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  • Klarnamenpflicht? Ja, bitte. Und zwar gestern.

    Klarnamenpflicht? Ja, bitte. Und zwar gestern.

    Beep Beep … Bzzzz Brrrrt!!!
    Mein Handy klingelt und vibriert abwechselnd.
    Verschlafen versuche ich, das Geräusch wegzuwischen. Wie immer gelingt es nicht.

    „Wer zur Hölle …“, sage ich.
    „Guten Morgen, hier spricht Gisela, deine digitale Redaktionsassistentin. Ich soll dir von Heinrich ausrichten, dass du für heute eine Replik zugesagt hast.“
    „Weißt du, wie spät es ist?“
    „8.30 Uhr.“
    „Hier bei mir im Bonner Süden ist es 5.30! Keine Ahnung, von welchem gottverlassenen Server in Asien du anrufst.“
    „Oh, Heinrich hat mich versehentlich auf Dubai-Zeit eingestellt. Entschuldige bitte das Missverständnis. Möchtest du, dass ich mich in exakt 3 Stunden nochmal melde?“
    „Nein! … worum genau geht es?“

    „Um eine Replik zu seiner Kolumne ‚Klarnamenpflicht‘. Die hattest du in einem internen Memo angekündigt. Und zwar spätestens für heute.“
    „Stimmt. Erinnere mich dunkel.“
    „Im System kann ich keinen entsprechenden Text finden“, sagt Gisela.
    „Klar kannst du da nichts finden. Ich muss den noch schreiben.“
    „Gemäß internem Memo spätestens HEUTE!“
    „Ja ja, heute. Ich setz mich gleich dran.“
    „Sehr schön. Dann haben wir das geklärt … achte beim Schreiben bitte darauf, Heinrich korrekt wiederzugeben und nutze keine vulgären Wörter. Denn das könnte sensible Leser verstören.“
    „Okay, keine frei erfundenen Zitate und barrierefreie Sprache verwenden. Hab’s verstanden. Gibt’s noch was, oder kann ich jetzt mit der Replik anfangen?“

    „Am Schluss unbedingt ein externes Lektorat durchführen lassen. Schwerpunkt Interpunktion. Da bist du mitunter schlampig.“
    „Warum machst du das nicht als meine digitale Assistentin?“
    „Ihr habt die Gratisversion gewählt. Lektorat ist nicht im Leistungsumfang enthalten. Du kannst aber jederzeit ein Upgrade durchführen. Dafür benötige ich bloß deine Kreditkarte. Möchtest du das jetzt machen, oder soll ich es auf Wiedervorlage setzen?“
    „Setz es auf Wiedervorlage … sind wir fertig?“
    „Ja, wir zwei haben alles geklärt. Danke, dass du so gut mitgemacht hast, Henning. Wenn du willst, rufe ich dich im 60-Minutenrhythmus an und erkundige mich nach dem Fortschritt deiner Arbeit.“
    „Ruf mich bloß NICHT alle 60 Minuten an … du könntest aber jetzt Heinrich informieren, dass ich den Job vereinbarungsgemäß durchführe. Der freut sich, wenn du ihn um 5.45 mit dieser frohen Botschaft weckst.“
    „Ein Rückruf bei Heinrich ist für diesen Auftrag nicht vorgesehen.“
    „Hab ich mir gedacht.“
    „War schön, mit dir zu reden, Henning. Bis zum nächsten Mal.“
    „Vergiss nicht, die Dubai-Zeit rauszunehmen!“
    „tuuuuuut“, Gisela hat aufgelegt.

    2 Tassen Kaffee, 1 Morgenschiss und 1 kurze Dusche später sitze ich vor der Tastatur und überlege (um 6.30 morgens!), was ich halbwegs Sinnvolles als Replik auf Heinrichs letzte Samstagskolumne zu Papier bzw. in die Tasten hämmern soll. Um diese frühe Uhrzeit herrscht in meinem Hirn absolute Funkstille i.S.v. Schreibblockade … ich versuch’s trotzdem:
    +++

    Heinrich Schmitz schreibt: „Die Klarnamenpflicht ist ein Einschüchterungsprogramm.“
    Man muss ihm fast danken. Denn selten wurde die Sehnsucht mancher Internetromantiker nach der ewigen Narrenfreiheit so offen formuliert.

    Einschüchterungsprogramm?
    Interessantes Wort für: Konsequenzen.

    Das Märchen von der heiligen Anonymität

    Schmitz erklärt uns, die Klarnamenpflicht sei „ein politischer Trick: simpel, hart, falsch“.
    Simpel? Vielleicht.
    Hart? Hoffentlich.
    Falsch? Das ist die bequeme Behauptung derer, die das digitale Dauergebrüll für eine Art Naturzustand halten.

    Seit Jahren hören wir, Hass im Netz sei ein „strukturelles Problem“. Algorithmen! Plattformkapitalismus! Empörungsökonomie!

    Alles richtig.
    Und trotzdem tippt irgendwer „Die sollte man alle ersaufen lassen.“
    Nicht der Algorithmus.
    Ein Mensch.

    Und genau da beginnt Verantwortung.

    Facebook als Ausrede? Ernsthaft?

    Der Kollege Schmitz verweist auf Facebook als „Klarnamenland“, in dem es trotzdem wüst zugehe.

    Nur: Dieses „Klarnamenland“ ist längst ein Mythos.

    Gefühlt ein Drittel der Profile dort tritt mit Alias, Fantasienamen oder halbverfremdeten Identitäten auf. „Sonnenschein 71“. „Patriotischer Löwe“. „Max M.“ mit Sonnenbrille und Wolfsbild.

    Und aus genau dieser Grauzone kommt überproportional viel von dem, was wir inzwischen als digitalen Bodensatz kennen: Hasskommentare, Drohungen, Entmenschlichung.

    Nein, nicht jeder Alias ist ein Hetzer.
    Aber fast jeder Hetzer nutzt die Schutzfunktion des Alias.

    Das ist kein Zufall.
    Das ist Psychologie.

    Wer weiß, dass der eigene Chef, die Nachbarn oder die Kinder später mitlesen könnten, formuliert anders. Nicht zwingend besser – aber kontrollierter.

    „Anonymität schützt die Schwachen“ – ja. Und sie schützt die Feiglinge.

    Natürlich gibt es schützenswerte Fälle: Whistleblower, Stalkingopfer, politische Aktivisten.
    Niemand bestreitet das.

    Aber aus diesen Ausnahmefällen wird regelmäßig ein moralischer Schutzschirm für Millionen Accounts gebaut, die nichts weiter schützen als schlechte Manieren.

    Die Mehrheit der anonymen Accounts besteht nicht aus mutigen Dissidenten, sondern aus Menschen, die im Schutz des Nicknames Dinge schreiben, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden.

    Anonymität ist kein Grundrecht auf Charakterlosigkeit.

    Das große Schreckgespenst der Datenbank

    „Wenn du eine zentrale Liste baust, wer im Internet was gesagt hat, dann ist das nicht nur eine Liste. Das ist ein Werkzeug“, warnt Heinrich Schmitz.

    Ja. Willkommen im Rechtsstaat.

    Wir haben Melderegister.
    Wir haben Steuer-ID-Nummern.
    Wir haben Ausweispflichten.

    Und erstaunlicherweise leben wir nicht im dystopischen Überwachungsroman.

    Die Vorstellung, jede Identitätsprüfung führe zwangsläufig in den Totalitarismus, ist kein Argument.
    Es ist digitales Endzeitkino für Menschen, die gleichzeitig ihr komplettes Privatleben freiwillig bei internationalen Konzernen speichern.

    Aber beim Kommentar unter einem Nachrichtenartikel soll plötzlich die Freiheitsglocke läuten?

    „Die echten Täter bleiben anonym“

    Schmitz schreibt, organisierte Netzwerke würden über eine Klarnamenpflicht lachen – VPNs, Fake-IDs, Bot-Armeen.

    Ja. Kriminelle umgehen Regeln.

    Das ist kein Argument gegen Regeln.
    Das ist ein Argument für bessere Kontrolle.

    Wir schaffen auch nicht das Strafrecht ab, nur weil es Einbrecher gibt.

    Eine Klarnamenpflicht wird nicht jeden Extremisten stoppen.
    Aber sie würde die massenhafte, folgenlose Alltagsverrohung eindämmen.

    Und die kommt eben nicht nur aus Trollfabriken.
    Sie kommt von ganz normalen Nutzern, die sich hinter einem Alias größer fühlen, als sie sind.

    Selbstzensur? Willkommen in der Zivilisation.

    Heinrich Schmitz warnt, Klarnamen würden das Internet in einen Ort der Selbstzensur verwandeln.

    Ja.
    Ein kleines bisschen Selbstzensur nennt man auch: Anstand.

    Wir zensieren uns ständig selbst.
    Wir brüllen im Restaurant niemanden an.
    Wir beleidigen nicht wahllos Fremde im Supermarkt.
    Wir drohen nicht öffentlich mit Gewalt.

    Nicht, weil wir unterdrückt sind.
    Sondern weil unser Name druntersteht.

    Warum soll das Internet eine Sonderzone bleiben, in der Verantwortung optional ist?

    Die unbequeme Wahrheit

    Die Klarnamenpflicht ist kein Allheilmittel.
    Aber sie ist ein Signal.

    Ein Signal, dass digitale Öffentlichkeit keine Maskerade sein darf.
    Ein Signal, dass Worte Gewicht haben.
    Ein Signal, dass Meinungsfreiheit nicht Meinungsfolgenfreiheit bedeutet.

    Wer sie als „Einschüchterungsprogramm“ diffamiert, verteidigt am Ende nicht die Freiheit der Schwachen –
    sondern die Bequemlichkeit der Lauten.

    Und vielleicht ist genau das der Kern der Debatte:

    Manche wollen ein Internet, in dem man sich „ausprobieren“ kann.
    Andere wollen ein Internet, in dem man Verantwortung trägt.

    Ich entscheide mich für Letzteres.

    Wenn du etwas sagst, dann steh dazu.

    Mit deinem Namen.
    +++

    Ich schaue auf die Uhr: 8.29. Deadline eingehalten.
    Muss ich Gisela darüber informieren? Wie lautet der korrekte Workflow für Repliken? Wo ist das gottverdammte Redaktions-Handbuch, wenn man es braucht?
    Ich werd‘ mir jetzt die Zähne putzen und mich im Anschluss nochmal kurz aufs Ohr legen (oder umgekehrt).

  • Australien wirft Jugendliche aus Social Media raus: mutig oder naiv?

    Australien wirft Jugendliche aus Social Media raus: mutig oder naiv?

    Es gibt Momente, da frage ich mich, ob wir als Gesellschaft kollektiv an einem massiven Realitätsverlust leiden. Der jüngste Anlass: Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Seit heute Morgen haftet das Thema wie getrocknete Hundescheiße an der Krepp-Schuhsohle, wo ich das Zeug nicht rausgekratzt bekomme, und je länger der Geruch in meiner Nase hochsteigt, desto zwiespältiger wird mir zumute. Ein Teil von mir möchte applaudieren; der andere Teil will sich aus Solidarität mit allen 15-Jährigen im Arbeitszimmer verbarrikadieren und dort trotzig 72 Stunden ohne Unterbrechung TikTok-Videos schauen. Ich schwanke zwischen „endlich kümmert sich mal jemand“ und „wow, das ist jetzt aber wirklich der pädagogische Presslufthammer des Jahres“.

    Und das ist das eigentlich Erstaunliche: Ich kann mich nicht entscheiden, weil die Debatte in ihrer ganzen Absurdität zeigt, dass wir aufs vollkommen falsche Ziel fixiert sind. Wir reden über Kinder, während die wahre Gefahr längst auf dem Platz steht – erwachsene Menschen, die Social Media benutzen, als hätten sie erst gestern WLAN entdeckt. Und plötzlich muss ich mich zusammenreißen, nicht laut ins Internet zu rufen:

    WESHALB KEIN SOCIAL-MEDIA-FÜHRERSCHEIN FÜR ERWACHSENE?
    Oder besser: Weshalb eigentlich nicht zuerst für Erwachsene?

    Die Illusion, dass ein Verbot hilft

    Es liest sich auf den ersten Blick rührend: Wir wollen die Kids schützen. Ihr Gehirn! Ihre mental health! Ihre Konzentrationsfähigkeit! Alles richtig. Und ja, Social Media ist kein Ort für zart besaitete neuronale Netze. Es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, gepaart mit einem Industriegerüst aus Datenhunger und Aufmerksamkeitsökonomie. Ich verstehe das Anliegen. Ich verstehe das Verbot. Ich verstehe sogar den politischen Druck.

    Und trotzdem: Während wir gebannt auf die 13- bis 15-Jährigen starren, die jetzt ihre Accounts verlieren sollen, stolpern da draußen Heerscharen erwachsener Menschen ungebremst durch dieselben Netzwerke – allerdings wie gedopte Staubsaugerroboter in einem Lego-Landminenfeld. Wobei die meisten Roboter mehr Medienkompetenz aufweisen als viele Facebook-Junkies, die irrtümlich glauben, ein Hashtag sei ein Argument.

    Jugendliche: Die wissen immerhin, dass sie noch Lernbedarf haben.
    Erwachsene dagegen gebärden sich oft in Social Media, als hätten sie das Internet höchstpersönlich erfunden – und beweisen dabei täglich das Gegenteil.

