Schlagwort: Annegret Kramp-Karrenbauer

  • Der schlechte Witz

    Der schlechte Witz

    »Warum willst du am Mittwochabend veröffentlichen?«, fragt Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin mit strenger Stimme, als ich sie von meinem Plan in Kenntnis setze. »Dein fixes Datum ist der Montag.«
    »Weil ich was Aktuelles habe und sonst wieder vergesse. Und der Montag ist eh Scheiße, weil da kein Mensch Bock darauf hat, nen langen Text zu lesen. Meine Like-Zahlen sind seit Jahresbeginn ins Bodenlose abgestürzt«, antworte ich.
    »Du hattest den Montag akzeptiert«, sagt sie. »Allerdings bei was Aktuellem will ich EINE Ausnahme zulassen. Aber nur, wenn du versprichst, die Flucherei am Telefon sein zu lassen.«
    »Scheiße ja«, sage ich, »Ich versprech’s und danke.«

    Wussten Sie eigentlich, dass ein Kolumnist ein Viertel seiner Zeit in virtuellen Redaktionssitzungen verbringt? Nein? Dann wissen Sie es jetzt.

    Gibt’s überhaupt gute Witze?

    In den vergangenen Tagen gab’s drei Aufreger: Schalke verliert 0 zu 4 zu Hause gegen Düsseldorf und zweimal AKK. Da ich kein Gelsenkirchener bin, überspringe ich Schalke und komme gleich zu AKK. Bei dieser Dame, seit einigen Wochen frisch gekürte Vorsitzende der CDU, ging’s beide Male um schlechte Witze. Zu Beginn des Karnevals war sie Ziel eines Kalauers, auf dem Höhepunkt der närrischen Tage drehte sie den Spieß um und versendete schenkelklopfende Grüße an die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion.

    Über den Doppelnamen-Joke aus dem Munde Bernd Stelters will ich an dieser Stelle keine langen Worte verlieren (hatte ich ja bereits vorgestern in meiner Rosenmontagskolumne getan). Zu zahm das Ganze, zu viel künstliche Aufregung einer ostdeutschen Touristin über humoreske Pillepalle. Sobald Kramp-Karrenbauer-Gags nicht mehr zulässig sind, können wir den Sitzungskarnevalsbetrieb auch gleich ganz einstellen und uns stattdessen eine Folge „Der Landarzt“ im ZDF anschauen.

    Weitaus interessanter ist da schon die Anekdote aus dem Munde der Parteivorsitzenden, die diese auf der großen Bühne des Stockacher Narrengerichts vor Honoratiorenpublikum zum Besten gab. Bevor ich die gleich in ganzer Länge zitiere, sei vorab noch eine schnelle Definition von Witz gebracht:

    [prägnant formulierte] kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt (Duden)

    Ob die Geschichten immer kurz sind und überraschend enden, wage ich nach grob geschätzt zehntausend gehörten Kalauern zu bezweifeln. Und das, worüber ich lache, treibt Ihnen vermutlich die Sorgenfalten auf die Stirn (was umgekehrt natürlich ebenfalls gilt), denn die Witzgeschmäcke (so lautet der korrekte Plural) sind völlig unterschiedlich auf uns Menschen verteilt. Meine Mutter zweifelte früher an der Zurechnungsfähigkeit meines Vaters, wenn der sich über die hundertste im Gesicht von Stan Laurel landende Torte köstlich amüsierte, während mir als Kind vor allem die aus dem dritten Stock auf den Bürgersteig runterfallenden Klaviere gefielen; wobei ich die Sache mit den Torten – darf man ja heute aufgrund versuchter Körperverletzung gar nicht mehr – auch nicht schlecht fand. Meiner Mutter entlockten Dick & Doof hingegen noch nicht mal ein müdes Lächeln. Sie lachte über andere Sachen. Welche habe ich vergessen, denn mein Gedächtnis ist, seitdem ich auf die 60 zugehe, leider löchrig wie ein Sieb.

