Schlagwort: Christentum

  • Heilige Schriften

    Heilige Schriften

    Es gibt Bücher, die sind dir heilig. So ein heiliges Buch kann im Bücherregal stehen, du nimmst es von Zeit zu Zeit liebevoll in die Hand, blätterst darin, liest ein paar Sätze, und ein andachtsvoller Schauer erfasst dich.

    Für mich gab es lange Zeit so ein Buch, es war die Erstausgabe von Christa Wolfs „Sommerstück“. Das Buch war 1989 erschienen, es muss irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer gewesen sein, denn ich war noch Student in Berlin. Wir wussten, dass das Buch jeden Tag in die Buchhandlung kommen konnte, so standen wir, ein paar Studenten, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Ladenöffnung am „Internationalen Buch“, warteten, bis sich die Tür öffnete und die Verkäuferin sagte: „Ist noch nicht da“ . Bis zu dem Tag, wo sie das eben nicht mehr sagte, sondern uns zu dem kleinen Stapel vorließ, von dem jeder von uns nun ein Exemplar nahm, bezahlte, und glücklich verschwand.

    Das „Sommerstück“ war ein schönes Buch, der Einband, das Schriftbild, alles war schön. Außerdem enthielt es Zeichnungen – von wem, weiß ich nicht mehr. Und die Sprache hat mich bezaubert, die Geschichte hat mich berührt.

    Irgendwann war das Buch verschwunden, ich weiß nicht mehr, habe ich es verliehen, oder habe ich es sogar verschenkt? Während ich dies schreibe, will ich sogar glauben, dass ich es verschenkt habe. Jedenfalls ist es nicht mehr da, ich habe mir irgendwann eine Taschenbuchausgabe gekauft. Ich habe noch nicht hineingesehen.

    Buch oder Schrift

    Das Wort „Buch“ ist doppeldeutig, es bezeichnet einen physischen Gegenstand, ein Stapel Papier, bedruckt zumeist mit Schrift, und ein Einband, vielleicht aus Pappe, vielleicht mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Buch kann ein heiliger Gegenstand sein, eine Reliquie.

    Aber wenn einer ein Buch geschrieben oder ein anderer ein Buch gelesen hat, dann meint man nicht dieses Papierding, sondern die Schrift darin, den Text. Wenn jemandem so ein Text heilig ist, könnte er ihn als seine heilige Schrift bezeichnen.

    Ich scheue mich davor, zuzugeben, dass es für mich heilige Schriften gibt. Wenn ich so vor meinem Bücherregal stehe und auf die Buchrücken schaue, wenn ich dieses oder jenes Buch herausziehe und darin blättere, dann muss ich mir allerdings eingestehen, dass es Texte gibt, die einen gewissen heiligen Status für mich haben. Gedichte von Rilke, ja, und, ich muss es zugeben, auch „Sein und Zeit“ und einige Vorlesungen von Heidegger, „Der Satz vom Grund“ etwa, oder „Was heißt Denken?“. Auch einige Schriften des Aristoteles gehören dazu. Natürlich will ich das sofort relativieren, kaum, dass ich es hingeschrieben habe.

    Was ist das „Heilige“?

    Wenn zwei zusammenkommen, denen die gleichen Schriften heilig sind, dann bildet sich Gemeinschaft. Man liest sich gegenseitig den einen oder anderen Abschnitt vor, sieht die leuchtenden Augen des Anderen, merkt, dass man einander durch und in diesen Texten versteht. Und man ist verwundert und berührt von der Tatsache, dass ein paar Worte, vor langer Zeit geschrieben, den Autor mit uns hier und jetzt zu einer Gemeinschaft vereint.

    Das ist ja überhaupt das Heilige: Dass es auf intuitive Weise Gemeinschaft herstellt, mit anderen, die anwesend sind, aber auch mit denen, die schon zuvor dieses Heilige erfahren haben. Man ist dann geneigt, ja, man kann vielleicht nicht mal umhin, intuitiv zu verstehen, dass es eine Idee geben muss, die in diesem heiligen Werk lebt, eine Idee, die die einzelnen Menschen überdauert, und dass es diese Idee ist, die die Gemeinschaft derer, die von diesem Heiligen erfasst werden, erzeugt und sicherstellt.

    Damit sind wir im Bereich der Religionen angekommen, und gleichzeitig an einer Stelle, die den Philosophen immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und diese merkwürdige Verwandtschaft zwischen Philosophie und Theologie erklärt. Denn wie es sein kann, dass solche Ideen über Jahrhunderte hinweg existieren, dass wir heute spüren, dass schon Aristoteles die gleichen Gedanken umgetrieben haben wie uns jetzt, dass sich in einem Rilke-Gedicht etwa ausspricht (ja, es spricht sich aus) was ich erspüren kann – dass es also dieses Reich der Ideen irgendwie wirklich geben muss, dass lässt die Philosophen schlaflos sein, während die Theologen einfach Gott dazu sagen. Die Gemeinschaft, die sich um eine bestimmte Heilige Schrift herum bildet, ist dann eben eine Religions-Gemeinschaft, deren Anhänger sich darüber einig sind, dass genau in dieser Schrift die Ideen ihres Gottes sprechen.

    Religiöse Züge

    So weit, so gut, und wir sagen nicht umsonst, dass die Verehrung eines Dichters oder Denkers hier und da „religiöse Züge“ annimmt. Diese Art von Religiosität ist vielleicht wirklich eine zutiefst menschliche Angelegenheit, die die Identifikation und Gemeinschaft mit weit entfernten und längst verstorbenen Menschen eben über diese gemeinsamen Ideen, die uns Sterbliche überdauern, ermöglicht. Das ist ganz wunderbar, und wir täten gut daran, das Phänomen der Religiosität aus der Enge der Kirchen herauszuholen und es viel allgemeiner und selbstverständlicher zu beschreiben.