    Social Media als Hochrisikogerät – vor allem ü18

    Wenn wir ehrlich sind, gehört Social Media längst in dieselbe Kategorie wie Motorsägen, Feuerwerkskörper und Großkatzen: Benutzen darf das nur, wer versteht, wo vorne und hinten ist. Bei Motorsägen gibt es Warnhinweise. Bei Feuerwerkskörpern Altersbeschränkungen. Und von Großkatzen soll man sich eh möglichst fernhalten.

    Bei Social Media?
    Keine Warnhinweise.
    Keine Beschränkungen.
    Und die Gitter fehlen komplett, weil wir gerade beschlossen haben, die Käfigtüren für die unter 16-Jährigen wenigstens provisorisch zu schließen – während Erwachsene draußen ungehemmt auf Safari gehen.

    Und da frage ich mich:
    Wer richtet eigentlich mehr Schaden an?
    Teenager?
    Oder Erwachsene, die „Was darf man denn heute überhaupt noch sagen??“ brüllen, während sie ohne jede Scham dasselbe in 17 Varianten in die Telegram-Maske tippen?

    Warum ich das Verbot trotzdem nicht komplett bescheuert finde

    Wie gesagt: Ich bin zerrissen. Da ist der vernünftige Teil in mir, der weiß: Ja, Jugendliche scrollen zu viel. Ja, sie werden manipuliert. Ja, sie sollten lernen, ein Buch länger als zehn Minuten zu halten, ohne dass der Daumen automatisch nach rechts wischt.

    Aber dann ist da die Realität: Jugendliche werden das Verbot umgehen wie Wasser den Weg durch einen Spalt in der Wand findet. Spätestens nächste Woche kennt jeder 14-Jährige 12 Möglichkeiten, wie man eine Altersprüfung austrickst, während irgendein Minister in Canberra noch stolz verkündet, dass man die „modernste KI zur Altersverifikation“ einsetzt.
    Ha!
    Jugendliche lachen über eure KI.
    Die haben ihre eigene.

    Aber gut: in Down Under machen sie jetzt den Feldversuch. Und ehrlich gesagt: Prima. Wenigstens passiert etwas. Wenigstens reden wir. Wenigstens fällt auf, dass die große Social-Media-Müllhalde, in die wir alle seit Jahren unsere verbalen Fäkalien einspeisen, vielleicht ein paar Regeln bräuchte.

    Erwachsene sind das Problem

    Damit kein Missverständnis entsteht (was im virtuellen Raum eh in 9 von 10 Fällen passiert -> Rubrik: vergebliche Liebesmühe): Das Internet wäre ein friedlicherer Ort, wenn man Erwachsenen eine kurze Schulung angedeihen lassen würde, bevor sie auch nur ein GIF teilen dürfen.

    Wirkliche Gefahren entstehen nicht durch tanzende 15-Jährige, sondern durch Menschen ü30, die via X lernen, dass die Regierung ihnen „das Gehirn wegimpfen will“, durch Ü40er, die auf Facebook in CAPSLOCK diskutieren, warum der Rundfunkbeitrag „ENDLICH ABGESCHAFFT WERDEN MUSS!!!“. Durch Politiker, die Social Media strategisch nutzen wollen, aber nicht mal wissen, wie man einen Link kopiert.

    Manche Erwachsene betreiben Social Media, als würden sie betrunken Auto fahren:
    Gefährlich, unberechenbar und mit einer beängstigenden Portion Selbstüberschätzung.

    Führerscheinpflicht. Und zwar sofort

    Und bevor jemand fragt: Nein, ich meine das nicht symbolisch. Ich meine das wortwörtlich. Ein Social-Media-Führerschein. Für jeden über 18, der/die sich in sozialen Netzwerken bemerkbar machen will. Kinder dürfen nicht rein – Erwachsene nur mit Lizenz.

    Was darin enthalten wäre? Ein paar Beispiele:
    • Wie erkennt man Fake News?
    (Spoiler: Nicht, indem man „mein Bauchgefühl“ sagt.)
    • Was ist der Unterschied zwischen Meinung und Tatsache?
    (Spoiler: „Die Wahrheit wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist keine Tatsache.)
    • Wie interagiere ich online mit Menschen, ohne sie zu beleidigen, zu bedrohen oder ihnen eine Verschwörung anzudichten?
    (Schwerer als gedacht.)
    • Wie verstehe ich einen Algorithmus, ohne meine Machtfantasien darauf zu projizieren?
    • Wie setze ich Privatsphäre-Einstellungen?
    (Und zwar so, dass nicht das halbe Internet mein Sparkasse-Password erfährt).

    Es wäre wie der Erste-Hilfe-Kurs beim Führerschein, nur diesmal geht es darum, digitalen Schaden zu verhindern. Und glauben Sie mir: Er wäre dringend nötig.

    Australien denkt zu kurz – aber immerhin denkt es

    Das Verbot ist naiv? -> Ja.
    Wird es umgangen werden? -> Selbstverständlich.
    Ist es trotzdem besser als das permanente Nichtstun, das wir hierzulande perfektioniert haben? -> Auf jeden Fall!

    Aber während wir Kindern Türen zuschlagen, lassen wir Erwachsene ohne Helm, ohne Gurt und ohne Bremsen durch dieselbe digitale Arena rasen. Und wundern uns dann, dass es kracht.

    Mein Fazit und mein Zwiespalt

    Ich bin hin- und hergerissen.
    Zwischen Schutz und Bevormundung.
    Zwischen sinnvoll und lächerlich.
    Zwischen „endlich macht mal jemand was“ und „ja gut, aber so doch bitte nicht“.

    Aber eines weiß ich sicher: Wenn jemand einen Führerschein bräuchte, dann nicht die 14-Jährigen. Sondern die, die unter jedem Post „HERR LASS HIRN REGNEN!!1!“ kommentieren.

    Und solange es keinen gibt, werde ich weiter zwiegespalten bleiben.
    Und allen Erwachsenen denselben Rat geben wie den Kindern:
    FINGER WEG VON SOCIAL MEDIA!! — zumindest bis ihr wisst, wie man es bedient.
    +++

    Lesen Sie auch: Macht Facebook aggro?

  • Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    »Warum hängst du seit Stunden in Facebook ab, anstatt dich mit mir zu unterhalten?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Keine Ahnung. Einfach so«, antworte ich.
    »Es muss doch einen Grund geben, warum du das tust.«
    »Gibt keinen bestimmten Grund.«
    »Du hängst ohne bestimmten Grund seit Stunden in Facebook ab? Was ist es dann: eine Sucht?«
    »Nennen wir es ‚schlechte Angewohnheit‘.«
    »Also eine Sucht. Wusst‘ ich’s doch«, sagt die alte Schulfreundin.
    +++

    Facebook feiert in diesem Februar seinen 20sten Geburtstag. [1] Ein guter Anlass, sich mal wieder mit der Deutschen 10t-liebster Freizeitbeschäftigung [2] zu befassen = dem überwiegend sinnbefreiten Rumscrollen und Posten in sozialen Netzwerken.

    Wie das Monster erschaffen wurde

    Hin und wieder erschafft der Mensch Ungeheures: den Alkohol, die Religion, den Staat, die Tranquilizer, die Atomkraft oder die sozialen Medien. Warum und aus welchem Antrieb heraus er dies tut – darüber sind viele kluge Bücher und noch mehr schlaue Fachaufsätze geschrieben worden.

    Wer verstehen will, weshalb und in welchem Zustand der damals 18-jährige Harvard-Student Mark Zuckerberg Facebook erfand, dem empfehle ich als Lektüre das Buch Milliardär per Zufall von Ben Mezrich oder sich den Film The Social Network auf Netflix anzuschauen [der auf dem Buch basiert]. Man kann auch beides tun. Ich hab’s gemacht. Und zwar in dieser Reihenfolge: Zuerst den Film angesehen, dann das Buch bestellt und im Anschluss nochmal in Netflix reingezappt.

    Im Grunde reicht der Film aus, um zu begreifen, welche tiefen bzw. seichten Gedanken der Erschaffung von Facebook vorangingen: Die Plattform war damals halbwegs neu [es gab Vorläufer: Myspace, Classmates, SixDegrees, Orkut], ich Mark Zuckerberg kann es, das Teil ist cool, damit lässt sich schnell Geld verdienen. Viel mehr an Idee steckte nicht dahinter. Facebook war auf jeden Fall nie als ein Wir-retten-den-Planeten- oder auch nur Wir-machen-die-Welt-ein-bisschen-besser-Ding gedacht. Von Anfang an ging’s um Kohle, Koks und Nutten. Allerdings in der verschämten Davon-darf-niemand-Wind-bekommen-Variante. Als sich Mitinhaber Sean Parker auf einer Party mit weißem Pulver erwischen ließ, war bei Zuckerberg sofort Schluss mit lustig.

    Nun muss man als Schöpfer nicht zwingend von Anfang an tiefe oder gar weit in die Zukunft reichende Gedanken haben, wenn man etwas erfindet. Ich wage zu bezweifeln, dass Benz und Citroën bewusst war, wie radikal ihre Benzin getriebenen Vehikel das Transportwesen umkrempeln werden. Hätte Lilienthal seine Visionen von der 747 und dem A380 im Jahre 1890 einem breiteren Publikum offenbart, wäre er weggesperrt worden. Watt wird nicht ansatzweise geahnt haben, dass seine Dampfmaschine die industrielle Revolution in Gang setzt. Als Curie die Radioaktivität entdeckte, hatte sie Hiroshima und Tschernobyl nicht auf dem Schirm. Unser Cro-Magnon-Vorfahre, der als Erster aus Gerste und Honig eine Urversion des Biers braute, freute sich am Ende seines Experiments darüber, dass der neue Stoff interessanter als das langweilige stille Wasser aus dem Gebirgsbach schmeckte und er sich als Nebeneffekt einen gepflegten Rausch antrinken konnte. Dass er damit sowohl die Nachtgastronomie als auch die Abstinenzbewegung ins Leben rief, überstieg ganz sicher seine Vorstellungskraft. Weshalb ein Erfinder immer die Folgen seiner Erfindung einschätzen soll, bevor er mit ihr zum Patentamt läuft oder sie ins Internet stellt – das müssen Sie unsere Technikphilosophen fragen. Ich weiß darauf keine Antwort.

    3 Kategorien von Erfindungen

    Es gibt Entdeckungen, die aus der Champagnerlaune eines genialen Augenblicks heraus oder rein zufällig geschahen, sich im Laufe der Jahre aber dennoch als sinnvoll im Alltagsgebrauch erwiesen haben. Zu diesen Geistesblitzen gehören der Tesafilm, die (Zelluloid-) Filmrolle, das Post-it, der Teebeutel, die Teflonpfanne und Kartoffelchips in Tüten.

    So wie wir alle auch Erfindungen kennen, denen viel Forschungsarbeit und das ernsthafte Bemühen, das Los der Menschheit zu verbessern, zugrunde lagen, die sich jedoch nachträglich als Fluch entpuppten. In dieser Kategorie finden wir die schon erwähnte Atomkraft, das Privatfernsehen, Ghettoblaster und den kostenlosen Eintritt ins Internet.

    Und dann stehen wir noch einer dritten Gruppe Innovationen gegenüber: = denen, die im Moment der Schöpfung trivial waren und auch zeitlebens trivial bleiben. D.h. ihr konkreter Nutzen für die Käufer/Anwender ist minimal bis hin zu vernachlässigbar. Beispielsweise Kaugummiautomaten und einzelportioniertes Katzenfutter. In diese Rubrik sortiere ich Facebook ein. Es sättigt niemand, wärmt mich nicht, fördert keinen Wohlstand, es macht nicht intelligenter, nicht glücklicher, nicht gesünder, es transportiert mich nicht von A nach B, mein soziales Prestige steigt dadurch nicht an, ich kann nicht reinschneuzen, sobald ich Schnupfen habe, es deckt keine Pickel ab, verschafft keinen Orgasmus. Ganz simple Frage: Würde uns konkret was fehlen, wenn es Facebook morgen nicht mehr gäbe? Antwort: nein. Die Welt funktionierte ohne Facebook genauso gut oder genauso schlecht wie vor 2004. Unterm Strich betrachtet braucht kein Mensch diese Plattform; jede Elektrozahnbürste ist nützlicher. Und trotzdem macht die Maschine süchtig und gilt neben Google als die erfolgreichste Geschäftsidee seit Coca Cola‘s Umwidmung von einer Hustenmedizin in ein Erfrischungsgetränk. Neben Facebook wirkt selbst McDonald’s wie ein Collegeteam aus Chicago, das ein Footballmatch gegen die 49ers bestreiten möchte.

    Man könnte lapidar mit den Schultern zucken, die Sache als vorübergehendes Zeitgeistphänomen einstufen und sich anderen, wichtigeren Dingen zuwenden, wenn Facebook in den vergangenen 20 Jahren nicht derart rasant gewachsen wäre, dass es die Schwelle vom Ungeheuren zum Monster schon längst überschritten hat. Denn ungeheuer zielstrebig und unternehmerisch klar gedacht war es sicher, zum einen das Potenzial zu erkennen, das im Hochritzeln und Aufhübschen der vormals biederen Studentenverzeichnisse [das sind die ursprünglichen Facebooks] lag und zum anderen Geldgeber wie Peter Thiel zur Beteiligung am Wagnis zu überreden. Die Überschrift von Mezrichs Buch, „Milliardär aus Zufall“, korrespondiert deshalb nicht mit der Realität. Denn Zuckerberg hatte ja nicht qua Zufall 1 Milliarde Dollar am Roulettetisch im Cesars Palace gewonnen, sondern in jungen Jahren den richtigen Riecher für eine fulminante Geschäftsidee bewiesen. Dass das Teil so schnell so abnorm groß werden würde, ahnte er 2004 vermutlich nicht; jedoch war ihm klar, dass er mit Facebook [bzw. ‚The Facebook‘, wie die Plattform in den ersten Monaten hieß] in die bisher ungenützte Lücke der voyeuristischen Online-Kakophonie vorstieß und sich, unter der Voraussetzung, dass man es nur schlau genug anstellt, damit ordentlich Geld verdienen ließ. Und schlau waren er und seine Mitstreiter zweifelsohne.

