Kategorie: Henning Hirsch: Gesoffen wird immer

  • Auf der Suche nach dem Urknall

    Auf der Suche nach dem Urknall

    »Sie waren also beinahe tot? Wie lange in etwa?« Die untersetzte Frau, die mir seit knapp fünfundvierzig Minuten gegenübersaß und jede Antwort aus meinem Mund mit einer neuen Frage quittierte, legte den Bleistift, mit dem sie ununterbrochen Notizen in einen Spiralblock hineingekritzelt hatte, vor sich auf die Tischplatte und taxierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Der orange Griffel wies überall Bissspuren auf und war von ihr nahezu durchgekaut worden.

    Wer ist verrückter: Ich oder die Schneider?

    Wahrscheinlich bist du bekloppter als ich, ging es mir durch den Kopf, bevor ich ihr antwortete: »Keine Ahnung. Die Pfleger haben mir das erzählt, als ich in der geschlossenen Station aufwachte. Vermute mal zwei, drei Stunden. Länger nicht. Alles halb so wild.«
    »Halb so wild? Sie sind lustig. Wäre es Ihnen stattdessen lieber gewesen, für immer tot zu sein?« Ich kratzte mich verlegen am Ohr und zog es vor, zu schweigen.
    »Sie mussten reanimiert werden. Da hätte dieses Mal nicht viel gefehlt, und Sie wären Ihrem Herrgott gegenübergetreten. Das ist Ihnen schon klar, oder?«

    Warum hat sie ausgerechnet mich zu sich hereinzitiert? Weshalb nicht Rolf, Rene oder Petra? Oder irgendeinen x-beliebigen Säufer aus der verdammten Hardcore-Fraktion? Jedes Mal dasselbe Spiel, sobald die dusselige Kuh mich erblickt: Herr Hirsch, schön, Sie zu sehen. Können Sie bitte nachher in mein Büro kommen! Keine Frage, sondern ein Imperativ. Wie mich das abfuckte. Soll sie sich einen anderen Idioten suchen, mit dem sie ihre Psychomasche abziehen kann. Über all das dachte ich nach und erwiderte so freundlich, wie es mir an diesem elenden, tropisch schwülen Nachmittag möglich war: »Ob Sie es glauben oder nicht, Frau Schneider: in dem Moment, als ich die dritte Flasche Wodka vorgestern Abend öffnete, kurz bevor ich bewusstlos in der Küche umklappte, war es mir tatsächlich egal, ob ich abkratze oder nicht.«

    »Sie hegten also suizidale Gedanken«, schlussfolgerte die Psychologin und schrieb fieberhaft eine weitere Seite voll, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte.
    »Nein; mir war es wurscht.«
    »Ist das nicht dasselbe?« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ihrem ansonsten von professionellem Wissensdurst beherrschtem Gesicht eine Spur von Anteilnahme zu entdecken.
    »Nein, ist es nicht. Weil ich eben nicht von Anfang an die Absicht hatte, mich umzubringen, sondern den Tod, der sich vielleicht hätte einstellen können, zum Schluss billigend in Kauf nahm. Aber eher in der Form eines russischen Roulettespiels. Von sechs Kammern ist nur eine mit einer Patrone geladen. Und vor jedem Schuss wird neu gedreht. Die Wahrscheinlichkeit, mit heiler Haut davonzukommen, steht also gar nicht so schlecht. Bisher ist es immer glimpflich ausgegangen.«
    »Sie treffen den Nagel auf den Kopf: bisher. Und was, falls es beim nächsten Versuch nicht mehr klappt? Wenn Sie sich dann die todbringende Kugel in den Kopf jagen?«
    »Dann ist es eben so. Wir müssen alle irgendwann unserem Schöpfer gegenübertreten. Die einen nach einem langen, erfüllten Leben, die anderen halt früher.« Ich zuckte mit den Schultern und überlegte, ob ich mir nachher im Raucherzimmer von Rene eine Zigarette schnorren könnte.

    Immer wieder dieselben Fragen

    Frau Schneider und ich hatten uns in den vergangenen Monaten oft in ihrem kleinen Arbeitszimmer getroffen und über die Ursachen meines exzessiven Trinkverhaltens diskutiert. Wie alle Psychologen war sie auf der Suche nach dem Urknall: der Stunde Null, in der ich vom normalen Menschen zum Säufer mutiert war. In geradezu stupider Regelmäßigkeit verneinte ich all ihre Annahmen und Hypothesen von trübsinniger Kindheit, zu strengem Vater, unglücklichen Liebesbeziehungen in der Jugend, traumatischen Schulerlebnissen und was ihr alles sonst noch an Erklärungen in den Sinn kam und bejahte als einzige glasklare und nicht zu leugnende Auslöser meines Alkoholismus die Gene mütterlicherseits und jahrelange Gewöhnung an die Droge. »Mehr fällt Ihnen in diesem Zusammenhang nicht ein? Speziell von Ihnen hätte ich eine tiefschürfendere Analyse erwartet«, versuchte sie vergeblich, an meine vor vielen Jahren verloren gegangene Marktforscherehre zu appellieren.

    Ich beneidete Frau Schneider nicht um ihren Job. Im Gegensatz zu ihrer attraktiven Kollegin mit den pfirsichförmigen Arschbacken, der die Patienten in der offenen Station die Bude einrannten, wirkte sie zum einen mit ihrer pummeligen Figur und dem Bürstenhaarschnitt äußerlich wenig anziehend, und zum anderen betreute sie in der geschlossenen Abteilung eine hartgesottene Klientel, die sich weniger für psychologische Ursachenforschung denn für die fristgerechte Überweisung des Hartz IV- Regelsatzes interessierte. Pünktlich zum Ersten jeden Monats leerte sich die Station schlagartig, um sich dann in den folgenden Tagen bis zum spätestens Fünften allmählich wieder zu füllen. Diese zweiundsiebzig bis sechsundneunzig Stunden reichten den meisten Patienten, die dreihundertfünfundsechzig Euro, die ihnen alle vier Wochen zustanden, komplett auf den Kopf zu hauen. Frau Schneider redete auch zu akademisch daher und schaffte es einfach nicht, den zu ihrer Kundschaft passenden Tonfall anzustimmen.

    Völlig benebelt mit Tendenz zum Sekundenschlaf

    Ich gähnte herzhaft, denn am zweiten Tag der Entgiftung schwammen dreißig Valium träge wie winzige pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn herum, was selbst für mich eine recht starke Dosierung bedeutete. Diese Ration war notwendig geworden, weil ich es bei der Essensausgabe weder schaffte, ein Tablett festzuhalten noch eine Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Ich zitterte am gesamten Körper wie ein Eichhörnchen auf Koks, der Schweiß rann mir in Strömen von den Schläfen die Wangen hinab, die Blutdruckwerte bewegten sich im Bereich schwangerer Giraffen, sodass der zum Zeitpunkt meiner Einlieferung zufällig anwesende Oberarzt entschied, die an und für sich zulässige Maximalmenge von vierundzwanzig um sechs zu erhöhen. Die allmähliche Linderung der Schmerzen ging einher mit einer Form des Sekundenschlafs, der mich an den unmöglichsten Orten einpennen ließ. Vor drei Stunden erst hatte mich Pfleger Franz unsanft im Bad geweckt, wo ich mit blankem Hintern auf der Kloschüssel weggenickt war. Früher wäre mir das unsagbar peinlich gewesen. Heute jedoch ließen mich solche Vorkommnisse völlig kalt.

    »Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich in Ihrer Nische mittlerweile ganz bequem eingerichtet haben«, versuchte Frau Schneider ein letztes Mal, mich aus meiner nachmittäglichen Lethargie wachzurütteln.

    Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks

    »Wie meinen Sie das? Verstehe ich nicht.«
    »Sie erscheinen hier mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Manchmal zu Fuß, oft liegend auf einer Trage und in letzter Zeit zumeist mit dem Umweg über die Intensivstation. Sie entgiften schnell, sind nach einer Woche wieder zu Hause, trinken dort munter weiter, zumal Sie wissen, dass Sie bei uns im Notfall sofort aufgenommen werden. Sie kennen im Krankenhaus Gott und die Welt, sind wegen Ihrer ruhigen Art bei den meisten Ärzten und Pflegern beliebt, sodass ich die Befürchtung hege, dass Sie sich hier drinnen zumindest genauso wohl fühlen wie draußen auf der Straße. Während ich im vergangenen Jahr den früheren Manager und Familienvater in Ihnen noch erkennen konnte, ähneln Sie heute einem abgerissenen Hippie, der seit Woodstock ununterbrochen säuft. Das meine ich mit bequem in der Nische einrichten.« Frau Schneider blickte mich triumphierend an in der Gewissheit, dass dieser fiese Nierenhaken mich reumütig in die Knie zwingen würde. Du kannst mich mal, dachte ich bitter, gähnte erneut, rutschte halb vom Stuhl herab und signalisierte deutlich, dass ich langsam ans Ende der Unterhaltung gelangen wollte.

    »Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitspanne noch nicht für eine längere Sitzung ausreicht. Ich will Sie heute auch nicht länger foltern. Ihr sicherlich quälender Entzug ist Strafe genug. Ich würde vorschlagen, dass wir uns übermorgen wiedersehen. Ich finde Sie im Aufenthaltsraum. Vor mir weglaufen können Sie in der geschlossenen Abteilung ja nicht. Das ist praktisch.« Über Frau Schneiders Lippen huschte ein boshaftes Lächeln, und sie entließ mich mit einem kurzen Kopfnicken, derweil sie ihren Vermerk über meine mangelhafte Krankheitseinsicht zu Ende formulierte.

    Du bist ein arrogantes Großstadt-Arschloch

    »Wie war die Psychostunde bei der Gruseltante?«, empfing mich Petra draußen auf dem Flur. »Hat sie dir angeboten, bei ihr einzuziehen?« Sie trug einen knallroten Spaghetti-Top auf ihrer weißen Haut, der bei jeder Bewegung den Blick auf die Speckrollen an ihren Hüften freigab.
    »Warum sollte sie das tun?«
    »Die steht auf dich. Merkt doch jeder.« Wie zufällig streifte sie den Träger von ihrer linken Schulter ab und strich mit zwei Fingern über das freigelegte Dekolleté. Trotz meiner Müdigkeit bemerkte ich, dass ihre Brustwarzen hart und begehrlich im Neonlicht schimmerten.
    »Ich unterhalte mich eben mit ihr.«
    »Ach was. Du schleimst dich ekelerregend bei der ein.« Da meine Reaktion auf ihren Busenblitzer nicht so ausfiel, wie sie sich das vorgestellt hatte, zog sie das Shirt wieder nach oben und schaute mich missbilligend an.
    »Von mir aus.« Mir war an diesem Nachmittag tatsächlich alles egal. Ich wollte meine Ruhe haben und die Schmerzen loswerden. Deshalb stand mit der Sinn ganz und gar nicht nach komplizierten Gesprächen. Weder mit Frau Schneider noch mit Petra.
    »Du bist in den letzten Monaten völlig teflonartig geworden. Wo ist der nette Henning abgeblieben, den ich vor einem Jahr hier kennengelernt habe?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, und ich meinte, ein Déjà-Vu der Verabschiedung mit der Psychologin zu erleben.

    Petra betrieb ein kleines Bordell am Nordrand der Eifel, an der Bundesstraße, die von Düren über Aachen weiter nach Belgien und Holland führt. Zu ihren Kunden zählten deshalb überwiegend LKW- Fahrer und Handlungsreisende, die mit Haushaltsartikeln und Versicherungspolicen unterwegs waren. Ihr bereitete es Freude, bei den Männern selbst Hand anzulegen und mit ihnen fröhlich zu bechern. Wenn sie einen im Tee hatte, konnte es passieren, dass Petra leicht reizbar und unflätig wurde. Unvorsichtigen Freiern, die es wagten, ihr in diesem hochalkoholisierten Stadium zu widersprechen, donnerte sie die Faust ins Gesicht oder traktierte sie mit Sektflaschen und dem spitzen Absatz ihrer Stilettos. Sie wurde deshalb häufig in Handschellen in der Klinik vorgeführt. Anstatt sich dankbar zu zeigen, dass sie an einen Ort gebracht worden war, an dem ihr geholfen werden konnte, beschimpfte sie die Polizisten mit Scheißbullen und bezeichnete den netten iranischen Aufnahmearzt als Dreckskanaken. Wenn sie zu sehr herumtobte und alles freundliche Beschwichtigen nicht fruchtete, hakten sich zwei muskelbepackte Pfleger bei ihr ein und eskortierten sie ins Bett. Dort wurde sie an vier Punkten fixiert, erhielt ein starkes Beruhigungsmittel und pennte danach komatös für vierundzwanzig Stunden. Sobald sie erwachte, konnte sie sich an nichts zurückbesinnen und benahm sich lammfromm und zivilisiert. Sie war eine Seele von Mensch und litt mitunter geradezu unter einem Helfersyndrom. Auch ich hatte bereits mehrmals meinen Rausch zwischen ihren wogenden Brüsten ausgeschlafen, woran sie mich hin und wieder gerne erinnerte.

    »Wann kommst du mich endlich besuchen?«, hatte sie mich beim letzten gemeinsamen Aufenthalt gefragt.
    »Weiß nicht«, antwortete ich zögerlich.
    »Was soll das heißen: weiß nicht? Du hast es tausend Mal versprochen.«
    »Ich bin Großstädter und fahre nicht gerne aufs Land.«
    »Du bist ein arrogantes Arschloch, das es nicht wert ist, mit ihm meine Zeit zu vertrödeln«, hatte sie mich damals beschimpft.

    Ich treffe Lila wieder

    »Henning, dir ist einfach nicht zu helfen«, zischte sie heute. »Anstatt an dir zu arbeiten und langsam das Jammertal zu verlassen, feierst du jeden Abend fröhlich Party, so als ob es dein letzter sein könnte. Ich verstehe dich einfach nicht.«
    Als ob du alte Wachtel seltener als ich hier aufschlägst, ging es mir durch den Kopf, und ich sagte leise: »Lass das meine Sorge sein. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.«

    Petra drehte mir abrupt den Rücken zu, sodass ich das bunte Kamasutra-Tattoo sehen konnte, das ihr früherer Freund kunstvoll gestochen hatte, und stiefelte den Südostflur entlang in Richtung Raucherzimmer. Sie war die Zweite innerhalb einer Stunde, die mir erklärte, dass ich mich mit meinem Trinkerleben arrangiert hätte und in der Klinik sichtbar wohlfühlen würde. Vielleicht ist da was Wahres dran, grübelte ich; beschloss aber, mich heute nicht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen zu wollen. Ich fühlte mich schlichtweg zu schlapp dafür.

    »Na alter Mann, was brütest du so dumpf vor dich hin? Ist dir nicht gut?« Von hinten berührte eine mir wohlbekannte Hand sanft meinen Hals. Ich wendete mich im Zeitlupentempo um und schaute in das schöne, aber leicht irre Gesicht von Lila, meiner absoluten Lieblings-Borderlinerin. »Hi, Lila. Bist du auch wieder hier?« Ich küsste sie zärtlich auf den Mund.
    »Ich kann dich schließlich nicht alleine in der Psychiatrie rumlaufen lassen. Nachher gerätst du hier noch komplett unter die Räder.«
    »Und deshalb folgst du mir bis in die geschlossene Abteilung?! Kaum zu glauben. Auf jeden Fall gut, dich zu sehen.«

    Lila kannte ich seit Anfang des Jahres. An einem bitterkalten Januarmorgen war sie barfuß und mit zerzauster Frisur in die Klinik hereingeschneit. Bis in die Haarspitzen zugedröhnt mit Pilzen und irgendeiner geheimnisvollen chemischen Substanz. Es dauerte damals ungelogen achtundvierzig Stunden, bis wir sie vernünftig ansprechen konnten. »Ich rühre Drogen aus Prinzip nicht an. Du siehst, was das Dreckszeug aus dem armen Mädchen gemacht hat«, erklärte mir Rene. »Aber eine Gallone Schnaps, die du pro Woche in dich reinschüttest, ist normal?«, fragte ich ihn mit zweifelnd hochgezogenen Augenbrauen.

    Nicht ganz ne Lolita-Nummer

    Lila und ich freundeten uns in diesem tristen Wintermonat an, und wir verbrachten viel Zeit miteinander in Aufenthaltsraum und Raucherzimmer. Sie besaß eine atemberaubende Figur, wies väterlicherseits äthiopische Wurzeln auf, und wenn sie lächelte, blitzten ihre Zähne wie blankgeputzte weiße Perlen im neonbeleuchteten Januargrau des Krankenhauses. Da wir zumeist im Doppelpack anzutreffen waren, hatten wir nach einigen Tagen unsere Spitznamen weg: Bowie und Imam.

    Draußen in Freiheit hatten wir uns einige Male getroffen. Bei ihr oder mir zu Hause. Manchmal am Bahnhof, wo wir planlos herumlungerten, anderen Patienten begegneten und mit denen Informationen und Rotweinflaschen austauschten. Ab und an schliefen wir miteinander. Obwohl mir der Sex mit Lila große Freude bereitete, nervte mich ihr anschließendes Gerede über Liebe und Zusammenziehen, und ich verließ deshalb oft mitten in der Nacht ihr Bett, um in meine kleine, unaufgeräumte Wohnung zurückzukehren und dort in Ruhe ein paar Flachmänner hinunterzuspülen, bis mich der viele Alkohol besinnungslos bis zum nächsten Nachmittag einpennen ließ. Sie verfasste lustige Kindergedichte und zeichnete monströse Comicfiguren: vierschrötige Männer mit kantigen Gesichtern und laszive Frauen mit Schmollmund und Atomtitten, denen sie obszöne Sprechblasen in den Mund legte. Wir lasen uns gegenseitig englische Kurzgeschichten und russische Novellen vor, tranken und küssten uns.

    Gelegentlich saß Lila unbekleidet neben mir auf dem rechten Rand des Schreibtisches und beobachtete mich dabei, wie ich Text in die alte Tastatur hämmerte, auf der das A und K fehlten. Ich hatte sie wegen ihrer unbekümmerten Art schnell ins Herz geschlossen, ergötzte mich an ihrer Nacktheit, den vollen Lippen und ihrer kühn geschwungenen Nase, umgab mein Innerstes jedoch mit einer dicken Eisschicht, weil ich mich auf keinen Fall verlieben wollte. Ich betrachtete sie eher wie eine Muse denn als gleichberechtigte Partnerin, was sie als einfühlsame Psychopathin natürlich registrierte. Sie schwieg jedoch, und ich sprach das Thema vorsichtshalber nicht an. In ihren Augen entdeckte ich aber einen traurigen Ausdruck.

