Schlagwort: Disney

  • Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Jeder hat ja in der Jugend ein paar Filme gesehen, die einen derart packten, dass man sie 5x im Kino u im Anschluss noch Minimum 3 Dutzend Mal auf Videocassette angeschaut hat, und von denen man noch im Seniorenstift den anderen Senioren erzählt. Bei mir waren das u.a. Blade Runner, Apocalypse now, Die durch die Hölle gehen, Shining UND Alien – Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt.

    Qualität der Filme lässt seit Teil 2 zu wünschen übrig

    Bei Alien 1 (1979) stimmte alles: der Mix zw. Scifi & Horror, die klaustrophobische Atmosphäre im Raumschiff, der allmähliche Spannungsaufbau, der in schier nicht enden wollenden Schrecken mündet, Innovationen wie das bisher so noch nie gesehene Monster u der Androide Ash und die hervorragend besetzte Crew, aus der Sigourney Weaver in ihrer Rolle als Zweiter Offizier Ellen Louise Ripley herausragt. 1 der 3 Meisterwerke (neben dem o.g. ‚Blade Runner‘ u ‚American Gangster‘) von Ridley Scott (ja ja, er hat noch mehr gute Filme als die 3 genannten gedreht. Schon klar). Bewertung = 10 Punkte.

    Wie’s mit erfolgreichen Produktionen (leider) oft passiert -> es gibt Fortsetzungen. 1986 kam ‚Alien 2 – Die Rückkehr‘ ins Kino. Regie führte nun James Cameron, was man dem Film auch anmerkt: die Story wird schneller erzählt, Actionszenen bestimmen das Bild, die Handlung ist unterhaltsam, hinterlässt jedoch keinen bleibenden Eindruck beim Zuschauer (8 Punkte). Mit ‚Alien 3‘ (1992), der in einem am äußersten Ende des Universums gelegenen Strafgefangenlager spielt, fremdelte ich schon sehr, und bei ‚Die Wiedergeburt‘ (1997) war ich froh, dass die Reihe mit der nun zur Mutter aller Weltallmonster mutierten Ellen Ripley zum Ende kam. Mehr an Alien braucht kein Mensch.

    Das sahen die Produzenten allerdings anders u verfielen 15 Jahre später auf die Idee, dem Franchise ein Prequel voranzustellen: ‚Prometheus‘ (2012), Regie führte erneut Scott. Trotz Riesenbudget, technisch vieler Gimmicks u einer Besetzung, die dem Who is who Hollywoods ähnelt, gelang es dem Streifen an keiner Stelle, cineastisch zu überzeugen. Der Versuch, das Ganze mit der (Prequel-) Fortsetzung ‚Covenant‘ (2017) zu retten, erwies sich als Griff ins Klo, weshalb die öde Vorgeschichte dann auch GSD eingestellt wurde.

    2024 ein weiterer Versuch, nunmehr zeitlich angesiedelt zw. den alten Teilen 1 & 2: ‚Romulus‘. Ein Weltraummonster/Teenager-Lovestory-Hybrid. Technisch gut gemacht, ne Menge Baller- & Splatterszenen; aber weder stellt sich der Grusel des Originals ein, noch verleitet die Handlung dazu, im Gedächtnis haften zu bleiben oder gar im Nachgang über Fragen wie ‚Muss der Mensch alles erschaffen, was die Technik ermöglicht?‘ o ‚Ist das Monster eine allegorische Darstellung der von uns vergewaltigten Natur, die plötzlich zurückschlägt?‘ nachzudenken. Sobald der Abspann läuft, kann man die Geschichte getrost wieder vergessen. (Mit Mühe) 5 Punkte.

    Die Serie kehrt an den Ursprung zurück

    Seit diesem Sommer nun ein weiterer Versuch: Alien: Earth. Dieses Mal als Serie. Kann das gutgehen, ist über das Monster mittlerweile nicht ALLES erzählt worden, was es dazu zu erzählen gibt, grübelte ich und war einige Wochen lang unentschlossen, ob ich da reinschauen will. Vor ein paar Tagen entschloss ich mich spontan, es doch zu tun und wurde (bisher) angenehm überrascht.