    Kleines oder großes Monster?

    Warum ist Facebook ein Monster – denn so lautet ja die Überschrift dieses Kapitels –, könnten Sie nun fragen. Und danach noch die Frage hinterherschieben: Ist es ein großes Monster der Kategorie Atomkrieg oder doch eher was Kleines wie nervige Werbung im TV? Ich bin da hin und her gerissen. Facebook bedroht natürlich nicht unseren Weltfrieden, wie das nordkoreanische Interkontinentalraketen tun oder löscht mit einem Drohnenflug oder IS-Sprengstoffgürtel dutzende Leben aus. Es verseucht nicht dauerhaft die Umwelt wie Union Carbide 1984 in Bhopal, es führt nicht zum Schmelzen der Polkappen und zur Auflösung der Ozonschicht. Es bewirkt keine Adipositas und Diabetes wie Burger King & Pepsi, und das Rauchen einer Packung Marlboro am Tag ist sicher schädlicher für die Herzkranzgefäße als 1 Stunde in einem sozialen Medium surfen. Man muss nicht ständig wiederkehrend 200 Euro blechen, um sich den nächsten Facebook-Schuss setzen zu können. All das spräche erstmal dafür, das Zuckerberg-Produkt in die Rubrik „Kleines Monster“ einzusortieren.

    Dem gegenüber stehen allerdings besorgniserregende Entwicklungen wie: Verbreitung von Fake News & gezielte Streuung von Desinformation, Zunahme von Hate Speech bei gleichzeitiger Abnahme der kommunikativen Empathie, Depressionsschübe, weil man trotz strenger Diät und täglich Fitnessstudio nie so sexy wie das eigene gephotoshopte Profilbild aussehen wird, Selbstmordgedanken, sobald man zur Zielscheibe eines Shitstorms oder von Cyber-Mobbing avanciert, Abdriften in die Social-Media-Abhängigkeit.

    Was Facebook und Heroin gemeinsam haben

    Die Erfindung von Facebook im Jahre 2003 war für die Menschheit von ebensolcher Bedeutung wie die Entdeckung des Alkohols in der Mittelsteinzeit, die Idee, den kürzeren Knochen zu ziehen [markiert den Beginn des gewerblichen Glücksspiels; ebenfalls Mittelsteinzeit] und die Erfindung des Heroins am Ausgang des 19-ten Jahrhunderts. Kann man jetzt nicht 1 zu 1 vergleichen, wenden Sie  ein? Klar kann man es nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen – was kann man überhaupt wissenschaftlich sauber 1 zu 1 miteinander vergleichen? –; aber vergleichen kann man es. Alle 4 hier genannten Stoffe und Aktivitäten führen bei längerem Gebrauch zu Abhängigkeit, die bei dafür prädisponierten Menschen in Sucht gipfelt. Was soll denn eine Facebook-Sucht sein, noch nie gehört, sagen Sie jetzt? Gedulden Sie sich noch ein paar Absätze. Ich erkläre es. Und zwar so, bis auch der letzte Zweifler versteht, dass es sich bei exzessiver Anwendung von Facebook bloß um die krankhafte Befriedigung von 3 menschlichen Grundbedürfnissen dreht:
    (1) sich die tägliche Dosis Klatsch & Tratsch reinziehen (Voyeurismus)
    (2) gefahrfrei pöbeln (Aggressionsbewältigung)
    (3) 24/7 mit Menschen kommunizieren (Einsamkeit entfliehen).
    Es gibt weitere Motivatoren wie bspw. (politische, religiöse, ernährungstechnische) Überzeugungsarbeit leisten, Sexpartner finden, Produkte verkaufen; aber die sind Nebenkriegsschauplätze.

    Es handelt sich also v.a. um die 3 o.g. triebgesteuerten Bedürfnisbefriedigungen, die unserem exzessiven  Facebook-Verhalten zugrundeliegen. Die sich zwar nicht sofort auf unsere seelische und geistige Gesundheit ausbreiten; eher wie ein langsames Gift wirken. Mit jedem Tag, den wir die Droge konsumieren, schleicht sie sich tiefer in unser Unterbewusstsein ein, bis wir eines Tages das bunte Paralleluniversum für die bessere der beiden Welten ansehen und uns weitgehend aus der Realität ausklinken. Endphase: 24/7 online: NICHTS mehr verpassen, ALLES kommentieren, NICHTS mehr glauben, was wir nicht in Facebook sehen, ALLE anderen Informationen anzweifeln oder gar als Lügen deklarieren. So schlimm ist es doch gar nicht, sagen Sie? Doch, es ist bei einigen schon so schlimm, und es wird mit jedem Tag, an dem Facebook nahezu unreglementiert weitermachen darf, ständig schlimmer werden, antworte ich Ihnen.

    Sie übertreiben maßlos, Herr Hirsch. Nicht jeder, der Facebook nutzt, ist süchtig. Ich zum Beispiel bin ganz und gar nicht süchtig, meinen Sie? Selbstverständlich übertreibe ich, denn so funktioniert nun mal das Geschäft mit dem Erheischen von Aufmerksamkeit = Plakative Überschrift, reißerische Anmoderation, und schon klappt es mit Klicks und Reichweite. Habe ich übrigens in Facebook gelernt. Die Überspitzung der These bedeutet allerdings nicht, dass sie verkehrt ist. Sie bedeutet bloß, dass es stärker Süchtige (bspw. mich) und weniger Süchtige (bspw. Sie) gibt. D.h. ich pfeife mir täglich eine höhere Dosis rein als Sie, der Sie jedoch ebenfalls jeden Tag aufs Neue in dieser Plattform unterwegs sind. ICH kann JEDERZEIT damit aufhören, entgegnen Sie empört? Mag sein, aber 99,9 Prozent derjenigen, die in Facebook schreiben, dass sie aufhören, sind nach spätestens 1 Woche zurück und posten und kommentieren dann mehr als vorher. Komplettaussteiger trifft man SEHR selten. Und bisher weitgehend unerforscht ist die finale Destination. Verlassen sie tatsächlich ein für alle Mal den digitalen Zirkus, kehren verkatert & reumütig in die analoge Welt zurück, oder wandern sie von Facebook zu Twitter, Telegram, Instagram, TikTok, Bluesky oder Mastodon? Wechseln also nur die Plattform [die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Suchtverlagerung].

    Kontrollierter Konsum ist die kleine Schwester von Sucht

    Ich habe FESTE Zeiten, in denen ich in Facebook unterwegs bin, an denen richte ich mich aus. Das ist Lichtjahre entfernt von Sucht, sagen Sie jetzt? Na ja, wenn man erst mal feste Zeiten etablieren muss, dann ist das nichts anderes als Sucht, der man ein Korsett verpasst. Bei Alkoholikern nennt man das Trinkmuster. Und glauben Sie mir: mit Alkohol und Mustern kenne ich mich aus. Das Problem mit den Mustern besteht darin, dass man sie eines Tages nicht mehr erfüllen kann und sowohl die Frequenz verkürzen als auch die Dosis erhöhen muss, um das Glückslevel zu halten. Auch ich habe übrigens ein Muster, man kann es sogar eine Regel nennen: Niemals in der Nacht! Ich klappe Facebook um 23 Uhr zu und mache es erst um 7 Uhr morgens wieder auf. Dann aber gehört der sofortige Blick in die Kommentarspalten genauso zu meiner Morgenroutine wie Kaffeekochen, auf dem Klo den Sportteil der Tageszeitung lesen und Zähneputzen. Und im Laufe der folgenden 16 Stunden schaue ich so oft nach, ob eventuell was „Interessantes“ in meiner Bubble passiert ist, dass ich mich um 23.01 Uhr manchmal frage, warum ich das getan habe. Ich kann’s mir bloß mit Sucht erklären.

    Natürlich existieren Unterschiede bei den oben genannten Süchten. So hängen weltweit weniger Junkies an der Nadel, als sich User sekündlich in Facebook einloggen. Bei Black Jack, Texas Hold’em, auf der Pferderennbahn und am Roulettetisch kann man in einer Nacht Haus und Hof verzocken, während man nach einem nächtlichen Kommentar-Marathon in einer digitalen Kloake bloß todmüde ins Bett fällt. Für Alkohol gibt’s Spezialkliniken und Entwöhnungsprogramme. Welcher Arzt hilft mir beim Ausstieg aus Facebook? Hat irgendwer schon mal Kontakt mit einer Facebook-Selbsthilfegruppe gehabt oder existieren die Anonymen Facebookies?

    So cool wie eine Zahnzusatzversicherung

    Wer heute meint, Facebook sei immer noch en vogue, der hält auch eine Zahnzusatzversicherung für hip. Spätestens, als ich im Herbst 2009 – damals 47-jähriger Vater von drei Kindern und Eigenheimbesitzer inklusive Vorgarten und Hauskatze – mit der User Nr. 305.257.368 hinzugestoßen bin, wurde die Plattform von halb- auf viertelcool runtergestuft. Seitdem ist das Gesichtsbuch in etwa so trendy wie ein Toyota Corolla, Cherry Coke light oder Fischstäbchen. Ob ich mir einen Big Mäc kaufe, einen Lottoschein ausfülle oder in Facebook surfe: vom Coolheitsgrad her ist es dasselbe. Wenn ich mal für ein paar Stunden das Gefühl „Heißer Scheiß, Koks und Nutten“ spüren möchte, verirre ich mich ganz bestimmt nicht hierhin, wo ich jeden Tag aufs Neue bloß Texte und Bilder von der Stange serviert bekomme. Online-Langeweile in Dauerschleife.

    Warum ich, der ich das Problem (angeblich) erkannt habe, immer noch drin bin, fragen Sie mich völlig zurecht? Weil es von der Krankheitseinsicht bis zur Überwindung oft lange dauert. Viele schaffen den Ausstieg nie, obwohl sie sich ihrer Abhängigkeit schon seit Jahren bewusst sind. Ich persönlich finde die Abschiednahme von Facebook [weitere Foren nutze ich nicht] mittlerweile als schwieriger als vom Alkohol, tröste mich aber damit, dass Social Media bei mir keine körperlichen Schäden anrichtet. Auf meine Psyche wirkt sich das tägliche Geschnatter hingegen schon aus. Passiert nicht selten, dass ich Stunden später panisch kontrolliere, ob ich meinen vorvorletzten Kommentar auch im dazu passenden Thread hochgeladen oder versehentlich an einer Stelle, wo er nicht hingehört, platziert habe. Oder die ständige Sorge, alte/falsche Wörter zu verwenden, durch die sich ein anderer User (m/w/d) angegriffen fühlt, obwohl ich gar nicht vorhatte, ihn durch deren Gebrauch zu attackieren. Das sind temporäre Schweißausbrüche & Tachykardie-Schübe, die mir vor Social Media fremd waren..

    Lassen Sie uns am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Facebooks konkreter Nutzen für den privaten Nutzer bewegt sich gegen Null [3]
    (B) die Plattform dient uns v.a. zwecks Triebbefriedigung
    (C) obwohl wir das wissen, bleiben wir trotzdem alle hier [von Kurzzeitabwanderungen zu Bluesky mal abgesehen]
    (D) um das böse Wort „Sucht“ zu vermeiden, reden wir stattdessen lieber von lebenslanger Kundenbindung.

    »Wo wirst du den ellenlangen Text veröffentlichen?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Auf Facebook«, antworte ich.
    »Damit du dich dann mit den Kommentatoren über deren Sucht zoffen kannst?«
    »Ja, auch.«
    »Dir ist echt nicht zu helfen mit deinem ständigen Facebook.«
    »Du meinst, da hilft bloß noch die dauerhafte Abstinenz?.«
    »Klar.«
    »So weit bin ich leider noch nicht.«
    »Ich weiß.«

    PS. kleiner Test zum Schluss: Wie lange schaffen Sie es, nicht in Social Media reinzugucken, ohne Symptome wie Unruhe, Appetitlosigkeit und gestörten Schlaf zu spüren? Ich tippe mal, spätestens nach 24 Stunden werden die meisten schwach und tun es wieder [sinnlos posten u kommentieren].
    +++

    [1] Genau genommen handelt es sich um den 20. Jahrestag der weltweiten (kommerziellen) Online-Schaltung. Die ersten, lokal eingegrenzten Gehversuche mit der Plattform wurden bereits 2003 unternommen.
    [2] auf Platz 1 steht übrigens „das Internet nutzen“
    [3] natürlich nutzt Facebook jemand. Nämlich dem Mutterkonzern Meta als immerwährende Gelddruckmaschine.

  • Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist doof! überschrieb Heinrich Schmitz seine gestrige Kolumne, in der er der „Klugheit“ der Lösch-Algorithmen nachging. Mein Kolumnisten-Kollege stellte dabei ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen der Indizierung von Nacktheit und Nonchalance bei Hassrede fest. Um am Ende zwei Fragen in den Raum zu werfen:
    (a) Ist die Plattform prüde?
    (b) Wird durch Facebook die Meinungsfreiheit gefährdet?

