„Er hatte getrunken.“
Drei Wörter, die in unzähligen Gesprächen über häusliche Gewalt fallen. Sie sollen erklären, warum ein Mann seine Partnerin geschlagen, bedroht oder gedemütigt hat. Manchmal klingen sie sogar wie eine Entschuldigung. Als hätte der Alkohol die Kontrolle übernommen und der Mensch dahinter nichts mehr damit zu tun.
Dass zwischen schädlichem Alkoholkonsum und Partnerschaftsgewalt ein Zusammenhang besteht, bestätigt eine im Juli 2026 veröffentlichte Metaanalyse im Fachjournal Addiction. Die Wissenschaftler werteten 21 Studien mit insgesamt 76.736 Teilnehmern aus. Ihr Ergebnis: Bei Männern mit schädlichem Alkoholkonsum lag die statistische Chance, gegenüber der Partnerin gewalttätig zu werden, um den Faktor 1,41 höher als bei Männern ohne entsprechenden Konsum. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Alkoholabhängigkeit und regelmäßigem Rauschtrinken. (Quelle: Tanyos et al., 2026, Addiction, „Perpetrator alcohol use and intimate partner violence in high-income countries“).
Die Untersuchung beweist nicht, dass Alkohol zwangsläufig gewalttätig macht. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang, der zudem zwischen den ausgewerteten Studien erheblich schwankt. Auch lässt sich daraus keine individuelle Gewalttat vorhersagen. Dennoch ist das Ergebnis ein deutlicher Hinweis darauf, dass problematischer Alkoholkonsum bei der Prävention von Partnerschaftsgewalt berücksichtigt werden muss.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diesen Zusammenhang Anfang November 2026 zum Gegenstand einer neuen europäischen Kampagne gemacht. Sie fordert, Alkoholpolitik stärker in die Prävention von Gewalt gegen Frauen einzubeziehen. (Quelle: WHO Europa, 3. November 2026, Kampagne zu Alkohol und Gewalt gegen Frauen).
Die Mär von der Selbstschädigung
Ein Lieblingsmärchen vieler Säufer lautet: „Mit dem Trinken schade ich ja bloß mir selbst.“ Diese Behauptung ist bequem, weil sie das eigene Verhalten zur Privatsache erklärt. Wer sich kaputttrinken möchte, so die dahinterstehende Argumentation, soll das gefälligst auf eigene Verantwortung tun dürfen.
Nur stimmt diese Rechnung nicht. Alkohol produziert Kollateralschäden. Sie treffen Verkehrsteilnehmer, Kollegen, Kinder, Partnerinnen, Angehörige und Freunde. Manche werden körperlich verletzt, andere leiden über Jahre unter psychischer Belastung, Angst und Demütigung. Besonders deutlich wird das bei häuslicher Gewalt.
Die Vorstellung, Alkohol sei ausschließlich ein Problem des Trinkenden, blendet die Menschen aus, die mit seinen Folgen leben müssen. Wer unter Alkoholeinfluss seine Partnerin schlägt, schädigt nicht nur die eigene Gesundheit. Er verletzt einen anderen Menschen und zerstört Vertrauen, Sicherheit und häufig das gesamte familiäre Umfeld.
Gewalt ist kein Betriebsunfall des Trinkens
Die Dimension des Problems ist erheblich. Die 2026 veröffentlichte Dunkelfeldstudie LeSuBiA von Bundeskriminalamt und Bundesfamilienministerium zeigt, dass 48,7 Prozent der befragten Frauen im Laufe ihres Lebens psychische Gewalt durch einen aktuellen oder ehemaligen Partner erlebt haben. 18 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt innerhalb einer (Ex-)Partnerschaft. Besonders alarmierend: Weniger als fünf Prozent der psychischen und körperlichen Gewalterfahrungen in solchen Beziehungen werden der Polizei gemeldet. (Quelle: BKA/BMBFSFJ, 10. Februar 2026, Dunkelfeldstudie LeSuBiA).
Alkohol kann in solchen Beziehungen zum Verstärker werden. Er beeinträchtigt die Impulskontrolle, kann Hemmschwellen senken und aggressive Verhaltensweisen begünstigen. Was nüchtern vielleicht noch unterdrückt wird, bricht unter Alkoholeinfluss leichter hervor. Das bedeutet keineswegs, dass jeder Betrunkene gewalttätig wird oder jeder Gewalttäter alkoholabhängig ist. Wer den Zusammenhang aber ignoriert, verschließt die Augen vor einem wichtigen Risikofaktor.
Dabei wäre es ebenso falsch, die Ursachen männlicher Gewalt allein beim Alkohol zu suchen. Gewalt gegen Frauen hat tiefere gesellschaftliche Wurzeln: ungleiche Machtverhältnisse, Besitzdenken, Kontrollverhalten und die Vorstellung, über die Partnerin verfügen zu dürfen. Alkohol kann diese Gewalt begünstigen und ihre Häufigkeit oder Schwere erhöhen. Er erklärt aber weder ihre Entstehung vollständig noch nimmt er dem Täter die Verantwortung ab.
Die vergessenen Opfer
Besonders bitter ist, dass die Folgen nicht mit dem Ende einer Gewalttat verschwinden. Frauen, die über längere Zeit körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind, tragen häufig massive gesundheitliche Schäden davon. Angststörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsreaktionen gehören zu den möglichen Folgen. Auch ein problematischer eigener Alkoholkonsum kann entstehen.
Die WHO weist ausdrücklich darauf hin, dass Erfahrungen mit Partnerschaftsgewalt das Risiko für psychische Erkrankungen und Alkoholgebrauchsstörungen erhöhen. Aggressives Verhalten kann damit eine weitere Abhängigkeit begünstigen – ausgerechnet bei denjenigen, die ohnehin schon unter den Folgen des Drogenkonsums eines anderen Menschen leiden. (Quelle: WHO, Violence against women – Fact sheet, 18. Juni 2026).
Diese Frauen sind die oft übersehenen Opfer eines Suchtmittels, dessen gesellschaftliche Akzeptanz kaum zu überbieten ist. Während der Abhängige Unterstützung, Therapie und Verständnis erwarten darf, bleiben die Menschen an seiner Seite mit ihren Verletzungen häufig allein. Co-Abhängigkeit ist dabei nur ein Teil des Problems. Wer jahrelang mit einem trinkenden und gewalttätigen Partner zusammenlebt, braucht unter Umständen selbst professionelle Hilfe.
Keine Entschuldigung
Die WHO fordert inzwischen, Alkoholpolitik und Gewaltprävention stärker miteinander zu verbinden. Dazu gehören Einschränkungen der nächtlichen Verkaufszeiten, strengere Regeln für Alkoholwerbung und bessere Präventionsangebote. Über die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen lässt sich streiten. Dass problematischer Alkoholkonsum bei der Bekämpfung von Partnerschaftsgewalt berücksichtigt werden muss, steht dagegen außer Frage.
Dabei darf eine Unterscheidung niemals verloren gehen: Alkohol kann eine Gewalttat begünstigen. Er begeht sie nicht. Die Verantwortung liegt beim Täter. Wer seine Partnerin schlägt, darf sich nicht hinter dem Inhalt seines Glases verstecken.
„Er hatte getrunken“ mag erklären, unter welchen Umständen eine Gewalttat geschehen ist. Als Entschuldigung taugt der Satz nicht. Und als gesellschaftliche Antwort auf die Gewalt gegen Frauen schon gar nicht.
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