    Eigentlich bin ich auch recht gerne alleine

    So gerne ich meine Zeit gemeinsam mit ihr verbrachte, so sehr schätzte ich ebenfalls die Stunden, die ich alleine blieb. Je älter ich wurde, und umso ausschweifender ich zechte, desto mehr floh ich die Menschen und deren Gesellschaft. Die Lektüre eines spannenden Romans und das Beobachten der Schiffe auf dem Strom, der unsere Stadt in zwei etwa gleichgroße Hälften durchschnitt, waren mir oft genauso lieb wie die Umarmungen und das heitere Geplapper Lilas. Es gab Wochen, in denen ich dermaßen gierig Buch um Buch verschlang, indessen die Welt um mich herum vergaß und meine Körperpflege vernachlässigte, dass ich im Stillen befürchtete, ebenfalls beim Lesen ins Extreme abzugleiten. Wodka und Belletristik als kombinierte Drogen, um der ungeliebten Realität zu entfliehen.

    Lila, die erheblich jünger war als ich, verstand diesen Wesenszug nicht und schalt mich scherzhaft einen alten Mann, der mit seinen amerikanischen Sportschuhen und der zerlöcherten Jeans eine längst verflossene Jugend nur vortäuschen würde. Ihretwegen könnte ich auch in Anzug und Krawatte aus dem Haus gehen, denn diese Kleidungsstücke seien ihr an mir ebenso sympathisch wie T-Shirt und Denim. Wenn sie Pilze eingeworfen hatte, wurde sie anfangs albern, kicherte und gackerte wie ein kleines Mädchen, bis nach spätestens einer Stunde ihre Stimmung umschlug, und sie Morddrohungen gegen Gott und die Welt – zumeist allerdings auf ihre Mutter zielend – aussprach. In dieser angeblich bewusstseinserweiternden Phase liebte sie es, mich bis aufs Blut zu reizen, indem sie mir wüste Beleidigungen zurief, mich einen nymphomanen Penner nannte und in die tiefste Hölle wünschte. Was sie nicht daran hinderte, zehn Minuten später auf offener Straße ihre wohlgeformten Brüste zu entblößen und mich aufzufordern, an Ort und Stelle mit ihr zu schlafen.

    Aus diesem an und für sich harmlosen Zeitvertreib ergaben sich jedoch hin und wieder brenzlige Situationen, wenn sie zornentbrannt auf die Gleise lief, sich in der Form eines Kreuzes zwischen die Schienen warf und erst im letzten Augenblick aufsprang, wenn der Zug heranbrauste. Im Mai hatte sie es auf die Spitze getrieben und war liegengeblieben, wenngleich die S6, die von Norden in die Stadt pendelte, einhundert Meter entfernt von ihr bereits schrille Warnsignale ausstieß und im Zweifelsfall nicht mehr hätte rechtzeitig bremsen können. Trotz einer Pulle Jägermeister im Bauch hechtete ich die Böschung hinab, riss sie in der allerletzten Sekunde aus dem Kiesbett heraus, verabreichte ihr erschrocken eine Ohrfeige und brüllte: »Bist du völlig durchgedreht? Wenn du dich unbedingt umbringen möchtest, dann tu es alleine.« Nach einer stummen Schreckminute, in der ich mir unsicher war, ob Lila nun weinen oder hysterisch lachen würde, knallte sie mir ihre Faust auf die Nase, die hässlich knirschte und sofort blutete, befreite sich aus meinem Griff, rannte ohne nach links und rechts zu sehen auf die vierspurige Straße, wo ein schwarzer BMW-Kombi mit quietschenden Reifen vor ihr stoppte. Bevor der verblüffte Mann das Fenster runterkurbeln konnte, öffnete Lila die Beifahrertür und schrie den überrumpelten Fahrer an: »Nimm mich bis ins Westend mit!« Während sie einstieg, spuckte sie wutbebend in meine Richtung, streckte mir den erhobenen rechten Zeigefinger entgegen und kreischte: »Fick dich, du elender Pisser. Ich will dir nie mehr begegnen. Das war’s mit uns beiden. Für immer und ewig.« Seit diesem Erlebnis hatte Funkstille zwischen uns geherrscht.

    Und sei der Ort noch so traurig

    Und nun traf ich sie acht Wochen später in der geschlossenen Abteilung. Wiewohl der Anlass eigentlich ein trauriger war, freute ich mich ehrlich darüber, Lila wiederzusehen. In ihren Augen entdeckte ich ebenfalls Zärtlichkeit und Verständnis. Wir umarmten uns innig. Ungeachtet der Tatsache, dass das Thermometer an diesem schwülheißen Nachmittag weit über dreißig Grad kletterte und die Pfleger alle Hände voll damit zu tun hatten, halbnackte Patienten einzufangen und energisch auf die Kleiderordnung aufmerksam zu machen, trug Lila lange Hosen und ein Hemd, dessen Ärmel bis zu den Handknöcheln reichten. Als Grenzgängerin fügte sie sich mit Küchenmessern tiefe Schnitte in Unterarme und Oberschenkel zu und drückte brennende Zigaretten auf ihrer Haut aus.

    »Schön, dich zu spüren. Habe Sehnsucht nach dir gehabt«, hauchte sie.
    »Wie lange bist du schon hier?«, wollte ich wissen.
    »Drei Tage.«
    »Dann hast du mitbekommen, wie sie mich gestern eingeliefert haben?«
    »Ja, und ich habe mir große Sorgen um dich gemacht.«
    »War’s so schlimm?«
    »Du bist beinahe abgenippelt, blöder Idiot.«
    »Weiß ich. Hat mir Pfleger Franz schon erzählt.«
    »Da bist du wahrscheinlich noch stolz drauf: harter Kerl, der sechs Promille überlebt. Du bist so ein bemitleidenswertes Opfer.«
    »Ich habe überhaupt nichts gesagt«, verteidigte ich mich.
    »Aber gedacht. Ich seh’s an deinem Blick.«
    »Lila, willst du dich mit mir streiten oder zur Abwechslung mal friedlich unterhalten?«

    Lauter alte Bekannte im Raucherzimmer

    In der Art einer ägyptischen Katze schmiegte sie sich an, und wir schlenderten gemeinsam zum Raucherzimmer. Beißender Qualm aus zwanzig selbst gedrehten Kippen, der gemächlich die gelben Wände emporkroch und sich unter der Decke wie schmutziger Hochnebel staute, empfing uns. Ich hustete, Lila schimpfte laut: »Könnt ihr faulen Nichtsnutze nicht mal ein Fenster öffnen! Das ist ja nicht zum Aushalten.«

    »Bowie und Imam. wieder vereint. Ich könnte kotzen.«
    »Wer war das?« Lila schnellte wie ein Pfeil von der Sehne eines stramm gespannten Bogens in die hintere Ecke des Raums, aus der die Pöbelei gekommen war. Dort krallte sie sich mit ihren spitzen Fingernägeln in der Kopfhaut Petras fest und schlug die Zähne tief in deren Schulter hinein. Es kostete mich Mühe, Lilas Kiefer so weit auseinanderzudrücken, dass Petra sich mit schmerzverzerrtem Gesicht von ihr trennen konnte. In diesem Moment ähnelte Lila eher einem Raubtier aus der ostafrikanischen Savanne denn einem menschlichen Wesen. Allerdings fühlte ich mich gerade wegen dieses im Grunde genommen wahnsinnigen Charakterzugs zu ihr hingezogen. Denn Lilas spontane Aggressivität hatte nichts gemein mit heimtückischer Angriffslust, sondern rührte daher, dass sie fälschlicherweise annahm, meine Ehre verteidigen zu müssen.

    »Beruhige dich«, raunte ich ihr zu und erkundigte mich gleichzeitig bei Petra: »Alles in Ordnung mit dir? Warum musst du sie unnötig reizen? Du weißt, wie unberechenbar die Kleine reagiert.«
    »Sie ist so eine Bitch«, fauchte Lila, die im Begriff stand, sich erneut auf ihre Widersacherin zu stürzen, sodass ich sie fest umklammerte, damit sie kein weiteres Massaker veranstalten konnte.

    Petra hielt inzwischen mit der Rechten ihren blutenden Oberarm in die Höhe und wimmerte: »Die Verrückte gehört in ein Irrenhaus.«
    »In dem befinden wir uns doch schon; oder nicht?« Aus dem Hintergrund erschallte eine mir wohlbekannte Bassstimme. »Henning mit seinem Faible für exotische Frauen.«

    Ein notorischer Klugscheißer

    Mit vom Alkohol und Valium geröteten Augen entdeckte ich hinter dem Schleier aus Nikotin und im Sonnenlicht tanzenden Staubpartikeln meinen alten Kumpel Rolf. Als ich ihm das letzte Mal begegnet war, saßen wir auf einer morschen Holzbank vor dem namenlosen Grab 147 im alten Friedhof hinter der Klinik und zechten. Als Akademiker, der andere gerne an seiner Allgemeinbildung teilhaben ließ, dozierte Rolf an diesem lauen Frühlingsnachmittag über den Sonnenglauben des Pharaos Echnaton und entrüstete sich darüber, dass ich nur wenig Interesse für den religiös eifernden König aufbrachte und mir stattdessen Gedanken über die sexuelle Ausstrahlung seiner Gattin Nofretete machte.

    »Dir ist einfach nicht zu helfen, Henning«, giftete er. »Bei dir dreht sich alles ums Saufen und Vögeln. Das widert mich wirklich an.«
    »Gut, dass du von allem Laster abstinent bist, alter Pharisäer«, lachte ich, denn ich wollte mir von ihm den gerade eingeläuteten Abend nicht verderben lassen.
    »Das ist anders als bei dir«, erwiderte er.
    »Nämlich?«, fragte ich zurück.
    »Ich trinke nicht aus Freude am Suff, sondern um meine Depressionen im Zaum zu halten.«
    »Deshalb schluckst du doch bereits kiloweise Tabletten. Die helfen nicht?«, erkundigte ich mich in gespielter Naivität bei ihm.
    »Das verstehst du nicht, denn du konsumierst nicht aus einem Gefühl des Weltschmerz heraus wie ich, sondern aus purer Lust am Rausch.«

    Auch Rolf gab sich dem Irrglauben hin, dass er soff, weil ihm in der Vergangenheit himmelschreiendes Unrecht widerfahren war. Den Verlust von Beruf, Frau und Termingeldkonten hatte er bis heute nicht verdaut. Eigentlich wäre er bei der Suche nach dem Urknall der ideale Gesprächspartner für Frau Schneider gewesen, wenn er nicht partout so rechthaberisch auftreten würde. Die Psychologin hätte sich lieber eine Woche alleine in ihrem kleinen Zimmer einsperren lassen, als nutzlose Diskussionen mit Rolf zu führen, die ohnehin zu achtzig Prozent aus Monologen, die ohne Punkt und Ende aus seinem Mund sprudelten, bestanden.

    Nachdem er zu vorgerückter Stunde die tote Whitney Houston schmähte und deren Gesangskunst in Zweifel zog, da ihre Stimme seiner Meinung nach bei weitem nicht an die der Callas heranreichte, bereute ich es, mich mit ihm verabredet zu haben und sann darüber nach, welche Alternativen die soeben angebrochene Nacht mir noch bieten könnte. Als er gegen dreiundzwanzig Uhr in betrunkenem Zustand von der Bank rutschte, ließ ich ihn deshalb auf den von Moos überwucherten Granitplatten vor Grab 147 liegen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, um dort nach Bekannten Ausschau zu halten.

    Erst die Depression und dann der Alkohol oder doch umgekehrt?

    Ob er den kleinen Vorfall mittlerweile abgehakt hat? überlegte ich. Wahrscheinlich nicht, denn Rolf verfügte trotz seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und vergaß so gut wie nichts. Zudem war er nachtragend und schnell beleidigt. Nun hockte er an diesem brütend heißen Tag in dunklem Anzug und Krawatte auf einem klapprigen Stuhl im Raucherzimmer der geschlossenen Abteilung und qualmte eine dicke Zigarre. Rolfs äußere Erscheinung war schwerfällig, ungelenk und bäurisch; mit seinem durchtriebenem Gesicht, dem konturlosen Kinn und den straff nach hinten gekämmten Haaren ähnelte er einem vollgefressenen, haltlosen und groben Kneipenwirt, wie man sie in den kleinbürgerlichen Vororten der Stadt antrifft. Seine Miene konnte abwechselnd entweder überaus streng wirken, um im nächsten Moment von tausend kleinen Lachfalten durchzogen zu werden. Am meisten amüsierte er sich über seine eigenen Bonmots, von denen er glaubte, dass sie besonders geistreich seien. Eine Meinung, die nicht alle Patienten der geschlossenen Abteilung teilten.

    Früher hatte er als erfolgreicher Wirtschaftsprüfer gearbeitet, bevor ihn widrige Umstände – die er jedoch nie näher erläuterte – dazu zwangen, seine Kanzlei zu schließen und mit dem Betäuben seiner Gefühle zu beginnen. Er selbst bezeichnete sich gerne als Sekundär-Alkoholiker, um bereits mit der Wahl des Begriffs darauf hinzuweisen, dass er keinesfalls der großen Gruppe der hedonistischen Säufer angehörte, sondern einzig aufgrund seiner gottgegebenen melancholischen Ader quasi dazu gezwungen wurde, ab und an zur Flasche zu greifen. Wäre er hingegen als fröhlicher Mensch auf die Welt gekommen – an dieser Stelle seines Vortrags pflegte er mich jedes Mal streng anzublicken –, dann hätte er niemals mit dem Schnaps angefangen. Seiner Meinung nach stellte er einen Trinkertypus sui generis dar. Auf diese Weise grenzte er sich von mir und den anderen verlorenen Seelen in der Suchtstation ab. Mit seiner dozierenden Art machte Rolf sich allerdings nicht nur Freunde in der Abteilung und wurde von den meisten Alkoholikern gemieden, sodass er heute froh schien, mich zu sehen und mir die Sache auf dem alten Friedhof deshalb nicht weiter krumm nahm. Denn obwohl er sich gerne mit dem Nimbus des einsamen Wolfes umgab, kam er mit dem Alleinsein nur schlecht zurecht und suchte in der Klinik nach Unterhaltung und Ablenkung.

    »Bist du auch wieder hier aufgeschlagen«, begrüßte er mich freundlich. »Man kann beinahe die Uhr nach dir stellen, so regelmäßig kreuzt du in der Station auf.« Du natürlich nicht, dachte ich; behielt den Gedanken jedoch für mich.
    »Henning gefällt es halt in diesem Scheißladen«, krächzte Rene, der im Schneidersitz auf dem Linoleumboden hockte und in einer hellgrünen Plastikschüssel einen Brei aus Haferflocken, Puddingpulver und Himbeersirup zusammenrührte. Neben ihm dudelte ein uraltes Transistorradio, auf dem er SWR4 – den Sender mit den deutschen Schlagern – eingestellt hatte, in voller Lautstärke.

    Selbstgedrehte Kippen, laute Musik und Essenswünsche

    »Mach den Kasten leiser, oder ich trete dagegen«, zischte ich, denn am zweiten Tag der Entgiftung geriet ich schnell in Erregung, wenn man mich allzu sehr nervte.

    »Der gute Henning verliert hin und wieder die Contenance. Leider. Das kann mir aufgrund der für Freiberufler notwendigen Ruhe und Gelassenheit nicht passieren. Andenfalls hätte ich in diesem hochkomplizierten Metier nicht erfolgreich arbeiten können«, steuerte Rolf seinen Senf bei. Lila beachtete ihn nicht, sondern musterte immer noch Petra. Als Rolf ihr momentanes Desinteresse an seiner Person bemerkte, stand er auf und sagte: »Dann werde ich in der Küche mal nach dem rechten schauen, ob sie dort alles gemäß meinen Wünschen zubereiten. Denn ich bin es gewohnt, frische Qualitätsprodukte zu mir zu nehmen. Ich esse nämlich nicht aus der Mülltonne wie einige andere hier.« Daraufhin verschwand er durch die Tür.

    »Er ist so ein elender Klugscheißer«, schimpfte Petra und spuckte angewidert einen ausgelutschten Kaugummi an die Wand. Rolf hatte bei ihr aufgrund einer unbedachten Äußerung für immer und ewig verkackt, als er sie im vergangenen Winter hinter vorgehaltener Hand eine abgetakelte Puffmutter nannte. Da in der geschlossenen Abteilung keine Nachricht länger als maximal zehn Minuten geheim blieb, wurde sein herabwürdigender Kommentar Petra in Windeseile zugetragen. Zornbebend stellte sie ihn damals im Essensraum zur Rede, und als er spöttisch lächelnd versuchte, sich in gewundenem Steuerberaterdeutsch aus der Sache herauszumanövrieren, geriet sie in immer größere Wut und drosch ihm schließlich ein mit Brotscheiben, Jägerwurst und Hagebuttentee bestücktes Tablett vor die Stirn. Seit diesem Vorfall mied Rolf die Gegenwart Petras und passte höllisch darauf auf, was er sagte, sobald sie sich in der Nähe befand. Wenn er sich auch gerne den Anschein gab, dass er seit dem Tod seiner Verlobten – der allerdings dreißig Jahre zurücklag – mit den Reizen der Weiblichkeit abgeschlossen hatte, mutmaßte ich hin und wieder, dass er mich insgeheim um meine Unbekümmertheit beneidete. Im Gegensatz zu ihm konnte ich ohne falsche Scheu und spätere Gewissensbisse meinen Kopf zwischen die dicken Brüste Petras stecken und dort die ersten Stunden des Entzugs vor mich hindösen. In ihr weckte es mütterliche Instinkte, und ich überbrückte an ihrer nach Nivea und Patschuli riechenden Haut die schier endlose Zeitspanne des Abkochens auf einskommafünf Promille, bis ich die erste Ration Valium verabreicht bekam. Danach hielt ich körperlichen Abstand zu Petra, weshalb sie mich oft als undankbar und arrogant bezeichnete. Ich jedoch vertrat die Auffassung, dass ihr mein Kinn auf dem Bauchnabel genauso gut gefiel wie mir das Schnarchen an ihrem Busen, weshalb ich mir keiner Schuld bewusst war.

    Ich muss gefüttert werden

    Lila nahm meine Hand und schleifte mich hinter sich her an ihren Sechsertisch im Essensraum. »Neben mir ist noch ein Platz frei. Setz dich hin und warte«, flüsterte sie.

    Nach zwei Minuten kehrte sie zurück und stellte einen Teller mit gummiartigem Graubrot, in Dreiecken konfektioniertem Schmierkäse und einem Klecks in Mayonnaise schwimmendem Kartoffelsalat vor mich hin. Mein Magen, der zwei Wochen lang keine andere Nahrung als Bier und Wodka gesehen hatte, zog sich beim Anblick der ungewohnten festen Kost zusammen. Ein spontanes Würgegefühl schüttelte mich, und es fehlte nicht viel, dass ich Galle unter den Stuhl erbrochen hätte.