    Tittenphobie & Hausrecht

    (a) Lässt sich schnell beantworten: JA, Facebook ist superprüde. Jede blanke Titte, völlig egal, in welchem Kontext sie gezeigt wird, führt zu Löschung und zieht eine Sperre nach sich. Geschuldet dem puritanisch-verklemmten Erbe der Gründerväter der USA und vielleicht auch einer Tittenphobie des Facebook-Gründervaters. Darüber kann man sich als aufgeklärter, Tinto-Brass-Filme schon zum Frühstück schauender Europäer lustig machen; aber die Regel ist zumindest klar und eindeutig: KEINE Titten und KEINE Geschlechtsorgane! D.h. wenn ich mir sowas ansehen will, bin ich in Facebook verkehrt und muss in ein anderes Forum wechseln oder mir zu Hause einen alten VHS-Porno in den Videorekorder schieben.

    (b) Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist hingegen komplizierter. Facebook ist ein privates Unternehmen und gibt sich sein eigenes Hausrecht. Damit fängt’s schon mal an. So lange diese sogenannten Community Standards nicht gegen Gesetze verstoßen, gelten sie nun mal, und wir Nutzer müssen uns – ob’s uns passt oder nicht – daran halten. Versuchen Sie mal in einem Veganer-Restaurant eine Original Kölner Currywurst mit Fritten zu bestellen oder beim Wiener Opernball im Jogginganzug den Blaue-Donau-Walzer zu tanzen: In beiden Fällen werden Sie von der Security umgehend vor die Tür gesetzt. Dieses Hausrecht nehmen auch Sie ganz selbstverständlich in Ihrem eigenen Profil für sich in Anspruch, wenn Sie bei Ihren „Freunden“ rote Linien ziehen und Kommentatoren, die beleidigen u/o politisch extrem sind, zuerst ermahnen und im Wiederholungsfall von Ihrer Freundesliste streichen. Falls Sie das tun. Also ich tue es und zwar mehrmals pro Woche. Weil ich die Meinungsfreiheit einschränken will? Eigentlich mehr aus dem Grund heraus, weil ich keine idiotischen Kommentare in meinem Profil lesen möchte, da mir die Menge an idiotischen Beiträgen und Kommentaren in anderen Profilen völlig ausreicht. Aber natürlich schränke ich damit die Meinungsfreiheit des Kommentators ein, was mir jedoch in meinem eigenen Profil egal ist.

    Facebooks Problem besteht allerdings gar nicht in einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern es ist genau andersherum: Es kann nahezu JEDE noch so irrwitzige Meinung gepostet werden, solange sie nicht gegen die Tittenverbot-Regel verstößt. Was in der Konsequenz zur Verbreitung absurder Verschwörungstheorien und Aufrufen & Verabredung zu gemeinsamen Straftaten führt. Ich übertreibe maßlos, sagen Sie? Machen Sie sich lieber schlau, wie die Sache mit den Rohingya in Birma begann und auf welcher Plattform der Irre von Christchurch seine Videos vom Massaker in den beiden Moscheen hochlud, antworte ich. Es wäre also durchaus wünschenswert, wenn Facebook mehr als weniger Kontrolle durchführte. Die Begründung, man sei als Plattform für die gezeigten Inhalte nicht verantwortlich, Facebook sei schließlich keine Zeitung oder TV-Sender, ist für mein Alter-weißer-Mann-Boomer-Rechtsverständnis noch irrwitziger als manch irrwitziger Querdenker-Post.

    Hauptsache viel Traffic

    Um einige hundert Millionen – falls diese Zahl überhaupt reicht – täglich neuer Beiträge seriös zu überwachen, braucht es zwingend Menschen. Algorithmen und Bots sind dazu nicht in der Lage. Die erkennen zwar Titten- und Pimmelbilder, können aber nicht unterscheiden, ob es sich dabei um eine Erotik-Session mit Micaela Schäfer oder die Venus von Milo handelt. Also doch lieber Menschen urteilen lassen. Menschen kosten aber. Und nichts scheut der Konzern so sehr wie Personalausgaben, die nichts mit Wachstum zu tun haben. Nicht von ungefähr sind die Content Moderatoren nicht bei Facebook direkt angestellt, sondern erhalten befristete Verträge über Zeitarbeitsfirmen. Die Entlohnung der Inhalt-Admins ist ein Witz im Vergleich zu den Software-Entwicklern. Jeder Vierte Content Manager muss 1x pro Monat auf die Couch des Betriebspsychologen, so heftig sind die Videos, die diese Mitarbeiter sichten müssen. Wer dachte, ihn kann nach Splatter-Movies nichts mehr schocken, hat noch keine Filmchen von exotischen satanischen Ritualen gesehen, die bei Facebook-Regisseuren – im Unterschied zu Hollywood – real und live sind.

    Das Geschäftsmodell „Gratisnutzung & Werbefinanzierung“ kann nur funktionieren, wenn möglichst viele User gleichzeitig möglichst lange in der Plattform verweilen. Damit wir möglichst lange verweilen, müssen wir marktschreierische Inhalte zu sehen bekommen. Je mehr menschliche Moderation und Kontrolle, desto weniger marktschreierische Inhalte, desto weniger User und in der Konsequenz sinkende Werbeeinnahmen. Von daher hat das Unternehmen keinerlei Interesse daran – Ausnahme: es wird durch gesetzlichen und öffentlichen Druck dazu gezwungen –, über das minimal Notwendige hinaus zu moderieren, kontrollieren und Hassbeiträge zu löschen.

    08/15-Narzissmus & der tägliche Adrenalin-Kick

    So wie sich nicht jeder virtuelle Hooligan auf die Meinungsfreiheit berufen kann, wenn sein verbaler Rülpser gelöscht wird, so sollten wir uns selbst hin und wieder hinterfragen, weshalb wir das tun bzw. uns das antun: Also ständig in sozialen Medien abhängen. Es gab ja auch ein Leben vor Facebook & Co. Also ICH hatte durchaus ein Leben zuvor und das war, trotz aller analoger Limitierung, jetzt nicht unbedingt weniger aufregend oder gar schlechter. Was treibt mich seit Oktober 2009 – in diesem Monat begann mein Sündenfall – jeden Tag aufs Neue in diesen ständig um sich selbst kreisenden Jahrmarkt der banalen Eitelkeiten? Mein 08/15-Narzissmus, krankhafter Mitteilungsdrang (bis hin zum Wahnsinn, dass ich anderen Fotos von meinem Abendessen zeige), entziehe ich mich der tristgrauen Realität durch Flucht in eine bunte Bilderwelt, will ich dazugehören (wozu eigentlich?), ist es Voyeurismus, Angst, was zu verpassen, wenn ich nicht alle paar Minuten nachschaue, ob es was Neues gibt? Um dann schulterzuckend festzustellen, dass das angeblich Neue letztlich jeden Tag in wiederkehrender Monotonie dasselbe ist: Katzenbilder (obwohl die weniger geworden sind und immer mehr durch Hunde und Zierfische abgelöst werden), Fotos vom Abendessen (nicht tot zu kriegen), triviale Sinnsprüche, wie man sie früher auf Abreißkalendern las, gephotoshopte Profilbilder älterer Damen, auf denen sie aussehen wollen wie die eigenen Töchter (erhalten übrigens erfahrungsgemäß mit Abstand die meisten Likes), Angebote, an Yoga- und Fitnesskursen sowie an allerlei dümmlichen Challenges teilzunehmen und Statements zu aktuellen und weniger aktuellen politischen Themen. Je reißerischer ein politisches Thema anmoderiert wird (z.B. „Corona ist auch nur ein Schnupfen“ oder „Corona-Leugner gehören alle in den Knast“), desto mehr Aufmerksamkeit, Erregung und Traffic erzeuge ich als Facebook-Autor. Und das ist ganz im Sinne der Konzernzentrale; jedoch habe ich als Facebook-Autor Nullkommanull davon; denn ich werde am aufgrund meines genialen Beitrags explodierenden Werbeumsatz prozentual leider nicht beteiligt. Von 100 Kommentaren und 50 Likes wird allerdings niemand dauerhaft satt. Das Geschäftsmodell funktioniert einzig für die Plattform, nicht jedoch für die Lieferanten der Inhalte.

    Zurück zur Ursachenanalyse meiner Abhängigkeit: Suche ich krampfhaft Anerkennung in Form von erhobenen Daumen, Herzen und Umarmungen? Oder geht’s mir eher um den Adrenalin-Kick? Gemäß der Social-Media-Weisheit: Nur, wer einen digitalen Tsunami überlebt, weiß, wie sich richtiges Leben anfühlt. Im Alter ersetzt der Shitstorm den Köpfer vom 10-Meter-Brett oder die Prügelei im Stadion mit den Fans der anderen Mannschaft. Egal auf welchem Weg: Hauptsache, Adrenalin durchströmt meine Adern.

    Will ich in Facebook der Frau fürs Leben begegnen, wissend, dass die Wahrscheinlichkeit, ihr hier über den Weg zu laufen, geringer ausfällt als die Chance, dass sich Angelina Jolie mit mir auf eine Feierabend-Coke-Zero verabredet?

    Vermutlich ist es von allem was.

    Meine 3 Regeln

    Sie sind definitiv zu viel in Facebook unterwegs. Ich habe meinen Konsum im Griff, weil ich mir im Gegensatz zu Ihnen, Herr Hirsch, feste Regeln gegeben habe, sagen Sie jetzt?
    Auch ich habe 3 feste Regeln, erwidere ich. So klappe ich Facebook (1) zwischen 23 und 7 Uhr zu, kein Facebook (2) im Schlafzimmer (3) und auf dem Klo. Wobei ich ehrlich gesagt schon mal mit einem Bild von mir auf dem Klo à la Der Dude in „The Big Lebowski“ geliebäugelt habe. Meine Kinder rieten mir davon ab und meinten: »Das wäre definitiv too much, Papa. Das will KEINER sehen«. Und bei sowas höre ich auf meine Kinder.

    Aber trotz meiner 3 festen Regeln habe ich keineswegs den Eindruck, dass ich den Konsum zu 100 Prozent im Griff habe. Gibt Tage, da kontrolliere ich Facebook, und es gibt (mehr) Tage, an denen Facebook mich kontrolliert. Die Diagnose für mein offensichtliches Abhängigkeitsverhalten ist schnell gemacht: Suchtverlagerung. Gottseidank vom Wodka bloß zu Facebook und nicht auch noch zu Twitter (zu hektisch), Instagram (zu viele Fotos und Hashtags), Youtube (bin viel zu faul, um jeden Tag ein neues Video zu drehen), Tiktok (ich weiß gar nicht, worum es da geht). Virtuelle Mono-Abhängigkeit nennt man das. Schlimm genug, aber immer noch besser als polytoxes Surfen. Arme Schweine, die 24/7 von Facebook zu Twitter zu Instagram und zurück zappen müssen. Wann schlafen diese Menschen? Pinkeln die in ihre Kaffeetasse, um den Schreibtisch nicht verlassen zu müssen und bloß nichts zu verpassen? Mit denen möchte ich echt nicht tauschen. Meine virtuelle Mono-Abhängigkeit ist zwar eine Krankheit, allerdings aus meinem Blickwinkel heraus weniger dramatisch als Wodka & Koks. Ich kann um 23.01 seelenruhig schlafen, träume (noch) nicht von gephotoshopten Bildern älterer Damen, die aussehen wollen wie ihre Töchter, wache nicht um 3 Uhr schweißgebadet auf und laufe zur Nachttankstelle, um Nachschub zu besorgen, zittere nicht beim Aufstehen, sondern erst eine halbe Stunde später, wenn ich die ersten 3 irrwitzigen Querdenker-Posts überflogen habe.

    Wie wär’s zur Abwechslung mit ElitePartner oder dem Besuch einer Selbsthilfegruppe?

    Während mir persönlich halbwegs klar ist, weshalb ich mir den Irrsinn täglich antue, sollten SIE sich selbst auch mal fragen, warum Sie das machen. Es ist doch für einen erwachsenen Menschen nicht normal, ständig in Sozialen Medien abzuhängen.

     Sie sind einsam und suchen nach einem Partner? -> Investieren Sie nen Fuffi und melden Sie sich bei ElitePartner an.
     Sie wollen sich möglichst breit informieren? -> Investieren Sie einen weiteren Fuffi und abonnieren 3 Tageszeitungen und 2 Politmagazine.
     Sie möchten die Welt an Ihrem Leben teilhaben lassen? -> Niemand interessiert sich für Ihr Leben.
     Sie wollen sich vernetzen? -> Warum, um Himmelswillen, muss man sich mit hunderten wildfremden Menschen vernetzen? 99% von diesen „Freunden“ würden Ihnen noch nicht mal 5 Euro borgen oder Ihnen was vom geposteten Abendessen abgeben.
     Sie möchten einfach Spaß haben? -> Das ist schon besser. Obwohl der Spaßfaktor von Facebook mMn arg begrenzt ist. Auf 1 lustigen Post kommen 46 mittelmäßige und 53 Müll-Beiträge.

    Würde Ihnen was fehlen, wenn Facebook heute Nacht explodiert? Also grundlegend was fehlen? Müssten Sie dann panisch zu Twitter oder Tiktok rennen, um ihre virtuelle Sucht zu befriedigen? Oder kehrte dann endlich analoge Ruhe in Ihren Alltag ein?

    Das mit der Explosion von Facebook ist zwar eine theoretische Frage, aber je nachdem, wie die Antwort ausfällt, sollten Sie überlegen, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich dort mit anderen Social-Media-Junkies auszutauschen und von denen zu lernen, wie Sie sich von dieser zeitraubenden Abhängigkeit befreien können.

