Schlagwort: Boykott

  • Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Man kann es drehen und wenden, wie man will und versuchen, die Sache schön zu reden: viel Ballbesitz, oft im gegnerischen Strafraum, teils atemberaubende Dribblings, häufig aufs Tor geschossen, interessante Mischung aus Routiniers und jungen Wilden etc. etc. – ändert aber alles nichts an der ernüchternden Tatsache, dass es zu mehr als dem dritten Platz in Gruppe E nicht gereicht hat. Und es hat v.a. zum dritten Mal hintereinander zu nicht mehr als 2x Vorrunde und 1x Achtelfinale gelangt. Das ist für eine große Fußballnation, als die wir uns ja nach wie vor begreifen, schon blamabel.

    Nicht, dass ich mich über die Titelchancen unserer Mannschaft vorab großen Illusionen hingegeben hätte. Für mich heißen die Favoriten Frankreich, Brasilien, Argentinien, Niederlande. Aber aufs Erreichen des Viertelfinales hatte ich schon spekuliert. Wie lauten die Gründe, weshalb wir Deutsche mittlerweile aus jedem Turnier, das größer ist als der Rheinland-Pfalz-Cup, so früh rausfliegen? Versuch einer Analyse aus dem Blickwinkel eines 08/15-Fans.

    Das Personal

    Da waren dieses Mal solche und solche dabei. Topspieler wie Rüdiger, Gündogan, Havertz vermischt mit einigen No Names (Füllkrug, Raum, Klostermann) und ner Menge Mittelmaß. Kann funktionieren, wenn das Mischungsverhältnis richtig angerührt wird; hat aber im deutschen Fall ganz augenscheinlich nicht funktioniert. Ich frag mich, wenn ich Schlotterbeck und Süle über den Ball stolpern sehe, weshalb Hummels nicht mitgenommen wurde. Bei den ergebnislosen Slaloms von Musiala geht mir durch den Kopf, warum Füllkrug nicht mehr Einsatzzeit erhält. Aus welchem Grund sitzt der torgefährliche Havertz auf der Bank? Wo ist überhaupt ein Führungsspieler, der die Sache bei engen Matches in die Hand nimmt und seine Kollegen zu mehr Leistung anspornt? Aber ich denk mir dann schulterzuckend, dass der Bundestrainer und sein Stab sich 24/7 mit so was beschäftigen und deshalb mehr Ahnung davon haben als ich der 08/15-Fan. Wobei ich mir manchmal ebenfalls denke, dass der Trainer und sein Stab auch nur Menschen sind, die halt hin und wieder irren u/o aus irgendeiner Strategiedogmatik heraus merkwürdige Entscheidungen treffen. In die Kategorie „verstehe ich nicht“ fällt bspw. die Nibelungentreue zum Bayernblock, bei dem einige Akteure ihren Zenit mittlerweile erkennbar überschritten haben, weshalb Leistung nicht das Kriterium gewesen sein kann, sie immer wieder aufzustellen. Während einige der No Names durchaus positiv überraschten, aber trotzdem nur wenig Einsatzzeit erhielten.

    Die Einstellung

    Deutschland war mal DIE Turniermannschaft. Linekers Bonmot, „und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, stimmte zwar nie zu hundert Prozent, aber zu achtzig war es schon zutreffend. Davon ist das aktuelle Team allerdings Lichtjahre entfernt. Mittlerweile gilt ja eher die Beobachtung: Die Deutschen spielen streckenweise ganz hübsch anzuschauen, sobald es eng wird, geraten sie aber sofort ins Strudeln und zu mehr als maximal nem Achtelfinale reicht es nicht. Da ne Menge Topspieler im Team sind, kann es an der Qualität der einzelnen nicht liegen; scheint also eher eine Mentalitätssache zu sein. Geht so ein bisschen in die Richtung: Wir wollen zwar einen guten Job machen, uns dafür jedoch nicht quälen. Wenn’s läuft, dann läuft es und wenn es nicht läuft, läuft es eben nicht. Kein Grund Trübsal zu blasen, denn wir sind alle talentiert, in der Mannschaft herrscht beim Training eine Superstimmung und wenn es bei diesem Turnier nicht klappt, klappt es halt in 2 oder 4 Jahren. Try and error. Davon geht die Fußballwelt nicht unter. Hauptsache, wir waren überhaupt dabei und hatten Spaß. Gewinnen ist nicht alles. Und als Boomer erwischt man sich dabei, wie man sich insgeheim Typen wie Matthäus, Effenberg, Sammer und Kahn zurückwünscht, die bei der von Deutschland zelebrierten Variante des Schönwetterfußballs in jedem Match Minimum 10 veritable Wutanfälle bekommen hätten. Auch mich, den 08/15-Fan, hätte das ziellose Für-die-Galerie-Gekicke früher wütend gemacht. Heute zucke ich nur noch mit den Schultern und besorge mir in der Küche eine starke Tasse Kaffee, um in der zweiten Halbzeit nicht einzuschlafen. Mein Puls lag, selbst als Costa Rica zwischenzeitlich führte, unterhalb von 80. In der Spitze, kurz vor Ende vergeblich auf das späte Ausgleichstor der Spanier hoffend, maximal bei 90. Und als es vorbei war, dachte ich wie die Spieler: blöd gelaufen, aber da konnte man eben heute nichts machen. Fatalismus statt Fan-atismus.

    Das hypermoralische Habitat

    Deutschland, zumindest große Teile davon, hat diese WM nicht gemocht, über Monate hinweg schlecht geredet und die Mannschaft mit Sachen überfrachtet, die mit Fußball nichts zu tun haben. Wenn wir uns vor dem ersten Spiel ernsthaft länger mit der Frage beschäftigen, welche Armbinde der Kapitän tragen soll als mit der Aufstellung und ständig Forderungen nach Nicht-Teilnahme bzw. Rückzug ertönen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn genau das nun eingetreten ist = der Rückzug. Allerdings nicht ganz freiwillig, sondern aufgrund mangelhafter Leistung in der Vorrunde. Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb es uns nicht gelingt, die Veranstaltung vom Ausrichter zu trennen. Niemand im deutschen Team ist verantwortlich dafür, dass in Katar andere Regeln herrschen als bei uns, und niemand aus der Mannschaft hat sich dafür stark gemacht, das Turnier am Ostrand der großen Arabischen Wüste stattfinden zu lassen. Warum ist es nicht möglich, die Fußballer einfach ihren Job machen zu lassen? Ist das so ein deutsches Ding, anderen ungebeten unsere (angebliche) kulturelle Überlegenheit demonstrieren zu müssen? Falls ja: weder das eine (gesellschaftlicher Umschwung in Arabien) noch das andere (Erfolg bei der WM) hat funktioniert. Aber Hauptsache, unsere Offiziellen streifen ne Regenbogenbinde über, wenn sie in Doha auf der Tribüne sitzen. Wem sie damit konkret helfen? Niemand. Aber aufs konkrete Helfen kommt es bei der deutschen Zeichensetzerei ja auch gar nicht an. Zeichen werden gesetzt, weil Zeichen eben gesetzt werden müssen. Vor allem in Katar.

