen zwar hin und wieder aus wie ein magenkranker Brontosaurus, aber mir ist trotzdem völlig schnurz, wie warm es im Trias und im Jura in der Kölner Bucht war. Mich interessiert das Hier und Heute und natürlich die Wettervorhersage für morgen. Am Klima ist NICHTS menschengemacht, werfen Sie noch hinterher? Und zum Beweis posten Sie Bilder von Frühjahrsschneelawinen in den Rocky Mountains, neuen Minieisbergen in der Antarktis und Fotos vom letzten Skiurlaub in Ischgl. Und das bisschen CO2, das wir Menschen produzieren, hat nun wirklich keinen Einfluss aufs Klima. Lassen wir uns bloß nicht von den Hysterikern und den Freitagsschulschwänzern nervös machen. Bisher ist alles immer gut ausgegangen. Lange Rede, kurzer Sinn: das Klima ist, wie es ist. Wir können sowieso nichts dran ändern. Also weiter volle Fahrt ohne schlechtes Gewissen in Richtung Komplettausbeutung des Planeten. Wir haben ohnehin Wichtigeres zu tun, als uns täglich mit unausgegorenen Klimamodellen zu beschäftigen. Ganz oben auf der Agenda: Kampf den Wirtschaftsflüchtlingen.

    Reiche Deutsche gehen Italienern auf den Sack

    „Schon ne Sache mit der Frau Rackete“, sage ich.
    „Wie heißt die?“, fragt meine Bekannte.
    „Rackete“, sage ich.
    „Das ist aber mal ein cooler Nachname“, meint sie.

    Seitdem die Seawatch 3 Mitte der Woche zuerst in italienische Hoheitsgewässer hinein tuckerte, bevor sie am frühen Samstagmorgen ihren Anker im Hafen von Lampedusa auswarf, überschlagen sich die Ereignisse in Italien, der EU und in Facebook. Matteo Salvini, von Beruf Innenminister in Personalunion mit Soziale-Netzwerke-heavy-Poster, ließ Kapitänin Carola Rackete verhaften und gab im Anschluss eine TV-Pressekonferenz, in der er die junge Frau, deren Konterfei überlebensgroß hinter ihm angebracht war, mit folgendem Satz bedachte:

    Ich hoffe, dass nicht noch mehr reiche, weiße Deutsche kommen, um uns Italienern auf den Sack zu gehen.

    So sind sie, unsere neuen feschen Politiker, denke ich. Reden frei von der Leber weg, machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube, kein verquastes diplomatisches Blabla. „Uns nicht auf den Sack gehen“: Das kommt an bei der digitalen Gemeinde und an den Stammtischen. Die Threads zum Thema Seenotrettung sprossen im Anschluss schneller als die Schimmelpilze auf dem Schnittkäse in meinem Kühlschrank und knackten binnen weniger Stunden die 10.000-Marke. Salvini & Rackete in aller Munde bzw. in jede Tastatur getippt. Von den beiden Uraltkamellen „Seenotrettung = Beihilfe zum Schlepperwesen“, „Verantwortungs- geht vor Gesinnungsethik“ driftete die Diskussion schnell ab auf die persönliche Ebene.

    Wenn kein Argument mehr sticht, dann wird’s eben persönlich

    Da versucht ein verwöhntes Töchterchen, die Geschäfte ihres Vaters* in einer hysterischen Überreaktion „wiedergutzumachen“….dafür zahlen müssen allerdings andere! Man nennt es auch einen Egotrip.
    © vielfach geteilter Kommentar in Facebook
    (*) der war früher angeblich an Waffenverkäufen beteiligt gewesen

    „Was für eine zynische Scheiße!“, sage ich. „Da wird die gute Tat einer jungen Frau zum kindlichen Trotz auf die krummen Geschäfte des Vaters uminterpretiert.“
    „Du sollst nicht ständig fluchen“, sagt meine Bekannte.
    „Aber ist doch wirklich Scheiße sowas“, sage ich.
    „Du hast es schon wieder gesagt“, sagt sie.

    Nachdem Attacke 1 „illegale Rettung“ beim Publikum nicht die erwünschte Breitenwirkung erzielte, wird nun Stufe 2 der Rakete (ein flacher Wortwitz. Ich geb’s zu) gezündet: familiärer Hintergrund und Intention der Akteurin sollen in den Dreck gezogen werden. Mich kotzt diese Art der unterirdischen Beweisführung mittlerweile dermaßen an! Was sollte Frau Rackete, nachdem ihr zwei Wochen lang kein europäischer Hafen die Einfahrt gestatten wollte, unternehmen? Nach Libyen zurückfahren? Wo den Flüchtlingen Versklavung und Vergewaltigung drohen. So lautet tatsächlich Ihr Lösungsvorschlag? Nicht Ihr Ernst, frage ich und gehe zwecks Abkühlung raus auf den Balkon.

    Dort zeigt das Thermometer um 12 Uhr mittags 34°. Ist das nun zu heiß oder zu kalt für diese Jahreszeit, überlege ich. Da mein Hemd durchgeschwitzt ist, wird es vermutlich eher zu warm sein. Ich beschließe, Folgendes zu tun: (kalt) duschen, neues Hemd anziehen, die „Freunde“, die mir mit ihren menschenverachtenden Sind-eh-alles-bloß-illegale-in-unsere-Sozialsysteme-Einwanderer-Kommentaren am meisten auf den Sack gehen, aus meiner Liste zu kicken, mir ein Eis zu kaufen und mich dann mit einem Gedichtband von Rimbaud ans Rheinufer unter einen schattenspendenden Baum zu setzen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Und was ist mit der Bekannten, wollen Sie noch wissen? Was macht die? Die bleibt, bei geschlossenen Vorhängen und Rollos, in der Wohnung, denn der ist es seit Tagen draußen viel zu heiß.
    ——————————————————————

    * Terracina: Badeort mit 45.000 Einwohnern in der italienischen Provinz Latina in der Region Latium am Tyrrhenischen Meer, Ca. 100 Kilometer südlich von Rom  Schöne Sandstrände. In der Nähe Kap Circeo, an dem die Zauberin Kirke den Odysseus ein oder zwei Jahre lang (so ganz genau weiß man das nicht) becircte und dessen Gefährten derweil in Schweine verwandelte, bevor die Truppe entzaubert und erschöpft wieder zur nächsten Etappe der Odyssee startete …. Lieblingsreiseziel meiner Eltern in der ersten Hälfte der 70er … Ende des kurzen Reiseführers

  • Anti-grüne Beißreflexe

    Anti-grüne Beißreflexe

    »Die Grünen sind eine verfassungsfeindliche Partei«, sagt der Mann links neben mir beim Samstagabendgrill im Garten von gemeinsamen Freunden.
    »Warum das?«, frage ich, während ich darauf achte, dass mir das Curryketchup nicht aufs Hemd läuft. Denn ne Bratwurst mit Kartoffelsalat im Stehen zu essen, sich dabei über Politik zu unterhalten und nicht zu bekleckern, ist eine Kunst für sich.
    »Weil die bei der aktuellen Negativverzinsung auch noch eine Vermögenssteuer fordern. Das geht glasklar gegen Artikel 14 Grundgesetz, der unser aller Eigentum schützen soll.«
    »Aha«, antworte ich. Habe ehrlich gesagt nur Bahnhof verstanden, weil ich mich zu sehr auf die Currywurst konzentriere und Negativzinsen mich eh nicht sonderlich interessieren.
    »Und diese ganze Demonstrierei der Jugend jeden Freitag. Von den Grünen im Hintergrund gelenkt. Die sollen lieber in der Schule aufpassen und was lernen. Wenn sie dann mal ein paar Jahre lang ihr eigenes Geld verdient haben, reden wir erneut darüber, ob die noch all die Klimaflausen im Kopf haben«, meint der Mann zu meiner Rechten.
    »Ich find’s okay, dass sie demonstrieren«, sage ich, bringe den leeren Teller in die Küche, kontrolliere mein Hemd, ob ich mich trotz aller Vorsicht eventuell doch eingesaut habe, mache mir nen Kaffee und geselle mich im Anschluss zu einer anderen Kleingruppe, die sich gerade über den Kodeinkonsum deutscher Rapper und was der für Bilder im Kopf produziert austauscht, was ich echt spannender finde als Negativzinsen.

    „Grüne sind alle Terroristen“

    Das, was meine beiden Kurzzeit-Zufallsbekannten mir bei Bratwurst und Kartoffelsalat erzählten, war allerdings Kinderkacke im Vergleich zu den täglichen, auf die Ökos zielenden Schimpftiraden in den sozialen Medien. Als ich mich vor einigen Tagen in einem Thread, in dem der mir bis dato völlig unbekannte SPD-MdB Helge Lindh abgefeiert wurde, als Wechsel- und in der logischen Konsequenz Hin-und-wieder-Grünen-Wähler outete, wurde mir fünf Minuten später diese Replik vor den Latz geknallt:

    Hm… da stellt sich mir eine Frage hinsichtlich Ihrem Sitz auf hohem moralischen Roß. Weshalb stellen Sie hier eine solch bemerkswerte geistige Schlichtheit öffentlich zur Schau? Etwa deshalb, weil schlichte gestige Struktur und infantile Selbstdarstellung zum Wesen grüner Weltanschauung gehört?

    BÄMM!

    Mein Versuch, die Situation zu entschärfen, indem ich mich sowohl zu meiner (bemerkenswerten) geistigen Schlichtheit als auch zu meinem infantilen Selbstdarstellungstrieb bekannte – trotzdem würde ich halt ab und an mein Kreuz bei den Grünen setzen – fruchtete nicht. Ich bzw. die Grünen bekamen von den jetzt im Rudel jagenden Diskussionsteilnehmern Nettigkeiten wie Ökofaschisten, Ökostalinisten, Ökoterroristen, Ökoglaubenskrieger, Ökosalafisten, Ökototalitaristen und so weiter und so öko zu hören. Nun sind ja sowohl Faschisten als auch Stalinisten nicht dafür bekannt, dass sie Macht, wenn sie die einmal in den Händen halten, freiwillig wieder hergeben, während mir noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass die Grünen, sobald sie ne Wahl verlieren, bewaffneten Widerstand leisten oder sich weigern, von der Regierungs- auf die harte Oppositionsbank zu wechseln. Dass in grün regierten Ländern anderslautende Meinungen unterdrückt werden, wäre mir ebenfalls neu. Man muss wirklich nicht alles gut finden, was die Grünen fordern oder tun oder sie gar wählen – trotzdem fällt auf, mit welcher Häme, die sich bei einigen Kommentatoren bis hin zu Hass steigern kann, speziell diese Partei von ihren politischen Gegnern verfolgt wird. Circa ein Fünftel der Facebook-User verfällt in Schnappatmung, sobald die Begriffe Habeck, CO2 oder gar Hofreiter, Roth und Veggieday auf dem Monitor erscheinen. Schnappatmung bei gleichzeitigem Verlust der Impulskontrolle, die, sich ständig wiederholende, Beißreflexe auslösen. Eigentlich stinklangweilig, aber doch störend, weil mit dieser Piranha-Taktik die Debatte über die Klimafrage oft ins Polemische abdriftet, anstatt sie seriös zu führen. Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es beim Klima mittlerweile eher drei als fünf vor Zwölf ist, werden von der digitalen Piranha-Fraktion abwechselnd als Fake News oder von den Grünen verdeckt finanzierte Auftragsarbeiten abgetan.

