Schlagwort: Alkohol

  • Die Würde des Scheiterns

    Die Würde des Scheiterns

    Vor zwei Wochen veröffentlichte ich die Kolumne Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt. Unter den Kommentaren fand sich dieser Hinweis eines Lesers:

    Die Verfilmung von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker mit Rutger Hauer ist ebenfalls sehr gelungen – leider viel zu unbekannt.

    Da fiel es mir wieder ein: Vor vielen Jahren hielt ich die Novelle schon mal in den Händen. Ich hatte sie damals aus dem Bücherregal einer Suchtklinik gezogen und im Raucherzimmer bei flackerndem Neonlicht mit zittrigen Fingern überflogen. An die Handlung erinnerte ich mich nur noch schemenhaft. Das mag einerseits an den fast zwanzig Jahren liegen, die seither vergangen sind. Andererseits verschwimmt vieles, was ich in jener Zeit unter Alkohol oder im Entzug erlebt, gelesen oder gedacht habe, hinter einer Nebelwand, die ich gar nicht immer lichten möchte.

    Also bestellte ich das schmale Büchlein kurzerhand bei Amazon. (Ich weiß: Eigentlich sollte man stattdessen den örtlichen Buchhandel unterstützen. Bei knapp 40 Grad siegte allerdings die Bequemlichkeit.). Diesmal war ich an 1 Abend mit der Geschichte durch. Ohne Alkohol oder Benzodiazepine im Blut geht das eben deutlich schneller – und außerdem erzählt Roth mit einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die einen förmlich durch die Seiten trägt.

    Hier meine Rezension:

    Leben zwischen Monarchie und Exil

    Joseph Roth (1894–1939) wurde im galizischen Brody geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und heute in der Ukraine liegt. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Werke wie Hiob und Radetzkymarsch machten ihn weit über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus bekannt.

    Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Roth ins Exil. Die Heimatlosigkeit, die er dabei erlebte, prägte sein späteres Werk ebenso wie seine zunehmende Alkoholabhängigkeit. Er starb 1939 in Paris, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Legende vom heiligen Trinker (posthum veröffentlicht) gilt als sein literarisches Vermächtnis.

    Ein Obdachloser mit einer ungewöhnlichen Schuld

    Er war ein Trinker, geradezu ein Säufer. Er hieß Andreas. Und er lebte von Zufällen.

    Die Handlung ist schnell erzählt. Der obdachlose Andreas Kartak lebt unter den Brücken von Paris und erhält eines Tages von einem Fremden zweihundert Francs. Das Geld soll er zurückzahlen – nicht dem Wohltäter selbst, sondern der heiligen Therese von Lisieux.

    Andreas nimmt sich fest vor, diese Verpflichtung zu erfüllen. Doch immer wieder kommt ihm das Leben dazwischen. Unerwartete Begegnungen, glückliche Zufälle, alte Bekanntschaften und nicht zuletzt der Alkohol sorgen dafür, dass das Geld nie dort ankommt, wo es eigentlich hingehört.

    Aus dieser scheinbar einfachen Prämisse entwickelt Roth eine Erzählung von erstaunlicher Tiefe.

    Die Kunst der leisen Töne

    Wer moderne Spannungsbögen, spektakuläre Wendungen oder psychologische Sezierungen erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. Roth erzählt ruhig, beinahe beiläufig. Darin liegt die Stärke der Novelle.

    Seine Sprache ist klar, elegant und von einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Kein Satz wirkt überladen, kein Wort zu viel. Die Geschichte liest sich wie eine Legende oder ein Märchen, bleibt dabei aber stets fest in der Realität verankert.

    Besonders beeindruckend ist die Wärme, mit der Roth die Hauptfigur betrachtet. Andreas ist kein Held. Er ist schwach, unzuverlässig und häufig sein eigener schlimmster Gegner. Dennoch begegnet ihm der Erzähler mit Respekt und Mitgefühl.

    Ein Buch über das Scheitern – und die Gnade

    Im Kern erzählt die Novelle von einer Erfahrung, die vermutlich jeder Mensch kennt: das Scheitern an den eigenen guten Vorsätzen.

    Andreas möchte das Richtige tun. Immer wieder. Und immer wieder gelingt es ihm nicht. Doch anstatt ihn dafür zu verurteilen, interessiert sich Roth für etwas anderes: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er seinen Ansprüchen nicht gerecht wird?

    Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!

    Die Antwort ist bemerkenswert versöhnlich. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, ob er perfekt handelt. Sie zeigt sich vielmehr im fortwährenden Bemühen, trotz aller Schwächen das Richtige zu wollen.

    Zwischen Realität und Wunder

    Die Novelle bewegt sich ständig auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Märchen. Andreas begegnet einer Reihe von Zufällen, die fast zu schön erscheinen, um wahr zu sein. Immer wieder erhält er neue Chancen, neues Geld und neue Möglichkeiten.

    Ob man darin göttliche Fügung, Schicksal oder einfach literarische Poesie erkennen möchte, bleibt dem Leser überlassen. Roth verzichtet bewusst auf eindeutige Antworten. Das verleiht dem Text seinen schwebenden Charakter.

    Ein stilles Meisterwerk

    Die Legende vom heiligen Trinker umfasst kaum mehr als hundert Seiten und entfaltet dennoch eine Wirkung, an der viele umfangreiche Romane scheitern. Das Buch ist melancholisch, humorvoll, traurig und tröstlich zugleich.

    Wer Joseph Roth kennenlernen möchte, findet hier einen idealen Einstieg. Wer ihn bereits schätzt, begegnet noch einmal all den Qualitäten, die ihn zu einem der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts gemacht haben: sprachliche Eleganz, Menschenkenntnis und eine tiefe, niemals sentimentale Humanität.

    Mehr als eine Trinkergeschichte

    Mit Die Legende vom heiligen Trinker gelang Joseph Roth kurz vor seinem Tod ein literarischer Abschiedsgruß von großer Schönheit. Die Novelle erinnert daran, dass Menschen fehlbar sind, dass sie scheitern dürfen – und dass gerade darin etwas zutiefst Menschliches und Würdevolles liegt.

    Das Wesentliche ist die Menschlichkeit.
    (c) Joseph Roth in einem Begleitbrief zur Erzählung

    PS. Den vom Kommentator empfohlenen Film mit Rutger Hauer werde ich mir selbstverständlich ansehen.

    STECKBRIEF

    Titel: Die Legende vom heiligen Trinker

    Autor: Joseph Roth

    Erscheinungsjahr: 1939 (posthum)

    Genre: Novelle

    Umfang: je nach Ausgabe ca. 80-100 Seiten

    Schauplatz: Paris

    Hauptfigur: Andreas Kartak, ein obdachloser polnischer Wanderarbeiter

    Bekanntester Satz:
    „Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“

    +++

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  • Selbstzerstörung als letzter Wille

    Selbstzerstörung als letzter Wille

    Gehört zum abendlichen Pflichtprogramm in jeder Suchtklinik und ist auch zu Hause auf dem Sofa im Abstand einiger Jahre immer wieder sehenswert: Leaving Las Vegas – die (neben The lost weekend) cineastisch schonungsloseste Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus.  Ich habe mir den Fillm vor ein paar Tagen (zum zehnten Mal?) angeschaut und will nun endlich die seit Langem fällige Rezension zu Papier bringen:

    Worum geht es?

    In Leaving Las Vegas – basierend auf dem gleichnamigen (stark autobiografisch gefärbten) Roman von John O’Brien – reist der arbeitslose Drehbuchautor Ben Sanderson (Nicolas Cage) an der Welt berühmtesten Sehnsuchtsort der Zocker und Feierlustigen, um sich in einem billigen Motel systematisch zu Tode zu trinken. Dort begegnet er der Prostituierten Sera (Elisabeth Shue). Zwischen beiden entsteht eine fragile Beziehung – getragen von einer stillschweigenden Vereinbarung: Sie akzeptiert seinen Alkoholismus, er billigt ihren Lebenswandel. Während sich zwischen ihnen eine Form von Nähe entwickelt, schreitet seine Selbstzerstörung unaufhaltsam voran – ohne Therapie, ohne Rettung, ohne moralische Auflösung.

    Alkoholismus als radikaler Realismus

    Leaving Las Vegas gehört zu den kompromisslosesten Darstellungen von Alkoholismus im Kino, weil sich der Film konsequent weigert, die Krankheit dramaturgisch zu „lösen“. Alkoholismus erscheint hier nicht als Krise, die überwunden werden kann, sondern als Zustand, der sich verselbständigt hat. Der Protagonist trinkt nicht aus situativer Schwäche oder romantischer Melancholie, sondern aus einer inneren Entscheidung heraus, die längst jede Alternative verdrängt hat.

    Gerade diese Konsequenz erzeugt den Realismus des Films. Alkohol strukturiert jeden Moment des Tages, bestimmt Wahrnehmung, Verhalten und soziale Beziehungen. Statt spektakulärer Abstürze zeigt der Film vor allem Wiederholung: Trinken, Funktionieren, Zerfall. Diese Monotonie ist es, die die Darstellung so glaubwürdig macht – Alkoholismus erscheint nicht als dramatisches Ereignis, sondern als alltäglicher Prozess der Selbstauflösung.

    Funktionaler Alkoholiker ohne Hoffnung

    Eine besondere Stärke des Films liegt in der Darstellung eines funktionalen Alkoholikers. Der Protagonist ist kein klischeehafter Randständiger, sondern ein intelligenter, reflektierter Mensch, der sein Verhalten durchschaut – und dennoch fortsetzt. Diese Diskrepanz zwischen Einsicht und Handlung gehört zu den realistischsten Elementen des Films.

    Viele Erzählungen über Sucht setzen auf den Wendepunkt: Einsicht führt zur Veränderung. Leaving Las Vegas verweigert genau diesen Mechanismus. Es gibt keine Intervention, keine Therapie, keinen Versuch der Rettung. Stattdessen wird Alkoholismus als Entwicklung gezeigt, in der Erkenntnis ihre handlungsleitende Kraft verloren hat. Der Protagonist weiß, was er tut – und entscheidet sich dennoch dafür.

    Körperlicher Verfall und psychologische Leere

    Der Film zeigt Alkoholismus nicht nur als psychologisches, sondern auch als körperliches Phänomen. Zittern, Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und zunehmende Isolation erscheinen nicht als dramatische Höhepunkte, sondern als schleichender Prozess. Es ist gerade diese Unspektakularität, die die Darstellung so beklemmend macht.

    Parallel dazu wird eine tiefere Ebene sichtbar: die vollständige Entleerung von Sinn. Alkohol ist hier weder Genuss noch Flucht, sondern die letzte verbliebene Struktur im Leben. Der Protagonist trinkt nicht, um etwas zu erreichen, sondern um die Abwesenheit von Bedeutung auszuhalten. In dieser Reduktion liegt die eigentliche Radikalität des Films.

    Selbstzerstörung als bewusste Entscheidung: Parallelen zum Steppenwolf

    In seiner Konsequenz erinnert der Film an literarische Figuren wie Harry Haller aus Der Steppenwolf von Hermann Hesse. Auch dort steht ein Protagonist im Zentrum, der seine Existenz als unauflösbaren Widerspruch erlebt und den Gedanken an Selbstvernichtung als ständige Möglichkeit mit sich trägt.

    Ähnlich organisiert auch die Hauptfigur in Leaving Las Vegas ihr Leben um die eigene Auflösung. Alkohol ersetzt die punktuelle Entscheidung durch einen Prozess: nicht der plötzliche Akt, sondern die kontinuierliche Umsetzung einer inneren Haltung.

    Der Unterschied liegt jedoch im Ausgang: Während Der Steppenwolf noch eine Bewegung zur Selbsterkenntnis und Transformation offenhält, verweigert der Film jede Form von Entwicklung. Es gibt kein „magisches Theater“, keinen Ausweg, keine Dialektik. Was bei Hesse als Möglichkeit existiert, erscheint hier als bereits vollzogene Entscheidung.

    Nihilismus als gelebter Zustand

    Der Film lässt sich als Studie eines radikal gelebten existenziellen Nihilismus verstehen. Allerdings nicht im Sinne einer reflektierten Weltanschauung, sondern als Zustand, in dem Sinnfragen ihre Relevanz verloren haben. Es gibt kein „Warum“ mehr, das beantwortet werden müsste, und kein „Wofür“, das Handlungen strukturieren könnte.

    In diesem Sinne zeigt Leaving Las Vegas das Endstadium eines Prozesses, der in der Literatur oft noch verhandelt wird. Während Figuren wie im Steppenwolf zwischen Verzweiflung und Möglichkeit oszillieren, hat der Film-Protagonist dieses Stadium bereits hinter sich gelassen. Reflexion wird nicht mehr in Handlung übersetzt – sie ist bedeutungslos geworden, mutiert zum Ausdruck völliger Leere.

    Alkohol fungiert dabei als Medium dieser Haltung: nicht als Flucht, sondern als kontinuierliche Auflösung von Bedeutung. Der Film zeigt keinen denkenden Nihilismus, sondern einen, der gelebt wird.

    Beziehung ohne Rettungsfantasie

    Auch die Liebesgeschichte folgt dieser Logik. Die Beziehung basiert nicht auf Hoffnung oder Veränderung, sondern auf Akzeptanz. Sie versucht nicht, ihn zu retten, und er verspricht nicht, sich zu ändern. Gerade diese Konstellation wirkt realistischer als die in vielen Filmen dominierende Vorstellung, Liebe könne Sucht überwinden.

    Nähe entsteht hier unter Bedingungen, die ihre eigene Zukunft ausschließen. Der Film zeigt damit, wie Sucht Beziehungen nicht einfach zerstört, sondern transformiert: Zuneigung ist möglich, aber sie bleibt folgenlos. Die Krankheit setzt die Grenzen, innerhalb derer Beziehung überhaupt stattfinden kann.