    Die Geschichte spielt im Jahr 2120: 5 Megakonzerne regieren die Welt, die wiederum von teils hyperkapitalistischen, teils spleenigen Milliardär-CEOs präsidiert werden. Weyland-Yutani(1 der 5; kennt man seit dem Auftaktfilm) hat vor 65 Jahren ein Forschungsschiff auf die Reise zu einer abgelegenen Galaxie entsandt, um dort nach außerirdischem Leben zu suchen. Die Crew ist fündig geworden und kehrt mit ein paar besonders gruseligen Spezies an Bord zurück zum Heimathafen. Ein paar Tage vor der Landung bricht Feuer aus, die (anfangs kleinen) Monster entkommen aus ihren Käfigen und das Unheil nimmt seinen Lauf. Bis hierher erinnert die Story an die nahezu gleichverlaufende Handlung von Teil 1. Auch die Charaktere sind ähnlich gezeichnet: Zaveri = Ripley (wobei die Zweitgenannte cooler war), Morrow = Ash, Bronski = Kane, Schmuel = Brett. Im Unterschied zum Film verliert sich das Schiff jedoch nicht führungslos in den Weiten des Alls, sondern strandet auf der Erde und zwar in einem Wolkenkratzer in New Siam (Bangkok). Diese Megalopolis gehört zum Einflussbereich von Prodigy (ein weiterer der 5 Konzerne).

    An dieser Stelle betritt die Serie Neuland bzw. spinnt einen zweiten Handlungsfaden: Prodigy hat vor kurzem eine bahnbrechende humanoide Lebensform entwickelt – die sog. Hybriden: Hightech-Körper (Sleeves), in die menschliches Bewusstsein übertragen wird (die Spender sterben nach der Übertragung). Auf diese Weise entsteht die Protagonistin Wendy (im früheren Leben hieß sie: Marcy) = die Karosserie einer 20-jährigen, bestückt mit Erfahrungen & Emotionen eines Kindes. Die Hybriden lernen schnell, da sie nicht wie wir Menschen langweilige Bücher lesen müssen, um sich fortzubilden, sondern sich stattdessen per USB-Anschluss mit einer Datenbank verbinden u das gewünschte Wissen binnen Sekunden dort runterladen. Wendy u ein halbes Dutzend weiterer Superkinder leben in einem Forschungslabor auf einer Insel im südchinesischen Meer, zwei Flugstunden von der Absturzstelle entfernt. Ihre Mentoren sind eine Psychologin (Mensch) u ein Wissenschaftler (Synth = Hightech-Body kombiniert mit einem K.I.-Bewusstsein. Gut gespielt von Timothy Olyphant).

    Die Truppe macht sich auf, das verunglückte Raumschiff zu inspizieren. Und trifft dabei (in dieser Reihenfolge) auf den einzigen Überlebenden Morrow (ein Cyborg = kybernetisch erweiterter Mensch), die extraterrestrischen Spezies (die jetzt schon nicht mehr so klein wie noch vor ein paar Tagen sind) u Wendys Bruder Joseph (als Sanitäter am Unglücksort), der seine Schwester Marcy tot glaubte. Zurück auf der Insel reklamiert der Prodigy-CEO (genannt ‚Der clevere Junge‘. Erinnert ein bisschen an Jesse Eisenbergs Darstellung des jungen Mark Zuckerberg in „The Social Network“)) die Alien-Fracht für sich, was natürlich der Präsidentin von Weyland-Yutani missfällt, die nun Morrow zzgl. einer Hundertschaft schwerbewaffneter Söldner losschickt, um die Aliens ihrem „rechtmäßigen“ Eigentümer zuzuführen. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Humanoide: Maschinen oder doch Menschen?

    Speziell der zweite Handlungsstrang ist es, was die Serie ausmacht; denn der erste im Raumschiff ist ja bloß ein Remake der Story von 1979. Die Geschichte mit der Erschaffung der Hybriden ist spannend, obwohl man Ähnliches schon woanders gesehen hat (bspw. „Altered carbon“). Was passiert, wenn man kindliches Bewusstsein in Chassis verpflanzt, die eher zu 20- o 30-jährigen passen? -> kleine Jungs & Mädchen in Erwachsenenkörpern, die weiterhin von kindlichen Ängsten geplagt werden und mit Puppen spielen. Einzig Marcy durchläuft schnell den Reifeprozess hin zur jungen Frau. Die anderen Hybriden stagnieren emotional. Ist ein Kunstmensch ein Mensch oder eine Maschine (-> eine Sache, die einem Dritten gehört, die man verkaufen u kaufen kann)? Alles nicht superneu: Hybride/Synths gab’s schon immer in den Alien-Filmen, bloß stand bisher noch nie deren Genese im Zentrum des Geschehens. Die Frage, ab welchem Punkt künstliche Intelligenz als dem Menschen ebenbürtig einzustufen ist, woraus dann wiederum individuelle Freiheitsrechte resultieren, wurde bereits in vielen Scifi-Produktionen gestellt. I.d.R. entscheidet der Stärkere der beiden über die Antwort: ist es der Mensch, bleibt die Maschine – egal, wie klug sie ist – auf ewig Maschine; ist es die K.I., tötet sie ihren Schöpfer u versklavt den Rest der Menschheit. Bleibt abzuwarten, wie sich dieses bereits in den ersten Episoden klar erkennbare Spannungsfeld in „Alien Earth“ weiterentwickelt.

