Schlagwort: Alkohol

  • Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Die Adventszeit ist angebrochen. Wir besuchen Weihnachtsmärkte, am liebsten drei pro Woche, trinken dort, sobald die Dunkelheit anbricht, was in dieser Jahreszeit Gottseidank früh geschieht, zum Aufwärmen einen Glühwein, am nächsten Stand einen Met aus Bio-Produktion, machen weiter mit einem Piccolo, bevor wir am Ende nochmal zum Glühwein zurückkehren. Mit einem wohlig warmen Gefühl in der Magengegend und in beschwingter Stimmung setzen wir uns, wenn wir klug sind, danach in die Straßenbahn oder doch lieber ans Steuer unseres japanischen SUVs; denn was soll uns in einer solchen Monsterkarre schon groß passieren? Und den Weg zurück nach Hause finden wir auch leicht angesäuselt. Soviel war’s ja schließlich gar nicht, und das meiste ist eh schon wieder verflogen. Nächste Woche steht die alljährliche Weihnachtsparty im Betrieb auf dem Kalender, auf der wir uns auf Kosten des Chefs alle mal wieder ordentlich volllaufen lassen können. Sobald wir den Megakater auskuriert haben, was je nach Promillespiegel bis zu 48 Stunden dauern kann, freuen wir uns auf Heiligabend mitsamt den ihn einrahmenden Champagner-, Rotwein- und Irischer-Whiskey-aus-Handmanufaktur-Flaschen. An den Feiertagen geht es munter weiter, Silvester ohne Schampus brauchen wir gar nicht erst zu feiern. Dezember = Stresstest für Leber und Neurotransmitter in Groß- und Kleinhirn.

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1

    Alkohol ist die bei weitem gefährlichste Droge im westlichen Kulturraum. Gefährlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Keine andere psychotrope Substanz fordert mehr Menschenleben. Jährlich gehen zigtausend Abhängige aufgrund von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säuferjagdgründe ein. Und genauso wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Alkoholeinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden. Um von all den, sich in psychologischer Behandlung befindenden, Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps bloß den Trinker selbst schädigen, ist ein frommes Märchen, das wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen, die jedem das Recht auf Selbstschädigung zugestehen, stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, um den exzessiven Konsum zumindest partiell einzudämmen.

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Folgen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht so langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake news. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt. „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-DeNiro-Filmen speisen, „Zwischen 1919 und 33 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt: allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um dreißig bis fünfzig Prozent. Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht wieder auf einem anderem Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    Ein halbes Dutzend Maßnahmen reichen aus

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Topposition im Ranking der globalen Trinkernationen und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung. Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:
    (a) Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei definitiv uns zu billig)
    (b) Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    (c) Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmelswillen hat Wodka in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    (d) keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    (e) konsumfreie Räume (z.B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    (f) Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem zweiten Weihnachtsmarkt-Rumpunsch).

    Würde, unter der Voraussetzung, alle sechs oben genannten Instrumente gelangen zur Anwendung, zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. „So einfach ginge das?“, fragen Sie? „Ja, so einfach geht das“, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkohol-Spots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburgertrinkern und den oben genannten Pseudoliberalen auch niemand.

    Und nochmal: es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Grundbedürfnis nach Rausch bleibt unangetastet

    Das Grundbedürfnis nach Rausch bleibt selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es wird nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Und eine Weihnachtsfeier mit Obstsaft-Cocktails und Softdrinks ist durchaus denkbar. Ich mach’s seit knapp zehn Jahren und bin froh, wenn ich am nächsten Morgen mit klarem Kopf aufwache und mich erinnere, dass ich der hübschen Kollegin aus der Exportabteilung zu vorgerückter Stunde keine sexistischen Witze erzählt und dem Chef nicht mit schwerer Zunge endlich mal die Meinung gegeigt habe. Von anderen Weihnachtsfeierpeinlichkeiten à la mit blankem Arsch auf den Kopierer ganz zu schweigen.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne, möglichst alkoholarme, Adventszeit.

