Schlagwort: Gesundheit

  • Dickes Kind hängt am Zucker wie der Junkie an der Nadel

    Dickes Kind hängt am Zucker wie der Junkie an der Nadel

    Gestern holte ich mir im Bonner HBF zur Abwechslung mal die Frankfurter Rundschau und entdeckte auf Seite 2 den hochinteressanten Artikel Die tägliche Überdosis: Zucker und Gesundheit, in dem unter anderem der Frage nachgegangen wird, ob Softdrinks als flüssige Krankmacher anzusehen sind, die Fettleibigkeit und Diabetes verursachen. Eine Stunde später stoppte ich beim Rewe in Bad Honnef, um mir Tabasco und Kaffeepads zu besorgen. Das hätte ich besser nicht getan, denn im Laden war die Hölle los, und ich stand mit meinem 4.87€-Einkauf zwanzig Minuten an der Kasse. Und während ich so vor mich hin wartete, sah sie wieder: die dicken Familien, die ihre vollgeladenen Wagen durch die Gänge schoben, dabei unablässig nach links und rechts in die Regale greifend. Ich ertappte mich in Gedanken dabei, wie ich ihnen auf die gierigen Finger klopfen und sagen will: »Jetzt ist aber genug!« Ich tu’s es nicht, weil ich nicht oberlehrerhaft erscheinen möchte und es mich ja auch nichts angeht. Jeder Erwachsene ist selbst dafür verantwortlich, welche (Un-) Menge an Kalorien er sich täglich reinschaufelt. Schwierig wird’s aber, wenn Eltern ihre Kinder mit Fanta, Erdnussriegeln, TK-Pizza und Schokopudding im Kingsize-Format vergiften.

    RKI und WHO warnen seit Jahren

    Um nun dem Eindruck entgegenzutreten, der Hirsch regt sich gerne über Sachen auf, die er sich bloß in seinem kranken Hirn zusammenfantasiert; da ist wie immer nichts dran – hier ein paar Zahlen und Zitate:

    Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).

    Die Prävalenz von Adipositas hat in den letzten zwei Dekaden weiterhin zugenommen, besonders bei Männern und im jungen Erwachsenenalter.
    © Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008–2011

    Die Berliner Zeitung zitiert in diesem Zusammenhang aus einer Studie, die von der Weltgesundheitsorganisation in Auftrag gegeben wurde:

    Weltweit sind Forschern zufolge mehr als zwei Milliarden Menschen übergewichtig oder gar fettleibig. Eine Studie zeigt nun, dass der Anteil fettleibiger Menschen an der Weltbevölkerung rasch gestiegen ist – vor allem unter Kindern. Demnach hat sich der Prozentsatz fettleibiger Menschen von 1980 bis 2015 in mehr als 70 Ländern verdoppelt, in den meisten anderen Staaten sei er zumindest stetig nach oben gegangen, schreibt das internationale Forscherteam im „New England Journal of Medicine“

    „Die Häufigkeiten von Fettleibigkeit und Übergewicht bei europäischen Kindern verharren auf einem beispiellosen Niveau“, heißt es in dem Bericht. Deutschland belegt beim Anteil übergewichtiger Kinder einen Platz im europäischen Mittelfeld. Demnach waren hierzulande 16,5 Prozent der untersuchten Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren übergewichtig.

    Aha, denke ich. Liege ich also doch nicht verkehrt mit meiner Einschätzung, dass ich heute mehr Fetten als in der Zeit meiner Jugend begegne. Früher gab’s einen Dicken pro Klasse, heute gilt jeder fünfte Pennäler als übergewichtig. Als 15jähriger Austauschschüler in den USA war ich Ende der 70er erstaunt über den dort zu beobachtenden Splitt in extrem dicke und sportliche Menschen gewesen. In den 80ern wiederholte ich diese Beobachtung bei Studienaufenthalten in England. Auch dort begegnete ich mehr Fettleibigkeit als bei uns zu Hause. Sie essen halt ungesünder, davon dann auch ne Menge, und bewegen sich weniger als wir, dachte ich damals und freute mich über die schlanke Stewardess, die mich mit wohlvertrautem rheinischen Singsang an Bord des Lufthansaflugs von London nach Köln begrüßte.