    Die Kunstmenschen haben den Vorteil, dass die extraterrestrischen Spezies kein Interesse an ihnen zeigen, sie sich Alien & Co gefahrlos nähern können, während für den normal sterblichen Homo Sapiens bei Kontakt akute Lebensgefahr droht. Diese „Immunität“ prädestiniert die Humanoiden für wissenschaftliche Versuche an den außerirdischen Arten. Wendy erlernt zudem in Rekordzeit die „Sprache“ des Xenomorphs (so wird das Weltraummonster in der Serie bezeichnet): eine Mischung aus Schnalzlauten à la Flipper u Grillenzirpen und kann ihm Befehle erteilen. Wird sie die biologische Superwaffe demnächst gegen ihre Erschaffer richten?

    Mehr Tiefgang als die meisten Filme des Franchise

    Innovativ an der Serie ist das zusätzliche Augenmerk auf die Entstehung der Kunstmenschen, bzw. die Geschichte wird dieses Mal vorrangig aus dem Blickwinkel einer Hybriden erzählt (das gab’s ansatzweise in ‚Alien 4 – die Wiedergeburt‘ mit Winona Ryder als Synth Call, wobei man da lange nicht wusste, dass Call ein Kunstwesen ist). Die düstere Enge des Raumschiffs ergänzt um die räumliche Begrenztheit einer Tropeninsel. Das Monster fühlt sich in beiden Habitaten sofort heimisch.

    Durchgängig unterhaltsam, ohne in Popcorn-Action abzugleiten, bietet eine neue Perspektive auf die Alien-Saga, verfügt über mehr Tiefgang als die meisten der gleichnamigen Filme und ist speziell mit Wendy/Marcy (Sydney Chandler) u Chefwissenschaftler Kirsh (Timothy Olyphant) hervorragend besetzt.

    8.5 Punkte (Staffel 1)
    Auf Disney+

    Nachtrag: bis gestern Abend dachte ich irrtümlich, Alien Earth wäre eine alternative Version des Originals von 1979. ISv. Alien landet auf der Erde, statt im All verschollen zu gehen. Seit heute Morgen weiß ich (ich recherchiere ja schon ein bisschen, wenn ich so nen Text schreibe), dass die Serie das Prequel zum Auftaktfilm sein soll -> das Monster im Raumschiff war gar nicht das erste, sondern sein „Bruder“ geisterte schon einige Jahre zuvor über eine Tropeninsel. Ob das eine gute Idee ist (nimmt nachträglich den Aha-Effekt aus dem Original raus) -> keine Ahnung. mMn wär’s besser gewesen, die neue Geschichte völlig eigenständig zu erzählen, anstatt die Story mühsam in eine Chronologie zu pressen. Aber ich bin eh kein Fan von Prequels.

  • Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Triggerwarnung: In diesem Text kommen weiße Meerjungfrauen vor. Bei manchen Menschen kann dieses Thema negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

    Ich geb’s zu: Ich bin kein Fan von Disneyfilmen und Meerjungfrauen. Die Erstgenannten sind zumeist Tränendrüsen-strapazierend kitschig*, die Zweitgenannten erinnern mich stark an Barbiepuppen mit Fischschwänzen. Und sowohl aus Filmkitsch als auch Fischschwänzen mache ich mir wenig. Von daher bin ich entweder der komplett Falsche, mich mit dem Thema „Welche Hautfarbe haben Sirenen?“ zu beschäftigen, oder aber – weil’s mir großenteils egal ist – dann doch wieder der Richtige. Suchen Sie es sich aus.

    * hiervon explizit ausnehmen muss man natürlich cineastische Schätze wie Steamboat Willie, Schneewittchen, Pinocchio und Das Dschungelbuch.