    Verzicht auf moralische Botschaften

    Ein zentrales Element des Realismus liegt im völligen Verzicht auf moralische Einordnung. Der Film erklärt Alkoholismus nicht, er bewertet ihn nicht und er bietet keine Lösung an. Diese Zurückhaltung erzeugt eine fast dokumentarische Wirkung.

    Das Publikum wird nicht entlastet. Es gibt keine klare Schuld, keine pädagogische Botschaft und kein therapeutisches Narrativ. Gerade diese Leerstelle macht den Film so eindringlich, weil er die Realität von Sucht nicht in eine sinnstiftende Dramaturgie überführt.

    Was bleibt am Ende?

    Leaving Las Vegas ist eine der radikalsten filmischen Auseinandersetzungen mit Alkoholismus. Der Film zeigt Sucht nicht als überwindbare Krise, sondern als existenziellen Zustand, in dem Entscheidung, Einsicht und Handlung auseinanderfallen. In Verbindung mit literarischen Motiven, wie sie sich im Steppenwolf finden lassen, wird deutlich, dass es hier um mehr geht als um Abhängigkeit: nämlich um die Möglichkeit, sich bewusst gegen das Leben zu entscheiden.

    Gerade weil der Film auf Erlösung, Entwicklung und moralische Orientierung verzichtet, wirkt er so realistisch und verstörend. Er zeigt Selbstzerstörung nicht als Absturz, sondern als Haltung – und genau darin liegt seine nachhaltige Wirkung.

    Bewertung: 9.5 Punkte
    +++

    Steckbrief

    Titel: Leaving Las Vegas
    Regie und Drehbuch: Mike Figgis
    Jahr: 1995
    Genre: Drama
    Basierend auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien (1990)
    Produktionsfirmen: Initial Productions & Lumière Pictures
    Filmverleih: United Artists (USA) & Metro-Goldwyn-Mayer (international)

    Hauptdarsteller:
    Nicolas Cage – Ben Sanderson
    Elisabeth Shue – Sera

    Auszeichnungen u.a.: Academy Award für Nicolas Cage als Bester Hauptdarsteller
    +++

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  • Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    „Mein Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich trink nix im Januar. Nullkommanull, Zero, nada. Hab das jetzt schon 5 Tage durchgezogen“, erklärt Clemens, ein notorischer Schluckspecht, vorgestern Abend bei unserer allmonatlichen Skatrunde.
    „Respekt, Bro!“, sagt Klaus und passt dann bei 23.
    „Und du, Henning; du sagst nichts dazu?“
    „Was soll ich dazu sagen?“
    „Du könntest beispielsweise sagen: Finde ich super, Clemens. Wenn du das schaffst, bin ich stolz auf dich.“
    „So einen Kack soll ich erzählen?“, antworte ich, während ich versuche, mit 1 Buben und auch sonst nur Mist auf der Hand mein Spiel zu machen, weil ich eben dummerweise 24 gesagt hatte.
    „War klar, dass man es einem protestantischen Abstinenzler nicht recht machen kann. Menschen wie dir geht jegliche Sinnenfreude ab. Ein buddhistischer Mönch in einem tibetischen Kloster führt ein lustvolleres Leben als du.“
    „Lasst uns nicht streiten, sondern aufs Spiel konzentrieren“, sagt Klaus und trumpft mit der Kreuz 10 mein Ass Herz, weil ich nicht aufmerksam mitgezählt hatte. „Ich bin auf jeden Fall stolz auf dich. Die restlichen 26 Tage schaffst du locker.“
    „Und danach kannst du dir mit gutem Gewissen wieder die Kante geben“, sage ich, zähle den vor mir liegenden Kartenstapel, komme nur auf 59 und fluche: „Scheiße!“
    „Hör nicht auf ihn, Clemens. Der ist nur sauer, weil er heute Abend mal wieder verliert, der Mann mit dem klarsten Kopf von uns allen. Auch nach 10 Jahren Abstinenz spielt Henning wie ein somnambuler Alki, der große Probleme mit der Impulskontrolle hat.“
    „Leck mich“, sage ich und reize dann bis 36, weil ich auch das nächste Spiel unbedingt spielen will. „Morgen sind es bloß noch 25 Tage. Schau’n wir mal, ob du das ohne Turkey hinbekommst“, erwähne ich noch und danach spiele ich einen Herz ohne 4.
    „Du bist so ein Arsch“, jammert Clemens.
    +++

    Trockener Januar: Detox fürs Gewissen

    Kaum ist das Silvesterkonfetti aus den Teppichen gesaugt, beginnt wieder die Zeit der kollektiven Selbstoptimierung. Fitnessstudios verzeichnen Neuanmeldungen von Menschen, die man dort ab Februar nie wieder sehen wird, Kühlschränke füllen sich mit Chiasamen, und irgendwo zwischen guter Vorsatz und Selbstbetrug taucht jedes Jahr aufs Neue ein alter Bekannter auf: der Dry January.

    Ein ganzer Monat ohne Alkohol. Kein Bier. Kein Wein. Kein „Ach komm, ist ja nur ein Glas“. Stattdessen Leitungswasser, Kräutertee und das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit. Die Idee stammt aus Großbritannien, wo Alkohol nicht nur gesellschaftliches Schmiermittel, sondern handfestes Gesundheitsproblem ist. Dort gilt er seit Jahren als eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren – eine Statistik, die den Begriff „Feierabendbier“ in ein eher ungünstiges Licht rückt. In Deutschland sieht es, wenig überraschend, kaum besser aus.

    Die Verheißungen des trockenen Januars klingen entsprechend paradiesisch: besserer Schlaf, Gewichtsverlust, schönere Haut, stabileres Immunsystem, klarerer Kopf. Kurz: Man wacht nach 31 Tagen als eine Art alkoholfreie Version seiner selbst auf – jünger, wacher, moralisch einwandfrei. Kein Wunder also, dass ich jedes Jahr eine ganze Reihe Menschen kenne, die in der Silvesternacht mit glasigen Augen schwören, ab morgen „erst mal gar nichts“ zu trinken. Wir reden hier ausdrücklich über Alkohol. Januar ohne Zucker, Nikotin, Sex oder soziale Medien lassen wir außen vor – wobei ein Monat ohne Instagram für viele vermutlich schmerzhafter wäre als ein Jahr ohne Schnaps.

    31 trockene Tage sind besser als 31 nasse – Überraschung

    Fangen wir mit einer banalen Wahrheit an: 31 Tage ohne Alkohol sind für Körper und Geist besser als 31 Tage mit Alkohol. Das ist keine gewagte These, sondern Biologie. Alkohol ist ein Zellgift. Punkt. Eine Pause davon ist nie verkehrt, ganz egal, wie sehr die Weinlobby etwas anderes behauptet.

    Neuere Studien zeigen sogar, dass sich bereits nach vier Wochen messbare Effekte einstellen: Der Blutdruck sinkt, die Insulinsensitivität verbessert sich, Leberfett wird abgebaut. Auch der Schlaf wird tatsächlich tiefer – nicht weil man früher ins Bett geht, sondern weil Alkohol die nächtliche Regeneration sabotiert. Selbst die oft belächelte Sache mit der Haut stimmt: weniger Entzündungen, weniger aufgedunsene Gesichter, weniger „Ich-habe-gestern-nur-zwei-Gläser-getrunken“-Augen.

    Das Problem ist nur: All diese Effekte sind reversibel. Der Körper freut sich über die Pause, aber er vergisst auch schnell. Wer ihm ab Februar wieder regelmäßig Ethanol zuführt, darf sich darauf verlassen, dass Blutdruck, Schlafqualität und Leberwerte ebenso zuverlässig zurückkehren wie der Kater am Sonntagmorgen.

    Das eigentliche Problem beginnt am 1. Februar

    Der trockene Januar scheitert nicht am Januar. Er scheitert am Februar. Wer am 31. Januar stolz verkündet, man habe nun „bewiesen“, dass man kein Problem habe, und sich zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein öffnet, hat exakt gar nichts verstanden. Ein Monat Abstinenz kompensiert kein Jahr Überkonsum. Das ist ungefähr so, als würde man im August einmal Salat essen und erwarten, dass sich das auf die Weihnachtsfigur auswirkt.

    Der trockene Januar kann nur dann sinnvoll sein, wenn er als Startpunkt gedacht ist – nicht als Ausnahmezustand. Und genau hier wird es unerquicklich, denn man muss die Menschen nun einmal grob in drei Gruppen einteilen:

    Typ A trinkt gelegentlich, kennt seine Grenzen und braucht keinen Aktionsmonat, um sonntagabends Wasser zu bestellen.
    Typ B trinkt regelmäßig. Kein Absturz, aber kaum ein Abend ohne Alkohol.
    Typ C trinkt regelmäßig und deutlich zu viel. Filmrisse inklusive.

    Drei Typen, drei Effekte – und nur einer profitiert halbwegs
    Typ A braucht keinen trockenen Januar. Er macht vielleicht mit, weil es gerade en vogue ist oder weil der Partner zu Typ B oder C gehört. Medizinisch ist der Effekt überschaubar, psychologisch nett, aber entbehrlich.

    Typ C hingegen wird mit einem Monat nichts reißen. Falls er ihn überhaupt durchhält. Und falls doch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er im Februar genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat – nur mit dem guten Gefühl, es „ja schon mal geschafft“ zu haben. Für diese Gruppe sind Kampagnen, Challenges und Lifestyle-Hacks ungefähr so hilfreich wie ein Pflaster bei offenem Bruch. Hier helfen nur professionelle Unterstützung, Therapie, Selbsthilfe – und ja: oft lebenslange Abstinenz. Alles andere ist Selbstbetrug mit Filterkaffee-Aroma.

    Bleibt Typ B. Und nur hier entfaltet der trockene Januar eine gewisse Berechtigung. Für Menschen, die sich an den täglichen Alkohol gewöhnt haben, kann ein Monat Pause tatsächlich ein Augenöffner sein. Neuere Langzeituntersuchungen zeigen, dass ein Teil der Dry-January-Teilnehmer auch Monate später noch weniger trinkt als zuvor. Nicht alle – aber einige. Und das ist mehr, als man von den meisten Neujahrsvorsätzen behaupten kann.

    Medizinisch begrenzt – psychologisch nicht völlig nutzlos

    Bringt der trockene Januar also medizinisch viel? Nein. Dafür ist er zu kurz. Die Leber applaudiert höflich, das war’s. Wer 334 Tage im Jahr trinkt, kann nicht erwarten, dass der Körper sich mit 31 Tagen Pause zufriedengibt.

    Aber: Der Januar kann ein Denkanstoß sein. Eine Art Probewohnen in einem Leben mit weniger Alkohol. Für Menschen, die bei „lebenslang verzichten“ sofort innerlich kündigen, ist ein Monat überschaubar genug, um ihn überhaupt zu versuchen. Der Dry January ist keine Therapie, sondern PR. Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Konsum. Und das ist, bei aller berechtigten Kritik, nicht nichts.

    Das Problem bleibt nur: Ausgerechnet die, die am dringendsten etwas ändern müssten, profitieren am wenigsten davon. Und die, die ohnehin halbwegs vernünftig trinken, können sich danach selbstzufrieden auf die Schulter klopfen.

    Also alles Quatsch? Nicht völlig nein. Leider auch nicht ja.

    Heißt das, wir können uns den trockenen Januar sparen? Jein. Wer fest vorhat, ab Februar wieder nahtlos weiterzutrinken wie zuvor, kann sich den Aufwand tatsächlich sparen und stattdessen direkt ehrlich zu sich selbst sein. Wer den Monat hingegen nutzt, um dauerhaft etwas zu verändern – von täglich zu gelegentlich, von regelmäßig zu bewusst –, für den kann der Januar der Startschuss sein.

    Das werden nicht viele sein. Aber selbst wenn es nur wenige sind, ist der Schaden gering und der mögliche Nutzen vorhanden. Nur sollte man sich nichts vormachen: Ein Monat ohne Alkohol macht niemanden gesund. Er zeigt höchstens, wie es sich anfühlen könnte, wenn man weniger trinkt.

    Und das ist vielleicht die ehrlichste Botschaft des Dry January: Nicht der Januar ist das Problem. Die restlichen elf Monate sind es.

    PS: Falls Sie in der kommenden Silvesternacht wieder überlegen, beim Dry January mitzumachen: Lesen Sie diesen Text ruhig noch einmal. Vorausgesetzt, Sie finden ihn wieder. Und erinnern sich. Was erfahrungsgemäß unwahrscheinlicher ist als ein alkoholfreier Februar.

    PPS. Was mit Clemens passiert ist? Der hat nach der Skatrunde im Spätie eine Pulle Wodka gekauft und die noch am selben Abend zur Hälfte geleert. „Schuld bist du, Henning“, erklärt mir Klaus gestern am Telefon, „weil du unseren gemeinsamen Freund völlig demotiviert hast.“  – „Er kann ja im Januar 2027 den nächsten Versuch starten. Wenn er dann noch lebt“, antworte ich. – „Du bist so ein Arsch.“
    +++

    Lesen Sie auch: Trocken bleiben … aber wie?

  • Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Jede Menge Hirnschmalz wird von trockenen Alkoholikern in die Klärung der Frage investiert: Was triggert wen, wann, wie, wo und warum? Da der wichtige Begriff bisher noch nicht erklärt wurde, wollen wir es an dieser Stelle endlich tun.