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung

  • Mal wieder auf der Intensiv

    Mal wieder auf der Intensiv

    aus der Serie: Gesoffen wird immer

    Ein besonders trauriges Kapitel im Säuferleben stellen die Aufenthalte auf der Intensivstation dar. In die wird man immer dann gelegt, sobald der gemessene Promillegehalt die magische Zahl 4 überschreitet. Und zwar aus dem Grund heraus, weil für 80% der Menschen ab diesem Level akute Lebensgefahr – z.B. Organversagen – besteht. Für den geübten Trinker zwar nicht; aber das ist den Ärzten egal. Sie verfrachten uns trotzdem dorthin. Vermutlich auch aus einem erzieherischen Aspekt heraus, weil sie glauben, wer einmal eine Nacht fixiert auf der Intensiv verbracht hat, wird danach für immer dem Alkohol abschwören. Da irren sie sich allerdings gewaltig. Davon aber später. Erstmal will ich eine kleine Geschichte erzählen:

    Mal wieder auf der Intensiv

    Schläuche, überall Schläuche. Ich weiß, wo ich bin. Zwar nicht Ort und Zeit; aber den Raum erkenne ich sofort: eine verschissene Intensivstation. Stockdunkel, zweihundert LED-Lämpchen blinken nervös, ein Dutzend Apparate fiepen entsetzlich. Vermutlich mitten in der Nacht.

    Mein Schädel dröhnt, das Herz rast wie bei einem nicht enden wollenden 400-Meter-Lauf. Ich würde mich am liebsten übergeben. Den ganzen Dreck in einem Schwall auskotzen, mich sofort besser fühlen, aufstehen und nach Hause gehen. Das klappt nicht. Ich spüre noch nicht einmal das allergeringste Würgegefühl. Mann, ist mir elend zumute. Wie lange habe ich durchgesoffen: eine Woche, vierzehn Tage? Am Anfang war es Bier, danach Wodka und Doppelkorn. Zwischendurch mal ein Joint mit Tina. Süßer Qualm, der mich zum Husten reizt und Durchfall verursacht. Wo ist Tina überhaupt abgeblieben: liegt sie im Bett neben mir? Ich kann meinen Kopf nicht bewegen, um nachzuschauen. Alles dreht sich, wirbelt bunt durcheinander. Völlig egal. Tina ist ein zähes Mädchen. Die wird’s schon selbst packen; braucht keinen Aufpasser. Wir saufen manchmal zusammen, knutschen und fummeln ein bisschen und dann geht jeder von uns seiner Wege. Ist völlig autark, die Gute. Entwickelt sich nie zur nervenden Klette. Deshalb mag ich sie. Den Rest hat mir der Jägermeister gegeben. Widerliches Zeug. Die vierzig Kräuter sind es, die einen umhauen.

    Wie mag ich hierher gekommen sein: liegend oder zu Fuß? Hin und wieder schaffe ich es ja, mich bis ins nächste Krankenhaus zu schleppen. Ich kann mich an nichts erinnern. Kompletter Filmriss. Jetzt erstmal alles wurscht: Ich habe Durst, entsetzlichen Durst. Wo ist die gottverdammte Krankenschwester? Wollen sie mich hier heute Nacht einsam sterben lassen? Irgendwo muss der Alarmknopf sein. Normalerweise hinter mir. Ob ich es packe, Kopf und Arm in die Höhe zu hieven? Ich bin so platt, als ob mich ein Zehntonner überfahren hätte. Links schwillt irgendwas an. Die blöde Blutdruckmanschette. Ich hasse dieses Teil. Warntöne erklingen. Das ist gut, brauche ich nicht mehr nach dem dämlichen Schalter zu suchen. Ein Pfleger hastet herein, schaut auf das Messgerät: »170 zu 100. Puls 160 … Sind Sie endlich wach?«