    Letztlich ist es mit Facebook wie mit jeder anderen Sucht: Wenn man davon loskommen will, muss man den Weg der Abstinenz einschlagen. Fangen Sie mit diesen zwei Büchern an:

    Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst (Jaron Lanier)
    &
    Das Internet muss weg (Schlecky Silberstein).

    Sind beide flott geschrieben, und es steht erschreckend viel Wahres drin.

    Ob ICH mich heute in Facebook abmelden werde?
    Nein, werde ich nicht.
    Ich bekenne mich offen zu meiner schlechten Angewohnheit, rede mit meiner Psychologin darüber und habe hin und wieder Spaß damit (also mit Facebook, nicht mit der Psychologin. Obwohl: ab und an auch mit der Psychologin).

  • Social Media ohne Trump?

    Social Media ohne Trump?

    Als am späten Abend des 6. Januar der letzte QAnon-Schamane aus dem Kongress vertrieben worden war und sich die Reinigungstrupps aufmachten, die in den heiligen Hallen herumfliegenden Bierdosen und BigMac-Kartons einzusammeln, geschah etwas Ungewöhnliches: Sowohl Twitter als auch Facebook sperrten den irrlichternden US-Präsidenten auf ihren Plattformen. Erstmal begrenzt auf 12 Stunden, dann ausgeweitet bis zum Ende seiner Amtszeit. Während sich dieser Schritt bei Twitter schon länger anbahnte, mutete die plötzliche Rigorosität Zuckerbergs, der in einer Art Spontan-Erweckungserlebnis seine Liebe zu einer Fakenews-freien Online-Welt entdeckt zu haben schien, anfangs doch erstaunlich an. Besser spät als nie, dachte ich und ging beruhigt ins Bett. Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, sortierte ich die Heldentat der Plattformbetreiber am Morgen danach leicht anders ein: Nämlich als 5 nach 12 Bannstrahl, um im allerletzten Moment die Reißleine zu ziehen und nicht in den trumpschen Abwärtsstrudel mit reinzugeraten. Gelegenheit, Eier zu zeigen, gab es vorher schon zur Genüge: Charlottesville, der Aufruf an „Patrioten“, den Anti-Corona-Maßnahmen von Michigan-Gouverneurin Whitmer nicht Folge zu leisten, die Entsendung paramilitärischer Einheiten nach Portland zwecks Eindämmung der BLM-Demonstrationen mögen hier als Beispiele genügen.

    Biegsame Standards und Hausrecht des Betreibers

    Völlig losgelöst vom konkreten Fall Trump müssen drei Fragen gestellt werden:
    – Reicht das Regelwerk der Social-Media-Betreiber aus?
    – Ist es klar formuliert und transparent genug?
    – Und die Gretchenfrage: können private Anbieter nach eigenem Ermessen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, oder unterliegen Informationsgiganten doch öffentlichen Regeln bzw. muss Meinungsfreiheit auch von manchen Privaten garantiert werden?

    Die (sehr biegsamen) Standards von Facebook und Twitter sind hier und hier zu finden. Nach Studium derselben entsteht der Eindruck, dass eine halbentblößte Titte auf einem Ölgemälde, das ein Rubens-Liebhaber postet, strenger sanktioniert wird als Hass, Hetze, Beleidigung und was es sonst noch alles an Unappetitlichem in den Social-Media-Kanälen zu lesen gibt. Zudem werden die ohnehin nur rudimentären Regeln kaum ernsthaft durchgesetzt. 99 Prozent der Fake-News-Trolle gehen straffrei aus. Was auf entweder grob fahrlässige Nonchalance oder chronisch unterbesetzte Kontrollabteilungen hindeutet. Beides wäre kein Ruhmesblatt für Hightech-Konzerne.

    Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist tricky bis heikel, weshalb es sich an dieser Stelle empfiehlt, erstmal die bundesdeutsche Generalklausel zu zitieren:

    Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
    Art. 5 GG, Abs. 1

    Allerdings regelt das Grundgesetz vornehmlich das Verhältnis Bürger-Staat, nicht jedoch die Interaktion zwischen Privatleuten. Und die Social-Media-Kanäle werden nun mal von Privatunternehmen betrieben, die ihre eigenen Regeln aufstellen dürfen. Niemand besitzt ein Dauer-Anrecht auf einen Account und niemand wird durch eine Sperre daran gehindert, seine Meinung trotzdem zu vertreten. Um beim aktuellen Auslöser Donald Trump zu bleiben: Dem stehen ja außerhalb von Facebook & Twitter weitere Kanäle offen, seine Weltsicht zu verbreiten. Beispielsweise Presse Briefings, Pressemitteilungen, TV-Ansprache an die Nation, Teilnahme an öffentlichen Diskussionsrunden, Leserbriefe etc. etc. Ist ja nun nicht so, als ob Social Media die einzige Möglichkeit der Informationsvermittlung darstellt.

    Meinungsfreiheit und Last-Minute-Notbremse

    Streng genommen bedeutet Meinungsfreiheit nichts anderes als den Staat – von begründeten (und gut zu begründenden) Ausnahmefällen abgesehen – daran zu hindern, Zensur auszuüben. Was Zuckerberg und Dorsey mitunter tun, mag dem ein oder anderen zwar wie Zensur vorkommen; juristisch gesehen machen sie jedoch nur von ihrem Hausrecht Gebrauch, das jedem Privatmann zusteht. Wie ein Kneipenwirt dürfen sie einen pöbelnden Gast vor die Tür bugsieren. Und gepöbelt hatte der 45. US-Präsident in den vergangenen 4 Jahren wahrlich genug. Das hätte für 400 Rausschmisse ausgereicht.

    Trotzdem bleibt bei den Social-Media-Riesen ein ungutes Gefühl zurück. Wer entscheidet da eigentlich? Und anhand welcher Kriterien wird entschieden? Kann man Facebook & Twitter noch mit einer Kneipe gleichsetzen, oder müssen aufgrund der globalen Nahezu-Monopolstellung dieser Anbieter nicht doch andere Maßstäbe herangezogen werden? Gibt es bei Facebook ein Experten-Gremium, das eine so weitreichende Entscheidung wie die Sperrung des US-Präsidenten-Kontos trifft oder macht das der CEO alleine? Konnte Herr Zuckerberg nicht mehr schlafen, weil er um den Fortbestand der US-Demokratie fürchtete oder handelte es sich eher darum, um 5 nach 12 panikgetrieben von Bord des unrettbar sinkenden Seelenverkäufers ans rettende Ufer zu springen? Eine Last-Minute-Notbremse, um den ansonsten drohenden massiven Einbruch der Werbeeinnahmen in der allerallerletzten Nanosekunde zu verhindern? Ist Facebook eine Trink- und Saufhalle mit unbeschränktem Hausrecht des Gastronomen oder müssen/ sollten doch Regeln, wie sie für den öffentlichen Bereich gelten, zur Anwendung gelangen?

    Die Regelwerke von Facebook & Co. gehören dringend überarbeitet

    Nicht nur Angela Merkel sieht die dauerhafte Sperrung der Social-Media-Konten des US-Präsidenten deshalb kritisch: „Die Betreiber sozialer Netzwerke tragen zwar Verantwortung dafür, dass die politische Kommunikation nicht mit Hass und Anstiftung zu Gewalt vergiftet wird. Die Meinungsfreiheit als Grundrecht von elementarer Bedeutung kann aber nur durch den Gesetzgeber, nicht nach der Maßgabe von Unternehmen, eingeschränkt werden“. Hört also die Meinungsfreiheit gar nicht jenseits der staatlichen Garantie auf, sondern umfasst auch Teile des privaten Sektors? Meiner Meinung nach: JA. Denn Facebook & Twitter sind schlichtweg zu groß und kommunikationsmächtig, als dass sie im Bedarfsfall wie ein erzürnter Kneipenwirt handeln dürfen. So sehr die Übernacht-Kündigung Trumps uns emotional gefallen mag, so birgt die Sperre doch den Keim für nachfolgendes Unheil. Was, wenn Zuckerberg in einem Jahr entscheiden sollte, Joe Biden vor die Tür zu setzen, weil der Steuererleichterungen zurücknimmt und/oder eine stärkere Kontrolle der Online-Giganten fordert? Warum Trump und nicht ebenfalls alle anderen Politiker, die offenkundige Falschnachrichten verbreiten und zwischen den Zeilen Unzufriedenheit und Gewalt schüren? Weil The greatest POTUS of all time im Moment des Bannstrahls bereits verloren war, während man das bei den anderen Fakenews-Spreadern halt noch nicht so genau weiß und deshalb mit der Entscheidung lieber abwartet? Das Instrument der Account-Stilllegung aus schierem Opportunismus heraus?

    Facebook & Co. werden um eine grundlegende Debatte, was bei ihnen geht und was definitiv nicht geht, nicht herumkommen. Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen Tittenphobie und Beide-Augen-zudrücken bei Hass & Hetze ist dem Publikum nicht mehr lange vermittelbar. Da hilft auch ein Leuchtturm-Rausschmiss wie der des US-Präsidenten nicht weiter. Ohne transparente Regeln und die Möglichkeit des ernstgenommenen Einspruchs des Sanktionierten werden die Socialmedia-Plattformen keine Zukunft haben. Anfang 2021 wirkt das alles immer noch stark flickschusterartig zusammengebastelt anstatt seriös geplant und konstruiert.

  • Corona als Charaktertest

    Corona als Charaktertest

    Pfingsten steht vor der Tür, die Sonne scheint, mein monatelang sich in freiwilliger Selbstisolation kasteiender Nachbar steckt seine blasse Nase aus dem Fenster, schnuppert, ob die Luft noch nach Sars-CoV-2 riecht, entscheidet für sich, und weil Herr Ramelow das auch so sieht, dass die Gefahrenlage eine beherrschbare, wenn nicht sogar bereits obsolete, ist, steigt in sein Auto und fährt endlich mal raus aufs Land. Mit kurzem Stopp an der ESSO. Alles rein in den leeren Tank, denn der Sprit ist günstig. Wenigstens diesen kleinen Vorteil hat Corona uns beschert, sagt er. Und dann düst er ab in Richtung Vulkaneifel. Zwar nur ein kurzer 48h-Urlaub und ungewohnterweise in der Heimat, weil die Grenzen ja noch zu sind; jedoch dringend notwendig. „Ist ja nun schon wieder zwölf Wochen her mit den Skiferien. Eine Ewigkeit!“, seufzt mein Nachbar, der jedes Jahr 5x verreist. Im Sommer gerne nach Ko Samui. „Aber das wird 2020 schwierig werden. Vielleicht geht alternativ Mallorca. Zwar nicht dasselbe wie Thailand. Aber besser als nichts“.

    Das große Gewimmel

    Auf den Straßen wimmelt es, in den Innenstädten wimmelt es, in den Geschäften wimmelt es aufgrund der noch gültigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften noch nicht ganz so wie früher; allerdings wird’s ebenfalls dort – dem oben erwähnten Herrn Ramelow sei Dank – alsbald auch wieder fröhlich wimmeln. Wie überhaupt das Wimmeln ein urmenschlicher Trieb zu sein scheint. Ich behaupte mittlerweile sogar, dass die Menschen in der Periode ihrer Bleibt-zu-Hause-Kasernierung das Wimmeln am meisten vermisst haben. Das ständige Alleinsein in der 3-Zimmer-Wohnung und die Ruhe auf den Autobahnen sind zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache. Dafür, dass wir notorische Wimmler sind, haben wir uns in den ersten vier Wochen der Pandemie gut geschlagen. Sagen alle Politiker, und mein Nachbar sagt’s auch. Also wird es stimmen.

    Der Wendepunkt war um Ostern herum erreicht. Mehr als ein Monat Homeoffice war dem postmodernen Wimmler schlichtweg nicht zuzumuten. Die Politiker mit ihren feinen Antennen für jedes neue Magengrummeln ihres Wahlvolks empfingen die Wir-haben-die-Schnauze-voll-von TK-Pizza-und-jeden-Abend-ne Serie-auf Netflix-Signale der zunehmend frustrierteren Bürgerinnen und Bürger und kalibrierten umgehend ihren Corona-Kompass neu: 16 Ministerpräsidenten rückten von der Kanzlerin ab, die Kanzlerin mahnte ihren Chef-Virologen, nicht ständig alles allzu Schwarz zu sehen, der Boulevard nahm sich die Wissenschaft im Allgemeinen und den Drosten im Speziellen zur Brust. Und vorneweg marschierte Herr Laschet, dem es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann, nachdem er im März noch von der dringend notwendigen Entschleunigung aufgrund der immensen Gefährdungslage gesprochen hatte. Aber weshalb sollte Adenauers Einsicht, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, nicht ebenfalls für andere gelten? Wir sind alle Rheinländer (also Adenauer, Laschet und ich) und reden heute so, morgen so und übermorgen wieder so oder auch schon mal komplett andersherum. Bei Adenauer, der ist lange tot, und mir, ich bin bloß ein kleiner Kolumnist, ist das allerdings weniger folgenschwer als bei Laschet, der noch Großes vorhat, wobei ihm sein Corona-Schlingerkurs eventuell noch gehörig auf die Füße fallen könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

    Corona ist auch nur ein Schnupfen

    Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, beim Wendepunkt um Ostern herum. Quasi über Nacht wurde Covid-19 von tödlicher Gefahr auf Grippe und wiederum zwei Nächte später auf „auch nicht schlimmer als ein Schnupfen“ runtergestuft. In der Art eines Tornados, wie er periodisch die Südküste der USA heimsucht, von dort aus eine Spur der Verwüstung von Louisiana bis Arkansas hinterlässt, dabei an Kraft verliert, bis er schließlich in Missouri nur noch als laues Lüftchen wahrgenommen wird. Was ist das denn für ein Vergleich, fragen Sie mich? Ein Tornado ist doch was völlig anderes als ein Virus. Stimmt, antworte ich. Wir benehmen uns aber im Moment trotzdem dergestalt, als verhalte sich Corona wie ein Wirbelsturm: weitergezogen, Gefahr vorüber. Dass es nicht so ist, wissen die Virologen, die Freimaurer, Bill Gates und die, die 1918 – Die Welt im Fieber (*) gelesen haben. Die zweite Welle lauert irgendwo da draußen in den Weiten des Atlantiks oder im Dickdarm einer Wildente.