    Anti-grüne Polemik auch bei den Bürgerlichen

    Die Hetze geht allerdings nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus den Reihen der AfD aus, sondern es beteiligen sich ebenfalls ne Menge, sich nach außen hin gemäßigt gebende Politiker am Öko-Bashing. Da ist zum einen die FDP, die die Grünen als für die Ewigkeit fixierten Antipoden genauso zwanghaft benötigt wie Batman den Joker oder Dagobert Duck die Panzerknacker. Kein Parteitag, keine Pressemitteilung, die ohne das Lamento „sie wollen uns den Diesel und das Schnitzel wegnehmen“ auskommen. Die 24/7 Verbote ausbrütenden Ökos als teuflische Widersacher des freiheitsliebenden Helden Lindner, der die grünen Monster täglich aufs Neue bekämpfen muss, um sie an der Weltherrschaft zu hindern. Zum anderen die CDU, die, weil sie die Ökos für eine etwaige zukünftige Koalition in Berlin benötigt, etwas gedämpfter polemisiert, sich allerdings apokalyptische Warnungen à la „Wer mit den Grünen ins Bett geht, wacht mit der Linken auf“ auch nicht ganz verkneifen kann. Und schlussendlich die SPD, die sich nicht zu schade ist, mit folgendem Vergleich aufzuwarten:

    Die Grünen versuchen im Moment, alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels. Das ist genauso falsch wie die Politik der AfD, die die Migrationsfrage zum Übel der Welt erklärt hat. Beides verkürzt Politik in grotesker Weise.
    © Thorsten Schäfer-Gümbel, z.Zt. kommissarischer SPD-Vorsitzender

    Es gilt nach wie vor der Satz: Mitleid gibt’s gratis, Neid muss man sich verdienen.

    Ideologen gibt’s in jeder Partei

    Nicht totzukriegen die Fama, bei der grünen Programmatik handele es sich um pure Ideologie. Das ist in etwa so richtig wie die Behauptung, alle Liebhaber von Dirty-Harry-Filmen neigen im realen Leben zu Gewalt. Es gibt solche und solche. Also sowohl pazifistische Callahan-Fans als auch pragmatische Grüne. Zumal den drei klassischen bürgerlichen Parteien Ideologie ja selbst nicht ganz fremd ist. Sprechen Sie mal einen aus der FDP auf das Dogma Unsichtbare Hand des Marktes an oder jemanden aus der Union auf den Bereich Innere Sicherheit. Diskutieren Sie mit einem Linken über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Enteignungen. Je nachdem, wen Sie da gerade vor sich haben, wird das, womit er Sie als überzeugter Anhänger seiner Heilslehre zutextet, nichts anderes als Ideologie sein. Verengter Tunnelblick aufgrund zu langer Parteizugehörigkeit oder frühzeitiger Verblendung. Ideologen gibt’s in allen Organisationen. Bloß, dass Union, SPD und FDP ihre jeweilige Doktrin als Sachpolitik verkaufen, während es sogar den grünen Oberrealos schwerfällt, das Odium der Weltferne gänzlich aus den Juteklamotten zu schütteln. Alternativloser Pragmatismus als Marketingtrick der bürgerlichen Troika. Dass die Grünen mehr verbieten wollen als die anderen, stammt aus derselben Gerüchtekiste. Als ob nicht auch Union und SPD täglich neue Verbote aushecken. Die Groko erinnert mitunter an ein Verbotsküchenversuchslabor.

    Um so langsam ans Ende der Kolumne zu gelangen, sei hier die grundlegende Frage gestellt: Können wir es uns leisten, die Klimafrage weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen oder die Sorge vor der irreversiblen Zerstörung der Umwelt als Ideologie zu geißeln? Ohne Klima kein Wirtschaften, keine Arbeitsplätze, kein Konsum, kein Fußball und keine Heidi Klum mehr im TV. Man muss bei der Beschäftigung mit dem Problem nicht in Hysterie verfallen und an die Offenbarung des Johannes erinnernde Weltuntergangsszenarien an die Wand malen, aber etwas mehr Respekt vor dem politischen Mitbewerber, der das Thema als Erster besetzt hat, tut dringend Not. Wer das grüne Auge dauerhaft geschlossen hält, wird auch auf dem schwarz-rot-gelben irgendwann erblinden.

  • Das Ende ist nahles

    Das Ende ist nahles

    Wenn in diesen ungewissen Zeiten aufs eins hundert Prozent Verlass ist, dann sind das die täglich vieltausendfach rausgehauenen Boshaftigkeiten in Facebook. Jüngstes Beispiel: Andrea Nahles abrupter Rückzug von allen Ämtern. Vordergründig ausgelöst durch die zwei SPD-Wahlschlappen in Bremen und Europa Ende Mai; im Hintergrund tobten jedoch seit Monaten erbitterte Grabenkämpfe um die zukünftige Ausrichtung der SPD. Wer es hierbei schafft, seine Agenda durchzusetzen, dem winken innerparteiliche Macht und in der Konsequenz interessante Regierungsjobs. Richtungsfragen sind immer gleichzeitig auch Machtfragen. Man muss kein Sozialdemokrat sein, um zu erkennen: Das Am-Stuhl-sägen muss heftig gewesen sein. Andernfalls würde die Vulkaneifelerin nicht zusätzlich auf ihr Abgeordnetenmandat verzichten.

    Die typischen Facebook-Nickligkeiten

    Als ich gestern Nachmittag spontan schrieb:

    Respekt für den schnellen u konsequenten Cut, den Frau Nahles heute vollzogen hat. Sich mit 48 von allem, was einem bis gestern die Welt bedeutet hat, zu verabschieden – dazu gehört Größe. Evtl gemixt mit einem Schuss Verzweiflung über die Zukunft der SPD … aber unterm Strich überwiegt die Größe.

    erntete ich als Reaktion Kommentare dieser Art:

    Nahles war das Schlimmste, was der SPD je wiederfahren ist. Bevor diese „Tran-Tussi“ dort am Ruder war, hatte die Partei immerhin noch meinen Respekt, auch wenn ich kein Sozi bin.

    „Größe“ wäre gewesen, wenn sie nach dem Wahl-Debakel (Europa und Bremen) sofort die Konsequenzen gezogen hätte anstelle zu versuchen, persönlichen Machterhalt durch vorzgezogene Vorstandswahlen zu betreiben.

    Ihre Chance, Größe zu beweisen, hatte sie, als sie Ministerin für Arbeit und Soziales war. Exakt zu diesem Zeitpunkt hat sie es für die SPD neuerlich vergeigt.

    Die wird sich schon noch ein „Pöstchen“ bereitgehalten haben….ohne Netz und doppelten Boden fällt die nie im Leben.

    Weiß nicht, ob das „Größe“ zeigt 🙂 Sie hat bestimmt schon eine Stelle bei Gazprom sicher 😉 Wozu sich dann mit der SPD rumärgern?

    Ich reibe mir verwundert die Augen und denke: hä, war nicht Nahles die Dame, die den Mindestlohn und die Rente mit 63 durchgesetzt hat? War sie nicht die, die nach der Pleite mit Messias Schulz das Steuerruder übernahm, und sich nicht aus der Verantwortung schlich? Okay, demgegenüber stehen Peinlichkeiten wie Bätschi, das Trällern eines Pipi-Langstrumpf-Songs, ein herzhaftes „in die Fresse!“. Aber seien wir mal ehrlich: Würden wir einen Mann bei ähnlichen Pillepalle-Aufregern auf die Liste unserer meist-gedissten Politiker setzen? Schnelle Antwort: Nein, würden wir nicht tun. Reichen Bätschi & Fresse mittlerweile aus, damit wir einem Menschen die Befähigung zu seinem Beruf absprechen? Vom stinklangweiligen Der/die-soll-erstmal-was-Richtiges-lernen/arbeiten will ich hier gar nicht anfangen, weil ich mich sonst beim Tippen aufrege, was nicht gut für meinen Blutdruck wäre.

    Selbst- und fremdverschuldete Gründe des Scheiterns

    Die (demnächst: Ex-) Parteichefin scheiterte an fünf Problemfeldern:

    (1) Zu langes Mitregieren in der Groko
    (2) Das Nicht-loslassen-Können von Hartz 4
    (3) Der europaweit zu beobachtenden Erosion der Volksparteien
    (4) An der Dauer ihrer Parteizugehörigkeit: Sie ist schlichtweg zu lange an Bord, um einen überzeugenden Neuanfang signalisieren zu können
    (5) Der Hire-& Fire-Lust der SPD. Keine andere Partei verschliss in den vergangenen zwanzig Jahren so viele Vorsitzende.

    Nahles ist verantwortlich für (2). Aus Sicht jedes Linken ist ALG2 eine veritable Katastrophe. Richtig war hingegen ihr Engagement für den Eintritt in die ungeliebte Groko, womit die SPD – anders als die Lindner-Liberalen – demonstrierte, dass ihr das Wohl des Landes mehr am Herzen liegt als parteitaktische Spielchen. Bei (4) bin ich unentschlossen. Eventuell hätte sie bereits 2018 erkennen müssen, dass es an der Parteispitze Zeit wurde für frische Gesichter, anstatt sich selbst dafür in Stellung zu bringen. Mir ohnehin schwer begreiflich zu machen, weshalb Kanzler, Minister, Fraktionsvorsitzende immer auch noch in Personalunion hohe Parteipositionen bekleiden müssen. Soll mir keiner erzählen, dass man mit vollem Einsatz gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen kann. Die Grünen haben diese Unmöglichkeit schon vor langem erkannt und trennen folgerichtig Amt und Mandat voneinander. Warum dieses Konzept nicht mal ausprobieren?