    »Ja.«
    »Wie geht es Ihnen?«
    »Scheiße.«
    »Kann ich mir vorstellen.«
    »Kriege ich was?«
    »Was denn?«
    »Pillen.«
    »Nein, noch nicht.«
    »Was soll das heißen: noch nicht?«
    »Sie haben zu viele Promille. Frühestens in acht Stunden.«
    »Wollen Sie mich verarschen? Dann bringen Sie mir eine Pulle Wodka.«
    »Sie scheinen ein Spaßvogel zu sein. Das mag ich an euch Alkoholikern: Ihr seid immer zum Scherzen aufgelegt.«
    »Sehe ich aus, wie jemand, der einen Clown spielen will? Ich krepiere gleich, wenn Sie mir kein Valium bringen.«
    »So schnell sterben Sie nicht. Keine Sorge. Sind ja mit über fünf Promille zu Fuß hier reinmarschiert.«
    »Und dann?«
    »Haben Sie sich vor der Rezeption auf den Teppich gelegt.«
    »Oh weh.«
    »Ist Ihnen das peinlich?«
    »Nein. Völlig scheißegal. Ich will nur Tabletten gegen den Entzug haben. Alles andere interessiert mich nicht.«
    »Hat der Arzt nicht verordnet. Tut mir leid.«
    »Dann rufen Sie ihn. Schnell!«
    »Der schläft und will sicher nicht wegen zwei Pillen geweckt werden. Gedulden Sie sich ein paar Stunden und trinken Sie in der Zwischenzeit viel Wasser. Das reinigt den Körper.«
    »Ja ja. Schon gut. Hab’s verstanden.«

    Der bullige Kerl verschwindet im Dunkel des Korridors und lässt mich alleine zurück.

    Ich fühle mich entsetzlich. Der Schweiß bricht mir aus und läuft in dicken Bahnen vom Hals über die Brust bis zum Bauchnabel. Das Herz pumpt wie bei einem Triathlon. Mein Nervensystem ist derart gereizt, dass ich ein Wasserglas in der Hand zerspringen lassen würde. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man in die Hölle einfährt. Haben sie mich fixiert? Ich bewege vorsichtig Hände und Füße. Nein. Das ist sehr erfreulich. Im Zeitlupentempo stemme ich meinen Kopf nach oben. Ich habe noch Jeans und T-Shirt an. Und trage nicht das entwürdigende blaue Hemdchen. Sehr gut. Weiß der Himmel, weshalb sie mich nicht umgezogen haben. Mir soll es recht sein. Irgendjemand schnarcht im Nachbarbett. Ob das Tina ist? Nein, das Grunzen klingt männlich. Sie wartet wahrscheinlich draußen auf mich. Ich beginne, mich zu entstöpseln und die Schläuche rauszureißen. Kleine Blutfontänen spritzen. Alles halb so wild. Wird in einigen Minuten wieder aufhören. Mache ich ja schließlich nicht zum ersten Mal. Gleich werden Alarmglocken schrillen. Dann will ich aber schon auf dem Fußboden stehen und nicht mehr auf der Matratze liegen. Meine rechte Seite schmerzt höllisch. Ob ich da drauf gefallen bin? Fühlt sich an wie eine Mischung aus Schlag mit einem Baseballknüppel und Mega-Hexenschuss. Egal, ich muss raus aus diesem Bett.

    Die Sirenen heulen auf. Der Pfleger kommt erneut herein gespurtet.

    »Was tun Sie da, um Gottes Willen?«
    »Seh’n Sie doch. Ich verabschiede mich.«
    »Das können Sie nicht tun.«
    »Aber sicher doch. Mir geht’s schon wieder ausgezeichnet.«
    »Ohne Arzt lasse ich Sie nicht raus.«
    »Ich denke, der pennt. … Dann wecken Sie ihn. Sonst bin ich durch die Tür.«
    »Warten Sie bitte.«