    Trigger bedeutet übersetzt „Auslöser“. Also der Schlüsselreiz, der einen Menschen dazu animiert, zur Flasche zu greifen. Der Auslöser schnappt im mentalen Bereich zu. Soll heißen: Ein Rückfall geschieht in den meisten Fällen deshalb, weil der (vorher eine Zeit lang enthaltsame) Alkoholiker etwas sieht, riecht, erlebt, das ihn zwanghaft dazu treibt, beim Italiener, wo er gerade eine Pizza Funghi zuzüglich Mineralwasser medium gassata verzehrt, plötzlich wie von einem bösen Geist ferngesteuert ein Glas Valpolicella Classico zu bestellen und in zwei Zügen zu leeren. Nun ist ein trainierter Trinker – auch wenn er ein bisschen aus der Übung gekommen ist – von 0,2 l Valpolicella Classico natürlich nicht granatenvoll; eine berauschende Wirkung wird entweder völlig ausbleiben oder sich in bescheidenen Grenzen halten. Theoretisch könnte er mithin nach einem Glas Rotwein wieder stoppen und die Abstinenz fortsetzen. Aber – und das ist ein fettes Aber – es entstehen sofort nach dem Konsum fatale Gedankenketten à la:
    • Ich habe gesündigt. Jetzt hilft nur noch der Gang in die Notfallambulanz, um mir den Magen auspumpen zu lassen.
    • Hat doch gut funktioniert. Morgen probiere ich es ein weiteres Mal.
    • Jetzt ist eh alles egal. Dann kann ich auch gleich ein paar Wochen weitersaufen.

    Weil also der Trigger der Vater aller Rückfälle ist, entbrennen in den Alkohol-Foren häufig Glaubenskriege darüber, was geht und was nicht geht. Hierbei sind vereinfacht betrachtet drei Lager zu unterscheiden:

    A. Die Strengen
    Kein Tropfen und kein Nanogramm Alkohol darf dem abstinenten Körper zugeführt werden. Weder in flüssiger noch in fester Form (beispielsweise in Torten oder Pralinen). Auch Speisen, in denen mit Alkoholaromen hantiert wird, sind unbedingt zu meiden. Mundwasser, in dem vereinzelte Spritzer Alkohol enthalten sind, ist Teufelswerk. Dabei ist völlig gleichgültig, ob sich der (trockene) Alkoholiker die Minimaldosis mit voller Absicht oder versehentlich zugeführt
    hat. Umgehend erschallt der Ruf: „Du hast einen Rückfall gebaut. Begib dich sofort in ärztliche Obhut. Lass deinen körperlichen Zustand durchchecken und dich mental untersuchen. Und danach ab in die SHG zur reumütigen Beichte.“

    Diese Gruppe hat natürlich große Probleme mit Alkoholwerbung in TV, Printmedien und auf Plakattafeln und appelliert an ihre Mitglieder, sämtliche Festivitäten, auf denen Alkohol kredenzt wird, zu meiden oder sofort zu verlassen, sobald das erste Bier gezapft wird,

    Motto: Der Rückfall ist immer und überall.

    B. Die Verharmloser
    Alkohol ist Teil unserer Trinkkultur, bekommt man hier zu hören. Nur, weil ich ein Problem damit habe, kann ich ja schlecht allen anderen, die mit dem Stoff gut zurechtkommen, die Freude daran verderben. Zudem ist mein Problem mit Alkohol gar nicht so groß. Ich kann mir durchaus hin und wieder ein Gläschen genehmigen, ohne dass bei mir die Gefahr besteht, die Angelegenheit liefe aus dem Ruder. Auf runden Geburtstagen und auf Betriebsfeiern lasse ich mir deshalb ein Glas Sekt schmecken. Ich will schließlich nicht als Spaßbremse dastehen. Bloß, weil ich bereits zehnmal in der Entgiftung war, bedeutet das ja nicht, dass ich zwangsläufig ein elftes Mal dorthin muss. Ich habe die Sache mittlerweile unter Kontrolle und kenne mein Limit. Hier gilt das Motto: trial and error – zu 99,9 % endet es im error und in der elften Entgiftung.

    C. Diejenigen, die zwischen A. und B. oszillieren
    Das ist das meiner Beobachtung nach größte der drei Lager. Alkoholiker, die nicht bei jedem Bissen in ein Stück Torte oder beim Lecken an einer Kugel Amaretto-Eis einen Nervenzusammenbruch bekommen, die nicht jede Packungsbeilage eines Fertiggerichts akribisch nach Nanogrammspuren Ethanol absuchen, die auch mal ein Mundwasser mit Alkohol benutzen und im Supermarkt durch die Spirituosenabteilung spazieren können, ohne direkt im Anschluss an die böse Tat den Rückfall vor Augen zu sehen. Es gibt innerhalb dieser Gruppe natürlich Teilnehmer, die stärker zu A oder mehr zu B tendieren. Auch hier sind Abstufungen hinsichtlich der Beantwortung der Frage „Was geht bzw. was ist (noch) ungefährlich?“ zu beobachten. Jedoch trifft man hier auf keine Hardcore-Abolitionisten wie bei A und keine Ein-Gläschen-kann-doch-keine-Sünde-sein-Relativierer der Gruppe B.

    Ich selber sortiere mich in C ein und werde Ihnen nun meinen Standpunkt zur Was-triggert-wen-Problematik näherbringen. Zuerst einmal muss klar sein, dass kein Alkoholiker zwischendurch mal einfach aus spontanem Spaß an der Freud an einem Gläschen Sekt nippen kann. Völlig egal, ob es sich um den 95. Geburtstag von Großtante Mizzi, das 25. Jubiläum des örtlichen Harley-Davidson-Clubs oder die Feier anlässlich der Beförderung des Kollegen Kasperski zum stellvertretenden Leiter der Innenrevision handelt.

    Strenger Grundsatz: Alkohol in flüssiger Form und wissentlich genossen geht überhaupt nicht!

    Und wenn man Alkohol versehentlich zu sich nimmt?

    Unterhalb der Schwelle „flüssig und wissentlich“ wird es zur Glaubens- und Kopfsache: Sie ordern beim Sommerfest des Kindergartens Bullerbü bei der netten Mutter von Natalie einen alkoholfreien Mai Tai, und die nette Mutter mischt Ihnen – ohne dass Sie es mitbekommen
    – aus Dankbarkeit, weil Sie vorgestern Abend 90 Minuten auf Natalie aufgepasst haben und weil sie von Ihrem Problem nichts weiß, 0,4 cl Baccardi in die orange-gelbe Plörre mit rein, was
    Sie jedoch erst beim zweiten Schluck bemerken -> Dann:
    • sollten Sie den Cocktail nach dem zweiten Schluck entweder in einen Blumenkübel kippen oder mit dem Satz „Kann ich leider nicht trinken, denn ich bin trockener Alkoholiker“ der verdutzt blickenden Natalie-Mutter zurückgeben,
    • passiert nichts, unter der Voraussetzung, dass Sie nicht zu Gruppe A gehören.

    Alkohol in flüssiger Form ist immer Mist. Aber wenn Sie versehentlich zwei Schluck davon konsumieren, geht im Anschluss nicht sofort die Welt unter (Das gilt ebenfalls für Pralinen, in denen Likör/Weinbrand/Schnaps enthalten ist).

    Alkohol in Lebensmitteln: Ich persönlich kann sowohl das Nanogramm Wein in Weingummis als auch das Rumaroma in Omas Nusskuchen von Dr. Oetker oder abgekochten Dornfelder in Bratensoßen verzehren. Die Gerichte lösen bei mir nichts aus. Der reine Geschmack triggert nicht. Das ist aber nicht bei jedem trockenen Alkoholiker so. Ich kenne viele, die einen Heidenrespekt vor Schwarzwälder Kirschtorte haben. Und das ist auch völlig okay. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er sich zutrauen will und was nicht.

    Der eine kann Fassbrause und Malzbier gefahrlos konsumieren, der andere nicht. Der eine kann problemlos mit Mundwasser gurgeln, in dem Spritzer Alkohol enthalten sind, dem anderen tritt bei derselben Übung im Nachgang der Angstschweiß auf die Stirn.

    Die einen können im Supermarkt sorgenfrei an den Schnapsregalen vorbeispazieren, die anderen müssen bei jedem Einkauf einen Slalomparcours absolvieren, um bloß nicht mit dem Williams Christ ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.

    Die einen schaffen es, auf Betriebsfeiern nüchtern und emotionslos bis zum Schluss dabei zuzusehen, wie sich die Kollegen langsam  volllaufen lassen und sich im Halbrausch auf den Korridoren und den Toiletten gegenseitig befummeln, bevor sie (die Kollegen) sich auf denselben Toiletten übergeben, während die anderen dieselbe Betriebsfeier sofort verlassen, sobald das erste Plopp eines Sektverschlusses erklingt.

    Jeder trockene Alkoholiker muss für sich selbst entscheiden, was geht und was zu stark triggert. Wobei diese Dinge nicht starr sind. Was ich zu Anfang meiner Abstinenz nicht ertragen konnte (z. B. Schnapsregale im Supermarkt, Betriebsfeiern nach Mitternacht), kann ich heute ohne mit der Wimper zu zucken meistern.

    Daher sollte der trockene Alkoholiker die Trigger-Sache schon ernst nehmen, wenn er nicht Gefahr laufen will, nach der zehnten Weinbrandpraline doch rückfällig zu werden. Mich beispielsweise triggern nach wie vor Biergartenbesuche im Sommer: Die Sonne brennt heiß von einem azurblauen Himmel herab, neben mir sitzt eine Gruppe Mountainbiker, die fröhlich ein Weizen nach dem anderen bestellt. In solchen Momenten bekomme ich Durst und denke wie ein kleines Kind: Warum dürfen die das trinken und ich nicht, der ich doch ebenfalls so viel Sport treibe und mir ein Glas Bier durchaus verdient hätte?

    Was ich dann tue, fragen Sie mich? Ganz einfach: aufstehen und den Biergarten verlassen. Ob ich noch mal in denselben Biergartengehen werde?, möchten Sie noch wissen. Warum nicht? Es ist einschöner, idyllisch am Rhein gelegener Platz. Und nicht jedes Mal ist es Hochsommer, und nicht jedes Mal sitzen Schneider Weisse trinkende Mountainbiker neben mir.

    Und bevor Sie jetzt vorschnell mit mir schimpfen – ich komme mit meiner Art, mich mit Alkohol zu konfrontieren bzw. ihn zu meiden, bisher gut zurecht. Und „bisher“ bedeutet zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Ratgebers zehn Jahre.

    Unverbindlicher Tipp: Gehen Sie anderen mit Ihrer persönlichen Alkohol-Vermeidungs-Philosophie bloß nicht zu sehr auf den Wecker! Wir sind alle erwachsen, wir wissen, dass Alkoholkonsum zum Rückfall führen kann, und haben – aufbauend auf diesem Wissen – jeder im Laufe der Jahre unsere individuellen Vorsichtsmaßnahmen entwickelt.

    Der Glaubenskampf um die irrtümlich verzehrte Weinbrandpraline führt zu nichts. Viel wichtiger hingegen ist es, dass Sie für sich individuell definieren, was Sie sich zumuten können und was nicht. Falls bei Ihnen bereits bei Nusskuchen mit Rumaroma das Ende der Fahnenstange erreicht ist, dann ist es eben so. Für Ihren Nachbarn in der SHG ist es der Anblick der Flachmänner an der Supermarktkasse und für mich die Gruppe Weizen-trinkender Mountainbiker im Biergarten. In den Köpfen von uns Alkoholikern geht es unterschiedlich zu. Und damit wollen wir jetzt ans Ende des Abschnitts „Wen triggert was und wann?“ gelangen. Es warten schließlich noch zwei weitere Kapitel auf uns.

    ZIEL 8
    Verinnerlichen, dass man als trockener Alkoholiker zeitlebens gefährdet bleibt und deshalb ständige Achtsamkeit als überlebenswichtige Tugend akzeptieren. Sich Alkohol niemals bewusst genehmigen. Alles unterhalb dieser Schwelle ist individuelle Kopf- und Glaubenssache.

    In der letzten Alkohol-Kolumne ging’s um das Thema: Weshalb trinken wir?
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    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch
    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Verlag humboldt
    ISBN: 9783842630550

  • Weshalb trinken wir?

    Weshalb trinken wir?

    Der Wunsch, sich zu berauschen, ist so alt wie die Menschheit und soll deshalb neben Essen, Trinken, Sex, eigenem Auto und Bausparvertrag als eines der elementaren Grundbedürfnisse unserer Spezies angesehen werden. Und keine Sorge – ich möchte Ihnen mit diesem Buch Ihren Rausch nicht vermiesen oder gar verbieten. 90 % der Primaten kommen mit ihren gelegentlichen Wochenend- und Weihnachtsfeierräuschen gut zurecht, und daran will auch niemand ernsthaft etwas ändern.

    Gefährlich sind die Räusche jedoch für das Zehntel, das sich mit Feiertagsbenebelungen nicht zufriedengibt, sondern diesen Zustand immer wieder, und zwar in kurz getakteten Zeitabständen, erleben möchte. Die 10 % der Bevölkerung, welche die Bewusstseinsveränderung, die durch ihre bevorzugte Droge eintritt, als genauso normal ansehen wie die nüchterne Realität, werden eines Tages die ständige Flucht in ihre Fantasiewelt der mausgrauen Wirklichkeit vorziehen. Dieses Zehntel nennt man drogenaffin, man könnte es auch weniger wissenschaftlich als „gierig auf das Eintauchen in ihre rosarote Parallelwelt“ ausdrücken.