    Einzelfall symptomatisch für Dauerkrise

    Das Drama Nahles spiegelt letztlich bloß die Tragödie der SPD wider. Einer Partei, die zwar den Großen Koalitionen jedes Mal ihren Stempel aufdrückt – nie war das Land sozialdemokratischer als heute –, es jedoch nicht schafft, diese Leistung kommunikativ nach draußen zu transportieren und ihre Wähler bei der Stange zu halten. Auch ein neuer Vorsitzender – Geschlecht, Alter, Landsmannschaft, Religionszugehörigkeit, sexuelle Ausrichtung, Essensgewohnheiten, Sportaktivitäten, Seeheimer, Linker: völlig wurscht – wird sich schwertun, die Sozialdemokratie aus ihrem aktuellen 15-Prozent-Jammertal wieder zu den 25-30%-Weiden zu führen. Ob die SPD in der Groko drinbleibt oder sie zur Halbzeit verlässt: Es wird aus Sicht ihrer Kritiker immer die falsche Entscheidung sein. Zur Wahl stehen die beiden Optionen: zügiges Ende mit Schrecken (Neuwahlen) oder weitere zwei Jahre Aufschub, bis man dann völlig ausgelaugt auf der Intensivstation erwacht und sich vom Schock des Unter-zehn-Prozent-Absinkens gar nicht mehr erholt. Wer von den SPD-Granden besitzt genügend Rückhalt in Fraktion und Partei, um Option 1 (schneller Exit) zu propagieren und durchzusetzen? Mit Variante 2 droht mMn das Totenglöcklein. Aussitzen und die Probleme weglächeln wird nicht funktionieren. Die Frage nach dem Nutzen der Dauer-Groko wird sich übrigens ebenfalls die Nach-Merkel-CDU stellen müssen. Zwar von einem höheren Sockel herab; aber die Frage ist dieselbe wie bei der SPD.

    Um zum Ende hin an den Ausgangspunkt der Kolumne zurückzukehren: Egal, ob man mit der Agenda eines Politikers d‘accord geht oder nicht – man sollte nicht just in dem Moment, in dem der aus eigener Einsicht das Spielfeld verlässt, die Größe dieses Entschlusses in Frage stellen. Kann man tun. Demonstriert damit aber einzig die Begrenztheit des eigenen Horizonts.

  • Die große Zerstörung

    Die große Zerstörung

    Nachdem ich vor drei Tagen noch gejammert hatte, „nix los auf allen Kanälen“ und notgedrungen auf das Langweilerthema Wahl-O-Mat ausgewichen war, überschlagen sich seitdem die Ereignisse, und ich komme mit dem Tippen überhaupt nicht hinterher. Und das liegt vor allem an der Durchschlagskraft des Rezo-zerstört-die-CDU-Videos. Deshalb vorab schon mal danke! an den jungen Mann mit der markanten Frisur, der mich damit vor der drohenden Arbeitslosigkeit in meinem Zweitberuf Klatsch- & Tratsch-Kolumnist gerettet hat.

    Als mich Sohn Nr. 1 am vergangenen Mittwoch auf den Clip aufmerksam machte, lauteten meine ersten Gedanken:
    (a) Wer zum Teufel ist Rezo?
    (b) Was hat der mit seinen Haaren gemacht?
    (c) 4 Millionen Klicks: wow!
    (d) 55 Minuten: wer soll sich das denn reinziehen?

    Seitdem hat sich Folgendes zugetragen:
    (a) Ich weiß jetzt, wer Rezo ja lol ey ist
    (b) Seine Haare sind immer noch blau
    (c) Die Klickzahl hat die 10-Mio-Marke geknackt und es gibt seit vorgestern ein zweites Video mit dem – eher dröge klingenden – Titel „Ein Statement von 90+ Youtubern“, das binnen 48 Stunden bereits 2,6 Millionen Mal aufgerufen wurde
    (d) Ich habe nach einem ersten Probeschauen am Mittwoch – zehn Minuten bei Zähneputzen und Haarekämmen – mir nun den kompletten Clip angesehen.

    Was sonst noch passiert ist, das erfahren Sie, wenn Sie die GESAMTE Kolumne lesen, die nun endlich losgeht.

    Eine beinahe saubere wissenschaftliche Analyse

    Beginnen wir mal mit den Klickzahlen. Die sind natürlich hoch, erscheinen jedoch selbst in dieser Größenordnung nicht extraterrestrisch bei Influencern, die es gewohnt sind, Woche für Woche Millionen Follower auf ihre Seiten zu lenken. Ein Unterfangen, bei dem sie professionelle Hilfe von aufs Internet spezialisierten Marketingagenturen erhalten. Des Weiteren bedeutet Anklicken nicht zwangsläufig, dass sich der Zuschauer die volle Länge genehmigt. Meine aus dem Bauch heraus getroffene Vermutung: 70 Prozent der User sind vorher ausgestiegen. Knapp ne Stunde Faktengehechel auf Youtube können sich arg ziehen. Ein halbes Dutzend Probanden (meine Kinder sowie junge Kollegen im Büro) haben als Maximalwert 14 Minuten erreicht, dann wurde weitergezappt.

    Bei Rezos Parforceritt durch die aus seiner Sicht drängendsten Probleme der Gegenwart kristallisieren sich vier Haupt-Themenblöcke heraus: Soziale Ungleichheit, Bildung, Kriegsverbrechen sowie der Klimawandel.

    Der Youtuber untermauert seine Feststellungen mit ner Menge Zitate, Quellen und Charts. Eine beinahe saubere wissenschaftliche Vorgehensweise. Die Einschränkung „beinahe“ muss deshalb erfolgen, weil Rezo durchgängig nur die Belege anführt, die SEINE Thesen unterstützen. Und dabei unterschlägt, dass ebenfalls anderslautende, akademisch publizierte Standpunkte existieren, die er zumindest als Minder(?)meinung hätte erwähnen sollen, wenn er für sich das Prädikat 100 Prozent (diesen Wert gibt es eh nicht. Schon klar) objektiv in Anspruch nehmen will. Die von einigen Medien durchgeführten Faktenchecks wiesen ihm zudem Manipulationen aufgrund Verkürzung manch wichtiger Statistik nach.* Das ist ärgerlich für jemanden, der suggerieren möchte, er allein befinde sich im Besitz der absoluten Wahrheit.

    * allerdings bejahen zahlreiche Redaktionen die Richtigkeit des Grundtenors der im Video aufgestellten Behauptungen.

    Headline à la BILD

    Die gewählte Überschrift klingt martialisch: Die Zerstörung der CDU.
    Damit kann Dreierlei gemeint sein: Die CDU zerstört das Land oder die CDU zerstört sich selbst oder beides zusammen. War in den sozialen Netzwerken ein großer Aufreger; ich find’s nicht so dramatisch. Die Headline dient dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen, und das gelingt ihr. Dieselbe Methode wenden unsere Boulevardblätter täglich an. Langweilige Titel sind was für wissenschaftliche Fachmagazine, taugen aber Null für den brodelnden Misthaufen Internet.

    Rezo hat – u.a. durch die geschickt gewählte Überschrift – aus dem Stand heraus (bisher lagen seine Schwerpunkte bei Musik & Comedy) den Nerv des Publikums getroffen. Sowohl die Klicks als auch Likes und Anzahl der Kommentare sprechen da eine deutliche Sprache. Der bis vor einer Woche vor allem in seiner Nische bekannte Influencer avancierte über Nacht zum nationalen Star, dem hunderte Beiträge in nahezu allen im Land erscheinenden Publikationen und Erwähnungen in den großen Nachrichtensendungen gewidmet wurden. Demnächst werden wir ihn sicher als Dauergast in vielen Talkshows zu sehen bekommen. Ein Paradebeispiel für die Durchschlagskraft viralen Marketings.

    Zur völlig verunglückten Reaktion der CDU, die ihn erst totschweigen wollte, bevor eine bereits fertig produzierte Gegenrede ihres Jungstars Philipp Amthor gestoppt wurde, man das Feld Generalsekretär Paul Ziemiak überließ, der in mäßig lustiger Alter-Hase-Manier über den Youtuber lästerte, dann 7 Tweets raushaute, denen er ein 11(!)seitiges Papier der Erklärung folgen ließ, brauchen wir hier keine großen Worte zu verlieren. Darüber wurden mittlerweile dutzende Zeitungsartikel geschrieben. Einhelliger Tenor: Professionelle Krisen-PR geht anders. Die Union hat Jugenddenke, Jugendsprache und das Internet bis heute nicht richtig verstanden.

    Die dritte Jugendwelle

    Es braut sich nämlich was zusammen bei unserer Jugend. Und zwar, wenn ich korrekt mitgezählt habe, zum nunmehr dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Ging es 1967/ 68 vor allem um die Entrümpelung antiquierter Denkschablonen und gegen den Krieg in Vietnam, fand man sich in den 80ern zu Anti-AKW- und Kein-Nato-Doppelbeschluss-Demonstrationen zusammen; danach flaute die Begeisterung der jungen Leute für politische Kampagnen allerdings merklich ab, bis wir Alten über unsere nur noch ins Smartphone glotzenden Kinder resignierend den Kopf schüttelten, das Ende des mündigen Bürgers herbeiorakelten, der nun vom Homo consumens abgelöst wird. Und jetzt ist sie plötzlich wieder da – die Lust der Jugend an politischem Inhalt, politischer Diskussion und Auf-die-Straße-Gehen. Als die Massen mobilisierendes Thema wurde das Klima auserkoren. Kann man als alter Sack Scheiße finden, von drohender Ökodiktatur schwafeln, behaupten, dass sich das Klima auch ohne menschliches Zutun immer schon verändert hat oder den Wandel komplett leugnen und von Fake News labern. Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass sich die Wetterlagen (ist nicht dasselbe wie Klima. Weiß ich) in einigen Weltregionen dramatisch zum Schlechteren wenden, tausende (seriöse!) Wissenschaftler gebetsmühlenartig darauf hinweisen, dass der menschliche Anteil an dieser sich anbahnenden Katastrophe kein geringer ist, Tierarten in ungezählter Anzahl aussterben oder vom baldigen Aussterben bedroht sind; und trotzdem genießt dieses Megaproblem bei den handelnden Politikern nicht den Stellenwert, der ihm zukommen müsste. DAS ist Grund 1 für die wöchentlich stattfindenden Fridays-for-Future-Demonstrationen.