    Mehr Amateurfußball schauen ist auch keine Lösung

    Bei mir hinterlässt das Ganze einen schalen Geschmack: zum dritten Mal hintereinander in einem Turnier früh gescheitert. Eine WM in der Wüste, wo sie definitiv nicht hingehört und zu Hause ein Volk voller Heuchler, die kein Problem mit katarischem Öl & Gas und Geld (v.a. wenn es bei uns investiert wird) haben, aber laut aufheulen, sobald da Fußball gespielt wird. Und ein DFB, der es allen Seiten recht machen will und damit eine krachende Bruchlandung erlebt. Wäre ich nicht Fan seit Geburt (allerdings mehr des Effzeh als der Nationalmannschaft), würde ich mich jetzt so langsam abwenden vom deprimierenden Profigeschehen u mir in Zukunft bloß noch ehrliche Kreis- und Bezirksligapartien ansehen. Wo’s nicht um Kohle, sondern nur um den Sport geht. Wo die Trikots am Ende vor Dreck starren, wo man als Zuschauer die meisten der Spieler persönlich kennt. Wo man auf der Tribüne – falls es überhaupt eine gibt – noch ne Bratwurst für 3 Euro verzehrt u am Ende 10€ für die Vereinskasse spendet. Aber in meinem fortgeschrittenen Alter werde ich den Schwenk weg vom Profi- hin zum Amateurfußball wahrscheinlich nicht mehr hinbekommen. Leider.

    Ob ich glaube, dass wir in eineinhalb Jahren bei der (Heim-) EM was reißen werden? Nein, glaube ich nicht. Auch da wird im Achtelfinale Schluss sein. Denn im deutschen Fußball herrscht ein strukturelles Problem, das sich nicht lösen lässt, wenn man nicht willens ist, auf der Trainerbank und im Management neue Köpfe zu installieren und alles wieder auszusitzen versucht, wie schon vergeblich nach 2016 und 2018 geschehen. Ob ich mir nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft noch weitere Partien anschauen werde? Klar werde ich das tun. Die WM wird ja jetzt mit Beginn der K.o.-Phase erst richtig interessant. Und der Boykott, was ist mit dem Boykott, fragen Sie mich? Ich hatte nie vor, dieses Turnier zu boykottieren, denn mir gelingt es, das Event fein säuberlich vom Ausrichter zu trennen. Und ich habe noch nicht mal Gewissenbisse bei diesem Spagat.

    Fazit: (aus deutscher Perspektive) eine Gurken-WM.

  • Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Die Partie Deutschland-Japan endete heute Nachmittag 1 zu 2. Das deutsche Team hat dabei eine durchwachsene Leistung gezeigt. Die erste Halbzeit war okay, während sich in der zweiten Hälfte die unnötigen Ballverluste häuften, die Defensive erschreckende Fehler zeigte und vorne ganz augenscheinlich die Offensivkraft fehlte. In der Folge kam Japan immer besser ins Spiel, drückte aufs deutsche Tor und gewann am Ende völlig verdient. In der guten alten Zeit hätten wir jetzt über die Aussetzer von Schlotterbeck, die schönen, aber erfolglosen Dribblings von Musiala und den fehlenden Torriecher von Gnabry diskutiert, oder uns die Köpfe heißgeredet, ob Füllkrug früher hätte eingewechselt werden müssen. Wie stehen die Chancen, jetzt überhaupt noch ins Achtelfinale zu gelangen? Welcher Gegner würde uns da erwarten? Und so weiter und so Fußballstammtisch.

    One Love und Turnier der Schande

    Aber das ist mittlerweile alles komplett nebensächlich. Heute geht’s ja nicht mehr um das Spiel, sondern um so Sachen wie Regenbogen- – auch One-Love- genannt – Binden und ob man sich dieses „Turnier der Schande“ überhaupt anschauen darf. Um es vorneweg zu nehmen: Ich schaue mir das Turnier an. So wie ich mir alle EM- & WM-Turniere seit 1972 zzgl. der wöchentlichen Bundesligapartien anschaue. Ich werde mir bei dieser WM vermutlich nur ein paar Spiele angucken: die der eigenen Nationalmannschaft und dann die Highlights ab dem Achtelfinale. Das Finale – egal, wer da gegen wen spielt – auf jeden Fall.

    Zurück zu Regenbogen und Boykott. Beginnen wir mit der Armbinde. Ja, die Situation der LGBTQ Community in Katar ist prekär. Wie in den meisten islamischen Ländern. Ist jetzt aber zum einen nichts Neues und zum anderen ist nicht bekannt, dass diese Situation in Katar prekärer wäre als bspw. in Dubai, Abu Dhabi oder Ägypten, wo wir Deutschen ja sehr gerne zum Shoppen und Schnorcheln hinfliegen. Dass die Situation prekär ist, wusste man auch schon 2010 bei der Vergabe des Events an den Ostrand der Großen Arabischen Wüste und diese Kenntnis hat damals trotzdem keinen FIFA-Funktionär davon abgehalten, seine Stimme pro Katar abzugeben. Der Aufschrei in der Presse war moderat. Es ging dabei auch mehr um Aspekte wie mangelnde Fußballhistorie und mörderisches Klima im Hochsommer. Das LGBTQ-Thema hatte 2010 anscheinend niemand auf dem Schirm gehabt. Das kam erst vor kurzem auf die WM22-ist-pfui-Liste. Und nun sollten wir uns folgende Fragen stellen:
    (a) Weshalb hat uns die Situation der Schwulen & Lesben in Katar bis weit ins Jahr 2022 hinein nicht interessiert?
    (b) Warum muss der Fußball richten, was die Politik nicht hinbekommt?
    (c) Welchen nachhaltigen Nutzen hätte das Tragen einer solchen Binde bei 1 Spiel?