    Adipositaswelle ergreift Europa

    Zwanzig Jahre später raste der Adipositastsunami über den Atlantik, durchquerte mit kurzem Zwischenstopp im Vereinigten Königreich den Ärmelkanal, um dann mit voller Wucht über Kontinentaleuropa hereinzubrechen. Seitdem werden die Lebensmittelgeschäfte leergekauft. Die Angestellten kommen kaum hinterher, die Regale wiederaufzufüllen und neue Paletten aus dem Lagerraum ranzukarren. Als ob seit der Jahrtausendwende das große Fressen ausgebrochen ist und nicht mehr aufhören will.

    Die Gründe für die moderne Fettleibigkeit sind mannigfaltig: zu wenig Zeit, um gesund zu kochen, ständig erweitertes Angebot hochkalorischer Fertigprodukte, zu viel Zucker in Getränken und Nahrungsmitteln, Fastfood an jeder Straßenecke, suchtartiges Verlangen nach Süßem und Salzgebäck, der virtuelle Ronaldo in der Playstation ersetzt das reale Kicken draußen auf der Straße, finanzielle Einschränkungen: mit sinkendem Einkommen steigt die Tendenz, sich schnell und ungesund zu ernähren. Man kann es natürlich auch simpler erklären: Es wird kontinuierlich mehr oben nachgefüllt, als durch Bewegung in der Mitte und Stuhlgang unten verbraucht werden.

    Ist der Durchschnitts-BMI bei Erwachsenen „nur“ als besorgniserregend einzustufen, so ist es bei Kindern allerdings ein Verbrechen, deren Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten derart aus dem Ruder laufen zu lassen, bis sie in der 24/7-Hungerfalle sitzen und sich weigern, zu Fuß bis in die zweite Etage zu steigen.

    Lösungsmöglichkeiten sind bekannt

    Nun ist Dickwerden keine Gottesgeißel, der man machtlos ausgeliefert wäre und gegen die bloß Beten hilft. Lösungen für Kinder und Jugendliche liegen seit Jahren auf dem Tisch und lassen sich in drei Überschriften zusammenfassen:
    (A) Gesunde Ernährung in Elternhaus und Schule
    (B) Reduzierte Aufnahme stark zuckerhaltiger und hochkalorischer Snacks und Softdrinks
    (C) Tägliche Bewegung

    Einsicht und Freiwilligkeit sind immer begrüßenswert; reichen allerdings beim Thema „falsche Ernährung“ nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. Nach wie vor werden unsere Kinder von morgens bis abends mit Haribo- & Milka-Werbung zugeballert. Die Supermärkte sind vollgestopft mit Gummibärchen, Keksen, Salzstangen und Erdnüssen. Und wer es als Mutter geschafft hat, sein Kind an all den Krankmachern vorbeizubugsieren, auf den warten an der Kasse das Regal mit den Bonbons, Weingummis und der kleinen Prinzenrolle, direkt daneben die Kühltheke mit dem abgepackten Eiskonfekt. Spätestens hier ist der Schreikrampf des bisher leer ausgegangenen Sprösslings vorprogrammiert.

    Foodwatch sagt dazu:
    Längst ist belegt, dass freiwillige Vereinbarungen nicht funktionieren. Die Hersteller machen die größten Profite mit Süßkram, Zuckergetränken und Knabberartikeln. Freiwillig werden sie nicht damit aufhören, genau diese Produkte an Kinder zu bewerben und deren Geschmack schon früh zu prägen.

    Gebot der Stunde: Warnhinweise

    Da es sich um ein kombiniertes Angebot-Nachfrage-Phänomen handelt – ohne den Snack im Regal könnte das Kind den nicht essen und süchtig nach dem Stoff werden –, muss hier ebenfalls die Industrie in die Verantwortung genommen werden: Verpflichtung zu drastischer Reduktion des Zuckeranteils bei gleichzeitigen Warnhinweisen auf den Packungen, was alles passieren kann, wenn man den Konsum nicht drosselt. Und weg mit der speziell auf Kinder zielenden Süßigkeitenwerbung im TV. Die ist von den gesundheitlichen Auswirkungen her als genauso problematisch wie Alkoholspots einzustufen. Und mir jetzt nicht mit der Mündigkeit der Verbraucher kommen. Kinder sind alles mögliche, aber bestimmt nicht mündig.