    Von Undine über Andersen zu Arielle

    Der Reihe nach:

    Arielle, die Meerjungfrau (Originaltitel: The Little Mermaid) ist ein Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, der im Jahr 1989 erschien. Er basiert auf den Motiven des Märchens „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen und ist der letzte Disney-Trickfilm, der mit Hilfe von Elektrofotografie hergestellt wurde.
    © Wikipedia

    Mit Elektrofotografie – sicher ebenfalls ein spannendes Thema – wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen, sondern konzentrieren uns auf: (A) Hans Christian Andersen (B) das Original von 1989.

    Hans Christian Andersen [* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen] gilt als der bekannteste Märchenonkel Dänemarks. Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) schrieb er 1837. Die Geschichte basiert auf der Erzählung der Undine. Die ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist. Diese Nixe stammt wiederum aus dem Geschichtszyklus des oberrheinischen Rittergeschlechts der Staufenberg. Der Stoff ist in einem Gedicht um 1320 enthalten und wurde vielfach adaptiert. Mir gefiel die Version Splash mit Daryl Hannah als sexy Fischschwanz-Blondine 1984 ganz gut.

    Auch wenn Andersen die Hautfarbe seiner Protagonistin nicht explizit erwähnt, wird diese mit 99.9%-iger Sicherheit weiß gewesen sein. Was nun wiederum nicht zwangsläufig auf kolonial begründeten Rassismus des Schriftstellers hinweist, sondern höchstwahrscheinlich dem Umstand geschuldet ist, dass Undine dem nordischen Sagenkreis entstammt. Und im hochmittelalterlichen Europa – der Periode, in der die meisten Sagen verschriftlicht wurden – nördlich der Alpen war Weiß nun mal der vorherrschende Hauttyp. Von daher sei Andersen – postkoloniale Diversity hin oder her – entschuldigt. Also ich entschuldige ihn. Ob Sie es tun, hängt vom Grad Ihrer Welche-Farbe-hat-eine-Meerjungfrau-Toleranz ab.

    Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der germanisch-keltischen Mythologie jetzt zurück zu Disney. Als dessen Filmstudio den Stoff 1989 aufgriff, entschied man sich für eine hellhäutige Figur (die nachträglich Arielle getauft wurde. Im Märchen von Andersen ist sie namenlos). Auch der Nachfolger „Arielle, die Meerjungfrau 2 – Sehnsucht nach dem Meer“ (2000) und das Prequel „Arielle, die Meerjungfrau – Wie alles begann“ (2008) zeigen weiße Nixen.

    Erst beim Remake „Arielle, die Meerjungfrau“, das 2023 ins Kino kommt, beschloss man, die Hautfarbe zu wechseln. Jetzt schwimmt dort Halle Bailey und zwar real. Also ein zweifacher Shift: Sowohl weg vom Cartoon als auch hin zur Trendfarbe Schwarz.

    1989 wär’s innovativ gewesen

    Und das finde ich – pardon – lächerlich. Es geht mir dabei nicht um die Grundsatzfrage, ob Meerjungfrauen weiß, schwarz, braun, gelb, blau oder grün durch unsere Weltmeere pflügen, sondern einzig um die nachträgliche Umlackierung der Arielle. Die in Schwarz zu zeichnen, wäre 1989 wirklich innovativ gewesen. In Südafrika machte das Apartheidsregime seine finalen Seufzer, Nelson Mandela saß noch im Gefängnis, in den USA konnte man der zweiten (oder dritten) Generation Schwarze Panther nördlich der 110ten Straße in Manhattan begegnen, und in Hollywood waren schwarze Stars eher rar gesät. Mir fallen da spontan bloß Sidney Poitier, Richard Roundtree, Danny Glover und Eddie Murphy ein (denen mehrere Dutzend weiße Filmidole gegenüberstanden). 1989 wäre also ein Zeitpunkt gewesen, an dem eine schwarze Meerjungfrau tatsächlich Erstaunen hervorgerufen hätte, wo es mutig gewesen wäre, mit einer dunkelhäutigen Wassernixe Neuland zu betreten. Jedoch 2022: Welchen Zweck verfolgt man heute mit einer neugestrichenen Arielle? Die halt traditionell weiß ist: Sowohl als Undine als auch als Andersens Meerjungfrau und als Original von 89.

    Was kommt als nächstes: ne schwule Micky Maus, ein chinesischer Donald Duck, der lieber an ner Tasse grünem Tee als an einer Flasche Cola nuckelt, Tick, Trick & Track sind unbegleitete frühpubertäre Einwanderer aus Honduras, Goofy als Afro-Entenhausener und Onkel Dagobert wird Philanthrop und spendet seine Fantastilliarden an Greepeace und Ärzte ohne Grenzen? Das ist Diversität-Unfug und (Comic-) Geschichtsklitterung. Genauso Banane wie Scarlett Johansson in „Ghost in a shell“ eine japanische Manga-Kriegerin spielen zu lassen oder Indianerrollen mit Sonnenstudio-gebräunten Weißen zu besetzen (wobei das seit den 70er Jahren stark rückläufig ist).