    »Soll ich dir helfen?«, fragte Lila zärtlich.
    »Schon gut; ich kann alleine essen«, brummte ich.
    »Spiel jetzt hier bloß nicht den Helden, alter Mann«, ermahnte sie mich. »Du zitterst wie eine Vogelscheuche und wirst es garantiert nicht schaffen, den Löffel unfallfrei bis zum Mund zu führen.«
    »Henning wird gefüttert wie ein Baby«, grinste Rene, der sich gerade die Reste des Puddings von den Fingern leckte. Mit seinem, von einem schütteren Zehntagebart eingerahmten, Gesicht, in dem zwei stets unruhige Pupillen flackerten, erinnerte er mich an die gierigen Frettchen, die die alten Römer zur Mäusejagd abgerichtet hatten.

    »Lass mich bloß in Ruhe, ansonsten quetsche ich deinen gottverdammten Schädel in die Plastikschüssel«, erwiderte ich ungehalten.
    »Der gute Henning vergreift sich ab und an im Ton und vergisst seine gute Kinderstube«, grinste Rolf, während er aufmerksam die Wurstscheiben durchzählte. »Gestern waren es fünf, heute nur noch vier. Wie soll ein erwachsener Mann von so wenig Kalorien satt werden?«
    »Kannst meine nehmen. Ich habe überhaupt keinen Hunger.« In diesem Moment ekelte ich mich vor jeglichem fetten Aufschnitt und der aufgrund der Hitze leicht ranzigen Butter.
    »Gerne.« Bevor Rolf es allerdings schaffte, mit seiner Gabel meinen Teller zu erreichen, schlug ihm Lila das Besteck aus der Hand. »Frag in der Küche, ob sie dir dort einen Nachschlag geben. Henning muss essen, damit er zu Kräften kommt.« Rolf schaute verdutzt, sagte aber nichts, sondern hob stumm die Gabel vom Boden auf.

    Lila mal wieder auf 180

    »Henning hat eine neue Mama. Eine Schokoprinzessin. Wie kann es aber sein, dass du selber so blass aussiehst?«, wieherte Rene und zeigte dabei sein schadhaftes Gebiss.
    »Henning hat dir erklärt, was gleich passiert«, fauchte Lila, während sie Blitze aus ihren grünen Augen in Richtung Rene schleuderte. Der fühlte sich sofort unwohl in seiner Haut und senkte unterwürfig den Blick, weil er mit dem Instinkt eines häufig geprügelten Straßenköters spürte, dass Lila es nicht bei einer Drohung belassen würde. Sie war imstande – und darin wesensgleich mit Petra – ihre Worte blitzschnell in drastische Taten umzufunktionieren. Während Lila mir die Brote in kleine Stücke schnitt und zum Mund führte, aßen Rolf und Rene schweigend ihre Teller leer. Rene rülpste, wischte die Lippen am Hemdärmel ab, griff das Transistorradio und schlurfte zurück ins Raucherzimmer, wo er sich aus den Kippen im Aschenbecher eine neue Zigarette drehen würde.

    »Na, ihr zwei Turteltauben. Macht es euch was aus, wenn ich mich aus eurer illustren Runde entferne?« Rolf hatte seins und die Hälfte meines Abendessens verzehrt, strich sich mit der Hand über den immer noch knurrenden Magen und war im Begriff, aufzustehen.
    »Sprichst du immer so gewählt, Rolf?« Zum ersten Mal redete Lila ihn freundlich an, was Rolf – der für weibliche Signale durchaus empfänglich war – schmeichelte, weshalb er sitzenblieb.
    »In dieser Station eigentlich nicht. Ich passe mein Vokabular der jeweiligen Umgebung an.«
    »Er will damit ausdrücken, dass wir anderen Alkis zu dumm sind, um ihn zu verstehen.«
    »Du hast es auf den Punkt gebracht, Henning.«
    »Jetzt streitet euch doch nicht, ihr beiden.«
    »Wir zanken uns gar nicht. Dafür müssten wir uns auf gleicher Augenhöhe befinden. Aber erlaube kurz einen neuen Gedanken: hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein perfektes Gesicht besitzt, Lila?«
    »Nein, Rolf.«

    Ein vergiftetes Kompliment

    »Ein italienischer Maler hat sich so geäußert: Schönheit ist die Summe der Teile, bei deren Anordnung die Notwendigkeit entfällt , etwas hinzuzufügen, zu entfernen oder zu ändern.«
    »Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt, Rolf. Siehst du das auch so, Henning?«
    »Ich? Ja, ist schon okay.«
    »Du bist ein alter Griesgram. Nimm dir ein Beispiel an Rolf, dem Charmeur. Der behandelt Frauen sogar in der traurigen Klinik mit dem ihnen zustehenden Respekt. Er ist witzig und aufmerksam und nicht so ein gleichgültiges Monster wie du. Ich geh dann mal auf mein Zimmer. Bin müde. Bis später, ihr Zwei.« Sie brachte ihres und mein Tablett zurück in die Küche und erst jetzt bemerkte ich, dass sie barfuß herumlief.

    »Na, wie fandst du das Zitat, Henning?«
    »Scheiße.«
    »Da du es nicht kanntest?«
    »Rolf, das spricht Nicolas Cage zu Jessica Biel im Film Next. Und: Es war ein deutscher Maler, kein Italiener.«
    »Bei Hollywood bist du mehr Experte als ich. Die Quelle ist doch vollkommen egal. Hauptsache, es hat Lila gefallen. Ich glaube, sie hat sich über das Kompliment sehr gefreut.«
    »Weiß nicht.«
    »Du bist eifersüchtig, weil Du nicht selbst auf die Idee gekommen bist. Los, gib’s zu.«

    Black Mamba sorgt sich

    »Hallo, Herr Hirsch. Schön, dass Sie endlich wieder bei den Lebenden sind.« Neben mir stand unverhofft Schwester Veronika, die gerade mit ihrer Abendschicht begonnen hatte. Von uns liebevoll Black Mamba gerufen. Wegen ihrer Vorliebe für hautenge schwarze Bodies. Sie passte eher als Ninjakämpferin in einen japanischen Schwertfilm als in dieses Krankenhaus. Ich freute mich, sie zu sehen. »Wissen Sie überhaupt, wie Sie hierhergekommen sind?«
    »Habe nur dunkle Erinnerungen an die vergangenen achtundvierzig Stunden.«
    »Wir haben Sie mehr tot als lebendig vorgestern aus Ihrer Wohnung rausgeholt. Das war allerletzte Eisenbahn. Sie wären beinahe abgekratzt.«
    »Hat mir Pfleger Franz heute früh gesteckt. Klingt aber auch aus Ihrem Mund sehr übel.«
    »Da sagen Sie was. Ruhen Sie sich aus, und kommen Sie langsam wieder auf die Beine. Medikamente bringe ich Ihnen gleich vorbei.«

    In düsterer Gemütsverfassung angelte ich mir einen alten Kicker und blätterte lustlos in den mit Kaffeeflecken besprenkelten Seiten herum. Es gelang mir jedoch nicht, mich auf die kurzen Texte zu konzentrieren, und so betrachtete ich notgedrungen nur die Bilder von Fußballspielern, Trainern und Vereinsfunktionären. Irgendwann werde ich nicht mehr lesen können, argwöhnte ich. Spätestens dann werden sie mich in ein Pflegeheim einweisen. Kein schöner Gedanke, wenn man wie ich schwitzend und mit Puls 170 am frühen Abend im Aufenthaltsraum der geschlossenen Station saß und bibbernd auf die nächste Ration Pillen wartete.

    Lila ritzt sich

    »Herr Hirsch, kommen Sie schnell mit.« Die völlig aufgeregte Veronika tauchte plötzlich vor mir auf. In ihren schreckgeweiteten Augen spiegelten sich Fassungslosigkeit und Trauer.
    »Was ist los, Schwester?«
    »Die junge Frau, Ihre Freundin, hat sich was angetan.«
    »Ich bin kein Arzt.« Die waren erfahrungsgemäß nie in der Nähe, wenn was passierte.
    »Weiß ich. Aber sie fragt nach Ihnen.«

    Gemeinsam hasteten wir zu Lilas Zimmer, wobei ich eher hinkte und trotz der kurzen Strecke schnell aus der Puste geriet. Uns bot sich ein grauenerregender Anblick. Eine blutverschmierte Lila. Ein zerborstener Spiegel im Badezimmer. Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich nahm sie in die meine.
    »Henning, ich habe mich bestraft.« Ich nahm sie in meine Arme, sie schluchzte hemmungslos, ihr schlanker Körper wurde von Heulkrämpfen geschüttelt.
    »Ich sehe es.«
    »Nachdem mir dein Freund das mit der Schönheit gesagt hatte, da verspürte ich mit einem Mal einen enormen Druck in mir.«
    »Ja, leider.«
    »Ich habe versucht, es zu unterdrücken. Aber dann wurde der Zwang zu groß.«
    »Das ist bei Menschen wie dir so.«
    »Ich musste mich einfach ritzen.«
    »In dein schönes Gesicht. Ich könnte weinen, wenn ich dich anschaue.«

    Fassungslos schüttelte ich den Kopf, während mir Lilas Blut über Hemd, Hose und die weißen Tennisschuhe tropfte. Ich würde meine Sachen nachher in die Mülltonne werfen. Machte ich jedes Mal so, wenn ich mit vollgepissten Jeans und zerrissenen T-Shirts in der Klinik aufschlug. Das Vernichten der verdreckten Kleidung bedeutete für mich einen wesentlichen Bestandteil meines allmonatlichen Reinigungsprozesses. Veronika und eine mir unbekannte Assistenzärztin versuchten derweil, die Verletzungen provisorisch zu behandeln und verabreichten Lila eine Spritze mit einem starken Beruhigungsmittel in die linke Armbeuge. Danach ließen sie uns alleine; ermahnten uns jedoch, weitere Dummheiten auf jeden Fall zu unterlassen.

    »Henning, wirst du mich auch lieben, wenn ich in Zukunft aussehe wie ein Zombie?«
    »Ja!«
    »Glaubst du, dass man die Narben lasern kann?«
    »Natürlich«, log ich. Was hätte ihr in diesem Moment die Wahrheit genützt?
    »Das stimmt nicht. Brauchst nicht zu flunkern. Ich weiß, dass du mich nicht unnötig aufregen möchtest.«
    »In der plastischen Chirurgie sind heute viele Dinge möglich«, antwortete ich mit schmalen Lippen.
    »Das ist nicht weiter schlimm. Mir reicht es, dass du jetzt neben mir sitzt. Geh bitte nicht weg!«. Lila versuchte, tapfer zu sein und sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

    Am Abend fühle ich mich noch mieser als am Morgen

    Nach einigen Minuten, in denen wir über belangloses Zeug geplaudert hatten, kehrte die junge Ärztin zurück: »Wir werden Sie in einer Stunde in die psychosomatische Abteilung verlegen.«
    »Ich möchte aber bei ihm bleiben.« Lila bäumte sich auf und wollte aus dem Zimmer fliehen. Sachte drückte ich sie zurück in ihren Sessel.
    »Lila, sie werden es tun. Das ist eine Entgiftungsstation. Fälle wie deiner sind hier nicht richtig aufgehoben.«
    »Wirst du mich da besuchen?«
    »Klar.« Aber nicht so bald, wie du hoffst. So schnell werden sie mich aus der Geschlossenen nicht rauslassen, ging es mir durch den Kopf, verriet es Lila allerdings nicht.

    An der dick gepanzerten Ausgangstür verabschiedeten wir uns. Veronika tippte einen fünfstelligen Code in die an der Wand befestigte Tastatur, die beiden Flügel des Portals glitten mit einem leisen Summen auseinander und gaben für einige Sekunden den Blick frei in die Außenwelt. Ein bulliger Pfleger, den ich zum ersten Mal sah, packte Lila an der Schulter und bugsierte sie hinaus in die unendlich langen Korridore des psychiatrischen Krankenhauses. Sie drehte sich ein letztes Mal um, weil sie mir zuwinken wollte. Ich hatte mich jedoch bereits abgewandt, da ich tränenreiche Lebewohlszenen nicht leiden konnte.

    In noch niedergeschlagenerer Stimmung als einige Stunden zuvor schlurfte ich zurück in das Raucherzimmer. Dort warteten bereits Rolf und Rene auf mich. Vor Neugier schier platzend, um sich von mir über die jüngsten Geschehnisse informieren zu lassen. Ich aber schwieg.

    »Wie geht es Lila?«, unterbrach Rolf schließlich die Stille.
    »Sie wird’s schon überleben. Aber ihr Gesicht ist halt im Eimer«, antwortete ich einsilbig.
    »Immer dasselbe mit den Junkies.« Rene grinste, während er sich mit spinnenartigen Fingern eine Kippe drehte.
    »Ihr zwei Clowns versteht gar nichts. Lasst mich bloß in Ruhe! Heute fühle ich mich supermies.«

    Ich setzte mich in die hinterste Ecke des Raums und stierte mit inhaltsleerem Gehirn an die gelbe Tapete. Vom Sekundenschlaf übermannt döste ich an Ort und Stelle ein und wurde eine Stunde später von Veronika sanft aufgeweckt, die mich, ohne ein Wort zu sagen, in mein Bett verfrachtete.
    ENDE

  • Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    In Deutschland beklagen wir pro Jahr rund 75.000 Tote (nicht gezählt die durch Alkohol verursachten und begünstigten Krebserkrankungen), die aufgrund der Kombination Schnaps und Zigaretten ein paar Jahre früher als ursprünglich geplant ins Gras beißen (davon 30–50 % durch Alkohol alleine, also ohne zusätzliches Suchtmittel). Hinzu kommen jährlich 120 000 Menschen, die sich wegen chronischen Tabakmissbrauchs vorzeitig die Lunge final aus dem Hals gehustet haben. Dem gegenüber stehen 1500 Opfer illegaler Drogen (darunter zwei Drittel durch Opioide = Heroin u. Ä.). Cannabis-Tote = 0.

    Die schiere Masse der Alkoholkranken übersteigt die der anderen Substanzabhängigen um ein Vielfaches. Den überwiegenden Anteil der Patienten in stationären Einrichtungen bildet die Wodkafraktion, mit großem Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatsüchtigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten. Alkohol stellt also die bei Weitem gefährlichste Droge für unsere Bevölkerung dar. Bedrohlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Kein weiterer psychotroper, also auf die Psyche einwirkender, Stoff fordert mehr Menschenleben. Jedes Jahr aufs Neue gehen so in stupider Regelmäßigkeit die oben genannten 75.000 Abhängigen in Folge von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säufergründe ein.

    Trotzdem kann man – sobald das 18. Lebensjahr erreicht ist – Hochprozentiges bei uns genauso einfach kaufen wie Toastbrot und Kondome. Keine nennenswerten Einschränkungen, keine Warnhinweise auf Flaschen, Flachmännern und Dosen, Alkoholwerbung ist in TV und Radio weiterhin erlaubt. Eine derart wachsweiche Vorgehensweise vom selben Gesetzgeber, der bei Besitz von zwei Krümeln Marihuana sofort mit Staatsanwalt und Knast droht? Weshalb dieses eklatante Ungleichgewicht zwischen Schnaps und den anderen harten Drogen? Weil’s ein Kulturding ist? Weil die Politik einen Volksaufstand befürchtet, falls sie mal ernsthaft über Einschränkungen debattiert?

    Experten-Warnungen verhallen ungehört

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Konsequenzen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake News. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt.

    „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-De-Niro-Filmen speisen: „Zwischen 1919 und 1933 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt, allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um 30–50 %. Zwar nicht gleichverteilt zwischen Stadt (dort wurde in den neu entstandenen sogenannten Flüsterkneipen ordentlich gebechert) und Land (das trocknete aufgrund der Schließung der Saloons ziemlich aus), aber der Verbrauch ging dennoch deutlich zurück und erreichte erst Mitte der 70er-Jahre wieder das Niveau von 1918.

    Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht auf einem anderen Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    7 einfache Maßnahmen

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Top-Position im Ranking der globalen Trinkernationen, und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung.

    Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:

    1. Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei uns definitiv zu billig)
    2. Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    3. Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmels willen hat Jägermeister in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    4. keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    5. konsumfreie Räume (z. B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    6. keine Werbung in TV, Radio, Printmedien, auf Plakatwänden und Trikots von Sportvereinen u. Ä.
    7. Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem dritten Weihnachtsmarkt-Glühwein).

    Das würde – unter der Voraussetzung, alle 7 genannten Instrumente gelangten zur Anwendung – zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. So einfach ginge das, fragen Sie?. Ja, so einfach geht das, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und natürlich ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkoholspots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburger-Trinkern und den „Jeder ist für seine Sucht selbst verantwortlich“-Pseudoliberalen auch niemand.

    Und noch einmal: Es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Das menschliche Grundbedürfnis nach Rausch bliebe selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es würde nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Deutschland ist in Blickrichtung auf den ungehinderten Zugang zur Droge Alkohol eines der freizügigsten Länder der Welt. Die Sinnhaftigkeit selbst kleinster Maßnahmen (z. B. kein Verkauf in Tankstellen) wird angezweifelt, zu einem kompletten Werbeverbot will sich niemand durchringen. Die Politik bleibt, was ein konsequentes Gegensteuern bei der offenkundigen Gesundheitsgefährdung anbelangt, zögerlich bis hin zu verharmlosend. Reine Appelle à la „Kenn dein Limit“ fruchten wenig, solange man Alkopops, Bier und Schnaps weiterhin 24/7 an jeder Ecke zu Discountpreisen erwerben kann.

    MERKE
    Wenn Deutschland in einem Bereich liberal ist, dann beim Verkauf von Alkohol. Das führt in der logischen Konsequenz zu überhöhtem Konsum und konstant aus den Nähten platzenden Suchtkliniken. Regulierende Maßnahmen täten dringend not, werden aber nicht ergriffen. Die jährlich 75 000 Alkoholtoten bedanken sich dafür ganz herzlich bei unserem Laissez-faire-Gesetzgeber.

  • Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Ein Lieblingsmärchen aller Säufer lautet: „Mit dem Trinken schade ich ja bloß mir selbst.“ In leichter Abwandlung aus Politikermund klingt das dann so: „Selbstschädigung liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.“

    Hört sich erst mal gut an, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Weizenkorneinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden – um von all den sich in psychologischer Behandlung befindenden Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps einzig den Trinker selbst schädigen, ist eine fromme Legende, die wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, die dazu dienen sollen, den exzessiven Konsum wenigstens partiell einzudämmen.

