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  • Wenn Angst nach Härte verlangt

    Wenn Angst nach Härte verlangt

    Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

    Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
    © Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

    Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

    Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
    Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

    Die eigene Wohnung.
    Der eigene Lebensstandard.
    Das „Eigene“ überhaupt.

    Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

    Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

    Besitz ohne Boden

    Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

    Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
    ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

    Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

    Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

    Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
    Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

    Das zeigt sich konkret:

    • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
    • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
    • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

    Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

    Härte als Antwort auf Kontrollverlust

    Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
    Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

    Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

    Sinngemäß formuliert sie:
    Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

    Das lässt sich derzeit überall beobachten:

    • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
    • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
    • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

    Härte wird so zur Ersatzhandlung.
    Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

    Oder anders gesagt:
    Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

    Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

    Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
    (c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

    Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

    Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

    Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
    Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
    Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

    Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
    dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

    Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
    Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

    • in Verfahren,
    • in Zuständigkeiten
    • in das  bewusste Wegsehen.

    Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

    Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

    Affekte: Die Moral der Gekränkten

    Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

    Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

    • das Gefühl, zu kurz zu kommen
    • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
    • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

    Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
    Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

    Oder schärfer:
    Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

    Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

    Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

    Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

    Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
    die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

    Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

    Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
    Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

    Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

    Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

    Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
    Sondern dass es etwas verschiebt.

    Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

    • die Schärfe in Migrationsfragen
    • die Aggression in Klimadebatten
    • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

    All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

    Und dieses Muster hat einen Kern:
    den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

    Was nach der Lektüre bleibt

    „Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
    Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

    Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
    möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

    Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
    Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
    und gerade deshalb nicht damit aufhört.

    Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
    Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
    Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

    Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

    Es liefert keine fertige Theorie.
    Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
    +++

    Eva von Redecker
    Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
    S. Fischer Verlage
    272 Seiten (Print)
    Erschienen: März 2026
    ISBN: 978-3103977240
    +++

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  • Wer hat Angst vorm Älterwerden?

    Wer hat Angst vorm Älterwerden?

    Seit einiger Zeit fragt mich DIE ZEIT in Facebook täglich Haben Sie Angst vorm Älterwerden? und überschreibt das mit „die große Umfrage“. Als ich den Link gestern endlich anklickte, rieb ich mir verwundert die Augen, denn ich entdeckte genau 3 Fragen:

    (1) Haben Sie Angst vorm Älterwerden?
    (2) Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?
    (3) Was würden Sie im Alter gerne tun?

    Viele Fragen sind das ja nicht bzw. große Umfrage ist eigentlich was anderes, dachte ich und machte mich dann daran, das Ganze nach bestem Wissen zu beantworten. An dieser Stelle will ich, damit der Leser der Kolumne meine Antworten besser einsortieren kann, erwähnen, dass ich vor einigen Wochen meinen 61sten Geburtstag feierte. Wer des Rechnens mächtig ist, kommt bei mir also unschwer auf den März als Geburtsmonat und 1962 als Geburtsjahr. Hohe Zeit der Boomer und Jahr, in dem u.a. die Kubakrise und die Unabhängigkeit Algeriens stattfanden, der Minirock gelangte aufs Cover der Vogue, die Beatles starteten mit „Love me do“ ihre Weltkarriere, Andy Warhol stellte Tomatensuppendosen in Los Angeles aus, während ein paar Blocks entfernt Marilyn Monroe ihren letzten Seufzer tat. Verdammt lang her, sagen Sie? Ja, das ist verdammt lang her.

    Aber nun der Reihe nach zu den o.g. 3 Fragen:

    Haben Sie Angst vorm Älterwerden?

    DIE ZEIT gibt die Antwortmöglichkeiten direkt vor: ja, manchmal, nein, ich weiß nicht. Das ist praktisch denke ich, und dann denke ich, was zur Hölle bedeutet „ich weiß nicht“. Also entweder habe ich Angst oder nicht. Wie kann man/frau denn nicht wissen, ob man (manchmal) Angst hat? Ist das schon ein Hinweis auf frühzeitig einsetzende Verkalkung, die heute anders bezeichnet wird? Wie genau, weiß ich nicht, aber Verkalkung sagt man heute auf jeden Fall nicht mehr. Ist vermutlich politisch unkorrekt u/o zu wenig sensibel, wenn man das sagt. Ich wiederum stelle bei mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, eine galoppierende Tendenz zu zunehmender Vergesslichkeit fest, was ich aber in Blickrichtung auf die dämlichen Kommentare, die unter meinen Kolumnen stehen, mittlerweile als Geschenk ansehe. Ich les die und habe 5 Minuten später schon wieder vergessen, was da an Gemeinheit drinstand, was mir erspart, mich tagelang darüber ärgern zu müssen. Verkalkung – oder wie auch immer man das heute nennt – muss also nicht immer schlecht sein.