    Grund Nummer 2 ist trivialer. Es geht um das Aufbegehren der Jugend gegen die Meinungsdiktatur der Alten. Wie hat mich das früher genervt, wenn mein Vater mir die Welt, die er zuvorderst aus der FAZ und dem Heute Journal kannte, erklären wollte. Aus Protest ließ ich mir die Haare schulterlang wachsen und legte zum Abendessen die Mao-Bibel neben meinen Teller. Weil mich die ständigen Ermahnungen, „du bist zu jung, um das zu verstehen“, „wenn du erstmal in unser Alter kommst, wirst du begreifen, worum es geht“, „das ist eine Sache für Experten und nichts für einen pubertierenden Zehntklässler“, „welcher Freund hat dich da bloß wieder indoktriniert?“, „fahrt doch rüber in die Ostzone und schaut euch an, was der Sozialismus aus einem Land macht“ ECHT nervten. Und nein, ich bin kein Kommunist geworden, weil ich bei Besuchen in der DDR schnell begriff, dass das sozialistische Wirtschaftsmodell deutlich weniger Wohlstand generierte als der Kapitalismus in der westdeutschen Variante. Aber – und das ist der Punkt – ich wollte das EIGENSTÄNDIG erfahren und entscheiden und NICHT von den Generationen meiner Eltern und Großeltern vorgekaut bekommen.

    Paternalismus 3.0

    Deshalb ist die paternalistische Reaktion, „macht erstmal Abitur und studiert was Anständiges“, „woher wollt ihr Grünschnäbel mehr übers Klima wissen als ich, der ich seit vierzig Jahren den Wetterbericht im ZDF anschaue?“, „viel geregnet hat es immer schon und heiße Sommer gab’s bereits vor dem Krieg. Wärt ihr alt genug, wüsstet ihr das“ mit Sicherheit die verkehrte Vorgehensweise, um in einen konstruktiven Dialog mit der Jugend einzutreten. Ich bin oft erstaunt, wie vielen Älteren die Fähigkeit abgeht, ruhig zuzuhören, das Anliegen ernst zu nehmen, auf Augenhöhe mit den jungen Menschen zu diskutieren, ohne nach fünf Minuten den besserwissenden Klugscheißer hervorzukehren, der sich in Allgemeinplätze „das Klima macht seit Millionen Jahren das, was es will. Dafür braucht es euch Weltenretter nicht“ und Desavouierung, „was habt ihr überhaupt studiert?“, flüchtet. Manchem Senior täte echt ein Grundkurs Psychologie für Dummies gut.

    Das Anliegen der Youtuber ernst nehmen bedeutet übrigens nicht, dass man mit den Die-CDU-zerstört-uns/ sich-Vorwürfen zu 100 Prozent d’accord geht. Für meinen Geschmack kranken speziell die ökologischen Forderungen von Rezo & Co. daran, Klima auf eine Ebene mit Gott zu hieven. Einfacher Gedanke: Kein Klima -> kein Leben auf diesem Planeten. Kann man tun, greift aber mMn dennoch zu kurz. Völlig außer Acht gelassen werden bei dieser Simplifizierung nämlich diese zwei Aspekte: Ist ein DRASTISCHER Paradigmenwechsel – denn um einen solchen handelt es sich – den Menschen überhaupt vermittelbar? In der Konsequenz drohen zwangsläufig VIELE Einschränkungen liebgewonnener Konsumgewohnheiten. Da ist dann nichts mehr mit Fastfood, 4x Woche ein Steak in der Pfanne, jedes Familienmitglied besitzt einen eigenen PKW, Billigklamotten bei H+M, 20-Euro-Last-Minute-Flügen nach Mallorca, Latte Macchiato to go, alle zwölf Monate ein neues Smartphone etc. pp. Und – ebenfalls nicht ganz unwichtig beim Marsch in das neue ökologische Zeitalter –: Wie sehen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt aus? Die freigesetzten Mitarbeiter von Ryan Air werden einen Tag später im E-ÖPNV-Wesen angestellt? Die arbeitslosen Rinder- & Schweinezüchter, Schlachter und Metzger finden schnelle Anschlussjobs in der Sojamilch- und Kieselerde-Industrie? Die ehemaligen Primark-Verkäuferinnen verteilen als Öko-Politessen Strafzettel an die letzten noch übriggebliebenen benzingetriebenen Dinosaurier-Kfz? Das sind alles nachgelagerte Problemkreise, meinen Sie? Zuerst MUSS das Klima gerettet werden, sonst erübrigen sich all diese Fragen aufgrund Aussterbens der Menschheit von selbst. Okay, okay, ich hör schon wieder auf mit meiner Erbsenzählerei.

    Kritik an der Kritik ist legitim

    Was aber klar werden sollte: allein den Politikern die Schuld für die Klimamisere in die Schuhe schieben zu wollen, ohne dabei sein eigenes Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen, ist wohlfeil. Womit wir bei Kritikpunkt Nr. 2 angelangt sind: nicht wenige der in zweitem Video auftretenden Influencer verdienen ihr Geld damit, Luxusartikel zu promoten. Ich bin wahrlich niemand, der fordert, dass ein Prophet buchstabengetreu gemäß den Sätzen seiner Heilslehre leben muss. Aber die Diskrepanz darf auch nicht so groß werden, dass man unglaubwürdig rüberkommt. Was dicke Karren, Jetset-Reisen in die Emirate und teure Kosmetika mit umweltschonendem Verhalten zu tun haben, muss man mir erstmal langsam erklären. Weil so richtig begriffen habe ich das bisher nicht.

    Und last but not least – bei aller Kritik an Union und SPD: Zum Boykott dieser beiden Parteien aufzurufen, hinterlässt bei mir einen schalen Nachgeschmack. Sie sind es gewesen, die die Bundesrepublik auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs gebaut, in die EU geführt, dort fest verankert und mittels ihrer Wirtschaftspolitik unseren aktuellen Wohlstand begründet haben. Deshalb muss heutzutage kein Mensch diese zwei Volksparteien (streng genommen ist ja bloß die Union noch eine) wählen oder übertriebene Dankbarkeit zeigen. Politik ist ein schnelllebiges Geschäft, was gestern war, interessiert an diesem Nachmittag niemanden mehr. Aber Union und Sozialdemokratie in die Ecke der Weltzerstörer rücken zu wollen, halte ich für MAßLOS übertrieben. Völlig egal, ob das Verb „zerstören“ im Youtube-Jargon eine mildere Bedeutung besitzt als in der Normalsprache. Speziell mit dem Aufruf in Clip Nr. 2 schießen die Influencer weit übers Ziel hinaus und schaden ihrem begründeten Anliegen mehr als zu nützen.

    Um zum Ende des Textes zu kommen – denn genauso schlimm wie zu lange Analyse-Videos sind ausufernde Kolumnen – meine, völlig unverbindlichen, Tipps an die neuen Politbeeinflusser lauten:
    ▪ Am Ball bleiben. Es darf jetzt nicht wieder durchgängig business as usual (Musik, Gaming, Klamotten, Kosmetik) eintreten
    ▪ Das Klimathema voranbringen, ohne gleichzeitig verdiente Parteien bloßzustellen
    ▪ Darauf achten, dass Botschaft und Akteure halbwegs zusammenpassen. Lamborghinis und Flüge kreuz und quer über den Globus kriegt man beim besten Willen nicht in das Label „Umwelt & Nachhaltigkeit“ verpackt. Das mag einmal funktionieren, spätestens bei der dritten Wiederholung werden sich die Likes zu Dislikes und die bisher positiven zu negativen Kommentaren wandeln
    ▪ Kritik an den Kritikern ist legitim. Die Influencer sind – im Gegensatz zu den FfF-Schülern – Profis, die mit Gegenwind rechnen und den aushalten müssen.

    Wir sollten jedoch alle, völlig egal, ob wir Rezos Meinung(en) teilen oder es nicht tun, dem Youtuber dankbar dafür sein, dass er den leicht angestaubten Kommunikationsabteilungen von CDU und SPD gezeigt hat, wie erfolgreiche virale PR geht.

  • Mal wieder ne Diskriminierungsgeschichte

    Mal wieder ne Diskriminierungsgeschichte

    „Überhaupt nichts los auf allen Kanälen, was für ne Klatschkolumne taugt“, jammere ich, „wenn die Flaute anhält, bin ich demnächst arbeitslos.“
    „Was ist mit dem Strache-Video?“, fragt meine Bekannte.
    „Dazu wurde schon alles gesagt und geschrieben. Die zwei besten Zusammenfassungen im Netz lauten: ‘Dös wor hoid a komplett bsoffene G’schicht‘ und ‘Das Beruhigende an der Story ist, dass man die Rechten weiterhin mit Koks, Nutten und Schwarzgeld aufs Glatteis führen kann‘. Mehr man muss dazu echt nicht wissen.“
    „Wie wär‘s mit Jamie Oliver?“
    „Warum der?“
    „Von dem die Restaurantkette ist pleite, weil die Kunden lieber Fastfood als seine fett- und zuckerreduzierten Angebote essen wollen.“
    „Nette Story“, sage ich, „aber von Kochen und Restaurants habe ich zu wenig Ahnung. Muss ich mich erst einlesen in die Materie. Deshalb: NEIN.“
    „Und der verunglückte Auftritt von Madonna beim ESC?“
    „Fällt in Ulfs Ressort.“
    „Viel bleibt jetzt nicht mehr übrig“, sagt sie, „was hältst du vom Wahl-O-Mat?“
    „Was soll ich von dem halten? Hab vor zwei Wochen mal dran rumgespielt.“
    „Das reicht als Expertise“, meint sie.
    „Ist voll das Langweilerthema“, seufze ich.
    „Nimm’s oder werd‘ arbeitslos.“

    Und nun sitze ich tatsächlich an der Wahl-O-Mat-G‘schicht, die allenfalls für einen Miniaufreger taugt, und versuche, damit hundert Zeilen vollzukriegen.

    Was war Dramatisches passiert?

