Schlagwort: Fastnacht

  • Der schlechte Witz

    Der schlechte Witz

    »Warum willst du am Mittwochabend veröffentlichen?«, fragt Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin mit strenger Stimme, als ich sie von meinem Plan in Kenntnis setze. »Dein fixes Datum ist der Montag.«
    »Weil ich was Aktuelles habe und sonst wieder vergesse. Und der Montag ist eh Scheiße, weil da kein Mensch Bock darauf hat, nen langen Text zu lesen. Meine Like-Zahlen sind seit Jahresbeginn ins Bodenlose abgestürzt«, antworte ich.
    »Du hattest den Montag akzeptiert«, sagt sie. »Allerdings bei was Aktuellem will ich EINE Ausnahme zulassen. Aber nur, wenn du versprichst, die Flucherei am Telefon sein zu lassen.«
    »Scheiße ja«, sage ich, »Ich versprech’s und danke.«

    Wussten Sie eigentlich, dass ein Kolumnist ein Viertel seiner Zeit in virtuellen Redaktionssitzungen verbringt? Nein? Dann wissen Sie es jetzt.

    Gibt’s überhaupt gute Witze?

    In den vergangenen Tagen gab’s drei Aufreger: Schalke verliert 0 zu 4 zu Hause gegen Düsseldorf und zweimal AKK. Da ich kein Gelsenkirchener bin, überspringe ich Schalke und komme gleich zu AKK. Bei dieser Dame, seit einigen Wochen frisch gekürte Vorsitzende der CDU, ging’s beide Male um schlechte Witze. Zu Beginn des Karnevals war sie Ziel eines Kalauers, auf dem Höhepunkt der närrischen Tage drehte sie den Spieß um und versendete schenkelklopfende Grüße an die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion.

    Über den Doppelnamen-Joke aus dem Munde Bernd Stelters will ich an dieser Stelle keine langen Worte verlieren (hatte ich ja bereits vorgestern in meiner Rosenmontagskolumne getan). Zu zahm das Ganze, zu viel künstliche Aufregung einer ostdeutschen Touristin über humoreske Pillepalle. Sobald Kramp-Karrenbauer-Gags nicht mehr zulässig sind, können wir den Sitzungskarnevalsbetrieb auch gleich ganz einstellen und uns stattdessen eine Folge „Der Landarzt“ im ZDF anschauen.

    Weitaus interessanter ist da schon die Anekdote aus dem Munde der Parteivorsitzenden, die diese auf der großen Bühne des Stockacher Narrengerichts vor Honoratiorenpublikum zum Besten gab. Bevor ich die gleich in ganzer Länge zitiere, sei vorab noch eine schnelle Definition von Witz gebracht:

    [prägnant formulierte] kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt (Duden)

    Ob die Geschichten immer kurz sind und überraschend enden, wage ich nach grob geschätzt zehntausend gehörten Kalauern zu bezweifeln. Und das, worüber ich lache, treibt Ihnen vermutlich die Sorgenfalten auf die Stirn (was umgekehrt natürlich ebenfalls gilt), denn die Witzgeschmäcke (so lautet der korrekte Plural) sind völlig unterschiedlich auf uns Menschen verteilt. Meine Mutter zweifelte früher an der Zurechnungsfähigkeit meines Vaters, wenn der sich über die hundertste im Gesicht von Stan Laurel landende Torte köstlich amüsierte, während mir als Kind vor allem die aus dem dritten Stock auf den Bürgersteig runterfallenden Klaviere gefielen; wobei ich die Sache mit den Torten – darf man ja heute aufgrund versuchter Körperverletzung gar nicht mehr – auch nicht schlecht fand. Meiner Mutter entlockten Dick & Doof hingegen noch nicht mal ein müdes Lächeln. Sie lachte über andere Sachen. Welche habe ich vergessen, denn mein Gedächtnis ist, seitdem ich auf die 60 zugehe, leider löchrig wie ein Sieb.