    Mir leuchtet partout nicht ein, weshalb wir auf jeder Wurst und jedem Käse minutiös über die Inhaltsstoffe informiert werden, aber auf Mars, Snickers, Bounty, Kinderüberraschungseiern nicht klar und deutlich draufsteht, wie viele Kalorien und Zucker darin enthalten sind, und wie lange wir benötigen, um das Zeug wieder zu verdauen. Weshalb Ekelbilder einzig auf Zigarettenpackungen und nicht ebenfalls auf Chips und Erdnussflips? Warum keine Zuckersteuer und keine Preisaufschläge auf krankmachende Süßigkeiten? Totenköpfe auf Coke und Pepsi: könnte ich mit leben.

    Mehr Sport und Ernährungskunde an den Schulen

    Bei Eltern, die tatenlos zusehen, wie ihre Söhne und Töchter sich dem BMI 30 annähern, müssen Lehrer und im Wiederholungsfall das Jugendamt vorstellig werden. Zehn- oder gar Zwölfjährige, die beim 1000m-Lauf bereits nach einer Runde um den Platz entkräftet und weinend zusammenklappen, gab es zu meiner Schulzeit nicht. Heute ist dieses konditionelle Unvermögen so normal, dass die Pädagogen bloß noch resignierend mit den Schultern zucken. Sehr viel dringender als schnelles Internet und Hotspots benötigen wir deshalb deutlich mehr Sportunterricht und Ernährungskunde an den Schulen. Am besten flankiert von einer Kampagne: TK-Pizza und nachmittags auf der Couch rumlungern sind total uncool!

    Ein wichtiges Betätigungsfeld für einen Gesundheitsminister. Herr Spahn könnte sich mit einem bundesweiten Aktionsplan „BMI an den Schulen runter“ hundertpro große Meriten erwerben. Vielleicht sagt ihm das mal jemand; denn Meriten mag er eigentlich sehr gerne. Aber eher wird der Papst das Zölibat aufheben, als dass wir erleben dürfen, wie die Politik der täglichen Vergiftung unserer Kinder durch Cola und Schokoriegeln den Kampf ansagt.

    Also fressen wir munter weiter und wundern uns nicht, dass die Konfektionsgröße XL demnächst kontinentaleuropäisches Standardmaß sein wird.

  • Homöopathie und Wirkung

    Homöopathie und Wirkung

    Kollege Heinrich Schmitz gehört zu den tapferen Streitern für die Wahrheit und das Licht der Aufklärung. Todesmutig hat es sich gestern an das Thema Homöopathie herangewagt. Er selbst meint in einem Facebook-Post, damit sei er etwa so mutig wie jemand, der sich trauen würde, mit einem „Fuck Erdogan“-T-Shirt durch Ankara zu laufen. Das war natürlich nur metaphorisch gemeint, am Ende vielleicht gar nur eine scherzhafte Übertreibung, die aber irgendwie nahelegen soll, dass der öffentliche Konsens in Deutschland in einer Anerkennung oder gar Bevorzugung der Homöopathie bestehen würde, während es die Gegner der Homöopathen hierzulande schwer hätten, sich Gehör zu verschaffen.

    Meine Wahrnehmung ist allerdings eine andere. Ich halte Homöopathie-Kritik in Deutschland, ebenso wie die Kritik an allen anderen Praktiken des Problemlösens, die nicht den Anschein erwecken, sich auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu berufen, eher für langweiliges Alltagsgeschreibe. Kritik an „unwissenschaftlichen“ Methoden des Heilens und Hoffens ist wohlfeil. Die Kritiker der so genannten Scharlatane scheinen mir immer sehr große Strohmänner zu bauen, von denen sie sich dann bedroht fühlen können und auf die sie tapfer einschlagen.

    Dabei sind ihre eigenen Argumente durchaus dürftig. Daran ändert auch nichts, dass sie sich immer wieder gegenseitig versichern, dass sie überzeugend und wissenschaftlich und damit einfach unschlagbar seien. Schauen wir uns das am Beispiel der Homöopathie-Kritik einmal genauer an.