    Knapp eine Woche vor der Europawahl hat das Verwaltungsgericht Köln auf Antrag der Partei Volt Deutschland am Montag der Bundeszentrale für politische Bildung untersagt, ihr Internetangebot Wahl-O-Mat in seiner derzeitigen Form zu betreiben. Konkret beanstandete die Kammer den Anzeigemechanismus der Auswertung. Gegen den Beschluss kann allerdings Beschwerde eingelegt werden, über die das Oberverwaltungsgericht in Münster entscheidet.
    © FAZ vom 20.05.2019

    Bedeutet: das Maschinchen erlaubt bei der Auswertung maximal acht Gegenüberstellungen und vergleicht das individuelle Antwortverhalten nicht automatisch mit allen 41 zur Wahl stehenden Gruppierungen. Diese Art der Darstellung benachteilige die kleinen Organisationen, behauptet die Partei VOLT, die dadurch das verfassungsrechtlich gewährleistete Recht der Antragstellerin auf Chancengleichheit verletzt sieht.

    Kann man so sehen, muss man aber nicht. Zum einen: irgendwer fühlt sich ständig benachteiligt. Die Alkoholiker, weil sie in manchen Kneipen nach zwanzig Uhr Hausverbot haben, die ü30 Hausfrauen, weil Heidi Klum in ihre Show immer nur Teenager einlädt, die AfD, weil man sie angeblich zu weniger Talkrunden hinzubittet als die anderen Bundestagsfraktionen, der BVB, weil er immer nur Zweiter wird, ich, weil meine Eltern mich viel zu spät im Fußballverein anmeldeten und so meine Profikarriere beim FC verhinderten. Die Liste ist – vor allem in Deutschland – endlos. Zum anderen gehört ein gewisser Grad an Chancenungleichheit halt zum Leben dazu. Ich heul ja auch nicht rum, weil ich nicht aussehe wie Brad Pitt und deshalb bei den Bräuten weniger Lauf habe als der Hollywood-Beau.

    Aber: man kann es natürlich so sehen wie Volt und sich benachteiligt fühlen, wenn man bei der 8er-Auswahl nicht angeklickt wird. Die – bisher allerdings nicht verifizierte – These lautet: tauchten wir automatisch in der Auswertung auf und würde der Wähler den hohen Grad der Übereinstimmung mit uns plakativ vor Augen geführt bekommen, erhielten wir (deutlich) mehr Stimmen, als wenn wir im Wahl-O-Mat unter „ferner liefen“ einsortiert sind.

    Der Teufel scheißt auf den größten Haufen

    Dazu möchte ich kurz die Geschichte MEINER Wahlentscheidung erzählen. Keine Sorge: wirklich ganz kurz. Als Wechselwähler, der sein Kreuz nicht qua Sozialisation und Gewohnheit reflexartig an derselben Stelle setzt, reift der Entschluss allmählich. Entscheidungshilfen sind dabei Tageszeitungen, Politmagazine, Nachrichtensendungen, Talk Shows, Unterhaltungen mit realen und digitalen Bekannten. Der Wahl-O-Mat ist dabei ein nettes Gimmick on top. Sollte die Partei, die ich präferiere, auf den Plätzen 1 bis 3 auftauchen, fühle ich mich bestätigt. Von 4 an abwärts wunderte ich mich. Bei einer Übereinstimmung, die geringer als 50 Prozent ausfiele, würde ich entweder die Auswertemethode der Maschine oder meine bisherige Entscheidung in Frage stellen. Schlechter als Rang 2 bzw. 70% gab’s bei mir allerdings noch nie. Soll heißen: der Wahl-O-Mat dient mir vor allem zur Untermauerung und nicht als primäre Entscheidungshilfe. Einzig im Fall einer großen Plan-Ist-Diskrepanz würde ich überlegen, ob ich mit meinen individuellen politischen Präferenzen woanders nicht besser aufgehoben wäre. Z.B. (VÖLLIG fiktives Beispiel) statt Grün dann lieber Die Linke wähle. Ich käme allerdings nicht auf die Idee, mir alternativ eine marxistische Splitterpartei auszusuchen, weil ich keine Lust habe, meine Stimme zu verschenken. Und genau hier stößt man übrigens auf die wahre Benachteiligung der Kleinen: der Teufel scheißt gerne auf den größten Haufen. An diesem weitverbreiteten Schwarmverhalten ändern weder die Nicht-Existenz der Sperrklausel bei der Europawahl noch die erweiterten Vergleichsmöglichkeiten  beim Wahl-O-Mat das Geringste. Zudem – was nützt es mir, wenn eine Mikropartei einen (als Zahl geschrieben: 1) Abgeordneten ins EU-Parlament entsendet, während die anderen Fraktionen in Bataillonsstärke in Brüssel und Straßburg einrücken?

    Ob nun im Wahl-O-Mat durchgängig „die richtigen“ 38 Fragen gestellt wurden, ob es technische Gründe sind, die bei der Gegenüberstellung zu einer Reduktion auf 8 Vergleiche zwingen, ob die Bundeszentrale für politische Bildung die Kleinparteien ungewollt(?) benachteiligt (die Neuen Liberalen, eine weitere sich ungerecht behandelt fühlende Gruppe aus der 41er-Liste, werfen dem Präsidenten der bpb, Thomas Krüger, sogar gezielte Wahlbeeinflussung vor) – keine Ahnung. Der Politologe Stefan Marschall, Ordinarius an der Universität Düsseldorf, sieht es interessanterweise abweichend so:

    Die Logik dieser Auswahl von acht Parteien ist, dass man sich entscheiden soll, mit wem man sich selbst vergleichen möchte. Also die Nutzerinnen und Nutzer haben die Möglichkeit, selbst darüber zu befinden, mit wem sie sich konfrontieren lassen möchten. Und es soll eine übersichtliche Anzahl von Parteien sein. Es sollen nicht 40 Parteien sein, sondern eine Gruppe, die sich einigermaßen überblicken lässt.

    Bringt keine einzige zusätzliche Stimme

    Ich wage die Prognose, dass die einstweilige Anordnung den klageführenden Gruppierungen keine einzige zusätzliche Wählerstimme beschert. Denn nun befindet man sich in der unkomfortablen Position des Spielverderbers. Was bei der ganzen Diskriminierungsdiskussion nämlich völlig außer Acht gelassen wird, ist der Umstand, dass der Wahl-O-Mat neben dem reinen Aufzeigen des Grads der Übereinstimmung ebenfalls die Funktion erfüllt, Menschen, die sonst vielleicht nicht wählen gehen würden, spielerisch an die Materie heranzuführen. Die Maschine als Instrument zur Steigerung der Wahlbeteiligung. Rd. sechseinhalb Millionen Aufrufe bis zum Zeitpunkt des abrupten Abschaltens sprechen da eine klare Sprache. So wie die Grünen für alle Ewigkeit mit dem Stigma der Sprit-soll-5 Euro-kosten-Partei behaftet sind, wird man bei VOLT und Neuen Liberalen – falls man sich deren Namen überhaupt einprägt – noch lange sagen: „Sind das nicht die gewesen, die damals aufgrund von Diskriminierungsgedöns den Wahl-O-Mat killen wollten?“ Ob die Beantragung des Vom-Netz-Nehmens deshalb ein kluger oder doch bloß ein rechthaberischer Schachzug war, werden die Ergebnisse am kommenden Sonntag zeigen.

    Nun habe ich tatsächlich die 100 vollbekommen und stoppe an dieser Stelle, weil das vom Standpunkt des Klatschkolumnisten aus betrachtet langweilige Thema keine 101ste Zeile wert ist.

    EDIT, 23.05., 13h: Die Neuen Liberalen machen mich darauf aufmerksam, dass sie nicht die Initiatoren der Einstweiligen Anordnung sind. Sie hätten – ganz im Gegenteil – bei Gericht einen Antrag auf rasches Wiederhochfahren der Maschine gestellt. Allerdings zu ihren Konditionen, die da lauten: es müssen automatisch ALLE 41 Parteien zum Vergleich angezeigt werden, eine Vorabauswahl mit 8 wäre dann nicht mehr möglich. Die bpb sieht das anders und wartet nun erstmal die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster ab, bevor der Wahl-O-Mat erneut ans Netz geht (oder alternativ weiterhin abgeklemmt bleibt).

  • Das große Äquidingsbums

    Das große Äquidingsbums

    »70«, sagt meine Psychologin.
    »WAS?!«
    »10 mehr als beim letzten Mal.«
    »Oh weh.«
    »Bei 80 müssen wir über eine medikamentöse Behandlung nachdenken.«
    »Das auch noch«, seufze ich.
    »Das Verblödungsmeter lügt nicht«, sagt sie. »Sie sind selbst schuld an Ihrem Zustand. Seit Jahren Facebook mit erschreckend hoher Stundenzahl am Tag. Wie oft habe ich Ihnen geraten, das sein zu lassen oder zumindest zu reduzieren. Und jetzt auch noch Instagram. Kein Wunder, dass Ihr IQ in den Keller rutscht und die Verblödung nach oben schnellt. Schlafen Sie überhaupt noch, oder sind Sie mittlerweile 24/7 online?«
    »Ich schlaf schon«, sage ich.
    »Lesen Sie mal wieder ein gutes Buch, statt ihr Gehirn im Internet zu pulverisieren.«
    »Wann soll ich das denn tun? Keine Zeit für Bücher.«
    »Sollte der Wert beim nächsten Mal die 80 überschreiten, verschreibe ich Ihnen IQ-Training und ein paar flankierende Präparate. Es liegt einzig in Ihrer Hand, dass das nicht notwendig wird.«

    Nun ist unbestritten, dass der Internet-basierte Verblödungsgrad der Deutschen im Allgemeinen – und meiner im Besonderen – in beängstigendem Ausmaß zunimmt. Sobald ich die 100 erreiche, und weit entfernt liegt dieser Zeitpunkt nicht mehr, lässt mich meine Psychologin stationär einweisen. Da kennt die nichts. Ein halbes Jahr IQ-Training unter Aufsicht bei gleichzeitigem kompletten Social-Media-Entzug. Allein, wenn ich dran denke, graut mir schon davor. Aber bei all der Lamentiererei über die ständig sinkenden kognitiven Fähigkeiten eines Großteils der Bevölkerung darf nicht unterschlagen werden, dass uns Facebook auch Begriffe beschert, die wir ohne dieses Medium nie kennengelernt hätten. Zum Beispiel die Äquidistanz.

    Die schwierige Lehre vom identischen Abstand

    »Hä?«, sagen Sie, »was soll das denn sein? In meinem Facebook gibt’s kein solches Äquidingsbums. Wo treiben Sie sich denn rum, Herr Kolumnist«?