    Man könnte dann noch weitere Fragen stellen. Bspw. Weshalb fordert niemand von unseren Politikern, wenn sie an den Golf reisen – was sie ja häufig tun –, dort mit einer Regenbodenbinde zur Audienz beim Emir zu erscheinen? Warum kümmern wir uns nicht erst mal um die Rechte der Schwulen & Lesben in unseren eigenen Breitengraden? (zur Erinnerung: bis 1994 waren homosexuelle Handlungen bei uns unter Strafe gestellt). Wie sieht es überhaupt mit unserem eigenen Engagement hinsichtlich der Gleichberechtigung queerer Menschen aus?

    Gelbe Karte ist was anderes als Geldstrafe

    Dass es bei der angekündigten Sanktionierung nicht um eine Geldzahlung ging – die hätte der DFB wohl akzeptiert –, sondern eine gelbe Karte für den Kapitän drohte, mag für die Moralisten nebensächlich sein: Was ist schon 1 Gelbe Karte? Wer etwas mehr Ahnung hat, weiß aber, dass bei der zweiten gelben Karte schon der Ausschluss vom weiteren Turnierverlauf zu befürchten steht, weshalb Spieler unnötige Gelbe Karten ebenso zu vermeiden trachten wie Moralisten zu lange Sperren in Facebook, wenn sie bei einem Trigger-Thread mal wieder hyperventilieren.

    Von der Regenbogenbinde nun zum Boykott. Jetzt sei endgültig klar, wie korrupt und menschenverachtend die FIFA ist, es würde höchste Zeit, unser Team zurückzuziehen und der DFB möge sich darum kümmern, entweder die FIFA schnellstmöglich zu grundlegend reformieren oder gemeinsam mit anderen Europäern einen neuen Weltverband ins Leben zu rufen, lese ich in Posts von Facebook-Bekannten, die ich bisher als intelligente Zeitgenossen wahrgenommen hatte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Wie naiv oder dreist kann man sein (suchen Sie es sich aus, was für Sie zutrifft), solche Forderungen zu erheben? Der DFB, dessen Hauptdaseinszweck neben der Förderung des Amateursports (der Profibereich braucht den Verband nicht. Der hat seine DFL) darin besteht, mit seinen Nationalteams an Turnieren teilzunehmen und dort eine möglichst gute Platzierung zu erreichen, soll in diesem Jahr darauf verzichten? Weil der Kapitän keine bunte Armbinde tragen darf. Echt jetzt? Wie realitätsfern und moralbesoffen ist denn solch ein Ansinnen? Weil Hetero Heinz Kowalski aus Oer-Erkenschwick, der bis heute nicht weiß, wofür das Kürzel LGBTQ überhaupt steht (ja ja, ich muss das auch regelmäßig googlen), der felsenfesten Überzeugung ist, dass wir den Kataris und der FIFA jetzt demonstrieren müssen, wo der deutsche LGBTQ-Hammer hängt?

    Fernbereichsethik geht einfach

    Folgendes Gedankenspiel: Herr Kowalski arbeitet bei einem mittelständischen Maschinenbauer, der u.a. Teile produziert, die in der Öl- und Gasförderung eingesetzt werden. Da der russische Absatzmarkt aktuell zusammengebrochen ist, hat der Vertrieb nun alternativ einen Großauftrag aus Katar an Land gezogen. Die Arbeitsplätze in Oer-Erkenschwick sind fürs Erste gerettet. In ein paar Tagen steht die Vertragsunterzeichnung in Doha auf dem Programm. Herr Kowalski fordert nun in einer Mail, die an sämtliche Mitarbeiter adressiert ist, Folgendes: (a) das deutsche Management muss ab Ankunft in Doha International Airport bis zum Abflug durchgängig eine gut sichtbare Regenbogenbinde überstreifen (b) falls das deutsche Management daran gehindert wird, hat es Katar umgehend zu verlassen und den Deal platzen zu lassen … was der Betriebsrat Herrn Kowalski darauf antworten wird, brauche ich hier nicht zu schreiben. Das überlasse ich Ihrer eigenen Fantasie. Herr Kowalski würde solch eine Mail mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gar nicht verschicken. Weil die Konsequenzen viel zu nah an ihm selbst dran wären. Er wäre nämlich vermutlich zeitnah arbeitslos. Deshalb löscht Herr Kowalski seine Mail schnell wieder und ruft stattdessen lautstark in Facebook zum Boykott der WM auf. Schlaue Menschen (also nicht ich) haben das mal als Fernbereichsethik bezeichnet. Die praktischer als die des Nahbereichs ist, weil moralische Forderungen, die man nicht selbst erfüllen muss, einem einfach über die Lippen gehen.

    So ein Beispiel dürfen Sie nicht bringen, Herr Hirsch, sagen Sie? Das ist unredlich?
    Doch genau so ein Beispiel bringe ich, um zu demonstrieren, wie realitätsfremd dieser treudeutsch-romantische Boykottaufruf ist.

    Warum eigentlich immer die Fußballer?

    Die Überfrachtung des Sports mit Symbolen, die der jetzt dauernd senden soll, geht in eine komplett falsche Richtung. Sportler sollen ihren Sport ausüben. Wenn sich einer davon berufen fühlt, gegen irgendwas zu demonstrieren, möge er das jederzeit gerne tun. Hindert ja niemand bspw. Herrn Goretzka daran, dem Emir mal ordentlich die Meinung zu geigen (und im Anschluss vermutlich sofort zurück nach Hause fliegen zu dürfen). Aber komplette Mannschaften dafür in Sippenhaft nehmen zu wollen, dass Funktionäre grundlegend falsche Entscheidungen treffen – wie die Vergabe der WM in die Wüste –, und unsere Politiker sich nicht trauen, vor Ort Tacheles zu reden, kann nun wirklich nicht die Lösung sein. Und warum immer die Fußballer? Weshalb nicht ebenfalls die Leichtathleten oder die Beachvolleyballer? Was, wenn demnächst wieder Eishockey-Turniere in Russland stattfinden: Müssen unsere Spieler dort Putin-muss-weg-Plakate in die Höhe halten, bevor sie auf den Puck schlagen dürfen? Bei der kommenden WM in Mexiko dann Armbinden, um auf die Diskriminierung der Indigenen aufmerksam zu machen und bei den Partien in den USA knien alle nieder, um sich mit Black Lives matter solidarisch zu zeigen? Und so rigide bis unbarmherzig, wie sich die Amerikaner mit ihrer Border Patrol gegen Migranten aus Mittel- und Südamerika geben, dürften wir eigentlich gar nicht dort antreten. Das ist was völlig anderes bzw. das ist ein unredlicher Vergleich, sagen Sie? Ja ja, ich weiß. Hatten Sie weiter oben ja auch schon angemerkt.