    Labern Sie nicht so viel rum, wie lautet Ihre Antwort auf die Frage, unterbrechen Sie mich an dieser Stelle? Danke für den Hinweis, hätte ich beinahe vergessen. Meine Antwort lautet: Ich kann’s eh nicht ändern, also habe ich davor auch keine Angst. Das ständige Älterwerden fuckt mich zwar hin und wieder ordentlich ab – z.B. wenn ich morgens in den Badezimmerspiegel schaue und mich über das Bild erschrecke, das ich da sehe bzw. denke, das kannst unmöglich du sein –; aber das ist nicht dasselbe, wie Angst haben.

    Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?

    Auch hier sind die Antwortmöglichkeiten praktischerweise vorgegeben: Einsamkeit, Ungewissheit, Gesundheitszustand, Finanzielle Situation, Etwas anderes, Gar nichts.

    Streng genommen dürfte, wenn ich bei (1) „keine Angst“ anklicke, Frage (2) gar nicht mehr erscheinen. Aber geschenkt, es ist eine Umfrage in Facebook, da braucht man es mit Meinungsforschungslogik nicht allzu genau zu nehmen. Wenn wir jetzt mal so tun, als hätte ich oben „(ein bisschen) Angst“ angekreuzt, dann würden für mich prozentual zutreffen:

    (a) Einsamkeit: 0 (bin froh, wenn ich meine Ruhe habe)
    (b) Ungewissheit: 0 (wenn 1 nun mal ungewiss ist, dann ist es die Zukunft)
    (c) Gesundheitszustand: 20 (bloß kein langes Siechtum. Möge mich, wenn es irgendwann soweit ist, ein schneller Tod ereilen)
    (d) finanzielle Situation: 20 (meine Hin-und-wieder-Sorge = die Inflation wird die schmale Altersrente auffressen und ich muss, um mich finanziell über Wasser zu halten, bis ans Lebensende Kolumnen, die pro Zeile abgerechnet werden, schreiben).

    Bei „etwas anderes“ könnte ich hinzufügen: ich werde alsbald nicht mehr in der Lage sein, mit all den technischen Neuerungen Schritt zu halten und benötige dann Hilfe beim Bedienen meines, das komplette Leben überwachenden, Handys oder muss den ADAC anrufen, weil ich nicht weiß, wie ich mein selbstfahrendes Auto starte. Und – meine absolute Horrorvision, seitdem ich in den 80ern „Terminator“ gesehen habe – ich sorge mich ab und an davor, dass die Maschinen intelligenter als wir Menschen werden und die Kontrolle übernehmen. Speziell bei meinem Smartphone bin ich mir oft unsicher, wer von uns beiden nun der Schlauere ist, und so Sachen wie Alexa & Co. kommen mir eh nicht ins Haus. Falls irgendwann mal sämtliche technische Expertise bei mir den Bach runtergeht und sie mir deshalb alle Geräte wegnehmen, damit ich keinen Unsinn mehr anstelle, wär’s auch nicht weiter dramatisch. Dann wäre endlich Ruhe mit Facebook und WhatsApp.

    Vor anderen Entwicklungen, vor denen sich manche Boomer sorgen, sorge ich mich nicht. Bspw. die nervige Genderei oder die aus dem Ruder laufende Sensitivität einiger Bevölkerungskreise, die schon Amok laufen, wenn man in einem Text Zigeunersoße schreibt. Ich halte das für temporäre Zeitgeisterscheinungen. Wird sich beides nicht durchsetzen, weil die breite Masse es ablehnt, und deshalb irgendwann totlaufen. Und falls es sich wider Erwarten doch nicht totläuft, werde zumindest ich tot sein, bevor es sich flächendeckend ausbreitet. Hauptsache, auf meinem Grabstein wird nichts gegendert. Alles andere ist mir wurscht.

