Kategorie: Henning Hirsch: Gesoffen wird immer

  • Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Die Adventszeit ist angebrochen. Wir besuchen Weihnachtsmärkte, am liebsten drei pro Woche, trinken dort, sobald die Dunkelheit anbricht, was in dieser Jahreszeit Gottseidank früh geschieht, zum Aufwärmen einen Glühwein, am nächsten Stand einen Met aus Bio-Produktion, machen weiter mit einem Piccolo, bevor wir am Ende nochmal zum Glühwein zurückkehren. Mit einem wohlig warmen Gefühl in der Magengegend und in beschwingter Stimmung setzen wir uns, wenn wir klug sind, danach in die Straßenbahn oder doch lieber ans Steuer unseres japanischen SUVs; denn was soll uns in einer solchen Monsterkarre schon groß passieren? Und den Weg zurück nach Hause finden wir auch leicht angesäuselt. Soviel war’s ja schließlich gar nicht, und das meiste ist eh schon wieder verflogen. Nächste Woche steht die alljährliche Weihnachtsparty im Betrieb auf dem Kalender, auf der wir uns auf Kosten des Chefs alle mal wieder ordentlich volllaufen lassen können. Sobald wir den Megakater auskuriert haben, was je nach Promillespiegel bis zu 48 Stunden dauern kann, freuen wir uns auf Heiligabend mitsamt den ihn einrahmenden Champagner-, Rotwein- und Irischer-Whiskey-aus-Handmanufaktur-Flaschen. An den Feiertagen geht es munter weiter, Silvester ohne Schampus brauchen wir gar nicht erst zu feiern. Dezember = Stresstest für Leber und Neurotransmitter in Groß- und Kleinhirn.

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1

    Alkohol ist die bei weitem gefährlichste Droge im westlichen Kulturraum. Gefährlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Keine andere psychotrope Substanz fordert mehr Menschenleben. Jährlich gehen zigtausend Abhängige aufgrund von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säuferjagdgründe ein. Und genauso wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Alkoholeinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden. Um von all den, sich in psychologischer Behandlung befindenden, Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps bloß den Trinker selbst schädigen, ist ein frommes Märchen, das wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen, die jedem das Recht auf Selbstschädigung zugestehen, stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, um den exzessiven Konsum zumindest partiell einzudämmen.

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Folgen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht so langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake news. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt. „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-DeNiro-Filmen speisen, „Zwischen 1919 und 33 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt: allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um dreißig bis fünfzig Prozent. Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht wieder auf einem anderem Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    Ein halbes Dutzend Maßnahmen reichen aus

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Topposition im Ranking der globalen Trinkernationen und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung. Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:
    (a) Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei definitiv uns zu billig)
    (b) Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    (c) Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmelswillen hat Wodka in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    (d) keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    (e) konsumfreie Räume (z.B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    (f) Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem zweiten Weihnachtsmarkt-Rumpunsch).

    Würde, unter der Voraussetzung, alle sechs oben genannten Instrumente gelangen zur Anwendung, zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. „So einfach ginge das?“, fragen Sie? „Ja, so einfach geht das“, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkohol-Spots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburgertrinkern und den oben genannten Pseudoliberalen auch niemand.

    Und nochmal: es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Grundbedürfnis nach Rausch bleibt unangetastet

    Das Grundbedürfnis nach Rausch bleibt selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es wird nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Und eine Weihnachtsfeier mit Obstsaft-Cocktails und Softdrinks ist durchaus denkbar. Ich mach’s seit knapp zehn Jahren und bin froh, wenn ich am nächsten Morgen mit klarem Kopf aufwache und mich erinnere, dass ich der hübschen Kollegin aus der Exportabteilung zu vorgerückter Stunde keine sexistischen Witze erzählt und dem Chef nicht mit schwerer Zunge endlich mal die Meinung gegeigt habe. Von anderen Weihnachtsfeierpeinlichkeiten à la mit blankem Arsch auf den Kopierer ganz zu schweigen.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne, möglichst alkoholarme, Adventszeit.

  • Ende von Platte

    Ende von Platte

    »Wie geht es dir?«, frage ich.
    »Scheiße«, antwortet er.
    »Siehst auch Scheiße aus«, sage ich.