    Um es schon mal vorab zu sagen: 85% aller weltweit erzählten Witze sind Scheiße. Wobei der Prozentsatz in Mitteleuropa sicher höher liegt. Ich persönlich mache mir beinahe Nullkommanull aus Kalauern. Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn einer mich fragt, »Soll ich dir mal nen wirklich guten Witz erzählen, den ich gestern beim Friseur gehört habe?«, und überlege dann die ganze Zeit, wie ich mich gleich verhalten soll, um den Erzähler nicht in die peinliche Situation der Nicht-Reaktion zu bringen: entweder Schweigen oder die Nachfrage, »War das schon die Pointe?«. In 99% der Fälle endet das deshalb mit einem antrainierten Mundwinkelnachobenziehen bei mir. Dass ich herzhaft drüber lache, stellt die absolute Ausnahme dar. Und 97% (innerhalb der verbliebenen 1%. Jetzt ist es gut, wenn Sie damals in Mengenlehre aufgepasst haben) meines Feixens entsteht bei Gags, die in der fünften Kölner Jahreszeit von den Büttenrednern unters Narrenvolk gestreut werden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Vermutlich weil ich Rheinländer bin, der Karneval mir sowohl qua Genen in die Wiege gelegt und ich als Kind und Jugendlicher auf ihn hin sozialisiert wurde. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn die Karnevalszoten sind oft sogar schlechter als diejenigen, mit denen man den Rest des Jahres konfrontiert wird. Einigen wir uns darauf, dass ich aus norddeutsch-protestantischem Blickwinkel betrachtet an den sechs Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch nicht ganz zurechnungsfähig bin.

    Nun hängt der Erfolg eines Scherzes von mehreren Faktoren ab. Als da beispielsweise sind:
    (a) Originalität: Hört man so zum allerersten Mal.
    (b) Vortragender: Gesichtausdruck, wie spricht er: schnell, langsam, Hochdeutsch, Dialekt, lispelt er? Vollführt er beim Erzählen merkwürdige Bewegungen?
    (c) Ort: Gürzenich, Mehrzweckhalle Bickendorf, WDR-Kantine, irgendwo außerhalb Kölns
    (d) Zusammensetzung des Publikums: Alter, Geschlecht, Berufsgruppen, Freiwillige Feuerwehr irgendwo außerhalb Kölns.

    Der Stockach-Kalauer

    Und nach dieser langen Vorrede sei hier nun endlich der AKK-Kalauer präsentiert:

    Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln, oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.

    Tusch – Gelächter – Tusch.

    Ob der (also der Kalauer) schlecht ist? Er ist nicht nur schlecht, sondern grottenschlecht. Da er nämlich viele der oben aufgezählten Ingredienzien missachtet. Weder ist es originell, die dritte Toilette ins Visier zu nehmen (denn über die haben sich bereits eine Million Facebook- & Twitter-User lustig gemacht), noch führen Wortwahl und Sprechduktus zur Erheiterung. Die Sache wirkt bemüht, so als habe ein Hamburger Referent, der Karneval aus tiefstem Herzen verachtet, diesen Passus in die Rede eingebaut. Befindet sich in etwa auf demselben Tiefgeschoss-Niveau wie:

    Wie kann man eine Blondine Montag morgens zum Lachen bringen? Freitagabends einen Witz erzählen!

    … tätä!

    Die Geschichte funktionierte nur deshalb halbwegs, weil AKK Ort und Publikum geschickt gewählt hatte: Provinz, Honoratioren, konservative Grundausrichtung. Hier amüsiert man sich halt auch mit massiver Verspätung über Scherze, die in Köln, Mainz und Düsseldorf seit Jahren im Karnevalsarchiv abgelegt sind und dort vor sich hinstauben.

    Das war trotzdem megapeinlich, meinen Sie? Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, – was Sie vermutlich verwundert, weil wir ja oft unterschiedlicher Meinung sind –, vertrete aber bisher (noch) die Auffassung, dass jedem das Recht zusteht, sich auf der Bühne zu blamieren. Den Vorwurf, hiermit gegen die Menschenrechtscharta der UN verstoßen zu haben, halte ich (noch) für maßlos übertrieben. Es ist Karneval und da muss auch Spott über Sitzpinkler erlaubt sein. Denn andernfalls reichen demnächst die Blondinen, die Priester, die Lokalpolitiker und die Düsseldorfer ihren Wunsch nach Aufnahme in die Kalauer-Tabuliste ein und irgendwann in naher Zukunft stirbt das Gewerbe des Büttenredners aufgrund „Es ist nichts mehr übrig, worüber wir berichten können“ aus. Das darf aus Sicht eines Kölners auf keinen Fall die Lösung sein.