    Manchmal hilft ein Kompromiss

    Eventuell können wir uns auf einen Kompromiss einigen: Wer die WM in Katar boykottieren will, boykottiert sie. Wer sich die Spiele anschauen möchte, schaut sie sich an. Und beide Seiten sichern der jeweils anderen zu, ihr während der kommenden vier Wochen nicht auf die Nerven zu gehen. Und nach diesem Turnier setzen wir uns zusammen und überlegen gemeinsam, welche Reformen die FIFA dringend benötigt, um ihren Nimbus als geldgeiler und (in Teilen) korrupter Verband zu überwinden. Nur Herrn Infantino in die Wüste zu schicken – wo er ohnehin seit Anfang dieses Jahres dauerhaft wohnt –, wird dabei nicht ausreichen. Die Vergabepraktiken müssen auf den Prüfstand, damit sich so was wie Katar nicht wiederholt.

    Aber bis dahin sollten wir uns auf die kluge Formel „Das Event vom Ausrichter trennen“ einigen.

    PS. mein Turnierfavorit war bis gestern übrigens Argentinien, falls das am Ende dieser Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.
    PPS. die deutschen Spieler haben sich beim Mannschaftsfoto alle die Hand vor den Mund gehalten. Ob das als Zeichen des guten Willens ausreicht, um ihre Kritiker zu besänftigen, weiß ich nicht. Mir persönlich sind solche belanglosen Gesten eher egal.

  • Mal wieder ein Boykott

    Mal wieder ein Boykott

    „WAS trinkst du da?“, fragt meine Freundin.
    „Orangensaft“, sage ich, „Warum?“
    „Hast du auf das Etikett geschaut, wo der herkommt?“
    „Nein.“
    „Aus SÜDAFRIKA!“
    „Stimmt, da steht Südafrika auf dem Etikett“, sage ich.
    „Produkte aus Südafrika kauft man NICHT!“
    „Weshalb das denn?“
    „Weil da Apartheid herrscht. Anständige Menschen boykottieren dieses System.“
    „Indem wir keinen Orangensaft mehr trinken?“
    „KEINEN Orangensaft aus SÜDAFRIKA. Hast du das jetzt verstanden?“
    „Ja, habe ich verstanden.“
    © Dialog, der Mitte der 80-er Jahre in der Küche einer Münchner Studenten-WG stattfand (= mein erster Kontakt mit einem Boykottaufruf)
    +++

    Bevor wir nun gleich etwas tiefer in die wundersame Welt des Boykotts eintauchen, wollen wir kurz die Herkunft dieses Wortes beleuchten. Es stammt nicht aus dem lateinischen, griechischen oder mesopotamischen Sprachraum, sondern ein Engländer des 19. Jahrhunderts fungierte als Namensgeber:

    Das Wort Boykott geht auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter. Während des Land Wars nach 1870 rief der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand auf. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion fand Boycott keine Pächter mehr, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott gab allen anderen den Namen.
    © Wikipedia, Stichwort „Boykott“

    Prall gefüllte Briefumschläge und klimatisierte Stadien

    Nachdem wir das geklärt haben, springen wir 150 Jahre in die Jetztzeit und landen im heißen Wüstensand des kleinen Emirats Katar. Dieses Zwergland erhielt im Jahr 2010 auf einem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag, die WM-Endrunde 22 austragen zu dürfen. Welche Kriterien damals für diese Entscheidung ausschlaggebend waren, weiß man bis heute nicht genau. Angeblich ging es darum, den Fußball zur Abwechslung auch mal in die arabische Welt zu bringen, eventuell ging’s aber einfach bloß ums Geld. Katar ist reich, besitzt einige europäische Clubs, sponsort die Trikots zahlreicher weiterer Vereine, verfügt über ne Menge Einfluss in der UEFA. Und hatte bei der Abstimmung vielleicht ein paar Stimmen gekauft. Bevor Sie sich jetzt vorschnell über Letztgenanntes empören – das hatte Deutschland bei der Vergabe des Turniers 2006 angeblich auch getan. Dass mit Dollars (oder Euro oder Schweizer Franken) gefüllte Briefumschläge am Vorabend der Entscheidung unter Hoteltüren durchgeschoben werden, ist anscheinend alter FIFA-Brauch.

    Als nächster Kritikpunkt kam das Klima an die Reihe: links und rechts des Persischen Golfs herrschen im Hochsommer mörderische Temperaturen. Hätte man im Juni und Juli gespielt, wären Hitzetote auf dem Spielfeld und auf den Rängen zu befürchten gewesen. Also verschob man das Turnier auf den Winter – wofür die Spielpläne der europäischen und südamerikanischen Ligen geändert werden mussten – und baute klimatisierte Stadien. Was mit diesen Stadien nach der WM passiert, wollen Sie wissen? Die werden entweder wieder abgerissen oder verrotten. Aber ebenfalls hier bitte nicht vorschnell empören: auch das ist guter Brauch bei WM-Ausrichtern. Siehe bspw. Südafrika und Brasilien.

    Aber Katar hat NULL Fußballhistorie, sagen Sie jetzt? Stimmt, jedoch verfügten ebenfalls die USA 1994 (erneut 2026), Japan & Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) über keinerlei Fußballgeschichte. Ginge es einzig um die Historie, dann dürfte das Turnier bloß in Europa und Südamerika stattfinden. Aber es geht halt nicht einzig um die Geschichte, sondern um Teilhabe möglichst vieler Weltregionen an diesem globalen Sportspektakel Nr. 1 und deshalb wird das Event hin und wieder an exotisch anmutende Ausrichter vergeben. Finde ich vom Grundgedanken her auch nicht verkehrt und schlage deshalb für 2030 Thailand & Vietnam vor.

    Zwischenfazit (eventuell) gekaufte Stimmen, mangelnde Fußballhistorie, Hitze und Stadien, die nach Ende des Turniers niemand mehr braucht, reichen für einen Boykott erst mal nicht aus. Da muss also noch was kommen.