    Zuerst einmal eine Begriffserklärung: Was genau ist eigentlich ein Rausch? „Der Rausch bezeichnet einen emotionalen Zustand der Ekstase, der jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, z. B. eine akute Vergiftung mit Rauschmitteln oder auch manische Zustände“, so formuliert es Wikipedia. Von den manischen Zuständen wollen wir hier absehen und uns im Folgenden auf die Räusche konzentrieren, die aufgrund des Genusses – in der obigen Definition wird interessanterweise von „akuter Vergiftung“ gesprochen – psychotroper Substanzen ausgelöst werden.

    Ach so, psychotrope Substanz müssen wir vorab ebenfalls klären: In diese Kategorie sortieren Fachleute all diejenigen (natürlichen und chemischen) Wirkstoffe ein, die unsere Psyche sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die gängigsten Mittelchen, um uns zeitweilig in den Orbit zu katapultieren, sind: Alkohol, Opiate/Opioide, Kokain, Marihuana, LSD, MDMA und alle möglichen Pharmaka wie beispielsweise die großen Wirkstoff-Familien der Tranquilizer, Hypnotika und Neuroleptika.

    In diesem Ratgeber befassen wir uns ausschließlich mit Alkohol, wenngleich die Rauschzustände, die Opium & Co. bewirken, denen von Wodka und Lakritzlikör teilweise ähneln, die Abhängigkeiten und deren gesundheitliche Konsequenzen nur graduell variieren und es für den Trinker genauso schwierig ist, vom Schnaps wegzukommen wie für den Junkie, die Finger von der Nadel zu lassen. Der Hauptunterschied beim Herstellen der Räusche besteht darin, dass es gesellschaftlich akzeptiert und vor allem legal ist, wenn Sie sich mit Maibowle und Rumpunsch bis in die Stratosphäre schießen, während Sie bereits auf der Rückbank eines Polizeiautos Platz nehmen dürfen, falls Sie dasselbe mit ein paar Gramm Marihuana zu viel tun.

    Wenn die Endorphine nicht mehr reichen

    Was genau geschieht nun in unserem Gehirn, wenn wir uns Rauschmittel (wozu natürlich auch der gute alte Doppelkorn gehört) reinpfeifen? Wir müssen uns das – laienhaft vereinfacht – in etwa so vorstellen: Unser Körper produziert selbst Drogen, z. B. Serotonin, Dopamin, Endorphine, die Glücksgefühle verursachen. Beispielsweise beim Essen von Schokolade, beim Sex, beim Anblick eines schönen Bildes, am Ende eines Marathonlaufs, nachdem wir eine Felswand hochgeklettert sind und erschöpft, aber rundum zufrieden am Gipfelkreuz lehnen, oder nachdem wir ein 90-minütiges Workout-Training schweißgebadet absolviert haben.

    Allerdings – und das ist wichtig – müssen wir aktiv etwas dafür tun, damit diese Glückshormone produziert und ausgeschüttet werden. Dieser Weg ist manchen zu aufwendig – das Matterhorn besteigen, um im Anschluss als Belohnung ein Nanogramm Dopamin zu bekommen, klingt nicht wirklich verlockend –, weshalb sie zu einer List greifen: Sie schlucken, inhalieren, injizieren eine psychotrope Substanz, z. B. ein, zwei oder drei Gläser Captain Morgan; wenn sie ihn nicht direkt aus der Flasche trinken.

    Und jetzt passiert Folgendes: Die im Schnaps in großer Anzahl rumschwimmenden C2H5OH-Moleküle (so lautet die chemische Formel für Ethanol, auch Trinkalkohol genannt) docken an jeder Menge Rezeptoren an – das sind Nervenzellen, die Reize aufnehmen und in Erregung umwandeln –, blockieren die einen und überstimulieren die anderen. Ein künstlich produziertes Euphoriegefühl stellt sich ein. Die Fachleute sprechen hier von einem Ungleichgewicht beim Austausch der Nervenbotenstoffe.

    Wir wollen hier nur festhalten: Die in Drogen enthaltenen Wirkstoffe verkürzen den Weg zum körpereigenen Belohnungssystem. Statt mühsam einen Marathon zu absolvieren, kann dieselbe Hochstimmung, die den Läufer nach Kilometer 42 – unter der Voraussetzung, dass man ihn nicht erst mal in ein Sauerstoffzelt zwecks Druckbeatmung verfrachten muss – durchflutet, ebenfalls mittels eines Viertelliters Cognac erzeugt werden. Die Droge, in diesem Fall der Alkohol, verkürzt nicht nur sporadisch den Weg, sondern führt des Weiteren zu Bequemlichkeit – wozu anstrengend laufen, wenn’s ein halber Kasten Bier, zu Hause auf dem Sofa genossen, genauso tut? – und zu dem Wunsch, sich diesen einfach herzustellenden Glücksmomenten öfter hinzugeben als von der Natur vorgesehen. Falls es schlecht ausgeht, endet man bei zu häufiger Wiederholung in der Sucht.

    Aber damit greifen wir schon voraus, denn über Sucht reden wir erst drei Kapitel später. An dieser Stelle reicht es, wenn Sie verinnerlichen: Die Droge bzw. der Alkohol beschleunigt den Weg zum Belohnungssystem und potenziert das Euphoriegefühl. So viel kann man gar nicht joggen, um sich so sauwohl wie nach einer Pulle Rotwein zu fühlen!

    Drei Vernebelungsstufen, um in den Orbit zu gelangen

    Zurück zum Rausch. Bei diesem unterscheiden wir grob drei Vernebelungsstufen:
    Schwips: Man fühlt sich angeheitert, kichert, lacht, die Welt ist schön, die griesgrämige Bürokollegin wirkt auf einmal gar nicht mehr so griesgrämig etc. etc.
    Leichter Rausch: Beginnt in etwa jenseits der 0,5 Promille, weshalb man sich ab dieser Grenze auch tunlichst nicht mehr ans Steuer eines Fahrzeugs setzen sollte. Man sieht die griesgrämige Bürokollegin plötzlich unscharf, manchmal sogar doppelt, sagt Sachen, die man sonst eher nicht sagt, und wünscht – falls man sich am Tag darauf noch daran erinnern sollte –, man hätte das alles besser nicht gesagt. Vielleicht landet man sogar im Bett der griesgrämigen Bürokollegin und hofft am Morgen danach, es habe sich nur um einen erotischen Traum gehandelt, wogegen allerdings der BH spricht, den man in der Aktentasche entdeckt. Beim leichten Rausch kann es zu Wortfindungs- und Artikulationsschwierigkeiten kommen. Bei manchem bewirkt dieser Aggregatszustand das Gegenteil, und man redet stundenlang, ohne dabei zwischendurch Luft zu holen, dummes Zeug. Einige beginnen zu schwanken und zu wanken, und ein nicht ganz so betrunkener Kollege muss sie unterhaken, ins Taxi setzen und dem Fahrer erklären, wo er den leicht Berauschten abliefern soll. Der Morgen darauf ist bestimmt von Katzenjammer und Aspirin, und der leicht Berauschte schwört, nie mehr einen einzigen Tropfen anzurühren. Dieser gute Vorsatz währt zwar nur bis zur nächsten Happy Hour, hält aber immerhin ein paar Tage. Der leichte Rausch endet – in Abhängigkeit vom Trainingszustand des Konsumenten – irgendwo im Bereich zwischen 1,5 und 2,0 Promille, und über diese Schwelle treten wir nun ein ins dunkle Reich der dritten Stufe:
    Schwerer oder gar Vollrausch: Über Wortfindung, Artikulation und Gangsicherheit brauchen wir uns hier keine Gedanken mehr zu machen: Sie sind allesamt komplett perdu. Die Welt
    verschwimmt im Nebel, für manche wird sie gar zappenduster. Wenn’s gut läuft, fällt der schwer Berauschte in ein zufällig in der Nähe stehendes Bett, wo er seinen Rausch komatös ausschläft. Wenn’s schlecht läuft – und es läuft oft schlecht –, beleidigt er den Chef, zertrümmert das halbe Büro, erwacht steifgefroren auf einer Parkbank oder in der Ausnüchterungszelle und bekommt am Tag darauf per Einschreiben mit Rückschein die fristlose Kündigung zugestellt.

    Ein Rauschzustand auf der Betriebsfeier kann also helfen, endlich den Mut zu fassen, die seit Jahren heimlich angehimmelte Kollegin aus der Exportabteilung nach einem Date zu fragen. Ein Rausch kann dabei behilflich sein, den eben zugestellten Mahnbescheid mit Pfändungsandrohung ein paar Stunden lang beiseitezuschieben. Ein Rausch kann Wunder beim Sex wirken. Ein Rausch ist auch schön, wenn man ihn in der Gruppe genießt und alle zusammen Schlager aus den Fünfzigern und Sechzigern trällern und dazu nackt im Vorgarten des Nachbarn herumhüpfen. Ein leichter Rausch macht körperliche und seelische Schmerzen vergessen und wiegt einen angenehm in den Schlaf.

    Ein Rausch kann auch sinnvoll sein, wenn man vorhat, sich umzubringen. Der Blick in eine Revolvermündung, die man sich gleich in den Mund schieben wird, ist weniger angsteinflößend, wenn man vorher eine Flasche Bourbon geleert hat. Ein Rausch ist auch eine prima Sache, um sich an Peinlichkeiten, die man im Zustand alkoholbedingter Verwirrung angestellt hat, nicht erinnern zu müssen. Wer hat schon ernsthaft etwas einzuwenden, wenn ein Trinker am Morgen darauf zerknirscht, die linke Hand an der schmerzenden Stirn festgetackert, während die rechte zitternd versucht, ein Glas Wasser mit drei darin aufgelösten Aspirin an die Lippen zu führen, sagt: „Das soll ich gestern Abend alles gemacht haben? Unmöglich!“

    Der Morgen nach dem Rausch ist ohnehin nicht so schön, weder für den Hobby- noch für den Profitrinker. Während der eine kotzend über der Kloschüssel hängt, macht sich der andere auf zum nächstgelegenen Supermarkt, um dort Nachschub zu besorgen. Dazu mehr im Abschnitt „Wann ist man Alkoholiker?“

    Der Profi gehorcht anderen Regeln als der Amateur

    Achtung: Ein Promillegehalt, bei dem für den Normaltrinker die Lichter ausgehen und durch den er sich eine Stunde später fixiert auf der Intensivstation wiederfindet, kann für den Profisäufer den Normalzustand bedeuten, ab dem er überhaupt erst Betriebstemperatur erreicht. Ich kenne einige, die sich ein Leben unterhalb von zweieinhalb Umdrehungen nicht vorstellen können. 4,0 Promille gelten als letale Dosis, bei deren Erreichen 80 % der Menschen den finalen Atemzug tun, bevor der Notarzt bedauernd konstatiert: „Nichts mehr zu machen. Transportieren Sie den Leichnam direkt in die Kühlkammer.“ Das gilt allerdings nicht für den Profitrinker. Der wankt noch zur Nachttankstelle, um sich einen letzten Schlummer-Flachmann zu genehmigen, bevor er endlich alle Viere von sich streckt und auf dem Flur vor der Wohnungstür seinen Vollrausch ausschläft.

    In diesem Kapitel haben Sie erfahren, dass gegen Gelegenheitsräusche prinzipiell nichts einzuwenden ist, insofern Sie dabei nicht auf die Idee kommen, einem zufällig vorbeispazierenden Passanten das Nasenbein zu zertrümmern oder auf dem Heimweg von einem feuchtfröhlichen Gelage mit Tempo 240 eine Abkürzung durch eine verkehrsberuhigte Wohngegend zu nehmen. Solange es beim Gelegenheitsrausch bleibt und der Zecher am nächsten Tag nicht das Verlangen spürt, den Rauschzustand ein weiteres Mal herbeizuführen, ist alles im grünen Bereich, von den Anzeigen wegen zertrümmerter Nase und Rasen in einem Wohngebiet mal abgesehen.

    Das Herbeiführen eines Rausches kann aus unterschiedlichen Beweggründen heraus geschehen. Am unteren Ende der Skala steht dabei der Wunsch, beim Sex mit der Kollegin aus der Abteilung Rechnungswesen länger als fünf Minuten durchzuhalten, während die oberste Treppenstufe vom Versuch gekennzeichnet ist, sich durch die Zuführung von Alkohol in einen Trancezustand zu versetzen, durch den man befähigt wird, mit den Göttern zu kommunizieren. Ob die Stimmen, die man dann raunen hört, tatsächlich von den Göttern stammen oder doch eher von den inneren Dämonen herrühren, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

    MERKE
    Hin und wieder ein Rausch ist okay, wenn er nicht in die Ausnüchterungszelle führt und kurz darauf wiederholt werden muss.
    ***

    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Henning Hirsch
    Verlag humboldt
    ISBN 9783842630550
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    In den vergangenen Wochen haben wir uns hier beschäftigt mit:
    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe
    Den Schalter im Kopf umlegen
    Doppeldiagnose

  • Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Nun wollen wir uns mit dem zweiten essenziellen Baustein fürs Überleben in der rauen Wirklichkeit beschäftigen – der Selbsthilfegruppe Alkohol, kurz SHG.

    Wer dauerhaft trocken bleiben möchte, kommt um den Besuch einer SHG nicht herum. Was soll ich da? Die können mir auch nicht helfen; stinklangweilig, sagen Sie? Dann haben Sie die Sache immer noch nicht verstanden, antworte ich.