    Gut, ich schiebe eine kurze Begriffserklärung vor.
    [Wussten Sie übrigens, dass es im Deutschen nur ganz wenige Substantive gibt, die mit Ä beginnen? Beispielsweise: Äffchen, Äonen, Äquatorial-Guinea, Ärmelschoner, Ärztekongress, Ärger und Ärsche].
    »Schweifen Sie nicht ab und kommen Sie schnell zum Punkt. Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist nicht unendlich groß«, wenden Sie jetzt ein? Okay, okay, ich werde Gas geben und mich beeilen.

    Erstmal müssen wir den sperrigen Begriff in verständliche Sprache transformieren.
    Äquidistanz bedeutet:

    (a) Geometrie: die Eigenschaft von Punkten (der Ebene oder des Raums), die von zwei vorgegebenen geometrischen Objekten wie Punkten, Kurven oder Flächen den gleichen Abstand besitzen.
    (b) Übertragen in die Politik: gleicher ideologischer Abstand zu anderen politischen Akteuren.

    Soweit alles verständlich? Fall nein: richten Sie Ihre Fragen bitte an die Redaktion und nicht an mich persönlich, denn ich habe von Geometrie Null Ahnung.

    Wo Äquidistanz drinsteht, sind Whataboutism, Framing, Filterblase und Echokammer zumeist nicht weit. Müssen Sie, wenn eines dieser Worte demnächst mal wieder fällt, aufpassen. Sie können die Uhr danach stellen, dass spätestens nach fünf Minuten auf „Das ist ein unzulässiger Whataboutismus“ die Replik „Kein Wunder, dass Ihre argumentativen Fähigkeiten stark limitiert sind. Sie bewegen sich ja einzig in Ihrer eigenen Filterblase“ erfolgt.  Sobald der Ruf „Echokammer!“ erschallt, weiß man, dass es gleich unschön werden wird. Bis schlussendlich jemand „Kindergarten“ in die Runde wirft, woraufhin alle Beteiligten schlagartig verstummen.

    „Ich bin die Mitte“

    Die Lehre von der Äquidistanz setzt zweierlei voraus:

    1. Ich weiß, wo die Mitte verortet ist
    2. Ich selbst befinde mich (ständig) in derselbigen

    Nun wüsste ich persönlich nicht immer auf Anhieb, wo beim Vorschlag einer Steuererhöhung oder der Ausweisung eines neuen Baugebiets die Mitte zu suchen ist. Hat die Fraktion Recht, die die Steuer erhöhen will, oder ist es vernünftiger, das aktuelle Niveau beizubehalten oder den Satz ganz im Gegenteil abzusenken? Oder sind diejenigen mittig, die erstmal einen Arbeitskreis ins Leben rufen wollen, um Pro & Contra ein paar Jahre lang zu debattieren? Ich bin bei solchen Sachen völlig unschlüssig bis hin zu verwirrt und vermute, dass der Äquidistanzist oft vor demselben Dilemma wie ich steht – also ad hoc ebenfalls nicht weiß, wo die Mitte zu suchen ist – und sich deshalb eines Tricks bedient: er setzt den eigenen Standort = absoluter Zentralpunkt. Kann man tun und hoffen, dass es niemandem auffällt. Und damit die anderen auch möglichst gar nicht auf die Idee kommen, mal kritisch nachzufragen, anhand welcher Berechnungsmethode das schmale politische Intervall kalkuliert wurde, das der Äquidistanzist als tolerabel anerkennt, wiederholt er mehrmals täglich laut folgende Formel: „Ich bin die Mitte“ bzw. „Die Mitte bin ich“. Die Festlegung der Null-Schnittstelle qua Dogma. Funktioniert. Also: funktioniert häufig. Knifflig wird es, wenn zwei Äquidistanzisten mit abweichenden Mittelpunkten aufeinandertreffen. Das geschieht allerdings in der Praxis äußerst selten – schon alleine aus dem Grund heraus, weil die Lehre von der Äquidistanz eine sehr neue ist und erst eine Handvoll Anhänger um sich schart -, weshalb wir diesen Spezialfall im Folgenden nicht näher beleuchten.

    Distanzieren als Lebensaufgabe

    Wer (a) „Ich bin die Mitte“ sagt, muss sich in der logischen Konsequenz (b) dauernd von irgendwas distanzieren. Und zwar gleichzeitig, was die Sache etwas tricky macht. Beispielsweise: „Die Vorkommnisse in Chemnitz waren unschön. Aber was da beim G20-Gipfel in Hamburg gelaufen ist, war nicht nicht minder kriminell“. Okay, warum nicht? Bei der einen Randale ging’s zwar um Ausländer-Bashing und bei der Zweitgenannten um Sachbeschädigung. Aber auf der Meta-Ebene Jura für Fortgeschrittene handelt es sich in beiden Fällen um gravierende Gesetzesverstöße. Als Äquidistanzist ist es also legitim, sich von beiden Vorkommnissen gleichermaßen abzugrenzen. Ach so, bevor ich das vergesse: die Anhänger der Äquidistanz-Lehre verhalten sich 24/7 VÖLLIG gesetzestreu. Die laufen aus dem Kino raus, um Geld in die abgelaufene Parkuhr nachzuwerfen. Denn wichtiger als die Schlussszene eines Films ist die unbedingte Einhaltung von Regeln. Ab drei Ordnungswidrigkeiten droht nämlich die Aberkennung des Mittige-Mitte-Status und die Herabstufung in normaler Mensch mit individuellen politischen Vorlieben, die mal rechts und mal links um den Nullmeridian herumpendeln. Dieses Risiko will kein Äquidistanzist eingehen.

    „Victor Orban ist ein rechter Populist. Natürlich“, sagt er und fügt eine Sekunde später folgenden Satz hinzu: „Aber schaut euch die Länder an, in denen linke Volkstribunen am Ruder sind. Da geht’s noch schlimmer zu als in Ungarn“. Auf die Distanzierung von der aggressiven Handelspolitik der USA folgt die Distanzierung von den Urheberrechtsverletzungen Chinas, die Distanzierung vom ungezügelten Kapitalismus Trumpscher Prägung bewirkt die Distanzierung von Kühnerts Kollektivierungsträumen, genauso schlimm wie die EU-Gegner sind diejenigen, die Brüssel blind vertrauen. Sobald ich mich als Kölner von Bayer 04 Leverkusen distanziere, muss ich im nächsten Atemzug einräumen, dass auch beim FC vieles im Argen liegt und ich mich gefühlsmäßig von den Bayern genauso weit äquidistanziere wie von Dortmund. Überzeugten Äquidistanzisten gelingt es sogar, die (rechte) Blockade von Flüchtlingsheimen und Bussen in Zusammenhang mit dem Schulschwänzen der (linken?) Fridays-for-Future-Jugend zu bringen, und sie halten in der Konsequenz von beiden exakt dieselbe Armlänge Abstand. Erinnert mich ein bisschen an die Reaktion meines Vaters, wenn der Name Hitler fiel. „Der war ein ausgemachter Schurke!“, rief er, „Aber was der Stalin in Russland veranstaltet hat, oh weh!“. Das sei Whataboutismus, meinen Sie? Mag sein, wobei mein Vater diesen Begriff nicht kannte, jedoch Hitler stets im Doppelpack mit Stalin erwähnte. Aber eventuell liegen Äquidings und Whataboutbums näher beieinander, als wir es bisher vermutet haben. Für die Anhänger der reinen Lehre bedeutet es zwangsläufig ständige Distanziererei – die sich in schweren Fällen bis zu chronischer Distanziereritis steigern kann –, die mir persönlich echt zu anstrengend wäre. Als Kölner käme ich sowieso niemals auf die Idee, mich vom FC zu distanzieren und Leverkusen nicht zu hassen. Aber ich bin auch kein Äquidistanzist, sondern nur ein kleiner Kolumnist.

    PS. Ich entschuldige mich für die häufige Verwendung des Begriffs Äquidistanzist. Ich such sonst schon nach Synonymen. Aber hier gibt’s keine. Eventuell: Der/ die Identische-Abstand-Halter/ in. Das klingt aber irgendwie komisch, finde ich.

  • Kevins Traum

    Kevins Traum

    „In der Wirtschaftsordnung, die ich mir vorstelle, gäbe es auch kein Eigentum an Wohnraum mehr“, hatte Jusochef Kevin Kühnert (29) vor ein paar Tagen in einem Interview mit der ZEIT als seinen Traum benannt und wie nicht anders zu erwarten, brach in den sozialen Netzwerken binnen Minuten ein mittelschwerer Shit-Tsunami über ihn herein.

    Beginnend mit:

    Von Venezuela lernen, heißt siegen lernen

    über:

    Ich glaube in ihnen haben sich viele SPD’ler getäuscht Herr Kühnert, sie stehen nicht für die Zukunft der Sozialdemokratie, sondern für die Fortsetzung von 40 Jahren gescheiterter Planwirtschaft und Zentral-Staatlichkeit

    bis hin zu:

    Was soll man von einem erwarten, der nach dem Abitur nie was Richtiges gearbeitet hat und sich seitdem vom Steuerzahler aushalten lässt?

    konnte man hier VIEL Empörung entdecken. Nun sind ja Facebook und Twitter nicht unbedingt für ihren intellektuellen Tiefgang bekannt, weshalb das Bäh-der-Sozialismus-ist-abgrundtief-böse-Geseiere von User Alfred Klappspaten* aus Gelsenkirchen-Buir nicht weiter überrascht. Mich persönlich interessierte deshalb mehr die Reaktion der politischen Klasse.

    Kaum Rückhalt bei den Etablierten

    Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ließ verlautbaren:

    Das ist ein verschrobenes Retro-Weltbild eines Fantasten, der irgendwie mit dem System hier nicht zufrieden ist. Wenn du so einen in der Partei hast, kannst du eigentlich zusperren

    Ins selbe Horn stoßen:

    Ich hätte nie geglaubt, dass unser alter Wahlslogan ‚Freiheit statt Sozialismus‘ noch mal bei einer Wahl so aktuell ist
    © Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)

    Herr Kühnert zeigt erhebliche Arroganz
    © Linda Teuteberg (FDP)

    #undsoweiterundsokartoffelsalatmitwürstchen.

    Warum der Vorschlag der Enteignung von Miethai-Wohnungsgesellschaften jetzt mehr retro sein soll als die Idee einer dringend notwendigen konservativen Revolution im Land, erschließt sich einem wohl nur, wenn man seit Geburt CSU-Mitglied ist und an zwanzig Klausurtagungen in Kloster Banz teilgenommen hat. Aber unterm Strich überraschen die Äußerungen der Vertreter der bürgerlichen Parteien dann aber doch nicht sonderlich. Mit deren MG-salvenartiger Gegenwehr und danach drei Gottseibeiuns war zu rechnen gewesen.