    Boykott: die dicken Bretter

    Beginnen wir damit, dass Katar keine Demokratie westlichen Zuschnitts ist. Das ist korrekt, aber das waren Argentinien 1978 (okay, schon was länger her) und Russland (2018) ebenfalls nicht. Vom zweifachen Olympia-Ausrichter China wollen wir hier erst gar nicht anfangen. Dass Sportgroßereignisse nur in Rechtsstaaten stattfinden dürfen, wäre zwar einerseits begrüßenswert, andererseits existiert diese Vorschrift nicht und würde zudem zwei Drittel der Länder auf unserem Planeten von vornherein als potenzielle Veranstalter ausschließen.

    Die Rechte der Schwulen und der Frauen: was ist mit denen, wollen Sie jetzt von mir wissen? Die sind beide prekär (also diese Rechte) in Katar. Wobei es mit den Rechten der Schwulen in Russland ebenfalls nicht allzu weit her ist (China weiß ich nicht. Müsste ich googlen). Das war bei der Vergabe 2010 hinreichend bekannt gewesen. An einen Aufschrei damals kann ich mich jedoch nicht erinnern. Das mit den mangelhaften Schwulen- und Frauenrechten am Persischen Golf scheint mir ein recht neuer Boykottgrund zu sen. Btw. wie ist eigentlich Tourismus in Dubai und Abu Dhabi – wo es um diese Rechte nicht besser bestellt ist – zu bewerten? Das ist was völlig anderes? Weiß nicht. Für mich ist das recht ähnlich gelagert.

    Kommen wir nun zum gravierendsten Boykott-Auslöser: der Todesrate auf den katarischen Baustellen. Hier schwanken die Angaben enorm. Die Bandbereite reicht von 3 über 6.000 bis hin zu 15.000. Experten verweisen darauf, dass es kaum möglich ist, eine belastbare Zahl zu ermitteln, da schlichtweg keine Statistik existiert. Soll heißen: man weiß zwar, wie viele Ausländer/Bauarbeiter in Katar pro Jahr sterben. Woran genau sie sterben bzw. wo sie sterben (Baustelle, Hotelzimmer, Krankenhaus), wird von amtlicher Seite nicht erhoben. Sind sie alle auf den WM-Baustellen verunglückt, oder gab’s weitere Tote bei den anderen Großprojekten, die zeitgleich aus dem Sand der Wüste in die Höhe gestampft wurden? Die Menge der wegen der WM verschiedenen Arbeiter wird sicher nicht 3 sein – wie die Behörden in Doha behaupten –, ob es 6.000 oder gar 15.000 sind, weiß jedoch niemand genau. Aber das ausbeuterische Kafala-System, was ist mit dem, fragen Sie jetzt? Ja, das ist großer Mist, eine Form moderner Sklaverei; allerdings üblich auf der Arabischen Halbinsel. In den VAE und Saudi-Arabien geht es genauso zu: da werden die Pässe der ausländischen Arbeiter ebenfalls einbehalten. Macht’s nicht besser, schon klar. Wurde aber alles bereits zum Zeitpunkt der Vergabe 2010 praktiziert. Die FIFA entschied in vollem Wissen des Kafala-Systems pro Katar. Die berechtigte Kritik daran kommt hauptsächlich aus den westlichen Industrienationen. Dass sich Pakistan, Indien, Bangladesch – also die Länder, aus denen die Arbeiter überwiegend stammen – daran stören – davon hört man so gut wie nichts.

    Wer würde davon getroffen?

    Nachdem wir die Gründe für den Boykott aufgelistet haben, wenden wir uns nun der Frage zu, wen wir mit unserem Ich-schau-mir-diese-WM-nicht-an-Protest treffen wollen. Wir können 3 Zielobjekte unterscheiden:

    (A) Katar
    (B) Die FIFA
    (C) Die Sponsoren

    Für Katar wäre es sicher bedauerlich, wenn weltweit die TV-Geräte ausbleiben. Ist ja schon bitter, wenn man höllenmäßig viel Geld für Einkauf und Organisation eines Events ausgibt, das nachher niemand sehen will. Allerdings bezweifele ich stark, dass das im Nachgang zu einem Umdenkprozess hin in Richtung Demokratie & Gewaltenteilung und mehr Rechte für Frauen und Schwule führen würde. Vielmehr steht zu befürchten, dass Katar den Spieß umdreht und dem (christlichen) Westen Arroganz oder gar Diskriminierung der arabischen Kultur und islamischer Werte vorhält. Ein Vorwurf, der in der muslimischen Welt sicher auf fruchtbaren Boden fallen wird.

    Für die FIFA wäre es SEHR ärgerlich, falls die Einschaltquoten in den Keller gingen. Gemäß der einfachen Formel: kleinere Reichweite = weniger Werbeeinnahmen & reduzierte TV-Gelder. Jedoch wird das so nicht eintreten. Dafür schauen dann doch noch zu viele Menschen aus Ländern zu, die sich für unseren deutschen Boykott Nullkommanull interessieren.

    Und die glorreiche Idee, keine Produkte der Sponsoren mehr zu kaufen, was halten Sie davon Herr Kolumnist? Weiß nicht. Die Liste der Sponsoren ist LANG. Stelle mir das von der praktischen Umsetzung her schwierig vor, bei jedem zukünftigen Besuch im Supermarkt erst mal zu überprüfen, ob ich Coca-Cola in meinen Einkaufswagen legen darf und mir im Anschluss einen Big Mac bei McDonald’s reinziehen kann. Was ist mit meinen Sportschuhen von adidas und dem Hyundai-SUV des Nachbarn? Und meine Visa-Card soll ich ab sofort auch nicht mehr benutzen? Kann man natürlich alles fordern, ob’s in der Realität von Erfolg gekrönt ist, gehört stark in die Rubrik Wunschdenken.

    Boykott: Pro & Contra

    Wollen wir abschließend festhalten: Ja, es existieren gute Gründe, die WM 22 zu boykottieren. Egal, ob dieser Boykott in der Praxis das bewirken wird, was den Boykotteuren damit vorschwebt.

    Es gibt allerdings auch Gründe für den Nicht-Boykott. Z.B.:
     Man sollte das Event vom Ausrichter trennen
     Der Otto-Normalo-Fan muss nicht ausbügeln, was die FIFA-Funktionäre verbockt haben
     Und auch die Spieler, für die die Teilnahme an einem WM-Turnier einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, sollten nicht durch kollektiven Unsere-Mattscheibe-bleibt-schwarz-Aktionismus bestraft werden.