    Um es schon mal vorab zu sagen: 85% aller weltweit erzählten Witze sind Scheiße. Wobei der Prozentsatz in Mitteleuropa sicher höher liegt. Ich persönlich mache mir beinahe Nullkommanull aus Kalauern. Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn einer mich fragt, »Soll ich dir mal nen wirklich guten Witz erzählen, den ich gestern beim Friseur gehört habe?«, und überlege dann die ganze Zeit, wie ich mich gleich verhalten soll, um den Erzähler nicht in die peinliche Situation der Nicht-Reaktion zu bringen: entweder Schweigen oder die Nachfrage, »War das schon die Pointe?«. In 99% der Fälle endet das deshalb mit einem antrainierten Mundwinkelnachobenziehen bei mir. Dass ich herzhaft drüber lache, stellt die absolute Ausnahme dar. Und 97% (innerhalb der verbliebenen 1%. Jetzt ist es gut, wenn Sie damals in Mengenlehre aufgepasst haben) meines Feixens entsteht bei Gags, die in der fünften Kölner Jahreszeit von den Büttenrednern unters Narrenvolk gestreut werden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Vermutlich weil ich Rheinländer bin, der Karneval mir sowohl qua Genen in die Wiege gelegt und ich als Kind und Jugendlicher auf ihn hin sozialisiert wurde. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn die Karnevalszoten sind oft sogar schlechter als diejenigen, mit denen man den Rest des Jahres konfrontiert wird. Einigen wir uns darauf, dass ich aus norddeutsch-protestantischem Blickwinkel betrachtet an den sechs Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch nicht ganz zurechnungsfähig bin.

    Nun hängt der Erfolg eines Scherzes von mehreren Faktoren ab. Als da beispielsweise sind:
    (a) Originalität: Hört man so zum allerersten Mal.
    (b) Vortragender: Gesichtausdruck, wie spricht er: schnell, langsam, Hochdeutsch, Dialekt, lispelt er? Vollführt er beim Erzählen merkwürdige Bewegungen?
    (c) Ort: Gürzenich, Mehrzweckhalle Bickendorf, WDR-Kantine, irgendwo außerhalb Kölns
    (d) Zusammensetzung des Publikums: Alter, Geschlecht, Berufsgruppen, Freiwillige Feuerwehr irgendwo außerhalb Kölns.

    Der Stockach-Kalauer

    Und nach dieser langen Vorrede sei hier nun endlich der AKK-Kalauer präsentiert:

    Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln, oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.

    Tusch – Gelächter – Tusch.

    Ob der (also der Kalauer) schlecht ist? Er ist nicht nur schlecht, sondern grottenschlecht. Da er nämlich viele der oben aufgezählten Ingredienzien missachtet. Weder ist es originell, die dritte Toilette ins Visier zu nehmen (denn über die haben sich bereits eine Million Facebook- & Twitter-User lustig gemacht), noch führen Wortwahl und Sprechduktus zur Erheiterung. Die Sache wirkt bemüht, so als habe ein Hamburger Referent, der Karneval aus tiefstem Herzen verachtet, diesen Passus in die Rede eingebaut. Befindet sich in etwa auf demselben Tiefgeschoss-Niveau wie:

    Wie kann man eine Blondine Montag morgens zum Lachen bringen? Freitagabends einen Witz erzählen!

    … tätä!

    Die Geschichte funktionierte nur deshalb halbwegs, weil AKK Ort und Publikum geschickt gewählt hatte: Provinz, Honoratioren, konservative Grundausrichtung. Hier amüsiert man sich halt auch mit massiver Verspätung über Scherze, die in Köln, Mainz und Düsseldorf seit Jahren im Karnevalsarchiv abgelegt sind und dort vor sich hinstauben.

    Das war trotzdem megapeinlich, meinen Sie? Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, – was Sie vermutlich verwundert, weil wir ja oft unterschiedlicher Meinung sind –, vertrete aber bisher (noch) die Auffassung, dass jedem das Recht zusteht, sich auf der Bühne zu blamieren. Den Vorwurf, hiermit gegen die Menschenrechtscharta der UN verstoßen zu haben, halte ich (noch) für maßlos übertrieben. Es ist Karneval und da muss auch Spott über Sitzpinkler erlaubt sein. Denn andernfalls reichen demnächst die Blondinen, die Priester, die Lokalpolitiker und die Düsseldorfer ihren Wunsch nach Aufnahme in die Kalauer-Tabuliste ein und irgendwann in naher Zukunft stirbt das Gewerbe des Büttenredners aufgrund „Es ist nichts mehr übrig, worüber wir berichten können“ aus. Das darf aus Sicht eines Kölners auf keinen Fall die Lösung sein.