    Trotz meines Plädoyers für das Recht, schlechte Witze machen zu dürfen, fühle ich mich bei dem, was AKK da in Stockach fabriziert hat, nicht ganz wohl in meiner Haut. Irgendwas an ihrem ausgelutschten Vortrag war anders als das, was man sonst auf den Sitzungen präsentiert bekommt.

    Dass man sich nicht über Minderheiten lustig machen darf – geschenkt. Irgendwie sind wir ja alle auf irgendeine Art ne Minderheit: liebestolle Schönheitschirurgengattinnen, Psychologen, Alkoholiker. Wussten Sie übrigens, dass die besten Alkoholikerwitze im Aufenthaltsraum der Geschlossenen erzählt werden? Was habe ich da manchmal Tränen gelacht. »Aber da hat ja ein Trinker dem anderen einen Alkoholikerwitz vorgelallt«; sagen Sie? »Das ist so, als ob ein Jude einem Juden einen Judenwitz ins Ohr flüstert. Aber wehe ein Nichtjude wagt sowas«. Das stimmt schon. Minderheitenwitze klingen besser, wenn sie von einem Angehörigen dieser Minderheit zum Besten gegeben werden. Aber ich als Alkoholiker hätte jetzt kein Problem damit, wenn mir Bernd Stelter im Karneval einen (hoffentlich originellen) Trinker-Kalauer von der Bühne aus zuruft. Auch Blondinen und Schönheitschirurgengattinnen und Düsseldorfer sind, was Witze über sie angeht, sehr abgebrüht. Wir müssen folglich bei den Minderheiten unterscheiden zwischen denjenigen, die es ab können, wenn sie durch den Kakao gezogen werden und denen, die sich in solchen Fällen sofort diskriminiert fühlen.

    Dass also die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion in Stockach einen mitbekommt, finde ich nach wie vor nicht weiter dramatisch. Wäre ich ein Angehöriger dieser Gruppe, würde ich kurz drüber grübeln, mit was für abgedroschenen Sätzen man Dorfhonoratioren, von denen einige froh wären, wenn sie überhaupt noch ohne technische Hilfsmittel pinkeln könnten, draußen in der tiefen Provinz doch begeistern kann, überlegen, was AKK da oben auf der Bühne überhaupt zu suchen hat, und mir vornehmen, ihre Kanzlerkandidatur bei der nächsten BTW nicht unterstützen. Das wäre mein persönlicher, maximal zehn Minuten meiner Lebenszeit in Anspruch nehmender, Dreiklang. Mehr, z.B. meinen Anwalt anrufen und mich bei dem nach den Chancen einer Verleumdungsklage erkundigen, würde ich aus diesem Stockacher Schenkelklopfer nicht herleiten.

    Der übliche mediale Shitstorm

    Aber da Geschmäcke und Wahrnehmungen natürlich unterschiedlich sind, brauste im Anschluss an den missglückten Kalauer ein Shitstorm, Stärken 6 bis 8 quer durch alle deutschen Medien: :

    Kramp-Karrenbauer macht sich damit unmöglich … Einer künftigen Kanzlerin ist das jedenfalls nicht würdig. Oder qualifiziert sich so jemand dafür, an der Spitze eines modernen Deutschlands zu stehen?
    © Vera Wolfskämpf, MDR

    Die Frage von Anti-Diskriminierung, von respektvollem Miteinander, gilt 365 Tage im Jahr, und auch zu Karneval
    © Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen

    Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer“
    © Klaus Lederer, Bürgermeister und Kultur- und Europasenator von Berlin

    In den sozialen Netzwerken ging es natürlich heftiger ab. Da erreichten die Reaktionen teils Stärke 9:

    Frau mit Doppelnamen beweist, dass es noch ein Niveau unter Doppelnamen-Witzen gibt

    Bei mancher Politik-Karriere hofft man ja, sie endet als Toilettenwitz der Geschichte

    Bereite gerade die Anzeige gegen #akk vor. Beim Stockacher-Narrengericht gegen Schwächere und Minderheiten vorzugehen, ist nicht in Ordnung!#Intersexuelle, #Transsexuelle und so weiter, dürfen nach Gesetz nicht diskriminiert werden!
    (c) alle drei hier nachzulesen

    usw. etc. pp.

