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  • Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Es ist nun schon ein paar Wochen her, dass mein geschätzter Kolumnisten-Kollege Sören Heim sich ausführlich mit ein paar Anmerkungen von mir über Redeweisen von etwas „spezifisch Deutschem“ oder etwas „spezifisch Lyrischem“ auseinandergesetzt hat, und ich möchte nicht einen Monat vergehen lassen, bevor meine Antwort dazu erscheint.

    Ich war zunächst ziemlich überrascht, dass ein Autor, der kürzlich noch sehr nachvollziehbar dargestellt hat, dass sich nicht alles, was des Sagens wert ist, klar und einfach ausdrücken lässt, eine Definition aus einem Standardwerk für maßgeblich hält, wenn es um die Frage geht, was denn wohl „das Lyrische“ sei. Er gesteht dann auch zu, dass es wohl auch andere Definitionen gäbe, dass auch immer Grenzfälle und Grauzonen existieren; aber wer nach dem Spezifischen sucht, so meint Sören Heim, der solle sich bitte an eine Definition halten. Alles andere sei etwas Diffuses und eben nichts Spezifisches. Wer einen spezifischen Begriff wolle, der schlage eine Definition nach; wer hingegen einen „frei fließenden“ Begriff wolle, könne darauf verzichten.

    Was ist spezifisch?

    Sören vermutet, dass wir sehr unterschiedliche Begriffe von „Spezifizität“ haben müssten; ich bin da nicht so sicher. Ein spezifischer Begriff muss ein Phänomen klar erkennbar machen, darin sind wir einig. Aber er muss das, meine ich (wohl im Gegensatz zu ihm) nicht durch eine Lexikon-Definition leisten, sondern dadurch, dass er sich im Sprachgebrauch einer Gemeinschaft bewährt. Ein solcher Begriff kann durch Beispiele und Versuch und Irrtum eingeübt werden.

    Im Ergebnis kommt es dazu, dass in einer solchen Gemeinschaft Sätze verwendet und verstanden werden wie: „Dieser Text ist geradezu das Paradigma des Lyrischen“, oder „Dies sieht zwar aus wie ein Gedicht, aber es ist vollkommen unlyrisch.“ Oder „Dieser Text ist zwar eine Erzählung, aber er ist unglaublich lyrisch geschrieben“.

    In der Gemeinschaft, in der solche Sätze verstanden werden, werden auch Begründungen gegeben, verstanden, akzeptiert und verworfen. Dies geschieht nicht durch Verweise auf Lexika; denn wie Sören Heim selbst schreibt, lässt sich jede Definition durch eine andere ersetzen. Die Begründung erfolgt tatsächlich durch Verweise auf nachvollziehbare Attribute: „Sprich das doch mal laut, spürst du nicht die Rhythmik?“ könnte jemand sagen, und ein anderer würde erwidern „Da ist zwar Rhythmik, aber sie ist hölzern, ganz unmelodisch“ usw.

    Diese Gespräche würden zeigen, dass die Sprachgemeinschaft tatsächlich einen gemeinsamen Begriff des Lyrischen hat, der ziemlich spezifisch ist, denn es ist klar, dass die Beurteilung, ob ein Text nun lyrisch ist oder nicht, ganz und gar nicht beliebig ist, dass jeder, der sich an der Beurteilung beteiligt, eine klare Meinung hat, für die er gute Gründe vorbringt, und dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt, andere zu überzeugen. In so einer Gemeinschaft herrscht es Einigkeit darüber, dass es auf lange Sicht die Möglichkeit gibt, einen Konsens über die Frage herzustellen, ob ein Text als lyrisch angesehen werden kann, oder nicht. Man wird einzelne Elemente heranziehen, man wird Beispiele zum Vergleich nehmen, bei denen man bereits einig ist, usw.

    Grauzonen und Grenzfälle

    Gerade die Tatsache, dass man Definitionen als mehr oder weniger brauchbar ansehen kann, dass man Grenzfälle und Grauzonen kennt, dass man auch Fälle, die gemäß Definition gar nicht zum Bezirk des Begriffs gehören, durch Verwendung eben dieses Begriffs charakterisieren kann: all das zeigt, dass man schon vor aller theoretischen Analyse über einen sehr spezifischen Begriff verfügt.

    All das kann man nun auch für das „spezifisch Deutsche“ so finden: man ersetze in meinem obigen Text einfach „lyrisch“ durch „deutsch“ und „Text“ wahlweise durch „Person“ oder „Verhalten“ und man wird sehen, dass es da keinen großen Unterschied gibt. So wird man vielleicht „ordnungsliebend“ oder „exakt-pedantisch“ und weiteres als Attribute heranziehen, wo ich oben von der Rhythmik in der Lyrik sprach – auch andere Begriffe sind sicher möglich -, und man wird sehen, dass sich ganz ähnliche Gespräche über Spezifisches führen lassen. Und das, was dabei charakterisiert wird, erläutert eben auch das Erleben von Vertrautheit und Fremdheit, das jemand empfindet, der Verhalten und Personen beobachtet, so, wie jemand, der viele verschiedene Gedichte gelesen hat, bei einem weiteren Text die Vertrautheit des Lyrischen oder die Fremdheit des Prosaischen erlebt.