    Es gibt keinen Wirkstoff

    Der zentrale Begriff der Kritiker ist der der „Wirkung“. Richtige Heilmethoden müssten, wenn sie akzeptabel sein sollten, einem klaren Ursache-Wirkungs-Prinzip folgen, das Mittel muss die Heilung kausal verursachen. Das heißt, es muss irgendwie einen plausiblen Wirkmechanismus geben, den die Naturwissenschaften im besten Falle sogar bereits durchschaut haben, nach dem das Mittel, der so genannte Wirkstoff, die Heilung des Kranken verursacht.

    Klingt plausibel, ist es aber nicht. Ausgerechnet die Naturwissenschaften, allen voran die Physik, haben sich von der Kausalität, dem Prinzip, dass es bestimmte Ursachen gibt, die bestimmte Wirkungen haben, bereits vor rund hundert Jahren verabschiedet. Kein geringerer als Ernst Mach stellte fest, dass es in der Natur keine Kausalität gibt, weil zur Kausalität die Wiederholbarkeit gleicher Bedingung gehört. Die sei aber in der Natur prinzipiell nicht gegeben. Andere Physiker und Wissenschaftstheoretiker haben diesen Standpunkt erweitert und ausgebaut. Inzwischen spricht eigentlich kein Naturwissenschaftler, der über die Grundlagen seiner Disziplin nachdenkt, mehr über Kausalität – außer natürlich, wenn er dem staunenden Publikum von den großen Errungenschaften der Naturwissenschaften erzählt. Aber dann denkt er ja auch nicht nach.

    Aber das ist eine andere Geschichte. Für uns hier ist die Einsicht Machs von der Unmöglichkeit der Wiederholung der gleichen Situation besonders interessant. Für die Physik selbst, mit ihren technischen Laborbedingungen, möchte man Mach eigentlich sogar widersprechen, aber im Falle der Biologie und der Medizin ist seine Einsicht sonnenklar. Die Konstellation jedes Patienten ist so einzigartig, dass man von einer Wirkung eines Medikaments in dem Sinne, dass genau dieser „Wirkstoff“ Ursache für eine Heilung von der Krankheit ist, niemals seriös sprechen kann. Das gilt selbst dann, wenn man über eine Theorie verfügt, die halbwegs beschreibt, was in einer idealen Situation im menschlichen Körper passiert, wenn die Chemikalie, die wir den „Wirkstoff“ nennen, mit den Chemikalien im Körper zusammentrifft.

    Aber warum ist die Medizin dann so erfolgreich?

    Nun wird Heinrich Schmitz an dieser Stelle eine Menge einzuwenden haben, und einige seiner Einwände, oder die von tapferen Mitstreitern, können wir hier sogar vorwegnehmen.

    Etwa der Einwurf, dass uns aber von einer Menge von Chemikalien bekannt ist, was bei ihrem Zusammentreffen mit den Chemikalien im Körper passiert, und dass die Erfahrung millionenfach bestätigt hat, dass dies eigentlich fast immer wirklich passiert, dass also die so genannte evidenzbasierte Medizin doch erfolgreich sei. Dem ist auch gar nicht zu widersprechen. Es ist gut so, dass das so ist, es ist gut, dass es Anti-Baby-Pillen gibt, die „wirken“, kaum ein Mann wird das bestreiten. Es ist gut, dass es Impfungen gegen alle möglichen schrecklichen Krankheiten gibt.

    Es ist sehr gut, dass es Ibuprofen gibt. Auch ich sage, wenn die Kopfschmerzen nachlassen, dass Ibu wirkt, auch wenn ich weiß, dass es komischerweise manchmal nicht wirkt, und dass auch das Wasser, das ich dazu trinke, gegen Kopfschmerzen hilft, und die frische Luft und auch einfach die Zeit, die vergeht, und die der Körper nutzt, um die Gifte vom Vorabend abzubauen und auszuscheiden.

    Das alles zeigt schon, dass es eben kaum möglich ist, von der Wirkung des Medikaments zu sprechen, dass es vielmehr ganz viele Prozesse sind, die zusammenspielen und die uns oft eine Wirkung auch nur vorgaukeln.