    Trotz meines Plädoyers für das Recht, schlechte Witze machen zu dürfen, fühle ich mich bei dem, was AKK da in Stockach fabriziert hat, nicht ganz wohl in meiner Haut. Irgendwas an ihrem ausgelutschten Vortrag war anders als das, was man sonst auf den Sitzungen präsentiert bekommt.

    Dass man sich nicht über Minderheiten lustig machen darf – geschenkt. Irgendwie sind wir ja alle auf irgendeine Art ne Minderheit: liebestolle Schönheitschirurgengattinnen, Psychologen, Alkoholiker. Wussten Sie übrigens, dass die besten Alkoholikerwitze im Aufenthaltsraum der Geschlossenen erzählt werden? Was habe ich da manchmal Tränen gelacht. »Aber da hat ja ein Trinker dem anderen einen Alkoholikerwitz vorgelallt«; sagen Sie? »Das ist so, als ob ein Jude einem Juden einen Judenwitz ins Ohr flüstert. Aber wehe ein Nichtjude wagt sowas«. Das stimmt schon. Minderheitenwitze klingen besser, wenn sie von einem Angehörigen dieser Minderheit zum Besten gegeben werden. Aber ich als Alkoholiker hätte jetzt kein Problem damit, wenn mir Bernd Stelter im Karneval einen (hoffentlich originellen) Trinker-Kalauer von der Bühne aus zuruft. Auch Blondinen und Schönheitschirurgengattinnen und Düsseldorfer sind, was Witze über sie angeht, sehr abgebrüht. Wir müssen folglich bei den Minderheiten unterscheiden zwischen denjenigen, die es ab können, wenn sie durch den Kakao gezogen werden und denen, die sich in solchen Fällen sofort diskriminiert fühlen.

    Dass also die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion in Stockach einen mitbekommt, finde ich nach wie vor nicht weiter dramatisch. Wäre ich ein Angehöriger dieser Gruppe, würde ich kurz drüber grübeln, mit was für abgedroschenen Sätzen man Dorfhonoratioren, von denen einige froh wären, wenn sie überhaupt noch ohne technische Hilfsmittel pinkeln könnten, draußen in der tiefen Provinz doch begeistern kann, überlegen, was AKK da oben auf der Bühne überhaupt zu suchen hat, und mir vornehmen, ihre Kanzlerkandidatur bei der nächsten BTW nicht unterstützen. Das wäre mein persönlicher, maximal zehn Minuten meiner Lebenszeit in Anspruch nehmender, Dreiklang. Mehr, z.B. meinen Anwalt anrufen und mich bei dem nach den Chancen einer Verleumdungsklage erkundigen, würde ich aus diesem Stockacher Schenkelklopfer nicht herleiten.

    Der übliche mediale Shitstorm

    Aber da Geschmäcke und Wahrnehmungen natürlich unterschiedlich sind, brauste im Anschluss an den missglückten Kalauer ein Shitstorm, Stärken 6 bis 8 quer durch alle deutschen Medien: :

    Kramp-Karrenbauer macht sich damit unmöglich … Einer künftigen Kanzlerin ist das jedenfalls nicht würdig. Oder qualifiziert sich so jemand dafür, an der Spitze eines modernen Deutschlands zu stehen?
    © Vera Wolfskämpf, MDR

    Die Frage von Anti-Diskriminierung, von respektvollem Miteinander, gilt 365 Tage im Jahr, und auch zu Karneval
    © Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen

    Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer“
    © Klaus Lederer, Bürgermeister und Kultur- und Europasenator von Berlin

    In den sozialen Netzwerken ging es natürlich heftiger ab. Da erreichten die Reaktionen teils Stärke 9:

    Frau mit Doppelnamen beweist, dass es noch ein Niveau unter Doppelnamen-Witzen gibt

    Bei mancher Politik-Karriere hofft man ja, sie endet als Toilettenwitz der Geschichte

    Bereite gerade die Anzeige gegen #akk vor. Beim Stockacher-Narrengericht gegen Schwächere und Minderheiten vorzugehen, ist nicht in Ordnung!#Intersexuelle, #Transsexuelle und so weiter, dürfen nach Gesetz nicht diskriminiert werden!
    (c) alle drei hier nachzulesen

    usw. etc. pp.