    Unser letztes Treffen liegt zehn Jahre zurück, kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Damals war Heinz noch in guter Form gewesen, Kurzhaarschnitt, akkurat rasiert, frisch geduscht, sonnengebräunt, strahlend weiße Zähne. Heute ähnelt er einer Figur aus einem Hollywood-Zombie-B-Film: abgemagert, struppige Frisur, löchriger Bart, maximal noch ein Dutzend Zähne, und die braun verfärbt, gelbe Gesichtshaut, blutunterlaufene Augen und dem Geruch nach zu urteilen, der von ihm ausströmt, hat er seine Notdurft nicht mehr völlig unter Kontrolle.
    »Kannst du mir nen Zwanni leihen?«, fragt er.
    »Ich hab dir was mitgebracht«, sage ich und drücke ihm einen Nullzweier-Flachmann in die Hand.
    »Sehr aufmerksam von dir«, sagt er, dreht den Verschluss auf, setzt die Flasche an den Mund und kippt die Hälfte des Inhalts auf ex. »Das tut gut. Besser als all die Pillen«, seufzt er zufrieden und lässt dabei den Schnaps unter der Bettdecke verschwinden. »Die sind so neugierig hier, sagt er, »kein Bock darauf, dass sie den Fusel finden und einkassieren.«
    »Sind die so schlimm wie in der Klinik?«
    »Hängt davon ab, welche Schwester gerade Dienst tut.«
    Letzte Station Sterbehospiz. Dort ist Heinz nach zwanzigjähriger Odyssee gelandet.

    Fata Morgana der grenzenlosen Freiheit

    Als ich Heinz vor zehn Jahren in der Geschlossenen kennenlernte, schwärmte er mir vom ungebundenen Leben draußen auf der Straße vor. Obwohl er sicher Raubbau an seinem Organismus betrieb, war das dem gepflegten Äußeren nicht anzumerken. Er machte den Eindruck eines durchtrainierten Sportlers auf mich und entsprach überhaupt nicht dem Bild, das ich von einem Penner im Kopf hatte. Im Laufe der folgenden drei Wochen freundeten wir uns an, er infizierte mich mit seinem pausenlosen Gerede von der absoluten Freiheit, die man nur dann erfährt, wenn man alle Brücken hinter sich abreißt und den bürgerlichen Konventionen Lebewohl sagt, und so folgte ich ihm nach absolvierte Entgiftung in den Park, den er sein Zuhause nannte. Es war Sommer, alles schien leicht und unbeschwert. Heinz lehrte mich die Kunst, mit geringsten Barmitteln zurechtzukommen, brachte mir bei, Schnaps und Zigaretten zu organisieren und an die anderen, weniger Geschickten, weiter zu verticken, ging mit mir zur Caritas, wo wir uns für einen Euro sattessen und für 50 Cent duschen konnten. Von der Natur überreich versehen mit Sexappeal, ruppigem Charme und einer nie nachlassenden Libido, war Heinz zudem erfolgreich bei den Frauen, von denen er jede Menge kannte und bei denen er bei Bedarf auch übernachtete. Er ließ mich dann alleine im Park zurück, verabschiedete sich mit den Worten: »Ich hab dir alles gezeigt und beigebracht. Jetzt musst du endlich auf eigenen Füßen stehen«. Ich wollte mir meine leichte Angst auf keinen Fall anmerken lassen und antwortete: »Klar kann ich das. Wir sehen morgen. Viel Spaß mit der Alten. Vögel sie für mich mit.«