    Und dass oft genug die Wirkung, vorgegaukelt oder nicht, eben auch ausbleibt, wissen wir auch aus Erfahrung. Dann sagt der Arzt, dieses Medikament „schlägt bei diesem Patienten nicht an“. Und probiert etwas anderes. Warum das eine „wirkt“ und das andere „nicht wirkt“, weiß er nicht. Eigentlich verweist genau diese medizinische Praxis darauf, dass es in der Natur tatsächlich keine Wirkung, keine Kausalität gibt, wie Ernst Mach es eben auch vor 100 Jahren schon bemerkt hat.

    Ist Medizin eine Naturwissenschaft?

    Aber, so könnte der nächste Einwand lauten, in den „richtigen Medikamenten“ ist wenigstens überhaupt irgendwas drin, was „wirken“ könnte, mal dahingestellt, ob es nun tatsächlich wirkt, oder nicht. Da ist eben wenigstens eine Chemikalie drin, die im Körper irgendwie in ein Zusammenspiel mit anderen Chemikalien kommen könnte, ein Zusammenspiel, an dessen Ende eben die Heilung des Patienten stehen könnte. Und so ein Inhalt fehlt doch in der Homöopathie.

    Dieser Einwand geht davon aus, dass Medizin vorrangig eine naturwissenschaftliche Angelegenheit ist, und dass Heilung eine Sache von physiologischen Prozessen sei, nicht mehr. Auch zur evidenzbasierten Medizin, zur so genannten Schulmedizin, gehört aber weit mehr. Niemand weiß, ob zur „Wirksamkeit“ oder „Wirkungslosigkeit“ einer Behandlung im Einzelfall nicht wesentlich dieses außerphysiologische, das Vertrauen zwischen Arzt und Patient, der Wille zum Gesundwerden, der Einfluss von Stimmungen und sozialen Situationen, gehört.

    Auch zur „Wirkung“ eines Medikaments voller chemischer „Wirkstoffe“ kann wesentlich beitragen, dass es von einer wissenschaftlich autorisierten Respektsperson verschrieben wurde, und dass es in einem Verfahren entwickelt wurde, an das der Patient glaubt, ohne es zu verstehen. Die Situation des Patienten gegenüber seinem Arzt und den pharmazeutischen Verfahren unterscheidet sich subjektiv nicht wesentlich von der, die der Kranke gegenüber seinem Homöopathen einnimmt. Niemand weiß, wie groß der Beitrag des Glaubens an der Wirkung pharmazeutischer Präparate ist.

    Der Unsinn der klinischen Studien für Homöopathie

    Aber, so wird man jetzt sofort einwenden, diese Wirkung wird doch durch objektive klinische Studien belegt, durch die berühmten doppelt verblindeten Studien, bei denen die Wirksamkeit eines Präparats bestimmt werden kann.

    Wenn man genau über das nachdenkt, was seit Mach über die fehlende Kausalität in der Natur gesagt wurde, kann man sich eigentlich nur wundern, dass jemand überhaupt etwas auf diese Studien gibt. Denn die Grundidee dieser Studien ist genau die Wiederholbarkeit. Sie setzen voraus, dass die Probanden alle gleich sind, dass sie alle die gleiche Krankheit haben und dass sie alle auf die gleiche Art auf das Medikament reagieren müssten, wenigstens im „statistischen Mittel“. Dass eine Behandlung eine hochindividuelle Sache ist, bei der zwei verschiedene Patienten eigentlich nie auf exakt die gleiche Weise gesund werden, wäre eine Sicht, die dem Prinzip der klinischen Studie genau zuwider läuft. Ein individueller Ansatz, bei dem ein Arzt die gesamte konkret-individuelle Situation des Patienten mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen abgleicht und daraus eine Behandlungsentscheidung ableitet, ist mit der klinischen Studie nicht überprüfbar.

    Es ist interessant, einmal darüber nachzudenken, welcher Begriff von Gesundheit eigentlich der Idee der klinischen Studie zugrunde liegt. Es ist eine Art „Volksgesundheit“ – denn bei der klinischen Studie gilt als gesundmachend, was bei einer statistisch signifikanten Mehrheit von Testpersonen hilft. Medikamente werden also anerkannt, wenn nach ihrer Einnahme viele Menschen wieder gesund werden. Dabei wird angenommen, dass die alle genau gleich „funktionieren“ und auch auf die gleiche Weise krank sind. Medikamente, die sehr individuell helfen und bei der großen Masse nicht wirken würden, können eine klinische Studie niemals bestehen. Dass Medikamente, die zwar den klinischen Test bestehen und somit zur Volksgesundheit beitragen, bei einigen Patienten vielleicht sogar eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auslösen, wird unter „Nebenwirkungen“ notiert.