    Mal völlig losgelöst vom Aspekt, dass wir Junkies das Recht auf eigenverantwortliche Gesundheitsdemontage nicht zugestehen, sondern bei harten Drogen von Anfang an streng regulierend eingreifen, soll uns die obige Falschbehauptung – denn um nichts anderes handelt es sich dabei – weismachen, dass die negativen Konsequenzen des Alkohols einzig der Trinker zu spüren bekommt, weshalb Warnhinweise und Einschränkungen, wie wir sie beim Tabak gewöhnt sind, nicht notwendig seien. Denn der Nikotinabhängige teert ja nicht nur alleine seine Lunge, sondern verqualmt ebenfalls seine Umwelt (Passivrauchen), weshalb Verbote bei Zigaretten & Co. durchaus Sinn ergäben.

    Nun sagt niemand, dass ein an einer Cola nuckelnder Gast durch Geruch oder Anblick eines bunten Cocktails, der am Nachbartisch serviert wird, körperliche Schäden davonträgt. Es könnte zwar theoretisch passieren, dass der Cola konsumierende Gast ein trockener Alkoholiker ist, der durch den Anblick des Cocktails dermaßen getriggert wird, dass er noch am selben Abend einen Rückfall erleidet. Aber das ist zum einen ein Spezialfall und zum anderen muss sich der trockene Alkoholiker ja nicht abends in ein Lokal setzen, in dem alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Fällt in die Rubrik:ein bisschen Risiko ist immer.

    Unfälle und Straftaten unter Alkoholeinfluss

    Was aber ist eigentlich mit den – gar nicht so seltenen – alkoholverursachten Kollateralschäden wie Verkehrsunfällen, körperlicher Gewaltanwendung/häuslicher Gewalt und psychischem Dauerstress, der auf Verwandte und Freunde ausgeübt wird? Sind das vernachlässigbare Problemfelder, weil die Fallgrößen so gering sind?

    Fallgruppe Anzahl
    Alkoholbedingte Verkehrsunfälle mit Sach- und/oder Personenschaden 36.000 (davon 4.600 schwerverletzte Personen und knapp 250 Getötete)
    Straftaten unter Alkoholeinfluss (nur die zur Anzeige gelangten Delikte) 222.000 (davon rund 800 Tötungen)
    alkoholbedingter Stress von  Familienangehörigen k. A.
    zum Vergleich: Todesopfer aufgrund von Passivrauchen (koronare Herzkrankheit,Schlaganfall, Lungenkrebs) 3.000

    Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, WHO (Welt-Tabak-Bericht)

    Auch wenn sich die Angaben nicht eins zu eins vergleichen lassen, so zeigt sich doch, dass die Zahlen der externen Alkoholgeschädigten diejenigen der Passivrauch-Opfer deutlich überschreiten, was zu der Frage führt, weshalb diese beiden Problemfelder derart unterschiedlich behandelt werden. Ist ein Kirmesbesucher,der von einem aufgrund zwei Promille völlig enthemmten Dorf-Rambo einen Bierkrug über den Schädel gezogen bekommt, weniger schützenswert als ein Restaurantgast, dem der Rauch einer Zigarette vom Nachbartisch in die Nase steigt?

    Co-Abhängige: Oft noch ärmer dran als der Trinker

    Was ist vor allem mit der Schutzwürdigkeit der geschätzt acht bis zehn Millionen Co-Abhängigen? Denn diese bedauernswerte Gruppe ist andauerndem psychischen Stress bis hin zu körperlicher Gewaltanwendung ausgesetzt. Co-Abhängigkeit stellt außerhalb von Fachkreisen ein immer noch stark vernachlässigtes Thema dar, obwohl sie aufs Engste mit der Sauferei verwoben ist. Die wissenschaftliche Definition für das traurige Phänomen lautet: „Bezugsperson eines Betroffenen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.“

    Diese hinsichtlich Verbreitungsgrad und Schwere häufig unterschätzte seelische Erkrankung wird in drei Phasen eingeteilt:
    1. Nachsicht: Verständnis, Zuwendung durch Aufmerksamkeit, Verdrängung, Ermunterung zur Selbstdisziplin, Empfehlung, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, um über das Problem zu sprechen
    2. Vertuschen: Verheimlichung und Verharmlosung gegenüber Verwandten und Freunden, der Partner übernimmt Aufgaben des immer häufiger handlungsunfähigen Trinkers, uferlose Diskussionen, die jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
    3. Überwachung: Beobachtung, Kontrolle, Streit und gegenseitige Aggression nehmen zu, Verachtung

    Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Welcher Patient kennt sie nicht: die bei jedem Wetter auch in geschlossenen Räumen sonnenbebrillten Ehefrauen, die ihre Aggro-Männer, die im Moment aufgrund von 20 Distra im Magen-Darm-Trakt ausnahmsweise mal friedlich vor sich hin dämmern, in der Klinik besuchen, wo sie ihnen tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts auf eine Papierserviette zu schreiben und wieder zu gehen? Wenn die mit Hämatomen übersäte Ehefrau nicht sogar in der Nachbarstation ebenfalls einen Entzug durchläuft. Ungefähr ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Prellungen und Schürfwunden eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von der Polizei.

    Nun läuft folgende Dramaturgie ab: Am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story bereits in abgemilderter Version zu hören: „Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Horst-Jürgen – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wieder die Hand aus.“ An Tag 3 wird schließlich diese Erklärung nachgeschoben: „Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen.“ Zwei Stunden später sitzt Horst-Jürgen händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufenthaltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht.

    Ich habe mich oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochismus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen? Nachdem mich die Berichte anfangs fassungslos zurückließen, gewöhnte ich mich mit der Zeit daran und begriff, warum Staatsanwaltschaft, Psychologen und Sozialarbeitern im Falle der unterbleibenden Strafanzeige die Hände weitgehend gebunden sind. Die Rollen in dieser Tragödie sind klar verteilt: Mann schlägt, Frau erduldet. Die umgekehrte Variante existiert zwar ebenfalls, ist aber nur sehr selten anzutreffen. Alkoholisierte Frauen neigen eher zu verbaler denn zu körperlicher Gewaltanwendung.

    Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren später möglicher häuslicher Gewalt hin:
    1. Generelle Einstellung: Der Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen.
    2. Eifersucht: Harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht.
    3. Kontrollwahn: Er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden und über alles informiert werden.
    4. Isolation: Er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.
    5. Gewalt gegenüber Sachen: Wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände etc. und will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

    Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln.

    Stereotype Entschuldigungsmuster am Tag danach:
    • „Ich hatte zu viel getrunken. Nüchtern passiert mir das nicht.“
    • „Jetzt übertreibst du aber. So schlimm war das gestern doch gar nicht.“
    • „Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.“

    Das Problem ist allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt lassen sich drei Opfertypen unterscheiden:
    1. Ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt und es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird; sucht aktiv nach einem Ausweg.
    2. Wie 1., allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird; oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun richtig aufdreht.
    3. Hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

    Externe Unterstützung ist für die Gruppen 2. und 3. nur sehr schwer möglich, weshalb diese Frauen mit steter Regelmäßigkeit in den Kliniken aufschlagen.

    Wie schützt man sich und seine Kinder?

    Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

    Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: „Ich ziehe aus und nehme die Kleinen mit!“ Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann ja gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbstständig nicht auf die Reihe bekommt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

    Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, „Boah, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder!“, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird. Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies alles wegzubrechen droht, schaffen es einige in letzter Sekunde doch noch, den Richtungswechsel herbeizuführen; den anderen ist von Verwandten und Freunden sowieso nicht zu helfen.

    Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit geraten will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen. Die Erfahrung lehrt: Es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen. Zudem steigt bei ihnen das Risiko stark an, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb und Ähnlichem zu erkranken. Wie eine co-abhängige Bekannte es mir einmal erklärte: „Mein Mann hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken.“

    Nach dem Lesen der obigen Zeilen sollte klar geworden sein, dass es sich beim Saufen keineswegs um pure Selbstschädigung eigenverantwortlich entscheidender, volljähriger Bürger handelt, die uns andere – und vor allem den Staat – nicht zu interessieren hat, sondern die kollateralen Verheerungen, die Schnaps und Bier anrichten, teilweise viel dramatischer ausfallen als beim Passivrauchen. 36 000 alkoholbedingte Verkehrsunfälle plus rund 40 000 schwere und gefährliche im Rausch begangene Körperverletzungen pro Jahr deutschlandweit zuzüglich ungezählter psychischer Co-Abhängigkeitswracks führen ganz deutlich vor Augen, dass das Mantra „Lasst die Trinker ungestört trinken“ Unfug bis hin zu grob fahrlässig ist.

    MERKE
    Der Trinker lebt nicht alleine im Wodka-Universum. Es existieren neben ihm noch die beiden Gruppen „Opfer von alkoholbedingten Verkehrsunfällen und Straftaten“ sowie die „Co-Abhängigen“. Großen Schaden richtet der Alkohol bei allen dreien an.

  • Wann ist man Alkoholiker?

    Wann ist man Alkoholiker?

    Als psychotrope Substanz verändert Alkohol unser Bewusstsein: sei es als Stimmungsaufheller, Enthemmer, Runterkommer, Vergessenschenker, Einschlafhilfe oder Aphrodisiakum. Solange wir ihn maßvoll und in zufällig getakteten Zeitabständen konsumieren, ist alles okay mit dem Stoff. Sobald wir allerdings damit beginnen, die Droge zu bestimmten Zwecken – und dann in der Konsequenz regelmäßig – einzusetzen, erreichen wir über kurz oder lang die kritische Schwelle vom Genuss- hin zum Gewohnheitstrinken.

    Bei vielen klappt es mit dem Saufen halbwegs passabel bis ins hohe Alter. Bei einigen kippt die Sache, und sie überqueren eines Nachts die Schwelle vom Risikotrinker zum Alkoholiker, der es nicht mehr schafft, nach einer Flasche Soave eigenhändig den Stoppschalter zu betätigen, sondern im Anschluss noch eine Pulle Wodka die Kehle runterlaufen lässt. Trinken, bis die Lampen ausgehen, man sich beim Aufwachen nicht mehr an den vorherigen Abend erinnert und sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Kiosk macht, um Nachschub zu besorgen. Konsum als 24/7-Dauerzustand.

    Nun gibt es bei Alkoholikern solche, solche und solche. Nicht jeder von ihnen schüttet sich jeden Tag bis zur Bewusstlosigkeit zu, kann sich ein Dasein unterhalb von 3,0 Promille beim besten Willen nicht vorstellen bzw. ist ohne ständige ärztliche Hilfe nicht überlebensfähig. Es existiert zusätzlich die gar nicht kleine Gruppe der Quartalssäufer, die einzig zu bestimmten Anlässen die Sau so lange durchs Wirtshaus treiben, bis sie bewusstlos unterm Tisch oder im Straßengraben liegen. Die dritte Fraktion bilden die sogenannten Spiegeltrinker, die vom Aufstehen über Mittagsschläfchen bis hin zum Spätfilm auf Netflix konstant einen Pegel von beispielsweise 1,5 Promille halten und in der Konsequenz im Abstand von 90 Minuten nachtanken müssen.

    Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass ihr Umgang mit Alkohol grob fahrlässig, selbstzerstörerisch bis hin zu lebensgefährlich ist. Zudem sind die Übergänge fließend: Viele Quartals- und Spiegeltrinker erreichen über kurz oder lang das Stadium der 24/7-Volldröhnung. Denn – und das ist eine der teuflischen Gefahren der Droge – der Abhängige benötigt im Zeitverlauf eine immer stärker werdende Dosis, um das Wohlgefühl herzustellen, das er für seine wacklige Balance braucht. Aus einem anfänglichen 1,0-Pegel wird so ein 2,0-Spiegel,der irgendwann in einen Dauer-3,0- bis -4,0-Rausch mündet. Das Abdriften in das Rock-around-the-clock-Vollbesäufnis muss nicht bei allen Alkoholikern geschehen. Ich kenne Kandidaten, die es über Jahrzehnte geschafft haben, sich nur abends in einen weit entfernten Spiralnebel abzuschießen und die – oft zittrigen – Finger tagsüber vom Fusel wegzulassen. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Trinkzeit kontinuierlich nach vorne verlegt wird, bis man eines Morgens den ersten Cognac bereits zum Frühstück runterspült, für die Mitglieder dieser Gruppe hoch.

    Okay, sagen Sie, dass zu viel getrunken wird, wissen wir jetzt. Aber wer von uns ist denn nun tatsächlich eine Schnapsdrossel im strengen medizinischen Sinn?

    Zu viel Alkohol ist immer hochriskant

    Der erste Wissenschaftler, der Alkoholismus zum Forschungsobjekt erhob, war in den 1930er-Jahren ein US-amerikanischer Physiologe: Elvin Morton Jellinek. Seine noch heute verbreitete Klassifikation unterscheidet Alkoholkranke in fünf Typen:

    Alpha-Typ (Problemtrinker, Erleichterungstrinker) trinkt, um innere Spannungen und Konflikte (etwa Verzweiflung) zu beseitigen („Kummertrinker“). Die Menge hängt ab von der jeweiligen Stress-Situation. Hier besteht vor allem die Gefahr psychischer Abhängigkeit. Alphatrinker sind nicht alkoholkrank, aber gefährdet.
    Beta-Typ (Gelegenheitstrinker) trinkt bei sozialen Anlässen große Mengen, bleibt aber sozial und psychisch unauffällig. Betatrinker haben einen alkoholnahen Lebensstil. Negative gesundheitliche Folgen entstehen durch häufigen Alkoholkonsum. Sie sind weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet.
    Gamma-Typ (Rauschtrinker, Alkoholiker) hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Typisch ist der Kontrollverlust: Er kann nicht aufhören zu trinken, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Obwohl er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank.
    Delta-Typ (Pegeltrinker, Spiegeltrinker, Alkoholiker) ist bestrebt, seinen Alkoholkonsum im Tagesverlauf (auch nachts) möglichst gleichbleibend zu halten: daher auch der Begriff Spiegeltrinker (Blutalkoholkonzentration bzw. Blutalkoholspiegel sind konstant). Dabei kann es sich um vergleichbar geringe Konzentrationen handeln, diese steigen jedoch im Verlauf der fortschreitenden Krankheit und der damit sich erhöhenden Alkoholtoleranz meist an. Der Abhängige bleibt lange sozial unauffällig („funktionierender Alkoholiker“), weil er selten erkennbar betrunken ist. Dennoch besteht starke körperliche Abhängigkeit. Er muss 24/7 Alkohol trinken, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch den ständigen Konsum entstehen körperliche Folgeschäden. Deltatrinker sind nicht abstinenzfähig und alkoholkrank.
    Epsilon-Typ (Dipsomane, Quartalstrinker, Alkoholiker) erlebt in unregelmäßigen Intervallen Phasen exzessiven Alkoholkonsums mit Kontrollverlust, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen kann er monatelang abstinent bleiben. Epsilon-Trinker sind alkoholkrank.

    Um das jeweilige Stadium der Erkrankung zu fixieren, entwickelte Jellinek einen Erhebungsbogen mit knapp 30 Fragen, die von „Denken Sie häufig an Alkohol?“ über „Trinken Sie heimlich?“ bis hin zu „Hatten Sie bereits ein Delir?“ reichen. Je mehr dieser Fragen der Patient mit „Ja“ beantwortet, desto weiter ist er auf der Leiter des Alkoholismus nach oben geklettert. Wie es vielen Pionieren geschieht, so wurden auch Jellineks Forschungsansätze und -ergebnisse von seinen Nachfolgern in Zweifel gezogen. Zu oberflächlich und zu grobmaschig, lautete das Urteil. Was partiell durchaus stimmen mag, jedoch – im Nachgang sind wir alle schlauer. Jellinek kommt aber auf jeden Fall das Verdienst zu, sich als Erster wissenschaftlich konsequent mit Trunksucht beschäftigt zu haben. Ohne seine Vorarbeit gäbe es bis heute keine Anerkennung des Alkoholismus als eigenständiges und offiziell anerkanntes Krankheitsbild.

    Hier noch zwei weitere heute gängige Typologieschemata. Der Psychiater und Genetiker Robert Cloninger unterscheidet nur zwei Typen voneinander:
    Typ I: Ein Typ-I-Alkoholiker ist durch größeren Einfluss von Umweltfaktoren und den Beginn der Suchtkrankheit nach dem 25. Lebensjahr gekennzeichnet. Die Häufigkeit ist bei Männern gleich hoch wie bei Frauen. Der Typ I zeigt grundsätzlich einen eher milden Verlauf mit vorwiegend psychischer Abhängigkeit. Die Betroffenen leiden unter starken Schuldgefühlen und haben große Angst, abhängig zu werden.
    Typ II: Der Typ-II-Alkoholiker ist stärker von genetischen Faktoren bestimmt und hauptsächlich durch einen frühen Beginn (vor dem 25. Lebensjahr) der Suchtkrankheit charakterisiert. Männer machen den größten Anteil der Typ-II-Alkoholiker nach Cloninger aus. Typisch sind ein stark ausgeprägtes Alkoholverlangen, gepaart mit asozialen Persönlichkeitseigenschaften und Aggressionsdurchbrüchen.

    Der Mediziner und Psychologe Thomas F. Babor splittet ebenfalls in zwei Typen. Hier geht es allerdings vor allem um das Einstiegsalter in die Droge:
    Typ A: später Beginn
    Typ B: früher Beginn
    So lapidar macht der Babor das? Ja, so lapidar macht er es.

    Die Kriterien der WHO im ICD-10-Katalog

    Konsum Geschlecht Gramm/Tag Entspricht in etwa*
    Riskant 20-40 0,2-0,4l Wein
    30-60 0,75-1,5l Bier
    Gefährlich 40-80 0,4-0,8l Wein
    80-120 1,5-3l Bier
    Sehr hoch >80 0,5l Eierlikör oder
    1l Weißwein
    >120 >0,4l Schnaps**

    * Die Höhe der (WHO-)Grenzwerte ist umstritten. Manche Mediziner fordern niedrigere
    Schwellen; andere hingegen plädieren – vor allem bei „Riskant“ – für eine Anhebung
    des Einstiegslimits.
    ** Ein Alkoholiker, der in einem Krankenhaus entgiftet, weist erfahrungsgemäß einen
    Tageskonsum von ein bis zwei Flaschen Schnaps (zumeist Wodka oder Doppelkorn)
    über einen längeren Zeitraum auf.