    Wo ich persönlich zwischen diesen beiden Positionen stehe? Ich werde mir die Spiele angucken. Nicht ALLE, wie ich das bei einigen früheren Turnieren (zuletzt 2014 Brasilien, davor 2006 Deutschland) getan habe, aber schon die, die ich spannend finde. Große Vorfreude spüre ich nicht, das Gefühl des Der-ersten-Partie-entgegenfieberns hat sich bisher nicht eingestellt. Ich sehe zum einen aus Gewohnheit (tue ich seit der EM 72) und zum anderen, weil’s mich tatsächlich interessiert. So wie ich seit 50 Jahren ebenfalls an JEDEM Wochenende die Bundesliga schaue und bei der morgendlichen Zeitungslektüre zuerst den Sportteil mit den aktuellen Fußball-News aufschlage. An wilden Partys u/o Autocorsos nach evtl. deutschen Siegen werde ich mich hingegen nicht beteiligen (bin ich mittlerweile eh zu alt für). Und Fahnen oder Wimpel-schwenken war noch nie meins. Bin mehr der stille Fan (Ausnahme: der Effzeh spielt).

    Den Boykott wahrer Fußballfans (wenn sie ihn denn auch tatsächlich bis zum Finale durchhalten) bewerte ich höher als die Boykottaufrufe derjenigen, die keine Ahnung von diesem Sport haben. Merke: je weniger ich mich für Fußball interessiere, desto einfacher fällt mir natürlich die Verweigerung. Bei den Katar-Gegnern lohnt deshalb immer die Frage: wie viel Ahnung hast du jenseits der WM 22 eigentlich vom Fußball?

    Ich respektiere den Boykott, werde also keinen Protestler davon überzeugen wollen, sich gemeinsam mit mir das Spiel Deutschland vs. Spanien anzugucken. Bin mir auch darüber im Klaren, dass die Boykotteure das andersherum nicht so tolerant auffassen und mich zum Sklavenhalter-Regime-Befürworter stempeln werden. Aber ganz ehrlich: mir ist das völlig wurscht. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mir ein paar Partien anschauen werde, tendiert gegen Null.

    Ein gewisses Maß an Scheinheiligkeit

    Am Ende dieser Kolumne kann ich es mir allerdings nicht verkneifen, auf eine gewisse Scheinheiligkeit des WM22-Embargos hinzuweisen: denn mit Öl und Gas aus Katar haben wir keinerlei Problem, betteln förmlich darum, dass wir das dort kaufen dürfen und von Protestaufrufen gegen Russland 2018 und Peking 2022 habe ich nichts mitbekommen. Was mich schlussfolgern lässt, dass wir lieber kleine als große Schurkenstaaten boykottieren. Mit Atommächten wollen wir es uns nicht verscherzen, während wir einem kleinen arabischen Ausrichter mal demonstrieren möchten, wo der westlich-aufgeklärte Hammer hängt?

    Diese WM hätte nie an den Golf vergeben dürfen. Nun ist sie aber dort und sollte halbwegs in Ruhe durchgeführt werden können, ohne Fans und Spieler in Sippenhaft für merkwürdige Entscheidungen der Funktionäre zu nehmen. Und ja: die Vergabepraxis der FIFA gehört dringend auf den Prüfstand.

    Und nun wünsche ich den Boykotteuren eine sinnvolle Alternativbeschäftigung und uns Fans spannende vier Wochen.

    PS. Orangensaft aus Südafrika trinke ich weiterhin nicht. Was aber v.a. daran liegt, dass der Supermarkt, in dem ich meinen Orangensaft kaufe, die Orangen aus anderen Herkunftsländern bezieht.

  • Ist Amazon böse?

    Ist Amazon böse?

    „Die Nutellavorräte neigen sich dem Ende zu“, meldet die Kühlschrank-App. „Und die Wurst hinten links ist vergammelt,“ – „Danke“, tippe ich in das kleine Antwortfeld.
    „Raumtemperatur im Wohnzimmer beträgt aktuell 12°. Soll ich die auf 19 hochfahren, damit es bei deiner Rückkehr nach Hause angenehm warm ist?“, fragt die hübsche Heizungs-Avatarin. „Ja bitte“, sage ich.
    „Der nächste Ölwechsel steht kommende Woche an. Den Termin in der Werkstatt nochmal bestätigen?“, erkundigt sich die Kfz-Software. „Unbedingt!“, rufe ich.
    „Du warst um die vereinbarte Uhrzeit nicht anzutreffen. Wir haben den Wochenendeinkauf deshalb in einer Packstation in deiner Nähe deponiert. Für nähere Informationen logge dich bitte in unser Kundensystem ein“, informiert mich der digitale Supermarkt. „Scheiße“, fluche ich.
    „Du fährst in dreißig Tagen in den Skiurlaub. Im Zielgebiet ist es sehr kalt. Denk rechtzeitig daran, Thermounterwäsche einzupacken. Soll ich dir eine Übersicht der günstigsten Angebote in Amazon zusammenstellen?“, erkundigt sich Alexa. „Ich HASSE Thermounterwäsche!“, rufe ich. „Ich habe dich nicht verstanden. Bitte wiederhole das“ – „Ich hasse Thermounterwäsche“ – „Okay, also keine Thermounterwäsche. Möchtest du, dass ich dir eine Filmauswahl, ganz auf deinen persönlichen Geschmack abgestimmt, für heute Abend organisiere? – „NEIN! Das kann ich selber“ – „Also negativ. In Ordnung. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?“ – „NEIN! Lass mich einfach zufrieden.“ – „Zufriedenlassen: okay. Ich wechsele dann in den Standby-Modus. Melde dich, wenn du eine neue Frage hast.“ – „Sei bloß still!!“ – „Still, still, still …. bsssss.“

    Der Hirsch übertreibt es mit seinen Apps, meinen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Habe das ganze Zeug deshalb spontan von meinem Handy gelöscht und Alexa in den Elektroschrott geschmissen. Seitdem herrscht wieder angenehme Ruhe im Haus. War ja nicht zum Aushalten das Dauergeplappere. Ich meine: wer braucht schon ernsthaft eine Heizungs- oder Ölwechsel-App? Oder gar die 24/7 klugscheißende Alexa? Kein Mensch. Zumindest kein ü50-Mann wie ich, der schon Schwierigkeiten damit hat, SMS (ja ja, ich simse noch), WhatsApp, Messenger, Facebook und die Chat-Funktion der Partnerbörse sauber auseinanderzuhalten. Haben Sie schon mal morgens „Was für ein blöder Kommentar“ in die Parship-Mailmaske getippt, weil sie irrtümlich dachten, sie befänden sich in einer Facebook-Diskussion? Nein? Ich schon. Da können Sie der Dame im Nachgang noch so nett und ausführlich erklären, dass es sich um ein dummes Missverständnis handelte. Sie werden von der nie mehr was hören. Und mir passiert das dauernd. Von daher bloß keine semi-intelligenten Apps, die mich mehr verwirren bis hin zu erzürnen, als mir Nutzen zu stiften.