    Was würden Sie im Alter gerne tun?

    Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten lauten:
     Reisen oder Ausflüge machen
     Studieren oder eine Ausbildung machen
     Kochen, Gartenarbeit oder Handwerk
     Kreativ tätig sein
     Lesen
     Etwas anderes
     Ich weiß nicht.

    Wer unternimmt nicht gerne Reisen und Ausflüge? Bis auf chronische Stubenhocker tut das eigentlich jeder. Wenngleich ich bei mir mit zunehmendem Alter die Tendenz feststelle, dass mich Fernreisen zu exotischen Zielen nicht mehr groß reizen, sondern 10 Tage Lago Maggiore im Sommer, 1 Woche Skifahren im Winter und zwischendurch ein 48-Stunden-Trip nach Amsterdam den Ich-muss-mal-raus-aus-meiner-gewohnten-Umgebung-Zweck genauso gut erfüllen. Studieren oder eine Ausbildung machen, möchte ich ü65 auf gar KEINEN Fall. Kochen, Gartenarbeit und Handwerk sind jetzt alle 3 eher nicht so mein Ding. Bin froh, dass ich ne Mikrowelle und nen Balkon statt Garten habe. „Kreativ tätig sein“ ist ein weites Feld. Ob regelmäßig Kolumnen-tippen da rein fällt, weiß ich nicht. Manchmal träume ich davon, im Alter einen Roman zu Papier zu bringen. Also einen Roman, der auch veröffentlicht wird und nicht nur meiner Selbstbeschäftigung dient. Aber so ein Projekt setzt einerseits ne Geschichte, die es wert ist, auf ein paar hundert Seiten erzählt zu werden und andererseits ne Menge Sitzfleisch voraus. Schau’n wir mal, ob mir dazu im alsbald beginnenden Rentenalter was Gescheites einfällt. Falls nein, dann bleibt mir ja immer noch die oben vorgeschlagene Option „Lesen“. Gibt circa 5000 spannende Bücher, die ich noch nie gelesen habe und weitere 500 Bücher, die ich ein zweites Mal lesen möchte. Ob ich die alle bis zu meiner Grablege schaffen werde, bezweifele ich jedoch.

    Bei „etwas anderes“ könnte ich noch hinzufügen: Die Frau fürs Leben(sende) finden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die finde, taxiere ich auf unter 10 Prozent -> Singles sterben einsam.

    Resümee

    Die Befragung ist zwar vom Grundsatz her richtig – unsere Bevölkerung vergreist ja immer mehr –, verbleibt aber viel zu sehr im Oberflächlichen. Natürlich haben einige von uns Boomern Angst vorm Älterwerden; jedoch dürfte es sich hierbei nicht um eine generelle „große“ Angst, sondern vielmehr um einen Flickenteppich kleinerer Ängste handeln. Aus meiner Beobachtung heraus stehen folgende 3 Sorgen im Vordergrund:
    (A) ich bin Single -> wie lange werde ich gesundheitlich in der Lage sein, mich um mich selbst zu kümmern?
    (B) sobald ich mich nicht mehr um mich kümmern kann -> wer tut es alternativ bzw. muss ich dann in ein 4-Bettzimmer in ein Altersheim?
    (C) kann ich irgendwann selbstbestimmt auf den Stoppschalter drücken, oder befinde ich mich am Ende hilflos in den Händen von Ärzten, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen?