    Suchtdruck und Kontrollverlust

    Gemäß der WHO ist Alkoholabhängigkeit als psychische Erkrankung vor allem durch folgende Phänomene charakterisiert: Suchtdruck, Vernachlässigung von allem, was nichts mit der Droge zu tun hat, Toleranzentwicklung/Dosissteigerung, Kontrollverlust sowie Entzugserscheinungen. Bei zweien dieser Begriffe müssen wir kurz verweilen, denn sie sind wichtig und werden uns im weiteren Verlauf häufig begegnen: Suchtdruck und Kontrollverlust.

    Suchtdruck – im angelsächsischen Sprachraum „Craving“ (Begierde, Verlangen) genannt – umschreibt das nahezu unbezwingbare Verlangen eines Abhängigen, sein Suchtmittel (Alkohol, Tabak, irgendeine der vielen illegalen Drogen) konsumieren zu wollen. Craving hat seine neurobiologische Grundlage in der Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Die Zufuhr der Substanz bewirkt die 24/7-Aktivierung einer künstlich hergestellten, als angenehm empfundenen Gefühlswelt. Der Abhängige weigert sich, negative Empfindungen zuzulassen bzw. flüchtet sich, sobald der euphorische Höhenflug abflaut, sofort wieder in den nächsten Rausch: die Sucht als nicht mehr unterdrückbare Gier nach einem wahlweise hochgestimmten oder benebelten Erlebniszustand. Diesem unbedingten Verlangen werden die Kräfte des Verstandes völlig untergeordnet. Weil „Sucht“ den Ärzten und Therapeuten zu banal klingt, sprechen die medizinischen Experten lieber von Abhängigkeit oder gar vom substanzgebundenen Abhängigkeitssyndrom, drücken damit aber letztlich dasselbe aus wie wir, wenn wir seufzend sagen: „Der Heinz kommt seit Jahren nicht vom Schnaps weg und hat sich bald den letzten Rest seines Hirns weggesoffen. So schade um ihn. War mal ein attraktiver und kluger Mann.“

    Kontrollverlust: Hiermit ist nicht der einmalige Verlust an Kontrolle gemeint. Die Wissenschaft beschreibt das traurige Phänomen so: Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, eigenständig über Trinkbeginn, Menge und Ende entscheiden. Vorher selbst gebastelte und mühsam aufrecht erhaltene Konsummuster (kein Bier vor vier, kein Schnaps in der Werkwoche) können plötzlich nicht mehr eingehalten werden. Der Süchtige tritt in das Stadium ein, in dem er seinen Konsum grundsätzlich nicht mehr steuern kann. Der Abhängige benötigt den Stoff nun rund um die Uhr. In der Extremvariante bedeutet Kontrollverlust Trinken bis zum Umfallen. Hardcoresäufer müssen deshalb häufig den Umweg über die Intensivstation nehmen, bevor sie von dort weiter in die Entzugsklinik verwiesen werden. Es gilt die harte Regel: einmal Kontrollverlust erlitten → Genusstrinken wird nie mehr möglich sein. Sobald ein Süchtiger diese Schwelle überschreitet, ist Alkoholismus irreversibel.

    Von nun an gibt es keinen Weg zurück zum normalen Konsum. Es existieren angeblich in einem abgeschiedenen Appalachendorf in Kentucky und in Zimmer 273 des städtischen Altersheims Castrop-Rauxel zwei fabulöse Ausnahmen von dieser Regel, aber leibhaftig gesehen hat die beiden bisher noch niemand. Der Kontrollverlust markiert für 99,99 % aller Trinker das definitive Ende von Hoch-die-Tassen. Oder, um es ganz modern auszudrücken: Er stellt den point of no return dar. Von nun an bleiben bloß noch zwei Möglichkeiten offen: dem Schnaps für immer und ewig abzuschwören oder sich ungezügelt ins Grab zu saufen. Dazwischen existiert kein dritter Weg, auch wenn viele Alkis davon träumen. Das Suchtgedächtnis vergisst nichts und bestraft Experimente unbarmherzig.

    Wer Alkoholiker ist und wer nicht, darüber streiten die Fachleute. Geht es um quantitative Mengen oder kontinuierlichen Konsum? Dazu sind Millionen Fachaufsätze publiziert und noch mehr Streitgespräche in Gruppentherapien geführt worden. Um nun nicht jeden, der fünfmal in der Woche mittags zu seinen Spaghetti aglio e olio ein zur Hälfte mit Wasser verdünntes Glas Frascati zu sich nimmt, in die Kategorie der hoffnungslosen Fälle einzusortieren, sei hier folgende Charakterisierung des Alkoholikers gewählt:
    • er/sie trinkt regelmäßig
    • in Mengen, welche die WHO als gefährlich einstuft
    • das praktiziert er über einen längeren Zeitraum
    • er verspürt oft Suchtdruck
    • er setzt die Droge gezielt ein
    • Unwohlsein und Zittern stellen sich ein, falls Alkohol nicht rechtzeitig bereitsteht
    • Denken und Tagesablauf werden von der Droge bestimmt.

    Wenn Sie jetzt noch nicht so genau wissen, ob Sie zu den Alkoholikern dazugehören, und auf welcher Stufe der Leiter Sie sich einsortieren sollen, empfehle ich Ihnen den Jellinek-Bogen. Setzt natürlich voraus, dass Sie die Fragen ehrlich beantworten. Andernfalls können Sie sich diese Übung schenken und stattdessen „lustig“ weiterzechen.

    MERKE
    Problematisch wird es mit dem Alkohol, sobald man ihn zu bestimmten Zwecken und regelmäßig einsetzt. Der Kontrollverlust bedeutet die letzte Schwelle, die der Trinker überschreitet. Von diesem Punkt an gibt es keinen Weg mehr zurück.

  • Trocken bleiben … aber wie?

    Trocken bleiben … aber wie?

    Im vergangenen Jahr bat mich die TrokkenPresse um einen Erfahrungsbericht, in dem ich in kurzen Worten schildern möge, wie ich es schaffte, nach 20 Jahren grob fahrlässiger Trinkerei mit dem Wahnsinn aufzuhören und seitdem trocken zu bleiben. Dieser Text wurde nun im Rahmen einer Anthologie publiziert. Da der Beitrag thematisch halbwegs zur aktuellen Fastenzeit passt, veröffentliche ich ihn auch hier bei den Kolumnisten. Wobei 6 Wochen Trinkpause nicht dasselbe sind wie (lebenslange) Abstinenz. Aber 40 Tage ohne Droge sind schon mal ein guter Anfang.

    Überschrieben hatte ich den Bericht mit: „Ich habe meine Portion Demut gelernt“:
    +++

    Nach 30 Entzügen, einem Dutzend Aufenthalten in Intensivstationen und zwei Langzeittherapien gelang mir im Oktober 2011 endlich der Einstieg in die Abstinenz. 5 Sekunden vor 12. Viel länger hätte ich meine (zum Schluss hin: Hardcore-) Sauferei nicht überlebt.

    Weshalb benötigte ich so viel Zeit, um den Irrsinn zu begreifen, den ich seit meiner Jugend betrieb: Raubbau am Körper, Verlust des Arbeitsplatzes, Abhandenkommen sämtlicher sozialer Kontakte, Abgleiten in den finanziellen Ruin? Denn dass ich Alkoholiker bin und dringend eine 180°-Kehrtwende herbeiführen muss, wusste ich ja schon seit Jahren. Warum also dieser gewaltige Anlauf, um mich ans sichere Ufer zu retten?

    Die Antwort ist dreigeteilt – ich:
     war innerlich nicht bereit, mich auf die Abstinenz einzulassen
     gab mich dem Irrglauben hin, die Sache im Griff zu haben
     musste ganz unten ankommen, um die Reißleine zu ziehen.

    5 Jahre von der Einsicht bis zum Betätigen des Stoppschalters

    Zu der Einsicht, dass ich alkoholkrank bin, der Kontrollverlust irreversibel ist, war ich bereits an Tag 1 von Entgiftung Nummer 1 gelangt. Niemand wird in eine Suchtklinik eingeliefert, der nicht abhängig von einer Substanz ist, hatte mir der Aufnahmearzt erklärt, und das leuchtete mir durchaus ein. Ich war also kein Risikotrinker mehr, sondern ab sofort ein richtiger Alkoholiker. Bloß leitete ich aus dieser Erkenntnis nicht die notwendigen Schritte ab, begnügte mich mit kurzen Trinkunterbrechungen, anstatt komplett auf die Bremse zu treten. Sobald eine Pause 14 Tage oder gar drei Wochen andauerte, ploppte sofort der Gedanke auf: Seht her, ich habe alles unter Kontrolle. Und von da bis zum ersten Glas Bier dauerte es nicht länger als die Fahrt zum nächsten Supermarkt. 30x wiederholte ich das Experiment. Wider besseres Wissen. Auf gut Glück. Und 30x ging es erwartungsgemäß schief. Der Jetzt-oder-nie-Moment war vor elf Jahren erreicht: Wenn ich es dieses Mal nicht packte, würde ich es niemals mehr schaffen. Das spürte ich genau. Ich wusste, hier ist nun die ultimativ letzte Weggabelung erreicht. Wenn ich nicht sofort in die richtige Richtung abbiege, werde ich mich binnen kurz oder lang zu Tode saufen.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Augenblick, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Dusel als die anderen bzw. Gott würfelt gerne. Das würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn wie die meisten Ausstiegwilligen – jedoch Noch-nicht-Ausstiegsbereiten – hatte ich lange Zeit auf diesen einen Tag X hingearbeitet: vorangegangen waren zahllose Stunden in Gruppentherapien und Einzelgespräche mit Psychologen. Verstanden, dass ich dringend was unternehmen muss, hatte ich das alles; bloß unternahm ich nichts, sondern trank nach jedem Klinikaufenthalt weiter.

    Die Konsequenzen der Jahrzehnte währenden Sauferei waren hart: Ich verlor meinen Job und den Kontakt zu Freunden und Familie. Ich begann, von der Hand in den Mund zu leben und gab das, was ich an Geld besaß, vornehmlich für Bier und Schnaps aus. Ich flog aus sämtlichen angemieteten Wohnungen raus, übernachtete abwechselnd bei Saufkumpanen und in Obdachlosenheimen. Wenn’s gar nicht mehr anders ging, klopfte ich in der Klinik an und begehrte dort Einlass. Mit der Begleiterscheinung, dass ich mich innerhalb der Krankenhausmauern bald genauso heimisch fühlte wie früher in meinem eigenen Haus (das ich jedoch nicht mehr besaß). Eine stete Abwärtsspirale, der ich erst bei Entgiftung Nummer 30, fixiert ans Bett einer Intensivstation, entfloh. Begreifend, dass dies die allerletzte Chance ist, die Reißleine zu ziehen. Bei mir hatte es fünf Jahre gedauert – gerechnet vom Tag, an dem ich einsah, dass ich Alkoholiker bin –, bis ich den Schalter endlich von Trinken auf Abstinenz umlegte.

    Mehrere Wege führen in die Abstinenz

    Nun ist es eine Sache, den Entschluss zu fassen, abstinent werden zu wollen, und die andere Sache ist es, auch tatsächlich trocken zu bleiben. Wie bewerkstelligt man das? Welchen Weg schlägt man ein?

    Ich entschied mich für einen Mix:
    A. Regelmäßiger Besuch von Selbsthilfegruppen
    B. Rasche Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit
    C. Ein ausfüllendes Hobby entdecken

    Selbsthilfegruppen: ohne geht es kaum
    Selbsthilfegruppen waren für mich vor allem zu Beginn der Abstinenz Gold wert. Ich tauschte mich mit Gleichgesinnten aus, teilte mich in der Gruppe mit, berichtete offen darüber, weshalb mein Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen war, gewöhnte mich an Kritik. Anfangs ging ich sehr häufig (z.T. fünf Mal pro Woche) zu den Treffen, um meine Frequenz später auf 4x/Monat runterzufahren.

    Ich konnte den anderen Teilnehmern alles beichten, sie hörten geduldig zu, gaben Tipps, wie ich die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen konnte, verrieten mir ihre Telefonnummern, damit ich sie im Notfall anrief und mit ihnen redete, anstatt zur Flasche zu greifen.

    Ich testete einige Gruppen und entschied mich schließlich für die Anonymen Alkoholiker. Denen bin ich bis heute treu geblieben.

    Berufliche Tätigkeit: essenzieller Baustein
    Ein Grund, weshalb viele Trinker nicht wieder in die Erfolgsspur finden, besteht darin, dass ihnen der Weg zurück entweder komplett verbaut ist oder als zu mühsam erscheint. Wer sich jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, den erwarten Familie, Freunde und ehemalige Kollegen nicht mit offenen Armen. Die Rückkehr in Beruf und Normalität muss erarbeitet werden. Das Umfeld will sehen, wie ernst die Abstinenz gemeint ist, und über welches Belastbarkeitslevel der Kandidat verfügt. Auch wenn es schwierig ist – die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit stellt einen essenziellen Stützpfeiler der Abstinenz dar. Da sie zum einen Struktur gibt, das Leben in ein geregeltes Zeitkorsett einbettet. Und weil es zum anderen ein gutes Gefühl ist, sein eigenes Geld zu verdienen und nicht anderen auf der Tasche zu liegen.

    Am Anfang warten oft einfache Tätigkeiten auf den frisch trockenen Alkoholiker. Ich entschied mich für einen Job in einem Call Center, das sich auf Markt- und Meinungsforschung spezialisiert hatte. Viele Stunden, lausig bezahlt, keine Festanstellung, sondern jederzeit kündbar. Wenn man da als ehemaliger Anwalt, Investmentbanker oder Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns Berührungsängste zeigt, wird man die ein, zwei steinigen Jahre, die den Alkoholaussteiger nun erwarten, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Kontinuierliches Schuften zu Konditionen auf Hartz 4-Niveau ist nicht jedermanns Sache. Ich schaffte es, weil ich es schaffen wollte und weil mir der Job die Sicherheit gab, von der Flasche wegzubleiben. Nach 24 Monaten fand ich eine besser bezahlte Stelle mit Perspektive und wechselte den Arbeitgeber. In dieser neuen Position bin ich heute noch beschäftigt.

    Ein kreatives Hobby hilft ungemein
    Nachdem mir eine Ärztin anlässlich meiner 30sten Entgiftung erklärt hatte: »Suchen Sie sich DRINGEND eine Aktivität, die Sie vom Trinken ablenkt, sonst erleben Sie das kommende Jahr nicht mehr«, begann ich eines Abends mit dem Schreiben. Anfangs ein paar Kritzeleien, denen kurze Geschichten folgten, bis ich mich nach einigen Wochen entschloss, meine Erlebnisse in Romanform zu Papier zu bringen. Binnen drei Monaten stapelten sich 400 ausgedruckte Seiten neben meinem Laptop. In einem Interview, das ein Jahr später erfolgte, erklärte ich mein Verhalten so:

    »Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser – die Zweitgenannten sind am wichtigsten – meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde. Je weiter der Roman voranschritt, desto stärker wurde mein Entschluss, tatsächlich abstinent zu leben. Vorher hatte ich Lippenbekenntnisse abgelegt und kurze Trinkpausen eingelegt. Jetzt wurde mir klar, dass einzig der völlige Verzicht auf jeden Tropfen Alkohol mich vor dem kompletten Absturz bewahren kann. Anfangs war es etwas schwierig für mich, die Geschehnisse in ungeschminkter Wahrheit niederzuschreiben, denn einige Dinge waren ja sehr unangenehm und peinlich. Mit zunehmender Dauer des Projekts wurde es jedoch einfacher, das traurige Schicksal eines Alkoholikers zu schildern. Ich wollte nichts beschönigen, aber auch auf keinen Fall den mahnenden Zeigefinger erheben.«

    Meine Freude am Schreiben habe ich beibehalten. Eventuell als Beispiel geeignet für die Trinker, die den Ausbruch aus dem Teufelskreislauf mittels kreativem Hobby versuchen wollen.

    Zufriedene Abstinenz: Das A & O, um dauerhaft trocken zu bleiben

    Die ganze Abstinenz nützt nichts, wenn sie nicht zufrieden gelebt wird, sondern täglich aufs Neue erkämpft werden muss.

    Um zufrieden zu sein, müssen wir erst mal akzeptieren, dass wir zum einen machtlos gegen den Alkohol sind und wir uns zum anderen während unserer Trinkerei und des Kampfs gegen die Sucht verändert haben. Aus der nassen Phase kommen wir verwandelt hervor, die einen weniger, die anderen mehr. Der Grad der Mutation hängt dabei natürlich stark von der Länge der Konsumperiode ab. Bleibende Spuren hinterlässt der Suff jedoch bei jedem von uns.

    Die Fähigkeiten, die ich im Laufe des Trockenbleibens entwickelt habe, bestehen in: Ich komme mit mir selbst klar, handele selbständiger als früher, habe meine Portion Demut gelernt, besitze nach gefühlt 1000 Therapiestunden eine Menge Menschenkenntnis, bin ein Freund der ehrlichen Ansprache geworden, verfüge jetzt über einen gesunden Egoismus. Das sind Fertigkeiten, die mich dazu zwangen, mit einigen alten Freunden zu brechen, neue Wege einzuschlagen, aus jahrzehntealten Verkrustungen auszubrechen. Wie viele trockene Alkoholiker arbeite ich heute zuverlässig und ausdauernd, weil ich es anders machen möchte als in meiner sehr unzuverlässigen Wodkaphase. Ich bin bescheiden geworden: Im Zweifelsfall rangiert Gesundheit vor Geld. Das habe ich bis zu meinem Eintritt in die Abstinenz nicht immer so gesehen. Die Schwerpunkte haben sich deutlich verschoben.

    Bloß kein allzu reumütiger Blick zurück. Keine nachträglichen Schuldgefühle entwickeln. Sich nicht mehr wie früher in der Opferrolle sehen. Passiert ist passiert. Manchem wie mir wird ein zweites Leben geschenkt. Und manchmal ist das sogar besser als das erste.

    Der Weg zur zufriedenen Abstinenz ist natürlich individuell. Jeder muss den für sich selbst entdecken. Ich habe meinen gefunden.
    +++

    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu missionierend für Sie, denn missionieren will ich auf gar keinen Fall. 90 Prozent der Menschheit kommen mit dem Stoff gut zurecht, und für die restlichen 10 gilt der Grundsatz = die Krankheitseinsicht muss aus eigenem Antrieb heraus erfolgen. Erzwungene Hilfe nützt nichts. Erfahrungsberichte wie der obige sind einzig als Denkanstöße gemeint. Vom bloßen Lesen ist allerdings noch niemand dauerhaft nüchtern geworden. Den (anfangs: steinigen) Marsch in die Abstinenz muss jeder für sich alleine antreten.