    Okay, das ist die medial und Facebook/ Twitter befeuerte, in der Regel 48 Stunden andauernde, Empörungswelle, die sofort abebbt und ihre Richtung wechselt, sobald irgendwo in der Republik ein neuer Strohfeuer-Aufreger aufpoppt. Aber auch das überzeugt mich (noch) nicht davon, die Stockach-Rede in die Eklat-Kategorie „Ohne Entschuldigung bleibt nur noch der Rückzug von allen Ämtern möglich“ einzusortieren. Ein Skandälchen – denn zum ausgewachsenen Skandal à la Trump und seine Russland-Connections taugt der missratene Kalauer nun wirklich nicht. Oder etwa doch? – wird erst dann daraus, wenn man die Funktionen von Karneval und AKK ins Kalkül zieht.

    Karneval ist Karneval oder: Weshalb Politiker dabei im Publikum sitzenbleiben sollten

    Karneval: soll anarchisch sein. Das ist er allerdings nur noch phasenweise draußen auf der Straße. In weiten Teilen ist er seit Jahrzehnten komplett durchorganisiert. Er soll dem Volk als Ventil dienen, denen da oben mal richtig die Meinung zu geigen. Um ganz ehrlich zu sein: Auch das geschieht (und geschah auch früher) nur selten. Am ehesten noch mit den – teils politzotigen – Prunkwagen, die während der Züge zu bestaunen sind. Der Kölner Fasteleer war nie so politisch wie die Mainzer Fastnacht, und auch bei der Zweitgenannten wird die Kritik an der politischen Kaste ja allenfalls in homöopathischer Dosis verabreicht. Worüber sich die Düsseldorfer amüsieren, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Von daher klingt das Wir-zeigen-es-denen-da-oben-heute-mal-so-richtig-Mantra zwar hübsch revolutionär, jedoch fällt die karnevalistische Umsetzung weitaus zahmer aus, als sich das die Fastnachtsromantiker erträumen. In Köln stand immer schon der derbe Kalauer, der auf dickbrüstige Krankenschwestern, die Verlockungen des außerehelichen Beischlafs, die Tücken des Zölibats, die Eifeler Landbevölkerung u.v.a. die Düsseldorfer zielte, im Vordergrund der Büttenrede. Da oft in tiefem Dialekt vorgetragen, verstand außer den gebürtigen Kölnern ohnehin kein Fremder diese Zoten, weshalb es dem Rest der Republik bisher weitgehend egal war, was wir auf unseren Sitzungen so alles an politisch und sexuell Unkorrektem von uns geben.

    AKK, als Angehörige des (deutschen) politischen Spitzenpersonals, der das Odium der Homophobie anhaftet, wird als Saarländerin jedes Jahr aufs Neue vom Wunsch getrieben, selbst in die Bütt zu steigen und dort zu kalauern. Was im Saarland – das nur unwesentlich größer ist als Bonn und Wuppertal zusammenaddiert – noch funktioniert haben mag, funktioniert auf der größeren Bühne Deutschland halt nicht mehr so geräuschlos. Nun stellt Stockach zwar nicht den karnevalistischen Broadway dar – um ehrlich zu sein: Bis vor drei Tagen wusste ich nichts von der Existenz dieses oberschwäbischen Mittelzentrums –; aber wenn hoher Besuch aus Berlin zum Narrengericht vorbeischaut, reisen natürlich alle Fernsehsender mit an. Und dann wird aus dem beschaulichen Provinz-Event halt für ein paar Stunden großer Karneval. Ein langjähriger Politprofi wie AKK weiß das. Und sie weiß ebenfalls, dass sie mit ihrer Sitzpinkler-Tirade über den kleinen Umweg Fastnacht ihr bestehendes und potenzielles Wahlklientel erreicht. Seht her: Da ist eine Konservative, die unseren Kleinstadtunmut über Schwule und Männer, die Frauen werden wollen, ernst nimmt und teilt. Das ist nach der in die fernen Sphären der Weltpolitik entrückten Merkel endlich mal wieder eine von uns, die unsere Sprache spricht und von Berlinern Hipstern und deren komischen Getränkevorlieben genauso wenig hält wie wir. Und wer braucht außerhalb der Hauptstadt ne dritte Toilette? Meine Frau und ich gehen seit dreißig Jahren aufs selbe Klo. Hat sich von uns beiden noch nie einer drüber beschwert. Ganz wunderbar, die neue Parteivorsitzende!

