Schlagwort: Covid-19

  • Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Die Inzidenz klettert munter gen 200, wenn’s so weitergeht, sind im April auch 500 drin. Falls 500 dann nicht das neue 35 wird, ist mit schärferen Maßnahmen zu rechnen. Seit vergangener Woche herrscht bei uns im Bonner Süden eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr. Woher ich das weiß? Von meinen Söhnen. Und woher die das wissen? Aus einer Facebookgruppe. Mein sofortiger Check auf der Seite der Kreisverwaltung ergab: Information stimmt. Soll noch mal einer sagen, Facebook würde uns einzig verblöden. Ne AUSGANGSSPERRE! Militärjeeps rollen durch die Straßen, Luftkavallerie seilt sich aus Helikoptern ab, Sondereinsatzkommandos der Polizei brechen Türen auf und kontrollieren, wer sich alles berechtigt und unberechtigt am Abendessentisch befindet. Ich klebe mir vorsichtshalber einen Post-it ans Küchenfenster: Den Müll spätestens um 20.55 rausbringen!

    Softlockdown & Ausgangssperre light

    Jetzt ist es mir als Eigenbrötler, der seit einem Jahr abends die Zeit mit Netflix, ARD-Sondersendungen zum Thema Covid, Facebook und Ratgebern à la „Auch im Lockdown in 30 Tagen zur Bikinifigur. Die Power-Corona-Diät“ totschlägt, eigentlich egal, ob ich ohne oder mit Ausgangssperre um 21 Uhr auf meinem Sofa sitze. Trotzdem: Ne Ausgangssperre hat schon was. Die kannte ich bisher nur von Weltkriegserzählungen meiner Eltern und Großeltern und aus Hollywood-Katastrophenfilmen.

    Da geht aber bestimmt noch was on top: Supermarkt bloß 1x/Woche mit Berechtigungsschein, tanken einzig am Freitag, fürs Joggen muss ich vorher einen Online-Antrag bei der Gemeindeverwaltung stellen etc. etc. Am Ende dann 24/7-Ausgangssperre mit Drohnen, die mir die Lebensmittel über dem Balkon abwerfen und ganz nebenbei kontrollieren, ob ich mich tatsächlich am Homeoffice-Schreibtisch oder auf dem Klo befinde.

    Und so folgt ein Lockdown dem nächsten Lockdown, der wiederum in einen neuen Lockdown mündet, um von einem leicht gemilderten Lockdown (ich darf bis auf Weiteres 2x/ Woche zum Lidl u mir im Kiosk eine Zeitung besorgen) abgelöst zu werden, bis die Lockerung 14 Tage später wieder zurückgenommen wird, denn die Inzidenz liegt jetzt bei 5000. Und aus 5000 eine 35 zu machen: das traut sich dann doch keiner. Lockdown als neue Normalität bis zum Frühjahr 2023, bis das Virus endlich von selbst schlapp macht. Am Ende zählen wir ne Menge Tote, Ärzte & Pfleger, die binnen 24 Monaten um 24 Jahre gealtert sind, Kultur u Gastronomie haben sich halbiert, Insolvenzen u Arbeitslosigkeit sind so hoch, dass die Regierung beschließt, die Zahlen erstmal unter Verschluss zu halten, um Unruhen zu vermeiden. Aber wir dürfen ab sofort wieder 6x/ Woche zum Lidl u 7x zur Tanke, und bei der WM in Katar sind Fans im Stadion zugelassen. Das ist die Hauptsache.

    Nun rächt sich bitter, dass wir im Herbst vergangenen Jahres keinen harten Lockdown praktiziert haben gemäß der alten ABC-Schutz-Seuchen-Verordnung: ALLE 4 Wochen zu Hause bleiben. KEINE Ausnahmen. Dann wird’s dem Virus normalerweise langweilig und es zieht ein Land oder gar einen Kontinent weiter. Oder – noch besser – es verhungert. Wollte sich keiner unserer Politiker zu entschließen und jetzt haben wir halt den Dauer-Softlockdown-Salat. Ob ich „wäre, wäre, Fahrradkette“ kenne? Ja, kenne ich.

    Wer spät geimpft wird, kann sich länger drauf freuen

    Und das Impfen, was ist mit dem Impfen, fragen Sie mich? Was soll mit dem Impfen schon sein, antworte ich Ihnen. Erst ging’s im Januar langsam los, dann blieb‘s im Februar gemächlich, um in einen zögerlichen März überzugehen. Aber immerhin diskutieren wir jetzt schon darüber, ob auch Hausärzte impfen können und dürfen, und ob die Arbeitszeitverordnung es zulässt, dass die Impfzentren ebenfalls am Wochenende geöffnet sind. Und auch die Sache mit AstraZeneca soll bis spätestens Jahresende ’22 geklärt sein. Bis dahin gilt: Mit AZ geimpft werden bloß Jüngere, die nicht schwanger sind. Oder waren es Ältere, die nicht schwanger sind? Oder Single-Männer ohne Familie? Egal, auf jeden Fall ist bei AstraZeneca durchgängig Vorsicht geboten, bis die Ständige Impfkommission Entwarnung gibt. Dass die Ständige Impfkommission v.a. für ständige Verwirrung sorgt: geschenkt.

    Das Land des selbsternannten Organisationsweltmeisters rangiert bei der Impfgeschwindigkeit knapp oberhalb des Levels von Kasachstan, der Fidschi-Inseln und Paraguays. In den USA, in Großbritannien und Israel werden sie Covid-19 nur noch aus den Erzählungen der Großeltern kennen, da darf bei uns der erste Hausarzt endlich zur Spritze greifen. Und lassen Sie mich hier gar nicht erst von den Hotlines anfangen, bei denen man 20 Minuten lang in einer nervtötenden Warteschlange ausharrt, bis ein finales Tuten ertönt, weil das System einen rausgeworfen hat. Oder die Warn-App, die aufgrund unseres sakrosankten Datenschutzes für Amazon-Bestellungen besser taugt als für die Nachverfolgung der Infektionsketten. Und die Beschlüsse der nächtlichen Kanzlerin-Ministerpräsidenten-Candy-Crush-Runden, deren Haltbarkeitsdauer kürzer währt als die 15-minütige Sondersendung, die im Anschluss in der ARD ausgestrahlt wird. So blättert der Nimbus des Organisationsweltmeisters noch schneller, als die Fußball-Nati unter dem ewigen Löw ihren Ruf ramponiert. Es ist beides ein Trauerspiel. Zu ertragen einzig mit Netflix und Alkohol.

    Impfzwang: daran darf man nicht mal denken

    Ob wir so jemals die notwendige Herdenimmunität erreichen werden? Keine Ahnung. Ich bin kein Virologe oder Epidemiologe oder Lungenarzt oder Vorsitzender der Vereinigung der Intensivmediziner oder oder oder, sondern bloß treuer Corona-Sondersendungen-Zuschauer. Meine Vermutung: Das Virus wird schon von selbst gestorben sein, bis wir AstraZeneca eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Nur vorübergehend (also die Unbedenklichkeitsbescheinigung), denn was eine ordentliche deutsche Behörde ist, die lässt auf die 23-ste natürlich noch eine 24-ste Prüfung folgen. Nicht, dass EINER aus 3 Millionen eventuell eine Erektionsstörung durch die Impfung erleidet. Eventuelle Nebenwirkungen müssen KOMPLETT ausgeschlossen werden. Im Zweifelsfall noch eine 25-ste Prüfung dranhängen.

    Jetzt malen Sie aber SEHR schwarz, Herr Hirsch, meinen Sie? Lassen Sie es mich so sagen: Nach 1 Jahr Homeoffice und abends alleine auf dem Sofa abhängen bin ich etwas Lockdown-müde. Das mag mein objektives Urteilsvermögen trüben; gebe ich unumwunden zu. Aufgrund dieser Trübung sehe ich für einige Branchen bei uns im Land des entzauberten Organisationsweltmeisters mittlerweile allerdings nicht nur schwarz, sondern blicke in ein zappendusteres Insolvenzloch. Sobald die Überbrückungshilfen und das Kurzarbeitergeld wegfallen, werden wir vor einem gewaltigen Scherbenhaufen an Firmenpleiten und explodierender Arbeitslosigkeit stehen. Jeder Tag, den das Impf-Schneckentempo weiter anhält, vernichtet ein paar tausend Existenzen. Viele davon unwiderruflich.

    Nachts träume ich manchmal von Impfzwang – pardon: Impfpflicht – und mobilen Einsatzkommandos, die die Leute in ihren Wohnzimmern verarzten. Als ich das vor ein paar Tagen mal in Facebook vorschlug, erhob sich sofort Protest: Nicht vom Grundgesetz gedeckt, würde vom Verfassungsgericht umgehend gekippt, und überhaupt sei es entlarvend, sowas wie einen Impfzwang überhaupt nur zu denken. Fiele in die Kategorie: paramilitärische Feuchtfantasien eines alten Mannes, der zu viel Katastrophenfilme auf Netflix schaut und sich nach klarer Führung sehnt. In Ordnung, dann werde ich ab sofort nicht mehr von Impfzwang (pardon: Impfpflicht) träumen. Und was ist mit der Idee, dass Geimpfte mehr dürfen als Ungeimpfte? Wäre das eventuell ein Instrument, um Impfbereitschaft und Geschwindigkeit zu erhöhen? Das sei nichts anderes als ZWANG(!) durch die Hintertür, sagen Sie? Okay okay, ich höre schon wieder damit auf.

    Hauptsache, Netflix & Alkohol gehen uns nicht aus

    So bleibt mir also in den kommenden Monaten nichts weiter übrig, als:
    (a) geduldig auf meinen Impftermin zu warten (ich akzeptiere auch Sputnik oder das chinesische Zeug)
    (b) zu hoffen, dass ich als notorischer Schwarzseher für Gastro, Fitness, Kunst & Event viel zu schwarz sehe und am Ende von Corona alles genauso heiter weitergeht, als habe es das Virus vom Wuhaner Großmarkt nie gegeben
    (c) mich bei Netflix zu erkundigen, ob eine neue Staffel „The walking dead“ in Arbeit ist.