    Er sprintet nach links. Ich zähle bis zehn und wanke nach rechts. Die Türen sind alle geöffnet. Glück gehabt: kein Hochsicherheitstrakt. So schlimm kann es nicht gewesen sein. Sonst hätten sie mich angebunden. Ich kenne das Spiel zur Genüge. In diesem Krankenhaus war ich schon mal. Eine Treppe runter, dann geradeaus, nach links und nun ohne Aufsehen durchs Foyer. Irgendjemand schreit, ich schaue nicht nach hinten. Ich bin im Freien. Niemand hat mich angehalten. Sehr gut! Jetzt rasch weg vom Gelände. Die rufen sofort die Polizei, wenn einer stiften geht. Ich stehe in verdreckter Jeans und kurzärmligen Shirt auf dem Parkplatz. Über und über mit Blut besudelt. Barfuß. Mist, habe die Schuhe in der Eile vergessen. Nicht mehr zu ändern. Stecken Kanülen im Handrücken? Daran erkennen sie einen nämlich schnell. Nein, alles oben schon abgerissen. Was für ein Glück, dass sie keinen Harnkatheter gesetzt hatten. Den hätte ich selber nicht entfernen können. Ich humpele fort in Richtung Fluss. Vom Ufer aus kann ich mich schlafwandlerisch orientieren.

    In meiner Hosentasche entdecke ich einen zerknüllten Zwanziger. Was für ein unglaubliches Schwein ich habe. Das sind locker fünf Bier und drei Flachmänner an der Nachttanke. Der Abend ist gerettet. Die Vorfreude auf den Alkohol vertreibt die schlimmsten Schmerzen. Mich fröstelt. Mitte Januar wird es abends ohne Jacke und Schuhe verdammt kalt. Besser frei und frieren als warm in Gefangenschaft. Ich beschleunige meine Schritte. Ich schiebe den Schein in den Schlitz und der Kassierer legt im Gegenzug Hansa-Pils und Billigfusel in die Metallklappe. Den ersten Nullzweier leere ich neben Zapfsäule 4. Binnen Sekunden durchströmt ein wohliges Wärmegefühl meinen Körper. Ausgehend vom Magen flutet es in die Adern und erreicht meine überreizten Synapsen im Gehirn. Das Zittern stoppt. Die Finger gehorchen wieder meinem Willen. Ich kippe zwei Dosen hinterher und spare mir den Rest für den langen Weg auf. Sind schätzungsweise drei Kilometer bis zu Tinas Wohnung quer durch den dunklen Park. Ob sie sich freut, mich wiederzusehen? Ich werde ihr einen Flachmann als Geschenk mitbringen. Und morgen: Wie soll es dann weitergehen? Egal, morgen ist morgen. Was soll ich mir jetzt den Kopf über die Zukunft zerbrechen? In einer Stunde werde ich auf Tinas Sofa liegen, zusammen mit ihr saufen und eine Runde vögeln.

    Ich werde auf einmal müde und setze mich auf eine Bank. Die Lider klappen runter. Bloß nicht im Freien einpennen, schwirrt es durch meinen Schädel: »Du wirst bei diesen Temperaturen erfrieren.« Letztlich alles egal. Irgendwann geht es eben zu Ende. Keine Party dauert ewig. Ich kippe seitlich weg ins feuchte Gras. In fünf Sekunden schlafe ich ein. Scheiße, nicht mehr bis zu Tina geschafft. Ob sie mich suchen und rechtzeitig finden werden? Mir wird schwarz vor Augen.

    Der Säufer gewöhnt sich im Verlauf seiner Trinkerkarriere an vieles, so auch an die Intensiv. Rund ein Drittel meiner klinischen Entzüge begann ich mit dem Umweg über diese Station. Die Aufenthaltsdauer dort schwankte zwischen einer Nacht, 24 Stunden bis hin zu drei Tagen. Festgebunden ans Bettgestell, Notdurftpfanne unter dem Hintern, gefüttert werden wie ein 100jähriger: Es gibt schönere Plätze als den Vorhof ins Jenseits. Und trotzdem schreckte mich die Aussicht auf diesen schauderhaften Ort nicht davon ab, weiter zu konsumieren und beim nächsten Absturz eventuell ein weiteres Mal hier aufzuwachen. Ich kam erst dann ins Grübeln, als mir die Ärzte glaubhaft versicherten, dass …*