    Trocken bleiben – aber wie?
    32 Erfahrungsberichte
    TrokkenPresse Verlag, Berlin
    ISBN 978-3-981325393

  • Spielsucht: ein sträflich unterschätztes Phänomen

    Spielsucht: ein sträflich unterschätztes Phänomen

    Eine Sucht, die oft lautlos und für Außenstehende kaum bemerkbar daherkommt, ist das Glücksspiel. Dass man da Haus und Hof und Ferrari verzocken kann, weiß zwar jeder, der schon mal Dostojewskis „Der Spieler“ gelesen oder den Film „The Gambler“ mit Mark Wahlberg auf Amazon Prime gesehen hat; jedoch ist es für Dritte häufig schwer, die Poker- oder Einarmiger-Banditen-Leidenschaft eines Verwandten oder Bekannten zu erkennen, denn der Spieler ist ein Meister darin, seine Abhängigkeit zu verschleiern. Erst, wenn Haus und Hof tatsächlich verzockt sind, und der Ferrari (angeblich) seit 12 Monaten in der Reparaturwerkstatt steht, werden manche Freunde deshalb erstaunt fragen: „DU zockst? Und bist jetzt komplett blank? Warum hast du uns davon nie ein Sterbenswort gesagt?“

    Weshalb schreibt der Hirsch jetzt über Glücksspielsucht, wollen Sie wissen? Gibt’s im Moment keine dringenderen Themen? Zockt der Hirsch etwa selber und sucht mittels Kolumne nach Sponsoren? Zuzutrauen wär’s ihm ja. Ich kann Sie beruhigen oder muss Sie enttäuschen (suchen Sie es sich aus): Nein, ich zocke nicht. Ich war in meinem bisherigen Leben insgesamt ein halbes Dutzend Mal in einem Spielcasino, habe in Kneipen und Spielhallen vielleicht zwei Dutzend Mal Geld in einen Automaten geworfen und saß 3x an einem (realen) Pokertisch. Ich hab‘ – lange ist’s her – ein paar Mal Skat um einen Pfennig (oder war’s ein Zehntelpfennig?) pro Punkt gespielt, mich in den 80-ern einige Monate in einer Kölner Zockerkneipe an den Backgammon-Würfeln probiert und habe hin und wieder einen Lotto- oder Totoschein ausgefüllt. Bei keinem dieser Versuche bin ich reich geworden, in 90 Prozent der Fälle verlor ich Geld, nichts davon hat mir einen richtigen Kick gegeben, nichts davon triggert mich. Am schwierigsten war es, vom Backgammon loszukommen, weil ich die Kellnerin, die uns die halbe Nacht mit Kaffee und Cola versorgte (keinen Alkohol beim Spielen trinken!), echt sexy fand. Aber als die hübsche Bedienung den Job wechselte, stand auch ich endgültig vom Zocker-Tisch auf. Seitdem habe ich nirgendwo mehr auch nur 1 müden Cent in ein Glücksspiel investiert.

    Okay, dass Sie selber nicht zocken, haben wir nun verstanden, Herr Kolumnist. Weshalb schreiben Sie dann darüber: sind Ihnen die anderen Themen ausgegangen, ist Ihnen langweilig? Ich schreibe darüber, weil das Glücksspiel wie eine grob fahrlässig unterschätzte Pandemie auf dem Vormarsch ist, und ich in letzter Zeit immer mehr Gefährdete kennenlerne. Wobei das nicht ganz stimmt: Ich kenne diese Menschen schon seit einer halben Ewigkeit. Bloß war mir lange nicht bewusst, dass sie in diesem Ausmaß spielen. Bei einigen ahnte ich es, bei manchen blieb mir deren Sucht jedoch komplett verborgen. Um an dieser Stelle konkret zu werden: Wir reden von Menschen (überwiegend männlich), die JEDEN Tag mehrere Stunden in Spielhallen oder virtuellen Casinos abhängen. Oder beides abwechselnd tun. Die zwar noch nicht Haus & Hof verzockt haben, aber mitunter kurz davor stehen, weil sie ihre Kreditraten nicht mehr pünktlich begleichen können. Die jetzt beginnen, ihre Freunde anzupumpen, damit die Immobilie gerettet werden kann. Wenn das geborgte Geld tatsächlich für die Kreditrate verwendet wird, dann wär’s halbwegs okay. Nicht selten wird der Betrag allerdings sofort wieder auf den Online-Roulettetisch geschmissen, in der irrigen Annahme, dort in einer Kamikaze-Aktion binnen 1 Nacht alle Verluste wieder zurückzuholen. Am Ende ist das Haus – samt der darin lebenden Familie – tatsächlich futsch und man kann den Kumpel dann nur noch zur Schuldnerberatung und zum Gerichtsvollzieher chauffieren (weil sein eigenes Auto längst verpfändet ist). Ich hoffe, das reicht als Begründung für eine Glücksspielsucht-Kolumne erst mal aus.

    Glücksspiel: ein paar Zahlen

    Aber der Reihe nach: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) analysiert im Jahresrhythmus das sogenannte pathologische (krankhafte) Glücksspiel und meldet für 2020 (letzter Erhebungszeitraum) folgende Zahlen: Auf dem legalen deutschen Glücksspielmarkt (alle Anbieter, sämtliche Angebote) wurden 38.3 Mrd. Euro umgesetzt. Der Löwenanteil mit knapp 50 Prozent entfiel hierbei auf die gewerblichen Geldspielautomaten. Auf den Plätzen rangieren: Lotto & Toto (20.7%), Spielbanken (16.4%) und Sportwetten (11.6%). Der Rest verteilt sich auf: Fernsehlotterie, Prämien- & Gewinnsparen, Klassenlotterie, Postcode-Lotterie sowie Pferdewetten. Hinzu kommt der nicht-regulierte Markt, der von Experten auf eine Größenordnung von 1.6 Mrd Euro Bruttospielertrag (Umsatz nach Abzug der ausgeschütteten Gewinne) geschätzt wird, was circa 6 bis 7 Milliarden an Spieleinsätzen entspricht. Illegale Glücksspielangebote findet man überwiegend online und hier in Form von: Sportwetten, Casinos, Poker und Zweitlotterien. Illegal bedeutet, dass diese Anbieter über keine deutsche Lizenz verfügen. Die Casinos – auch wenn das Angebot in deutscher Sprache präsentiert wird – befinden sich auf Malta, Zypern, Curacao oder in Gibraltar. Es gilt die Regel: egal, wie lukrativ die Ausschüttungsquote auch sein mag – ohne deutsche Lizenz ist das Angebot illegal.

    2020 war ein Jahr rückläufiger Glücksspieleinsätze. Verursacht v.a. durch die COVID-19-Pandemie, weshalb speziell die stationären Betreiber von diesem Umsatzeinbruch betroffen waren. Als Konsequenz resultierte daraus eine Verschiebung der Anteile von 85 zu 15 (2019) auf 80 zu 20 (2020). D.h. jeder fünfte Spiel-Euro wandert mittlerweile auf die Tische der Online-Casinos. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Die drei – aus Spielerperspektive – Haupttreiber der Entwicklung sind: Anonymität, Ubiquität (man kann überall und zu jeder Uhrzeit teilnehmen) und die (angeblich) höheren Gewinnchancen.

    Die Online-Community wächst schnell

    Die DHS führt jährliche Umfragen zum Thema „Glücksspiel“ durch: 2021 gaben knapp 30 Prozent der Befragten an, mindestens 1x/Jahr an einem Glücksspiel teilzunehmen. Circa 10% spielten mehrmals. Knapp 5 Prozent der Bevölkerung (Altersgruppe: 16 bis 70 Jahre) wetteten auf Sportereignisse, 2% spielten an Geldautomaten, weitere 2% beteiligten sich an Online-Casinospielen, 1.3% waren in Spielbanken aktiv.

    Die DHS geht von 2.3 Prozent Betroffenen (gesamte deutsche Bevölkerung, im Altersintervall zwischen 16 und 70 Jahren) aus, bei denen eine akute Tendenz hin zu „Störung durch Glücksspiel“ besteht. Nochmals aufgeteilt in: leichte, mittlere Störung und schwere Störung. Nimmt man bloß die Spieler mit schwerer Störung in den Fokus, so beläuft sich bereits deren Anzahl auf rd. 300.000 (krankhafte) Zocker. Die mittelschweren Fälle dazu addiert, reden wir von 700.000 Menschen in unserem Land, die beständig mehr spielen, als es ihrer Psyche und ihrem Portemonnaie guttut. Und das sind nur diejenigen, die ihre Abhängigkeit offen zugeben. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Besonders besorgniserregend ist dabei der Umstand, dass sich der Online-Casinomarkt von 2019 auf 2020 mehr als verdoppelt hat. Experten prognostizieren alleine für Deutschland demnächst 10 Milliarden Euro Einsätze bei virtuellen Spielangeboten. Die Community der Online-Zocker wächst kontinuierlich. Auf den illegalen Plattformen wird Spielerselbstschutz klein geschrieben. Kaum ein ausländischer Betreiber hält sich an das 1.000-Euro-max.-Budget/Monat.

    Warum zockt der Zocker?

    Im Gegensatz zum Teamspiel (z.B. Basketball) spielt jeder Glücksspieler für sich alleine entweder gegen ein Gerät, einen Bildschirm, eine „Bank“ oder einen Automaten. Dabei baut sich eine kurzfristige, als positiv empfundene Spannung auf (die Erwartung auf den möglichen Gewinn), die sich nach einigen Sekunden jedoch schon wieder verflüchtigt. Um das Gefühl rasch zu wiederholen, wird sofort neues Geld gesetzt. Und zwar so lange, bis entweder die Taschen leer sind oder die Kreditkarte am Limit angelangt ist. Den Suchtfaktor stellt dabei gar nicht der Gewinn dar (der oft sofort „reinvestiert“ wird), sondern das Risiko der unsicheren Erwartung verleiht dem Zocker den eigentlichen (Dopamin-) Kick. Sobald dieses Glücksgefühl häufig gesucht wird und das Zocken – sowie die dafür notwendige Mittelbeschaffung – den Tagesablauf bestimmen, spricht man von Sucht.

    Etwas vereinfacht zusammengefasst – pathologisches Spielen erkennt man an diesen vier Faktoren:
    1. Ich kann mit dem Spielen erst aufhören, sobald ich kein Geld mehr habe
    2. Verlieren empfinde ich als persönliche Niederlage, die ich (schnell) wettmachen möchte
    3. Ich denke oft ans Glücksspielen und empfinde einen inneren Spieldrang
    4. Zur Geldbeschaffung habe ich schon andere Menschen belogen und betrogen (und evtl. bestohlen).

    Wer ist besonders gefährdet?

    Generell gilt: es spielen mehr (v.a. junge) Männer als Frauen. Wobei Anzahl und prozentualer Anteil der spielenden Frauen – begünstigt durch die Anonymität der Online-Angebote – ständig zunehmen.

    Wie bei jeder Sucht stellt die Sozialisation im Elternhaus einen wichtigen Faktor dar. Wenn bereits die Eltern (krankhaft) spielen, dann sind die Nachkömmlinge in der Konsequenz stärker gefährdet als Kinder, die in nicht-zockender Umgebung aufwachsen. Die zweite Gruppe, die anfällig ist, zeichnet sich durch eine Gemütsverfassung aus, die von ständiger nervöser Anspannung im Verein mit geringem Selbstwertgefühl dominiert wird. Das innere Erleben durch ein entgegengesetztes Auftreten zu kompensieren, zehrt an den Kräften. Am Spielautomat/-tisch fällt all das vom Süchtigen ab; hier kann er seine Unruhe abreagieren und ist vollständig konzentriert auf das Geschehen, das seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Das Gegenüber ist neutral, und nicht am Spieler als Person interessiert, ihm muss nichts vorgegaukelt werden. Dafür spielt das Gegenüber allerdings dem Süchtigen was vor: nämlich eine faire Chance auf einen schnellen Gewinn.

    Am Ende hilft nur Abstinenz

    Der erfahrene Spieler ist sich seiner geringen Chance, die er gegen das Gerät/die „Bank“ besitzt, zwar durchaus bewusst; dennoch gibt er sich der Illusion hin, dass er den Automaten austricksen kann und alles unter Kontrolle hat. Wer es nicht schafft, selbständig loszulassen oder sich rechtzeitig in eine Therapie zu begeben, dem drohen finanzieller Ruin, Verlust sämtlicher freundschaftlicher und familiärer Kontakte, im Extremfall sogar soziale Verwahrlosung und gesundheitliche Probleme. Nicht wenige Zocker müssen, um überhaupt noch schlafen zu können oder zwischendurch ein paar Stunden Ruhe zu finden, sich mit Alkohol u/o Tranquilizern betäuben. Pathologisches Spielen begünstigt definitiv den Substanzmissbrauch, sodass Zocker oft von zwei Dingen „entgiften“ müssen: der Droge (Alkohol, Tabletten, Kokain etc.) und ihrer fatalen Spielleidenschaft. Wie bei jeder Suchterkrankung gilt auch fürs Zocken die eiserne Regel: Heilung kann nur derjenige erfahren, der dauerhaft abstinent bleibt i.S.v. Investiert nie mehr 1 Cent in ein Glücksspiel. Andernfalls droht sofort der Rückfall.

    An dieser Stelle stoppe ich erst mal. In Teil 2 werden wir uns mit der Frage „Welche Spielformen sind besonders suchtgefährdend? (also das Crack unter den Amphetaminen)“ beschäftigen. Für heute wollen wir festhalten:
    ▪ Die Zockerei geschieht häufig im Verborgenen
    ▪ Das Spiel verlagert sich konsequent in die Online-Casinos
    ▪ Die virtuellen Plätze sind sehr viel schwerer zu kontrollieren als die stationären Betreiber
    ▪ Anonymität & Ubiquität des Online-Angebots verleiten immer mehr Menschen dazu, hohe Beträge im Internet zu riskieren
    ▪ Die Anzahl pathologischer Spieler steigt beständig.
    +++

    Weiterführende Literatur:
    / DHS: Jahrbuch Sucht 22 (hier das Kapitel „Glücksspiel – Zahlen und Fakten“)
    / DHS: Pathologisches Glücksspielen (Suchtmedizinische Reihe, Band 6)
    / Schneider, Ralf: Die Suchtfibel, 21. Aufl. (Kap, „Wie wird jemand zum problematischen Spieler?“)

  • Drogenpolitik: Was gibt’s Neues?

    Drogenpolitik: Was gibt’s Neues?

    Heute Nachmittag wurde er der Öffentlichkeit präsentiert – der Koalitionsvertrag der Ampel, der unter dem schönen Namen Mehr Fortschritt wagen ab sofort gelbe Freiheit, rote Gerechtigkeit und grüne Nachhaltigkeit garantieren wird.

    Mich interessiert v.a., was zum Thema „Drogen“ drinsteht. Viel ist es nicht. Ganze 9 Zeilen am Ende des Kapitels „Pflege und Gesundheit“ sind es geworden:

    Drogenpolitik
    Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet. Das Gesetz evaluieren wir nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkungen. Modelle zum Drugchecking und Maßnahmen der Schadensminderung ermöglichen und bauen wir aus.

    Bei der Alkohol- und Nikotinprävention setzen wir auf verstärkte Aufklärung mit besonderem Fokus auf Kinder, Jugendliche und schwangere Frauen. Wir verschärfen die Regelungen für Marketing und Sponsoring bei Alkohol, Nikotin und Cannabis. Wir messen Regelungen immer wieder an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und richten daran Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aus.
    © Koalitionsvertrag „Mehr Fortschritt wagen“ vom 24. Nov. 2021, S. 88

    Beim Vertrieb und Konsum von Cannabis gelten in Zukunft:
    ▪ Kontrollierte Abgabe (was auch immer das in der Praxis bedeuten mag)
    ▪ an Erwachsene (klar)
    ▪ zu Genusszwecken (zu welchem anderen Zweck raucht man sonst einen Joint?)
    ▪ in lizensierten Geschäften (vermutlich die deutsche Version der niederländischen Coffee Shops).

    Lange überfälliger Schritt

    Dieser Schritt war lange überfällig. Niemand jenseits der Union und der von ihr jahrelang gestellten Drogenbeauftragten hat jemals verstanden, weshalb Verkauf, Erwerb und Besitz von ein paar Krümeln Marihuana eine Straftat darstellen, während man mit drei Pullen Jägermeister im Gepäck sorgenfrei durch Deutschland spazieren darf. Das Suchtpotenzial von THC ist auch nicht stärker ausgeprägt als das von Alkohol. Dass man als abendlicher Haschpfeifchen-Raucher unweigerlich an der Heroin-Nadel landet, ist ein Schauermärchen bar jeglicher wissenschaftlichen Beweisführung. Die Korrelation Alkohol zu Opiaten ist nicht minder schwer entwickelt. Dass hochgezüchtetes THC jeden Zweiten in den Wahnsinn treibt, stimmt bedingt (in der Realität wird es eher jeder Zwanzigste sein). Speziell beim letzten Einwand stellen Coffee Shops einen medizinischen Fortschritt dar, denn hier darf gentechnisch gepushter Afghane gar nicht verkauft werden. Die lizensierte Abgabe garantiert zweierlei: THC mit gesundheitlich unbedenklichem Wirkstoffgehalt und Entlastung der Strafverfolgungsbehörden, die nun nicht mehr wegen drei Bröseln Nebula Haze zu Hausdurchsuchungen ausrücken müssen.

    Die Evaluierung dieser Liberalisierungsmaßnahme nach vier Jahren ist vernünftig.

    Beim Alkohol wird nach wie vor rumgeeiert

    Während die Ampel-Koalition beim Thema Cannabis tatsächlich gemäß ihrem Motto „Mehr Fortschritt wagen“ verfährt, eiert sie beim Volkskiller Nr. 1, dem Alkohol, rum:
    ▪ Verstärkte Aufklärung (als ob es davon in der Vergangenheit zu wenig gegeben hätte)
    ▪ mit besonderem Fokus auf Kinder, Jugendliche und schwangere Frauen (warum das Augenmerk nicht ebenfalls auf erwachsene Männer – die den Löwenanteil bei den Alkoholikern stellen – richten?)
    ▪ Wir verschärfen die Regelungen für Marketing und Sponsoring (da bin ich ja mal gespannt, wie schnell der Vorhang für Bitburger und Krombacher bei der Sportschau fällt. Meine Prognose: das werde ich zu Lebzeiten nicht mehr erleben).