    Und vor allem werde ich mir ein zweites Post-it an die Haustür kleben:

    Müll spätestens um 20.55 Uhr rausbringen!

    #impfenindeutschland=eintrauerspiel

  • Von Kolumnen und Fake News

    Von Kolumnen und Fake News

    »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern«, sagte meine englische Bekannte oft, wenn sie mich in Köln besuchte. Lange vor dem Brexit.
    »Klugscheißer gibt es in jedem Land der Erde«, antwortete ich.
    »Aber nirgendwo so flächendeckend und dermaßen humorlos wie bei euch«, legte sie nach, und dann wechselten wir das Thema und sprachen über das Wetter.

    Die nächste Sau im digitalen Dorf

    An Weihnachten ging es in den sozialen Netzwerken zur Abwechslung mal ein paar Tage beschaulich zu, Bilder von Weihnachtsbäumen und freizügigen Heiligabend-Dekolletés gefolgt von Leichte-Küche-Tipps für 2021 bestimmten die Szene. So ruhig kann’s durchaus weitergehen, dachte ich am Silvesterabend, überlegte, ob ich am Morgen darauf ein Katzenbild oder einen Poesiealbumspruch poste, legte mich schlafen, erwachte ausgeruht und friedlich, wollte gerade meinen Poesiealbumspruch hochladen, als ich feststellte, dass die alte Jauchegrube Facebook direkt nach dem Jahreswechsel erneut zu brodeln und rumoren begann. Also alles wie immer. Ich packte das Poesiealbum wieder in die Schublade und informierte mich erstmal, welche Sau nun durch digitale Dorf getrieben wurde, und weshalb man sie trieb.

    Es ging/ geht um den (angeblich) schleppenden Impfstart in Deutschland. Viel zu langsam, andere Länder seien da weitaus schneller als wir. Na ja, was erwarten die Superschlauen nach drei, vier Tagen: Dass wir da schon das gesamte Land geimpft haben?, dachte ich. Aller Anfang ist schwer und holprig. Hauptsache, wir werden bis zum Sommer damit fertig. Woche 1 finde ich persönlich da völlig uninteressant.

    Schaut auf Israel, Bahrein, Singapur, Liechtenstein, Tuvalu und die Marshallinseln; da sind sie überall schon viel weiter als bei uns, hielt mir die Superschlau-Fraktion entgegen, als ich meinen Einwand, den Erfolg bei einem Marathon nicht schon nach den ersten 400 Metern prognostizieren zu können, in diversen Threads platzierte. Wenn man sich die Zahlen der o.g. Länder dann anschaut, stellt man zwar fest, dass sie bereits ein paar Kilometer des Marathons absolviert haben, jedoch z.T. früher mit dem Impfen begannen und vom Ziel der Flächendeckung auch noch (sehr) weit entfernt sind. Abgerechnet wird am Ende und nicht, wenn das Rennen sich noch im absoluten Anfangsstadium befindet.

    Und was ist mit der Einkaufspolitik, kommt dann.
    Was soll mit der Einkaufspolitik sein, frage ich zurück.
    Die war grob fahrlässig verfehlt, Herr Kolumnist!
    Verfehlt, und dann auch noch grob fahrlässig??
    Lesen Sie denn keine Zeitung, Herr Hirsch?

    !!Was für’n Superlativ im Focus!!

    Auslöser für das Verfehlte-Einkaufspolitik-Gerücht war wohl eine Focus-Kolumne von Jan Fleischhauer, die den schönen Titel „Merkels Impfstoff-Versagen: Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit“ trägt. Wow! denke ich, das ist ja mal ein Superlativ, verheerendste Entscheidung, der Kanzlerin, in 15 Jahren und hänge direkt noch ein weiteres Wow! dran.

    Es folgen Sätze wie:

    Deutschland hat es leider versäumt, beizeiten ausreichend Impfstoff zu ordern.
    „Beziehungsweise die Regierung hat diese für die Gesundheit der Bürger zentrale Aufgabe nach Brüssel delegiert, wo man leider auch in Gesundheitsdingen zunächst die politischen Aspekte in den Blick nimmt und dann erst die pragmatischen.

    Satz 1 ist Unfug, Satz 2 trifft bis zum Komma zu; danach wird auch er zu Unfug.

    Hier die offiziellen (bisherigen) Bestellmengen der EU (in Mio. Dosen):
    (1) CureVac: 405
    (2) AstraZeneca: 400
    (3) Johnson & Johnson: 400
    (4) Sanofi-GSK: 300
    (5) BioNTeck/Pfizer: 300
    (6) Moderna: 160

    Ergibt in der Addition 1.965 Mio. (also knapp 2 Mrd.) Impfdosen.

    Damit könnte jeder der 450 Mio. Einwohner der EU 4.5x geimpft werden (was eine 100%-ige Impfbereitschaft unterstellt, die ja ohnehin nicht gegeben ist).

    Dass die nationalen Regierungen sich für eine Zentralisierung der Beschaffung entschlossen: dafür gab es gute Gründe. Z.B.
    (a) Risikosplitt (6 potenzielle Lieferanten sind besser als 3 oder gar nur 1)
    (b) Verhinderung eines nationalen Wettlaufs (der vermutlich schlecht für die ärmeren EU-Mitglieder ausgegangen wäre) -> Verteilungsgerechtigkeit
    (c) Konzentration der Expertise in Brüssel
    (d) Heraushandeln besserer Konditionen.

    Praktiziert jeder Konzern genauso. Die Beschaffung strategisch wichtiger Produkte ist bei der Mutter zentralisiert, die diese dann wieder an die Töchter anhand vorher vereinbarter Schlüssel verteilt. Das ist jetzt wahrlich keine EU-spezifische oder gar sträflich falsche Vorgehensweise.

    Dass es so gemacht wird, stand seit Juni 2020 fest. Nachzulesen bspw. in der öffentlich zugänglichen Presse-Ecke der Europäischen Kommission.

    Haben die SPD-Minister geschlafen, als im Kabinett über die Beschaffung diskutiert wurde?

    Wo waren die ganzen Besserwisser damals?
    Wo war die SPD, die sich heute über die (angeblich) verfehlte Einkaufspolitik der Regierung (der sie selbst seit drei Jahren angehört) beschwert? Haben deren Minister, als das im Kabinett diskutiert wurde, allesamt geschlafen? Haben sie – was noch schlimmer wäre – evtl. überhaupt nicht verstanden, worüber der Gesundheitsminister und die Kanzlerin redeten? Und dann die Entscheidung einfach stumm abgenickt? Müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Es gilt weiterhin die Feststellung meiner englischen Bekannten: »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern.«
    In diesem Fall mal nicht von Bundestrainer-Klugscheißern, sondern von Einkaufspolitik-Amateuren, die es (im Nachhinein) besser wissen als die Profis im ungeliebten Brüssel.

    Bleiben wir bei der auslösenden Fleischhauer-Kolumne:

    Bereits im Sommer hatte sich abgezeichnet, dass der aussichtsreichste Kandidat aus Mainz kam und nicht aus Paris. Dennoch schloss die EU-Kommission ausgerechnet mit Sanofi einen der beiden ersten Verträge ab, also dem französischen Pharmakonzern, der für seine Unzuverlässigkeit bekannt ist.

    Das sind Sätze aus der Abteilung Propaganda. Niemand konnte im vergangenen Sommer wissen, welcher Hersteller bis zum Jahresende das Rennen machen wird. Niemandem war klar, wer eine schnelle Zulassung erhält. Und bei Unsicherheit ist ein Risiko-Splitt – in diesem Fall die Verteilung der Bestellung auf 6 mögliche Lieferanten – immer eine kluge Option. Würde jeder andere (Profi-!) Einkäufer ebenfalls so handhaben. Kein Profi (!) verlässt sich auf einen einzigen Zulieferer, so lange überhaupt nicht absehbar ist, ob der mit der Entwicklung rechtzeitig fertig wird und wenn er irgendwann fertig wird, jemals die notwendige Menge bereitstellen kann. Für die Behauptung, Sanofi sei bekanntermaßen unzuverlässig, bleibt Fleischhauer den Beweis schuldig. Für mich klingt das stark nach germanischer Überheblichkeit: Was jenseits von Spaghetti Carbonara, Rotwein und Bœuf bourguignon aus romanischen Ländern kommt, taugt nichts. Typische deutscher Porschefahrer-Dünkel.

    Die Wahrheit ist: Gegen Biontech sprach zweierlei, die deutsche Herkunft und die Allianz mit Pfizer, dem großen Rivalen aus New York. Wenn man sich bei Leuten umhört, die mit den Verhandlungen vertraut sind, hört man, dass die Franzosen die Impfstoffbestellung als eine Frage des Ansehens betrachteten. Deshalb war auch klar, dass die Bestellung bei Biontech niemals über die 300 Millionen Impfdosen hinausgehen durfte, die man im September bei Sanofi geordert hatte. Das sei eine Sache der nationalen Ehre. Man glaubt es sofort.

    Auch hier wieder Blabla bar jeglicher belastbarer Quelle. Gegen BionTech sprach u.a., dass das Vakzin durchgängig bei minus 70° kühl gelagert werden muss. Soviel ich weiß, kann die EU jederzeit in Mainz nachordern. Wie bei den anderen Herstellern ebenfalls. Die Frage ist bloß: kann BioNTech auch innerhalb vertretbarer Fristen so viel liefern wie Deutschland, die EU, letztlich die gesamte Welt gerne kaufen würden? Schnelle Antwort: mit hoher Wahrscheinlichkeit Nein. Weshalb – ich wiederhole mich – es eine kluge Entscheidung der EU war, die Beschaffung auf ein halbes Dutzend Produzenten zu streuen.