    Aber nicht in diesem Text. Denn hier soll es denn doch noch um die Schriften gehen, die den großen Glaubensgemeinschaften heute als heilig gelten: Die Bücher und Evangelien der Bibel etwa, oder der Koran.

    Diese Schriften, so heißt es, sind von einem Gott selbst geschrieben oder wenigstens diktiert. Sie sind deshalb unumstößlich wahr, und soweit sie Anweisungen für das praktische Leben enthalten, sind diese von denen einzuhalten, die sich zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft zählen.

    Idee oder Gott

    Man muss nicht an einen aktiv schreibenden oder diktierenden Gott glauben, um die Entstehung einer Heiligen Schrift zu verstehen und zu akzeptieren. Nimmt man an, dass es Ideen gibt, die unabhängig von konkreten Menschen und deren Einzelzielen und Anschauungen existieren (etwa die Idee der Freiheit, die der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, des Glücks und des guten Lebens), dann kann man sich die Entstehung einer heiligen Schrift auch so vorstellen. Ein Autor, der die wichtigen Ideen der Gemeinschaft besonders intensiv und direkt erkannt hat und zudem die Fähigkeit besaß, diese Ideen in bildhafter Sprache und in verständlichen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, hat diese Texte geschrieben. Der Autor kann dieses Schreiben durchaus als intuitives Erkennen der Ideen, als Sprechen der Ideen zu ihm und durch ihn, erlebt haben. Durch die Akzeptanz der Gemeinschaft ist zudem gesichert, dass es tatsächlich diese Ideen der Gemeinschaft sind, die unabhängig vom Autor da sind, die aus dem Text sprechen.

    Wie auch immer, damit diese Texte verständlich sind, müssen sie an das Leben der aktuellen Gemeinschaft, an ihre konkrete Erfahrung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise anknüpfen. Auch ein Gott muss, um sich seinen Gläubigen verständlich zu machen, in ihrer Sprache sprechen, muss in Gleichnissen reden, die ihrem Alltag und ihrem Weltverständnis entnommen sind.

    Gott muss alltäglich sprechen

    Wenn also spätere Generationen die Ideen einer heiligen Schrift verstehen wollen, müssen sie sie deuten. Man muss sie nicht einmal in die heutige Welt „übersetzen“, aber man muss die Idee aus dem Text herausdeuten. Der pure Text kann nicht die Botschaft sein. Auch wenn ich heute bei Aristoteles etwas über seine Idee der Demokratie erfahren will, muss ich seine Welt und die seiner Mitdenker in mein Denken mit hineinholen. Jede heilige Schrift ist Gleichnis in der Welt ihres Entstehens, die Idee, die sie ausspricht, muss neu erspürt werden. Das eigentlich Wunderbare ist ja, dass das wirklich geht.

    Auch diejenigen also, die sich immer wieder gern aus moderner Sicht über alte heilige Texte lustig machen, zeigen nur, dass sie das Wesen einer Heiligen Schrift nicht verstanden haben. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments etwa, in der Gott in sieben Tagen die Welt erschuf, halten sie von der modernen Naturwissenschaft für widerlegt. Aber versetzen wir uns einmal in die Lage Gottes, der den Menschen vor ein paar tausend Jahren erklären wollte, dass auch diese Welt, so wie sie heute ist nicht ewig existierte. Wir Heutigen haben natürlich eine gewisse Vorstellung davon, was Millionen oder Milliarden Jahre sind, aber in einer Zeit ohne Geschichtsschreibung, ohne Archäologie oder Geologie, wie sollte man da die Idee vom Werden der Welt erklären? Wenn man das in Betracht zieht, dann ist es eigentlich ganz faszinierend, wie genau die Schöpfungsgeschichte mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Denken übereinstimmt: erst die Entstehung von Sonne und Erde, die Notwendigkeit des Lichts und des Wassers, dann die Pflanzenwelt, dann erst die Tierwelt und schließlich der Mensch. So falsch ist das nicht, und wenn man bedenkt, dass die Autoren dieser Schriften wirklich keinen einzigen empirischen Hinweis hatten, dass es so gewesen sein muss, dann muss man staunen über die Intuition dieser Denker.

    Aber auch diejenigen, die die Heiligen Schriften akzeptieren und als Vor-Schriften für Ihre Gemeinschaft nehmen, müssen sich vergegenwärtigen, dass ihr Gott zu ihnen hier und heute anders sprechen würde, in anderen Bildern, anderen Gleichnissen, und dass er ihnen auch andere Vorschriften machen würde, die in die heutige Welt passen. Sie müssen die Ideen hinter den Geschichten erspüren, die universellen Normen hinter den Gesetzen, die in einer ganz bestimmten Zeit formuliert worden sind.

    Viele Heilige Schriften – und immer die gleichen Ideen

    Vielleicht würde es ihnen auch helfen, wenn sie sich vorstellen könnten, dass dieser Gott an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Heilige Schriften geschrieben hat, und dass sie nur durch die Zusammenschau all dieser Texte zu der Idee kommen können, die ihnen ihr Gott auch heute mit auf den Weg geben will. Und vielleicht stecken diese Ideen ja auch in anderen Schriften, denn der Gott, zu dem die einen oder anderen beten, ist ja universell, er kann auch zu Menschen sprechen, die nicht an ihn glauben. Vielleicht ist ja selbst dieser Text hier von diesem Gott diktiert.

    Oder er ist eben ein Ausdruck einer allgemeinen Idee, die auch in diesem Text lebt, die mich aus meinen heiligen Schriften anweht und die mich, auch durch diesen Text, überdauert.

