Schlagwort: freitod

  • Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
    (c) Charles Bukowski

    Der ultimative Ausgang

    Bukowski saß in billigen Zimmern und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.

    Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.

    Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.

    Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.

    Die offene Tür

    Lange vor Bukowski saßen die Stoiker da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. Epiktet. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.

    Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.

    Der Zwang zum Leben

    Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.

    Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.
    (c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid

    Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.

    Wenn der Gedanke kippt

    Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.

    Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.

    Das falsche Heldentum

    Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.

    Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.
    (c) Charles Bukowski

    Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.

    Die letzte Freiheit

    Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.

    Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.

    Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.

    Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.

    Schlechte Tage sind kein Argument

    Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.

    Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.
    (c) Charles Bukowski

    Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.

    Die Buchhaltung des Lebens

    Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.

    Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.

    Das Gerede der Anderen

    Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.

    Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.

    Der Körper lügt nicht

    Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.

    Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?

    Bleiben ist Arbeit

    Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.

    Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.

    Kein Schlusswort

    Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.

    Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.
    Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.

    Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.
    +++

    Lesen Sia auch: Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube
    +++

    Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, bewerten Sie uns gerne auf Google

  • Faszination Suizid?

    Faszination Suizid?

    Selbstmord oder Freitod? Schon in diesen beiden verschiedenen Namen für die gleiche Handlung wird deutlich, wie unterschiedlich der Umgang einer Gesellschaft mit dem Akt der Selbsttötung eines Menschen sein kann. Thomas Macho vermeidet in seinem Buch „Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne“ beide Begriffe, er spricht lieber neutral vom Suizid.

    Die Frage nach dem Suizid sei ein Leitmotiv der Moderne, diese These will Macho auf rund 450 Seiten belegen. Die ergänzenden 80 Seiten Anmerkungen und Literaturverweise zeigen, dass Macho sich auf umfangreiche Recherchen und intensives Quellenstudium stützt. Allerdings sucht man in den zitierten Werken fast ganz vergebens nach empirischen Studien zu Suiziden, nach soziologischen oder psychologischen Untersuchungen über Ursachen der Selbsttötung. Schaut man einmal in solche Studien, etwa in die viel zitierte Metastudie „Psychiatric diagnoses in 3275 suicides: a meta-analysis“ von 2004, so stößt man auf den Befund, dass in ca. 90% der Suizide in der Gegenwart mentale Krankheiten eine Rolle spielen. Dazu gehören vor allem die Depression und andere psychische Krankheiten, aber auch Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit.

    Diese tatsächlichen Ursachen von Suiziden sind jedoch nicht Machos Thema. Macho geht es in seinem Buch gar nicht um die Frage, warum Menschen sich heute umbringen oder warum sie sich vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten umgebracht haben. Wer erwartet, dass Macho Ursachen für den Selbstmord in der modernen Gesellschaft sucht oder gar nach Wegen zur Verhinderung von Suiziden fahndet, wird enttäuscht. In seinem Buch findet man auch keine Beurteilung des Selbstmordes, weder wird dem Selbstmörder, noch seiner Umgebung ein Versäumnis zur Last gelegt oder eine Schuld zugewiesen.

    Es geht Macho um etwas anderes, nämlich um den kulturellen Umgang mit der Idee des Suizids, es geht ihm darum, wie die Kultur die Idee, dass ein Mensch seinem Leben selbst ein Ende setzt, sieht, wie sie mit diesem Phänomen umgeht. Ihn interessiert, wie der Suizid in der Kunst, im Film, in der Philosophie diskutiert und dargestellt wird, er verfolgt die metaphorische Verwendung des Begriffs etwa in der Rede vom „Selbstmord der Menschheit“. Er verfolgt die Rolle und die Bewertung des Suizids im Verlauf des 20. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit Kriegen, mit dem Faschismus und der Judenverfolgung.