    * davon berichte ich in der nächsten Kolumne (ja ja, ist ein fieser Cliffhanger)

  • Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Die USA werden im Moment von einem Opium-Tsunami (NZZ, 6. Juni 2017) überflutet. Die Auslöser für die beängstigende Zunahme auf der anderen Seite des Atlantiks sind vielfältig: von (legalen) Schmerzmitteln zu Heroin und Crack gewechselt, Synthetisierung des Stoffs, Verdrängungs- und Preiswettbewerb der Anbieter, Internet als neuer Verkaufskanal, Flucht in den Rauschzustand, um dem Elend des Alltags zu entkommen. Donald Trump hat deshalb vor einigen Tagen die akute Drogenkrise zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. „2016 sind 64.000 Amerikaner an einer Überdosis gestorben; das sind mehr, als im Vietnam- und in den beiden Irak-Kriegen zusammen gefallen sind“ (FAZ vom 10. Nov. 2017). In den Vereinigten Staaten reift langsam die Erkenntnis, dass der 1972 vom damaligen Präsidenten Nixon ausgerufene War on Drugs mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu gewinnen ist. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum von Marihuana mittlerweile straffrei.

    Wie sieht die Lage in Deutschland aus? Bei uns oszillieren die Zahlen der Drogenopfer seit Jahren zwischen den Werten 1000 und 1300 (hierin circa 70% Opiatmissbrauch). Tote aufgrund Cannabiskonsums: 0. Zum Vergleich Alkohol in Kombination mit Tabak: 75.000 (hierin 30-50% durch Alkohol alleine), Tabak: 120.000. Die Anzahl der Alkoholkranken übersteigt die der Opiatabhängigen um ein Vielfaches.

    Drogenbeauftragte stellt sich taub

    Cannabis scheint also kein allzu großes Problem darzustellen, könnte man meinen. Dann lasst die Kiffer doch friedlich an ihren Joints nuckeln. Wozu muss die Polizei ausrücken, wenn es irgendwo leicht nach schwarzem Afghanen riecht? Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) stellt sich jedoch quer: „Es muss endlich Schluss sein mit der Lifestyle-getriebenen Legalisierungsdebatte, mit der die Gefahren des Kiffens permanent heruntergespielt werden … von keiner anderen Droge sind hierzulande so viele Menschen abhängig, keine andere füllt derart Suchtkliniken und Therapieeinrichtungen. Cannabis ist alles andere als ein harmloses Suchtmittel.“ (Tagesspiegel vom 18. Aug. 2017).

    Mit dieser Äußerung beweist Mortler, dass sie entweder noch nie eine Suchtklinik von innen gesehen hat oder gar mit falschen Angaben operiert. Denn die weit überwiegende Anzahl der Patienten in stationären Einrichtungen sind Alkoholiker. Mit (großem) Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatabhängigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten an.

    Wenn schon die nationale Drogenbeauftragte so spricht, verwundert es nicht, dass die Regierung weiterhin am restriktiven Kurs des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) von 1981 (Neubekanntmachung: 1994) festhält, in dem Erwerb, Besitz, Anbau und Handel von illegalen Substanzen verboten und strafbewehrt sind. Das BKA verzeichnete im vergangenen Jahr in seiner Statistik 300.000 registrierte Drogendelikte, darin häufig Pillepalle wie ein paar Krümel Hasch in der linken Hosentasche.

    Juristen machen Front gegen das verstaubte Gesetz

    Mittlerweile zweifeln allerdings immer mehr Experten die Wirksamkeit der Kriminalisierung von Konsum und Handel an und empfehlen eine Verlagerung vom strafrechtlichen in den medizinischen Bereich. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Schildower Kreis – einem informellen Zusammenschluss deutscher Strafrechtsprofessoren – zu, der in einer Resolution an die Abgeordneten des Bundestags im November 2013 ausführt:

    … zeigt sich weltweit die Erfolglosigkeit strafrechtlicher Bekämpfung von Drogennachfrage und -angebot

    Demgegenüber zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Gefährdungen durch bislang illegale Drogen ebenso wie solche durch Medikamente und Alkohol besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung … zu bewältigen wären.