  • Was bleibt von der Religion?

    Die Adventszeit und das Weihnachtsfest zeigen es Jahr für Jahr: Wir leben in einer christlich geprägten Gesellschaft. Seit rund 2.000 Jahren bestimmt die christliche Religion die Traditionen, den Rhythmus der Arbeitswoche, die Feiertage, die Redewendungen. Bedeutende Kunstwerke sind von christlichen Motiven geprägt, die beeindruckende Architektur in den Städten überall in Europa verdankt ihre Entstehung und ihr Aussehen der Anbetung des christlichen Gottes. Unsere moralischen Grundsätze fassen wir, ob wir gläubige Christen sind oder nicht, in Worte, die der Heiligen Schrift dieser Religion entnommen sind.

    Heute geht der Einfluss der christlichen Kirchen gerade da stetig zurück, wo sie in den letzten zwei Jahrtausenden besonders prägend waren. Mit dem Gottesglauben, so wie er vom Christentum verstanden wird, können sich immer weniger Menschen identifizieren. Die Naturwissenschaften haben die Vorstellungen von Gott und Jenseits fragwürdig gemacht. Damit sind auch alle moralischen Normen, die das Christentum mit Bezug auf diesen Gottesglauben gesetzt hat und noch immer setzt, fragwürdig geworden. Wenn ich mich moralisch letztendlich vor einem Gott, der als Person verstanden wird, zu verantworten habe, dann wird der Moral mit dem Glauben an diesen Gott letztlich der Boden unter den Füßen weggezogen.

    Gegenwärtig ist die Meinung verbreitet, dass mit dem Reputationsverlust der alten Kirchen das Ende der Religionen überhaupt gekommen wäre. Warum haben die Menschen überhaupt immer wieder eine neue Religion und eine neue Kirche aus dem Bestehenden heraus geschaffen, warum haben sie die ganze Idee der religiösen Kulte, die von einer Kirche zelebriert und gepflegt werden, nicht längst lachend beiseite getan? Die Vermutung, dass eben erst wir heute so klug sind, zu erkennen, dass es keinen Gott und kein Jenseits gibt, dass alles erklärbar ist und dass es für Götter keinen Ort und keine Notwendigkeit gibt, greift zu kurz. Auch die alten Griechen hielten die Welt für erkennbar, auch unter ihnen gab es schon Denker, die die Existenz der Götter bestritten und dafür gute Gründe angeben konnten. Wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, dass die Menschen in früheren Jahrtausenden eben einfach noch dümmer oder unwissender waren als wir, und erst wir heute so viel Wissen angehäuft hätten, um beweisen zu können, dass es Götter nicht gibt oder dass sie wenigstens nicht gebraucht werden.

    Glauben, Kult und Autorität

    Wenn wir dem Geheimnis der Anziehungskraft der Religionen auf die Spur kommen wollen, ist es sinnvoll, erst einmal die Frage zu stellen, was mit diesem Begriff eigentlich bezeichnet wird. Je nach der Weltgegend und historischer Epoche begegnen uns ganz verschiedene Traditionen und Handlungsweisen, die wir doch ziemlich sicher unter dem Begriff der Religion zusammenfassen. Manche Religionen haben eine ganze Vielzahl von Göttern, die sie anbeten und mit denen sie auf besondere Weise ins Gespräch kommen. Andere haben einen einzigen Gott, wieder andere haben gar keinen Gott, aber dennoch eine Instanz, außerhalb der Alltagserfahrung, mit der sie auf nicht alltägliche Weise in Verbindung kommen. Manche Religionen organisieren sich in einer straff geführten hierarchischen Kirche, während andere nur einzelne religiöse Führer haben. Es gibt verschieden bestimmte heilige Orte, an denen die Angehörigen der Religionsgemeinschaft zu bestimmten Zeiten oder Ereignissen zusammenkommen, um Rituale zu zelebrieren, religiösen Inszenierungen zu folgen oder, wiederum auf ganz verschiedene Weise, gemeinsam zu beten.

    Was ist all diesen vielfältigen Traditionen und Handlungen gemeinsam? Es scheint, als ob es bei jedem Phänomen, das wir als Religion bezeichnen, drei Aspekte gibt, die miteinander verschränkt oder dicht verwoben sind, sodass man diese manchmal miteinander gleichsetzt. Da ist zuerst einmal der Aspekt des Glaubens an etwas, das außerhalb des Alltags der Gemeinschaft existiert, und doch für diese Gemeinschaft und für das Leben eines jeden Einzelnen in der Gemeinschaft von ganz grundsätzlicher Bedeutung ist. Der zweite Aspekt ist der des Kults oder des Rituals. Im Ritual, dem gemeinsam und nach gewissen traditionell vorgegebenen Vorschriften inszenierten Kult, wird das, woran die Gemeinschaft glaubt, erfahrbar gemacht. Hier wird die Verbindung zum Alltag gelöst und zum Wesentlichen, dem der Glauben gilt, hergestellt. Schließlich gibt es den Aspekt der Institution, in der sich die Gemeinschaft organisiert und der eine Autorität die Einhaltung des Kults organisiert und sichert. Die Institution Kirche ist, sowohl im praktischen als auch im metaphorischen Sinn, die Stätte, an der die Religionsausübung stattfindet und die die Stabilität der religiösen Erfahrung über lange Zeit und an den verschiedenen Orten, an denen die Religionsgemeinschaft zusammenkommt, sichert.