    Wie verändert es eine Kultur, wenn sie sich von der Möglichkeit des Suizids faszinieren lässt, wenn sie ihn als eine „Selbsttechnik“ auffasst? Der einzelne Mensch in der Moderne macht sich selbst zum Gegenstand eines Entwurfs, er ergibt sich nicht seinem Schicksal sondern entscheidet selbst, wie er leben – und wie er schließlich sterben will. Zunehmend kommen wir also zu einem Selbstverständnis, aus dem heraus wir auch unseren je eigenen Tod selbst bestimmen und gestalten wollen. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf den Umgang mit dem „assistierten Suizid“, mit der „Sterbehilfe“, die Macho ebenfalls ausführlich diskutiert. Macho reflektiert die kulturellen Reflexionen des Phänomens des Suizids, sein Ziel ist eine Gesellschaftsdiagnose anhand der Rolle, die der Suizid im Diskurs der modernen Gesellschaft spielt.

    Er unterscheidet zwischen Gesellschaften, die den Suizid ablehnen und verachten, und solchen, die vom Suizid fasziniert sind, und er konstatiert für die Moderne eine zunehmende Suizidfaszination. Ob die Zahl der Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, dabei tatsächlich zunimmt, ist für diese Diagnose nicht relevant, entscheidend ist, wie mit dem Motiv, mit der Idee des Selbstmordes umgegangen wird. Wird der Suizid verurteilt, oder wird er als legitim angesehen, als zulässige Option der Gestaltung des eigenen Lebens? Ist es dem Einzelnen überlassen, zu entscheiden, wann sein Leben endet?

    Für die Moderne stellt Macho fest, dass es zu einer Neubewertung des Suizids kommt, die sich auf verschiedenen Gebieten beobachten lässt, in der Religion ebenso wie in der Philosophie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Wenn die moderne Gesellschaft das selbstbestimmte Leben propagiert, wenn mein Leben nicht dem Staat, nicht Gott, nicht einem Kollektiv und nicht der Familie, sondern mir selbst gehört, dann muss das letztlich auch für meinen Tod gelten – und dann muss die Gesellschaft und meine Umgebung auch klaglos akzeptieren, dass ich selbst entscheide, wie und wann es zu Ende geht.

    Die größte Schwäche des Buchs benennt Macho am Ende selbst, wenn er im Nachwort Wittgenstein zitiert, der sich selbst als einen schlechten Führer bezeichnet hat, weil er seinen Gästen nicht zuerst die Hauptstraßen zeige, sondern sich leicht von interessanten Nebensächlichkeiten ablenken lasse. Was bei Wittgenstein als Koketterie durchgehen mag, ist für Machos Buch leider richtig. Allzuoft verliert er sein Ziel, seine großen Thesen zu belegen, ganz aus dem Blick, um sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die auch interessant sein mögen, aber zum Anliegen des Buchs nichts beitragen. Da hätte man sich einen strengeren Lektor gewünscht, der dem Autor beim Streichen des Überflüssigen zur Seite gestanden hätte.
    Machos Buch ist dennoch ein hilfreicher Beitrag zum Verständnis der modernen Kultur.

    Seine These von der Suizidfaszination der modernen Gesellschaft mag überspitzt sein, aber die Frage, wohin es führt, wenn wir die Idee der Selbstbestimmtheit des Einzelnen zu Ende denken und eine Kultur etablieren, die den Suizid als Option akzeptiert, wird von Macho anregend diskutiert. Dabei wird auch klar: Die Moderne ist nicht die erste Gesellschaft in der Menschheitsgeschichte, die vom Suizid fasziniert ist, und deshalb kann die Akzeptanz des Freitods auch wieder durch eine Verurteilung des Selbstmords abgelöst werden.

    Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne. Suhrkamp 2017.

  • Was hilft gegen Suizide?

    Was hilft gegen Suizide?

    Vom deutschen Gesundheitswesen, insbesondere vom Umgang der Krankenkassen mit Menschen, die an Depressionen leiden, wurde in einem Gastbeitrag von Robin Urban vor einigen Tagen hier ein düsteres Bild gezeichnet. Am Ende gewinnt man beim Lesen des Textes den Eindruck, dass die Krankenkassen Jahr für Jahr tausende Menschen geradezu in den Suizid treiben würden. Solche Beiträge erwecken am Ende immer den Eindruck, dass wir in einer unmenschlichen Gesellschaft leben, die den Hilfebedürftigen grundsätzlich nicht beisteht. Anlass für ein paar kritische Nachfragen.