    Wo gibt’s noch richtige Buchhandlungen?

    Aber – ich geb’s zu – ich bin ein bekennender Einkaufsmuffel. Habe noch nie verstanden, welche Freude es dem Menschen bereitet, stundenlang durch Kaufhäuser und Boutiquen zu streifen, fünfhundert Sachen in die Hand zu nehmen, nur um am Ende mit einer Bluse, einem neuen Paar Schuhe und hellblauem Nagellack nach Hause zurückzukehren. Besuche in Bau- und Supermärkten sind mir ein Graus. Ganz schlimm am Samstag, wenn sich halb Köln durch die Gänge quetscht. Sobald ich was Neues zum Anziehen benötige, weiß ich vorher genau, was es sein soll, betrete den Shop, steuere zielgenau auf Hosen, Mantel, Mütze – oder was auch immer ich gerade benötige – zu, probiere bis zu drei Teile aus, gehe zur Kasse und zahle. Vorgang darf nicht länger als maximal fünfzehn Minuten dauern. Sonst bekomme ich erst Beklemmungen und dann schlechte Laune. Die einzigen Ladenlokale, die ich seit Jugend gerne betrete, sind Buchhandlungen und die Musikabteilung des Saturn am Kölner Hansaring. Womit wir nach zugegebenermaßen zu lang geratener Einleitung endlich beim Thema sind: Buchhandlungen, also richtige Buchhandlungen gibt es ja kaum mehr. Gonski am Kölner Neumarkt: pleite. Bouvier gegenüber der Bonner Universität: dasselbe: Hugendubel in München: zu weit entfernt. Stattdessen bestimmen Ketten wie Thalia und die Mayersche das Straßenbild: unten Kochbücher und Biografien von Promis, in der ersten Etage: Köln- & Eifelkrimis, im zweiten Stock irgendwas Undefinierbares, was ich mir nicht merken konnte, aber sich anscheinend gut verkauft. Als ich mich kürzlich in der Filiale am Neumarkt nach „Gruppenbild mit Dame“ von Böll erkundigte, erhielt ich zur Auskunft: »Nicht vorrätig. Können wir aber gerne für Sie bestellen«. – »Und was ist mit „Entfernung von der Truppe“?«, fragte ich. »Dasselbe«, erfuhr ich. »Böll gibt’s bloß auf individuellen Kundenwunsch hin. Wäre dann morgen Früh hier abholbar. Soll ich das für Sie in die Wege leiten?« – »Nein danke«, sagte ich und verließ den Laden, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben. Das wäre zu Zeiten von Gonski und Bouvier undenkbar gewesen. Damals ging ich unter einem halben Dutzend Romane, die ich zugegebenermaßen nicht alle las, da nicht raus. Heute hingegen finde ich interessanten Lesestoff entweder in Antiquariaten oder beim Online-Händler.

    Vergangene Woche entdeckte ich in der Wochenendausgabe des General-Anzeigers eine unterhaltsame Rezension zu einem neuerschienen Sachbuch „Nehmen ist seliger als geben“ von Christoph Fleischmann. Weil mir der Name des Verfassers durch seine klug-amüsanten Radiobeiträge auf WDR 5 ein Begriff war, wechselte ich spontan von der Zeitung an den Laptop und orderte das Werk in Amazon. Eine Stunde später berichtete ich stolz auf Facebook von meinem Kauf. Im Anschluss entspann sich eine Diskussion, in der es interessanterweise nicht um den Inhalt des Buches ging, sondern die einzig um die Frage kreiste: Darf man guten Gewissens überhaupt auf einer Plattform wie Amazon was kaufen? Und nun sind wir endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne angelangt. Ich versprech’s.

    Von Abrakadabra über Kadaver zum Amazonas

    Vorab ein kurzer Steckbrief des Giganten:
    – Gegründet: 1994
    – Präsident, CEO, Chairman (k.A., welcher davon der wichtigste Titel ist): Jeffrey, P. Bezos
    – Unternehmenszentrale: Seattle (also zwei, drei Blocks von Microsoft entfernt)
    Mitarbeiter weltweit: ü600.000
    – Umsatz global: knapp 200 Milliarden USD
    – Marktkapitalisierung: rund 800 Milliarden USD. Womit Amazon nach Apple zum zweitwertvollsten Unternehmen der USA aufstieg. Sie wissen nicht, was Marktkapitalisierung ist? Dann schauen Sie bitte in Google nach.

    – Mitarbeiter in Deutschland: knapp 20.000
    Umsatz D: 9 Mrd. €. Damit macht Amazon ca. ein Viertel des deutschen Online-Versandhandels aus.
    – Das deutsche Geschäft wird von Luxemburg aus betrieben.

    Ach so, bevor ich es vergesse: der Name Amazon entstand der firmeninternen Sage nach so, dass der Gründer sich zuerst Cadabra (wie Abacadabra) ausgedacht hatte. Als sein Anwalt bei der Anmeldung ins Register versehentlich Cadaver ins Formular eingeben wollte, entschied sich Bezos spontan um, recherchierte nun nach einem sowohl wohlklingenden als auch eindeutigen Begriff, der jetzt mit A (erster Buchstabe des Alphabets und deshalb weit vorne in den Branchenbüchern) beginnen musste, wobei sein Blick schließlich wohlwollend auf dem Amazonas ruhte. Der weltweit größte Fluss mit seinen tausenden Abzweigungen und Verästelungen als Synonym und Ansporn für das neue Geschäftsmodell. Die kampferprobten Amazonen hätten mit der Namenswahl hingegen nichts zu tun gehabt.Weshalb nicht? Ergibt jetzt auch nicht mehr oder weniger Sinn als Google, Bluetooth, Sony oder Yahoo.