    Die Nieren- und Blasenschläge gegen die Sitzpinkel-Fraktion stehen ihr als Konservativer natürlich zu, es gibt keine gesetzliche Regel, die Sitzpinkler unter Artenschutz stellt. Vielleicht plant die AKK-Union, auf dieser Spur die AfD rechts zu überholen. Alles legitim, ABER (hier setze ich nun ein fettes aber) als Politiker sollte man solche Botschaften von der eigenen Bühne herab unters Wahlvolk streuen. Und nicht den Karneval als Propagandaplattform missbrauchen. AKK hätte prima ein paar Tage warten und an Aschermittwoch – wenn alles vorbei ist – in die Bütt steigen können. So, wie es nun geschehen ist, wirkt das Manöver wie der plumpe Versuch, mit einem Retro-Gesellschaftsbild bei der Landbevölkerung punkten zu wollen.

    Deshalb mein Plädoyer: Politiker ins Publikum und nicht in die Bütt! Habe in Köln zwar schon häufig den MP und dessen Minister im Karnevalstreiben erblickt; jedoch saßen die abwechselnd lachend oder erschrocken (falls der Witz auf ihre Kosten dann doch allzu derb ausgefallen war) unten im Publikum, und kein Elferrat wäre je auf die Idee gekommen, sie nach oben für ne Rede zu bitten. Weshalb das im Saarland und in Stockach anders gehandhabt wird: keine Ahnung. Erkundigen Sie sich bei den Saarländern und Stockachern. Denn, wenn wir die Bühnen schon im Wechsel besetzen wollen: Weshalb dann nicht Bernd Stelter in den Bundestag, um dort die drögen Debatten über den Haushalt etwas aufzulockern? »Das ist wieder einer Ihrer selten blöden Einfälle, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Stimmt, es ist ein blöder Einfall. Aber auch nicht viel blöder, als Politiker in der Bütt Wahlkampfreden schwingen zu lassen.

    Das Recht auf den schlechten Witz auf keinen Fall antasten

    Nach ü2000 Wörtern des Abwägens bin ich nach wie vor unentschlossen, wie ich das AKK-Stockach-Gate einsortieren soll: Der Sitzpinkler-Kalauer – abgedroschen hin oder her – muss als Kalauer für sich alleine betrachtet möglich sein. Wir können, speziell im Karneval, nicht jede Minderheit vorher fragen, ob es ihr genehm ist, wenn ein Witz über sie gerissen wird. Und dass ein Joke (grotten-) schlecht ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er deshalb auf den Index des Unsagbaren gehört. Hätte ihn Stelter (ich erwähne den Armen, der ja mit der ganzen Kalamität gar nichts zu tun hat, bloß deshalb so oft, weil er seit seinem Doppelnamen-Brüller nun auch bundesweit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat) zum Besten gegeben: müdes Lächeln im Publikum, kleiner Aufreger in der Lokalpresse und an Aschermittwoch schon wieder vergessen und abgehakt. Vielleicht hätte sogar die Kölner Schwulen-& Lesben-Community darüber gelacht. Denn die soll dem Karneval und seinen Zoten ja angeblich aufgeschlossen gegenüberstehen. Aber aus dem Munde der konservativen AKK bekommt die Sitzpinkel-Attacke halt doch ein anderes Stockach-Geschmäckle.

    Wir können uns eventuell auf folgendes einigen:
    (1) Auch Karnevalswitze sollten ein Mindestmaß an Niveau und Originalität aufweisen
    (2) Politiker gehören unten ins Publikum und nicht nach oben in die Bütt
    (3) Das Recht, schlechte Witze erzählen zu dürfen und sich damit zu blamieren, bleibt allerdings weiterhin unangetastet.

    Wir einigen uns doch nicht, weil Sie auf Ihrem Standpunkt „Das geht überhaupt nicht und niemals!“ bestehen? Okay, da kann man halt nichts machen. Nach schneller Beichte heute Morgen und drei Rosenkränzen wurde mir ohnehin schon Absolution erteilt. Da brauche ich Ihre gar nicht mehr.

  • Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Während um mich herum entweder alle noch schlafen oder kotzend über der Kloschüssel hängen, die Nachbarn mir mit eineinhalb Promille Restalkohol im Treppenhaus entgegentorkeln, und am Hals der hübschen Kassiererin vom Aldi zwei fette Knutschflecke prangen, die sie gestern Morgen hundertpro noch nicht besaß, beschließe ich, den Freitagmittag nach der langen Weiberfastnachtsparty bestmöglich zu nutzen und was zum Thema Karneval zu Papier zu bringen. Dass dieses schöne Fest vor allem in katholischen Regionen gefeiert wird, sechs Tage dauert und an Aschermittwoch endet, wissen sicher auch die protestantischen Griesgrame und In-den-Skiurlaub-Flüchter.

    Antike: einmal im Jahr ordentlich die Sau rauslassen

    Die Wurzeln dieses schönen Brauchs, bei dem einige Tage lang die Klassengrenzen aufgehoben sind, reichen weit zurück. Waltari erzählt uns in seinem Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs, das alljährlich am Tag des Frühlings-Äquinoktiums in Babylon begangen wurde, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war nahezu alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Beim ersten Hahnenschrei des darauffolgenden Morgens wurde der falsche König getötet, die Klassengrenzen wieder hochgezogen, alle kehrten verkatert an ihre Arbeitsplätze zurück und amüsierten sich prächtig darüber, wie verdattert der 24h-Monarch geschaut hatte, als ihn die Leibgarde zum Schafott führte, wo der Scharfrichter ihm mit einem sauberen Hieb den Kopf vom Rumpf abtrennte. Die Szene spielt im 14ten Jahrhundert vuZ. Eine Inschrift aus dieser Zeit lautet: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet“.

    Die Ägypter berauschten sich zu Ehren der Isis, die alten Griechen tanzten auf dionysischen Kostümpartys. Die Römer wiederum kannten die mehrtägigen Saturnalien, an denen man sich verkleidete, Schabernack und allerlei nicht jugendfreie Sachen trieb. All diesen Festen war eins gemeinsam: das unbedingte Gleichheitsprinzip, Mummenschanz, saufen und hemmungsloser Sex. Also die Aktivitäten, die der Kölner Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschreibt.

    Mit dem aufkeimenden Christentum war erstmal Schluss mit lustig. Der sittenstrenge Kirchenlehrer Augsutinus – der in seiner Jugend ein partyfeiernder Strolch gewesen war, bevor ihm wie Saulus die Erleuchtung kam, und er sich fortan mit Haut und Haaren der Verbreitung des neuen Glaubens verschrieb – wetterte unablässig gegen sämtliche weltlichen Vergnügungen und verdammte mit Inbrunst die Kostümorgien als besonders schlimmes Werk des Teufels. Dieses Verdikt hinderte die Menschen natürlich nicht daran, sich anlässlich der Vertreibung des Winters weiterhin zu verkleiden und „viel Unzucht zu begehen“. Bloß tat man das ohne den Segen der Kirche und riskierte viele Rosenkränze und im Wiederholungsfall sogar die Exkommunikation, wenn man sich dabei erwischen ließ.

    Vom mittelalterlichen Mummenschanz zur Parodie auf Preußens Militär

    Über die Zwischenstufen Narrenfeste/ Mummenschanz, Fasnaht und die während des Barocks in Mode kommende  Freude am Tragen italienischer Masken, die an die Figuren der Commedia dell‘ arte angelehnt waren, gelangen wir im Schweinsgalopp zum Karneval der Neuzeit. Dessen Geburtsstunde in Deutschland schlug im Jahre 1823, als  sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand mit dem Ziel, den lange Zeit verbotenen Straßenkarneval neu zu beleben und humorvolle Kritik an der fremden Obrigkeit (das Rheinland war 1815 Preußen zugeschlagen worden) zu üben.

    Die Tage des rheinischen Frohsinns – und sämtlicher anderer Karneval, von Rio mal abgesehen, ist völlig uninteressant – heißen:

    Weiberfastnacht/ Wieverfasteleer: die Frauen übernehmen die Macht. Schlipse werden als männliches Herrschaftssymbol gestutzt. Worüber sich einige Ortsfremde zwar aufregen. Ich wiederum bin der Meinung, dass eine beschnittene Krawatte weniger schmerzvoll ist als eine Zirkumzision. Um 11.11 reißen sich die Frauen die Mützen vom Haupt (sind dann nicht mehr unter der Haube) und erlauben sich bis weit nach Mitternacht allerlei Freiheiten.