    Die Trennlinie zwischen Kolumne und Fake News muss scharf bleiben

    Und an dieser Stelle habe ich keine Lust mehr, noch weitere Sätze aus der Fleischhauer-Kolumne zu zitieren und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Auch wenn Kolumnen keine wissenschaftlichen Aufsätze und keine neutralen Artikel im Nachrichtenteil sind, sie bei psychologischer Betrachtung nichts anderes darstellen als das wöchentliche Lamento alter Männer, denen zu Hause keiner mehr zuhören mag, weshalb sie ihren Weltschmerz und/oder Weltzorn halt notgedrungen im Abstand von 7 Tagen in die Laptop-Tastatur hämmern müssen. Geht mir ja genauso. Kolumnisten dürfen ungeprüfte Hypothesen aufstellen, sticheln, reizen und am Ende des Textes was anderes behaupten als zu Beginn. Alles möglich. Niemand mag eine 100 Prozent politisch-korrekt-langweilige Kolumne lesen. Es kann munter nach links und rechts ausgeteilt werden, und der Kolumnist darf nie Angst vor einem Shitstorm haben. Trotzdem sollten auch Kolumnen einen gewissen Wahrheitskern enthalten bzw. die Wahrheit nicht dermaßen verdrehen, bis sie keine Kolumnen mehr sind, sondern an Fake News heranreichen.

    Und Sätze wie dieser (okay, ich zitiere doch noch einen):

    Was, wenn sich herausstellen sollte, dass ihre [gemeint ist die Kanzlerin. Anm. des Verf.] Unachtsamkeit das Sterben verlängert? Dass es ihre Fehlentscheidung war, die jeden Monat Menschenleben kostet, die andernfalls hätten gerettet werden können?

    sind zum einen mega-übel und befördern zum anderen die Fakenews-Produktion in den sozialen Medien, wo dann – ohne die konkreten Zahlen zu kennen – bloß noch davon geschwafelt wird, Deutschland hätte sträflich zu wenig Impfdosen geordert.

    Ich will hier nicht langweilen mit Notfallzulassung, Rüstzeit, Logistik, Kühlketten, Nachfrager, die den doppelten Preis zahlen, werden bevorzugt behandelt u.ä.; denn auch das hier ist eine Kolumne und kein Fachaufsatz über professionelles (!) Beschaffungswesen, sondern schließe mit einem Kommentar den ich in einer Facebook-Diskussion aufgestöbert habe:

    Ich kann auch am Donnerstag die Lottozahlen vom Mittwoch sagen und Herrn Fleischhauer dafür kritisieren, dass er falsch getippt habe.

    Mehr gibt’s zu dieser elenden Klugscheißer-Debatte von meiner Seite aus nicht zu sagen.

  • Corona und kein Ende?

    Corona und kein Ende?

    Die Zahlen steigen, steigen und steigen. Ob es sich dabei nun um die zweite, die Verlängerung der ersten oder den Vorboten der dritten Welle handelt, ist völlig egal. Ob die Zahlen exponentiell explodieren oder nur temporär nach rechts gekrümmt linear anwachsen, ist eigentlich auch nicht so superwichtig. Ob es daran liegt, dass heute mehr getestet wird als noch vor Wochen oder Monaten, interessiert mich als Laien ehrlich gesagt ebenfalls nur am Rande. Fakt ist: Die Gesundheitsämter melden jeden Tag neue Höchststände an Infizierten, die Belegung der Betten auf den Intensivstationen mit Covid-19-Patienten nimmt wieder zu. Wenn die Entwicklung weiter so voranschreitet wie im September und Oktober gehen wir einem äußerst ungemütlichen Spätherbst entgegen. Karl Lauterbach, den die einen für einen notorischen Schwarzseher, die anderen für die sozialdemokratische Reinkarnation der trojanischen Kassandra ansehen, prognostiziert für diesen Fall einen zweiten Lockdown. Und man mag zu Karl Lauterbach stehen wie man will: Er hat sich bisher in Bezug auf Corona so gut wie nie mit seinen Vorhersagen geirrt.

    Lockdown: Da war doch mal was in ferner Vergangenheit?
    Ich frische gerne Ihre Erinnerung auf:

    Lockdown = Ausgangssperre oder auch eine Absperrung bzw. Versiegelung von Gebäuden und Bereichen.

    Shutdown = Situation, in der ein Unternehmen (vorübergehend) seinen Betrieb einstellt.

    Lock- & Shutdown = mittelschwere Katastrophen

    Beides wäre eine mittelschwere Katastrophe. Und zwar sowohl für viele Familien, die dann wieder beginnen müssten, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten und zu bespaßen als auch für große Teile unserer Wirtschaft. Bis weit in den Oktober hinein habe ich deshalb gedacht: Ein neues Herunterfahren des öffentlichen Lebens wird es nicht geben. Wir sind weiter, haben gelernt, mit dem Virus zu leben, uns vor ihm zu schützen. Hin und wieder gibt es lokale Ausbrüche und lokale Hotspots, bei denen es völlig reicht, sie lokal zu bekämpfen. Anscheinend war das aber Wunschdenken meinerseits gewesen. Denn falls die Zahlen weiter so in die Höhe schnellen, wie sie es seit Wochen tun, ist binnen Monatsfrist Gesamt-Deutschland als Hotspot zu betrachten. Von unseren europäischen Nachbarn, wo es im Moment noch schlimmer aussieht als bei uns, brauchen wir hier erst gar nicht zu reden. Horrorbilder wie die vom März in Bergamo tauchen plötzlich vor meinem geistigen Auge auf. Nur dass diese Szenen dann in Köln und Castrop-Rauxel spielen.

    „Ist bei uns in Deutschland nicht möglich“, sagen Sie?
    „Ich klopfe abergläubisch 3x auf meine hölzerne Tischplatte“, sage ich.

    Falls einige sich im Juli und August in bierseliger Stimmung an dichtgedrängten Ostseestränden der Illusion hingegeben haben sollten, ‚aus und vorbei‘, so werden wir nun, wo draußen die Temperaturen sinken, schnell wieder mit der harten Realität konfrontiert: Das Virus war nie weg. Es hat eine kurze Verschnaufpause eingelegt und macht sich nun frisch erholt daran, uns ein weiteres Mal heimzusuchen. Ob es noch exakt derselbe Erreger wie im Frühjahr ist oder das Ding in den Sommerferien ein-, zwei-, dreimal mutierte: Wen, außer den Experten, juckt das? Es handelt sich nach wie vor um ein hochansteckendes Virus, das, wenn es schlecht läuft, den Infizierten ins Krankenhaus und, wenn es noch schlechter läuft, von dort in die Kühlkammer befördert.

    „Es sind doch aber nur wenige, die daran sterben und die, die sterben, sind alt und waren vorerkrankt. Wir können doch nicht ein ganzes Volk in Sippenhaftung für eine kleine Risikogruppe nehmen“, sagen Sie nun?
    „Sie mich auch“, erwidere ich.

    Ansteckungsgefahr wächst täglich

    Die Wahrscheinlichkeit, mit Covid-19 persönlich Bekanntschaft zu machen, wächst von Tag zu Tag. Kannte ich Corona bis in den Spätsommer hinein nur vom Hörensagen – z.B. der Kindergarten im Nachbarviertel schließt für zwei Wochen, weil eine Erzieherin sich angesteckt hatte –, so kommen die Einschläge nun im Herbst näher. Erst gestern wurde mir von einer befreundeten Familie berichtet, bei der fünf Personen gleichzeitig erkrankt sind und der Mann, jünger als ich, wegen schwerer Symptome bereits nach 48 Stunden ins Krankenhaus abtransportiert wurde, während sich Mutter und Kinder in strenger häuslicher Quarantäne befinden. Oha, dachte ich, so schnell kann’s gehen und überlegte, wann statistisch gesehen ich selbst an der Reihe bin.

    Nun neige ich weder zu Schwarzmalerei, noch zu Alarmismus. Lag selbst 10x auf der Intensivstation und weiß, dass es auch von dort wieder einen Weg nach draußen gibt. Das Virus wird uns nicht alle killen; dafür ist die Mortalität Gottseidank zu gering. Es wird uns jedoch nicht so schnell in Ruhe lassen und uns, falls wir nicht energisch gegensteuern, in den kommenden Monaten einige zehntausend vermeidbare Todesfälle bescheren.

    Die effektivste Methode, SARS-CoV-2 zu stoppen, bestünde darin, dass wir ALLE vier Wochen lang zu Hause bleiben. Vorher ordentlich Klopapier, Dosenravioli und Corned Beef hamstern und dann mit dem Arsch festgetackert auf dem Sofa kreuz und quer durch Netflix zappen. Dem Erreger keine Chance bieten, vom einen zum anderen Wirt weiterzuspringen, der biologischen Malware den humanen Nährboden entziehen, das Teil schlichtweg aushungern. Ob’s dann jedoch tatsächlich für immer und ewig vorbei ist, oder uns eventuell im März eine neue Welle von Asien oder Afrika oder vom Nordpol herkommend überrollen wird, weiß allerdings auch niemand so genau.