    Der Dreiklang von Glauben, Kult und Autorität ist nicht nur bei kulturellen Phänomenen zu beobachten, die wir im engeren Sinne als Religionen bezeichnen. Politische Parteien und wirtschaftliche Unternehmen haben ihre spezifischen Überzeugungen, die sie als ihre Aufgabe oder ihre Mission ansehen, sie pflegen und inszenieren regelmäßig bestimmte Rituale, um die Angehörigen auf die Gemeinschaft und die gemeinsamen Ziele einzuschwören, und sie haben dafür spezielle Organisationsformen und Versammlungsstätten, die der Pflege der Traditionen und Kulte dienen. Nicht umsonst sprechen wir, wenn der Dreiklang dieser gemeinschaftlichen Traditionspflege besonders stark und emotional ausgeprägt ist, davon, dass die Versammlung der jeweiligen Gemeinschaft religiöse Züge annimmt.

    Was unterscheidet diese manchmal religiös anmutende Traditionspflege von Religionen im engeren Sinne? Es ist nicht die Intensität des Glaubens oder die Strenge des Rituals, es ist auch nicht der Organisationsgrad der Gemeinschaft. In einer Religion geht es auf sehr fundamentale Weise immer um den ganzen Menschen und um seine Stellung in der Gemeinschaft, somit geht es auch für die Gemeinschaft in grundsätzlicher Weise um ihren Sinn und den Zweck allen Tuns selbst. Eine politische Partei hat ein politisches Ziel, um dessen Willen das gemeinschaftliche Handeln gestärkt werden soll, so wie ein Unternehmen ein wirtschaftliches Ziel hat und ein Sportverein ein sportliches Ziel. Um diese Ziele zu erreichen, soll das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, und dazu gilt es, den Glauben an das Ziel und an die Kraft der Gemeinschaft zu stärken, indem Traditionen gepflegt und Rituale gelebt werden, dazu werden Organisationsformen geschaffen und gemeinschaftliche Ereignisse an besonders geeigneten Orten organisiert.

    In einer Religion geht es jedoch um den Sinn allen gemeinschaftlichen Tuns und um die Bedeutung des Einzelnen in dieser Gemeinschaft selbst. Es geht darum, wie sich die einzelne Person auf die Gemeinschaft in all ihrem Handeln verpflichtet, es geht um die moralischen Grundsätze der ganzen Gemeinschaft in all ihrem Wirken. Letztlich bildet das Erleben dieser Gemeinschaft die Grundlage für jede Gemeinschaftlichkeit, auch für die politische und wirtschaftliche.

    Viele Menschen meinen heute, ohne eine solche verpflichtende Gemeinschaftlichkeit einer Religion, in die sie eingebunden sind, auskommen zu können. Vielleicht heißt das letztlich, dass die Gesellschaft auch ohne ein ganz fundamentales Gemeinschaftsempfinden auskommen kann, dass sich Gemeinschaftlichkeit auch gebunden an konkrete Zwecke auf Zeit ausbilden kann und dass die Menschen ansonsten voneinander unabhängige und einander nicht verpflichtete Individuen sein können. Es spricht aber auch einiges dafür, dass Verantwortung und Pflichtgefühl im einzelnen nur stabil und zuverlässig möglich sind, wenn sie auf einem allgemeinen moralischen Fundament ruhen, das durch eine Gewissheit der Bedeutsamkeit von Gemeinschaft und des eigenen Handelns für eine Gemeinschaft zustande kommt.

    Sinn und Bedeutsamkeit

    Wenn wir fragen, worin aller religiöser Glauben, sei er mit einem personalen Gott verbunden oder nicht, zusammenkommt, dann darin, dass das, was uns in der Welt begegnet, und unser Handeln in der Welt einen Sinn hat, dass es Bedeutung über das hinaus hat, was uns jeweils zum Weiterleben nötig ist. Mit ihrem Glauben versehen die Menschen ihre Welt mit Bedeutsamkeit. Das gilt für die Position jedes einzelnen Lebens innerhalb der Gemeinschaft als auch für das gemeinschaftliche Wirken in der Welt, für das Verstehen dieser Wirklichkeit, in der die Realität auf die Menschen wirkt, so wie umgekehrt menschliche Praxis auf die Welt wirkt. Wir können diese Verwebung und Einwebung der Menschen in die Gemeinschaft und in die Welt nur verstehen, indem wir sie in ihrer Bedeutung begreifen. Die einzelnen Bedeutungen bringen wir in einen Bedeutungszusammenhang, der Geburt, Leben und Tod, die Regelmäßigkeiten des gemeinschaftlichen Lebens, die Differenzierungen innerhalb unserer gesellschaftlichen Einbindungen und die Wechselfälle und Ereignisse des Lebens einschließt. Religiosität bedeutet, diese Bedeutsamkeit gemeinsam verständlich und erfahrbar zu machen und damit „dem Ganzen“ einen Sinn zu geben, den wir akzeptieren können. Gerade für die Dinge, die uns wichtig und groß erscheinen, ist diese Bedeutsamkeit besonders augenfällig. Das moralische Handeln sowie das Suchen nach Wahrheit und Schönheit sind mit der Gewissheit verbunden, dass sie einen Sinn über den Moment hinaus haben, unabhängig davon, ob sie direkt nützlich und erfolgreich sind, oder nicht.

    Glauben ist die Überzeugung, dass es etwas gibt, ohne dass wir uns selbst von seiner Existenz überzeugt hätten, sei es durch direkte Anschauung oder sei es durch logische Schlussfolgerung aus solchen direkten Anschauungen. Streng genommen basiert fast alles, was wir als sicheres Wissen bezeichnen, auf Glauben. Wir glauben, was die Eltern sagen, was die Lehrer und Professoren uns lehren, wir glauben, was in den Lehrbüchern steht und was die Nachrichten uns mitteilen. So ist es auch mit den moralischen Überzeugungen, die wir durch die Befragung des Gewissens gewinnen und festigen und von denen wir wissen, dass wir sie mit anderen teilen.