    Der Freitag dient der Erholung von Altweiber und hat – wie der Samstag und der Sonntag – keinen extra Namen erhalten. Am Sonntag laufen in Köln die Schull- un Veedelszöch, deren schönste Wagen und Truppen prämiert werden und als unmittelbare Belohnung am Rosenmontagszug teilnehmen dürfen.

    Rosenmontag/ Rusemondaach. Die Herkunft dieses Namens ist bisher nicht abschließend geklärt. Am plausibelsten klingt die Rückführung auf das Kölner Verb „rosen“, das nichts anderes als „rasen, tollen“ bedeutet. Also: die am Montag losgelassenen/ rasenden Narren.

    Der Dienstag heißt in Köln bloß Dienstag, während er in anderen Städten, die einzig an diesem Tag feiern, unter Namen wie Veilchendienstag, Mardi Gras oder Pancake day begangen wird. Am Abend verbrennen die Kölner den Nubbel (eine mannsgroße, bekleidete Strohpuppe), beerdigen den Karneval; die Hartgesottenen tanzen noch bis in die frühen Morgenstunden des Aschermittwochs, bevor sie sich entweder in der Kirche das Aschekreuz abholen oder in hausärztliche Behandlung begeben.

    Als in Bonn geborener, in Köln aufgewachsener Rheinländer habe ich an schätzungsweise zwei Dutzend Karnevalssessionen teilgenommen, die – mit leichten Abweichungen – alljährlich wie folgt abliefen:

    Blaue Perücke – ein Rosenmontagsgedicht

    | Blaue Perücke
    Stirn auf dem Tresen
    vier Tage durch gefeiert
    die Perücke verklebt
    das Hemd voller Flecken
    Hose zerrissen
    ungeduscht
    Bartstoppeln im Gesicht

    Vor mir Bier und Schnaps
    die ich ineinander mische
    mit bleischweren Lidern glotze ich
    ins prallgefüllte Dekolleté meiner Begleiterin
    versuche, sie zu küssen
    sie entwindet sich wie eine Schlangentänzerin
    der Umarmung

    Noch ein Jägermeister, mein Großer?
    fragt sie mit hartem Akzent
    ich nicke stumm
    denn ich weiß
    dass ich nicht mehr sprechen kann

    Sie schmiegt sich an meine Schulter
    drückt mir das Glas in die Hand
    in einem Schluck stürze ich es runter
    ihr Lächeln gefriert plötzlich
    zu einem Raubtiergrinsen
    ich tauche mit der Nase
    in eine Bierpfütze
    Dunkelheit

    Als ich erwache
    liege ich auf einem alten Grab
    die Buchstaben längst verwittert
    Stein halb im Boden versunken
    ein Daunenanorak über dem
    Piratenkostüm
    damit ich nicht erfriere
    blaue Perücke in einem
    Azaleenstrauch

    Schwerfällig rappele ich mich auf
    durchwühle meine Taschen
    Kohle weg, Kreditkarte futsch
    ich kann mich nur schwach
    an ihre grünen Haare
    schwarz bemalte Lippen
    und die schmale Reptilienzunge
    erinnern
    ansonsten: kompletter Filmriss

    Soll ich die Bullen informieren?
    wozu?
    die können mir eh nicht helfen
    ist halt dumm gelaufen um drei Uhr nachts
    im Tiffanys

    Welchen haben wir heute?
    Rosenmontag
    noch 36 Stunden Karneval
    langsam setzte ich mich in Bewegung
    wische die Friedhofserde von den Klamotten
    stülpe die Perücke
    über die fettglänzenden Haare
    zu Hause habe ich zwei Hunderter
    unter der Kaffeemaschine deponiert
    die müssen reichen bis Aschermittwoch

    Und dann?
    schnelles Aschekreuz
    und erstmal auspennen

    © H.H.// 2010

    Kurzer Karnevals-Knigge

    Wenn man als zugereister Partytourist im Rheinland nicht ins Fettnäpfchen treten möchte, gilt es folgende Dinge UNBEDINGT zu beachten:

    In Köln und Bonn ruft man Alaaf, während Düsseldorf und Mainz (das zwar am Rhein, jedoch nicht im Rheinland liegt) Helau brüllen. Alaaf kann man übersetzen mit: „Erst kommt Köln und dann kommt lange gar nichts“, was jedem Kölner sofort einleuchtet. Den Bonnern ist die wahre Bedeutung wahrscheinlich nicht präsent. Helau wiederum klingt eher dämlich.