    Mehr schwarze Hauptdarsteller statt bemühter Farbwechsel

    Disney hat mit Arielle 2022 eine doppelt schlechte Entscheidung getroffen: Zum einen ein fader Aufguss einer schon 3x verfilmten Story (gehen denen die kreativen Drehbuchschreiber aus?), zum anderen die Auf-Teufel-komm-raus-Anpassung an den politisch korrekten Zeitgeist. Ich warte nun darauf, dass Bernard und Bianca beim Remake in Bonobos (stehen ganz oben auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten) umgewidmet werden. Käm‘ ja auch niemand auf die Idee, Shakespeares Othello plötzlich als Weißen auf die Bühne zu schicken bzw. der Aufschrei, wenn dies geschähe, wäre noch auf der Rückseite des äußersten Saturnrings zu hören.

    Ich mein‘, es hindert niemand Disney daran, ne neue Geschichte mit nem coolen schwarzen Helden:in auf den Markt zu bringen (wie es bspw. Marvel mit Black Panther gelungen ist). oder generell mehr Filme mit schwarzen Hauptdarstellern zu drehen oder Schwarze gar in Führungspositionen im Konzern zu berufen. Das wäre wahre Gleichberechtigung. Aber seine Sensibilität bloß dadurch unter Beweis stellen zu wollen, indem man der seit Jahrhunderten weißen Undine/Arielle im Jahr 2022 einen schwarzen Anstrich verpasst, wirkt auf mich sowohl bemüht als auch rein auf kommerziellen Überlegungen (woke Familien mit Kindern ins Kino locken) gründend.

    Aber was weiß schon ich, alter, weißer, (verbitterter) Mann?
    Vielleicht ist ne schwarze Meerjungfrau ja genau das, was unsere heutige Zeit benötigt, und wir freuen uns alle schon ganz doll auf ein queeres Aschenputtel.

  • Die Jedi sind alt geworden

    Die Jedi sind alt geworden

    Die Story, die wir in Star Wars erzählen, ist ein Klassiker: Macht korrumpiert. Sobald du an den Schalthebeln sitzt, triffst du Entscheidungen, von denen du denkst, sie seien die richtigen. Oft sind es aber die falschen
    © George Lucas

    Am 9. Februar 1978 begann eine neue Zeitrechnung für Film-Junkies: Krieg der Sterne lief in den deutschen Kinos an. Wer bisher noch kein Science-Fiction-Fan war, wurde es an diesem Tag oder würde es nie mehr werden. Nicht, dass es vorher keine guten SciFi-Produktionen gegeben hätte wie beispielsweise 2001 – Odyssee im Weltraum, Silent Running oder Logan’s Run. Bloß waren diese Streifen – trotz der futuristischen Handlung – sehr realistisch gedreht, sie transportierten Gegenwartsfragen in die Zukunft, wo sie entweder gelöst wurden, oder die Menschheit taumelte alternativ ihrem Abgrund entgegen. Krieg der Sterne war was völlig anderes: eine Saga, eine Weltraumoper. Mit Charakteren, denen man sonst in Märchen und Comics begegnete, technischen Spezialeffekten – lange vor der ersten Computersimulation –, die erst Erstaunen, dann Jubelstürme im Saal hervorriefen. Und mit Prinzessin Leia, die unsere 15jährigen Schülerherzen schneller schlagen ließ. Was für ein Kosmos wurde da auf der Leinwand eröffnet, welches Feuerwerk an Ideen, fernen Sonnensystemen, fremdartigen Kreaturen und Sternenkreuzerschlachten abgebrannt. Wir hingen gebannt an den Lippen von Meister Yoda, Obi-Wan und Darth Vader. Luke Skywalker war eher der Durchschnittsstreber à la amerikanisches Kleinstadt-College, ein bisschen langweilig, aber er wurde vom draufgängerischen Han Solo flankiert, der nie um einen lockeren Spruch verlegen und schnell mit dem Finger am  Abzug seiner High-Tech-Revolver war. Wer einmal Chewbaccas Geheule hörte, würde es nie wieder vergessen. R2D2 und C-3PO rundeten die Original-Besetzung ab.