    Mit 61 lag man im 19ten Jhrd. oft schon 1 (oder 2) Meter tief unter der Erde. Als mein Großvater 1978 seinen 80sten Geburtstag im großen Rahmen feierte, sprach er von einem biblischen Alter, das nicht vielen vergönnt sei. Heute, wo wir alle Minimum 90 werden wollen, jedoch mit 70 kaum noch in der Lage sind, ohne Atemgerät 2 Treppen hochzulaufen und mehr künstliche Gelenke als normale Knochen im Körper haben, stellt sich zudem Frage (D): Wie sollen Gesundheits- und Pflegekosten für die partout nicht sterben wollenden Senioren auf Dauer bezahlt werden? Ich habe da kein gutes Gefühl, wenn ich mir die Form der deutschen Bevölkerungspyramide anschaue. Das wird, vor dem Hintergrund der chronisch wenig Geburten in unserem Land, nicht ewig funktionieren. Glücklich sind diejenigen, die Familien haben, die sich im Alter um sie kümmern werden.

    Ich persönlich schwanke deshalb für meine ü70-Phase zwischen 3 Lösungsmöglichkeiten:
    (1) ich pendele zwischen den Gästezimmern meiner 3 Kinder und kümmere mich im Gegenzug darum, dass die Enkel lesen & schreiben lernen (und sich v.a. sportlich betätigen)
    (2) Einzug in eine Alters-WG mit früheren Schulkumpels (m/w/d)
    (3) ich besorge mir 1 Flasche guten Whisky, lege Musik auf (z.B. was von den alten Genesis; also vor Phil Collins), trinke die Pulle in Ruhe aus und jage mir im Anschluss 1 Kugel durch den Kopf (diese Variante wäre volkswirtschaftlich gesehen die vernünftigste).

    Was ich aber ü70 auf gar KEINEN Fall mehr tun werde = Kolumnen tippen.

    PS. dass es der ZEIT primär darum geht, mich in ein Abo reinzuziehen, habe ich schon verstanden. Ganz so senil, wie einige es nach dem Lesen dieses Textes wahrscheinlich vermuten, bin ich ja mit 61 nun noch nicht.
    PPS. während ich diese Kolumne schrieb, verschwand die Umfrage plötzlich wie von Geisterhand ferngesteuert von meinem Monitor und jetzt finde ich sie leider nicht mehr wieder = die ersten Anzeichen sind also schon da, dass 61-jährige mit der Technik ab und an heillos überfordert sind.
    PPPS. 3 Stunden später ist die Umfrage wieder da, und ich kann weiter oben im Text endlich den Link setzen. Wo auch immer die zwischenzeitlich abgeblieben war. Gut, dass man solche Dinge im Alter gelassener sieht und den Laptop nicht in spontaner Wut voreilig aus dem Fenster schmeißt.

  • Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Wer hat Angst vorm Terrorismus?

    Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und auch einige der so genannten seriösen Medien versuchen uns in den letzten Tagen eindringlich klar zu machen: wir müssen uns nicht so doll fürchten vor den Terroristen. Es wird uns, also jedem einzelnen von uns, schon nichts passieren. Wir, also Sie, liebe Leser ganz persönlich, müssen wirklich keine Angst haben, bei einem Terroranschlag zu sterben, genauso wenig wie der Autor dieser Zeilen.

    Dazu werden Statistiken über Todesursachen bemüht und Wahrscheinlichkeiten für bestimmte schlimme Todesszenarien berechnet. In der letzten Kolumne hatten wir gesehen, dass die Berechnung solcher Wahrscheinlichkeiten im Falle von Terrorangriffen derzeit schlicht unmöglich ist. Aber sei es drum.

    Die spannende Frage ist ja eigentlich: Wer muss denn hier überhaupt beruhigt werden?

    Haben Sie Angst vor Terror?

    Wenn ich so durch die Straßen  gehe, begegne ich eigentlich nirgends Menschen, die besonders ängstlich wirken. Niemand blickt sich argwöhnisch um im Einkaufszentrum, keiner versucht ängstlich, Menschenansammlungen zu vermeiden. Alle sitzen gelassen in den Cafés, plaudern friedlich mit den Verkäufern auf dem Markt.

    Auch im vertrauten privaten Gespräch hat mir noch niemand seine Angst vor dem Terror gestanden. Dass jemand mit verzweifelt zitternden Händen, schweißnasser Stirn und zitternder Stimme flüstern würde, er habe große Angst, von einen Terroristen umgebracht zu werden – nein, das ist mir noch nicht passiert.