    Okay, das ist die medial und Facebook/ Twitter befeuerte, in der Regel 48 Stunden andauernde, Empörungswelle, die sofort abebbt und ihre Richtung wechselt, sobald irgendwo in der Republik ein neuer Strohfeuer-Aufreger aufpoppt. Aber auch das überzeugt mich (noch) nicht davon, die Stockach-Rede in die Eklat-Kategorie „Ohne Entschuldigung bleibt nur noch der Rückzug von allen Ämtern möglich“ einzusortieren. Ein Skandälchen – denn zum ausgewachsenen Skandal à la Trump und seine Russland-Connections taugt der missratene Kalauer nun wirklich nicht. Oder etwa doch? – wird erst dann daraus, wenn man die Funktionen von Karneval und AKK ins Kalkül zieht.

    Karneval ist Karneval oder: Weshalb Politiker dabei im Publikum sitzenbleiben sollten

    Karneval: soll anarchisch sein. Das ist er allerdings nur noch phasenweise draußen auf der Straße. In weiten Teilen ist er seit Jahrzehnten komplett durchorganisiert. Er soll dem Volk als Ventil dienen, denen da oben mal richtig die Meinung zu geigen. Um ganz ehrlich zu sein: Auch das geschieht (und geschah auch früher) nur selten. Am ehesten noch mit den – teils politzotigen – Prunkwagen, die während der Züge zu bestaunen sind. Der Kölner Fasteleer war nie so politisch wie die Mainzer Fastnacht, und auch bei der Zweitgenannten wird die Kritik an der politischen Kaste ja allenfalls in homöopathischer Dosis verabreicht. Worüber sich die Düsseldorfer amüsieren, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Von daher klingt das Wir-zeigen-es-denen-da-oben-heute-mal-so-richtig-Mantra zwar hübsch revolutionär, jedoch fällt die karnevalistische Umsetzung weitaus zahmer aus, als sich das die Fastnachtsromantiker erträumen. In Köln stand immer schon der derbe Kalauer, der auf dickbrüstige Krankenschwestern, die Verlockungen des außerehelichen Beischlafs, die Tücken des Zölibats, die Eifeler Landbevölkerung u.v.a. die Düsseldorfer zielte, im Vordergrund der Büttenrede. Da oft in tiefem Dialekt vorgetragen, verstand außer den gebürtigen Kölnern ohnehin kein Fremder diese Zoten, weshalb es dem Rest der Republik bisher weitgehend egal war, was wir auf unseren Sitzungen so alles an politisch und sexuell Unkorrektem von uns geben.

    AKK, als Angehörige des (deutschen) politischen Spitzenpersonals, der das Odium der Homophobie anhaftet, wird als Saarländerin jedes Jahr aufs Neue vom Wunsch getrieben, selbst in die Bütt zu steigen und dort zu kalauern. Was im Saarland – das nur unwesentlich größer ist als Bonn und Wuppertal zusammenaddiert – noch funktioniert haben mag, funktioniert auf der größeren Bühne Deutschland halt nicht mehr so geräuschlos. Nun stellt Stockach zwar nicht den karnevalistischen Broadway dar – um ehrlich zu sein: Bis vor drei Tagen wusste ich nichts von der Existenz dieses oberschwäbischen Mittelzentrums –; aber wenn hoher Besuch aus Berlin zum Narrengericht vorbeischaut, reisen natürlich alle Fernsehsender mit an. Und dann wird aus dem beschaulichen Provinz-Event halt für ein paar Stunden großer Karneval. Ein langjähriger Politprofi wie AKK weiß das. Und sie weiß ebenfalls, dass sie mit ihrer Sitzpinkler-Tirade über den kleinen Umweg Fastnacht ihr bestehendes und potenzielles Wahlklientel erreicht. Seht her: Da ist eine Konservative, die unseren Kleinstadtunmut über Schwule und Männer, die Frauen werden wollen, ernst nimmt und teilt. Das ist nach der in die fernen Sphären der Weltpolitik entrückten Merkel endlich mal wieder eine von uns, die unsere Sprache spricht und von Berlinern Hipstern und deren komischen Getränkevorlieben genauso wenig hält wie wir. Und wer braucht außerhalb der Hauptstadt ne dritte Toilette? Meine Frau und ich gehen seit dreißig Jahren aufs selbe Klo. Hat sich von uns beiden noch nie einer drüber beschwert. Ganz wunderbar, die neue Parteivorsitzende!