    Die Strafrechtler fordern die Einsetzung einer Enquête-Kommission zum Thema Reformierung des BtMGs, auf die Mortler zuletzt im Oktober 2017 – nachdem bereits vier Jahre verstrichen waren – wie folgt reagierte: „Die Diskussion muss beendet werden, weil sie zur Verharmlosung des Drogenkonsums beiträgt. … Wir sagen: Es gibt so viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Konsumverbot von Cannabis, und es gibt so wenig einfache Lösungen, dass wir eine konzertierte Aktion im Sinne einer Enquête-Kommission brauchen, um einen Konsens herzustellen.“ (ZEIT-Online vom  28.10.17). Getan hat sich bisher jedoch Nullkommanichts. Drogenbeauftragte und Regierung spielen auf Zeit.

    In Heinrich Schmitz sehr lesenswertem Beitrag „Legalize it – Kiffen in Deutschland (Dez. 2015)“ gibt mein hochgeschätzter Mitkolumnist, der im realen Leben als Strafverteidiger seine Brötchen verdient, zu bedenken:

    Bei den Drogenkonsumenten ist der Begriff des Kriminellen allerdings völlig daneben. Insbesondere bei den Kiffern … könnte ich beim besten Willen nicht erklären, weshalb das Kriminelle sein sollten. Die tun ja keinem was und nehmen auch keinem was weg.

    Das Strafrecht dient dem Rechtsgüterschutz … aber welches Rechtsgut wird dadurch geschützt, dass man den Kiffern ihren Joint verbietet?

    Einfach irgendwas verbieten, weil es ihm Spaß macht, darf also auch der Gesetzgeber nicht.

    Hierzu das Bundesverfassungsgericht in seiner Cannabis-Entscheidung von 1994:

    Der Gesetzgeber verfolgt mit dem derzeit geltenden Betäubungsmittelgesetz ebenso wie mit dessen Vorläufern den Zweck, die menschliche Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Bevölkerung im Ganzen vor den von Betäubungsmitteln ausgehenden Gefahren zu schützen und die Bevölkerung, vor allem Jugendliche, vor Abhängigkeit von Betäubungsmitteln zu bewahren.

    Schmitz kontert:

    Aufgrund von Art. 2 GG steht es jedem Menschen frei, seine Gesundheit zu schädigen. Der Staat ist nicht Herr meiner Gesundheit.

    Entkriminalisierung: Pro & Contra

    Ich unterschreibe jeden seiner Sätze, will aber in dieser Kolumne noch einen Schritt weitergehen: wir müssen nicht nur Marihuana endlich legalisieren, sondern SÄMTLICHE (bisher als illegal deklarierten) Drogen entkriminalisieren. Es kann einfach nicht sein, dass ein aufgrund von in fahrlässiger Menge vom Hausarzt verschriebener Schmerzmittel im Lauf der Jahre opiatabhängig gewordener Mensch nun 24/7 mit einem Bein im Knast steht, bloß weil sein Körper ständig Nachschub verlangt. Weshalb muss ein Gelegenheitskonsument von Koks oder Ecstasy befürchten, hops genommen zu werden, wenn er mal 48 Stunden am Stück wachbleiben möchte? Welcher Dritte wird geschädigt, wenn sich ein Student einen Joint reinzieht? Warum will mich der Staat qua Strafandrohung vor den schädlichen Auswirkungen von THC und Opium schützen, während er das bei Alkohol und Tabak nicht tut? Weshalb stellt mein Konsum überhaupt ein strafrechtliches – und kein medizinisch-therapeutisches – Problem dar?