    Um es vorweg zu sagen: Was mich an Robin Urbans Text am meisten irritiert, ist nicht das, was drin steht, sondern das, was gerade nicht darin zu finden ist. Die Logik des Schreibens erfordert es, dazu erst am Ende etwas zu sagen. Wem der Text zu lang ist, der sollte gleich zum letzten Abschnitt springen.

    Wer mit Zahlen spielt…

    Robin Urban führt erschreckende Zahlen ins Feld, und auch wenn Zahlen eigentlich unwichtig sind, wenn es um Menschenleben geht (jedenfalls tun wir gern so, doch dazu später), müssen sich diese Zahlen eine kritische Prüfung gefallen lassen.

    Richtig ist wohl, dass sich in Deutschland jährlich etwas mehr als 10.000 Menschen das Leben nehmen. Ist das viel? Insgesamt sterben in Deutschland jährlich fast eine Million Menschen, das ist ganz normal, wir sind ein Volk von 80 Millionen und werden so um die 80 Jahre alt. Nun kann man sagen, dass manche eben zur rechten Zeit sterben und manche viel zu früh, und zum vergleichenden Zahlenspiel taugen natürlich nur die zu früh gestorbenen. Aber da geht das Drama schon los, denn wenn man sich die Todesursachen so ansieht, dann scheinen in Deutschland irgendwie alle Menschen an Krankheiten zu sterben, die man bekämpfen könnte. Und da gibt es offenbar auch eine Reihe von Krankheiten, an viel mehr Menschen sterben als an denen, die Grund für einen Suizid sein können.

    Womit wir bei der nächsten Frage sind: Aufgrund welcher Ursachen bringen sich Menschen hierzulande um? Der Beitrag von Robin Urban erweckt den Eindruck, dass 90% der Suizide durch Depression verursacht sind. Exakt gesagt wird das nicht, aber wenn man den Text unkritisch liest, drängt sich diese Zahl auf, wenn man liest: „Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.“

    Woher kommt diese Zahl? Robin Urban selbst verweist auf einen Medienguide der Deutschen Depressionshilfe. Dort steht allerdings etwas anderes:

    Suizide erfolgen fast immer im Rahmen einer Depression oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung (Alkohol-, Drogen-Abhängigkeit, Schizophrenie). Bei 90 Prozent der Suizidfälle in Deutschland gehen solche Erkrankungen voraus.

    Klingt so ähnlich, ist aber nicht das gleiche. Leider gibt die Deutsche Depressionshilfe keine Quelle an. Recherchiert man weiter, findet man eine Metastudie, die weltweit 3275 Suizide erfasst hat und zu dem Ergebnis kommt, dass in 87,3% der Fälle vor dem Tod eine „mentale Störung“ diagnostiziert worden ist. Liest man weiter, erfährt man, dass eine Depression in 467 Fällen diagnostiziert worden ist, das sind 14%. Selbst wenn wir alle affektiven Störungen zusammennehmen, kommen wir nicht auf 90%, sondern auf 36%. Alkohol- und andere Suchtprobleme werden bei etwa genauso vielen Suiziden diagnostiziert – und auch die fallen unter die „mentalen Störungen“. Am Ende kann man es auch umgekehrt sehen und etwas lax sagen: Klar hat fast jeder, der sich umbringt, irgendein mentales Problem, wenn er es nicht hätte, würde er sich ja nicht umbringen. In unserer heutigen Gesellschaft jedenfalls wird der Suizid als etwas angesehen, was sich eigentlich gar nicht anders verstehen lässt als unter der Annahme, dass die betreffende Person irgendein Problem „im Kopf“ hat.

    Aber jeder Suizid ist doch einer zu viel!