    Manche Menschen verbinden diese ganz grundsätzlichen Gewissheiten mit einem Gott oder mit anderen Wesen, die außerhalb der Alltagserfahrung angesiedelt sind und zu denen sie durch ihr Gewissen in bestimmten Momenten und Situationen in Kontakt kommen, andere haben für das, was hinter diesen Grundsätzen steht, keinen Namen. Auch ohne von einem Gott zu sprechen, sagen wir oft, dass uns diese Dinge „heilig“ sind. Heilig kann uns auch die gewaltige Natur sein, der Sternenhimmel, der Regenbogen, das Wachsen der Lebewesen, die Geburt eines Menschen, die Gemeinschaft, in der wir uns geborgen fühlen. Das sind die Dinge, an deren Bedeutsamkeit wir glauben, unabhängig davon, ob wir sie mit einem Gott verknüpfen oder nicht.

    Das Ritual: Die Sprache des Bedeutsamen

    Die Sprache, in der sich Bedeutsamkeit zeigt, ist die der Rituale. Zwar können wir die Bedeutungen von Ereignissen und den Sinn vor Erlebnissen auch in Worte fassen, aber sie offenbaren sich im Ritual. Ich kann meinem Freund versichern, dass ich ihn schätze und ihm beistehen werde, aber viel verständlicher wird, was er mir bedeutet, im festen Händedruck. Die Bedeutung des Abschiedsschmerzes spüren wir in der Umarmung am Bahnsteig. Durch die Zeremonie der Zeugnisübergabe wird den Schülern die Bedeutung des Moments für das ganze Leben bewusst. Sie spricht im Ritual, das die Gemeinschaft mit diesem Moment verbindet, und umso selbstverständlicher und stärker das Ritual gelebt wird, desto bedeutsamer ist der Moment. Wir glauben die Bedeutung einer Freundschaft umso sicherer, desto fester und selbstverständlicher der Händedruck und die Umarmung beim Abschied sind.

    In den Ritualen feiern die Menschen die Bedeutsamkeit dessen, woran sie im eben beschriebenen Sinne glauben, die Feiertage sind deshalb auch die wichtigen Momente, in denen die Menschen sich ihrer Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft versichern. Es ist nicht überraschend, dass Menschen etwa in Europa dabei an die christlichen Feiertage und Rituale anknüpfen. Wie schon gesagt, wir sind in all unseren Traditionen über zweitausend Jahre christlich geprägt. Das bedeutet nicht nur, dass wir an Feiertage wie etwa Ostern und Weihnachten, oder an bestimmte Rituale im Zusammenhang mit der Geburt eines Menschen, dem Erwachsenwerden, der Hochzeit und dem Tod „gewöhnt“ sind, sondern dass sich die Bedeutsamkeit, der Sinn dieser Feiern mit der Bedeutung, die wir in der Einbindung eines jeden von uns in die Gemeinschaft erleben, aus dieser langen Tradition herleitet. Wir haben bestimmte Vorstellungen von den moralischen Verpflichtungen der Gemeinschaft gegenüber einem Neugeborenen, von den Pflichten, die zwei Menschen durch Heirat füreinander übernehmen. Wir haben auch die Überzeugung, dass wir uns immer wieder auf den Wert der Gemeinschaft, auf unsere Schwächen, auf die Fähigkeit, füreinander einzustehen, besinnen sollten.

    In einem ganz ursprünglichen und fundamentalen Sinn ist uns Menschen eine so verstandene Religiosität offenbar wesenseigen. Das bedeutet nicht, wie man manchmal meint, dass Spiritualität oder gar Mystik oder der Wunsch nach schönen Ritualen in einem romantischen Sinn ein Bedürfnis sind, das die Religionen in den Kirchen befriedigen, so wie Rockbands und Fußballmannschaften in Stadien unser Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen befriedigen. Religiosität ist vielmehr die Weise, wie die Menschen als Gemeinschaft mit sich und der Welt überhaupt umgehen können, es ist die Methode, mit der wir uns selbst in die Gesellschaft integrieren und das Wirken in dieser Gesellschaft und aus ihr heraus in die Umwelt hinein verstehen und gestalten können.

    Eine so verstandene Religiosität wird mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und den technischen Errungenschaften nicht überflüssig, denn diese können weder unserer Verbindung mit der Welt, noch der Verflechtung der einzelnen Person mit der Gesellschaft Bedeutung und Sinn geben, sie können uns vielleicht sagen, warum die Dinge so sind, wie wir sie vorfinden, aber nicht, warum wir die Dinge verändern sollen, sie können uns Werkzeuge zum Handeln geben, aber keinen Grund, aus dem heraus wir handeln sollten.

    Das macht deutlich, dass Religionen nicht irgendein merkwürdiges Bedürfnis befriedigen, es geht nicht um Unterhaltung oder um Erbauung, nicht darum, sich gemeinsam ein paar schöne Stunden zu machen und dafür einige geeignete Anlässe zu finden. Es geht auch nicht darum, die Grundsätze einer christlich geprägten Moral in das nachchristliche Zeitalter hinüberzuretten, weil wir gemerkt haben, dass es für ein halbwegs gelungenes Zusammenleben der Menschen ganz sinnvoll sein kann, weiterhin an die zehn Gebote und die Bergpredigt zu denken. Wir sollten die Traditionen der nahen und fernen Religionsgemeinschaften gerade nicht wie einen Fundus nützlicher Regeln, einen Steinbruch für Lebens- und Moralbausteine betrachten, die wir geschickt und planvoll in unser modernes, gottfernes Lebensgebäude einbauen können.