    Bonn und Düsseldorf haben ein Prinzenpaar, in Köln jubelt man dem Dreigestirn zu: Prinz, Jungfrau und Bauer … Weshalb im Jungfrauenkostüm ein Mann steckt, wollen Sie wissen? Keine Ahnung. Et is einfach esu. Man muss ja nun nicht alles und jeden hinterfragen.

    Vorne auf dem Podium sitzt der Elferrat. Typen mit komischen Mützen, die den Charme von übermüdeten Taxifahrern versprühen und deren vier Hauptaufgaben darin bestehen, die Büttenredner anzukündigen, den Funkemariechen auf deren Knackärsche zu starren, Orden zu verleihen und das Publikum aufzufordern, „Alaaf“ zu schreien. Wären die elf Figuren alle gleichzeitig krank und verhindert, würde es niemandem großartig auffallen. Die Elf als Ziffer „1 neben der 1“ versinnbildlicht übrigens das Prinzip der Gleichheit. Falls das an dieser fortgeschrittenen Stelle der Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.

    Liedgut und Büttenreden sind Legion. Hierauf im Einzelnen einzugehen, würde den Text sprengen. Man unterscheidet grob in die Kategorien „hervorragend/ Dauerbrenner“, „mittelmäßig/ Schenkelklopfer“ und „schlecht/ nur unter Zufuhr von ständig neuem Alkohol zu ertragen“. Karnevalssongs für die Ewigkeit sind beispielsweise:  „Die Hüs’cher bunt om Aldermaat“ (Willi Breuer), „En d’r Kayjass Nummero Null“ (De vier Botze), „En de Weetschaff op d’r Eck“ (Bläck Fööss).

    Während man bei „Mainz bleibt Mainz“ über weite Strecken meint, versehentlich einem Kostümtermin des rheinland-pfälzischen Landtags zugeschaltet zu sein, geht es auf den  Sitzungen zwischen Rodenkirchen und Worringen schon derber zur Sache. Wer den kölschen Dialekt nicht beherrscht, tut sich schwer, den Witz der Redner zu verstehen und muss sich notgedrungen mit den Tanz- und Musikeinlagen begnügen. Und worüber die Düsseldorfer an Karneval lachen? Keine Ahnung. Fragt die Düsseldorfer.

    Die Korps – oft Funken oder Garden heißend – kleiden sich überwiegend in Uniformen des späten 18ten Jahrhunderts und reiben beim Aufmarsch auf der Bühne gerne in Hockstellung ihre Hintern aneinander – nennt sich: „Stippeföttche“ oder „wibbeln“ –; eine Persiflage auf den preußischen Militärdrill. Der Tanzmajor stemmt seine Partnerin, die verniedlichend Funkemariechen genannt wird – obwohl sie eine ausgewachsene Jessica ist – , im Verlauf seiner Karriere 50.000 Mal in die Höhe, bevor er mit 35 den ersten Bandscheibenvorfall erleidet.  Et jitt zodäm Speelmaanszöch, Akrobaten, Pantomimen  und so weiter und so fort.

    Wir halten fest:
    ▪ Die Ursprünge des Karnevals reichen bis in die Anfangszeit der menschlichen Zivilisation zurück
    ▪ Der Kerngedanke des Fests liegt in der zeitweiligen Gleichheit ALLER Bürger begründet
    ▪ Die Freude am Verkleiden wird stets begleitet von (übermäßigem) Alkoholgenuss und (promiskuitivem) Sex
    ▪ In der Neuzeit splittet sich der Karneval in vier Regionen auf: Alaaf, Helau, Rio und sonstige
    ▪ An Aschermittwoch ist alles wieder vorbei.

    Dass sich Karneval von „carne vale (Fleisch lebe wohl!)“ ableitet, wussten vermutlich alle Leser schon. Falls nein, erwähne ich es der guten Ordnung halber am Ende der Kolumne.

    Und nun schließe ich mit einem getippten 3x Kölle Alaaf!!!!

    PS. dass die Kölner Geburtenrate im Spätherbst signifikant nach oben steigt, hat sich mittels einer vom Statischen Landesamt in Auftrag gegebenen Langzeituntersuchung als falsche Hypothese erwiesen, hält sich aber als Gerücht weiterhin hartnäckig.
    PPS. Clownskostüme gehören im 21sten Jahrhundert verboten.