    Deshalb bleibt es beim weiter oben Gesagten: ein zweiter bundesweiter Lock-/ Shutdown kann nur die allerletzte Möglichkeit sein, falls alle anderen, weniger invasiven Maßnahmen versagen sollten. Denn ein erneuter Shutdown würde ein Branchensterben bisher nicht gekannten Ausmaßes nach sich ziehen. Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal ins Kino, zu einer Musikveranstaltung, ins Theater gegangen? Haben Sie sich mit einem Gastronomen oder Hotelbesitzer darüber unterhalten, was die für Umsatzeinbrüche in diesem Jahr verkraften müssen? Wissen Sie, wie viele Clubs & Nachtlokale in den vergangenen Monaten ihre Pforten für immer schließen mussten? Haben nicht zahlreiche Arbeitgeber Corona als willkommenen Vorwand genommen, um Belegschaft, die sie eh schon länger loswerden wollten, erst in Kurzarbeit und im Anschluss in die Jobcenter zu schicken? Der Kitt der Kurzarbeit verstellt im Moment den klaren Blick auf das wahre Ausmaß der sich in Bälde anbahnenden ökonomischen Katastrophe. 2021, sobald die Maßnahme ausläuft, wird als das Jahr mit DEN Rekord-Arbeitslosenzahlen in die Geschichtsbücher eingehen.

    Lieber arbeitslos als tot?

    „Lieber arbeitslos als tot“, meinen Sie?
    „Habe ich im Frühjahr noch genauso gesehen“, antworte ich. Heute hingegen graut mir manchmal vor einer Depression, wie wir sie Ende der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon mal erlebt haben. Auch wenn man die Situationen damals und heute nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen kann, so ähneln sich ökonomische Depressionen doch darin, dass sie sich oft als hartnäckig erweisen und als unappetitliche Folge das Erstarken der radikalen politischen Ränder im Schlepptau haben.

    So lange die Inzidenzwerte nicht in die Stratosphäre schießen, die Krankenhäuser nicht am Limit arbeiten u.v.a. die Mortalitätsrate nicht explodiert, sollten wir deshalb ALLES versuchen, die Pandemie mit hausärztlichen Mitteln (i.e. Maske beim Einkaufen und auf der Straße tragen, Abstand halten, Menschenmengen meiden, lieber einmal zu oft als einmal zu wenig zu Hause bleiben, die Möglichkeiten von Homeoffice und Homeschooling umfangreich nutzen etc. etc.) in den Griff zu bekommen, als Gefahr zu laufen, dass wir qua Gesetz/ Verordnung pünktlich zum Start der Adventszeit unsere vier Wände bis zum Frühjahr nicht mehr verlassen dürfen und Gastronomie & Hotellerie der endgültige Todesstoß versetzt wird. Der leicht erkältete Patient Deutschland, der sich im Moment noch mit Mitteln aus der Hausapotheke selbst kurieren kann, würde dann mit dauerhaft 40° Grad Fieber auf die ökonomische Intensivstation verfrachtet. Länge des Aufenthalts und Rückkehr zu alter Stärke völlig ungewiss.

    Der Optimist in mir sagt, wir werden es mit Masken und Rückzug auf die Wohnzimmercouch schaffen, weil wir Menschen vernünftige und soziale Wesen sind. Der Pessimist hält dagegen: „Vernünftig und sozial? Vergiss es! Das klappt nie und nimmer. Es gibt immer noch ne Menge Leute, die sich störrisch und grob fahrlässig der Prävention verweigern. Spätestens an Weihnachten wird der nationale Infektions-Notstand ausgerufen.“

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich möglichst viele am eindringlichen Appell der Kanzlerin ausrichten. Denjenigen, die der Kanzlerin, egal was die gerade empfiehlt, grundsätzlich misstrauen, sei zusätzlich ein Tipp meiner Großmutter väterlicherseits ans Herz gelegt: Im Krieg und bei Seuchen ist Vorsicht eine Tugend. Die Dame hat mit diesem Motto zwei Weltkriege und die Spanische Grippe relativ unbeschadet überlebt und wurde knapp 100 Jahre alt, weshalb mir der Ratschlag vernünftig zu sein scheint. Ich jedenfalls habe mir zusätzlich zum Netflix- jetzt auch noch ein Maxdome-Abo zugelegt und ein Dutzend Romane in Amazon bestellt, damit mir beim (noch freiwillig) Zu-Hause-bleiben auch bestimmt nicht langweilig wird.

    Und wie lange soll das (freiwillige) Zu-Hause-bleiben dauern, wollen Sie abschließend wissen? Halt so lange, bis die Werte wieder absinken und ein Impfstoff zur Verfügung steht. Und der Impfstoff wird kommen. Da bin ich SEHR zuversichtlich.

  • Corona als Charaktertest

    Corona als Charaktertest

    Pfingsten steht vor der Tür, die Sonne scheint, mein monatelang sich in freiwilliger Selbstisolation kasteiender Nachbar steckt seine blasse Nase aus dem Fenster, schnuppert, ob die Luft noch nach Sars-CoV-2 riecht, entscheidet für sich, und weil Herr Ramelow das auch so sieht, dass die Gefahrenlage eine beherrschbare, wenn nicht sogar bereits obsolete, ist, steigt in sein Auto und fährt endlich mal raus aufs Land. Mit kurzem Stopp an der ESSO. Alles rein in den leeren Tank, denn der Sprit ist günstig. Wenigstens diesen kleinen Vorteil hat Corona uns beschert, sagt er. Und dann düst er ab in Richtung Vulkaneifel. Zwar nur ein kurzer 48h-Urlaub und ungewohnterweise in der Heimat, weil die Grenzen ja noch zu sind; jedoch dringend notwendig. „Ist ja nun schon wieder zwölf Wochen her mit den Skiferien. Eine Ewigkeit!“, seufzt mein Nachbar, der jedes Jahr 5x verreist. Im Sommer gerne nach Ko Samui. „Aber das wird 2020 schwierig werden. Vielleicht geht alternativ Mallorca. Zwar nicht dasselbe wie Thailand. Aber besser als nichts“.

    Das große Gewimmel

    Auf den Straßen wimmelt es, in den Innenstädten wimmelt es, in den Geschäften wimmelt es aufgrund der noch gültigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften noch nicht ganz so wie früher; allerdings wird’s ebenfalls dort – dem oben erwähnten Herrn Ramelow sei Dank – alsbald auch wieder fröhlich wimmeln. Wie überhaupt das Wimmeln ein urmenschlicher Trieb zu sein scheint. Ich behaupte mittlerweile sogar, dass die Menschen in der Periode ihrer Bleibt-zu-Hause-Kasernierung das Wimmeln am meisten vermisst haben. Das ständige Alleinsein in der 3-Zimmer-Wohnung und die Ruhe auf den Autobahnen sind zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache. Dafür, dass wir notorische Wimmler sind, haben wir uns in den ersten vier Wochen der Pandemie gut geschlagen. Sagen alle Politiker, und mein Nachbar sagt’s auch. Also wird es stimmen.

    Der Wendepunkt war um Ostern herum erreicht. Mehr als ein Monat Homeoffice war dem postmodernen Wimmler schlichtweg nicht zuzumuten. Die Politiker mit ihren feinen Antennen für jedes neue Magengrummeln ihres Wahlvolks empfingen die Wir-haben-die-Schnauze-voll-von TK-Pizza-und-jeden-Abend-ne Serie-auf Netflix-Signale der zunehmend frustrierteren Bürgerinnen und Bürger und kalibrierten umgehend ihren Corona-Kompass neu: 16 Ministerpräsidenten rückten von der Kanzlerin ab, die Kanzlerin mahnte ihren Chef-Virologen, nicht ständig alles allzu Schwarz zu sehen, der Boulevard nahm sich die Wissenschaft im Allgemeinen und den Drosten im Speziellen zur Brust. Und vorneweg marschierte Herr Laschet, dem es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann, nachdem er im März noch von der dringend notwendigen Entschleunigung aufgrund der immensen Gefährdungslage gesprochen hatte. Aber weshalb sollte Adenauers Einsicht, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, nicht ebenfalls für andere gelten? Wir sind alle Rheinländer (also Adenauer, Laschet und ich) und reden heute so, morgen so und übermorgen wieder so oder auch schon mal komplett andersherum. Bei Adenauer, der ist lange tot, und mir, ich bin bloß ein kleiner Kolumnist, ist das allerdings weniger folgenschwer als bei Laschet, der noch Großes vorhat, wobei ihm sein Corona-Schlingerkurs eventuell noch gehörig auf die Füße fallen könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

    Corona ist auch nur ein Schnupfen

    Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, beim Wendepunkt um Ostern herum. Quasi über Nacht wurde Covid-19 von tödlicher Gefahr auf Grippe und wiederum zwei Nächte später auf „auch nicht schlimmer als ein Schnupfen“ runtergestuft. In der Art eines Tornados, wie er periodisch die Südküste der USA heimsucht, von dort aus eine Spur der Verwüstung von Louisiana bis Arkansas hinterlässt, dabei an Kraft verliert, bis er schließlich in Missouri nur noch als laues Lüftchen wahrgenommen wird. Was ist das denn für ein Vergleich, fragen Sie mich? Ein Tornado ist doch was völlig anderes als ein Virus. Stimmt, antworte ich. Wir benehmen uns aber im Moment trotzdem dergestalt, als verhalte sich Corona wie ein Wirbelsturm: weitergezogen, Gefahr vorüber. Dass es nicht so ist, wissen die Virologen, die Freimaurer, Bill Gates und die, die 1918 – Die Welt im Fieber (*) gelesen haben. Die zweite Welle lauert irgendwo da draußen in den Weiten des Atlantiks oder im Dickdarm einer Wildente.