    Ärgerlicher – zumindest aus der Sicht Kühnerts – sind sicherlich die Reflexe seiner SPD-Parteigenossen:

    Was für ein grober Unfug. Was hat der geraucht? Legal kann es nicht gewesen sein.
    © Johannes Kahrs

    Gott sei Dank liegt meine Juso-Zeit schon über 30 Jahre zurück
    © Olaf Scholz:

    Das ist übrigens die Methode Trump
    © Sigmar Gabriel

    Demokratischer Sozialismus = Glaubensbekenntnis der SPD

    Speziell dem Lordsiegelbewahrer der Schwarzen Null und Bankenversteher Scholz wäre ein Auffrischungsseminar in SPD-Dogmatik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu wünschen. Denn: Kühnert wiederholt sozialdemokratische Selbstverständlichkeiten:

    Unsere Geschichte ist geprägt von der Idee des demokratischen Sozialismus, einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, in der unsere Grundwerte verwirklicht sind. Sie verlangt eine Ordnung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, in der die bürgerlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechte für alle Menschen garantiert sind, alle Menschen ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, also in sozialer und menschlicher Sicherheit führen können.
    © Hamburger Programm der SPD von 2007, S. 16

    Und vermutlich ist das, was Kühnert raucht, bekömmlicher als das, was Kahrs konsumiert, bevor er Kommentare in die Twitter-Maske reintippt.

    Dass der keine nationalen Grenzen (aner-) kennende Kapitalismus nicht nur Wohlstand, Frieden und stabile demokratische Verhältnisse gebiert, müsste sich mittlerweile selbst bei den Hardcore-Liberalen der Hayek-Schule rumgesprochen haben. Das globale Sozialprodukt mag zwar ständig wachsen und gedeihen, doch was nützt das jährliche Aufblähen der Torte, wenn ein immer größerer Teil der Esser einen immer kleineren Anteil vom Kuchen erhält, es bei manchen noch nicht mal mehr für regelmäßige Krümel langt? Das sei die Schuld der Armen selbst, meinen Sie? Die müssen eben bis zum Abitur durchhalten und danach was Anständiges studieren, dann wäre die Misere ganz schnell beendet, so lautet seit vielen Jahren das Armutsüberwindungs-Mantra aus der bürgerlichen Ecke. Dieser Vorschlag fällt zum einen in die Kategorie „In the long run we are all dead“, zum anderen ist es ein frommes Märchen, dass jedem von uns in der Realität die gleichen Aufstiegschancen offenstehen. Kinder aus finanzschwachen und bildungsfernen Familien erhalten weitaus seltener Gymnasialempfehlungen als ihre Grundschulklassenkameraden, deren Eltern eine akademische Laufbahn absolviert haben. Zumal eine 100%-Studienquote die Probleme von Arbeitslosigkeit und Schlechtentlohnung nicht lösen würde. So lange es mehr arbeitssuchende Zeitgenossen als Arbeit gibt, so lange wird es auch möglich sein, Jobs, deren Bezahlung knapp das Hartz4-Niveau überschreitet – mitunter sogar unterschreitet –, auszuschreiben. Und diese negative Tendenz wird sich aufgrund zunehmender Ersetzbarkeit des Menschen durch intelligente Maschinen in den kommenden Jahren eher weiter verschlechtern als verbessern.

    Wovon ein Jusochef eben so träumt

    Ich will Sie aber an diesem Sonntagnachmittag nicht mit Bildungspolitik und Horrorzukunftsszenarien langweilen, sondern auf die zwei Kernbilder in Kevins Traum zurückkommen, die da lauten:

    (1) Keine privaten Vermietungen
    (2) Kollektivierung von Großunternehmen

    Er hat im Interview übrigens ne Menge mehr gesagt, aber herausgepickt wurden nun mal die beiden o.g. Forderungen, weshalb ich mich im Folgenden auf die beschränken will.

    Ich bin völlig bei ihm, wenn er ein Grundrecht auf Wohnraum fordert. Es kann nicht sein, dass Menschen – völlig egal, ob sie arbeiten oder gerade von Arbeitslosigkeit betroffen sind – aufgrund explodierender Mieten von Obdachlosigkeit bedroht werden oder sich gar bereits in ihr befinden. Entweder schafft es die private Wirtschaft, Wohnungen in ausreichender Menge – und bezahlbar!! – aus dem Boden zu stampfen, oder aber der Staat muss hier die Grundversorgung sichern. Was er bspw. beim ÖPNV tut, woraus man nun die Schlussfolgerung herleiten könnte, dass ihm der Transport von A nach B wichtiger zu sein scheint, als dass alle seine Bürger ein Dach über dem Kopf haben. Eine der größten Schnapsideen der – an Schnapsideen nicht gerade armen – 80er Jahre war sicher der Verkauf von in kommunalem Eigentum stehenden Wohnungsgesellschaften an private Betreiber. Seinerzeit von den Chronisten auf den Punkt gebracht mit: Wir verramschen unser Tafelsilber. Was der neue Eigentümer damit anstellt, ist uns egal. Der Markt wird’s schon richten.

    Allerdings muss man aus dem Grundrecht auf Wohnen nicht zwingend ableiten, dass ab sofort niemand mehr als EINE Wohnung besitzen darf. Warum sollen wohlhabende Familien und Unternehmen nicht hundert oder tausend(e) Wohnungen im Bestand halten und verwalten dürfen? Welchem Armen ist damit geholfen, wenn ein Reicher einem anderen Reichen kein Appartement/ kein Haus mehr vermieten darf? Das Ein-Wohnung-Paradigma ist ähnlich sinnvoll wie die Ein-Auto- oder Ein-Goldzahn-Theorie.

    VEB BMW -> Trabi

    Anderes Terrain betreten wir bei produzierenden Einheiten. Dass kollektivierte Betriebe effizienter, produktiver, marktgerechter oder auch nur intern demokratisch mitbestimmter agieren als privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen, glauben einzig DDR-Nostalgiker. Welchen Zusatznutzen er im Sinn hat, wenn eine funktionierende Aktiengesellschaft nachträglich in eine (wahrscheinlich weniger gut funktionierende) Genossenschaft umgewandelt wird, hat uns Herr Kühnert im Interview leider nicht verraten. Zumal mir auch nicht klar ist, was die genossenschaftliche Rechtsform sowohl nach Außen als auch nach Innen für Vorteile bringen soll. Die (genossenschaftliche) Volksbank, bei der ich früher mein Sparbuch aufbewahrte, zahlte weder höhere Zinsen für Einlagen, noch vergab sie Kredite zu günstigeren Konditionen, noch erhielten die Mitarbeiter eine bessere Entlohnung oder arbeiteten weniger Stunden pro Woche als ihre Kollegen von der Commerzbank schräg gegenüber. Eine AG in eine Genossenschaft transformieren zu wollen, ist deshalb reine Augenwischerei. Und bei einem VEB BMW, eingebettet in das Kombinat Benzingetriebene Straßenfahrzeuge, würden nach zwölf Monaten Autos in der Qualität des Trabi – allerdings zum Preis des 7er Modells – direkt vom Band in die Resteverwertung rollen, da sich keine Käufer für die Luxus-Schrottkarren made in München mehr finden ließen. In Jahr 3 wäre der Laden pleite.

    Wer, wenn nicht die Jungen, soll von einer besseren Welt träumen?

    Von daher bleibt ein zweigeteiltes Fazit zu Kühnerts Traum: den Finger in die richtige Wunde legt er beim Thema Wohnraum. Hier muss dringend ein staatlicher Chirurg ran, der das schwärende Loch, das die Mietpreisexplosion reißt, fachgerecht schließt, damit sich aus dem aktuell noch mittelschweren Wund- nicht binnen Jahresfrist ein Flächenbrand à la Gelbwesten entwickelt.

    In Zielrichtung auf BMW schleppt der Jusochef dann allerdings ohne Not den seit vielen Jahrzehnten im Geschichtsmuseum für gescheiterte Experimente deponierten Werkzeugkoffer der beiden Ururgroßonkels Karl und Friedrich herbei und will mit Instrumenten, die sich JEDES Mal, wenn sie zur Anwendung gelangten, als komplett untauglich erwiesen, den Kapitalismus überwinden. Warum? Nur weil das Unternehmen in der Rechtsform einer AG betrieben wird, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Das Gegenteil ist der Fall: Bei all der Mitbestimmung und den vielen Arbeitszeitmodellen, die dort vorzufinden sind, hat er mit den Bayern definitiv das falsche Beispiel ausgewählt. Was dem Rechten seine Phobie vor Einwanderung ist manchem Linken der Schüttelfrost bei Konzernen. An dieser Stelle ist es besser, wenn die Vision nur ein Traum bleibt und niemals Realität wird.

    Jedoch – wer, wenn nicht der Vorsitzende der Jungen SOZIALISTEN, soll Gedanken formulieren, die sich links des seit vielen Jahren müde vor sich hinplätschernden Mitte-Mainstream-Rinnsals bewegen? Kühnert stellt die richtigen Fragen, findet aber ad hoc nicht immer die richtigen Antworten darauf. Das ist mir persönlich allerdings lieber als das Tabuisieren und Ausblenden der zwei großen Allzeitdauerbrenner: gerechte Verteilung & menschenwürdige Partizipation. Etwas mehr Kühnert bei gleichzeitig weniger Bankenfusionstamtam und Hartz 4-Gläubigkeit täte der alten Tante SPD sicher gut.