    1980 die Fortsetzung Das Imperium schlägt zurück. Wir Kinogänger mittlerweile 18 Jahre alt, der Blick auf die Story deshalb etwas kritischerer; aber auch hier: hervorragende Unterhaltung. 1983 dann das Finale: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Yoda bildet den jungen Skywalker zum Krieger aus und stirbt im Anschluss mit 900 Jahren an Altersschwäche, Luke tötet den Imperator und seinen Vater, Leia und Han Solo zerstören den Todesstern und verloben sich. Zum Finale feiern alle ein rauschendes Fest. Ende, aus, vorbei. Die dunkle Seite ist besiegt, die Galaxie atmet auf und kann von nun an in Frieden bis zum jüngsten Tag vor sich hin pulsieren.

    Wie jeder ordentliche Star-Wars-Fan schaute ich mir die einzelnen Folgen immer mal wieder an. Sei es einzeln auf VHS-Kassette, später DVD, in einem Programmkino, im TV oder – als cineastischen Marathon – alle drei Episoden hintereinander in einer Nacht. Eine Trilogie für die Ewigkeit.

    Prequel bleibt hinter den Erwartungen zurück

    Eines Morgens Ende der 90er wache ich auf und lese verschlafen im Feuilleton der Tageszeitung, dass Lucas eine Fortsetzung der Reihe plant. Ich reibe mir erstaunt die Augen. Was soll da groß fortgesetzt werden, überlege ich. Die Bösen sind alle tot, Leia und Han Solo in Flitterwochen oder auf Elternzeit und Luke lebt gemeinsam mit Chewbacca und den beiden Droiden in einer Männer-WG auf dem Planeten Alderaan. Die neue Trilogie soll ein Prequel werden, steht weiter unten im Text. Was ist das? Noch nie gehört. Ich schlage im Filmlexikon nach und erfahre dort: „Bezeichnet eine Erzählung, die als Fortsetzung zu einem Werk erscheint, deren Handlung aber in der internen Chronologie vor diesem angesiedelt ist“.

    Aha, die Story springt nun fünfzig Jahre zurück in die Kindheit von Darth Vader und wird kurz vor Krieg der Sterne wieder stoppen. Kann man tun. Muss man aber nicht. Jetzt mal Hand aufs Herz: wer möchte unbedingt wissen, wann der Prota geboren wurde, wer seine Eltern waren, wie es ihm in der Schule ging, mit wem er zum ersten Mal Sex hatte etc. etc. Ich meine, Darth Vader war als erwachsener Superschurke einfach da. Wenn wir jetzt damit anfangen, bei jedem Filmbösewicht in der Fortsetzung die Kindheit auszuleuchten: oh weh! Und diese Prequels sind ja ohnehin immer so eine Sache. In 99% der Fälle bleiben sie spannungsmäßig hinter der Originalgeschichte zurück. Das gilt für Prometheus ebenso wie für Roter Drache und X-Men: Erste Entscheidung.

    Aber okay, ich ließ mich auf Die dunkle Bedrohung ein, lernte den kleinen Anakin kennen, sah ihn Raketenautowettrennen fahren, war dabei, als er von seiner Mutter getrennt und – gegen den Widerstand Yodas – in den Kreis der Padawan aufgenommen wurde. Technisch sehr viel aufwändiger als die erste Trilogie, nun natürlich mit Computeranimationen. Padmé immer hübsch anzuschauen; aber das ist Natalie Portman auch in ihren anderen Filmen. Zusätzliche skurrile Figuren aus der Comicserie Valerian & Laureline ausgeliehen wie beispielsweise Anakins Besitzer Watto, dessen Äußeres an die Shinguz angelehnt ist. Zahlreiche Stars spielen nun mit: Liam Neeson, Ewan McGregor, Samuel L. Jackson, Keira Knightley, Sofia Copola. Es geht weiter mit Angriff der Klonkrieger – der sich über weite Strecken arg zieht – und endet in Die Rache der Sith. Nun erfahren wir, dass Kanzler Palpatine seit Jugend der dunklen Seite anhing, und sein ganzes Streben von Anfang an darauf ausgerichtet war, den Jedi-Orden zu zerschlagen, bevor er zum Tyrannen mutierte. Good to know. Aber unterm Strich ist es Ballastwissen. Denn auch für den Imperator gilt: er war einfach da. Was er vorher tat, oder von welcher Kriegerkaste er abstammte: eigentlich völlig unwichtig. Viele Tote am Ende: Yoda entschwindet auf einen einsamen Planeten, wo ihn zwanzig Jahre später Luke aufspüren wird. Obi-Wan überlebt und irrt fortan als Landstreicher durch die Galaxie.