    Dass die Menschen wieder wimmeln wollen – geschenkt. Gemäß einer nicht-repräsentativen Umfrage in meiner Nachbarschaft vermissen 40 Prozent den regelmäßigen Friseurbesuch, ein Drittel will zu McDonald’s und die Hälfte möchte endlich mal wieder an den Strand. Das sind aufaddiert mehr als 100 Prozent, sagen Sie? Stimmt: Mehrfachantworten waren möglich. Sind alles urmenschliche Sehnsüchte, das sehe ich ein. Was jedoch im Wimmeltrieb-Zusammenhang verstört, ist der Umstand, mit welcher Vehemenz bis hin zu verbaler Brutalität diese Wünsche vorgetragen werden. Die wohlstandsverwahrlosten Anti-Corona-Demonstranten agieren ja nicht im luftleeren Raum. Das, was sie auf ihre Plakate schreiben und maskenbefreit quer über unsere Marktplätze grölen, ist nichts anderes als das, was man vorher schon tausendfach auf den digitalen Plattformen lesen konnte. Wenn man Facebook & Twitter für ein 1-zu-1-Abbild der realen Welt hält – was sie beide glücklicherweise (noch) nicht sind –, dann kann einem an manchen Tagen Angst und bange werden; dermaßen empathielos und voller Häme wird dort, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben (ich klopfe 3x auf Holz), gegen die noch fortbestehenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen gehetzt. Weshalb es unzumutbar sein soll, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, 1.5m Abstand einzuhalten und sich hin und wieder die Hände zu waschen – keine Ahnung. Und dass wir die Krankheit nicht in Altersheime einschleppen sollen, müsste ebenfalls einleuchten. Tut es aber nicht jedem. Man liest im Netz auch solche Sätze: „Meine Oma stirbt lieber in Würde als würdelos eingesperrt zu sein.“ Was soll man darauf erwidern? Am besten nichts und still hoffen, dass die besagte Oma den Besuch ihres Enkels unbeschadet überstehen wird.

    Politik muss manchmal schnell entscheiden

    Wie Covid-19 letztlich einsortiert werden muss, wie groß die reale Gefahr für Leib und Leben tatsächlich war, ob unser Gesundheitssystem ohne Staythefuckathome kollabiert wäre, werden wir erst in ein, zwei Jahren abschließend beurteilen können. Politik muss jedoch manchmal im Hier und Heute eine Entscheidung treffen und kann sich den Luxus des Aussitzens nicht immer leisten. Und dass bei Ausbruch einer globalen Seuche mit ungewissem Ausgang der Aspekt der sofortigen Gefahrenabwehr unbedingten Vorrang vor allen anderen Betrachtungsweisen genießt, scheint mir ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man Politik im Sinne der Allgemeinwohlverpflichtung begreift; was natürlich nicht in jedem Land selbstverständlich ist. Wer davon faselt, dass Gesundheit und Leben bloß zwei Faktoren unter vielen im Grundrechte-Kanon darstellen, der sieht das mit der Notwendigkeit eines solidarischen Shutdowns folgerichtig anders. Für den sind die Öffnungszeiten des lokalen Baumarkts wichtiger als die ausreichende Bettenkapazität im Kreiskrankenhaus. Von da bis zum Gedanken, dass wir – und vor allem die alten Leute – eh irgendwann sterben müssen, ist es erfahrungsgemäß nur ein kleiner Schritt. Eugenik light im 21sten Jahrhundert. Der Primat der Wirtschaft endet für mich allerdings dort, wo es um lebensrettende Maßnahmen geht.

    Ich habe vollstes Verständnis für die Nöte von Branchen, die wegen des Lockdowns in Existenznot geraten sind: z.B. Gastronomie, Kulturbetriebe, Fitnessstudios. Hier geht es oft um’s blanke wirtschaftliche Überleben. Und deshalb müssen zum einen schnelle finanzielle Hilfen angeboten und zum anderen Fortführungsperspektiven aufgezeigt werden. Weshalb in manchen Bundesländern der Aufenthalt in einem Sportstudio strenger beurteilt wird als bspw. der Besuch eines Gottesdienstes, erschließt sich dem nicht-virologisch-geschulten Betrachter nicht immer. Warum in NRW Sachen erlaubt sind, die Bayern weiterhin verbietet, begreift auch nicht jeder. Dass die betroffenen Wirtschaftszweige darüber ihren Unmut äußern – völlig legitim. Weniger Verständnis habe ich hingegen für diejenigen, die jammern, dass sie ein paar Wochen lang nicht ins Sportstudio durften. So what? Mach jeden Morgen ein paar Kniebeugen und Sit-ups auf dem Wohnzimmerteppich, und gut ist es. Und am wenigsten Verständnis habe ich für die Gruppe von Schreihälsen, die sich lautstark über den Wegfall von Trainingsmöglichkeiten beschweren, ohne je ein Fitnessstudio von innen gesehen zu haben.

    Hauptsache, dagegen gestänkert

    Und ebenfalls die Äußerungen mancher Politiker – auch jenseits der dauerstänkernden Fundamentaloppositionisten von der AfD – lassen mich abwechselnd ratlos und verstört zurück. Was einen Herrn Lindner reitet, wenn er von Corona-Maulkörben spricht oder seinen Parteikollegen Kubicki antreibt, der mal ganz salopp die Sinnhaftigkeit der R-Zahl in Zweifel zieht, oder auf welcher Grundlage Frau Sudings Warnruf, durch die temporären Schulschließungen stünden die Lebenschancen mehrerer (!) Generationen auf dem Spiel, erfolgt, wissen vermutlich die drei Genannten selbst nicht so genau. Hauptsache, mal wieder einen rausgehauen und der Kanzlerin und ihrem Rasputin (pardon: Drosten) ordentlich was eingeschenkt. Für mich hat dieser faktenfreie Beißreflex schon was Pawlowartiges. Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Politik ist ein undankbares Geschäft, wie blauäugig sind Sie denn, Herr Kolumnist, fragen Sie? Ich weiß, dass Politik ein undankbares Geschäft ist. Mache aber der guten Ordnung halber hin und wieder trotzdem darauf aufmerksam. Ich wiederum behaupte, bei der Einsicht bzw. der Nicht-Einsicht in die Notwendigkeit solidarischen Handelns zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Wer zwingend gebotene Vorsichtsmaßnahmen als Panikmache verunglimpft und sich gar zu der Behauptung versteigt, eine Gesundheitsdiktatur stünde kurz bevor, ist bestenfalls verstrahlt. Vermutlich gehört er aber der Glaubensrichtung an, die von der unbedingten Vorteilhaftigkeit individueller Entscheidungen und singulären Tuns überzeugt ist. Gemäß dieser Doktrin muss halt jeder für sich selbst wissen, wie er mit einer Seuche umgeht. Der Staat hat sich da rauszuhalten. Kann man mögen und dran sterben. Und wenn man dran stirbt, ist es auch nicht weiter tragisch, denn man hat sich das ja freiwillig ausgesucht. Da ergibt der Spruch, „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, gleich einen ganz anderen Sinn.

    Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem leisen Das-haben-Sie-gut-gemacht-Frau-Bundeskanzlerin?

    Ob es eine gute Idee war, einen Großteil unserer Präventionsregeln über Bord zu werfen und von nun an so zu tun, als ob Covid-19 eine vorübergezogene, kleine Wintergrippe gewesen sei, werden die kommenden Monate erweisen. Der Optimist in mir hofft: Ja, das war’s. Der Pessimist im schräg gegenüberliegenden Hirnlappen raunt hingegen: Es kommt oft heftiger, als man denkt. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass Deutschland aufgrund raschen Handelns halbwegs glimpflich aus der Sache rausgekommen ist. Zumindest halbwegs glimpflich aus der ersten Welle der Sache rausgekommen ist. Wie man die Auswirkungen einer Pandemie durch anfängliches Verharmlosen und zu lange mit der Entscheidung warten verschlimmert – dafür brauchen wir bloß nach USA, UK und Brasilien zu schauen. Deshalb wäre an dieser Stelle ein leises Danke-Frau-Merkel-das-haben-Sie-gut-gemacht durchaus angebracht. Ich bedank mich doch nicht bei ner Kanzlerin dafür, dass die ihren Job ausübt. Dafür wird die doch fürstlich bezahlt, sagen Sie? Ich weiß, dass Sie das nicht tun, antworte ich. Mir würd’s schon reichen, wenn Sie sich nicht ständig über Ihre Phantomschmerzen wegen des Baby-Lockdowns beklagen würden. Und Frau Merkel würde das ebenfalls reichen. Da bin ich mir sicher.
    ————————————-
    (*) Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

  • Die Wohlstandsverwahrlosten

    Die Wohlstandsverwahrlosten

    Covid-19 ist nichts Schönes. Die damit infizierten Menschen krepieren, wenn sie älter sind, an Vorerkrankungen leiden oder als Jüngere und nicht vorerkrankte einfach nur Pech haben, elend an Beatmungsmaschinen. Das ist kein schneller Tod, sondern zieht sich über mehrere grauenvolle Tage. Es ist auch, wie von Verharmlosern und anderen beratungsresistenten Wohlstandsverwahrlosten trotz wochenlanger Aufklärung wahrheitswidrig immer noch behauptet wird, keine normale Grippe, an der jedes Jahr im Winter sowieso Tausende sterben, ohne dass da dramatisch ein Fass aufgemacht wird. Nein, SARS-CoV 2 ist was Neues, Tückisches, hochgradig Kontagiöses, das, wenn es für einen Infizierten schlecht läuft, zuerst ans Beatmungsgerät und dann in den elenden Tod führt. Es ist eine Pandemie, die aktuell in ihrer ersten Welle kreuz und quer über den Globus wütet, bis sie irgendwann abebbt, in einem entlegenen Winkel der Welt kurz verschnauft, bevor sich die Seuche in einer zweiten Welle, die oft heftiger ausfällt als die erste, erneut über den Erdball verbreiten wird. Es sei denn, man schafft es, das Virus vorher verhungern zu lassen oder entwickelt rechtzeitig einen Impfstoff.