    Religiosität ist – auch wenn das immer noch befremdlich klingt – das Grundprinzip des menschlichen Weltverstehens, die Basis des sicheren menschlichen Handelns. So, wie sich die Alten Griechen, die im Zentrum ihrer Religion Geschichten einer komplexen Götterwelt hatten, wohl nicht vorstellen konnten, dass zur Religion ein einziger Gott ausreicht, so können sich Christen nicht vorstellen, dass Religiosität auch ganz ohne einen Gottesglauben möglich und sinnvoll sein kann. Aber die vieltausendjährige Geschichte der monotheistischen Religionen hat gezeigt, welche vielfältigen Ausprägungen mit dem Glauben an einen Gott möglich sind. Wie sich die Religiosität der Menschen in Zukunft gestaltet, ist natürlich nicht konkret vorhersagbar. Sicher scheint nur, dass wir am Beginn eines Umbruchs stehen, sicher scheint auch, dass Traditionen, Rituale, Geschichten und Symbole der alten Kirchen in neue Formen von etwas, das man vielleicht eine „weltliche Religiosität“ nennen könnte, eingehen werden. Gleichzeitig können Bräuche aus dem nichtreligiösen Alltag sich, wenn sie die Bedeutsamkeit des Zusammenseins erlebbar machen, in solch eine neue Gemeinschaft eingehen. Eine gewisse Vorstellung davon, wie das aussehen könnte, kann man sich machen, wenn man beobachtet, wie wir schon heute außerhalb der Kirchen unsere Gemeinschaftlichkeit erlebbar machen. Zwei gemeinsame Handlungsformen tauchen dabei immer wieder auf: das gemeinsame Essen und das gemeinsame Singen. Es ist nicht überraschend, dass uns diese auch von den christlichen Kirchen her schon bekannt sind.

    In den bisherigen Kirchen wird das gemeinsame Abendmahl auf Gott bezogen, und von ihm her kommt auch die Speise und der Trank. Hier wird Gemeinschaft zwar durch das Teilen des Brots und des Weins erlebt, aber sie wird durch Gott hergestellt. In einer Kirche ohne Gottesbezug kommt die Speise, die geteilt wird, auch von der Gemeinschaft. Wir kennen das bereits: Immer häufiger sagen wir, wenn wir zusammen feiern wollen, dass alle, die teilnehmen, auch etwas mitbringen, Salat, Brot, Würstchen, Wein, ungefähr so viel, wie man selbst essen möchte. Dann wird geteilt, niemand isst das selbst mitgebrachte, sondern alle probieren das, was andere mitgebracht haben. Im gemeinsamen religiösen Fest könnte es so sein, dass alle eine Kleinigkeit, vielleicht ein selbst gebackenes kleines Brot, mitzubringen hätten, welches geteilt und in einen gemeinsamen Korb getan wird, aus dem alle sich, zu einem bestimmten Moment am Ende der Feier, ein Stück nehmen. Es wäre auch denkbar, dass dies die Einleitung zu einem anschließenden gemeinsamen Essen ist, zu dem alle etwas zu Essen und zu Trinken mitgebracht haben.

    Den gemeinsamen Gesang als Erlebnis von Gemeinschaft kennen wir ebenfalls sowohl aus den Kirchen als auch aus nichtreligiösen Zusammenhängen. Es ist erstaunlich, wie schwer es uns manchmal fällt, in so einen Chor einzustimmen, während wir in anderen Situationen, etwa, weil jemand aus dem Freundeskreis Geburtstag hat, mehr oder weniger lautstark mitsingen. Wenn es darum geht, weder einen Gott noch einen einzelnen zu preisen, dann kommt es auf den Text vielleicht gar nicht an. In einer Kirche ohne Gottesbezug, in der es um die Feier der Gemeinschaft selbst geht, kann man die Melodien auch mitsummen oder klatschen. Wichtig wäre vor allem, dass die Gemeinschaft selbst es ist, die die Musik macht, und dass sie sich nicht nur etwas vorspielen lässt, so wie wir es heute häufig bei „feierlichen Anlässen“ erleben, bei denen man sich vielleicht gut unterhält oder andächtig lauscht, aber trotz großer Zuhörerzahl kein Gemeinschaftsgefühl aufkommt. Das entsteht erst, wie wir aus Fußballstadien und von Rockkonzerten wissen, wenn die Zuhörer zum großen Chor werden.

    Man könnte nun fragen, warum es eine Kirche und vielleicht sogar einen festen Ritus des gemeinsamen Essens und ein Gesangsbuch brauchen soll, um auf diese Weise Gemeinschaft zu erleben. Das Problem ist, dass die Freundeskreise und die Fangemeinden oft ganz lokal beschränkt sind, und sie umfassen immer nur einen ziemlich kleinen Teil der ganzen Gemeinschaft, zu der wir eigentlich gehören und die wir, egal wohin wir kommen, eigentlich erleben könnten. Eine weltliche Kirche könnte der Ort der Gemeinschaft sein, der letztlich überall schon eingerichtet ist, wo wir hinkommen, sie lässt uns eine prinzipiell grenzenlose Gemeinschaft sein, die nicht auf dieses oder jenes Interesse oder auf zufällige Bekanntschaften bezogen ist, sondern auf die Gemeinschaftlichkeit der Menschen und ihre Verantwortung füreinander und für ihre Welt selbst. Wenn es einen Menschen irgendwo hin verschlägt, wo er niemanden kennt, könnte er sich die örtliche Gemeinde suchen, er kennt ihre Rituale, kann an ihren Feiern ganz natürlich teilnehmen, und erlebt, dass es überall Gemeinschaft, überall ein Stück Heimat gibt.

    Lesen Sie zum gleichen Thema die Kolumne Guter Gott? Böser Gott? von Jörg Friedrich.