    Die Nieren- und Blasenschläge gegen die Sitzpinkel-Fraktion stehen ihr als Konservativer natürlich zu, es gibt keine gesetzliche Regel, die Sitzpinkler unter Artenschutz stellt. Vielleicht plant die AKK-Union, auf dieser Spur die AfD rechts zu überholen. Alles legitim, ABER (hier setze ich nun ein fettes aber) als Politiker sollte man solche Botschaften von der eigenen Bühne herab unters Wahlvolk streuen. Und nicht den Karneval als Propagandaplattform missbrauchen. AKK hätte prima ein paar Tage warten und an Aschermittwoch – wenn alles vorbei ist – in die Bütt steigen können. So, wie es nun geschehen ist, wirkt das Manöver wie der plumpe Versuch, mit einem Retro-Gesellschaftsbild bei der Landbevölkerung punkten zu wollen.

    Deshalb mein Plädoyer: Politiker ins Publikum und nicht in die Bütt! Habe in Köln zwar schon häufig den MP und dessen Minister im Karnevalstreiben erblickt; jedoch saßen die abwechselnd lachend oder erschrocken (falls der Witz auf ihre Kosten dann doch allzu derb ausgefallen war) unten im Publikum, und kein Elferrat wäre je auf die Idee gekommen, sie nach oben für ne Rede zu bitten. Weshalb das im Saarland und in Stockach anders gehandhabt wird: keine Ahnung. Erkundigen Sie sich bei den Saarländern und Stockachern. Denn, wenn wir die Bühnen schon im Wechsel besetzen wollen: Weshalb dann nicht Bernd Stelter in den Bundestag, um dort die drögen Debatten über den Haushalt etwas aufzulockern? »Das ist wieder einer Ihrer selten blöden Einfälle, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Stimmt, es ist ein blöder Einfall. Aber auch nicht viel blöder, als Politiker in der Bütt Wahlkampfreden schwingen zu lassen.

    Das Recht auf den schlechten Witz auf keinen Fall antasten

    Nach ü2000 Wörtern des Abwägens bin ich nach wie vor unentschlossen, wie ich das AKK-Stockach-Gate einsortieren soll: Der Sitzpinkler-Kalauer – abgedroschen hin oder her – muss als Kalauer für sich alleine betrachtet möglich sein. Wir können, speziell im Karneval, nicht jede Minderheit vorher fragen, ob es ihr genehm ist, wenn ein Witz über sie gerissen wird. Und dass ein Joke (grotten-) schlecht ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er deshalb auf den Index des Unsagbaren gehört. Hätte ihn Stelter (ich erwähne den Armen, der ja mit der ganzen Kalamität gar nichts zu tun hat, bloß deshalb so oft, weil er seit seinem Doppelnamen-Brüller nun auch bundesweit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat) zum Besten gegeben: müdes Lächeln im Publikum, kleiner Aufreger in der Lokalpresse und an Aschermittwoch schon wieder vergessen und abgehakt. Vielleicht hätte sogar die Kölner Schwulen-& Lesben-Community darüber gelacht. Denn die soll dem Karneval und seinen Zoten ja angeblich aufgeschlossen gegenüberstehen. Aber aus dem Munde der konservativen AKK bekommt die Sitzpinkel-Attacke halt doch ein anderes Stockach-Geschmäckle.

    Wir können uns eventuell auf folgendes einigen:
    (1) Auch Karnevalswitze sollten ein Mindestmaß an Niveau und Originalität aufweisen
    (2) Politiker gehören unten ins Publikum und nicht nach oben in die Bütt
    (3) Das Recht, schlechte Witze erzählen zu dürfen und sich damit zu blamieren, bleibt allerdings weiterhin unangetastet.

    Wir einigen uns doch nicht, weil Sie auf Ihrem Standpunkt „Das geht überhaupt nicht und niemals!“ bestehen? Okay, da kann man halt nichts machen. Nach schneller Beichte heute Morgen und drei Rosenkränzen wurde mir ohnehin schon Absolution erteilt. Da brauche ich Ihre gar nicht mehr.

  • Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Seit Wochen ist es heiß, Sommerferien, die Menschen sind beschäftigt mit Schwimmbad, Eisdiele und Grillwürstchen, hin und wieder ein für Stirnrunzeln sorgender Post aus den Reihen der AfD, des DFB und von Christian Lindner; also alles wie immer, nur ein bisschen langsamer. Da meldet sich plötzlich die Generalsekretärin der CDU zu Wort, zaubert überraschend eine Allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen aus der Programmkommission-Schublade und binnen weniger Stunden streitet die Republik landauf, landab über Bundeswehr und Zivildienst.

    Endlich mal wieder ein neues Thema

    Vorab: Ich bin Annegret Kramp-Karrenbauer wirklich dankbar, dass wir jetzt mal ein anderes Thema als ständig die Flüchtlinge diskutieren. Bei aller Wichtigkeit der Debatte: die Argumente sind mittlerweile in extenso ausgetauscht worden. Man wird notorisch linksgrünversiffte Gutmenschen wie mich nicht davon überzeugen können, dass Seenotrettung gleichbedeutend mit Ermunterung des Schlepperwesens und Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist. So wie die andere Seite halt stur auf „Unser Land ist voll. Kein Platz und Geld da für Neuankömmlinge“ sowie der Notwendigkeit von Ankerzentren beharrt. Wahrscheinlich vernünftig, wenn sich beide Parteien mal eine Auszeit gönnen, und im Hochsommer inhaltlich mit was Neuem auseinandersetzen.

    Wobei: neu ist die Wehrpflicht ja nun nicht.

    In der Bundesrepublik nach kontroverser Debatte eingeführt im Sommer 1956. Vorausgegangen waren im Mai 55 der Beitritt Westdeutschlands zur NATO und im November desselben Jahres Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr. In Kraft trat die Wehrpflicht im April 57. Die Ausweichmöglichkeit Zivildienst stand ab 1961 offen.

    Gesetzlich geregelt im Wehrpflichtgesetz sowie im dafür erweiterten Artikel 12 GG:

    12.a.: (1) Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.
    (2) Wer aus Gewissensgründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Die Dauer des Ersatzdienstes darf die Dauer des Wehrdienstes nicht übersteigen.

    Bundeswehr ist heute eine Berufsarmee

    Ausgesetzt – nicht: abgeschafft! – wurde die Wehrpflicht im Jahre 2011. Das geschah unter der Ägide des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Und zwar mit folgenden Begründungen:
    ♦ Nach der Bundeswehrplanung und den derzeit vorliegenden Reformvorschlägen dienen Streitkräfte nicht mehr länger der Landesverteidigung, sondern vor allem der Krisenreaktion außerhalb Zentraleuropas.
    ♦ Das zukünftige erweiterte Aufgabenspektrum der Bundeswehr erfordert eine größere Professionalität der Soldaten. Dies ist mit kurzzeitig dienenden Wehrpflichtigen nicht zu gewährleisten.
    ♦ Die politischen Umwälzungen seit 1989/1990 haben in Europa eine völlig neue sicherheitspolitische Lage entstehen lassen. Heute haben wir zum ersten Mal in unserer Geschichte nur Freunde, Verbündete und Partner als Nachbarn. Deutschland hat also am meisten davon profitiert, kann seine Streitkräfte entsprechend umstrukturieren und auf die Wehrpflicht verzichten.
    ♦ Eine Massenarmee würde weder gegen internationale politische Instabilität noch gegen Massenvernichtungswaffen helfen.
    ♦ Der Friedensumfang der Bundeswehr und damit der Bedarf an Wehrpflichtigen unterschreitet die Anzahl der zu Verfügung stehenden Männer eines Jahrganges erheblich. Wenn nur noch eine Minderheit eines Jahrgangs damit rechnen muss, zum Dienst an der Waffe herangezogen zu werden, wird die Wehrungerechtigkeit zur Regel.