    Im März: einhellig „flatten the curve!“

    Woher der Erreger stammt, ist erstmal völlig egal. Ob er nun auf dem Wochenmarkt in Wuhan beim Fledermaus-Barbecue entstand, aufgrund Fahrlässigkeit aus einem Labor entwich oder von Bill Gates in seiner Garage zusammengebastelt wurde, um die Microsoft-Weltherrschaft zu beschleunigen – alles wurscht. Ob die WHO rechtzeitig oder zu spät Alarm schlug, ob Herr Spahn im Januar was anderes sagte als im März, warum die Kanzlerin im Januar noch überhaupt nichts dazu sagte – ebenfalls Nebenkriegsschauplätze. Es ging ab März, als die tödliche Gefahr endlich erkannt wurde, ausschließlich darum, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Und das ließ sich auf die Schnelle einzig mittels eines Lockdowns in die Praxis umsetzen: Leute bleibt zu Hause, verlasst nur noch zum Einkaufen und Solo-Spaziergang eure Wohnungen, arbeitet im Homeoffice. Kindergärten zu, Schulen zu, Einzelhandel bis auf die Supermärkte zu. Keine Besuche mehr in Altersheimen. Nicht, um die Alten zu quälen, sondern um zu verhindern, dass die Krankheit dort eingeschleppt wird. Sicher alles drastische und ungewohnte Maßnahmen, aber wie will man Infektionsketten sonst wirkungsvoll unterbrechen? Im Vergleich zu dem, was einige Nachbarländer unternahmen, jedoch eh nur die Babyversion eines Shutdowns.

    „Flatten the curve“ hieß das Motto im März: sicherstellen, dass die Bettenkapazitäten unserer Krankenhäuser ausreichen, um den zu erwartenden Ansturm der schwer Infizierten menschenwürdig behandeln zu können. Bloß keine Auswahlentscheidung (die sog. Triage), wer darf ans Beatmungsgerät und bei wem lohnt das nicht mehr, durch die Ärzte, wie sie in Italien, Spanien und Frankreich aufgrund der dortigen Überlastungen der Systeme getroffen werden musste. Und es klappte: die Todeszahlen stiegen zwar stetig, allerdings im Vergleich zu anderen Ländern eher moderat,  und die Kliniken mussten ungezählte Sonderschichten einlegen; jedoch verblieben wir unterm Strich im orangen/ gelben Bereich. So weit, so „gut“. Das war bisher halbwegs glimpflich für uns Deutsche verlaufen, der bittere Kelch an uns fürs Erste vorübergegangen. Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen, welche Maßnahmen haben sich bewährt, welche eher nicht, Zeit, eine Kerze in der Kirche anzuzünden und auch der Regierung für besonnenes und erfolgreiches Krisenmanagement zu danken. Man muss übrigens kein Merkelianer sein, um das vorbehaltlos anzuerkennen.

    Im April: Lockerungen sofort!

    Wir wären aber nicht in Deutschland, wenn nicht, sobald die größte Gefahr überstanden ist, sofort die Heckenschützen aus ihren Gräben hervorkommen und nun dieselbe Regierung, der sie im März noch Gefolgschaftstreue bei der Überwindung dieser Jahrhundertkrise geschworen hatten, ins Kreuzfeuer nehmen. Der Shutdown dauert zu lange, wir müssen dringend lockern, schallt es plötzlich von links und rechts. Genau genommen eher von rechts. Gestorben wird sowieso immer, vor allem bei den Alten, hört man jetzt in Talk Shows und liest es in Interviews. Der Lockdown war ein Fehler, schaut nach Schweden, erklären die Hobby-Virologen, und ich schaue nach Schweden und sehe dort prozentual mehr Tote als bei uns. DIE WIRTSCHAFT muss SCHNELL wieder hochfahren, fordern die Ministerpräsidenten, machen ab sofort alle ihr eigenes Ding und scheren sich einen Dreck darum, was sie gestern noch in Berlin mit dem Kanzleramt vereinbart hatten. Das ist das Wesen des Föderalismus, sagen Sie? Die Kehrseite von Föderalismus heißt Kakophonie, antworte ich. Aber okay, so funktioniert eben das politische Geschäft. Ein ewiges Hauen und Stechen. Wer zartbesaitet ist oder gar Freundschaften fürs Leben sucht, sollte da besser nicht anheuern.

    Es ist die hohe Zeit von Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern. Wer öfter im weltweiten Netz unterwegs ist, kennt diese beiden Gruppen und kann den Wahrheitsgehalt ihrer oft ins Wahnhafte gesteigerten Mutmaßungen gut einsortieren. Verschwörungstheoretiker wittern nun mal per Definition überall Verschwörungen, und Impfgegner wollen weder sich noch ihre Kinder (was ich übrigens sehr asozial finde) gegen irgendwas impfen lassen, sondern vertrauen stattdessen auf Bachblüten, schwach gesüßten Pfefferminztee und kalte Wadenwickel. Quark, den ich schon tausend Mal in Facebook, Twitter & Co. gelesen habe. Jetzt nichts Besonderes, dass die einen sich bei Corona auf die Chinesen, die das Virus gezüchtet haben, um die westliche Welt zu vernichten, einschießen, und die anderen Bill Gates zum Sündenbock erklären, der uns entweder ausrotten oder sich am Impfstoff schamlos bereichern oder beides zusammen will. Halt der übliche Verschwörungs- und Esoterikmüll, über den man täglich in den sozialen Netzwerken stolpert.

    Im Mai: Verschwörungstheoretiker und Impfgegner rotten sich zusammen

    Unappetitlich wird es aber seit Neuestem durch einen Verein, der sich Widerstand 2020 nennt und sogenannte Querdenker und Anti-Corona-Rebellen zu Aktionen gegen die Regierung auffordert. Mantra: Das Grundgesetz wird außer Kraft gesetzt, die Elite bereitet die (Eliten-) Diktatur vor. Dass die beiden oben genannten Spinnergruppen auf sowas abfahren – geschenkt. Was jedoch erschreckt, ist die Beobachtung, dass ebenfalls Menschen, die ich bisher der bürgerlichen Mitte zugeordnet hatte, plötzlich vom Querdenker-Bazillus infiziert werden. Mal völlig losgelöst vom Umstand, dass querdenken nicht zwangsläufig richtig denken bedeutet, mutet es schon ein bisschen exotisch an, wenn ich nun Rechtsanwältinnen, Mathematiklehrer und Steuerberater was von Revolution faseln höre. Und ich frage: Welche eurer Grundrechte wurden denn derart massiv ausgesetzt, dass ihr zu Revoluzzern mutieren möchtet? Mir wird die Teilnahme am Gottesdienst verwehrt, antwortet der Steuerberater, der vor zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten ist. Ich darf meine Oma nicht mehr im Altersheim besuchen, sagt der Mathematiklehrer, dessen beide Omas schon vor der Jahrtausendwende gestorben sind. Es geht ums Prinzip, erklärt die Rechtsanwältin. Wir sind das Volk und dürfen ALLES. Die Regierung hingegen muss sich rechtfertigen vor uns. Wo kommen wir denn hin, wenn der Einzelhandel über Nacht geschlossen wird, und wir alle wochenlang nicht ins Kosmetikstudio gehen können? Schauen Sie sich meine Fingernägel an. Eine einzige Katastrophe. Und die Einschränkung der Reisefreiheit!! Fragen Sie mal meine Kinder, wie die das fanden, als wir über Ostern nicht an den Gardasee fahren durften, wo wir eine schöne Ferienwohnung in Bardolino besitzen. KATASTROPHE. Aber die Regierung hat doch täglich erläutert, was sie tut, und weshalb die Maßnahmen im Moment notwendig sind, wende ich ein. Ach, das sind doch alles bloß Verwirrspiele, um das Parlament zu entmachten und die Diktatur vorzubereiten, sagt die Rechtsanwältin, bevor sie sich wieder über ihren Schriftsatz beugt, den sie gleich ans Bundesverfassungsgericht losschicken wird, um die sofortige Inhaftierung der gesamten korrupten Berliner Regierungsriege zu fordern.

    Wie schult man nun querdenkende Rechtsanwältinnen, Mathematiklehrer und Steuerberater auf Revolutionäre um? Menschen, die es gewohnt sind, drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen, zwei Autos im Carport stehen zu haben, abends zwischen RTL, Netflix und Amazon Prime zu wählen und in einem warmen Bett mit 5-Zonen-Komfort-Matratze zu schlafen? Man startet mit einer kleinen Aufgabe: Setzt keine Masken auf! Denn Masken:
    (a) zwingen dich, CO2 einzuatmen
    (b) sind schlecht für die Gesichtshaut
    (c) sind bisher unerforscht hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf unseren Stuhlgang
    (d) verursachen mehr Schaden als Covid 19, das sowieso nur eine Erfindung der Pharmaindustrie ist.

    Und so schmeißen die Corona-Widerständler ihre Masken in den Müllcontainer und fühlen sich dabei sehr revolutionär.

    In einem zweiten Schritt organisiert man kleine Querdenker-Demonstrationen, auf denen natürlich ebenfalls keine Masken getragen, dafür aber Schilder in die Höhe gehalten werden: Merkel muss weg, ist da zu lesen. Wir lassen uns nicht länger verarschen. Corona ist ein Hirngespinst. Bill Gates = größter Menschenfeind und so weiter und so Bullshit. Dass die Sicherheitsabstände von 1.5 Metern bei diesen Flashmobs nicht eingehalten werden – geschenkt. Dass die Wacht-endlich-auf-ihr-Schlafschaf-Trompeter ihre Meinung ungefiltert und unsanktioniert herumtrompeten dürfen, obwohl doch diese Meinungsfreiheit angeblich aufs Höchste gefährdet ist, ebenfalls geschenkt. Dass wir in ein paar Tagen wieder stark ansteigende Krankheitszahlen in den Städten, in denen die Covid-19-Rebellen zusammenströmten, erleben werden  – zum dritten Mal geschenkt. Dass die Rechtsextremen Seit an Seit marschieren – geschenkt die Vierte. Widerstand 2020 ist auch nur wutbürgerndes Pegidatum, bloß mit neuer Themensetzung.