    PS. der Autor dieser Zeilen ist übrigens weder Sozialist noch eingefleischter SPD-Wähler, hat aber kein Problem damit, wenn junge Menschen von was anderem träumen als alte Säcke, die ihre träge Bloß-keine-Experimente-Philosophie beschönigend mit der Vokabel Realismus übertünchen

    * Name und Ort vom Verfasser VÖLLIG frei erfunden, Nicht, dass mir die Freunde des realen Herrn Klappspaten die Bude mit Unterlassungserklärungen einrennen

  • Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    »Sie sind ein Riesenarschloch«, schreibt der eine.
    »Das müssen ausgerechnet Sie Vollpfosten mir sagen«, schreibt der andere zurück.
    »Vollpfosten ist justiziabel«, kommt’s nach wenigen Sekunden vom Ersten.
    »Und Riesenarschloch sowieso. Klage schon raus«, reagiert der Zweite.
    »Blockiert euch gegenseitig. Dann braucht ihr euch nicht mehr zu lesen und an die Gurgel zu gehen. Ist zudem gesünder für den Blutdruck«, versucht ein Dritter zu schlichten. Allerdings vergeblich. Einen Tag später sind beide Kontrahenten von den Admins jeweils für eine Woche aus dem Verkehr gezogen. Zwangsferien statt freiwilliger Mäßigung. (*)

    »Facebook ist für einige der Ersatz für die Südkurve. Digitaler statt analoger Frustabbau«, erklärt mir eine Bekannte. Das ist ein Seitenhieb auf mich, weil ich früher treuer Besucher des FC war und mich hin und wieder (aus purer Notwehr!!) in der Südkurve ein bisschen geprügelt habe. LANGE her. Mittlerweile rege ich mich über die ewige Fahrstuhlmannschaft nur noch allein zu Hause – bei geschlossenen Fenstern und Türen – auf.

    Losgelöst von den ewigen Fragestellungen, nach welchen Kriterien Facebook sperrt, ob die Admins Menschen oder Maschinen sind – und falls Menschen: welchen IQ sie aufweisen –, ob die Sperrungen automatisch erfolgen oder der (angebliche) Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards vorher von einem User gemeldet werden muss, soll im folgenden Text der Versuch einer Ehrenrettung des völlig zu Unrecht in die Kategorie „justiziable Beleidigung“ einsortierten Begriffs Arschloch unternommen werden.

    (*) Der obenstehende Dialog ist komplett frei erfunden und beruht einzig auf der Fantasie des Autors. Spielt sich jedoch so ähnlich täglich zigtausendfach in den sozialen Gladiatorenarenen ab.

    Schon die Sumerer schimpften auf den Darmausgang

    Die Wortherkunft ist nicht eindeutig geklärt.

    Herkunft: Unbekannt. Doch vermutlich stammt es aus dem sumerischen Haak’tablamarama‘, das übersetzt so viel bedeutet wie Schuld der Unverdaulichen, das von den Sumerern als Wort für den Darmausgang aber auch als Schimpfwort für eine missliebige Person verwendet.
    © pipere

    Unnötig zu sagen, dass mir Schuld der Unverdaulichen sprachlich außerordentlich gut gefällt. Aber ich will hier nicht abschweifen, sondern möglichst nah am Arschloch dranbleiben und bloß noch anmerken, dass die sumerische Herkunft aufgrund der schwierigen 1-zu-1-Transkription der Keilschrift ins lateinische Alphabet zu 70 Prozent pure Spekulation bleibt. Historisch belegt ist der Begriff aber auf jeden Fall fürs Mittelalter, in dem bekanntermaßen herzhaft und oft geflucht wurde, woran auch die danach fälligen obligatorischen Rosenkränze und Ave Maria nichts änderten. Allerdings wohl begrenzt aufs deutsche und englische Sprachgebiet. Romanen, Slawen, Araber können den anatomischen Ort des Arschlochs zwar korrekt lokalisieren, haben die Vokabel jedoch nicht in ihren Schimpfwortkanon aufgenommen. Die Italiener behelfen sich mit Stronzo, das übersetzt „Haufen Scheiße“ bedeutet, was zwar ähnlich klingt, aber halt nicht dasselbe ist. Wie es die Russen oder Ägypter nennen oder gar schreiben, weiß ich nicht und bin ehrlich gesagt auch zu faul, das jetzt zu recherchieren.

    Arschloch: justiziabel und Sperren verursachend

    Zurück zum deutschen Arschloch: die Verwendung dieses Worts in Blickrichtung auf einen Dritten ist justiziabel. Die grundlegende Norm hierfür ist §185 StGB:

    Beleidigung
    Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    Dazu existieren behördeninterne Listen – die von Bundesland zu Bundesland variieren –, in denen die indizierten Wörter gesammelt und – sobald neue Schmähbegriffe auf den Markt kommen – aktualisiert werden.

    Die Strafbewehrtheit gilt sowohl für das gesprochene als auch geschriebene Arschloch, des Weiteren ebenfalls für dessen visuelle Demonstration (Daumen und Zeigefinger werden soweit gekrümmt, bis sie sich an den Spitzen berühren und ein O bzw. ein Loch bilden). Einige besonders Schlaue geben sich dem Irrglauben hin, das Setzen des Begriffs in Anführungszeichen könne sich strafmildernd auswirken. Jedoch: Was sollen die Gänsefüßchen fürs Arschloch ausdrücken? Dass es sich beim derart Titulierten nur um ein kleines – und kein riesiges – handelt? Oder dass der Schreiber es scherzhaft meint? Bei Bildungsbürgern beliebt ist die Variante, das Wort, wenn es sich denn überhaupt nicht vermeiden lässt, so zu schreiben: A-loch. Aber das sieht für meine Augen genauso dämlich aus wie es in meinen Ohren klingt, wenn eine erwachsene Frau „Töpfchen“ sagt, wenn sie Klo meint.

    Während in den Generationen meines Vaters und Großvaters weitgehend Konsens darüber herrschte, dass Arschloch eine No-go-Vokabel darstellt, bei deren In-den-Mund-nehmen man als Kind abwechselnd mit Hausarrest, Taschengeldreduktion oder den Mund-mit-Seife-auswaschen bestraft wurde – in der Schule drohten Klassenbucheinträge, Herbeizitieren der Eltern und seitenlange Strafarbeiten –, gelang dem damals jungen Bundestagsabgeordneten Joschka Fischer im Herbst 1984 mit dem legendären Zwischenruf:

    Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch,

    der Beginn der schrittweisen Entstigmatisierung des Begriffs.

    Kein Tag ohne 10x Arschloch in Kino und TV

    Seit diesem historischen Datum sickert der einstmals übel beleumundete Begriff immer mehr in unsere Alltagskonversation ein. Wir werden mittlerweile in TV, Kino und Literatur mit Arschlöchern geradezu überflutet. Das Kleine Arschloch von Walter Moers hat Kultstatus erreicht. »Du bist echt ein Arschloch, weißt du selber« – wie viele Ehefrauen das wohl schon ihren Männern an den Kopf geworfen haben, wenn sie diese beim Seitensprung ertappten oder ihnen das Kreditkartenlimit gekürzt wurde? MILLIONEN an JEDEM Tag des Jahres. Regen sich die Ehemänner groß darüber auf, drohen sie ihren Frauen mit Klage oder gar mit Sperrung (bspw. des gemeinsamen Kontos)? In 99,9% der Fälle lautet die Antwort: Nein. Nur in Facebook und Twitter laufen alle gleich Amok, wenn sie in der Hitze des Gefechts mal so tituliert werden. Dieselben, die sich vorher Faschist, Kommunist, bildungsferner Analphabet, Insasse der geschlossenen Psychiatrie um die Ohren gehauen haben, mutieren binnen Sekunden zu ehrpuseligen Mimosen, sobald das Wort Arschloch erschallt. Da werden dann Screenshots angefertigt, die man Minuten später im eigenen Profil demonstriert, um von den Followern eine Portion Mitgefühl einzuheimsen. „Wie unfair du mal wieder von deinen bösen Kontrahenten behandelt wirst, du Armer. Und dabei bist du selbst doch eine Ausgeburt des Friedens und der Harmonie“. Stinklangweilige Selbstbemitleidungsarien. Interessant einzig für Menschen, die Miniaturskandale lieben und beim Friseur die In Touch der Tageszeitung vorziehen.

    Warum das so ist, wollen Sie wissen? Weil’s juristisch möglich ist, lautet die simple Antwort. Und weil es für die Admins einfacher ist, eine Sperre aufgrund eines indizierten Begriffs auszusprechen, als sich mühsam in die vorangegangene Kommunikation – in der mit 99%iger Wahrscheinlichkeit schon jede Menge niederschwellige Gemeinheiten enthalten waren – einlesen zu müssen.

    Arschloch kann, bei allen negativen Attributen, die diesem Menschentyp zugeschrieben werden, mitunter auch durchaus bewundernd gemeint sein. Nicht zu Unrecht fragt der Prota in Bukowskis Der Mann mit der Ledertasche: »Was hast du denn gegen Arschlöcher, Baby?«, als die Frau, mit der er den gesamten Nachmittag gevögelt hat, sich im Nachgang darüber beschwert, dass er sich ihr gegenüber emotional zu wenig öffne. Und Jack Nicholson wird folgendes Zitat zugeschrieben:

    Ich vermute, ich bin ein Arschloch. Aber man könnte Schlechteres über mich sagen, meinen Sie nicht auch?

    Arschloch: es kommt immer auf Betonung und Uhrzeit an

    Wenn eine Frau ihren Partner abends nach 20 Uhr drei Mal mit, »Du bist das größte Arschloch, dem ich in meinem ereignisreichen Leben je begegnet bin, und das waren viele, das kannst du mir glauben«, beschimpft, steigt die Chance auf eine sich anschließende heiße Liebesnacht um den Faktor 5. Wussten Sie das? Es kommt beim Arschloch eben immer auf Uhrzeit und Betonung an.

    Es wird also höchste Zeit, den sprachlich nicht unschönen (gibt echt hässlichere Worte als dieses) Begriff Arschloch samt seiner kleinen Schwester Arsch zu entkriminalisieren. Mich persönlich juckt es Null, wenn jemand in Facebook „Sie Arschloch“ zu mir sagt. Die Erfahrung lehrt aber, dass er mich, sobald ich mit, „Sie sind auch nur ein Kleinstadtidiot“, reagiere, erst screenshoten und dann bei den Admins verpetzen wird. Die dann der Einfachheit halber mich, und nicht ihn als Verursacher, sperren. Weshalb ich mich, solange bei Facebook Maschinen und denkfaule Human-Admins beschäftigt werden, bei der Verwendung von justiziablen Beleidigungen weiterhin vorsichtig verhalte. Einige Sachen kann man prima denken, ohne sie gleich in die Tasten hämmern zu müssen.

    Kleine Statistik am Ende des Textes: In dieser Kolumne wurde der Begriff Arschloch insg. 25x verwendet (zzgl. 1 Arsch).

    PS. die Auswahl des Zebrafotos geschah in Ermangelung anderer, den Begriff plakativer demonstrierender, Bilder. Von gestreiften Arschlöchern ist dem Autor, der in seinem Leben viele Schimpfworte gehört hat, bisher nichts zu Ohren gekommen