    Sören Heim verweist aber noch auf etwas anderes, das mir in diesem Zusammenhang interessant erscheint. Er sagt, dass er Vertrautheit vielleicht eher in einem französischen Dorf als in einer deutschen Großstadt erlebt, und dass es dem Berliner doch wahrscheinlich gerade umgekehrt gehen könnte. Das ist natürlich richtig. So, wie ein Text nie nur als lyrisch bezeichnet werden kann, sondern z.B. auch einen Inhalt, einen Bezug zu bestimmten aufgerufenen Bildern und zu bestimmtem zeitlichen Kontext aufweist, und deshalb fremd erscheinen kann, selbst wenn er lyrisch vertraut klingt, so gilt diese Beobachtung noch stärker für das menschliche Verhalten. Ob die Vertrautheit aufgrund nationaler Zugehörigkeit für das Wohlgefühl des Einzelnen das Entscheidende ist, ist sicher von vielen Einflussfaktoren abhängig.

    Vertrautheit und Fremdheit

    Und überhaupt ist natürlich der Bezug auf die Nation letztlich fragwürdig, auch wenn der Nationalstaat einiges geprägt haben dürfte, was wir heute als spezifisch Nationales empfinden. Aber regionale Zugehörigkeiten, das spezifisch Westfälische, das spezifisch Rheinländische oder Bayrische, sind wohl weit mehr vertraut oder fremd als es das spezifisch Deutsche ist, das gleichwohl immer wieder im Verhalten durchscheint. Und da mag auch der Westfale mit dem Holländer viel vertrauter sein als mit dem Württemberger. Umso mehr dem Menschen allerdings der Bezug zum Regionalen verloren geht, und die mediale und regionale Mobilität zunimmt, desto stärker kann die nationale Vertrautheit, die durch die Muttersprache vermittelt wird, für ihn an Bedeutung gewinnen. Aber das wäre eine neue Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

  • Sag mal „Jude“

    Eine kleine Übung

    Bevor Sie gleich weiterlesen, machen Sie mal eine kleine Sprechübung. Sagen Sie mal „Jude“ – oder „Juden“. Wenn das klappt, dann bilden Sie mal Sätze wie „Sind Sie Jüdin?“ oder „Gestern habe ich im Museum drei Juden gesehen.“

    Falls Ihnen das schwer fällt, dann sagen Sie zur Auflockerung erst mal Wörter wie „Franzose“, „Christin“, „Sind Sie Chinesin?“, „Gestern traf ich einen Buddhisten“. War das einfach? Dann probieren Sie wieder Sätze mit „Juden“, „Jude“ und „Jüdin“.

    So, mit dieser Sprecherfahrung können Sie in meinen kleinen Text einsteigen.

    Eine Anekdote

    Eine Bekannte, die ein paar Monate in Israel gearbeitet hatte, kehrte kürzlich nach Deutschland zurück. Am nächsten Tag brachte sie hier ihr Mobiltelefon zur Reparatur. Empört berichtete sie anschließend, dass der Mann im Laden sie beim Anblick der israelischen SIM-Karte gefragt habe, ob sie Jüdin sei. Sie empfand diese Frage irgendwie „verdammt deutsch“.

    Was aber soll daran nun besonders deutsch, sein, was ist daran verwerflich? Stellen wir uns vor, eine junge Frau mit Berliner Dialekt kommt in einen Handyladen und in ihrem Handy findet sich eine französische SIM-Karte. Natürlich könnte der Ladenbesitzer neugierig fragen „Sind Sie Französin?“ Auf diese Frage gäbe es eine Vielzahl möglicher Antworten, bis hin zu „Das geht Sie gar nichts an!“ aber niemand würde diese Frage als „verdammt deutsch“ bezeichnen.

    Es gibt kluge Leute, die darauf hinweisen, dass „Jude sein“ grundsätzlich etwas anderes bezeichnen würde als „Franzose sein“ oder „Italiener sein“. Wenn unser Handyladenbesitzer etwas Vergleichbares gefragt haben wollte, hätte seine Frage lauten müssen „Sind Sie Israelin?“. Das ist aber falsch.

    Israel: Der Staat der Juden

    Nehmen wir an, der gute Mann habe tatsächlich wissen wollen, ob meine Bekannte israelische Staatsbürgerin sei, oder ob sie zum israelischen Volk gehöre. Dann ist es wenigstens genauso präzise, sie zu fragen, ob sie Jüdin sei, wie es in Ordnung ist, zu fragen, ob jemand Franzose ist, von dem man eigentlich wissen will, ob er französischer Staatsbürger sei. Auch Deutsche können bekanntlich französische Staatsbürger werden, somit ist es nicht exakt das Gleiche, „Franzose“ zu sein und „französischer Staatsbürger“ zu sein. Israel ist der jüdische Staat, er ist zu dem Zweck gegründet worden, den Juden einen Staat, eine Heimat zu geben. Natürlich gibt es auch israelische Staatsbürger, die keine Juden sind, aber dass jemand, der aus Israel kommt, Jude ist, das ist keine so fern liegende Vermutung.