    Kurz zur Erinnerung:
    Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in riskanter und gefährlicher Weise (davon zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen), von denen 1,5 bis zwei Millionen als alkoholabhängig anzusehen sind.
    • Eine psychische oder verhaltensbezogene Störung durch Alkohol wurde im Jahr 2019 als dritthäufigste Einzeldiagnose in Krankenhäusern mit knapp 300.000 Behandlungsfällen diagnostiziert (davon 100000 mit akuter Alkoholvergiftung).
    • Alkohol stellt nach Nikotin und Bluthochdruck das dritthöchste Risiko für Krankheit und vorzeitigen Tod in den westlichen Industrieländern dar.
    • Jeder vierte Mann in Deutschland, der im Alter zwischen 35 und 65 Jahren stirbt, tut dies aufgrund der Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.
    • Analysen gehen für Deutschland von jährlich 74.000 Todesfällen, bedingt durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak aus (hierin gemäß Schätzungen 45.000 Tote durch Alkohol alleine). Nicht berücksichtigt ist jedoch die weitaus größere Zahl an Krebserkrankungen mit tödlichem Ausgang, die durch Alkoholmissbrauch (mit-) verursacht werden.

    Zum Vergleich: Tote durch Nuckeln am Joint = 0.

    Notwendige Maßnahmen, die leider niemand ergreifen will

    Vorschläge, um den chronisch überbordenden Konsum von Karlskrone und Meckstädter Doppelkorn einzudämmen. gibt es einige. Die sinnvollsten lauten:

    1. Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei uns definitiv zu billig)
    2. Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    3. Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmels willen hat Wodka in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    4. keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    5. konsumfreie Räume (z. B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    6. keine Werbung in TV, Radio, Printmedien, auf Plakatwänden und Trikots von Sportvereinen u. Ä.
    7. Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem zweiten Weihnachtsmarkt-Rumpunsch).

    So lange Bier und Hochprozentiges bei uns verniedlichend als Kulturdroge eingestuft werden und Politiker – egal, welcher Partei sie angehören – das Thema meiden wie der Säufer den Gang in die Suchtberatung, weil sie abrupten Liebesentzug ihrer Wähler befürchten, sobald sie Forderungen zur Erschwernis des Erwerbs aufstellen, wird sich am mitteleuropäischen Alkohol-Elend nichts großartig ändern. Wir werden weiterhin knapp elf Liter Reinalkohol (pro Kopf und Jahr) in uns reinschütten und jedes Jahr einige zehntausend Schnapsdrosseln aufgrund geplatzter Lebern zu Grabe tragen, bevor wir eine Stunde später beim geselligen Leichenschmaus mit Piccolöchen und Lakritzlikör auf den Verstorbenen anstoßen.

    Zwiegespaltenes Urteil

    Die „neue“ Drogenpolitik muss deshalb zweigeteilt beurteilt werden: bei der Legalisierung von Cannabis bedeutet sie einen wirklichen Fortschritt: Konsumenten und entlastete Polizeireviere werden danken. Und natürlich freut sich ebenfalls der neue Finanzminister über prognostizierte 5 Mrd. Euro Steuereinnahmen, die durch den Verkauf in staatlich lizensierten Shops in die Staatskasse sprudeln werden.

    Beim Alkohol ist die Beibehaltung des Status quo hingegen als Rückschritt zu werten. Fortschrittlich wäre es hier gewesen, sich die Ratschläge der Weltgesundheitsorganisation zu Herzen zu nehmen und zum einen die Preise zu erhöhen und zum anderen die Anzahl der Verkaufsstellen auszudünnen. Aber dass solche Maßnahmen in einer notorischen Trinkernation wie unserer ergriffen werden, ist genauso wahrscheinlich wie ein Junggesellen:innen-Abschied, der ohne Kotzen in fremde Toiletten zu Ende geht.

    Unterm Strich überwiegt beim Kolumnisten allerdings die Erleichterung, dass beim jahrzehntelangen Reiz- und Streitthema „Lasst uns abends gemeinsam ein Pfeifchen rauchen“ endlich Augenmaß und Ruhe einkehren.

  • Neulich im Jobcenter

    Neulich im Jobcenter

    »Sie schreiben also. Was darf ich mir darunter vorstellen?«
    »Kurzgeschichten, Novellen, einen Roman habe ich ebenfalls in der Schublade.«
    »Und das soll veröffentlicht werden, oder machen Sie es bloß zum Vergnügen?«
    »Ich suche natürlich nach einem Verlag.«
    »Den haben Sie bereits gefunden?«
    »So halb.«
    »Was heißt das? Ich kenne Ja oder Nein. Mit Halb kann ich hingegen nichts anfangen.«
    »Ich bin dabei, den passenden Verleger zu finden. Besser gesagt: meine Agentin wird das tun.«
    »Das ist eine zwischengeschaltete Maklerin?«
    »In der Art.«
    »Und die wird dafür bezahlt?«
    »Klar. Was dachten Sie denn?«
    »Vorkasse oder Beteiligung an den Verkäufen?«
    »Die zweite von Ihnen genannte Möglichkeit.«
    »Gut. Denn eine Vorauszahlung hätten wir Ihnen auf keinen Fall finanzieren können.«
    »Die hatte ich doch überhaupt nicht verlangt.«
    »Junger Mann, Sie kommen zu mir und fragen nach Geld. Das weder Ihnen noch mir gehört, sondern vom Steuerzahler aufgebracht wird. Da ist es ein Akt der Selbstverständlichkeit, dass ich mich bei Ihnen vorher erkundige, was Sie damit vorhaben.«
    »Na, meinen Lebensunterhalt in den kommenden Monaten bestreiten.«

    Warum gehen Sie nicht arbeiten?

    »Warum gehen Sie nicht arbeiten?«
    »Das ist nicht so einfach. Vollzeit wird schwierig, weil ich ja Schriftsteller werden möchte. Zudem schreibe ich oft nachts und kann nicht jeden Morgen um acht Uhr irgendwo auf der Matte stehen, um einen blödsinnigen Bürojob zu erledigen.«
    »Sie wollen demnach überhaupt nicht zurück ins Berufsleben?«
    »Das habe ich so nicht gesagt. Ich meine nur, dass es im Moment schwierig ist, den zu mir passenden Job zu definieren.«
    »Das klingt schon besser. Im Falle von kompletter Arbeitsverweigerung müsste ich Sie nämlich jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen und mir nicht meine wertvolle Zeit zu stehlen. Draußen warten viele andere Kunden, die sich kooperativer zeigen als Sie. Weshalb versuchen Sie es nicht beim Sozialamt?«
    »Da war ich bereits. Die haben mich zu Ihnen geschickt.«
    »Immer dasselbe. Wenn die auf der anderen Straßenseite nicht wissen, was Sie mit einem Antragsteller tun sollen, sagen sie: Geh mal zur Frau Schröder. Die hat ein großes Herz und wird dir helfen. Über zu wenig Arbeit brauche ich mich auf jeden Fall nicht zu beklagen.«
    »Frau Schröder, ich weiß nicht, wer hier für was zuständig ist. Ich beantrage einzig einen Überbrückungskredit für ein paar Monate. Sobald sich mein Roman verkauft, zahle ich das Darlehen zurück.«
    »Ganz so simpel, wie Sie sich das vorstellen, läuft es natürlich nicht bei uns. Da könnte ja jeder kommen und versuchen, mir Geld aus den Rippen zu leiern.
    Ich muss erst mal schau’n, ob Sie tatsächlich zu mir gehören. Ihr Nachname beginnt mit K, Wohnung im Stadtbezirk Westend, selbständige Tätigkeit. Da haben wir es schon. Freiberufler fallen nicht in meinen Verantwortungsbereich. Um die kümmert sich Frau Memleben.«
    »Wann kann ich mich mit der Dame unterhalten?«
    »Heute gar nicht mehr.«
    »Morgen?«

    »Moment. Ich klicke mich kurz in den Terminkalender der Abteilung rein. Schon praktisch, was man mit Outlook so alles machen kann …. Ich entdecke eine Abwesenheitsnotiz. Die Kollegin befindet sich bis zum Ende des Monats auf einer Fortbildungsmaßnahme. Tut mir leid.«
    »Sie wird für diesen langen Zeitraum sicherlich eine Vertretung beauftragt haben; oder?«
    »Das bin ich. Sehe ich gerade. Wusste ich gar nichts von. Niemand informiert einen in dieser Behörde. Es ist ein Trauerspiel.«
    »Dann bin ich also bei Ihnen doch an der richtigen Adresse. Hatten Sie mir unten am Empfang ja auch so gesagt: In Zimmer 357 melden. Sehr gut. Wie sollen wir es nun handhaben? Ich bin völlig blank und hungrig. Habe seit drei Tagen nichts gegessen. Mir knurrt der Magen.«
    »Ich darf Sie bitten, kurz draußen Platz zu nehmen. Ich muss die Angelegenheit mit unserem Referatsleiter besprechen. Ihr Fall ist recht ungewöhnlich für mich.«
    »Eine neue Nummer muss ich aber nicht ziehen? Im Flur ist die Hölle los. Habe bereits zwei Stunden auf dieses Gespräch gewartet.«
    »Nein, nein. Brauchen Sie nicht zu tun. Setzen Sie sich einfach hin und üben sich ein paar Minuten in Geduld. Ich rufe Sie dann wieder rein zu mir, sobald ich die Sache hingebogen habe.«

    Mann ohne Eigenschaften

    Ich marschierte aus dem Zimmer und lehnte mich in dem von Menschen wimmelnden Korridor an die Wand. Die Stühle waren allesamt von Frauen besetzt. Viele darunter Südländerinnen. Manche – allerdings die Minderheit – alleine, die meisten mit Kindern, die entweder auf den Schößen oder dem Boden zu ihren Füßen saßen. Die Männer standen wie ich teilnahmslos rum oder liefen wild gestikulierend den Gang entlang. Einige telefonierten. Die Vornehmen leise, die schlichten Gemüter laut, sodass jeder mitbekommen konnte, was sie im Moment dachten und worüber sie sich aufregten. Ich hatte wohlweislich einen Roman mitgebracht: Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Es war bereits mein fünfter Versuch, diese schwierige Lektüre in Angriff zu nehmen. Nie hatte mich meine Aufmerksamkeit weiter als bis auf Seite dreißig getragen. Zu schwer und umständlich erschienen mir die darin enthaltenen Sätze. Zu kompliziert die Gedankengänge. Auch heute gelang es mir nicht, mich auf den Text einzulassen. Ich seufzte und steckte das Buch zurück in meine Jackentasche. Ein Junge jagte seinen Bruder den Korridor entlang. Fröhlich lärmend und lachend. »Tsss …«, rief eine junge Frau mit Kopftuch.
    »Komm zu mir Hakan und bleib leise! Wir wollen hier nicht unangenehm auffallen.« Der schwarzgelockte Bursche murrte und schnitt eine Grimasse, fügte sich aber dem Wunsch seiner Mutter. Ein dicker Mann Ende vierzig mit albinoblondem Haar und hypertonisch rotem Kopf hastete nervös an mir vorbei. Er brüllte in sein Mobiltelefon hinein: »Ja ja, hast du mir schon tausendmal erzählt. Fuck mich heute nur nicht ab mit deinem Gelaber!« Jeder konnte ihn hören. Er schien es nicht zu bemerken.

    Vielleicht war es ihm auch egal, oder er genoss es sogar, dass er für einige Sekunden alle Blicke auf sich lenkte. Drei junge Kerle mit Meckifrisuren und slawischen Gesichtszügen spielten schweigend Karten. Wahrscheinlich Durak, überlegte ich. Zwei Frauen in blauer Burka, die einzig einen schmalen Sehschlitz freiließ, unterhielten sich leise auf Arabisch. Mir fiel auf, dass die eine helle Augen besaß und mit deutschem Akzent redete. »Wollen Sie auch zu Frau Schröder?« Eine ältere Dame, die ich bisher nicht bemerkt hatte, sprach mich an und berührte mich am Handgelenk. »Ja«, antwortete ich einsilbig und zog meinen Arm weg von ihr, denn ich verspürte am heutigen Nachmittag weder Lust auf eine Unterhaltung noch auf Körperkontakt mit einer Fremden. »Nehmen Sie sich in Acht vor ihr. Die wird versuchen, Sie über den Tisch zu ziehen.« Zur Bekräftigung ihrer Worte knackte sie mit den Fingern. »Danke für den Hinweis«, sagte ich geistesabwesend. »Sie zitiert mich bereits zum fünften Mal zu sich, weil angeblich immer Unterlagen fehlen. Ich bin mir sicher, Frau Schröder will mich bloß weichkochen. Da hat sie sich bei mir aber geschnitten. Ich bleibe hartnäckig, denn ich kenne meine Rechte.« Der Frau war anscheinend langweilig, und sie suchte nach einem Gesprächspartner, dem sie ihr Leid klagen konnte. Ich nickte ihr freundlich zu. »So oft werde ich bestimmt nicht bei ihr antanzen. Entweder funktioniert es sofort, oder ich setze mich in die Fußgängerzone und bettele.« Die Alte glotzte mich verdutzt an, ich wendete mich ab und wanderte langsam ans gegenüberliegende Ende des Flurs, um dort meine Ruhe vor ihr zu haben.

    Fürs Erste reicht ein Essensgutschein

    Kaum war ich vor den Fahrstühlen angelangt, als ich in meinem Rücken die Stimme von Frau Schröder vernahm: »Herr Hirsch, könnten Sie bitte in mein Büro kommen! Ich habe die Sache nun geklärt.«
    »Wir werden in Ihrem Fall eine Ausnahme machen und Ihnen ein Darlehen bewilligen. Allerdings mit ein paar Auflagen.«
    »Die da lauten?«
    »Ich habe die Punkte bereits in die Eingliederungsvereinbarung aufgenommen. Lesen Sie sich die in Ruhe durch.«
    Ich überflog die vier Seiten und stoppte bei dem Abschnitt, der meine Mitwirkungspflichten aufzählte.
    »Das ist eine Menge, was Sie von mir fordern.«
    »Nun ja, Sie haben halt in den vergangenen Monaten vieles schleifen lassen. Um die Lösung dieser Angelegenheiten müssen Sie sich jetzt schleunigst kümmern.«
    »Ich soll gegen meine alte Mutter klagen?«
    »Sie müssen sogar. Ihnen steht seit dem Tode Ihres Vaters ein Pflichtteilsanspruch auf das Erbe zu.«
    »Das muss unbedingt sein?«
    »Ja! Ihre eigene Immobilie haben Sie ja bereits vor zwei Jahren clevererweise auf Ihre Ex-Frau übertragen. Andernfalls müssten Sie versuchen, die zu Geld zu machen.«
    »Das war eine Übereinkunft im Rahmen unserer Trennung.«
    »Ich weiß. Deshalb kommen wir da auch nicht mehr ran. Insofern haben Sie Glück gehabt. Zumindest ein Gratis-Wohnrecht hätte man Ihnen jedoch einräumen können. Dann bräuchten Sie jetzt nicht in einem teuren Apartment die Miete zu bezahlen.«
    »Das ist eine schimmlige Zwanzig-Quadratmeter- Bude.«
    »Mag sein. Aber eigentlich völlig unnötig. Für jemanden wie Sie geradezu eine Luxusausgabe.«
    »Vermute, dass Sie sich nie haben scheiden lassen. Ansonsten würden Sie nicht so reden.«
    »Stimmt. Ich habe vorsichtshalber gar nicht erst geheiratet.«

    »Was soll das vierwöchige Bewerbungstraining bedeuten? Ich habe gar nicht vor, mich irgendwo zu bewerben.«
    »Sondern?«
    »Ich schreibe in Ruhe weiter wie bisher und warte auf den unterschriebenen Vertrag.«
    »Das wird bei uns so nicht funktionieren. Wer sich im Jobcenter meldet, muss Einsatzbereitschaft zeigen. Wir sind nicht dazu da, Ihre Hobbies zu finanzieren. Zudem wird Ihnen ein strukturierter Arbeitsalltag guttun.«
    »Und zusätzlich muss ich zehn Lebensläufe pro Monat rausschicken?«
    »Korrekt. Zu diesem Zweck habe ich Ihnen einen Vordruck beigelegt: Nachweis von Eigenbemühungen. Ich bitte darum, den akkurat auszufüllen und mir fristgerecht bis zum 28-sten vorbeizubringen. Andernfalls drohen Kürzungen bei der Grundsicherung.«
    »In Ordnung. Papier ist geduldig.«
    »Das habe ich jetzt nicht gehört. Das war’s dann fürs Erste von meiner Seite aus. Wir werden uns in circa sechs Wochen wiedersehen. Sie erhalten vorher eine schriftliche Einladung von mir. War nett Sie kennenzulernen, Herr Hirsch.«
    »Und was ist mit Geld?
    »Das überweisen wir Ihnen am 30-sten.
    »Bis dahin sind es noch über zwei Wochen. Wie soll ich so lange überleben?«
    »Sie verfügen über gar keine Barmittel?«
    »Ich habe noch drei Euro in der Hosentasche.«
    »Ich schaue, was ich für Sie organisieren kann. Warten Sie bitte nochmal fünf Minuten vor der Tür. In der Zwischenzeit regele ich das.«

    Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben

    Auf dem Gang herrschten nach wie vor unbeschreiblicher Trubel und Hektik. Noch eine Stunde bis Büroschluss und kein Ende der Menschenschlange in Sicht. Eine türkische Familie mit fünf Kindern hatte sich unterdessen vor Zimmer 357 versammelt. »Ich will keine Umschulung machen«, hörte ich den Mann zu seiner Frau sagen.
    »Selbstverständlich wirst du das tun. Ansonsten werden Sie die Zahlung nicht verlängern«, flüsterte die. »Ich möchte aber kein Anstreicher werden«, schimpfte er zurück. »Ist doch völlig wurscht. Zwingt dich doch keiner dazu, nachher in dem Beruf zu arbeiten. Hauptsache, Sie bewilligen heute unseren Antrag.« Die Frau dachte pragmatischer als ihr Ehemann. Sie musste die geforderte Maßnahme allerdings nicht absolvieren, sondern er. Wenn die gleich zu siebt in das kleine Büro von Frau Schröder reinspazieren, bekommt die einen Schreikrampf und wirft die Familie hochkant wieder raus, ging es mir durch den Kopf.