    Speziell am Beginn der Abstinenz ist es wichtig, sich beständig mit Gleichgesinnten auszutauschen, sich in der Gruppe mitzuteilen, zu öffnen, zu berichten, weshalb der Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen ist, ehrlich zu sein und sich an Kritik zu gewöhnen. Man kann den anderen Teilnehmern nahezu alles beichten, sie hören geduldig zu, geben Tipps, wie man die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen kann, vertrauen dir ihre Telefonnummern an, damit du sie anrufst und redest, anstatt deprimiert zur Flasche zu greifen. Nur eines darf man nicht tun: Unsinn zum Besten geben oder die Gruppe gar anlügen. In diesem Fall können die Reaktionen heftig ausfallen. Ein Fehler, den Neulinge gerne machen, weil sie die Expertise ihres Publikums unterschätzen. Bei den Treffen kann es deshalb schnell ungemütlich werden, sobald sich ein Teilnehmer entweder als lernresistent erweist oder gar gegen den Kodex der Abstinenz verstößt.

    Die Geschichte von Kalle, dem Lokführer

    Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern die Geschichte von Kalle, dem Lokführer. Den lernte ich vor Jahren beim Kreuzbund kennen. Was Karl-Heinz, wie er mit vollem Namen hieß, zugestoßen war,kann man mit Fug und Recht als unglücklich bezeichnen. An einem noch nicht lange zurückliegenden nasskalten und neblig-trüben Novemberabend stand ein 56-jähriger Prokurist auf dem Geländer einer Brücke, die sich über die Bahnstrecke Köln-Koblenz spannt, und sprang von dort vor den mit Tempo 100 heranbrausenden Regionalzug, und zwar frontal auf die Rundumverglasung des Führerhauses, wo der Schädel des Unglücklichen vor Kalles Augen platzte, und der Körper langsam nach unten glitt, um von den Rädern der Doppelstockwagen völlig zermalmt zu werden. Mit der rechten Hand hielt der Mann noch seine Aktentasche fest umklammert.

    Die doppelte Tragik bestand darin, dass Karl-Heinz die Route an diesem Tag nur deshalb befuhr, weil er für einen kurzfristig erkrankten Kollegen eingesprungen war. Wie oft hatte er uns erklärt, dass er den Moment verfluchen würde, in dem er sich gutmütig dazu hatte überreden lassen, die Rheinseite zu wechseln. Kalle haderte seitdem mit sich und der Welt und trank mehr, als für ihn bekömmlich war.

    Nach einigen Wochen fielen seine krankheitsbedingten Fehlzeiten und die Schnapsfahne, die er trotz kiloweise Pfefferminzpastillen nicht dauerhaft übertünchen konnte, sowohl Kollegen als auch Vorgesetzten auf. Da ein Lokführer mit Alkohol im Blut eine potenzielle Gefahr für Passagiere und Allgemeinheit darstellt, beorderte ihn sein Chef zum außerplanmäßigen Routinecheck beim Betriebsarzt. Leberwerte im Keller, die allgemeine Konstitution glich eher einem 60- denn einem 40-jährigen, einfachste Denksportaufgaben bereiteten Karl-Heinz große Mühe.

    Warum keine Schwarzwälder-Kirschtorte?

    Nach Rücksprache mit einer auf Suchtfragen spezialisierten Psychologin wurde Kalle bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Hierzu gehörte ebenfalls der Besuch der Dienstagabend-Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Und jetzt saß er seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.

    „Passiert ist passiert. Kannst du heute eh nicht mehr ändern“, pflegtenwir ihm zu antworten. Jedoch stellte ihn unsere Reaktion nie länger als zehn Minuten zufrieden; dann meldete er sich erneut zu Wort, um uns eine weitere Einzelheit des Unglücks, die wir angeblich noch nicht kannten, zu schildern. Eine SHG-Nervensäge, wie man sie in vielen Gruppen antrifft und die es stoisch zu ertragen gilt. Mit allerdings der Besonderheit, dass Kalle nicht ganz freiwillig bei uns war, sondern einer Anweisung seines Arbeitgebers folgte.

    Mit zunehmender Dauer des Programms – seine ambulante Therapie war auf eineinhalb Jahre ausgelegt – wurde Karl-Heinz zusehends empfindlicher in Bezug auf Kritik. Und Kritik am Sprecher ist beim Kreuzbund – im Unterschied zu den Anonymen Alkoholikern – erlaubt und wurde von der Gruppe auch bei jeder Sitzung praktiziert. Denn instinktiv spürten wir, dass Kalle keine Fortschritte machte. Weder war er willens, uns die Brückenspringer-Geschichte zu ersparen, obwohl wir sie mittlerweile auswendig mitmurmeln konnten, noch zeigte er Einsicht, dass sein Alkoholproblem älter war als das tragische Unglück und der Novemberabend den finalen Auslöser, aber nicht den Urgrund bildete.

    Darauf angesprochen beharrte er störrisch darauf, bis zu diesem Datum nur hin und wieder ein Gläschen getrunken und erst imNachgang des Unfalls zur Flasche gegriffen zu haben. Ein Märchen, das schon deshalb nicht stimmen konnte, weil seine Leberwerte, die wir kannten, glasklar auf jahrelangen Missbrauch hindeuteten. Sobald wir ihm das auf den Kopf zusagten, sprang er beleidigt auf und wollte das Meeting verlassen. Was er jedoch nicht durfte, weil er sonst gegen seine Reha-Auflage verstoßen hätte. So blieb er dann den Rest des Abends missmutig sitzen und grummelte vor sich hin.

    Als er uns im Sommer die Nachricht übermittelte, er habe sich am Nachmittag zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte schmecken lassen, da sei überhaupt nichts Schlimmes dabei, brach der zu erwartende Kritik-Tsunami über Kalle herein, denn in unserer Gruppe gab es viele strenge Abstinenzler, die von Schwarzwälder-Kirschtorte-Experimenten überhaupt nichts hielten. Er sei leichtsinnig, würde grob-fahrlässig das in ihn gesetzte Vertrauen aufs Spiel setzen, liefe Gefahr, aus dem Programm zu fliegen und damit seinen Job zu verlieren. Karl-Heinz lief rot an, schrie: „Ihr könnt mich alle mal!“, sprang auf und knallte die Tür hinter sich zu.

    „Das war’s“, sagte ich, „Den sehen wir nie wieder.“

    „Wenn er im Programm bleiben will, kommt er zurück“, meinte Regina, die an diesem Tag die Gruppe leitete.

    „Der lässt sich gleich volllaufen. Dem ist das Programm heute völlig egal.“

    „Wenn er einen Rückfall baut, bin ich gespannt, ob er uns darüber offen berichten wird“, sagte Reinhold, der neben mir saß.

    „Falls nein, dann ist hier Ende Gelände. Muss er sich ’ne andere Gruppe suchen, die sich Woche für Woche geduldig seine Lügengeschichten anhört“, sprach Regina das Schlusswort.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: Kuschelprogramm?

    Klingt alles sehr streng in Ihren Ohren? Selbsthilfe ist kein Kuschelkurs. Natürlich können Rückfälle passieren und diese werden von der Gruppe auch verziehen. Allerdings muss der Konsum ohne Wenn und Aber zugegeben und aufrichtig bereut werden. Andernfalls droht der Ausschluss.

    Der Grundgedanke lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitglieder schildern ihren Alltag, erzählen von ihren Sorgen und Erfolgen. Sie ermuntern sich gegenseitig, in dem Bemühen um Abstinenz nicht nachzulassen. Jeder spricht nur über sich, Zuhören ist wichtig, Vertraulichkeit wird garantiert. In vielen Gruppen gibt es Paten, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Die kann man, wenn man Saufdruck verspürt, auch mitten in der Nacht anrufen und so lange mit ihnen quatschen, bis man sich wieder beruhigt hat. Ohne Scheu und Hemmungen, denn die Paten haben das alles selbst erlebt. Hier unterstützen Praktiker den Praktiker. Was nicht heißen soll, dass man nicht ebenfalls klugscheißende Idioten in den SHGs antrifft. Weshalb sollte es dort anders sein als im realen Leben oder in der Suchtklinik? Die Bereitschaft zuzuhören und im Bedarfsfall zu helfen, ist allerdings groß. Genau das ist schließlich das Erfolgsrezept der Gruppen.

    Selbsthilfe für Suchtkranke wird von mehreren Organisationen angeboten. Die bekanntesten heißen: Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Diakonie, Freundeskreise und Anonyme Alkoholiker (AA). Einen Sonderfall stellt die therapeutische Gruppe (TG) dar, die von einem Psychologen geleitet wird. Diese Variante ist allerdings gebührenpflichtig. Die Übernahme der Kosten kann bei der Krankenkasse beantragt werden. Insgesamt gibt es rund 7.000 Gruppen mit geschätzt zwischen 80.000 und 100.000 regelmäßigen Besuchern in Deutschland.

    Die Treffen dauern zumeist 90 bis 120 Minuten, maximal drei Stunden. Während sich Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler etc. einzig in der Zusammensetzung der jeweiligen Teilnehmer unterscheiden und ansonsten vom Ablauf der Sitzungen her identisch sind, hebt sich das Konzept der AA doch etwas ab. Hier sind keine Fragen an den Vortragenden erlaubt. Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass niemand aufgrund befürchteter Kritik schweigt. Die Teilnehmer berichten deshalb sehr offen; das Prinzip des Nichtunterbrechens führt jedoch mitunter zu langen, ermüdenden Monologen.

    Mir hat das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker vor 15 Jahren sehr dabei geholfen, den ersten Monat der Abstinenz zu meistern. So brachte ich die abendliche Hochrisiko-Rückfallzeit im geschützten Raum gut hinter mich. Das muss nicht jeder so machen, allerdings empfehle ich, anfangs lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Versammlung aufzusuchen.

    Jeder Neuling sollte ein paar SHGs testen, bevor er sich für die für ihn am besten geeignete entscheidet. Die Entschuldigung „Ich habe nichts gefunden, das zu mir passt“ bedeutet bloß, dass Sie keinen Bock haben, unverblümt über Ihr Problem zu sprechen. Zwischen der Weigerung, sich zu öffnen, hin zum nächsten Testlauf mit dem Alkohol steht bei vielen Trinkern nur ein kleines Glas Bier.

    Nicht jeder, der zufrieden drogenfrei lebt, kreuzt zwar regelmäßig in einer Gruppe auf, aber gerade in der Anfangszeit der Umgewöhnung ist es enorm wichtig, den häufigen Kontakt zu anderen Ausstiegswilligen zu suchen und zu begreifen, dass man nicht der Einzige ist, der den harten Kampf gegen seine Dämonen aufgenommen hat. Gemeinsam kämpft es sich doch gleich um einiges leichter. Es schadet nicht, wenn man diese Angewohnheit auch noch in Jahr 10 oder 20 oder 30 der Abstinenz beibehält.

    Wobei der Rhythmus der Besuche individuell ist. Ich kenne einige, denen es reicht, im Ein-Jahre-Turnus bei einem Meeting aufzukreuzen, dort stumm zuzuhören, zu verschwinden und erst zwölf Monate später wieder bei den AA gesehen zu werden. Die es aber trotz dieser stark reduzierten SHG-Präsenz schaffen, abstinent über die Runden zu kommen. Das ist der Typ Einzelkämpfer. Der ist jedoch eher selten vertreten. Dem Ich-brauche-Gleichgesinnte-um-stabil-zubleiben-Kandidaten begegnet man weitaus häufiger. Falls Sie sich unsicher sind, welcher der beiden Ausprägungen Sie angehören: im Zweifelsfall besser die Ich-brauche-Gleichgesinnte-Variante ankreuzen.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: ernüchternde Statistik

    Hier eine ernüchternde oder aufmunternde Statistik – kommt auf den Blickwinkel an, aus dem Sie die Zahlen betrachten:

    Statistik: Länge der Abstinenz in Jahren

    Quelle: Anonyme Alkoholiker (mehrjährige Zufallsstichprobe unter AA-Meeting-Teilnehmern)

    Sind ja zum Ende hin nicht gerade viele, die übrig bleiben, geben Sie zu bedenken? Wer sagt denn, dass Sie nach der ganzen Sauferei noch mehr als 25 Jahre vor sich haben?, antworte ich. Ohne SHG sähe Ihre Überlebensprognose deutlich düsterer aus. Vielleicht haben Sie ja Glück und sind bei den 10 %, die es zwei Jahrzehnte schaffen, die Finger vom Fusel wegzulassen. Eine 100-%-Garantie auf den Nicht-Rückfall gibt es eben nicht. Liegt nur an Ihnen, was Sie aus Ihrem trockenen Leben machen und wie lange es Ihnen gelingt, die Abstinenz durchzuziehen.

    Selbsthilfegruppen sind – vor allem zu Beginn der Abstinenz – der Garant dafür, die ersten superschwierigen Monate trocken zu bleiben. Welche Sie besuchen, ist egal. Hauptsache, Sie besuchen eine.

    Was mit Kalle passiert ist, wollen Sie noch wissen? Keine Ahnung. Aufgetaucht ist er bei uns nicht mehr. Auch in anderen Gruppen im regionalen Umkreis wurde er nicht gesichtet. Man munkelte damals, er habe das Programm noch am selben Abend geschmissen, den Job als Lokführer an den Nagel gehängt, die Stadt verlassen und tränke nun mehr als vorher. Ob das alles stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe für ihn, dass er die Kurve trotz der Schwarzwälder Kirschtorte doch irgendwie hinbekommen hat.

    Etappenziel 7
    Sie haben erkannt, wie immens wichtig der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe für Sie ist.
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    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550
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    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Den Schalter im Kopf umlegen.

  • Den Schalter im Kopf umlegen

    Den Schalter im Kopf umlegen

    »Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?«
    »Nein, kann ich leider nicht.«
    »Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.«
    »Hören Sie heute mit dem Trinken auf.«
    »Mehr nicht?«
    »Mehr nicht.«

    Ich weiß, Sie sind nun enttäuscht, denn von einem wie mir hätten Sie mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, am Ende einer Lesung Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des Fragestellers berücksichtigen können. Was mir geholfen hat, muss ja nicht zwangsläufig auch bei Ihnen wirken.