    Das Leben draußen ohne Heinz war jedoch ein anderes als mit ihm an meiner Seite. So wie ein älterer Bruder aus Pflichtgefühl heraus auf den jüngeren aufpasst, auch wenn er keine Lust darauf verspürt, so achtete Heinz stets darauf, dass mir nichts zustieß. Denn die Gefahren, die auf der Straße lauerten, waren mannigfaltig: Prügeleien wurden wegen fünf Euro oder einer halben Pulle Doppelkorn vom Zaun gebrochen. Selbst um die Schlafplätze unter den Brücken oder auf den Bänken entbrannte oft Streit. Ständige Polizeikontrollen und Abtransport entweder in die Ausnüchterungszelle oder ohne Umweg in die Klinik. Heinz als ungekrönten König der Stadtindianer focht das alles nicht an, niemand hätte je gewagt, sich ihm ohne vorherige Einladung zu nähern. Aber ich auf mich alleine gestellt musste mich, sobald mein Mentor sich in fremden Betten vergnügte, doch häufig meiner Haut erwehren. Gestohlen wurde alles, was man nicht an Bauch und Oberschenkeln festgetackert hatte. Schuhe, nachts ausgezogen, waren am nächsten Tag weg. Dass man, während man schlief, von den anderen gefilzt wurde: keine Seltenheit. Als die Abende im Oktober langsam kalt wurden, mein Rücken eines Morgens schmerzte, als ob ihn nachts jemand mit einem Baseballschläger bearbeitet hatte und Heinz seit drei Tagen spurlos verschwunden war, beschloss ich das Absolute-Freiheit-Experiment abrupt zu beenden. Meine Sehnsucht nach einer warmen Behausung mit fließendem Wasser und weicher Matratze war doch stärker als der Wunsch nach grenzenloser Unabhängigkeit. Heinz hätte mich einen undankbaren Bastard und ein notorisches Weichei genannt, aber der war seit 72 Stunden unauffindbar und mir wäre es in diesem Moment eh schnurz gewesen, was er von mir hielt. Nur raus aus dem Park und zurück in die bürgerliche Welt. Seit diesem Oktober vor zehn Jahren waren wir uns nie mehr über den Weg gelaufen.

    Wiedersehen nach zehn Jahren

    Und nun sitze ich hier auf einem roten Plastikstuhl gegenüber dem Krankenhausbett, auf dessen Rand Heinz hockt. Oder, um es konkret auszudrücken, das was von Heinz noch übriggeblieben ist. »Hallo«, hatte er vorgestern Abend am Telefon gesagt, »erkennst du meine Stimme?«
    »Klar tue ich das. Woher hast du meine Nummer?«
    »Frag nicht so dumm. Wenn ich was erfahren will, dann komme ich an jede Information ran … Zeit, einen alten Mann im Sterbehospiz zu besuchen? Und bring was mit. Du weißt, was ich meine.«
    »Ich werde kommen«, sagte ich und legte auf.

    »Wo hast du die zehn Jahre gesteckt?«, frage ich.
    »Hier und da. War viel unterwegs, bin sogar bis Hamburg gekommen«, sagt er und leert die zweite Hälfte des Flachmanns. »Scheiß kleine Pulle. Warum hast du keine richtige Flasche mitgebracht?«
    »Weil ich die kleine im Stiefel verstecken konnte.«
    »Mach dir da mal keinen Kopf drum. Ist ein Sterbehospiz und keine Entzugsklinik. Ob ich am Krebs, der mich von innen auffrisst, zugrunde gehe oder am Schnaps: welchen Unterschied macht das? Fest steht: in ein paar Wochen werde ich Geschichte sein … schau nicht so belämmert. Irgendwann treten wir alle ab. Ich hatte eine schöne Zeit, bereue nichts.«
    »Na dann«, sage ich.
    »Okay, die letzten Jahre waren nicht mehr so gut. Ich wurde allmählich zu alt für diese Art Leben: zu langsam beim Beschaffen, zu schwach beim Verhandeln mit den Abnehmern, ständig pendelnd zwischen Bau, der Geschlossenen und Resozialisierungsmaßnahmen, obwohl ich nie resozialisiert werden wollte.«
    »Dafür hast du dich erstaunlich lange gehalten«, sage ich, »andere, die es nur halb so haben krachen lassen wie du, liegen schon lange auf dem Friedhof.«
    »Auch der schöne Manni?«
    »Den hat’s vor acht Jahren zerrissen: Überdosis Dreckszeug auf der Caritastoilette.«
    »Manni war eh immer ein Idiot. Konnte Rattengift nicht von Schore unterscheiden … und Lisbeth? Jetzt sag bloß nicht, dass auch Lisbeth nicht mehr da ist.«
    »Die hat’s erwischt, kurz nachdem du die Stadt verlassen hattest. Lag eines Morgens mit schwarz angelaufenem Gesicht in der Gartenlaube ihrer Eltern.«
    »Oh, Lisbeth auch. Scheiße, Scheiße, Scheiße … und Kurt?«
    »Sie sind alle lange tot. Du bist der Letzte von damals, der übriggeblieben ist.«