    Auch wenn den Mann die Staatsbürgerschaft weniger interessiert hat als die Volks- und Religionszugehörigkeit, wäre seine Frage hinreichend präzise und seine Vermutung berechtigt gewesen. Sie hätte die Bedeutung von „verstehen Sie sich als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft?“ – was bei jemandem, der ein Mobiltelefon mit einer israelischen SIM-Karte besitzt, etwa so plausibel ist, wie die Frage „Sind Sie Buddhist?“ wenn die SIM-Karte aus Bhutan gewesen wäre. Warum sollte man das nicht vermuten?

    Sprachliche Juden-Vernichtung

    Jetzt wird es empörend, das haben Sie, meine kritische Leserin, und Sie, mein aufmerksamer Leser, schon bei der Zwischenüberschrift gemerkt.

    Was passiert denn eigentlich, wenn man sich darüber empört, dass jemand einen anderen einen Juden nennt – oder ihn auch nur fragt, ob er Jude sei? Implizit wird das Jude-sein mit einem Makel versehen. Die abwertenden Bedeutung des Wortes Jude, die sicherlich eine jahrhundertealte Tradition in Europa hat und ihren schrecklichen Höhepunkt mit der Shoah fand, wird übernommen. Ignoriert wird, dass Menschen sich selbstbewusst und selbstverständlich als Juden empfinden – und auch als solche angesprochen und akzeptiert werden möchten. Die Unfähigkeit, das Wort Jude auszusprechen, eine Person gar darauf anzusprechen, ob sie Jüdin sei – das tabuisiert das Judentum, das jüdische Volk. Es drängt die Juden aufs Neue ins Nichts. Jude zu sein wird sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Shoah als nicht-aussprechbarer Makel inszeniert. Es scheint, als wäre es empörend, dass jemand annehmen kann, man sei Jude.

    Nur wenn wir ganz selbstverständlich „Jude“ sagen können und andere Menschen als Juden ansprechen können, beenden wir die Vernichtung der Juden als Volk und als Identität von Menschen.

    Stellen wir uns vor, die junge Frau wäre tatsächlich Jüdin gewesen. Was wäre dann passiert, wie hätte sie auf die Frage „Sind Sie Jüdin?“ geantwortet? Wäre ihr die Frage unangenehm gewesen? Wohl kaum.

     

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Welle um die Gravitationswellen.

  • Bewundert viel und viel gescholten: Die deutsche Leitkultur

    Jetzt ist sie wieder da, nachdem sie lange tot geglaubt war: die „deutsche Leitkultur“. Manch einer sieht sie erneut in Gefahr, weil so viele Fremde zu uns kommen, die aus einer anderen Kultur stammen und sich an die unsrige nicht gewöhnen wollen oder können. Andere meinen, dass es so etwas wie eine deutsche Leitkultur ohnehin nicht gäbe, und selbst wenn, dann wäre es nicht schade um sie, denn wir sollten sie lieber durch eine europäische, oder gar globale Leitkultur ersetzen, die dann geprägt wäre von allgemeiner Toleranz und Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe, so lange diese selbst wieder die Toleranz und Gleichberechtigung aller akzeptieren.

    Denn eben wo Begriffe fehlen

    Hört man in die aufflammende Leitkultur-Debatte hinein, fällt auf: Weder ihre Verfechter noch ihre Feinde können präzise sagen, was der Begriff bedeutet. Es gibt keine klar abgrenzbare Menge von Verhaltensweisen, Traditionen, Normen und Regeln, die zur deutschen Leitkultur gehören. Es gibt schon gar keinen abstrakten Oberbegriff oder ein allgemeines Gesetz, aus dem sich ableiten ließe, ob etwas zu dieser Leitkultur gehört oder nicht. Und auch die Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten, die in Fällen mangelnder begrifflicher Präzision gern hinzugezogen werden, helfen hier nicht weiter. Zu unterschiedlich sind die Felder sozialer Praxis, auf die sich die Beispiele der deutschen Leitkultur beziehen.

    Man könnte meinen, „Leitkultur“, das sei nur ein nebulöses Wort, das man gern nutzt eben wo Begriffe fehlen. Aber die „deutsche Leitkultur“ – das ist nicht nur ein Wort, das ist kein leerer Begriff. Er knüpft an die Intuition an, dass wir uns an manchen Orten heimisch fühlen und an anderen Orten fremd. Manches Verhalten ist uns vertraut, auch wenn wir den Menschen nicht kennen, den wir dabei beobachten, und anderes scheint uns befremdlich. In manchem erkennen wir uns wieder, bei anderem sind wir irritiert. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ schreibt Herder. Der Grund für das Heimatgefühl liegt eben darin, dass das eigene Verhalten der alltäglichen Kultur entspricht. Das entlastet, das schafft Sicherheit. (mehr …)