    Die zweite Trilogie war in Ordnung, das richtige Star-Wars-Feeling des Originals entfachte sie jedoch nicht mehr in mir. Vielleicht war ich mittlerweile zu alt für diese Art Märchen, vielleicht hatte die Zeit Star Wars mittlerweile überholt, vielleicht mochte ich die Puppen aus den 70ern lieber als die Animationen der 2000er. So wie mir ging es vielen Fans der Stunde Null. Dementsprechend hart fielen die Kritiken für das Prequel aus. Lucas gelobte deshalb: Ich lasse es nun für immer und ewig!

    Disney übernimmt

    Ein paar Jahre Ruhe, Star Wars auf dem Weg ins Hollywood-Museum, als plötzlich Disney beim Schöpfer der Saga anklopfte. Nach kurzen Verhandlungen einigten sich die beiden Parteien und 2012 verkaufte Lucas seine Firma mitsamt den Rechten an Star Wars an den allesfressenden Medienriesen. Dem schwebt Großes mit der Sternensaga vor. Geplant sind fürs Erste zwei Trilogien, die zeitlich nach dem Ableben von Darth Vader angesiedelt werden. Los geht es 2015 mit Episode 7 Das Erwachen der Macht. Und es passierte das, was immer passiert, wenn eine Story vom Erfinder in die Hände von Mickey Mouse zwecks kommerzieller Ausschlachtung weitergegeben wird: das Original verändert sich. Egal, worum es sich ursprünglich handelte: Disneys Ergebnis ist stets ein Hybrid zwischen König der Löwen und Fluch der Karibik. Plätschernder Mainstream, den man 135 Minuten lang konsumiert, um die Handlung im Anschluss sofort wieder zu vergessen. Die Generation der Enkel sitzt nun an den Schalthebeln der Macht: Kylo Ren als müder Abklatsch seines Großvaters Anekin, Schrottsammlerin Rey als weiblicher Luke und der desertierte Sturmtruppler Finn als Mischung von Snoop Dogg und Sancho Pansa. Der Imperator wird durch einen geheimnisvollen Obersten Anführer der Ersten Ordnung ersetzt, wir lernen eine Kneipenwirtin namens Maz Kanata kennen, die aus der Muppet Show ein Studio weiter entlaufen sein könnte, in deren Besitz sich aus ungeklärten Gründen Excalibur (Lukes Waffe) befindet. Ein paar Weltraumschlachten, hin und wieder ein Laserschwert-Gemenge. Alles komplett zum Gähnen. Um die Fans der ersten Stunde bei Laune zu halten, tauchen plötzlich ein alt gewordener Harrison Ford nebst Chewbacca, eine matronenhafte Carrie Fisher und ein vom Körpervolumen her verdoppelter Mark Hamill auf. Mich hat dieses Déjà-vu-Erlebnis allerdings eher abgetörnt. Ich will die Helden meiner Jugend nicht als Oma und Opa durch Star Wars stolpern sehen. Zumindest Han Solo tut mir den Gefallen und lässt sich von Kylo Ren – nachdem er erfahren hat, dass er der Vater des neuen Superschurken ist – töten. Während sich die grauhaarige Leia und der übergewichtige Luke in die nächste Folge rüberretten.

    Seit einer Woche nun Episode 8 Die letzten Jedi. Rekordeinspielergebnisse zum Start in den USA und in Deutschland. Die Kritiker voll des Lobes. Von einem „überwältigend bombastischen Weltraumabenteuer“ ist die Rede, der Rezensent der Augsburger Allgemeinen schwelgt gar in einer Hymne: „auf drei Erzählebenen schneidet der Film ständig hin und her und treibt die Figuren mit shakespeare’scher Wucht in die eigenen Widersprüche hinein“. Wow! Regisseur Rian Johnson (bekannt v.a. durch Looper) versprach vor Drehbeginn einen „satten Streifen mit eigener Note“. Er will der Saga eine Frischzellenkur verpassen. Das hört sich alles sehr vielversprechend an!

    Viel Retro und müde Dialoge

    Ich investiere zehn Euro Euro zuzüglich einer Packung Eiskonfekt und setze mich in die Dienstagabendvorstellung im Godesberger Kinopolis. In freudiger Erwartung von 152 Minuten erstklassiger Unterhaltung.