    In Jörg Friedrichs letzter Kolumne ging es um Flaschensammeln in Würde.

  • Guter Gott? Böser Gott?

    Terror zu Ehren eines Gottes oder im Namen einer Religion erschüttert die Welt. Im Namen Gottes sind Kriege geführt worden, wurden Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt, Kulturen ausgelöscht. Kunstwerke und steinerne Zeugnisse alter Zivilisationen wurden aus vorgeblich religiösen Gründen zerstört. Auf der anderen Seite kennt die Geschichte auch Menschen, die gerade durch ihren Glauben fähig waren, gutes zu leisten, dem Bösen zu widerstehen. Der Glaube hat in dunklen Zeiten die Menschen stark gemacht, Anderen, Schwächeren und Unterdrückten zu helfen. Im Namen jeder Religion sind schon große Werke der Kunst geschaffen worden, und viele gute, uneigennützige, aufopfernde Menschen ziehen aus dem Glauben die Kraft für ihre tägliche Arbeit.

    Was ist überhaupt Religion?

    Um zu verstehen, wie diese widersprüchliche Wirkung von religiösen Überzeugungen möglich ist, muss man sich vielleicht erst einmal fragen, was Religion überhaupt ist. Man kann ja ohne Schwierigkeiten verschiedene Religionen aufzählen, Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Man weiß irgendwie, dass man mit all diesen Begriffen Religionen bezeichnet. Aber weder ist klar, ob man damit eine Menschengruppe, eine Organisation, Gebäude und Orte oder irgendwelche Regelwerke bezeichnet, noch weiß man, was all diese Religionen gemeinsam haben, damit wir sie von anderen sozialen Erscheinungen, z.B. Sportarten, Kunstgattungen, politischen Gebilden, unterscheiden können.

    Wann also ist etwas eine Religion, und um was handelt es sich dabei?

    Glaube, Kult, und Autorität

    Religionen können wir aus drei Perspektiven betrachten, die in irgendeiner Form bei allen von ihnen ausgeprägt sind. Da gibt es zuerst mal einen Glauben an eine Transzendenz. Das kann ein Gott sein oder eine ganze Götterwelt, aber auch eine Welt der Ahnen oder der Seelen aller Menschen. Ein religiöser Glaube ist von etwas überzeugt, was jenseits unserer Erfahrung existiert, unseren alltäglichen Sinnen aber nicht zugänglich ist, jedenfalls nicht so, dass wir einfach darauf zeigen könnten und zu jemandem anders sagen können: Siehst du das? Hörst du das auch?

    Zwar spricht man auch vom Transzendenten so, man betrachtet etwa ein religiöses Bild oder ein Bauwerk und sieht darin das Göttliche. Oder man sieht es in einem Naturschauspiel. Vielleicht sieht man es auch, wenn man ein altes Paar beobachtet, bei dem einer den anderen stützt. Aber jeder weiß, dass dann nicht das bloße Augenaufreißen und Ohrenaufsperren genügt, dass da mehr Sinne gebraucht werden, als die, deren Wirkung wir physikalisch beschreiben können.

    Gerade weil wir das Transzendente nicht sehen, hören oder riechen können, gehört zum Glauben auch die Überzeugung darüber, wie dieses Transzendente mit uns in Kontakt kommt, etwa über einen Zeugen, der vom Transzendenten inspiriert wurde, und der uns das Transzendente sehen gelehrt hat. Diesen Zeugen nennt man dann Prophet, Gottes Sohn oder Apostel. Auch Überzeugung, dass das Transendente direkt zu jedem Einzelnen spricht, etwa in der Erkenntnis des Guten und Schönen, oder im Gewissen, gehört zu diesem Teil des Glaubens.

    Der zweite Aspekt der Religion ist der Kult, das gemeinschaftliche, choreografierte Glaubenserlebnis. Die Handlungen, mit denen man sich des Glaubens versichert, und die der Glaube als richtiges Wirken in der Welt vorgibt, gehören zum Kult. Ist der Glaube mit einem oder mehreren inspirierten Vermittlern der Transzendenz verbunden, dann ist der Kult zumeist in einem schriftlichen Regelwerk festgelegt, er kann aber auch durch Tradition gelehrt und weitergegeben werden. Wie auch immer, Regelwerke sind immer Gegenstand der Interpretation, sie müssen von jeder Generation und an jedem Ort neu gedeutet werden. Auch wenn die Autoren vom Transzendenten inspiriert waren, haben sie die Sprache einer bestimmten Zeit und Gegend genutzt, sie haben an die Erfahrung der Menschen in ihrer Umgebung angeknüpft.

    Somit gibt es nicht nur große inspirierte Erst-Vermittler der Religionen, die Propheten, die Evangelisten oder andere, sondern im Laufe der Geschichte einer Religion auch große, bedeutende Interpreten. Es ist klar, dass verschiedene Menschen in einem Glauben übereinstimmen, aber die Regeln für den richtigen Kult unterschiedlich interpretieren und in ihrer konkreten Umwelt unterschiedlich ausdeuten.

    Die Choreographie des Kults wird in den Religionen organisiert, ihre Weitergabe wird gelehrt, Autoritäten werden definiert. Es entstehen Institutionen, etwa Gemeinden und Kirchen, in denen die Autoritäten stabilisiert werden. Autoritäten entlasten den Einzelnen von der Notwendigkeit, selbst herauszufinden und detailliert zu prüfen, was der richtige Kult ist. Institutionalisierte Autoritäten erklären dem religiösen Menschen, warum sein Glaube in genau bestimmter Weise in einem Kult praktiziert werden kann, und warum die Institution, die die Autorität vertritt, der richtige Ort ist, um den Kult zu praktizieren

    Wiederum ist offensichtlich, dass zwei Menschen, die den gleichen Glauben haben und auch einen gleichen oder ähnlichen Kult praktizieren, noch längst nicht die gleichen Autoritäten akzeptieren müssen.