    »Und du«, sagt Heinz und sein Gesicht nimmt dabei für einen Augenblick denselben lauernden Ausdruck ein wie damals im Park, wenn es um das Verteilen der Tagesbeute ging. »Bist jetzt Abstinenzler und fleißiger Betbruder bei den AAs geworden … ich habe dir nie richtig über den Weg getraut. Hast das Ganze ja immer als Experiment angesehen und uns als deine Studienobjekte missbraucht. Du bist ein elender Heuchler, nichts anderes bist du.«
    »Leck mich«, sage ich, stehe auf, Heinz klammert sich mit knochriger Hand an meinem Arm fest: »Du wirst doch wiederkommen, oder?«
    »Was ist mit deiner Familie?«, frage ich, »du hast doch ne Exfrau und einen Sohn. Hast du mal Kontakt mit denen aufgenommen?«
    »Ich will die auf keinen Fall hier haben.«
    »Heinz, in ein paar Wochen bist du tot. Willst du die kurze Zeitspanne nicht nutzen, dich mit den beiden auszusprechen und zu versöhnen?«
    »Ich möchte nicht, dass sie mich in diesem elenden Zustand sehen«, antwortet er und wirkt mit einem Mal nicht mehr energisch, sondern zerbrechlich.
    »Kann ich verstehen«, sage ich und gehe.

    Am Ende eine Mini-Beerdigung

    Zwei Besuche und vier Flachmänner später war Heinz tot. Am vorletzten Abend erfolgte noch eine kurze Begegnung mit dem Sohn, die überwiegend schweigend verlief, denn die beiden wussten sich nach zwanzig Jahren Trennung nichts mehr zu sagen. Die Exfrau wollte ihn partout nicht mehr sehen, erklärte sich aber bereit, für eine kleine Beerdigung zu sorgen, die eine Woche danach an einem nasskalten Januartag auf dem Westfriedhof stattfand. Das letzte Geleit gaben ihm ein Priester, denn Heinz war nie aus der Kirche ausgetreten, der Sohn, ein Pfleger aus dem Hospiz und ich. Nachdem der Sarg nach unten gesenkt worden war, schüttelten wir uns stumm die Hände und gingen unserer Wege. Unspektakuläres Ende des langjährigen Königs des Parks.

    Womit Heinz sich seine Brötchen vor der Odyssee verdient hat, wollen Sie noch wissen? Er war Steuerberater mit eigener Kanzlei und ausgeprägtem Hang zu Wein und weiblichem Büropersonal gewesen, bis ihm eines Tages Ehe und Job um die Ohren flogen und er beschloss, sein Leben von Stund an komplett umzukrempeln und ab sofort Platte zu machen. Dass er das Nomadentum zwanzig Jahre durchhielt, ist primär auf seine naturgegebene robuste Gesundheit bei gleichzeitiger Vorsicht, die ihn davon abhielt, sich dreckiges Zeug wie Manni reinzupfeifen, zurückzuführen. Den Rest seiner früheren Truppe erwischte es sehr viel früher als ihn.

    Nachtrag: 52.000 Menschen vagabundieren in Deutschland dauerhaft auf der Straße. Nicht alle „freiwillig“ wie Heinz, dessen Freiwilligkeit bei nüchterner Betrachtung auf seinem Unwillen, sich mit Insolvenz und Scheidungskrieg auseinanderzusetzen, gründete. Gegen ein bürgerliches Leben in Wohlstand und Polyamorie hätte er nichts einzuwenden, wie er mir abends am Lagerfeuer manchmal erzählte. Aber der Mühe, Schulden zu tilgen und ein bescheidenes Dasein als schlecht bezahlter, angestellter Buchhalter zu fristen, wollte er sich auf keinen Fall unterziehen. Und so wählte er in letzter Konsequenz den Weg des Komplettausstiegs. Ob er diesen Schritt hin und wieder bereute? Mit hoher Wahrscheinlichkeit: ja. Aber Heinz war zu stolz, das jemals zuzugeben. Seit Januar sind es also 52.000 minus einer, die ohne festes Dach über dem Kopf bei Wind und Wetter im Freien hausen. Kluge Programme, sie von dort wegzuholen, sind bisher Mangelware.