    Wohlstandsverwahrlostes Revoluzzertum = asozial

    Mir ist zwar vor diesen Sofa-Revolutionären, die aufgrund galoppierender Verweichlichung im Verein mit gleichzeitig chronischer Kurzatmigkeit beim Eignungstest für richtige Revolutionäre allesamt durchfallen würden, nicht bange; jedoch empfinde ich deren Aktivitäten in zunehmendem Maße als hochgradig egoistisch, unser Grundrecht auf Gesundheit grob fahrlässig gefährdend und in Blickrichtung auf den Solidaritätsgedanken, der eine Gesellschaft letztlich zusammenhält, fortgeschritten asozial.

    Menschen, die in Zeiten einer Pandemie Grundrechte auf regelmäßigen Besuch im Fingernagelstudio und Osterurlaub am Gardasee einfordern, kann ich nicht Ernst nehmen. Ich bezeichne solche Leute deshalb als das, was sie in Wirklichkeit sind:
    Unsere Wohlstandsverwahrlosten.

  • ?!Ausgangssperre jetzt!?

    ?!Ausgangssperre jetzt!?

    Bayern und das Saarland haben sie, der Rest der Republik überlegt noch, ob sie tatsächlich notwendig ist: die Ausgangssperre, etwas weniger dramatisch klingend auch als Ausgangsbeschränkung bezeichnet. In der aktuellen Praxis bedeutet das: Zu Hause bleiben, auf die Straße bloß noch zum Einkaufen und für einen Spaziergang. Den Zweitgenannten aber bitte möglichst alleine und nicht unnötig in die Länge ziehen. Schulen, Kitas, Universitäten geschlossen: Eltern mit Kindern auf mitunter kleinstem Raum kaserniert. Soziale Kontaktpflege erfolgt via Facebook, Twitter, WhatsApp und Instagram. Polizei und Ordnungsamt kontrollieren, ob wir unseren Stubenarrest auch brav einhalten, bei Grüppchenbildung drohen drakonische Bußgelder. Über die Notwendigkeit von Militärpatrouillen wird nachgedacht. Die Bürger hamstern, obwohl hamstern erstmal gar nicht notwendig ist; aber wer weiß schon so genau, ob Klopapier, Nudeln und Dosenravioli in den kommenden Monaten nicht doch knapp und nur noch gegen Bezugsscheine verteilt werden? Klingt wie Resident Evil, Teil 2 oder chinesische Hardcore-Umerziehungspädagogik. Bei uns im freien Westen alles bis vor kurzem noch undenkbar. Aber Corona verändert uns und unseren Alltag rasanter, als sich die Zombies in R.E, Folge 3 vermehren.

    #staythefuckhome!

    Der kollektive Schlachtruf lautet: #staythefuckhome! Und wie das mit kollektiven Schlachtrufen so ist – man wird rasch als Realitäts- und Exponentialkurvenverweigerer abgestempelt, wenn man (a) Fragen stellt und (b) von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme nicht zu hundert Prozent überzeugt ist, zu bedenken gibt, dass Söders Vorpreschen entgegen vorher getroffener Absprache mit dem Kanzleramt wenig kollegial anmutet. Da schallt einem in Facebook auch mal ein herzliches, „Du bist so asozial!“, entgegen.

    Eine grundlegende Frage müsste beispielsweise lauten: Weshalb wurde die von Corona ausgehende Gefahr noch im Februar mit gering eingestuft? Dass Pandemien die unangenehme Eigenschaft besitzen, sich rasend schnell weltweit zu verbreiten und sich dabei einen Scheiß um nationale Grenzen scheren, ist ja nun keine brandneue Erkenntnis. Warum keine frühe Warnung vor Großveranstaltungen wie Karneval, Konzerten und Sportevents? Weshalb wiegten wir uns noch viele Wochen nach den aus Wuhan zu uns gesendeten Bildern in trügerischer Sicherheit? Warum wurden die Experten und in der Folge die Politik erst nervös, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war bzw. das Virus in Norditalien wütete wie weiland der Schwarze Tod? Wäre, wäre … Fahrradkette? Stimmt. Aber zumindest die Frage darf ja noch erlaubt sein. Wenn man Prävention ernst nimmt, dann muss diese viel früher greifen, als bei Sars-CoV-2 geschehen. Mit Szenarien wie dem Aktuellen beschäftigt sich seit Jahrzehnten unser Katastrophenschutz in seinen Planspielen. Und bei biologischer Kriegsführung gilt die Regel, dass man erstmal das betroffene Gebiet – das wäre im vorliegenden Fall der Landkreis Heinsberg gewesen – abriegelt, bevor man die Durchseuchung einer Region oder gar eines Landes riskiert. An dieser Stelle aber auch schon wieder Schluss mit der Fahrradkette.

    #flatenthecurve

    Was bringt eine Ausgangssperre, die durchlöchert ist wie ein Emmentaler, nachdem ihn Dirty Harry für eine Schießübung benutzt hat? Nach wie vor pendeln Massen an Berufstätigen täglich zur Arbeit, wo sie auf andere eventuell infizierte Berufstätige treffen. Wir gehen weiterhin in den Supermarkt und stürzen uns dort in den Nahkampf um die letzte Dose Thunfisch und die finale 4er-Packung Zewa. Wir setzen uns in Busse und Bahnen, in denen der Passagier hinter uns sich gerade die Lunge aus dem Hals hustet und seinen Rotz dabei fahrlässig über den Haltegriff verteilt. Wer die Frage nach Sinn und Nutzen stellt, der wird auf die Notwendigkeit von #flatenthecurve verwiesen kombiniert mit Schaubildern für Dummies à la: Wie überlistet man eine Exponentialfunktion? Und es erfolgt natürlich der Hinweis auf Hubei, wo die chinesischen Behörden das Virus aufgrund der Zwangsquarantäne nun unter Kontrolle gebracht haben. Allerdings fielen die in Wuhan ergriffenen Maßnahmen sehr viel drastischer aus als bei uns. Es gab einen kompletten Lockdown und die Kasernierung der Bevölkerung dauerte deutlich länger als zwei Wochen. Und ob die bösen Geister nun tatsächlich dauerhaft aus Zentralchina vertrieben wurden, oder die Epidemie alsbald zurückkehrt, wird man mit Gewissheit erst in ein paar Monaten beurteilen können. Weshalb wir uns also in dem Glauben wähnen, wir Europäer bleiben jetzt alle ein paar Tage zu Hause, und danach kann alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, erschließt sich mir selbst bei optimistischster Betrachtung des nun verordneten kollektiven Stubenarrests nicht. Auch die oben genannte Kurve wird sich binnen Zwei-Wochen-Frist nicht derart abflachen, dass unsere Krankenhäuser mit ihrer bestehenden Bettenkapazität die zu erwartende Masse der Neu-Erkrankten auffangen können werden. „Ihnen gehen sämtliche Kenntnisse der Exponentialrechnung ab, Herr Kolumnist. In 14 Tagen sind wir aus dem Gröbsten raus“, sagen Sie? „Hoffentlich behalten Sie Recht und nicht ich“, erwidere ich.

    Von der eklatanten Aushebelung unserer Grundrechte auf Bewegung, Pflege von Sozialkontakten und ungehinderter Berufsausübung mittels schwammiger Generalklauseln wie § 28 Infektionsschutzgesetz will ich hier gar nicht erst anfangen. Sonst werde ich in meinem seit einer Woche währenden Hausarrest noch deprimierter, als ich es als freiheitsliebender Mensch im Moment ohnehin schon bin. „Was nützen Ihnen diese Rechte, wenn wir demnächst alle tot sind?“, fragen Sie mich? „Stimmt natürlich auch wieder“, antworte ich Ihnen. Wobei wir die Fälle zunehmender häuslicher Gewalt und verzweifelter Sprünge vom Balkon, die ab Monat 2 in Quarantäne drohen, hier mal außen vor lassen wollen. Darüber reden wir, wenn es soweit ist.

    Aus der Krise lernen!?

    Sobald der Corona-Tsunami irgendwann abgeflaut sein wird – gibt Experten, die ein Abebben allerdings erst im kommenden Jahr prognostizieren –, dann stehen wir vor zwei Scherbenhaufen: (1) vielen Toten und (2) jeder Menge bankrotter Freiberufler, insolventer Mittelständler und ein paar Hunderttausend (vielleicht sogar Millionen) zusätzlicher Arbeitsloser. Ob man Lehren aus dieser Megakrise ziehen kann? Klar kann man das: Drohenden Seuchen wirkungsvoller begegnen, indem Warnstufen deutlich früher ausgerufen werden, Intensivkapazitäten der Kliniken aufstocken, medizinisches Personal besser bezahlen, sattelfeste rechtliche Grundlagen für solch einen Katastrophenfall schaffen, SCHNELLE finanzielle Hilfen für die Epidemie-Verlierer anbieten: z.B. ein zeitlich begrenztes (bedingungsloses) Grundeinkommen und/ oder Barschecks, wie sie in den USA verteilt werden sollen, Konjunkturprogramme nicht nur für die Großindustrie, sondern ebenfalls für den kleinen Mittelstand und die vielen freiberuflichen Einzelkämpfer etc. etc. Ob’s das alles nach Corona geben wird? Der Optimist in mir sagt: Ja. Der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte meint hingegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die versprochenen Hilfen zügig und unbürokratisch ausgezahlt werden, liegt in etwa so hoch wie die, von Tante Mitzi zum Geburtstag ein Buch geschenkt zu bekommen, das man wirklich lesen mag. Beides im kleinen einstelligen Prozentbereich anzusiedeln. Ja ja, der Pessimist in meiner linken Hirnhälfte schweigt jetzt sofort wieder.

    Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, bleiben wir alle erstmal ein paar Wochen lang zu Hause, beten täglich darum, dass Instagram und Netflix störungsfrei funktionieren mögen, lesen endlich Tante Mitzis Bücher, lernen per Babbel Serbokroatisch und Finnisch, posten minütlich Kommentare in Facebook und überlegen, während wir mit streng rationiertem Toilettenpapier auf dem Klo sitzen, worüber wir uns heute Abend mit unserem Partner, den wir jetzt 24/7 an der Backe haben, unterhalten werden, denn so langsam gehen uns die Gesprächsthemen aus; ja, wir reagieren sogar schon leicht gereizt auf die pure Präsenz des anderen. Spätestens ab Woche 4 im Stubenarrest wird ein Run auf Psychopharmaka und Sedativa einsetzen. Hoffe, dass die Apotheken entsprechend vorbereitet sind.

    Am Ende dieser Kolumne wünsche ich uns allen, dass wir in Zeiten von Corona zumindest unseren (Galgen-) Humor nicht verlieren. Kommen wieder bessere Zeiten, allerdings auch neue Pandemien. Bleiben Sie gesund!

    #keepyoursenseofhumor

  • Kolumnenschreiben in Zeiten von Corona

    Kolumnenschreiben in Zeiten von Corona

    Ich geb’s zu: ich habe das Virus einige Wochen lang unterschätzt. Am Anfang wütete es in einer zentralchinesischen Provinz, bei der ich erstmal in meinem alten Diercke-Atlas nachschauen musste, wo genau die sich überhaupt befindet. Irgendwas ist in China mit seiner 1 Fantastilliarde Einwohnern krankheitsmäßig ja immer los, dachte ich, wenn darüber in der Tagesschau berichtet wurde und zappte im Anschluss weiter zu Netflix, um mir Resident Evil, Teil 5 anzugucken. Die Lage in Wuhan verschlechterte sich, die Behörden verordneten Zwangsquarantäne und Ausgangssperren, und ich überlegte: Die armen Menschen, ICH würde einen Lagerkoller bekommen, wenn ich meine eigenen vier Wände tagelang nicht verlassen dürfte. Der Erreger erreichte derweil Südkorea und Singapur, und mir ging durch den Kopf: WEIT weg von Zentraleuropa. Kein Grund zur Panik. Israel schloss seine Grenzen und setzte Flüge aus. Fand ich übertrieben. Zumal: Was interessieren ein Virus schon nationale Grenzen? Die ersten Menschen starben, und ich dachte: Das tun sie bei Grippe, Malaria und HIV ebenfalls, ohne dass darüber stündlich berichtet wird. Weiterhin kein Grund zu Panik und Hamsterkäufen. Das Leben muss trotz Todesfällen schließlich irgendwie weitergehen.

    Wer will schon Geisterspiele sehen?

    Mittlerweile ertappte ich mich allerdings dabei, dass ich mir die Hände häufiger und penibler wusch als sonst üblich und in der Schlange vor der Supermarktkasse misstrauisch darauf achtete, ob der Kunde vor oder hinter mir verdächtig hustete. Jetzt verfällst du selbst in Panik, seufzte ich und passte dennoch auf, ob die hübsche Bäckereifachverkäuferin Handschuhe überstreifte, bevor sie meine Brötchen in die Tüte packte. Halt so kleine Vorsichtsmaßnahmen, die den Alltag nicht allzu sehr einschränken. Hauptsache, die Bundesliga läuft weiter. Ein Wochenende ohne den Effzeh ist ein vergeudetes Wochenende.

    Dann drei zeitlich eng getaktete Paukenschläge: Italien schaltet in den Komplett-Krisenmodus, Veranstaltungen über 1000 Besucher sollen abgesagt werden, die Eishockeyliga stellt den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung ein. Oha, denke ich, jetzt fehlen bloß noch Geisterspiele, aber wer will sowas ernsthaft erleben? Und es kam tatsächlich zu Geisterspielen. Zwar bloß ein Dutzend an der Zahl; allerdings waren die wie erwartet alle grausam anzuschauen. Wenn ich Friedhofsruhe haben möchte, gehe ich auf den Friedhof, aber setze mich nicht in eine Skybar, um den FC ohne Fans in Gladbach absaufen zu sehen. „Macht es wie die vom Eishockey oder verlängert die Saison in den Sommer hinein. Aber erspart uns Spiele ohne Zuschauer. Das ist wie Sex ohne Partner im Bett“, dachte ich und ging kopfschüttelnd zurück nach Hause. So langsam fing das Virus an, mir gehörig auf die Nerven zu gehen.

    Sich informieren hilft

    Da regelmäßiges Zeitunglesen und TV-Nachrichtengucken durchaus hilfreich sein können, den eigenen begrenzten Horizont zu erweitern, wurde mir peu à peu bewusst, dass sich die Gefahrenlage doch dramatischer darstellt, als ich mir das mit meinem Grippewellen-haben-wir-jedes-Jahr-ist-jetzt-nichts-besonderes-Latein laienhaft zurechtgebogen hatte. Vor allem geht’s ja bloß zur Hälfte darum, ob ich selbst aufgrund SARS-CoV-2 früher als geplant das Zeitliche segne, sondern es stellt sich ebenfalls die Frage, ob ich als eventuell von der Infektion nichts außer leichtem Fieber bemerkender Glückspilz dann als unbewusster Virenverteiler für mein Umfeld agiere und andere, weniger Glückliche mit schwächerem Immunsystem ins Grab befördere. Okay, leuchtet mir ein.

    Im Folgenden wechselte ich in meinen persönlichen Krisenmodus: Homeoffice, keine Restaurants & Café-Besuche, Skybar meiden (Fußball pausiert eh), Einkäufe im Supermarkt auf 2x/ Woche beschränken, alle bevorstehenden Geburtstagspartys abgesagt (u.a. meine eigene. Ganz praktisch. Erspart mir die Vorbereitungsarbeit und das lästige Aufräumen am Morgen danach), Hand leicht zum Gruß erheben anstatt andere evtl. infizierte zu schütteln, eine Armlänge Abstand einhalten und all so kleine Sachen, um dem Erreger das Überspringen auf mich nicht so leicht zu machen. Ob’s tatsächlich was nützt? Wer weiß das schon mit 100%iger Sicherheit?

    Und auch, wenn ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass sich Covid-19 zur bis dato schlimmsten Geißel der Menschheitsgeschichte entwickeln wird, so halte ich dieses Virus doch für einen guten Anlass, um zum einen unser Organisationstalent und zum anderen unsere Befähigung zur Solidarität in einer Krisensituation zu testen. Eine globale Seuche lässt sich nur durch konzertierte internationale Zusammenarbeit in den Griff bekommen. Nationale Alleingänge bringen wenig, wenn der Nachbar nicht ebenfalls zu gleichgelagerten Maßnahmen greift.

    Obwohl Skeptiker nun vor unnötig geschürter Panik warnen – von Panik kann ich in dem regionalen Umfeld, in dem ich mich bewege, nach wie vor nichts bemerken. Es sei denn, man bezeichnet bereits Homeoffice und reduzierte Nutzung des ÖPNV als Panik. Von dem, was den Verschwörungstheoretikern alles zu Corona einfällt, will ich hier gar nichts schreiben. Ansonsten verlöre sich die Kolumne im Uferlosen, dermaßen viel fällt den Verschwörungstheoretikern an Quark zu dieser Pandemie ein. Aber so sind diese Menschen halt, sonst wären sie ja keine Verschwörungstheoretiker.

    Bisherige Maßnahmen sind zu lasch

    Wenn man den Gedanken der Verzögerung der Ausbreitung wirklich ernst nimmt, dann reichen die bisher getroffenen Maßnahmen allerdings bei Weitem nicht aus. Dann muss der ÖPNV (die schlimmste Virenschleuder überhaupt) stark gedrosselt, müssen on top zu Schulen und Kindergärten weitere Begegnungsorte (Universitäten, Schwimmbäder, Fitnessstudios, Gaststätten, Clubs etc.) geschlossen, muss Homeoffice, wann immer möglich, verpflichtend und muss der nicht-lebensnotwendige Einzelhandel dicht gemacht werden. Notfalls sind Ausgangssperren zu verhängen. Ein paar Tage auf dem heimischen Sofa werden wir doch aushalten. Oder nicht?

    Jetzt verfallen Sie aber richtig in Panik, Herr Kolumnist, sagen Sie? Geht so. Ich sitze zu Hause mit einer Tasse Kaffee neben mir, während ich mit Puls im Normalbereich diese Zeilen tippe. Noch nicht mal einen Coronatest habe ich bisher absolviert. Ich meide eben eine Zeit lang Kontakt mit Menschen, wo er nicht unbedingt notwendig ist, und halte mich an die Häufig-Hände-waschen-Regel. Finde ich jetzt beides weder schwierig, noch gar dramatisch.

    Und die Wirtschaft, was ist mit der Wirtschaft? Wir schlittern wegen der Covid-Panik in eine riesige Rezession, gegen die die Finanzkrise 2008 wie ein unschuldiges Kinderspiel anmutet, geben Sie nun zu bedenken? Wer weiß das schon so genau, antworte ich. Vielleicht kommt’s so, vielleicht auch nicht. Aber lieber zwei, drei Wochen ökonomischer Stillstand als viele Jahre tot.

    Obwohl ich als Rheinländer bis zu einem gewissen Grad zum Fatalismus neige – Et kütt, wie et kütt. Da mähste eh nix –, bin ich mittlerweile doch zu der Überzeugung gelangt, dass bei einer Seuche konsequentes Durchgreifen wie in China und Italien erfolgversprechender ist als bloße Appelle an die Vernunft des Einzelnen oder unser Kölner Mantra „Et hätt noch emmer joot jejange“. Manche Dinge gehen eben nicht gut, wenn man nicht rechtzeitig rigorose Gegenmaßnahmen ergreift. Vorsicht ist in Zeiten einer weltweiten Pandemie eine Tugend.