    Lange Drogenkarriere absolviert

    Bevor ich gleich was zum geheimnisvollen Schalter schreibe, der umgelegt werden muss, fasse ich an dieser Stelle nochmal kurz das bisher Gesagte zusammen: Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whisky, bringt sich mit Jägermeister in Schwung, kippt vor dem Sex vier Cola-Rum, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über 2,0 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger. Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereitsteht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung den Tagesrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist.

    Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Einstieg in die Abstinenz bedeutet die Entkopplung ALL dieser Aktivitäten vom Alkohol. Für einen Abhängigen zum einen eine Horrorvorstellung, zum anderen eine Aufgabe, die er als derart monströs erachtet, dass er vor ihr kapituliert, bevor er überhaupt mit ihr beginnt. Die Entkopplung oder Entflechtung des Lebens von der Droge ist wirklich schwierig. Weil unterm Strich der gesamte Alltag mit Bier und Schnaps verwoben sind. Nie mehr Krombacher zur Sportschau, nie mehr Wodka zum Runterkommen nach dem Job oder als Einschlafhilfe: Wie soll das denn jemals funktionieren?

    Alkoholiker sind chronische Nutzenmaximierer

    Schon mal vorab: Es funktioniert. Anfangs zwar holprig, jedoch mit zunehmender Zeitdauer der Abstinenz immer besser, bis einem der Nicht-Konsum irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und als normalste Sache der Welt erscheint, wie vorher der Alkohol.

    Dem Ausstiegsentschluss voran geht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Alkoholiker sind, auch wenn das auf den ersten Blick wegen ihres 24/7 Benebelungszustands nicht so scheinen mag, chronische und minutiöse Nutzenmaximierer. Sie manipulieren durch die ständige Zufuhr der Droge ihren Emotionshaushalt. Sei es, dass sie sich besser, als die Natur es ihnen normalerweise gestattet, fühlen wollen, sei es, dass sie unliebsame Gefühlsregungen abmildern oder sich gar zum Ende hin durchgängig betäuben wollen.

    Der Nutzen liegt also im Abgleiten in ein rosarotes Paralleluniversum; die Kosten hingegen bestehen einerseits im körperlichen Raubbau und andererseits im stetigen sozialen Abstieg. Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Exit als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen.

    Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „Das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „Es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: Ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn. Ein Abwägen könnte dann beispielsweise so aussehen: Erreiche ich den gewünschten Zustand – ich fühle mich heiter, sorgenfrei, nichts kann mein seelisches Gleichgewicht trüben – überhaupt noch, oder saufe ich mich jedes Mal, sobald ich mir das erste Bier besorge, im Anschluss ohne Zwischenstopp im rosaroten Wunderland direkt auf die Intensivstation?

    Ohne Umweg erst in den Vollrausch, dann ins Koma

    So ging es mir nach ein paar Jahren. Das Heitere, Beschwingte, Was-kostet-die-Welt war mit einem Mal verschwunden. Ich trank mich unverzüglich in den Vollrausch, dem erst ein Koma zu Hause auf dem Sofa und dann ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt folgten. Und da ich weder Zu-Hause-Koma noch Intensivstation als sonderlich lohnenswerte Ziele empfand, war meine individuelle Kalkulation schnell gemacht: Nutzen = 0 bei gleichzeitig Kosten = 100. Ob ich das 2010 ebenfalls so glasklar sah wie heute mit dem Abstand von zehn Jahren, spielt keine Rolle. Ich spürte deutlich, dass der Alkohol-Weg nur noch eine Richtung für mich kannte, nämlich die steil nach unten. Und das reichte mir als Ergebnis meiner damaligen Analyse völlig aus.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Moment, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Glück als die anderen bzw. Gott würfelt gerne.

    Das lapidare Schulterzucken würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn in 95 Prozent der Fälle arbeitet der Süchtige im Vorfeld viele Monate bis hin zu Jahren auf diesen einen Moment hin. Es kommt nur äußerst selten vor, dass jemand ohne vorherige Therapie den Ausstieg schafft. Je länger die Saufstrecke dauert, desto unwahrscheinlicher ist es, sich ohne fremde Hilfe und psychologisches Handwerkszeug aus dem Alkoholsumpf zu befreien. Es mag sein, dass es beim einen (sehr viel) länger dauert als beim anderen, bis sich das Fenster für ihn öffnet. Wenn er jedoch eines Tages davor steht, weiß der Süchtige, um welches Fenster es sich handelt, und dass es nun höchste Zeit ist, diese – zumeist nur kurz offenstehende – Gelegenheit zu ergreifen. Falls jetzt zum 1000-sten Mal lange über Pro & Contra gegrübelt wird, schließt sich das Fenster wieder, und all die vielen vorbereitenden Gruppentherapiestunden waren für den Flaschencontainer.

    Deshalb: den Schalter umlegen, mag vielen wie reines Glück oder Gottes einsame Entscheidung erscheinen. Die Wahrheit ist aber, dass es sich in den meisten Fällen um eine langwierig mühsam erarbeitete Chance handelt, die man natürlich, sobald sie sich einem bietet, auch beherzt nutzen muss. Viel mehr verbirgt sich eigentlich nicht hinter dem geheimnisvollen Schalter, wenngleich der Weg dorthin oft ein sehr dornenreicher sein wird.

    Drei Trinker – drei verschiedene Schicksale

    Um den Ausstieg bzw. Nicht-Ausstieg noch einmal zu verdeutlichen, will ich kurz drei exemplarische Trinkerschicksale skizzieren:

    Mein Freund Horst-Rüdiger, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Gute-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum 3,0 Promille im Blut ins Bett legte, stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert. »Brauche ich alles nicht«, erklärte er mir, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. Horst-Rüdiger hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteil geworden.

    Bei mir wiederum verhielt es sich so, dass ich eines Morgens ins Grübeln geriet, als ich nach einem Fünf- oder Sechspromilleabsturz mal wieder an allen Vieren fixiert auf der Intensivstation lag und mir die Ärzte eindringlicher als sonst erklärten, ich würde den nächsten Rückfall garantiert nicht überleben. Nicht, dass die Aussicht auf den eventuell nahenden Tod mich sonderlich schockte. Ihn hatte ich oft gesehen und mich an seinen Anblick gewöhnt. Aber irgendetwas in mir klammerte sich an diese trostlose Existenz, wollte noch nicht den Löffel abgeben.

    Sterben oder aufhören?

    Die Überlegung lautete: Weitermachen wie bisher und in ein paar Monaten ins Gras beißen oder aufhören und ein neues Leben beginnen? Die Fragestellung klingt einfach, die Lösung und der lange Marsch bis zu diesem Punkt sind für einen Hardcore-Alkoholiker allerdings beschwerlich. Ich wusste, was mich erwartet: Abstinenz – also nie mehr auch nur ein einziger Tropfen Alkohol –, lausig bezahlte Jobs in Call Centern und Paketdiensten, Misstrauen von Freunden und Familie, denn ich hatte ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen viel zu oft enttäuscht.

    Je länger ich über diese trüben Zukunftsaussichten nachdachte, desto eher war ich geneigt, im Anschluss an den Klinikaufenthalt in mein altes Muster zurückzufallen. Die Ärzte haben Unsinn erzählt, wollten dir bloß Angst einjagen, ging es mir durch den Kopf. Als ich zehn Tage danach wieder in meinem kleinen Apartment saß, das ich ein paar Wochen zuvor angemietet hatte, war ich immer noch unentschlossen, in welche der beiden Richtungen ich gehen wollte. Obwohl mir die Monotonie meines Säuferlebens, das jenseits der Unterhaltungen im Raucherzimmer keine weitere Abwechslung kannte, mittlerweile selbst zum Hals raushing, stand ich kurz davor, mir im Supermarkt eine Pulle Doppelkorn zu besorgen, um der Langeweile durch Flucht in den Rausch zu entkommen.

    Aus einem Bauchgefühl heraus besuchte ich am selben Abend ein Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die hatten mich schon so oft aufgefordert, mal bei ihnen vorbeizuschauen, aber nie hatte ich ihrer Einladung Folge geleistet. Ich erzählte meine Geschichte, versuchte, mich kurz zu fassen, quatschte eine halbe Stunde ohne Unterlass. Alle hörten aufmerksam zu, niemand unterbrach mich. Der Versammlungsleiter bedankte sich für meine offenen Worte, die anderen sprachen mir Mut zu: »Trink 24 Stunden nichts und komm morgen Abend wieder zu uns. Du packst das!«

    Als ich mich an diesem Tag um Mitternacht ins Bett legte und tatsächlich keinen Tropfen angerührt hatte, wusste ich plötzlich, dass ich es schaffen werde. Das Vertrauen der anderen in meine Stärke gab mir Kraft. Die Überredungskünste des Alkohols fielen zum ersten Mal seit früher Jugend nicht mehr auf den stets feuchten Resonanzboden meiner labilen Psyche. Mit dem guten Gefühl, dass der Dämon besiegbar ist, schlief ich ein.

    Im Unterschied zu Horst-Rüdiger hatte ich allerdings Dutzende Stunden mit Psychologen und zwei Reha-Aufenthalte hinter mich gebracht, war mir des Irrsinns meines Tuns also schon längere Zeit bewusst und benötigte dennoch weitere vier Jahre, bis ich den Stoppschalter betätigte. Im ersten Monat absolvierte ich das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker: jeden Abend eine Gruppe besuchen. Danach war das Schlimmste überstanden, und ich änderte meine Frequenz in einmal pro Woche ab.

    Unser Kumpel Rolf, der mit Abstand Klügste und Belesenste von uns, dem Ursachen, Auslöser, Hochrisikofaktoren allesamt klar waren, benutzte seine Intelligenz dazu, den Ärzten Fehler bei der Behandlung und den Psychologinnen Inkompetenz bei der Analyse nachzuweisen. »Warum tust du das?«, fragte ich. »Weil sie alle keine Ahnung haben«, antwortete er. »Aber du hast Ahnung?«, hakte ich nach. »Auf jeden Fall mehr als die Quacksalber hier.« – »Und warum stoppst du dann nicht? Du bist ja öfter in der Klinik als ich.« – »Weil ich jetzt noch keine Lust dazu habe. Ich höre dann auf, wenn ich den Zeitpunkt für den richtigen halte. Das kann ich aber alleine. Dafür benötige ich keinen von den Kurpfuschern.«

    Drei Monate später und nach schiefgegangenen Experimenten mit Desinfektionsmittel oral und Wodkatampons anal saß Rolf sabbernd im Rollstuhl. Im Jahr darauf beerdigten wir ihn in einem anonymen Urnengrab, weil sein geschwächter Körper nach dem Trinken einer Pulle Mariacron auf Antabus endgültig alle Viere von sich gestreckt hatte.

    3 Bauteile für den Erfolg

    Wir haben in diesem Kapitel gelernt – der geheimnisvolle Schalter besteht aus drei Bauteilen:
    (1) Kosten-Nutzen-Analyse.
    (2) Den Moment, in dem sich die Ausgangstür öffnet, erkennen und beherzt durchschreiten.
    (3) Willens sein, den Alkohol aus sämtlichen Lebensbereichen (am Ende war das 24/7) zu entfernen, in denen wir ihn bisher eingesetzt haben.

    Etappenziel 5: Sie wissen nun, dass Gott nicht würfelt, sondern eine Menge Vorarbeit notwendig ist, um zu Ihrem persönlichen Aha-Erlebnis zu gelangen. Sobald der richtige Moment naht, muss er konsequent genutzt werden. Ob Sie jemals eine zweite Chance für den Ausstieg erhalten, ist sehr ungewiss.
    +++

    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550

  • Doppeldiagnose

    Doppeldiagnose

    »Ich darf nicht mehr raus.«
    »Weshalb? Du gehst doch jeden Tag für uns einkaufen, Miriam.«
    »Sie lassen mich nicht mehr vor die Tür, Henning.«
    »Das ist ärgerlich. Du warst die Einzige, der sie den Spaziergang erlaubt haben. Wer soll nun Zigaretten und Schokolade besorgen? Die Pfleger werden das nicht für uns tun. Da haben die bestimmt keinen Bock drauf.«
    Miriam begann zu weinen.
    »Was hast du denn ausgefressen?«
    »Nichts!«

    »Für ‚Nichts’ bekommst du keine Ausgangssperre. Du hast dich ja immer korrekt verhalten. Warst pünktlich zurück. Hast nicht versucht, Alkohol rein zu schmuggeln. Irgendwas muss passiert sein, dass sie jetzt so streng mit dir sind.«
    »Ich bin beim Wiegen unter vierzig Kilo gefallen.«
    »Scheiße. Wusste ich nicht. Sorry.«
    »Die Ärzte haben gesagt, dass ich dieses Mal nur ins Freie darf, wenn ich mich bemühe, zuzunehmen. Das klappt aber einfach nicht.« Miriam sah verzweifelt aus.
    »Und das, obwohl du doppelt so viel isst wie ich.«
    »Henning, du weißt, warum das so ist!«
    »Ja ja, ich hör’s ja oft genug aus dem Nachbarzimmer.«

    Trotz Astronautennahrung unter 40 Kilo

    Miriam war eine superdünne Mitdreißigerin mit leicht schwäbischem Akzent, die es vor einiger Zeit berufsbedingt in unsere Gegend verschlagen hatte. Hübsches Gesicht, dunkle Haare. Sie musste früher gut ausgesehen haben. Rolf erzählte, dass sich die Typen bis vor ein paar Jahren nach ihr umgedreht und hinterher gepfiffen hatten. Von ihrem einstigen Glanz war heute nur noch wenig zu sehen. Die Krankheit forderte ihren Tribut; ließ sie ausgemergelt – mitunter sogar knochig – erscheinen.