    Die Gründe leuchteten mir 2011 zwar ein. Trotzdem war ich damals hin- und hergerissen, ob ich den Wegfall vollumfänglich begrüßen sollte. Denn mit dem Einkassieren der Wehrpflicht entfiel ja ebenfalls der Zivildienst. Von dessen Sinnhaftigkeit und erzieherischer Wirkung ich immer überzeugt gewesen war. Ne Menge meiner Kumpels leisteten ihre 15 Monate (so lange dauerte das Anfang der 80er) in Altersheimen, Jugendeinrichtungen und Sportvereinen ab. Und das waren beileibe nicht alles „niedere“ Tätigkeiten, die sie dort ausübten. Einige gingen zur Bundeswehr, ich wiederum entschied mich für die Variante „Zehn Jahre Katastrophenschutz“: ca. 20 Samstage im Jahr (hin und wieder kam der Sonntag dazu) bei den Berufsfeuerwehren in Köln und später in München und „diente“ dort als Funker bei Brandeinsätzen, schleppte Sandsäcke bei Hochwasser und beschäftigte mich mit Evakuierungsplanspielen, um den eventuellen ABC-Ernstfall zu proben.

    Ich empfand, das, was wir taten, stets als wertvollen (damals übrigens lausig bezahlten) Beitrag für unser Gemeinwesen und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, diese Aktivität als Zwangsarbeit, die mich meines grundgesetzlich verbrieften Rechts auf Freiheit beraubt oder gar gegen die Menschenrechtscharta verstößt, anzusehen. Ab und an war’s schon nervig, nach langer Freitagpartynacht am Morgen darauf um 7 Uhr in einem Bunker ABC-Alarm zu proben. Aber mit viel Kaffee ließen sich auch solche Samstage überstehen. Deshalb fällt mein persönliches Fazit positiv aus, und ich hätte als Vater kein Problem damit gehabt, wenn meine beiden Söhne für ein paar Monate zu solch einem Dienst verpflichtet worden wären. Kontakt mit alten Menschen in einem Seniorenstift oder Noteinsätze mit dem Technischen Hilfswerk haben noch niemandem geschadet. Das ist verklärter Nostalgie-Kitsch eines alten Mannes, sagen Sie? Mag schon sein. Mit 56 bin ich ja tatsächlich nicht mehr der Jüngste.

    Wehrpflicht: mittlerweile obsolet

    „Wat fott es, es fott un kütt nit widder“, weiß der Kölner und dieses Schicksal ereilt wohl nun auch die vor sieben Jahren ausgesetzte Wehrpflicht. 2018 ist nicht 2011, die Dinge haben sich weiterentwickelt. So hat sich beispielsweise die Bundeswehr von einer Mitmach-Armee zu einem Berufsheer gewandelt.

    Der Wieder- bzw. Neueinführung einer Allgemeinen Dienstpflicht stünden ohnehin viele Hürden entgegen. Da sei zuallererst Art. 12 Grundgesetz genannt:

    (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
    (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

    Das GG kann man zwar anpassen. Dafür sind jedoch Zweidrittelmehrheiten sowohl in Bundestag als auch Bundesrat notwendig. Und selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass dies bei Artikel 12 gelingen sollte, bliebe dann immer noch die Hürde des Bundesverfassungsgerichts, das die Änderung – weil eventuell der Europäischen Menschenrechtskonvention zuwiderlaufend – flugs einkassieren könnte.

    Die Bundeswehr als moderne Berufsarmee mit knapp 200.000 Soldaten ist auf Amateur-Rekruten ohnehin nicht mehr ausgerichtet und schon gar nicht, wenn komplette Jahrgänge absorbiert werden müssen. Dann können die anderen ja in der Pflege arbeiten, regen Sie an? Das war ebenfalls mein erster Gedanke gewesen; jedoch habe ich mir von Experten folgendes anhören dürfen:

    Heutzutage sind die Voraussetzungen/Qualifikationen meist auch „härter“.

    Überall Personalmangel, da wird nicht mehr viel erklärt und aufgepasst.

    Es wäre eher eine Belastung. Eine Entlastung wären ausgebildete Fachkräfte und attraktive Löhne.

    Sowas wie die Berufsfeuerwehr wird übrigens auch nicht überall gehen, Henning: Die werden sich oft eher verarscht fühlen, wenn sie statt richtigen Planstellen dann Hilfsarbeiter bekommen auf die sie aufpassen müssen. Das ist heute nicht so wie früher.

    Was für eine Bananenidee!!