    Die seriösen Medien geben natürlich nichts auf meine anekdotischen Erfahrungen. Sie schicken die Meinungsforscher los, damit ihnen eine repräsentative Stichprobe von Alltagsmenschen ihre Ängste mitteilen. Meinungsforscher sind allerdings keine Psychologen, die in geduldigen Sitzungen die Ängste ihrer Interviewpartner ausloten. Sie haben statt dessen Fragebögen, auf denen man ankreuzen kann, ob man einer Aussage zustimmt oder nicht oder es nicht weiß.

    Was fragen also die Meinungsforscher? Geben Sie mal in eine Suchmaschine Ihrer Wahl „Umfrage Terror“ ein. Ignorieren Sie die skandalisierenden Überschriften, versuchen Sie statt dessen, im Text herauszufinden, was in den Umfragen wirklich gefragt wurde. Sei werden sehen, das ist gar nicht so einfach. Insgesamt ergibt sich das folgende Bild. Gefragt wird zumeist, ob man der Meinung ist oder fürchtet, dass die Terrorgefahr oder die Zahl der Terroranschläge in Deutschland oder in Europa in nächster Zeit zunehmen wird.

    Wenig überraschend antworten die meisten Menschen da mit „Ja“.

    Finden Sie irgend eine Umfrage, in der auch nur gefragt würde, ob jemand Angst habe, selbst Opfer eines Terroranschlags zu werden? Wenn ja, her mit dem Link!

    Schon die Berichte über die jeweilige Umfrage lesen sich dann aber ganz anders: Da wird dann mal eben gesagt, die Angst vor dem Terrorismus würde wachsen. Das ist, wenn man den Umfrageergebnissen traut, nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.

    Dann kommen die Aufklärer

    Nun kommen die Experten ins Spiel, die klugen Aufklärer der Tagesschau und die Professoren der Soziologie und der Psychologie. Sie sagen uns: Leute, ihr braucht keine Angst haben. Ihr werdet nicht bei einem Terrorangriff sterben!

    Darüber wieder berichten dann auch alle diese großen seriösen Zeitungen und Rundfunkanstalten, und man denkt sich: Mensch, wenn die alle so gleichzeitig beruhigend auf das Volk einreden, all diese klugen Leute, dann muss die Angst in der Bevölkerung ja wirklich groß sein. Man fragt sich plötzlich: Warum habe ich eigentlich keine Angst? Müsste ich mich nicht auch fürchten, wenn es offenbar alle tun?

    (Wenn dann der nächste Meinungsforscher kommt, dann wissen Sie auch schon, was Sie, wenn Sie normal sein wollen, auf die Fragen zur Terrorismusangst antworten müssen. Wobei: haben Sie keine Angst, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meinungsforscher gerade Sie befragt, ist sehr gering…)

    Sorge vor einer Zunahme von Terroranschlägen, das bedeutet nicht, dass man sich selbst in Todesangst befindet, nicht mal, dass man angst davor hat, bei einem Anschlag selbst verletzt zu werden. Es heißt einfach, dass man sich Sorgen macht, dass der Terrorismus hierzulande zukünftig eine größere Rolle spielt. Sich sorgen, das heißt auch, dass man bereit ist, dafür zu sorgen, mit dieser Gefahr umzugehen. Sorgen ist erst mal nichts Schlechtes.

    Deshalb sollte man solche Sorgen auch nicht zu Angst oder gar Panik hochschreiben und -reden, damit man dann, ganz besorgter Staat, die Sorgen wieder kleinreden kann – oder dem Bürger verspricht, durch diese und jene Maßnahmen dafür zu sorgen, dass uns nichts passiert.

    Sicher, das wollen diese Medien, die derzeit so eifrig versichern, dass wir keine Angst haben müssen, auch nicht. Sie sorgen sich nur um Einschaltquoten und Auflagezahlen. Vielleicht haben sie sogar Angst, dass die zurückgehen. Mit einer Schlagzeile: „Bürger nehmen an, dass es mehr Terroranschläge geben wird“ kann man niemanden locken. Also muss eine Angst her, möglichst gar eine Panik. Und ein besorgter Experte der uns dann sagt, dass wir die Angst, die wir nicht haben, wirklich auch nicht haben müssen.