    Religionen sind also einerseits Überzeugungen, die bestimmte konkrete Menschen haben, und die sich nicht in einfachen Beobachtungen der Welt bestätigen oder widerlegen lassen. Anderseits sind es Handlungen, die gemeinsam praktiziert und von Gemeinschaften gepflegt und weitergegeben werden. Drittens sind Religionen Institutionen, die Autoritäten stabilisieren und Zugehörigkeiten definieren. Religionen können wir als Hybride aus individuellen Überzeugungen, ritualisierten Handlungen und autoritären Institutionen ansehen.

    Nebenbei sei an dieser Stelle kurz bemerkt, dass auch andere Phänomene des Gesellschaftlichen religiöse Züge aufweisen, wenn sie die skizzierte hybride Struktur aus Glauben, Ritual und Institution zeigen.

    Gleichzeitig zeigt sich, dass jede Religion, wenn sie erst einmal alt genug ist, ganz selbstverständlich zu einem vielfältigen, inkonsistenten, schillerndem Gebilde wird, das notwendig widersprüchlich erscheinen muss, wenn man es als solitäre, klare Struktur ansehen will, das einfache Ursache-Wirkungs-Prozesse auslöst. Wenn man etwa meint, dass die Anweisungen und Vorschriften eines heiligen Werkes einer Religion zwingend zu bestimmten Verhaltensweisen der Gläubigen führen müssen, wird man der schillernden Vielfalt einer Religion nie gerecht.

    Bibelzitate und Koranverse sind kein Beweis

    Es sind heute weniger die Gläubigen, die eine wörtliche Auslegung und ein buchstäbliches Befolgen von Bibelzitaten oder Koranversen fordern, als die Religionskritiker. Sie sammeln Suren und meinen, daraus etwa die kriegerische Ausrichtung des Islam ableiten zu können. Sie lesen die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments und meinen, dass diese von der modernen Naturwissenschaft widerlegt worden ist.

    Bekanntlich gibt es in jeder Religion fundamentalistische Auslegungen, die die heiligen Schriften, in denen ihr Glauben zuerst bezeugt wurde, in ihrem Wortlaut buchstäblich auffassen und als simple, unmittelbare Handlungsvorschrift nehmen wollen. Das führt fast automatisch zu einer Ablehnung der gegenwärtigen Gesellschaften, denn der Wortlaut eines Textes, der Jahrhunderte oder Jahrtausende alt ist und in einer ganz anderen Umgebung für Menschen mit ganz anderer Erfahrung aufgeschrieben wurde, kann nicht wörtlich auf unsere Welt passen, sei er inspiriert von einem Gott oder nicht. Der Gott, den wir uns auf diese Weise vorstellen, muss fast notgedrungen als böser Gott erscheinen, der fordert, die heutige Welt abzulehnen oder gar zu bekämpfen.

    Den meisten Gläubigen ist das jedoch bewusst. Sie suchen in den alten Texten und in den überlieferten Kulten den Geist des inspirierenden Gottes und sie wissen, dass die Menschen, die die Texte in menschlicher Sprache aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt haben, fehlbar waren. Ihr Gott ist ein guter Gott, der menschenfreundlich ist, und menschenfeindliche Interpretationen können nicht richtig sein, insbesondere, wenn sie an einen Schöpfergott glauben, der seine Geschöpfe selbst liebt und mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet hat.

    Die Religionskritiker sind die Dogmatiker

    Die Dogmatiker sitzen vor allem außerhalb der Religionen. Diejenigen, die die Religionen für das Schlechte auf der Welt verantwortlich machen wollen, fordern, die Bibel und den Koran als wörtliche, absolute Wahrheit aufzufassen, die buchstabengetreu zu interpretieren ist. Sie wollen nicht deuten und ins Heute übertragen. Sie nutzen die alten Texte mit ihren alten Geschichten, um die Religionen lächerlich zu machen.

    Pauschale Religionskritik geht aber fehl, sie kritisiert alte Texte aus heutiger Sicht – das ist sinnlos. Wer einen Text, der tausend oder zweitausend Jahre alt ist, verstehen will, muss sich entweder in ihn einfühlen, oder er muss seine Entstehungssituation erforschen und Sprachwissenschaft betreiben. Beides ist eine aufwändige, aber erhellende Beschäftigung, die auch für das Verstehen unserer heutigen Welt sinnvoll ist, weil sie zeigt, was im Wandel gleich geblieben ist und wo unser heutiges Weltverstehen seine Wurzeln hat.

    Sinnvoll ist nicht, heutigen Gläubigen ihre heiligen Texte vorzuhalten und zu fordern, sich von ihnen zu distanzieren. Sinnvoll ist aber, heutige Machtmechanismen der Institutionen zu untersuchen, die Akzeptanz von Autoritäten und die Wirkungen von ritualisierten Kulten zu hinterfragen. Sinnvoll ist auch, kritisch über Glaubensfragen zu diskutieren. Das wird die Religionen nicht schwächen – aber das ist auch gar nicht nötig. Es wird den religiösen Menschen helfen, ihren bösen Autoritäten zu widerstehen und ihre guten Götter zu sehen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die areligiösen Motive des Terrors.

    In dieser Debatte auch interessant ist die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz, der zeigt, dass der IS weder ein Staat noch islamisch ist, Sören Heims Auseinandersetzung mit Nekla Keleks Kritik an Navid Kermani, sowie Sören Heims Diskussion der Neuübersetzung literarischer Werke.