    (c) Teilnehmer unterschiedlicher Diskussionen zum Thema „Allgemeine Dienstpflicht“ vorgestern in Facebook

    Die Freiwilligen Dienste

    Die Freiwilligen Dienste – z.B. Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Freiwillige Feuerwehr (gab’s allerdings schon früher) – sind mittlerweile an die Stelle des Zivildienstes getreten, nehmen diejenigen auf, die sich – bspw. zwischen Abitur und Universität – sozial engagieren und/oder im Vorfeld des Studienbeginns schon mal in einem Krankenhaus umsehen möchten. Die Freiwilligkeit bietet unbestreitbar den Vorteil, dass sie zu größerem Engagement bei und gewissenhafterer Erledigung der Arbeit führt. Macht ja schon einen Unterschied, ob man Betten aus Pflichtgefühl oder Überzeugung heraus frisch bezieht. Oder doch nicht? Allerdings sind die Kapazitäten der Freiwilligendienste begrenzt. Wir reden von rund 50.000 Teilnehmern (ohne die Feuerwehren).

    Die Diskussion wird also über kurz oder lang damit enden, dass man aus den oben genannten Gründen heraus auf die Einführung der Allgemeinen Pflicht verzichtet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit einigt man sich dahingehend, die Kontingente der Freiwilligen aufzustocken, die Organisationen mit größeren Budgets auszustatten und geeignete Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der Dienste zu ergreifen. Was ja als durchaus vernünftiges Ergebnis der von Kramp-Karrenbauer angestoßenen Debatte einzustufen wäre.

    Anti-Egoismus statt Ego-Shooting

    Womit ich mich allerdings schwertue, ist die Verunglimpfung des Vorschlags als Wiederbelebung des Reichsarbeitsdienstes oder gar Anschlag auf die Menschenrechte. Hallo – geht’s eventuell auch ne Nummer kleiner? Niemand von uns fühlte sich damals grundlegend in seiner Freiheit eingeschränkt, bloß weil wir einige Monate lang zu einer Gemeinwohl-Tätigkeit verpflichtet wurden. Und wir waren 19, als wir unser Abitur machten und studierten deutlich länger bis zum Diplom, Magister oder Staatsexamen als die heutige Turbobildungsgeneration. Der Wahn „Ich muss mit 25 Vollzeit arbeiten, damit ich mit 60 in Rente gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, dann von Altersarmut betroffen zu sein“ war in den 70ern und 80ern unbekannt. Mehr Geld hätten wir damals natürlich gerne für den „Zwangs-“ Dienst erhalten. Aber darüber ließe sich heutzutage sicher reden.

    Heribert Prantl sieht es so:

    Das soziale Pflichtjahr für alle … ist ein Beitrag für eine starke Demokratie. Warum? Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Dafür braucht man Menschen, nicht Narzissten. Man braucht Menschen, die wissen und erfahren haben, dass es eine Gesellschaft gibt und dass für deren Nöte nicht ein abstrakter Staat, sondern eine konkrete Gemeinschaft zuständig ist. Ein soziales Pflichtjahr tut den jungen Menschen gut, es tut dem Gemeinwesen gut, es tut dem Land gut. Es ist ein Einstieg in die soziale Wirklichkeit, es ist ein soziales Erfahrungsjahr … das Pflichtjahr ist ein Anti-Egoismus-Jahr.
    In: Süddeutsche Zeitung, 07. August 18

    Oder, um es in den Worten J.F. Kennedys zu sagen:

    Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.

    Auf jeden Fall keine Bananenidee

    Die Debatte um einen Gemeinwohl-Dienst ist in einer Zeit zunehmender Individualisierung durchaus notwendig. Die Allgemeine Dienstpflicht wird zwar aufgrund ihr entgegenstehender rechtlicher und organisatorisch-technischer Hürden nicht kommen. Trotzdem zeigt der Vorstoß in die richtige Richtung: weg von der bereits mit 17 in Angriff genommenen Karriereplanung und stattdessen Hinwendung zu (zeitlich begrenzten) sozialen Aktivitäten – ob man die nun freudig oder nicht so gerne ausführt, ist zweitrangig –, von denen die Gesellschaft profitiert. Mehr WIR und weniger ICH. So lautet der simple Kerngedanke hinter Kramp-Karrenbauers Vorschlag. Diese Grundidee ist positiv zu sehen und weit entfernt von Banane.