    Nun kann man sagen, dass diese Zahlenspielereien doch ganz unwichtig sind, denn jeder Tote ist doch einer zu viel, also muss man doch etwas dagegen tun! Generell formulieren wir diesen Anspruch ja gern, aber konkret, wenn es an die Krankenkassenbeiträge geht, die wir zu zahlen haben, dann sieht die Sache irgendwie anders aus. Denn alle Leistungen, die die Kassen erbringen, müssen bezahlt werden. Wenn die Kassen durch die von Robin Urban geforderten zusätzlichen Kassensitze dafür sorgen würde, dass jede Person, die vermutet, an einer Depression zu leiden, umgehend einen Therapeuten aufsuchen kann, schnellstmöglich auch einen zweiten oder einen dritten, dann müssen die Kassen dafür auch zusätzliches Geld in die Hand nehmen. Dafür müssen sie dann eben woanders sparen oder die Beiträge erhöhen.

    Jeder, der nach dem Lesen des Beitrags von Robin Urban entrüstet ist über die Unmenschlichkeit der Krankenkassen, sollte innehalten und sich selbst fragen, wo das Geld, was da zusätzlich gebraucht wird, denn gespart werden soll: Bei der Brustkrebsvorsorge? Bei Aufklärungsprogrammen zum Drogen- und Alkoholkonsum? Bei der Ausstattung der Unfallchirurgien? Bei der Weiterbildung der Haus- und Fachärzte? Dazu sollte man dann auch bedenken, dass es gerade im Gesundheitswesen viele Forderungen und viel Kritik gibt, an den verschiedensten Stellen. Die Behebung jedes Schwachpunktes würde Geld kosten. Welchen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge sind wir, in Form von Sozialbeiträgen, zu zahlen bereit?

    Was fehlt: Die Alternativen

    Und damit komme ich zu dem Punkt, der mich am Meisten an Robin Urbans Text gestört hat: Mit keinem Wort wird darin die Gemeinschaft erwähnt, die soziale Umgebung, die Menschen im Umfeld, die helfen könnten und gern unterstützen würden. Der depressive Mensch ist bei Robin Urban allein und auf sich gestellt, der einzige, der helfen kann und helfen soll, ist der Staat oder die Krankenkasse als anonyme Behörde, die staatlicherseits zu zusätzlichen Leistungen gezwungen werden müsste.

    Aber was ist mit den anderen Menschen? Was ist mit Freunden und der Familie? Sie existieren bei Robin Urban gar nicht. Das ist merkwürdig, denn gleichzeitig wendet sie sich doch an andere, an uns Leser nämlich, damit wir uns gemeinsam mit ihr über die Missstände in den Institutionen empören. Die Solidarität, die in solchen Texten erwarten wird, ist keine praktische, in der wir konkret unterstützen könnten, sondern eine fordernde, die den Staat dazu bringen soll, etwas zu tun.

    Natürlich kann ein einfühlsames Gespräch unter Freunden für einen Menschen, der an einer Depression leidet, nicht den professionellen Therapeuten ersetzen. Aber Robin Urban schreibt ja auch von den Schwierigkeiten, die ein depressiver Mensch hat, bei der Suche nach dem richtigen Therapeuten durchzuhalten. Wäre es nicht eine naheliegende Forderung an die Menschen in der Umgebung, dabei zu helfen? Sollten wir nicht vor allem dafür sensibel werden, da unsere Verantwortung für den kranken Menschen in der Familie, im Freundeskreis oder unter den Kollegen wahrzunehmen, statt abstrakte Forderungen an Krankenkassen zu stellen?

    Schließlich: Auch wenn Freunde und Verwandte den Ausbruch einer Depression vielleicht nicht verhindern können, so können sie doch Gründe liefern, am Leben zu bleiben. Indem sie den Wert des Lebens erlebbar machen, indem sie den Depressiven nicht allein lassen, indem sie ihn beharrlich in ihrer Mitte halten. Indem sie einfach da sind.

    Nachdem wir Texte wie den von Robin Urban gelesen haben, schimpfen wir vielleicht über die unmenschlichen Krankenkassen, wir fordern vom Staat, dass er sich kümmert, dass er mehr tut für die Betroffenen. Damit meinen wir, haben wir genug getan. Aber in Wahrheit haben wir damit nichts getan.