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung

  • Mal wieder auf der Intensiv

    Mal wieder auf der Intensiv

    aus der Serie: Gesoffen wird immer

    Ein besonders trauriges Kapitel im Säuferleben stellen die Aufenthalte auf der Intensivstation dar. In die wird man immer dann gelegt, sobald der gemessene Promillegehalt die magische Zahl 4 überschreitet. Und zwar aus dem Grund heraus, weil für 80% der Menschen ab diesem Level akute Lebensgefahr – z.B. Organversagen – besteht. Für den geübten Trinker zwar nicht; aber das ist den Ärzten egal. Sie verfrachten uns trotzdem dorthin. Vermutlich auch aus einem erzieherischen Aspekt heraus, weil sie glauben, wer einmal eine Nacht fixiert auf der Intensiv verbracht hat, wird danach für immer dem Alkohol abschwören. Da irren sie sich allerdings gewaltig. Davon aber später. Erstmal will ich eine kleine Geschichte erzählen:

    Mal wieder auf der Intensiv

    Schläuche, überall Schläuche. Ich weiß, wo ich bin. Zwar nicht Ort und Zeit; aber den Raum erkenne ich sofort: eine verschissene Intensivstation. Stockdunkel, zweihundert LED-Lämpchen blinken nervös, ein Dutzend Apparate fiepen entsetzlich. Vermutlich mitten in der Nacht.

    Mein Schädel dröhnt, das Herz rast wie bei einem nicht enden wollenden 400-Meter-Lauf. Ich würde mich am liebsten übergeben. Den ganzen Dreck in einem Schwall auskotzen, mich sofort besser fühlen, aufstehen und nach Hause gehen. Das klappt nicht. Ich spüre noch nicht einmal das allergeringste Würgegefühl. Mann, ist mir elend zumute. Wie lange habe ich durchgesoffen: eine Woche, vierzehn Tage? Am Anfang war es Bier, danach Wodka und Doppelkorn. Zwischendurch mal ein Joint mit Tina. Süßer Qualm, der mich zum Husten reizt und Durchfall verursacht. Wo ist Tina überhaupt abgeblieben: liegt sie im Bett neben mir? Ich kann meinen Kopf nicht bewegen, um nachzuschauen. Alles dreht sich, wirbelt bunt durcheinander. Völlig egal. Tina ist ein zähes Mädchen. Die wird’s schon selbst packen; braucht keinen Aufpasser. Wir saufen manchmal zusammen, knutschen und fummeln ein bisschen und dann geht jeder von uns seiner Wege. Ist völlig autark, die Gute. Entwickelt sich nie zur nervenden Klette. Deshalb mag ich sie. Den Rest hat mir der Jägermeister gegeben. Widerliches Zeug. Die vierzig Kräuter sind es, die einen umhauen.

    Wie mag ich hierher gekommen sein: liegend oder zu Fuß? Hin und wieder schaffe ich es ja, mich bis ins nächste Krankenhaus zu schleppen. Ich kann mich an nichts erinnern. Kompletter Filmriss. Jetzt erstmal alles wurscht: Ich habe Durst, entsetzlichen Durst. Wo ist die gottverdammte Krankenschwester? Wollen sie mich hier heute Nacht einsam sterben lassen? Irgendwo muss der Alarmknopf sein. Normalerweise hinter mir. Ob ich es packe, Kopf und Arm in die Höhe zu hieven? Ich bin so platt, als ob mich ein Zehntonner überfahren hätte. Links schwillt irgendwas an. Die blöde Blutdruckmanschette. Ich hasse dieses Teil. Warntöne erklingen. Das ist gut, brauche ich nicht mehr nach dem dämlichen Schalter zu suchen. Ein Pfleger hastet herein, schaut auf das Messgerät: »170 zu 100. Puls 160 … Sind Sie endlich wach?«