    An guten Tagen war sie fröhlich, um dann über Nacht in Depressionen zu verfallen, die sie zwangen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Dort saß sie dann stundenlang und starrte an die Wand. Es war in solchen Momenten schwer, ihr zu helfen, weil sie sich komplett einkapselte und niemanden an sich heranließ. Hin und wieder spielten wir abends zusammen Mühle oder Dame. Gar nicht meins. Ich tat es, weil es sie ablenkte. Der Spaß dauerte ohnehin nur eine Stunde, weil Miriam dann ermüdete.

    Jetzt hatte sie also – trotz hoch kalorienreicher Astronautennahrung und doppelter Portionen – die Grenze von vierzig Kilo unterschritten. Dem medizinischen Personal war das Risiko, dass Miriam mit einem Kreislaufkollaps draußen auf der Straße zusammenklappte, nun zu groß geworden. Aus Sicht der Ärzte war dieses Verbot vernünftig; für sie hingegen bedeutete es eine mittlere Katastrophe. Sie kam nun nicht mehr an die frische Luft. Miriam war seit sechs Wochen in der geschlossenen Abteilung. Die ersten Tage dienten der körperlichen Entgiftung. Danach war vorgesehen, sie langsam aufzupäppeln und in die Nähe der Fünfzigkilomarke heranzuführen. Anstatt zu- nahm sie jedoch immer mehr ab. Es war ein Trauerspiel.

    Doppeldiagnose = 2-faches Leid

    Abendessen. 18.15.:
    »Ich habe noch drei Scheiben Wurst übrig. Möchte die jemand haben?«
    »Ja ich, Henning.«
    »Nimm dir ruhig auch noch das restliche Brot, Miriam.«
    »Hat sonst noch jemand was übriggelassen?« Miriam blickte forschend durch den Speisesaal.
    »Du kannst aber essen. Sieht man dir gar nicht an, Mädel. Wo lässt du das bloß alles?« Ein Neuer, den ich heute Morgen zum ersten Mal gesehen hatte, wollte seinen Senf dazugeben.
    »Ist schon alles okay. Kümmere dich um deinen eigenen Teller«, sagte ich zu ihm.

    Miriam verschwand mit einem vollgepackten Tablett in ihrem Raum. Sie schlief als einzige alleine. Wir anderen waren entweder in Doppel- oder in Dreierzimmern untergebracht. Ich legte mich kurz aufs Bett, um in Ruhe den Sportteil der Zeitung zu studieren. Von nebenan hörte ich es wieder: ein Würgen, Schluchzen, das Klatschen von Nahrung in die Kloschüssel. Miriam kotzte sich die Seele aus dem Leib. Diese grauenhafte Prozedur fand dreimal täglich statt. Immer zwanzig Minuten nach den Mahlzeiten. Miriam jagte sich zwei Flaschen Mineralwasser als Gleitmittel hinein, steckte zwei Finger in den Hals und los ging es. Anfangs dachte ich noch: Schade um das gute Essen. Bis ich die Tragweite ihres Krankheitsbildes begriff: Alkohol gepaart mit Bulimie. Rolf bezeichnete das als Komorbidität. Er war ein kluger Kopf. Würde schon stimmen, wenn er das sagte. Ich nannte es einfach: Doppeldiagnose.

    Vorher eine Runde Intensivstation

    Miriam flog öfter als Rolf, René oder ich hier ein. Und das wollte schon was heißen. Zumeist knapp unter vier Promille. Wenn’s mehr war, musste sie vorher eine Runde in der Intensivstation drehen. So lauteten die Regeln der Klinik. Galten für uns alle. Wenngleich bei ihr eine Flasche Wein dieselbe Wirkung hervorrief wie bei uns anderen eine Pulle Wodka. Mit vierzig Kilo verträgst du ja so gut wie nichts, ging es mir durch den Kopf. Kein Wunder, dass Miriam alle zweiundsiebzig Stunden hier aufkreuzte. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, hatten die Ärzte dieses Mal auf einen mehrwöchigen Einweisungsbeschluss gedrungen. So blieb sie zwar trocken, verlor aber trotzdem weiterhin an Gewicht.

    Verlegung in eine andere Klinik

    Am nächsten Morgen. 10.25.:
    »Ich muss fort, Henning.«
    »Wohin?«
    »In eine andere Klinik.«
    »Können sie hier nichts mehr für dich tun?«
    »Ich wog vorhin nur noch neununddreißig. Da hat der Oberarzt gesagt, dass sich nun Spezialisten um mich kümmern werden.«
    »Ist wahrscheinlich vernünftig.«
    »Ich habe Angst.« Miriams Mundwinkel zuckten.
    »Musst du doch nicht haben.« Ich berührte sachte ihr rechtes Handgelenk.
    »Ich will nicht sterben.«
    »Warum solltest du das tun? Du bist noch jung.«
    »Es ist das erste Mal, dass sie mich woandershin überweisen. Sonst durfte ich immer nach Hause. «
    »Und warst nach spätestens vier Tagen wieder hier. Kann verstehen, dass die Ärzte nun einen neuen Weg einschlagen wollen. Du musst echt zunehmen. Wenn’s in dieser Station nicht funktioniert, dann eben in einer Spezialklinik
    »Bringst du mich noch bis zur Tür, Henning?«
    »Klar.«

    Wir umarmten uns kurz, dann begleiteten zwei Pfleger Miriam auf den Parkplatz zum dort bereits wartenden Krankentaxi.

    »Dann bleibt für uns ja ab sofort genug zu essen übrig, Jetzt, wo dieses gefräßige Huhn weg ist«, grinste der Neue, der unsere Abschiedsszene beobachtet hatte.
    »Halt dein blödes Maul«, erwiderte ich.

    Trauriges Finale

    Geschlossene Abteilung; zwei Monate später:
    »Hast du was von Miriam gehört, Rolf? Habe sie seit Juni nicht mehr gesehen.«
    »Du weiß das gar nicht?«
    »Nein, habe mich ausnahmsweise mal acht Wochen draußen gehalten. Ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann.«
    »Da sag‘ ste was, Henning. Miriam ist tot.«
    »WAS?«Ich blickte Rolf mit aufgerissenen Augen an.
    »Die konnten ihr in der anderen Klinik anscheinend auch nicht richtig helfen. Das Essen blieb nicht drin. Künstliche Ernährung funktioniert wohl nicht unbegrenzt. Sie magerte immer mehr ab und fiel irgendwann ins Koma. Bis dann die lebenswichtigen Organe versagten.«

    »Woher weißt du das?«
    »Hat mir Pfleger Martin erzählt. Und der hatte es wiederum vom Stationsarzt. Wird schon stimmen. Die Quelle ist zuverlässig.«
    »Tut mir leid um die Kleine. Ich konnte sie gut leiden«, sagte ich nachdenklich.
    »Mal schau’n, wen es als nächstes erwischt. Vielleicht einen von uns beiden, Henning.«
    »Tja, weiß man nicht. Ist halt ein riskantes Spiel, das wir hier alle betreiben.«

    An diesem Abend verspürte ich keinen Appetit und ließ mein Essen unangerührt in die Küche zurückgehen.

  • Der nicht endende Kreuzzug gegens Rauchen oder …

    Der nicht endende Kreuzzug gegens Rauchen oder …

    Als Boomer habe ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend in rauchgeschwängerter Umgebung verbracht. Mutter und Tanten (Vater und Onkels komischerweise nicht) qualmten, die halbe Jahrgangsstufe griff ab Klasse 10 zu Marlboro & Camel, nach Kneipen-/Bar-/Diskothekenbesuchen stank ich am nächsten Morgen wie ein verpennter Aschenbecher auf 2 Beinen, geschätzt 90 Prozent meiner Freundinnen & Kurzzeitbekannten steckte sich nach getanem Sex eine Zigarette in den Mund. So viel zu den goldenen 80-ern, die nicht nur mit hervorragender Musik brillierten, sondern in denen auch ungehindert 24/7 auf Lunge gequarzt wurde. Mich hat es damals nicht gestört; vermutlich, weil ich seit Geburt so konditioniert worden war und es nicht anders kannte.

    Die ersten Maßnahmen waren vernünftig

    Als um die Jahrtausendwende herum der Kreuzzug gegen den Tabak begann, fand ich die daraus abgeleiteten Maßnahmen okay: Preise rauf, keine TV-Spots mehr mit einsamen Cowboys, Ekelbilder & Warnhinweise auf die Packungen. Eine durchaus segensreiche Bestimmung stellte das Rauchverbot in Gaststätten dar. Endlich Spaghetti carbonara, Chicken tikka masala und nen Pulled Pork Burger genießen, ohne dass das Paar am Nachbartisch einen volldampfte. Dass Büros und geschlossene öffentliche Räume ebenfalls zu rauchfreien Zonen erklärt wurden = vernünftig. Weshalb man das Verbot zusätzlich auf Kneipen & Clubs ausweitete, habe ich hingegen nicht verstanden. Muss ja niemand ne Disko besuchen, wenn es ihm dort wegen der rauchenden Gäste nicht gefällt. Er (m/w/d) kann ja stattdessen zum Tanztee der Anonymen Nikotinabhängigen gehen oder alternativ nen eigenen Club aufmachen. Aber hey – weshalb selbst aktiv werden, wenn man den anderen mittels Verbot die Freude am Feiern verderben kann? Mir war’s, auch wenn ich mich über die kneipenschädigende Aktion anfangs wunderte, aber egal, weil ich meine Diskothekenphase schon hinter mich gebracht hatte.

    Weitere Einschränkungen, um (angeblich) unsere Kinder zu schützen

    Nun wurde gestern, pünktlich zum Weltnichtrauchertag, publik, dass die französische Regierung weitere Verschärfungen auf den Weg bringt. So soll ab diesem Sommer das Rauchen im Freien weitgehend eingeschränkt werden. Vorbei ist es dann mit der Zigarette an Bushaltestellen, am Strand, in Parkanlagen und im xy-Meter-Umkreis von Schulen. Begründet wird dies mit dem Recht auf saubere Luft im Allgemeinen und dem Schutz von Kindern im Speziellen:

    (Wir werden) dafür sorgen, dass die Kinder, die 2025 geboren werden, die erste rauchfreie Generation sind.
    © Frankreichs Gesundheitsministerin Catherine Vautrin (Quelle: tagesschau.de)

    Nun wäre das ja erst mal ein französisches Phänomen, das uns Deutsche nichts angeht. So wie niemand gezwungen wird, ein nikotingeschwängertes Lokal aufzusuchen, muss ja auch keiner Urlaub an der Côte d’Azur machen, wenn ihm die dort geltenden strikten Anti-Rauchgesetze missfallen. Wir könnten also schulterzuckend sagen, sollen sich die Franzosen selbst mit ihrer Tabakparanoia rumschlagen, wir hier in Deutschland haben aktuell ganz andere Sorgen; z.B. wer wird der nächste Trainer vom Effzeh? Jedoch wären wir Deutsche keine richtigen Deutschen, wenn wir 1 neues Verbot nicht zumindest für prüfenswert erachteten. Schon werden erste Stimmen laut, die nouvelle méthode française auch zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg zu erproben, evtl. vom Umfang her noch auszuweiten.

    Wozu das Ganze?

    Deshalb wollen wir die Trainersuche des Effzeh heute außen vorlassen (wenngleich ein superspannendes Thema) und stattdessen die Begründungen fürs verschärfte Rauchverbot unter die Lupe nehmen:

    (A) Den Konsumenten vor sich selbst behüten
    Grundsätzlich ein hehres Anliegen, aber: wo anfangen, wo aufhören? Heroin, Oxys, Meth & Koks gelten ohnehin als pfui. Alkohol, Cannabis und (noch) Nikotin sind hingegen okay. Besteht für Erwachsene nicht generell das Recht auf Selbstschädigung (inkl. harte Drogen)? Falls nein -> was ist mit hochkalorischen Gerichten à la Kingsize Whopper & KFC Family Box und überzuckerten Softdrinks? Wer schützt uns vor Haribo und Langnese? Welches Gesetz verhindert, dass sich die stark adipöse Nachbarin beim nächsten Straßenfest eine Überdosis Kartoffelsalat reinpfeift?

    Der Schutz des Rauchers vor sich selbst überzeugt kaum, bzw. reicht nicht, um weitere Erschwernisse des Konsums zu rechtfertigen.

    (B) Um Dritte zu schützen
    Schon besser, denn das Recht auf Genuss endet dort, wo andere in Mitleidenschaft, iSv. Gesundheit wird gefährdet, gezogen werden. Das gilt besonders für Kinder & Jugendliche als stark vulnerable Gruppen.

    Jedoch, Hand aufs Herz: kennt jemand irgendeinen, der an Passivrauchen verstorben ist? Also ICH kenne niemanden, und ich kenne mittlerweile echt ne Menge Personen, die an irgendwas gestorben sind (auch an Lungenkrebs; aber die waren halt alle STARKE Raucher gewesen). Gibt’s (verlässliche) Zahlen zu den Folgen des Passivkonsums? Wie viele Menschen segnen deshalb vorschnell das Zeitliche? Sind es mehr als bei alkoholbedingten Verkehrsunfällen?