    Der mir seit vierzig Jahren vertraute Buchstabenteppich entrollt sich vor meinen Augen: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie. Es erklingt die altbekannte Ouvertüre von John Williams. Ich mache es mir in Reihe 17 bequem und warte auf das erste Highlight. Und warte und warte. Nach einer Stunde beginne ich, mich zu langweilen. Die Handlung kommt nicht richtig in die Pötte. Viele Dialoge, in denen Plattitüden ausgetauscht werden, zahlreiche Anleihen aus den Episoden 4 bis 6. Luke und Leia zu alt, um ihnen ihre Kampf- und Widerstandskraft glaubhaft abzunehmen. Chewbacca uninspiriert, einfach nur anwesend, ohne eine richtige Rolle zu spielen. Yoda taucht als Phantom plötzlich auf: mal als Puppe, dann wieder als Animation. Zwischendrin irrlichtert Benicio del Toro als Sonnensystem-hoppender Glücksritter wie  Disneykollege Jack Sparrow, wenn der sich unter ein Fass mit Rum gelegt hatte, durch die Kulisse. »Das war ein billiger Trick«, beschwert sich Luke bei R2-D2, als der Droide ihm das Hologramm der blutjungen Leia vorspielt. Und der ganze Film strotzt vor billigen Tricks: Dialoge, die eins zu eins aus der Originaltrilogie abgeschrieben wurden, Humor, den nur der witzig findet, der auch über deutsche Comedians lacht, abgehalfterte Helden, die man seit Jahren im Seniorenstift glaubt sowie gigantomanische Raumschlachten und Verfolgungsjagden, die mich aufgrund ihrer Länge und Wiederholung spätestens zur Hälfte des Films anöden. Trotz des Einsatzes von Hyper-Lichtgeschwindigkeit bleibt dieser Kriegsschauplatz ungewohnt fade.

    Die von Johnson angekündigte Revolution der Star-Wars-Geschichte kann ich nirgendwo erkennen. Er erzählt eine durch und durch konventionelle Story. Kaum eine Idee, die es in früheren Teilen nicht schon ähnlich gegeben hat. Kylo Ren als Darth Vader light ist überhaupt nicht meins, Leia und Luke haben sich überlebt, der Anführer der Ersten Ordnung nur ein blasser Schatten des Imperators. Einzig Rey (Daisy Ridley) fasziniert mich. Ihr nehme ich Emotionen, Energie und Tatkraft ab, bewundere ihre Hartnäckigkeit, mit der sie den alten, desillusionierten Skywalker wochenlang bearbeitet, sie zur Kriegerin auszubilden und sich selbst wieder dem Kampf gegen die dunkle Seite der Macht zu stellen. In diesem Handlungsstrang kann ich spüren, dass es tatsächlich um die weitere Existenz des Universums geht, und weiß nun, wer die zukünftige Protagonistin der Episoden 9 ff. sein wird.

    Fazit

    Das muss zweigeteilt ausfallen.

    (A) Für die Fans der Stunde Null:
    Die letzten Jedi überzeugt genau so wenig wie der Vorgänger Das Erwachen der Macht. Zu viel Retro, zu viel Disney. Man kann den Film durchaus ansehen, weil man sich halt wider besseren Wissens doch alle Star-Wars-Folgen reinzieht, aber am Ende wird man denken: hätte ich mir auch sparen können. Trotz Nostalgiefaktors ein maximal als mittelmäßig zu beurteilender Streifen, bei dem mich vor allem über die Biederkeit von Story und Inszenierung wunderte; denn bei  Rian Johnson hätte ich es pfiffiger und eine Spur dreckiger erwartet.

    (B) Diejenigen, die unbelastet vom Original an die Sache rangehen:
    Hier gebe ich eine 7 (aus 10). Wer sich an Avatar und Guardians of the Galaxy erfreut, wird ebenfalls mit Episode 8 seinen Spaß haben.

    Abschließend bleibt zu sagen, dass in sich abgeschlossene Trilogien (und das waren die zwischen 1977 und 1983 entstandenen Folgen) weder ein Prequel noch ein Sequel benötigen. Schlimm genug, dass drum herum jede Menge Schund wie die TV-Serie Star Wars Underworld entstand. Bei der Vorstellung, dass Disney bereits bis Episode 12 geplant hat und danach – falls die Einspielergebnisse stimmen – das Weltraumdrama solange fortsetzt, bis es eines Tages als Seifenoper endet, schaudert mir. Und zum bitteren Finale droht dann ein Jedi-Musical, dessen deutscher Ableger zehn Jahre lang in Osnabrück aufgeführt wird. Für den Kinobesucher der ersten Stunde eine Horrorvision!!