    Dass die Menschen wieder wimmeln wollen – geschenkt. Gemäß einer nicht-repräsentativen Umfrage in meiner Nachbarschaft vermissen 40 Prozent den regelmäßigen Friseurbesuch, ein Drittel will zu McDonald’s und die Hälfte möchte endlich mal wieder an den Strand. Das sind aufaddiert mehr als 100 Prozent, sagen Sie? Stimmt: Mehrfachantworten waren möglich. Sind alles urmenschliche Sehnsüchte, das sehe ich ein. Was jedoch im Wimmeltrieb-Zusammenhang verstört, ist der Umstand, mit welcher Vehemenz bis hin zu verbaler Brutalität diese Wünsche vorgetragen werden. Die wohlstandsverwahrlosten Anti-Corona-Demonstranten agieren ja nicht im luftleeren Raum. Das, was sie auf ihre Plakate schreiben und maskenbefreit quer über unsere Marktplätze grölen, ist nichts anderes als das, was man vorher schon tausendfach auf den digitalen Plattformen lesen konnte. Wenn man Facebook & Twitter für ein 1-zu-1-Abbild der realen Welt hält – was sie beide glücklicherweise (noch) nicht sind –, dann kann einem an manchen Tagen Angst und bange werden; dermaßen empathielos und voller Häme wird dort, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben (ich klopfe 3x auf Holz), gegen die noch fortbestehenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen gehetzt. Weshalb es unzumutbar sein soll, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, 1.5m Abstand einzuhalten und sich hin und wieder die Hände zu waschen – keine Ahnung. Und dass wir die Krankheit nicht in Altersheime einschleppen sollen, müsste ebenfalls einleuchten. Tut es aber nicht jedem. Man liest im Netz auch solche Sätze: „Meine Oma stirbt lieber in Würde als würdelos eingesperrt zu sein.“ Was soll man darauf erwidern? Am besten nichts und still hoffen, dass die besagte Oma den Besuch ihres Enkels unbeschadet überstehen wird.

    Politik muss manchmal schnell entscheiden

    Wie Covid-19 letztlich einsortiert werden muss, wie groß die reale Gefahr für Leib und Leben tatsächlich war, ob unser Gesundheitssystem ohne Staythefuckathome kollabiert wäre, werden wir erst in ein, zwei Jahren abschließend beurteilen können. Politik muss jedoch manchmal im Hier und Heute eine Entscheidung treffen und kann sich den Luxus des Aussitzens nicht immer leisten. Und dass bei Ausbruch einer globalen Seuche mit ungewissem Ausgang der Aspekt der sofortigen Gefahrenabwehr unbedingten Vorrang vor allen anderen Betrachtungsweisen genießt, scheint mir ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man Politik im Sinne der Allgemeinwohlverpflichtung begreift; was natürlich nicht in jedem Land selbstverständlich ist. Wer davon faselt, dass Gesundheit und Leben bloß zwei Faktoren unter vielen im Grundrechte-Kanon darstellen, der sieht das mit der Notwendigkeit eines solidarischen Shutdowns folgerichtig anders. Für den sind die Öffnungszeiten des lokalen Baumarkts wichtiger als die ausreichende Bettenkapazität im Kreiskrankenhaus. Von da bis zum Gedanken, dass wir – und vor allem die alten Leute – eh irgendwann sterben müssen, ist es erfahrungsgemäß nur ein kleiner Schritt. Eugenik light im 21sten Jahrhundert. Der Primat der Wirtschaft endet für mich allerdings dort, wo es um lebensrettende Maßnahmen geht.

    Ich habe vollstes Verständnis für die Nöte von Branchen, die wegen des Lockdowns in Existenznot geraten sind: z.B. Gastronomie, Kulturbetriebe, Fitnessstudios. Hier geht es oft um’s blanke wirtschaftliche Überleben. Und deshalb müssen zum einen schnelle finanzielle Hilfen angeboten und zum anderen Fortführungsperspektiven aufgezeigt werden. Weshalb in manchen Bundesländern der Aufenthalt in einem Sportstudio strenger beurteilt wird als bspw. der Besuch eines Gottesdienstes, erschließt sich dem nicht-virologisch-geschulten Betrachter nicht immer. Warum in NRW Sachen erlaubt sind, die Bayern weiterhin verbietet, begreift auch nicht jeder. Dass die betroffenen Wirtschaftszweige darüber ihren Unmut äußern – völlig legitim. Weniger Verständnis habe ich hingegen für diejenigen, die jammern, dass sie ein paar Wochen lang nicht ins Sportstudio durften. So what? Mach jeden Morgen ein paar Kniebeugen und Sit-ups auf dem Wohnzimmerteppich, und gut ist es. Und am wenigsten Verständnis habe ich für die Gruppe von Schreihälsen, die sich lautstark über den Wegfall von Trainingsmöglichkeiten beschweren, ohne je ein Fitnessstudio von innen gesehen zu haben.

    Hauptsache, dagegen gestänkert

    Und ebenfalls die Äußerungen mancher Politiker – auch jenseits der dauerstänkernden Fundamentaloppositionisten von der AfD – lassen mich abwechselnd ratlos und verstört zurück. Was einen Herrn Lindner reitet, wenn er von Corona-Maulkörben spricht oder seinen Parteikollegen Kubicki antreibt, der mal ganz salopp die Sinnhaftigkeit der R-Zahl in Zweifel zieht, oder auf welcher Grundlage Frau Sudings Warnruf, durch die temporären Schulschließungen stünden die Lebenschancen mehrerer (!) Generationen auf dem Spiel, erfolgt, wissen vermutlich die drei Genannten selbst nicht so genau. Hauptsache, mal wieder einen rausgehauen und der Kanzlerin und ihrem Rasputin (pardon: Drosten) ordentlich was eingeschenkt. Für mich hat dieser faktenfreie Beißreflex schon was Pawlowartiges. Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Politik ist ein undankbares Geschäft, wie blauäugig sind Sie denn, Herr Kolumnist, fragen Sie? Ich weiß, dass Politik ein undankbares Geschäft ist. Mache aber der guten Ordnung halber hin und wieder trotzdem darauf aufmerksam. Ich wiederum behaupte, bei der Einsicht bzw. der Nicht-Einsicht in die Notwendigkeit solidarischen Handelns zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Wer zwingend gebotene Vorsichtsmaßnahmen als Panikmache verunglimpft und sich gar zu der Behauptung versteigt, eine Gesundheitsdiktatur stünde kurz bevor, ist bestenfalls verstrahlt. Vermutlich gehört er aber der Glaubensrichtung an, die von der unbedingten Vorteilhaftigkeit individueller Entscheidungen und singulären Tuns überzeugt ist. Gemäß dieser Doktrin muss halt jeder für sich selbst wissen, wie er mit einer Seuche umgeht. Der Staat hat sich da rauszuhalten. Kann man mögen und dran sterben. Und wenn man dran stirbt, ist es auch nicht weiter tragisch, denn man hat sich das ja freiwillig ausgesucht. Da ergibt der Spruch, „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, gleich einen ganz anderen Sinn.

    Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem leisen Das-haben-Sie-gut-gemacht-Frau-Bundeskanzlerin?

    Ob es eine gute Idee war, einen Großteil unserer Präventionsregeln über Bord zu werfen und von nun an so zu tun, als ob Covid-19 eine vorübergezogene, kleine Wintergrippe gewesen sei, werden die kommenden Monate erweisen. Der Optimist in mir hofft: Ja, das war’s. Der Pessimist im schräg gegenüberliegenden Hirnlappen raunt hingegen: Es kommt oft heftiger, als man denkt. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass Deutschland aufgrund raschen Handelns halbwegs glimpflich aus der Sache rausgekommen ist. Zumindest halbwegs glimpflich aus der ersten Welle der Sache rausgekommen ist. Wie man die Auswirkungen einer Pandemie durch anfängliches Verharmlosen und zu lange mit der Entscheidung warten verschlimmert – dafür brauchen wir bloß nach USA, UK und Brasilien zu schauen. Deshalb wäre an dieser Stelle ein leises Danke-Frau-Merkel-das-haben-Sie-gut-gemacht durchaus angebracht. Ich bedank mich doch nicht bei ner Kanzlerin dafür, dass die ihren Job ausübt. Dafür wird die doch fürstlich bezahlt, sagen Sie? Ich weiß, dass Sie das nicht tun, antworte ich. Mir würd’s schon reichen, wenn Sie sich nicht ständig über Ihre Phantomschmerzen wegen des Baby-Lockdowns beklagen würden. Und Frau Merkel würde das ebenfalls reichen. Da bin ich mir sicher.
    ————————————-
    (*) Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

  • Jahresend-Kolumne

    Jahresend-Kolumne

    »Du bist eine gottverdammte Facebook-Hure«, sagt Toni, der begnadetste, brotlose Dichter unserer Stadt.
    »Stimmt«, sage ich.
    »Hast du mir was mitgebracht?«, fragt er.
    »Habe ich«, antworte ich und stelle ne Pulle Cognac zwischen uns auf den Tisch.
    »Oh, ein Remy!«, sagt er, »da hast du dich aber zur Abwechslung mal in Unkosten gestürzt.«
    »Nachträglich zu Weihnachten«, sage ich.
    »Du willst bestimmt was von mir, wenn du nen Remy springen lässt«, sagt Toni und schüttet sich ein halbes Wasserglas voll mit dem Zeug.
    »Ich brauch dringend ne Idee«, sage ich.
    »Du warst doch früher nicht so ideenlos, aber da warst du ja auch noch keine Facebook-Hure und hast hin und wieder mal ein halbwegs passables Gedicht geschrieben. Heute hingegen nur noch Posts. Dass du dich nicht selbst für das schämst, was du da im Minutentakt raushaust. Wenn’s wenigstens richtig schlecht wär und zur Spontan-Darmentleerung nützte. Aber nicht mal das ist es, sondern bloß ödes Mittelmaß. Und jetzt brauchst du ne Idee, denkst, der alte Toni sitzt auf nem Berg Ideen und dem kann ich billig mit ner Pulle Cognac einen Geistesblitz abkaufen.«
    »So in etwa«, sage ich.
    »Das kostet extra.«
    »Wie viel?«
    »Nen weiteren Remy und einen Moet zu Silvester. Kannst du dir das leisten?«
    »Schaffe ich«, sage ich.

    »Gut«, sagt Toni, »dann sind wir im Geschäft. Ich nenn dir zwei Top-Begriffe, und du machst was draus.«
    »Was für Top-Begriffe sollen das denn sein?«
    »Facebook und Thunberg.«
    »Facebook und Thunberg: mehr kommt von dir nicht?»
    »Ganz genau: Facebook und Thunberg. Mehr braucht man nicht, um das in drei Tagen ablaufende Jahr zu charakterisieren. Da müsste selbst ein mittelmäßig begabter Schreiber wie du ne Kolumne drüber schreiben können.«
    »Das sind teuer eingekaufte Begriffe«, seufze ich.
    »Jammer nicht rum. Tipp den Scheißtext und komm vorbei, wenn du damit fertig bist. Und vergiss bloß den Cognac und den Moet nicht.«

    2019 = Greta-Thunberg-Jahr

    Und nun sitze ich am Tag vor Silvester zu Hause und zermartere mir das Hirn, was es Sinnvolles über Facebook und zu Greta Thunberg zu schreiben gibt, was in den vergangenen Monaten nicht schon Minimum zwanzigtausend Mal veröffentlicht wurde. Lieber wär’s mir ehrlich gesagt gewesen, Toni hätte als Top-Begriff den FC genannt. Denn was gab es in 2019 schon Wichtigeres als den direkten Wiederaufstieg der Geißböcke? Und meine Hauptsorge für das kommende Jahr gilt dem Klassenerhalt der ewigen Fahrstuhlmannschaft. Vor dem Hintergrund der instabilen Viererkette und der Sturmspitzen mit chronischer Ladehemmung verblassen alle anderen Dinge; Facebook und Greta Thunberg mit eingeschlossen. Allerdings versteht außerhalb Kölns niemand meine panische Angst vor dem erneuten Abstieg, und selbst im Schatten der Domtürme ist nicht jeder eingefleischter FC-Fan seit Geburt. Es gibt sogar (zugezogene) Kölner, die es mit den Bayern oder Dortmundern halten oder sich überhaupt nicht für Fußball, sondern für Musicals, Stummfilme und Mittelalter-Flohmärkte interessieren. Deshalb ist es vielleicht doch vernünftig, wenn ich den FC bei meinem Jahresrückblick außen vor lasse und mich stattdessen auf Greta Thunberg konzentriere.