    Tabakqualm mag für manche Nichtraucher eklig sein – d’accord. Aber dann reicht es völlig, Zigaretten aus Restaurants, Büros & öffentlichen Verkehrsmitteln zu verbannen. Für alle anderen Orte gilt: niemand muss hingehen, wenn es ihm dort nicht gefällt. Ich bspw. besuche ungerne Rummelplätze & Freizeitparks, weil ich mich an diesen Orten eingeschlossen wie ne Sardine in der Dose fühle. Ich käme jedoch im Traum nicht auf die Idee, eine Besucherobergrenze zu fordern oder gar über mögliche negative Konsequenzen für meine seelische Verfassung zu lamentieren.

    Gefahren, denen man sich nicht zwanghaft aussetzen muss, vermeidet man dadurch, indem man sich ihnen nicht aussetzt.
    © Ratschlag meiner Großmutter väterlicherseits

    Aber die KINDER!!!, werfen Sie ein? Was ist mit den KINDERN? Die müssen UNBEDINGT & ÜBERALL vor den Rauchern geschützt werden.

    Gegenfrage: Welches Gesetz schützt unsere Kinder vor dem allergefährlichsten Ort, nämlich den eigenen 4 Wänden, wo Lucky-Strike-Papi und Marlboro-light-Mami täglich ungeniert dem eigenen Nachwuchs die Hucke vollqualmen? Was ist mit dem Partykeller, in dem die hübsche Nachbarstochter unseren Sohn erst in die Geheimnisse des Zungenkusses einweiht, bevor sie ihn mit Lambrusco und Tabak bekannt macht? Wer reguliert den Konsum auf Klassenfahrten und in Jugendherbergen?

    Man kann natürlich versuchen, jede potenzielle Gefahr fürs eigene Kind zu minimieren oder qua Gesetz verbieten zu lassen, wird aber irgendwann resigniert feststellen, dass das dauerhaft nicht funktioniert, oder, wie eine Bekannte das mal ausdrückte: Willkommen in der Welt der Helikoptereltern!

    Exkurs ‚Alkohol‘

    Was den Kreuzzug gegen den Tabak jedoch in den Augen eines Abstinenzlers zusätzlich absurd macht, das ist die Ungleichbehandlung von Alkohol (Volkskiller Nummer 1) und Nikotin.

    Alk gibt’s alle 50m zu kaufen, der Stoff ist superbillig, es darf dafür geworben werden, straffrei konsumieren kann man 24/7 nahezu überall. Und mir jetzt nicht mit dem Argument kommen, der Trinker schädigt „nur“ sich selbst. Nein, der Trinker riskiert ebenfalls grob fahrlässig die Gesundheit von Dritten. Z.B. durch alkoholbedingte Gewalt & Verkehrsunfälle. Von den Co-Abhängigen, die psychisch in Mitleidenschaft gezogen werden, ganz zu schweigen.

    Das führt zur Frage: Warum geht der Gesetzgeber nicht mit derselben Konsequenz gegen Alkohol vor, wie er es seit Jahrzehnten mit harten Drogen und neuerdings Nikotin praktiziert?

    (Meine) Antworten:
     Die Tabakindustrie ist mittlerweile als Feindbild sicher etabliert -> weitere Verschärfungen sind einfach durchzusetzen. Würde man dasselbe auch nur ansatzweise mit Alkohol versuchen (z.B. Ausdünnung der Verkaufsstellen) – der Aufschrei wäre riesig
     Wie bei jedem Kreuzzug kennt der Kreuzzügler keine Gnade. Der Kreuzzug ist erst dann beendet, sobald der Feind (in diesem Fall: die Tabakindustrie) tot am Boden liegt und die Konsumenten entweder auf andere Stoffe (bspw. Schokolade) umsteigen oder sich ihre tägliche Dosis Nikotin beim Vorort-Dealer um die Ecke besorgen müssen
     Die Lust der Politik an Verboten, v.a. wenn es um Genuss & Spaß geht.

    Aber das Recht auf SAUBERE Luft – was ist damit, wollen Sie noch von mir wissen?
    Sagen Sie das mal meinen Nachbarn links & rechts; die grillen seit Frühlingsbeginn 3x/Woche, und bei mir im Wohnzimmer sammeln sich dann Schwaden von Billigwurst- & Gammelfleischgeruch unter der Decke.

    Was ich dagegen tue?
    Ich schließe die Fenster (wenn’s ganz schlimm wird, schnüffele ich am Raumbefeuchter, Duftmarke: Orange-Eukalyptus).

    PS. Ich bin seit Geburt Nichtraucher

  • Aufbruch aus der Einsamkeit

    Aufbruch aus der Einsamkeit

    Um mir die Zeit in der Geschlossenen jenseits von Kreuzworträtseln und Studium der Beipackzettel der diversen Medikamente, die man dort schlucken muss, einigermaßen sinnvoll zu vertreiben, habe ich mich abends an Tagebucheinträgen und (ganz kurzen) Kurzgeschichten versucht. Hier ist 1 aus den Nuller-Jahren:
    +++

    Was wissen Sie schon von Einsamkeit? Vielleicht kennen Sie das Gefühl vorübergehenden Alleinseins. Wenn Ihr Partner ausnahmsweise mal zwei Stunden später als üblich aus dem Büro zurückkehrt, und Sie deshalb nervös werden. Sie sich zwischen Job, Einkauf und Einladung zum Abendessen ein paar Minuten an der Bushaltestelle langweilen, weil Ihnen niemand eine SMS schickt. Aber Einsamkeit? Mutterseelenalleine sein. Keiner spricht Sie an. Die Menschen machen einen weiten Bogen um Sie. Niemand vermisst dich. Einigen wäre es sogar lieb, du würdest nie mehr auftauchen. Am besten für alle wäre es, du legtest dich unbemerkt zum Sterben hin und ließest dich anonym verscharren. DAS ist Einsamkeit! Und wissen Sie was: es hat mich nicht gejuckt. Ich habe den Zustand gesucht und eine Zeit lang sogar genossen.

    Als die Mütter mit ihren Kindern die Straßenseite wechselten, sobald sie mich erblickten, korpulente Omas sich zuriefen: „Wie sieht der denn aus?“, und kläffende Köter an mein Bein pinkelten, kamen mir jedoch erste Zweifel, ob das Leben im Park dauerhaft was für mich war.

    Rolf redet wie immer zu viel

    Eine Woche später …. Entzugsklinik … Station 63A, genannt: Die Geschlossene.
    „Kommst du langsam wieder zu dir, Henning?“
    „Jap.“
    „Sahst ganz schön ramponiert aus, als sie dich vor zwei Tagen eingeliefert haben.“
    „Ich bin selber hierher marschiert.“
    „Ach so; ich dachte, weil …“
    „Du denkst zu viel, Rolf.“
    „Bist anscheinend noch nicht so gut drauf, Henning. Kein Wunder bei deiner Promillezahl vorgestern.“
    „Rolf, was willst du von mir?“
    „Nichts.“
    „Hervorragend.“

    Tags darauf im Essenssaal.
    „Du isst wie ein Scheunendrescher, Henning.“
    „Ja.“
    „Wohl lange keine feste Nahrung zu dir genommen.“
    „Stimmt.“
    „Mitteilsam bist du nicht gerade.“
    „Habe mir das Quatschen im Park abgewöhnt, Rolf.“
    „Gar keine Unterhaltungen mehr?“
    „Doch.“
    „Mit wem?“
    „Mit einem fiktiven Gesprächspartner, den ich mir in meiner Fantasie zusammengebastelt habe.“
    „Du musst dringend zur Psychologin.“
    „Schon einen Termin vereinbart. Die sieht echt gut aus auf dieser Station.“
    „Soll ich dich begleiten?“
    „Kümmere dich um dich selbst.“

    Dann bin ich halt ein Misanthrop. Na und?

    Wiederum eine Woche später … Aufenthaltsraum
    „Schaust gut erholt aus, Henning.“
    „Danke.“
    „Was wirst du tun, wenn du morgen rauskommst?“
    „Keine Ahnung … irgendwas.“
    „Du weißt heute Abend nicht, was du morgen tun wirst?“
    „Genau.“
    „Ich verstehe deine Nonchalance einfach nicht.“
    „Brauchst du doch auch gar nicht.“
    „Du kennst den Begriff Misanthrop?“
    „Mal gehört.“
    „Ja oder nein.“
    „Okay, also: nein.“
    „Das ist ein Menschenfeind.“
    „Was hat das mit mir zu tun?“
    „DU bist ein typischer Misanthrop!!“
    „Ich bin ein Menschenfeind: warum?“
    „Weil du mit niemandem klarkommst. Immerzu alleine sein möchtest.“
    „Na und. Deshalb hasse ich doch die Menschen nicht.“
    „Tust du doch. Du willst es dir nur nicht eingestehen … ich als dein Freund bemühe mich seit Tagen, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen. Und du gibst mir einsilbige, manchmal sogar leicht aggressive Antworten. Das ist nicht normal.“

    „Ich habe keine Freunde mehr, Rolf.“
    „Ich dachte, ich bin …“
    „Da liegt der Hund begraben, Rolf: Du denkst zu viel.“
    „Auch wenn ich deiner Ansicht nach kein Freund für dich bin – was mich verletzt –, so sage ich dir von Patient zu Patient: du bist ein Misanthrop.“
    „Von mir aus. Dann bin ich eben einer.“
    „Das macht dir nichts aus?“
    „Um ehrlich zu sein: wenig.“
    „Dir ist nicht zu helfen, Henning.“

    In den 70-ern waren wir alle jung, und der Effzeh spielte um die Meisterschaft

    „Na, ihr beiden Klugscheißer, was macht die Kunst?“ Karl-Heinz gesellte sich zu uns. 60 Jahre, schwul wie Liberace, Minimum 200 Entzüge auf dem Buckel.
    „Ich gehe jetzt lieber, bevor es zu sehr ins Triviale abrutscht.“ Rolf verschwand in seinem Zimmer.
    „Wie der dich immer volllabert, Henning.“
    „Da sagst du was.“
    „Der Effzeh hat drei Mal hintereinander verloren.“
    „So oft? Scheiße! … in diesem Laden bekommt man von der Außenwelt nichts mit.“
    „Ist halt nicht mehr der Club, der er in den 70-er und 80-ern war.“
    „Das waren glorreiche Zeiten.“ Ich seufzte.
    „Da waren wir beide noch jung und knackig.“
    „Du bestimmt mehr als ich, Kalle.“
    „Danke fürs Kompliment … wobei ich deinen Arsch ganz geil finde. Darf ich den anfassen?“
    „Komm mir nicht zu nah!“
    „War ein Scherz, Henning. Weiß, dass du chronischer Hetero bist und vor neuen Erfahrungen Angst hast.“
    „Dann ist’s ja okay.“
    „Und ausprobieren willst du es auch nicht?“
    „Nein! … frag Rolf.“
    „Da lebe ich lieber im Zölibat.“

    „Hast du gute Songs auf deinem MP3-Player?“
    „Willst du hören?“
    Paranoid von Black Sabbath … super!“
    “Hast einen ähnlichen Geschmack wie ich, Henning.”
    „Aber nur bei Musik.“

    Am späten Abend bei der Blutdruckmessung.
    „Mit dem unterhältst du dich stundenlang. Mich blockst du hingegen ab.“
    „Bildest du dir ein, Rolf.“
    „Hältst du mich für blöde?“
    „Nein … bloß für eine Spur zu empfindlich.“
    „Weißt du mittlerweile, was du mit dem morgigen Tag anfangen wirst?“
    „Um ehrlich zu sein: noch nicht zu hundert Prozent.“
    „Wie kann ein intelligenter Mann nicht wissen, was morgen sein wird? Ich kapiere dich nicht.“
    „Ich verstehe mich selbst nicht.“
    „Diese simple Feststellung reicht dir als Erklärung für dein Verhalten aus?“
    „Im Moment: ja.“

    Vielleicht ist Adaption ne Idee

    Als ich gegen Mitternacht im Bett lag und dem asynchronen Schnarchen meiner beiden Zimmernachbarn lauschte, überlegte ich, ob ich mal wieder bei meinen Eltern anklopfen sollte. Hatte sie länger nicht gesehen. Ich verwarf den Gedanken. Mutter würde sich zwar freuen, mich nach vielen Monaten Abwesenheit in die Arme zu schließen; sich jedoch – sobald ich ihr Haus verließ – neue Sorgen machen. Mein Vater war geübt darin, meinen Lebenswandel zu tadeln. Auf ein eventuelles Treffen mit meiner Schwester, die mich am liebsten jahrelang in eine geschlossene Einrichtung einsperren lassen würde, verspürte ich Null Bock. Also war Plan A ‚Familie besuchen‘ schnell ad acta gelegt. Lila stellte immer eine Option dar. Sie würde mich allerdings im Pilzrausch heftig beschimpfen, worauf ich aktuell keine Lust hatte. Blieb als Alternative C der Park. Der Spätherbst stand vor der Tür, und die Nächte wurden ungemütlich kalt. Ich merkte, dass mein unstetes Herumtreiben mich langsam selbst nervte. Vielleicht sollte ich morgen das Angebot des Sozialarbeiters annehmen und mich für das Adaptionsprogramm bewerben. Er hatte diese Möglichkeit beiläufig erwähnt und es meinem freien Entschluss überlassen, ob ich daran teilnehmen wollte. „Falls ja, dann pushe ich Sie … falls nein: dann ist es auch okay … jeder von uns muss seinen eigenen Weg gehen“, hatte er gestern gesagt. Ich vertraute ihm, weil er kein übler Moralapostel war, sondern mich wie einen Gleichgestellten behandelte. Ich würde die Entscheidung spontan morgen nach dem Frühstück treffen. So wie es meine Art war.

    Die Phase der selbst gewählten Einsamkeit, die mir eine Zeit lang sehr gut gefallen hatte, ging unweigerlich ihrem Ende entgegen. Das spürte ich, und mit diesem Gedanken schlief ich ein.