    »Ja.«
    »Wie geht es Ihnen?«
    »Scheiße.«
    »Kann ich mir vorstellen.«
    »Kriege ich was?«
    »Was denn?«
    »Pillen.«
    »Nein, noch nicht.«
    »Was soll das heißen: noch nicht?«
    »Sie haben zu viele Promille. Frühestens in acht Stunden.«
    »Wollen Sie mich verarschen? Dann bringen Sie mir eine Pulle Wodka.«
    »Sie scheinen ein Spaßvogel zu sein. Das mag ich an euch Alkoholikern: Ihr seid immer zum Scherzen aufgelegt.«
    »Sehe ich aus, wie jemand, der einen Clown spielen will? Ich krepiere gleich, wenn Sie mir kein Valium bringen.«
    »So schnell sterben Sie nicht. Keine Sorge. Sind ja mit über fünf Promille zu Fuß hier reinmarschiert.«
    »Und dann?«
    »Haben Sie sich vor der Rezeption auf den Teppich gelegt.«
    »Oh weh.«
    »Ist Ihnen das peinlich?«
    »Nein. Völlig scheißegal. Ich will nur Tabletten gegen den Entzug haben. Alles andere interessiert mich nicht.«
    »Hat der Arzt nicht verordnet. Tut mir leid.«
    »Dann rufen Sie ihn. Schnell!«
    »Der schläft und will sicher nicht wegen zwei Pillen geweckt werden. Gedulden Sie sich ein paar Stunden und trinken Sie in der Zwischenzeit viel Wasser. Das reinigt den Körper.«
    »Ja ja. Schon gut. Hab’s verstanden.«

    Der bullige Kerl verschwindet im Dunkel des Korridors und lässt mich alleine zurück.

    Ich fühle mich entsetzlich. Der Schweiß bricht mir aus und läuft in dicken Bahnen vom Hals über die Brust bis zum Bauchnabel. Das Herz pumpt wie bei einem Triathlon. Mein Nervensystem ist derart gereizt, dass ich ein Wasserglas in der Hand zerspringen lassen würde. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man in die Hölle einfährt. Haben sie mich fixiert? Ich bewege vorsichtig Hände und Füße. Nein. Das ist sehr erfreulich. Im Zeitlupentempo stemme ich meinen Kopf nach oben. Ich habe noch Jeans und T-Shirt an. Und trage nicht das entwürdigende blaue Hemdchen. Sehr gut. Weiß der Himmel, weshalb sie mich nicht umgezogen haben. Mir soll es recht sein. Irgendjemand schnarcht im Nachbarbett. Ob das Tina ist? Nein, das Grunzen klingt männlich. Sie wartet wahrscheinlich draußen auf mich. Ich beginne, mich zu entstöpseln und die Schläuche rauszureißen. Kleine Blutfontänen spritzen. Alles halb so wild. Wird in einigen Minuten wieder aufhören. Mache ich ja schließlich nicht zum ersten Mal. Gleich werden Alarmglocken schrillen. Dann will ich aber schon auf dem Fußboden stehen und nicht mehr auf der Matratze liegen. Meine rechte Seite schmerzt höllisch. Ob ich da drauf gefallen bin? Fühlt sich an wie eine Mischung aus Schlag mit einem Baseballknüppel und Mega-Hexenschuss. Egal, ich muss raus aus diesem Bett.

    Die Sirenen heulen auf. Der Pfleger kommt erneut herein gespurtet.

    »Was tun Sie da, um Gottes Willen?«
    »Seh’n Sie doch. Ich verabschiede mich.«
    »Das können Sie nicht tun.«
    »Aber sicher doch. Mir geht’s schon wieder ausgezeichnet.«
    »Ohne Arzt lasse ich Sie nicht raus.«
    »Ich denke, der pennt. … Dann wecken Sie ihn. Sonst bin ich durch die Tür.«
    »Warten Sie bitte.«