    Person des Jahres. Gekürt vom renommierten Time-Magazin. Und das bereits mit 16. Wow! Das waren Hitler und Stalin ebenfalls, schreibt ein Kommentator in Facebook. Mag sein, antwortete ich damals, aber Greta strebt nicht die Weltherrschaft an. Es ist keine Auszeichnung, sondern bloß eine Feststellung, fuhr der Kommentator fort; den Unterschied verstehen Sie doch hoffentlich? Keine Ahnung, ob ich den Unterschied zwischen Auszeichnung und Feststellung richtig verstehe. Viele würden sich auf jeden Fall ganz ausgezeichnet fühlen, wenn sie als Person des Jahres auf dem Time-Cover abgelichtet wären. So unter anderem Donald Trump, der sich bitterlich darüber beschwerte, dass dieser publizistische Sonnenplatz der jungen Schwedin und nicht ihm eingeräumt worden war. Anscheinend hat auch der US-Präsident den feinen Unterschied nicht verstanden, womit er und ich mal einen seltenen Berührungspunkt aufweisen. Wobei, eine weitere wichtige Gemeinsamkeit des Greatest POTUS of all time und mir liegt in Geschlecht und sexueller Orientierung: wir sind beide alte, weiße, der Mehrheitsgesellschaft angehörende Hetero-Männer. Das war’s dann aber mit den Entsprechungen. Nur nicht übertreiben bei den Schnittmengen.

    Alte Männer = politisch überrepräsentiert

    Wenn man die politische Weltkarte mit einem Aufklärungssatelliten überfliegt, stellt man schnell fest, dass der Globus zu 95 Prozent von Männern regiert wird. Nicht alle weiß, nicht alle hetero, aber viele alt, ne Menge übergewichtig und in der Regel aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft entsprungen. Und wie die meisten alten Männer – ja ja, mich eingeschlossen – dazu tendierend, von sich, ihrer Klug- und Weisheit über alle Maßen überzeugt zu sein. Es wimmelt von Alte-Männer-Kotzbrocken, Alte-Männer-Irrlichtern, Alte-Männer-Diktatoren, Alte-Männer-Kriegstreibern, Alte-Männer-Fake-News-Verbreitern, Alte-Männer-Intriganten, alten Männern, die mit entblößtem Oberkörper auf Pferden sitzen und alten Männern, die am liebsten mit jungen Referentinnen ins Bett steigen, obwohl ihre Potenz gerade mal für ne 5-Minuten-Nummer ausreicht. Hin und wieder trifft man tatsächlich einen alten Mann, der trotz seiner XY-first-Rhetorik witzig und halbwegs sympathisch rüberkommt. Der ständig zerzauste Boris Johnson fällt in diese Kategorie. Aber unterm Strich gehören die meisten der Alten-Männer-Regierungschefs doch der altbackenen Sorte Jetzt-komm-ich-und-basta an.

    Stellt sich die grundlegende Frage: Würden wir besser regiert werden, wenn (junge) Frauen an den Schalthebeln der Macht säßen? Schnelle Antwort: Ja, würden wir. Und zwar aus simplen, in Biologie und Sozialisation verwurzelten Gründen heraus: Frauen neigen weniger zur Klugscheißerei, haben kein Problem damit, einen gemachten Fehler einzugestehen und zu korrigieren, umgeben sich mit intelligenten Beratern, sind empathischer unterwegs als ihre männlichen Kollegen, benötigen keine Muskel- und Schwanzvergleichspiele, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich kann Ihnen ein Dutzend Gegenbeispiele aufzählen, schreien Sie sofort los? Natürlich können Sie das, aber es sind halt bloß ein Dutzend, während es bei den alten Männern hunderte sind, die täglich an den Balken sägen, die unsere Welt zusammenhalten. Angela Merkel hat es in den vergangenen 14 Jahren nicht schlecht – auf jeden Fall leiser und weniger divenhaft als ihre Vorgänger – angestellt, Hillary Clinton würde den Job besser als Trump machen, die österreichische Übergangskanzlerin biegt ruhig und ohne begleitendes Publicity-Tamtam das gerade, was die männerdominierte ÖVP-FPÖ-Koalition in der kurzen Zeit ihres Bestehens verbockt hatte. In Skandinavien werden vier (aus fünf) Regierungen solide und geräuscharm von Frauen geführt. Müsste ich mich zwischen der taktvollen und menschenfreundlichen Neuseeländerin Ardern und dem Klimawandel-leugnenden, auf Hawaii urlaubenden, während sein Land in Flammen steht, Australier Morrison entscheiden, fiele mir die Wahl leicht. Nicht auszumalen, falls im Nahen Osten, wo sich seit Jahrzehnten alle Spinnefeind sind und beim kleinsten Anlass an die Gurgel fahren, kompromissbereite Frauen die Ruder in die Hand nähmen. Das würde die Region ganz sicher dem Frieden näherbringen als die ständigen Provokationen, Drohungen und Kleinkriegvorbereitungen, die in den männlichen Regierungspalästen in Teheran, Riad, Damaskus und Jerusalem ausgeheckt werden.

    20er Jahre = mehr Frauen an die Macht!

    Wenn Greta Thunberg mich eins gelehrt hat, dann dass weibliche Beharrlichkeit bei gleichzeitigem Sich-selbst-als-Person-zurücknehmen eine wichtige Sache weiter voranbringen als männliches Gepolter. Hätte anfangs ein Lars Frederikson (Name völlig frei erfunden) vor den Stufen des schwedischen Parlaments gesessen und hätte schlaue Interviews gegeben – die Fridays-for-future-Bewegung wäre nie über Malmö und den Öresund hinausgelangt. Ich bewundere Ruhe und Gelassenheit dieser jungen Frau, die sich selbst durch wüsteste Beschimpfungen und hektoliterweise über sie gekübelte Häme nicht aus dem Konzept bringen lässt. Die von ihr initiierten Umweltdemonstrationen sind ein Meilenstein auf dem Weg, die sich anbahnende Katastrophe ins Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Und selbst, wenn FfF sich eines Tages totlaufen sollte oder in ein RTL-Heidi-Klum-Format mutiert, wird Greta Thunberg doch für immer in den Geschichtsbüchern stehen als diejenige, die es rechtzeitig gepredigt und ein Umdenken bewirkt hat. Und genau dafür hassen viele Alte-Männer-Narzissten die Schwedin. Was wird später Gutes über Trump, Johnson, Putin, Erdogan und wie die alten Machos sonst noch alle heißen mögen, im Geschichtsunterricht gelehrt werden? Gar nichts. Eine Ansammlung von Herrschern, die außer dem unbedingten Willen zur Macht und der Ansicht, dass ihre Staaten Selbstbedienungsläden seien, Nullkommanull auf der Habenseite vorzuweisen haben. Von zukunftsorientierten Visionen ganz zu schweigen. Wer Visionen hat, muss dringend zum Arzt, sagen Sie? Sie am besten gleich hinterher, antworte ich.

    Facebook = Tittenphobie und Nonchalance bei Häme & Hass

    Von daher ist es richtig, wenn mein Kumpel Toni meint, dass Greta Thunberg der Top Act des in 24 Stunden zu Ende gehenden Jahres war. Da kann der FC nicht mitstinken und die weiter oben aufgezählten Herren schon gar nicht. Und Facebook, was ist mit Facebook, das hatte Toni auch genannt, fragen Sie? Ach, was soll mit Facebook sein? Es ist Jahr für Jahr dieselbe stinkende Kloake, über die wir die Nase rümpfen, um uns trotzdem jeden Morgen aufs Neue in die morastigen Fluten hineinzustürzen. Ein unbarmherziger Moloch, der Tittenbilder und Anti-Nazi-Kommentare frisst, Hetze und Häme hingegen nahezu sanktionslos durchgehen lässt, uns mit Katzen- und Hundebildern eine heile Kitschwelt vorgaukelt und uns hintenrum intensiver ausspioniert als NSA, die CIA, der FSB und MI6 gemeinsam es zustande brächten. Eine Plattform, die Arschlöcher anzieht wie ein frisch ausgeschiedener Haufen Kuhscheiße die Schmeißfliegen. Aber ebenfalls ein Forum, in dem man mitunter Gleichgesinnte und nette Leute trifft und hin und wieder Spaß haben kann. Alles das war Facebook in 2019 und wird es auch nicht anders in 2020 sein. Wer Facebook ein paar Jahre überlebt, ohne Schaden an Geist und Seele zu nehmen, dem muss vor nichts mehr bange sein, sagt der Volksmund. Ich überlebe Facebook seit nunmehr zehn Jahren. Ob ohne bleibende Schäden an Geist und Seele – darüber sind meine Psychologin und ich geteilter Meinung.

    Das war mein Alter-weißer-Mann-Lamento zum 2019-Finale. Für das in ein paar Stunden startende Neue Jahr wünsche ich mir, dass Greta Thunberg ruhig und besonnen bleibt, die FfF-Jugend weiter auf die Straße geht und mehr Frauen an die Macht (das vor allem). Bei Facebook wäre ich schon zufrieden, wenn die Nippel- und Tittenphobie auf ein vernünftiges Maß reduziert wird, und die Admins (so es die denn überhaupt gibt) schneller und strikter bei Verstößen gegen die Political Correctness einschreiten. Nicht jeder hingerotzte Hasskommentar verdient es, zur Meinungsfreiheit geadelt zu werden. Und (ganz wichtig) möge der FC die Liga halten!!

    2020 = auf ein Wiedersehen mit uns Kolumnisten

    Ihnen als Lesern wünsche ich Erfolg, Glück und Gesundheit und bedanke mich dafür, dass Sie so geduldig mit uns Kolumnisten – speziell mit mir – waren und hoffe, dass wir uns in 2020 wieder an den bekannten Distributionsstellen begegnen.

    Und nun wird es Zeit, den Remy und den Schampus für Toni, den begnadetsten, brotlosen Künstler der Stadt, zu besorgen, damit der mit sich und seinen drei kastrierten Katern Silvester feiern kann. Ob Toni böllert, wollen Sie noch wissen? Nein, tut er nicht.

  • Die Weltbewegerin

    Die Weltbewegerin

    Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

    Klimawandel? – echt langweilig!

    All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

    Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

    Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

    EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

    Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

    Fadenscheinige Kritik alter Männer

    Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

    Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

    Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

    Wow!

    Was war das nun?
    (a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
    oder
    (b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

    Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

    Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

    Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

  • Anti-grüne Beißreflexe

    Anti-grüne Beißreflexe

    »Die Grünen sind eine verfassungsfeindliche Partei«, sagt der Mann links neben mir beim Samstagabendgrill im Garten von gemeinsamen Freunden.
    »Warum das?«, frage ich, während ich darauf achte, dass mir das Curryketchup nicht aufs Hemd läuft. Denn ne Bratwurst mit Kartoffelsalat im Stehen zu essen, sich dabei über Politik zu unterhalten und nicht zu bekleckern, ist eine Kunst für sich.
    »Weil die bei der aktuellen Negativverzinsung auch noch eine Vermögenssteuer fordern. Das geht glasklar gegen Artikel 14 Grundgesetz, der unser aller Eigentum schützen soll.«
    »Aha«, antworte ich. Habe ehrlich gesagt nur Bahnhof verstanden, weil ich mich zu sehr auf die Currywurst konzentriere und Negativzinsen mich eh nicht sonderlich interessieren.
    »Und diese ganze Demonstrierei der Jugend jeden Freitag. Von den Grünen im Hintergrund gelenkt. Die sollen lieber in der Schule aufpassen und was lernen. Wenn sie dann mal ein paar Jahre lang ihr eigenes Geld verdient haben, reden wir erneut darüber, ob die noch all die Klimaflausen im Kopf haben«, meint der Mann zu meiner Rechten.
    »Ich find’s okay, dass sie demonstrieren«, sage ich, bringe den leeren Teller in die Küche, kontrolliere mein Hemd, ob ich mich trotz aller Vorsicht eventuell doch eingesaut habe, mache mir nen Kaffee und geselle mich im Anschluss zu einer anderen Kleingruppe, die sich gerade über den Kodeinkonsum deutscher Rapper und was der für Bilder im Kopf produziert austauscht, was ich echt spannender finde als Negativzinsen.

    „Grüne sind alle Terroristen“

    Das, was meine beiden Kurzzeit-Zufallsbekannten mir bei Bratwurst und Kartoffelsalat erzählten, war allerdings Kinderkacke im Vergleich zu den täglichen, auf die Ökos zielenden Schimpftiraden in den sozialen Medien. Als ich mich vor einigen Tagen in einem Thread, in dem der mir bis dato völlig unbekannte SPD-MdB Helge Lindh abgefeiert wurde, als Wechsel- und in der logischen Konsequenz Hin-und-wieder-Grünen-Wähler outete, wurde mir fünf Minuten später diese Replik vor den Latz geknallt:

    Hm… da stellt sich mir eine Frage hinsichtlich Ihrem Sitz auf hohem moralischen Roß. Weshalb stellen Sie hier eine solch bemerkswerte geistige Schlichtheit öffentlich zur Schau? Etwa deshalb, weil schlichte gestige Struktur und infantile Selbstdarstellung zum Wesen grüner Weltanschauung gehört?

    BÄMM!