    Mittlerweile bereute ich meinen Entschluss, heute zur ARGE marschiert zu sein. Für läppische dreihundertvierundsechzig Euro solch ein Zirkus. Ich hatte von Anfang an keine große Lust gehabt, hier als Bittsteller aufzutreten. »Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben«, hatten mir Lila und Manni gestern Abend noch erklärt. »Schreiben ist eine schöne Sache, wenn man damit Kohle verdient. Ansonsten ist es genauso ein brotloser Zeitvertreib wie Kreuzworträtsel und dämliche Sudoku.« Manni fügte noch lächelnd hinzu: »Wenn du nicht als totes und unbekanntes Genie in die Geschichte eingehen willst, solltest du dich schleunigst darum kümmern, Geld ranzuschaffen. Von mir bekommst du keinen müden Cent mehr geliehen.«

    Obwohl ich seit jeher die Auffassung vertrat, dass einzig hungrige Künstler glühende Bilder, Musikstücke und Romane erschaffen konnten, während von dicken Schriftstellern nichts als Schund fabriziert wurde, weil die Trägheit der vollgefressenen Bäuche wie ranziges Fett auf die Tastaturen tropfte und ölige Schleimspuren in ihren Texten hinterließ, war ich in den vergangenen Tagen doch an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit gelangt. Vier Wochen gemeinsam mit Manni Platte machen, auf Holzbänken oder in vollgepissten Unterführungen schlafen, bei der Caritas für fünfzig Cent Mittag essen, anschließend mit seinen Kumpels im Park zechen, dabei immer auf der Hut sein, dass die Bandenmitglieder einem nachts nicht die letzten Moneten klauten, stellte sich als Lebensmodell auf Dauer äußerst anstrengend dar. Ich sehnte mich nach meinem bequemen Bett und einer heißen Dusche.

    Jobperspektive = Zusammenschrauben von Elektroteilen

    »Du bist eben ein Weichei«, hatte Manni mir gezürnt.
    »Hätte ich mir eigentlich gleich denken können, als ich dich in der Klinik kennengelernt habe. Du hast meine Vertrauensseligkeit schamlos ausgenützt.« Der Ausflug mit ihm hatte mich allerdings einige Hunderter gekostet. Weil ich als Neuling die Truppe abends freihalten durfte. Nun waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich ernährte mich seit vier Tagen von Dosenhering in Tomatensoße und spürte bei jeder Bewegung stechende Schmerzen im Rücken.
    Vermutlich ein bösartiger Hexenschuss, da die Nächte auf Parkbänken im Oktober schon recht frostig ausfielen.

    »Herr Hirsch, ich bin so weit.«
    »Was kann ich heute mitnehmen?«
    »Fünfzig Euro.«
    »Viel ist das nicht.«
    »Sie können nächste Woche gerne wiederkommen und den nächsten Teilbetrag anfordern.«
    »Okay. Wo kann ich mir das Geld abholen?
    »Sie erhalten einen Lebensmittelgutschein. Einlösbar in vielen Supermärkten. Allerdings in einem Schwung; Restgeld wird nicht ausgezahlt. Alkohol und Tabak sind selbstredend vom Einkauf ausgeschlossen.«
    »Das soll wohl ein Witz sein?«
    »So lauten nun mal die Vorschriften. Und genehmigen Sie sich ein ausgiebiges Bad. Sie scheinen es dringend nötig zu haben.«
    Ich stand auf und ging zur Tür. Frau Schröder räusperte sich: »Ach Herr Hirsch, bevor ich es vergesse. Stellen Sie sich innerlich darauf ein, dass ich Sie für eine Arbeitsmaßnahme im Januar vormerke.«
    »Was soll das sein?«

    »Ein Ein-Euro-Job. Zusammenbau von simplen Elektroteilen. Das ist kinderleicht und verschafft Ihnen einen kleinen Zusatzverdienst. Zudem ermöglichen wir Ihnen dadurch einen Neustart ins Berufsleben.« Du kannst mich mal, dachte ich. Bis zum Jahreswechsel kann noch viel passieren.
    Die siebenköpfige türkische Familie betrat nach mir das Büro von Frau Schröder. Augenblicklich erhob sich Gezeter hinter der geschlossenen Tür. »Das können Sie mit meinem Mann nicht machen«, schrie die Frau. Fünf Kinder liefen nach draußen. Die Mutter folgte ihnen mit geröteten Augen. Ich betrat den Aufzug und fuhr nach unten.

    Essensgutschein = 60% in Bargeld umgetauscht

    Unten im Eingangsbereich erwartete mich Manni:
    »Hat’s geklappt?«
    »Nur halb. Anstatt Kohle haben sie mir einen dusseligen Essensgutschein ausgehändigt
    »Das war zu erwarten. Bei Typen wie uns sind sie sehr zögerlich mit Bargeld. Haben halt Angst, dass wir die Kröten sofort in Schnaps und Zigaretten investieren.«
    »Was soll ich mit einem Riesenhaufen Lebensmittel anfangen?«
    »Ich kaufe dir den Coupon ab.«
    »Für wie viel?«
    »Dreißig Euro.«
    »Du bist ein elender Gauner.«
    »Henning, du kennst die Preise. Normalerweise nur ein Drittel. Ich gebe dir, weil du ein Freund bist, sechzig Prozent. Das ist sehr fair.«
    »Von mir aus. Aber sofort.«
    »Klaro. Für wen hältst du mich?«
    Manni legte vier zerknüllte Fünfer und einen Haufen Münzgeld in meine ausgestreckte Hand. Dabei seufzte er laut, um zu demonstrieren, wie weh ihm dieses schlechte Geschäft tat.
    Das Handy klingelte. Lila rief an. »Alter Mann, hast du Lust bei mir vorbeizukommen?«
    »Weiß nicht. Werde mich erst mal an den Fluss setzen.«
    »Wie du möchtest. Du weißt, wo du mich findest.« Als sie auflegte, klang ihre Stimme leicht angefressen.

    Es war ein schöner Spätnachmittag Ende Oktober. Ich hockte auf dem Metallrost einer Schiffsanlegestelle und starrte auf den Strom. Die glutrote Sonne verschwand in diesem Moment hinter der Bergkette, die sich über der Westseite der Stadt erhob. Sollte ich bei Lila oder in meiner zugemüllten Bude übernachten? Ich warf eine Münze: Kopf. Also bei Lila. Weshalb auch nicht? Spontan griff ich in meine rechte Jackentasche und fingerte nach Kugelschreiber und dem Roman. Ich riss zwei Seiten heraus, warf den Rest des Buches in den neben mir stehenden Papierkorb und kritzelte auf das erste Blatt, direkt unter den Mann ohne Eigenschaften: Neulich im Jobcenter.

    saufdruck.de

  • Der Pegelsäufer

    Der Pegelsäufer

    Das Mondschaf etwas anders.

    | Der Pegelsäufer

    Am Morgen drastisch abgesunken weil seit Stunden nichts getrunken
    … der Pegel

    Mit Gummibeinen aus dem Bett links von ihm schnarcht tief Jeanette
    … der Pegelsäufer

    Kühlschrank, Verstecke gähnend leer schneller Nachschub muss jetzt her
    … der Schnaps

    Der Marsch zum Aldi elend weit wie zäher Schleim vertropft die Zeit
    … der Supermarkt

    Den Wodka am Regal geext die Substitutin tut perplext
    …. die (kopfschüttelnde) Umwelt

    Die Sonne scheint, der Tag wird schön von Süden weht ein lauer Föhn
    … das Dolce Vita

    Mit dem Doornkaat auf der Bank er in grauen Schlaf versank
    … der Suff

    Als er (leicht) zitternd aufgewacht herrscht um ihn rum pechschwarze Nacht
    … der Entzug

    Mit letzter Kraft zur Shelltankstelle im Kopf dreh’n sich die Karusselle
    … der Abendeinkauf

    Zwei Tüten voll mit Jägermeister vertreiben seine Poltergeister
    …. die Erleichterung

    Zurück im Schrebergartenhaus packt er die Pullen fröhlich aus
    … die Euphorie

    Jeanette komm her, die Rettung naht auf dem Tisch noch Obstsalat
    …. die (feste) Nahrung

    Sie hört ihn nicht, pennt komatös die Sache riecht doch mysteriös
    …. die Polytoxe

    Mit zwei Cocktails in der Hand
    in den Schlafraum ganz entspannt
    …. die (letzte) Hoffnung

    Auf der besprenkelten Matratze verkrümmt Jeanette mit blauer Fratze
    …. das Organversagen

    Inspiriert von C. Morgenstern.

  • Der todgeweihte Rotweintrinker

    Der todgeweihte Rotweintrinker

    »Was sitzt du hier seit Stunden so phlegmatisch rum?«, fragt sie.
    »Lass mich doch einfach rumsitzen«, antworte ich.
    »Rumsitzen ist sonntags grundsätzlich okay; aber muss es derart phlegmatisch sein?«
    »Dann sitz ich halt phlegmatisch rum. Na und?«
    »Schreib was. Das heitert dich im Allgemeinen schnell auf«, sagt sie.
    »Was soll ich schreiben? Wurde doch schon alles 1000-mal geschrieben.«
    »Zum Beispiel ne Kolumne. Das hat dir doch immer Spaß gemacht.«
    »Politik, Facebook, Kommentare, antworten auf Kommentare – ständig dasselbe. Stinklangweilig!«
    »Dann schreib was über Dante.«
    »Über Dante: Warum ausgerechnet über Dante?«
    »Weil sich heute zum zehnten Mal sein Todestag jährt.«
    »Ach, den Dante meinst du. Und über den soll ich heute was schreiben?«
    »Ja. Tu das. Und danach gibt’s ein leckeres Abendessen.«

    Also setze ich mich hin und schreibe was über meinen vor zehn Jahren verstorbenen Kumpel Dante.
    ++++++++++

    Geschichte vom todgeweihten Rotweintrinker

    »Hast du gesehen, dass Dante wieder bei uns ist, Henning?«
    »Den haben sie vorhin mehr tot als lebendig hier reingeschleppt. Hab’s mitbekommen, Rolf.«
    »Er lag betrunken im Eingangsbereich der Klinik.«
    »So was kommt schon mal vor.«
    »Hoffe, dass er rasch auf die Beine kommt. Er sah gar nicht gut aus dieses Mal.«
    »Wir berappeln uns doch alle spätestens am dritten Tag.«
    »Er hatte dreieinhalb Promille.«
    »Da hat er Schwein gehabt. Ab vier schicken sie dich erst Mal in die Intensivstation.«

    Dante war einer aus der Rotweinfraktion. Nicht so ein elender Wodka-, Doppelkorn- oder Biersäufer wie wir anderen. Nein, er trank ausschließlich Merlot, Cabernet Sauvignon oder Pinot Noir. Notfalls auch einen Dornfelder. Er war angeblich ein Genussmensch. Wenn ich ihn in seinen elenden Zuständen bei den Einlieferungen sah, dann wurde mir bewusst, dass die Grenze zwischen Vergnügen und Sucht fließend war. Ob ich mir nun wie Rolf zwei Pullen Schnaps vom Aldi durch die Gurgel jagte, oder mir stattdessen sechs Flaschen Valpolicella genehmigte; es lief nach spätestens zwei Wochen auf dasselbe Ergebnis hinaus: nämlich den klinischen Entzug. Seinen Spitznamen hatte Dante schon vor langer Zeit erhalten, weil er gerne aus der Göttlichen Komödie rezitierte. Zudem war er Liebhaber italienischer Opern. Früher hatte er mit dem Verkauf und der Restaurierung alter Möbel gutes Geld verdient. Louis XVI, Biedermeier, schelllackpolierte Kommoden, Kirschbaumstühle und all so ein Zeug.

    Unnötig zu sagen, dass er und Rolf dicke Kumpels waren. Zumindest, wenn sie sich in der geschlossenen Abteilung trafen. Da gab’s dann jedes Mal neapolitanische Begrüßungsszenen. Sobald die beiden wieder halbwegs klar in der Birne wurden und die Sprachzentren Fahrt aufnahmen, jagte ein geistreiches Bonmot das andere. Ich verzog mich bisweilen in die Leseecke und studierte den Kicker.

    »Dante sah ziemlich runtergekommen aus, Henning.«
    »Die besten Zeiten hat er halt hinter sich, Rolf.«
    »René hat erzählt, dass er ihn beim Durchstöbern von Papierkörben gesehen hat. Auf der Suche nach Pfandflaschen.«
    »Rotwein ist teuer. Da wird seine Rente nicht für ausreichen.«
    »Mach du nur blöde Witze. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.«
    »Tja, ist nicht einfach, geeignete Gesprächspartner in dieser Umgebung zu finden.«

    Am Tag darauf. 13.25. Nach dem Mittagessen.
    »Hallo Henning. Lange nicht mehr gesehen.«
    »Ist circa vier Wochen her das letzte Mal, Dante.«
    »So elend wie bei dieser Entgiftung habe ich mich noch nie gefühlt.«
    »Das ist am zweiten Tag nichts Besonderes. Morgen wird es dir besser gehen.«
    »Das ist einfach nicht das richtige Krankenhaus für mich. Ich weiß nicht, weshalb sie mich immer wieder hierher bringen.«

    Dante hatte seinen gesellschaftlichen Absturz nie so richtig verdaut. Sein Geschäft mit den billig bei Hausauflösungen und in Osteuropa eingesammelten Tischen und Schränken, die er in seiner Schreinerei renovierte und dann sündhaft teuer im Ladenlokal seiner Freundin verkaufte, war in den Achtzigern hervorragend gelaufen. Die Frauen aus den sogenannten besseren Kreisen rannten ihm die Bude ein. Zeitweilig beschäftigte er bis zu zehn Restauratoren, die aus vier verrotteten einen neuen Sekretär zusammenbastelten. Sobald ein Möbelstück dreißig Prozent alte Teile aufwies, wurde es als antik deklariert. Da seine Kundschaft aus Laien bestand, fragte auch niemand nach, wie diese wundersame Vermehrung von Rokokomöbeln zustande kam.

    Dante lebte auf großem Fuß. Dicke Villa, schöne Autos, Schmuck, teure Reisen. Alles vom Feinsten. Als Ende der Neunziger das große Sparen begann, verringerte sich sein Umsatz innerhalb eines Jahres schlagartig um achtzig Prozent. Dann folgte das Übliche: Geschäft schließen, Insolvenz, Haus weg, Bentley gegen Golf2 eintauschen, Schmuck verpfänden. Steuernachforderungen im sechsstelligen Bereich zwangen ihn endgültig in die Knie. Aus zwei Flaschen teurem Wein wurden nach einiger Zeit sechs Pullen billiger Fusel. Zwar noch kein Tetra Pack, aber preiswerte Marken von Lidl und Netto.

    »Wo möchtest du denn stattdessen hin, Dante?«
    »Es gibt hervorragende Privatkliniken in Bayern und in der Schweiz.«
    »Und was machen die dort anders?«
    »Die versetzen dich in ein künstliches Koma und wechseln dein Blut aus.«
    »Das ist aber eine kostspielige Sache; oder?«
    »Das würde ich mir den Spaß kosten lassen. Aber ich werde ja immer wieder hier eingeliefert.«
    »Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.«
    »Hast du gehört, dass sie in diesem Krankenhaus eine Geheimstation unterhalten, Henning?«
    »Höre ich zum ersten Mal. Wo soll die sein?«
    »Im sechsten Stock.«
    »Hier gibt’s nur fünf Etagen.«
    »So wird es nach außen hin dargestellt. Weil sie es eben streng vertraulich handhaben. Ist eine strikt abgetrennte Abteilung, die nur für VIPs offensteht. Die verfügen über einen extra Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.«
    »Aha. Und da bieten sie die Bluttransfusionen und all den Schnickschnack an?«
    »Du hast es erfasst, Henning. Dort wollte ich dieses Mal auch hin. Hatte aber meine Kreditkarte zu Hause vergessen. Deshalb musste ich notgedrungen in die Geschlossene.«
    »Manchmal läuft’s halt dumm, Dante. Aber hier entgiften sie uns ja auch.«

    17.35. Im Raucherzimmer.
    »Was für einen Eindruck macht Dante auf dich, Henning?«
    »Scheint noch etwas verwirrt zu sein, Rolf.«
    »Den hat’s anscheinend übel erwischt.«
    »Er betreibt das Rein-Rausspiel in der Klinik jetzt aber auch schon seit vielen Jahren. Irgendwann, wenn du Pech hast, sind halt die Gehirnzellen dran. Ist doch vor kurzem Joe, dem pensionierten Hells Angel passiert.«
    »Der Terminator mit der Skorpiontätowierung am Hals?«
    »Exakt der. Konnte von einem Entzug zum nächsten nicht mehr laufen und sprechen. Sitzt mit fünfzig im Rollstuhl, sabbert und muss gefüttert werden.«
    »Ich höre auf mit der Sauferei. Melde mich morgen fürs Antabusprogramm.«
    »Tu das, Rolf. Erzählst du mir zum Minimum zwanzigsten Mal.«

    19.05. Nach dem Abendessen.
    »Hallo Henning. Bist du auch wieder hier?«
    »Roswitha, hast du deinen Mann besucht?«
    »Ja, habe ihm was zum Essen gebracht: Antipasti vom Italiener, Cannelloni mit Spinatfüllung und ein Stück Apfeltorte. Du weißt doch, dass er die Krankenhausküche ablehnt.«
    »Vornehm geht die Welt zugrunde. Fehlt noch eine Flasche Montepulciano fürs rundum gelungene Dinner.«

    Roswitha war Dantes Lebenspartnerin. Seit knapp dreißig Jahren. Nicht seine Ehefrau. Auf diese Unterscheidung legte er stets großen Wert. Die hatte mit ihm viel mitgemacht. Ihm auch nach dem Bankrott weiterhin die Stange gehalten. Nicht die Nummer abgezogen: »Du bist ein netter Kerl. Aber ich bin jetzt mal weg.« Sie war stets die Vernünftige in der Beziehung gewesen: Lebensversicherung, Bausparverträge, Konten in der Schweiz und in Luxemburg. War alles futsch. Die Gerichtsvollzieher hatten hart zugeschlagen. Und selbst in diesen schweren Jahren der Alkoholexzesse blieb sie bei ihm. In meinen Augen war das Liebe.

    »Das ist Dantes letzter Aufenthalt in dieser Station.«
    »Habt ihr endlich eine Schweizer Kurklinik ausfindig gemacht?«
    »Mach keine Witze, Henning. Sie werden ihn nach der Entgiftung direkt von hier aus in ein Pflegeheim überstellen. Es geht so nicht mehr weiter. Er kann kaum noch laufen. Vergisst alles. Vor einigen Tagen hat er vom Kiosk nicht mehr nach Hause zurückgefunden.«»Weiß er das schon?«
    »Ja, seit zwei Wochen. Er will es aber partout nicht wahrhaben. Er tut mir auch furchtbar leid. Aber, was soll ich machen? Seine Bauchspeicheldrüse ist auch schon im Eimer. Alleine packe ich das nicht mehr.«
    »Roswitha, du hast alles richtig gemacht. Dante hat mit dir echt Glück gehabt.«

    So langsam dezimierte sich die Hardcorefraktion. Die einen wurden zu irreparablen Pflegefällen, die anderen starben auf Parkbänken oder in den Intensivstationen. Übrig waren noch Rolf, René und ich.