    Er sprintet nach links. Ich zähle bis zehn und wanke nach rechts. Die Türen sind alle geöffnet. Glück gehabt: kein Hochsicherheitstrakt. So schlimm kann es nicht gewesen sein. Sonst hätten sie mich angebunden. Ich kenne das Spiel zur Genüge. In diesem Krankenhaus war ich schon mal. Eine Treppe runter, dann geradeaus, nach links und nun ohne Aufsehen durchs Foyer. Irgendjemand schreit, ich schaue nicht nach hinten. Ich bin im Freien. Niemand hat mich angehalten. Sehr gut! Jetzt rasch weg vom Gelände. Die rufen sofort die Polizei, wenn einer stiften geht. Ich stehe in verdreckter Jeans und kurzärmligen Shirt auf dem Parkplatz. Über und über mit Blut besudelt. Barfuß. Mist, habe die Schuhe in der Eile vergessen. Nicht mehr zu ändern. Stecken Kanülen im Handrücken? Daran erkennen sie einen nämlich schnell. Nein, alles oben schon abgerissen. Was für ein Glück, dass sie keinen Harnkatheter gesetzt hatten. Den hätte ich selber nicht entfernen können. Ich humpele fort in Richtung Fluss. Vom Ufer aus kann ich mich schlafwandlerisch orientieren.

    In meiner Hosentasche entdecke ich einen zerknüllten Zwanziger. Was für ein unglaubliches Schwein ich habe. Das sind locker fünf Bier und drei Flachmänner an der Nachttanke. Der Abend ist gerettet. Die Vorfreude auf den Alkohol vertreibt die schlimmsten Schmerzen. Mich fröstelt. Mitte Januar wird es abends ohne Jacke und Schuhe verdammt kalt. Besser frei und frieren als warm in Gefangenschaft. Ich beschleunige meine Schritte. Ich schiebe den Schein in den Schlitz und der Kassierer legt im Gegenzug Hansa-Pils und Billigfusel in die Metallklappe. Den ersten Nullzweier leere ich neben Zapfsäule 4. Binnen Sekunden durchströmt ein wohliges Wärmegefühl meinen Körper. Ausgehend vom Magen flutet es in die Adern und erreicht meine überreizten Synapsen im Gehirn. Das Zittern stoppt. Die Finger gehorchen wieder meinem Willen. Ich kippe zwei Dosen hinterher und spare mir den Rest für den langen Weg auf. Sind schätzungsweise drei Kilometer bis zu Tinas Wohnung quer durch den dunklen Park. Ob sie sich freut, mich wiederzusehen? Ich werde ihr einen Flachmann als Geschenk mitbringen. Und morgen: Wie soll es dann weitergehen? Egal, morgen ist morgen. Was soll ich mir jetzt den Kopf über die Zukunft zerbrechen? In einer Stunde werde ich auf Tinas Sofa liegen, zusammen mit ihr saufen und eine Runde vögeln.

    Ich werde auf einmal müde und setze mich auf eine Bank. Die Lider klappen runter. Bloß nicht im Freien einpennen, schwirrt es durch meinen Schädel: »Du wirst bei diesen Temperaturen erfrieren.« Letztlich alles egal. Irgendwann geht es eben zu Ende. Keine Party dauert ewig. Ich kippe seitlich weg ins feuchte Gras. In fünf Sekunden schlafe ich ein. Scheiße, nicht mehr bis zu Tina geschafft. Ob sie mich suchen und rechtzeitig finden werden? Mir wird schwarz vor Augen.

    Der Säufer gewöhnt sich im Verlauf seiner Trinkerkarriere an vieles, so auch an die Intensiv. Rund ein Drittel meiner klinischen Entzüge begann ich mit dem Umweg über diese Station. Die Aufenthaltsdauer dort schwankte zwischen einer Nacht, 24 Stunden bis hin zu drei Tagen. Festgebunden ans Bettgestell, Notdurftpfanne unter dem Hintern, gefüttert werden wie ein 100jähriger: Es gibt schönere Plätze als den Vorhof ins Jenseits. Und trotzdem schreckte mich die Aussicht auf diesen schauderhaften Ort nicht davon ab, weiter zu konsumieren und beim nächsten Absturz eventuell ein weiteres Mal hier aufzuwachen. Ich kam erst dann ins Grübeln, als mir die Ärzte glaubhaft versicherten, dass …*

    * davon berichte ich in der nächsten Kolumne (ja ja, ist ein fieser Cliffhanger)