    Nach den negativen Erfahrungen, die die USA mit der (Alkohol-) Prohibition, die dort in den Jahren von 1919 bis 33 herrschte, gesammelt hatten, hätte man in Blickrichtung auf die kriminellen Konsequenzen, die Total-Verbote nach sich ziehen, eigentlich klüger werden müssen. Die im  Schildower Kreis organisierten Strafrechtsprofessoren stellen in diesem Zusammenhang fünf Kernthesen auf:

    (1) Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf: die überwiegende Zahl der Drogenkonsumenten lebt ein normales Leben. Selbst abhängige Konsumenten bleiben oftmals sozial integriert.
    (2) Der Zweck der Prohibition wird systematisch verfehlt: Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen … sie schreckt zwar einige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert gleichzeitig dramatisch die gesundheitlichen und sozialen Schäden für diejenigen, die nicht abstinent leben wollen. Selbst in totalitären Regimen und Strafanstalten kann Konsum nicht verhindert werden.
    (3) Die Prohibition ist schädlich für die Gesellschaft: sie fördert die organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt. Sie schränkt Bürgerrechte ein und korrumpiert den Rechtsstaat …
    (4) Die Prohibition ist unverhältnismäßig kostspielig: jedes Jahr werden Milliardenbeträge für die Strafverfolgung aufgewendet, welche sinnvoller für Prävention und Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden könnten. Der Staat verzichtet auf Steuereinnahmen, die er bei einem legalen Angebot hätte.
    (5) Die Prohibition ist schädlich für die Konsumenten: sie werden diskriminiert, strafrechtlich verfolgt und in kriminelle Karrieren getrieben … normales jugendliches Experimentierverhalten wird kriminalisiert und das Erlernen von Drogenmündigkeit erschwert.

    Die Befürworter der harten Gangart führen drei Hauptargumente gegen die Entkriminalisierung ins Feld:
    (A) Der Konsum von weichen Drogen führt unweigerlich in die Kokain- und Opiatabhängigkeit
    (B) Der heutige THC-Gehalt ist höher – und damit gesundheitsschädigender – als vor dreißig Jahren
    (C) Die Freigabe bedeutet eine Ausweitung des Konsums.

    zu:
    (A) ist ein Schauermärchen. Die Korrelation zwischen Marihuana und Opiaten liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Eher steigt man von Alkopops auf Wodka als von einem Joint auf Heroin um
    (B) trifft – v.a. bei Indoor-Produkten – zu; ist aber kein Grund, dem Käufer mit Strafe zu drohen. Er schädigt seine eigene Gesundheit; nicht die eines Dritten
    (C) die Erfahrungen in Ländern mit liberaler Drogenpolitik (z.B. Niederlande, Schweiz, Spanien, Portugal, Uruguay, einige US-Bundesstaaten) haben kein Ansteigen des Konsums – oder gar der krankhaften Abhängigkeit – aufgrund der Legalisierung gezeigt.

    Legalisierung: jetzt!

    Die Schildower gelangen deshalb zu dem Ergebnis: Menschen mit problematischem Suchtverhalten brauchen Hilfe. Die Strafverfolgung hat für sie und alle anderen nur negative Folgen … der Staat darf die Bürger durch die Drogenpolitik nicht schädigen.

    Es muss also darauf gehofft werden, dass die in den nächsten Wochen in Berlin zusammenfindende neue Koalition endlich Ernst macht mit der Ankündigung, das antiquierte BtMG einer dringenden Revision zu unterziehen und dabei als erste Sofortmaßnahme das Kiffen straffrei zu stellen, bevor in weiteren Schritten der Konsum sämtlicher Substanzen legalisiert wird. Runter vom strafrechtlichen Kopf auf die medizinisch-therapeutischen Füße, wo die, Gesundheit und Wohlbefinden des Einzelnen betreffenden Angelegenheiten definitiv besser aufgehoben sind als bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

    Das Schlusswort gebührt Heinrich Schmitz:

    Es ist höchste Zeit, dass dieses unsinnige und schädliche Gesetz in Rauch aufgeht.