    Mein Versuch, die Situation zu entschärfen, indem ich mich sowohl zu meiner (bemerkenswerten) geistigen Schlichtheit als auch zu meinem infantilen Selbstdarstellungstrieb bekannte – trotzdem würde ich halt ab und an mein Kreuz bei den Grünen setzen – fruchtete nicht. Ich bzw. die Grünen bekamen von den jetzt im Rudel jagenden Diskussionsteilnehmern Nettigkeiten wie Ökofaschisten, Ökostalinisten, Ökoterroristen, Ökoglaubenskrieger, Ökosalafisten, Ökototalitaristen und so weiter und so öko zu hören. Nun sind ja sowohl Faschisten als auch Stalinisten nicht dafür bekannt, dass sie Macht, wenn sie die einmal in den Händen halten, freiwillig wieder hergeben, während mir noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass die Grünen, sobald sie ne Wahl verlieren, bewaffneten Widerstand leisten oder sich weigern, von der Regierungs- auf die harte Oppositionsbank zu wechseln. Dass in grün regierten Ländern anderslautende Meinungen unterdrückt werden, wäre mir ebenfalls neu. Man muss wirklich nicht alles gut finden, was die Grünen fordern oder tun oder sie gar wählen – trotzdem fällt auf, mit welcher Häme, die sich bei einigen Kommentatoren bis hin zu Hass steigern kann, speziell diese Partei von ihren politischen Gegnern verfolgt wird. Circa ein Fünftel der Facebook-User verfällt in Schnappatmung, sobald die Begriffe Habeck, CO2 oder gar Hofreiter, Roth und Veggieday auf dem Monitor erscheinen. Schnappatmung bei gleichzeitigem Verlust der Impulskontrolle, die, sich ständig wiederholende, Beißreflexe auslösen. Eigentlich stinklangweilig, aber doch störend, weil mit dieser Piranha-Taktik die Debatte über die Klimafrage oft ins Polemische abdriftet, anstatt sie seriös zu führen. Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es beim Klima mittlerweile eher drei als fünf vor Zwölf ist, werden von der digitalen Piranha-Fraktion abwechselnd als Fake News oder von den Grünen verdeckt finanzierte Auftragsarbeiten abgetan.

    Anti-grüne Polemik auch bei den Bürgerlichen

    Die Hetze geht allerdings nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus den Reihen der AfD aus, sondern es beteiligen sich ebenfalls ne Menge, sich nach außen hin gemäßigt gebende Politiker am Öko-Bashing. Da ist zum einen die FDP, die die Grünen als für die Ewigkeit fixierten Antipoden genauso zwanghaft benötigt wie Batman den Joker oder Dagobert Duck die Panzerknacker. Kein Parteitag, keine Pressemitteilung, die ohne das Lamento „sie wollen uns den Diesel und das Schnitzel wegnehmen“ auskommen. Die 24/7 Verbote ausbrütenden Ökos als teuflische Widersacher des freiheitsliebenden Helden Lindner, der die grünen Monster täglich aufs Neue bekämpfen muss, um sie an der Weltherrschaft zu hindern. Zum anderen die CDU, die, weil sie die Ökos für eine etwaige zukünftige Koalition in Berlin benötigt, etwas gedämpfter polemisiert, sich allerdings apokalyptische Warnungen à la „Wer mit den Grünen ins Bett geht, wacht mit der Linken auf“ auch nicht ganz verkneifen kann. Und schlussendlich die SPD, die sich nicht zu schade ist, mit folgendem Vergleich aufzuwarten:

    Die Grünen versuchen im Moment, alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels. Das ist genauso falsch wie die Politik der AfD, die die Migrationsfrage zum Übel der Welt erklärt hat. Beides verkürzt Politik in grotesker Weise.
    © Thorsten Schäfer-Gümbel, z.Zt. kommissarischer SPD-Vorsitzender

    Es gilt nach wie vor der Satz: Mitleid gibt’s gratis, Neid muss man sich verdienen.

    Ideologen gibt’s in jeder Partei

    Nicht totzukriegen die Fama, bei der grünen Programmatik handele es sich um pure Ideologie. Das ist in etwa so richtig wie die Behauptung, alle Liebhaber von Dirty-Harry-Filmen neigen im realen Leben zu Gewalt. Es gibt solche und solche. Also sowohl pazifistische Callahan-Fans als auch pragmatische Grüne. Zumal den drei klassischen bürgerlichen Parteien Ideologie ja selbst nicht ganz fremd ist. Sprechen Sie mal einen aus der FDP auf das Dogma Unsichtbare Hand des Marktes an oder jemanden aus der Union auf den Bereich Innere Sicherheit. Diskutieren Sie mit einem Linken über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Enteignungen. Je nachdem, wen Sie da gerade vor sich haben, wird das, womit er Sie als überzeugter Anhänger seiner Heilslehre zutextet, nichts anderes als Ideologie sein. Verengter Tunnelblick aufgrund zu langer Parteizugehörigkeit oder frühzeitiger Verblendung. Ideologen gibt’s in allen Organisationen. Bloß, dass Union, SPD und FDP ihre jeweilige Doktrin als Sachpolitik verkaufen, während es sogar den grünen Oberrealos schwerfällt, das Odium der Weltferne gänzlich aus den Juteklamotten zu schütteln. Alternativloser Pragmatismus als Marketingtrick der bürgerlichen Troika. Dass die Grünen mehr verbieten wollen als die anderen, stammt aus derselben Gerüchtekiste. Als ob nicht auch Union und SPD täglich neue Verbote aushecken. Die Groko erinnert mitunter an ein Verbotsküchenversuchslabor.

    Um so langsam ans Ende der Kolumne zu gelangen, sei hier die grundlegende Frage gestellt: Können wir es uns leisten, die Klimafrage weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen oder die Sorge vor der irreversiblen Zerstörung der Umwelt als Ideologie zu geißeln? Ohne Klima kein Wirtschaften, keine Arbeitsplätze, kein Konsum, kein Fußball und keine Heidi Klum mehr im TV. Man muss bei der Beschäftigung mit dem Problem nicht in Hysterie verfallen und an die Offenbarung des Johannes erinnernde Weltuntergangsszenarien an die Wand malen, aber etwas mehr Respekt vor dem politischen Mitbewerber, der das Thema als Erster besetzt hat, tut dringend Not. Wer das grüne Auge dauerhaft geschlossen hält, wird auch auf dem schwarz-rot-gelben irgendwann erblinden.

  • Das Ende ist nahles

    Das Ende ist nahles

    Wenn in diesen ungewissen Zeiten aufs eins hundert Prozent Verlass ist, dann sind das die täglich vieltausendfach rausgehauenen Boshaftigkeiten in Facebook. Jüngstes Beispiel: Andrea Nahles abrupter Rückzug von allen Ämtern. Vordergründig ausgelöst durch die zwei SPD-Wahlschlappen in Bremen und Europa Ende Mai; im Hintergrund tobten jedoch seit Monaten erbitterte Grabenkämpfe um die zukünftige Ausrichtung der SPD. Wer es hierbei schafft, seine Agenda durchzusetzen, dem winken innerparteiliche Macht und in der Konsequenz interessante Regierungsjobs. Richtungsfragen sind immer gleichzeitig auch Machtfragen. Man muss kein Sozialdemokrat sein, um zu erkennen: Das Am-Stuhl-sägen muss heftig gewesen sein. Andernfalls würde die Vulkaneifelerin nicht zusätzlich auf ihr Abgeordnetenmandat verzichten.

    Die typischen Facebook-Nickligkeiten

    Als ich gestern Nachmittag spontan schrieb:

    Respekt für den schnellen u konsequenten Cut, den Frau Nahles heute vollzogen hat. Sich mit 48 von allem, was einem bis gestern die Welt bedeutet hat, zu verabschieden – dazu gehört Größe. Evtl gemixt mit einem Schuss Verzweiflung über die Zukunft der SPD … aber unterm Strich überwiegt die Größe.

    erntete ich als Reaktion Kommentare dieser Art:

    Nahles war das Schlimmste, was der SPD je wiederfahren ist. Bevor diese „Tran-Tussi“ dort am Ruder war, hatte die Partei immerhin noch meinen Respekt, auch wenn ich kein Sozi bin.

    „Größe“ wäre gewesen, wenn sie nach dem Wahl-Debakel (Europa und Bremen) sofort die Konsequenzen gezogen hätte anstelle zu versuchen, persönlichen Machterhalt durch vorzgezogene Vorstandswahlen zu betreiben.

    Ihre Chance, Größe zu beweisen, hatte sie, als sie Ministerin für Arbeit und Soziales war. Exakt zu diesem Zeitpunkt hat sie es für die SPD neuerlich vergeigt.

    Die wird sich schon noch ein „Pöstchen“ bereitgehalten haben….ohne Netz und doppelten Boden fällt die nie im Leben.

    Weiß nicht, ob das „Größe“ zeigt 🙂 Sie hat bestimmt schon eine Stelle bei Gazprom sicher 😉 Wozu sich dann mit der SPD rumärgern?

    Ich reibe mir verwundert die Augen und denke: hä, war nicht Nahles die Dame, die den Mindestlohn und die Rente mit 63 durchgesetzt hat? War sie nicht die, die nach der Pleite mit Messias Schulz das Steuerruder übernahm, und sich nicht aus der Verantwortung schlich? Okay, demgegenüber stehen Peinlichkeiten wie Bätschi, das Trällern eines Pipi-Langstrumpf-Songs, ein herzhaftes „in die Fresse!“. Aber seien wir mal ehrlich: Würden wir einen Mann bei ähnlichen Pillepalle-Aufregern auf die Liste unserer meist-gedissten Politiker setzen? Schnelle Antwort: Nein, würden wir nicht tun. Reichen Bätschi & Fresse mittlerweile aus, damit wir einem Menschen die Befähigung zu seinem Beruf absprechen? Vom stinklangweiligen Der/die-soll-erstmal-was-Richtiges-lernen/arbeiten will ich hier gar nicht anfangen, weil ich mich sonst beim Tippen aufrege, was nicht gut für meinen Blutdruck wäre.

    Selbst- und fremdverschuldete Gründe des Scheiterns

    Die (demnächst: Ex-) Parteichefin scheiterte an fünf Problemfeldern:

    (1) Zu langes Mitregieren in der Groko
    (2) Das Nicht-loslassen-Können von Hartz 4
    (3) Der europaweit zu beobachtenden Erosion der Volksparteien
    (4) An der Dauer ihrer Parteizugehörigkeit: Sie ist schlichtweg zu lange an Bord, um einen überzeugenden Neuanfang signalisieren zu können
    (5) Der Hire-& Fire-Lust der SPD. Keine andere Partei verschliss in den vergangenen zwanzig Jahren so viele Vorsitzende.

    Nahles ist verantwortlich für (2). Aus Sicht jedes Linken ist ALG2 eine veritable Katastrophe. Richtig war hingegen ihr Engagement für den Eintritt in die ungeliebte Groko, womit die SPD – anders als die Lindner-Liberalen – demonstrierte, dass ihr das Wohl des Landes mehr am Herzen liegt als parteitaktische Spielchen. Bei (4) bin ich unentschlossen. Eventuell hätte sie bereits 2018 erkennen müssen, dass es an der Parteispitze Zeit wurde für frische Gesichter, anstatt sich selbst dafür in Stellung zu bringen. Mir ohnehin schwer begreiflich zu machen, weshalb Kanzler, Minister, Fraktionsvorsitzende immer auch noch in Personalunion hohe Parteipositionen bekleiden müssen. Soll mir keiner erzählen, dass man mit vollem Einsatz gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen kann. Die Grünen haben diese Unmöglichkeit schon vor langem erkannt und trennen folgerichtig Amt und Mandat voneinander. Warum dieses Konzept nicht mal ausprobieren?

    Einzelfall symptomatisch für Dauerkrise

    Das Drama Nahles spiegelt letztlich bloß die Tragödie der SPD wider. Einer Partei, die zwar den Großen Koalitionen jedes Mal ihren Stempel aufdrückt – nie war das Land sozialdemokratischer als heute –, es jedoch nicht schafft, diese Leistung kommunikativ nach draußen zu transportieren und ihre Wähler bei der Stange zu halten. Auch ein neuer Vorsitzender – Geschlecht, Alter, Landsmannschaft, Religionszugehörigkeit, sexuelle Ausrichtung, Essensgewohnheiten, Sportaktivitäten, Seeheimer, Linker: völlig wurscht – wird sich schwertun, die Sozialdemokratie aus ihrem aktuellen 15-Prozent-Jammertal wieder zu den 25-30%-Weiden zu führen. Ob die SPD in der Groko drinbleibt oder sie zur Halbzeit verlässt: Es wird aus Sicht ihrer Kritiker immer die falsche Entscheidung sein. Zur Wahl stehen die beiden Optionen: zügiges Ende mit Schrecken (Neuwahlen) oder weitere zwei Jahre Aufschub, bis man dann völlig ausgelaugt auf der Intensivstation erwacht und sich vom Schock des Unter-zehn-Prozent-Absinkens gar nicht mehr erholt. Wer von den SPD-Granden besitzt genügend Rückhalt in Fraktion und Partei, um Option 1 (schneller Exit) zu propagieren und durchzusetzen? Mit Variante 2 droht mMn das Totenglöcklein. Aussitzen und die Probleme weglächeln wird nicht funktionieren. Die Frage nach dem Nutzen der Dauer-Groko wird sich übrigens ebenfalls die Nach-Merkel-CDU stellen müssen. Zwar von einem höheren Sockel herab; aber die Frage ist dieselbe wie bei der SPD.

    Um zum Ende hin an den Ausgangspunkt der Kolumne zurückzukehren: Egal, ob man mit der Agenda eines Politikers d‘accord geht oder nicht – man sollte nicht just in dem Moment, in dem der aus eigener Einsicht das Spielfeld verlässt, die Größe dieses Entschlusses in Frage stellen. Kann man tun. Demonstriert damit aber einzig die Begrenztheit des eigenen Horizonts.