    Die zeitraubende Religion des Firmenboykotts

    Bei Amazon kauft man nicht, das Unternehmen gehört komplett boykottiert, fordert die Online-Versandhandel-Sabotage-Fraktion. Warum, frage ich. Weil Amazon ein Monopolist ist, der seine Mitarbeiter lausig entlohnt und keine Steuern bezahlt, schallt es zurück. Oh!, denke ich, das ist übel. Aber liegt es wirklich in meinem winzigen Einflussbereich, das zu ändern? Natürlich!, ruft das Blockade-Kommando, jeder einzelne muss dazu beitragen, diesen Konzern zu bekriegen.

    Die Strategie des Firmenboykotts ist nicht neu. Ich hatte in den Achtzigern eine Freundin, die kaufte keinen O-Saft, wenn die Orangen in Südafrika gepflückt worden waren. Dann gab‘s diejenigen, die Schlecker mieden, weil die Kassiererinnen beim Discount-Drogeristen zu wenig verdienten und angeblich mittels versteckter Mikrofone von ihren Chefs belauscht wurden. Bei BP und Shell durfte man aufgrund havarierter Ölschiffe eine Zeit lang nicht tanken. H&M, KIK, C&A kann man guten Gewissens nicht betreten, da diese Unternehmen ostasiatische Näherinnen ausbeuten. Beim Kaffee muss ich darauf achten, dass der unter fairen Bedingungen produziert und gehandelt wird. Nutella geht wegen des darin enthaltenen Palmöls überhaupt nicht. Vor zwei Jahren postete ich im Hochsommer ein Bild von mir, eine Müller-Zitronenbuttermilch trinkend. Der Aufschrei der Netzgemeinde war gewaltig: Müller Milch trinkt man nicht!! Warum??, rief ich erschrocken und tippte auf Verstöße gegen die strenge deutsche Lebensmittelverordnung. Weil Müller keine Steuern bei uns, sondern in Luxemburg zahlt, wurde mir Ahnungslosem eröffnet. Daher weht der Wind, dachte ich und kippte den Rest der Zitronenbuttermilch schnell runter.

    Was und wo man kaufen darf, hat sich für einige Zeitgenossen zu einer Religion und tagesfüllenden Aktivität entwickelt. Ich persönlich war bereits in den Achtzigern nicht davon überzeugt, dass der Boykott von südafrikanischem O-Saft irgendwas an den Verhältnissen in Kapstadt und Johannesburg ändern würde. Leidtragende sind die Pflücker, die dann erstmal arbeitslos werden. Wenn nun Amazon seine Mitarbeiter unterdurchschnittlich entlohnt, ist es am Betriebsrat und den Gewerkschaften hier für schnelle Abhilfe zu sorgen. Zumal ich ja nicht weiß, ob der ein Klick entfernte Versandhändler es wesentlich besser als der Riese aus Seattle macht. Dass Amazon zu wenig oder gar keine Steuern in Deutschland abführt, indem man Zentralen in Fiskaloasen errichtet – aus kaufmännischer Perspektive gesehen konsequent, für unsere nationale Volkswirtschaft hingegen eher unbefriedigend. Hier ist aber mMn der europäische Gesetzgeber gefordert, für eine gerechte Verteilung der Einnahmen zu sorgen. Solange sich die einzelnen EU-Mitglieder bei den Unternehmenssteuersätzen jedoch einen erbitterten Konkurrenzkampf liefern, werden Headquarter-Verlagerungen nach Luxemburg, Malta und Zypern nicht zu verhindern sein. Ich kann echt nicht – und habe ehrlich gesagt auch Null Bock darauf – bei jeder Müllermilch vorher recherchieren, wieviel Kohle der Firmeninhaber an das Finanzamt überweist.

    Der stationäre Einzelhandel stirbt sowieso

    Amazon tötet den stationären Einzelhandel, werfen Sie nun in die Debatte ein? Das stimmt, ist aber ein Allgemeinplatz. Zum einen tun das alle Online-Versender, zum anderen stirbt der innerstädtische EH ebenfalls aufgrund massiven Wettbewerbs durch die in den Randbezirken aus dem Boden schießenden Shopping Malls und Outletcenter. So lange ich in Bonn, Köln oder Düsseldorf erstmal 45 Minuten lang einen Parkplatz suchen und für den am Ende meines Einkaufsbummels zwischen fünf und zehn Euro berappen muss, fahre selbst ich – der ich die künstlich-sterile Atmosphäre der Vorort-alles-unter-einem-Dach-Paradiese mit angegliederter Systemgastronomie überhaupt nicht mag – lieber nach Buschdorf, Montabaur, Pulheim, Opladen – und wie die Käffer in Westerwald, Vorgebirge, Bergischem Land sonst noch alle heißen mögen –, als mich am Samstagmittag durch den blutdrucksteigernden Kölner Verkehr zu ärgern. Oder ich bestelle halt im Internet. Den E-Commerce aufhalten zu wollen, ist in etwa so sinnvoll, wie sich die gute alte Kugelkopfschreibmaschine zurückzuwünschen oder der Zeit, als die Kinos noch Jugendstilpalästen ähnelten, hinterherzutrauern, anstatt sich langsam mit Netflix anzufreunden. Kann man natürlich tun; wird den technischen Fortschritt – der ja zur Hälfte auf der Bequemlichkeit der Konsumenten gründet – jedoch nicht stoppen.

    Meine individuelle Antwort auf Amazon & Co. mündet deshalb in eine Hybrid-Taktik: wenn ich mal in der Innenstadt bin – zugegebenermaßen aufgrund der oben aufgezählten Verkehrs- und Parkprobleme eher selten –, dann kaufe ich alles, was ich benötige, dort im stationären Einzelhandel. Auch Bücher (falls die vorrätig sind) und Elektroartikel. Den Rest – aus dem Bauch heraus geschätzt: ca. 50 Prozent meiner Anschaffungen, von den Lebensmitteln mal abgesehen – per Mausklick. Und beim E-Commerce bin ich völlig vorurteilsfrei. Ob die Ware von Amazon, Saturn, Media Markt, Zalando oder Douglas verschickt wird, ist mir persönlich egal. Hand aufs Herz: Wie viele der BP- & Shell-Protestierer tanken heimlich dann doch an den boykottierten Zapfsäulen, sobald die nächste Aralstation zu weit entfernt liegt? VIELE.