    Dem ist von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

    Weiterführende Literatur:
    // Schildower Kreis: Resolution deutscher Strafrechtsprofessorinnen und -professoren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages (Nov. 2013)
    // Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Jahrbuch Sucht
    // Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht
    // UNODC: zahlreiche Untersuchungen. U.a. 100 years of drug control (2009)
    // WHO: u.a. zur Entkriminalisierung von harten Drogen, um HIV-Ansteckungen zu reduzieren (2014)

  • Wodka pur

    Wodka pur


    Illustration: Gabriele Prade
    Text: Henning Hirsch
    Basierend auf der Story: Am Stadtrand (in: Halbes Kilo Hackfleisch,
    85 Gedichte, von: Henning Hirsch, 2016)
    +++

    | Am Stadtrand
    Ich kannte Manu aus der Therapiegruppe die jeden Donnerstag
    im Westflügel der Klinik stattfand eine zierliche Person
    mit lebhaften Augen die jeden Satz
    mit einem Lachen beendete obwohl ich damals
    nicht so super drauf war denn ich verbrachte
    meine 15te oder 20ste Entgiftung in dem Laden
    ließ ich mich gerne
    von ihrer guten Laune anstecken sie sei seit sechs Monaten Abstinenzlerin
    das Nicht-Trinken eröffne ihr völlig neue Perspektiven
    und ein positives Lebensgefühl erzählte sie
    Rolf und ich gähnten denn diese Stories
    hatten wir schon tausend Mal

    gehört
    ich fragte Manu nach ihrer Telefonnummer
    und als ich nach drei Wochen endlich rauskam
    rief ich sie an
    bring Soave und Bier mit sagte sie
    vorsichtshalber packte ich am Bahnhofskiosk zusätzlich eine Flasche Wodka ein
    Manu wohnte weit draußen in einem Stadtteil
    den ich bisher nicht kannte Reihenhaus an Reihenhaus
    10qm-Vorgarten neben 10qm-Vorgarten Jägerzäune, Kiesbeete, Kirschlorbeer Hecken akkurat gestutzt
    ich wollte schon umkehren als Manu vom Balkon rief da bist du ja endlich komm hoch
    ich verdurste, empfing sie mich steckte ihre Zunge in meinen Mund zog mich in ihre Wohnung rein
    schenk mir ein Glas ein, randvoll

    Eis ist im Kühlschrank, sagte sie und verschwand im Bad
    ich trank eine Dose Bier um in Stimmung zu geraten Manu kam zurück: nackt
    trug nur noch ihre oberschenkelhohen Stiefel
    das gefiel mir
    wir vögelten ein paar Stunden in einem Riesenbett
    und ich vermutete
    dass ich an diesem Tag nicht der erste war der darin lag
    zwischendurch tankten wir und erzählten uns belanglose Klinikgeschichten Manu warf Pillen ein
    willst du welche?
    nein danke; der Wodka reicht sie wurde nun zügellos verlangte Sex ohne Atempause ich keuchte und ächzte schwitzte aus allen Poren
    mein Unterleib schmerzte
    die Bandscheiben meldeten sich

    was ist los, fragte ich
    warum bekomme ich dich nicht befriedigt? gib mir den Wein!
    sie leerte die halbe Flasche in einem Schluck und jetzt schlag mich
    was soll ich tun? mich schlagen
    ist das so schwer zu verstehen? egal wohin?
    auf die Augen, in den Bauch, auf den Mund völlig wurscht
    es muss wehtun das kann ich nicht
    wie: du kannst das nicht? jeder Mann kann das obwohl betrunken und müde begriff ich
    dass ich nicht der richtige Kerl war um Manu heute glücklich zu machen ich stand auf
    und suchte meine Klamotten zusammen was tust du?
    ich gehe
    es ist Mitten in der Nacht bin nicht ängstlich

    scher dich zum Teufel du Schlappschwanz
    wenn ich geahnt hätte, was für eine Nullnummer du bist
    wärst du hier nie reingekommen
    in der Küche standen noch zwei Dosen Bier die nahm ich als Proviant mit
    denn der Weg zurück war lang
    und um diese Uhrzeit fuhren weder Busse noch Bahnen
    vielleicht entdeckte ich ein Nachtlokal wo ich ein paar Kurze kippen konnte aber so viel Glück hat man selten.