    Es gibt eine Reihe von Behandlungsmethoden auch in der nicht-alternativen Medizin, bei der eine doppelt-verblindete klinische Studie nicht möglich ist. Umso individueller die Medizin wird, desto weniger werden statistische Studien Aussagekraft haben. Es gibt zudem auch eine Menge von Behandlungsmethoden, bei denen es keinerlei chemische, biologische oder auch nur physikalische Eingriffe in das Zusammenspiel der physiologischen Prozesse im Menschen gibt. Wer mit dem Argument, dass in Globuli keine chemisch nachweisbaren Wirkstoffe enthalten seien, gegen die Homöopathie zu Felde zieht, muss auch gegen Psychotherapeuten und Psychologen, die mit Gesprächen, Aufgaben und Spielen arbeiten, vorgehen.

    Aber was ist mit dem Wassergedächtnis bei der Homöopathie?

    Aber, so könnte man hier einwenden, die Homöopathen behaupten doch, dass die Homöopathie irgendwie physisch wirkt. Sie reden vom Wassergedächtnis und behaupten, dass das dann im Körper wirkt. Das ist richtig, und das ist auch der Grund, weshalb ich selbst noch nie zu einem homöopathischen Mittel gegriffen habe. Denn auch für mich muss das Heilverfahren, dem ich mich aussetze, irgendwie plausibel sein. Für mich persönlich ist Homöopathie nicht plausibel, ebenso wenig wie Akupunktur, Besprechen und Pendeln. Dabei bin ich mir durchaus darüber im klaren, dass es Zusammenhänge geben kann, die ich eben nicht kenne und die mein kleiner Geist sich auch nicht vorstellen kann. Es steht auch den Homöopathen und ihren Patienten frei, an solche Zusammenhänge zu glauben und auf Basis der Zusammenhänge und ihres Glaubens daran gesund zu werden.

    Was ist Gesundheit?

    Damit kommen wir zur letzten zentralen Frage, zu dem wichtigen Begriff, der die ganze Zeit im Hintergrund steht und der auch bei Heinrich Schmitz ja von großer Bedeutung ist: Gesundheit.

    Für Homöopathie-Gegner scheint Gesundheit irgendwie etwas objektives und messbares zu sein. Ob ich gesund bin und vor allem, ob mich ein Heilverfahren gesund gemacht hat, kann ich in dieser Lesart keineswegs selbst bestimmen. Denn dass sich die Mehrzahl der Patienten nach einer homöopathischen Behandlung besser fühlt, zählt für die Kritiker ganz und gar nicht. Es zählt nur die statistische Volksgesundheit. Ob jemand gesund ist oder nicht, entscheidet der medizinische Test und nicht das subjektive Wohlbefinden.

    In wessen Interesse ist so ein statistisch-objektiver Gesundheitsbegriff? Einer freiheitlich-liberalen sozialen Ordnung ist er jedenfalls fremd. So, wie es jedem frei steht, nach seinem individuellen Glück zu streben, so steht es auch jedem frei, sich als gesund zu bestimmen, den eigenen subjektiven Eindruck des Wohlbefindens als sicheren Ausdruck des Gesundseins zu erleben. Denn Glück und Gesundheit gehören zusammen. Man kann Menschen sehr unglücklich damit machen, wenn man ihnen sagt, dass sie krank sind.

    Hier wäre der richtige Moment, über die leidige Praxis der bürokratischen Krebsscreening-Verfahren zu schreiben, aber auch das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist: Was gesund ist und was krank ist, darf nicht gesellschaftlich-politisch festgelegt werden, das ist eine Entscheidung des selbstbewussten und reflektierenden Subjekts. Und so ist es auch mit den Wegen, die zur Gesundheit führen. Zur Würde und zur Autonomie des Menschen gehört auch, dass er selbst bestimmen darf, was ihn gesund macht.

  • Raucht doch!

    Raucht doch!

    Dass ich vorige Woche beim Philosophicum Lech im Ausland war, habe ich eigentlich nur an einer Tatsache bemerkt: An der Hotelbar, die für fünf Tage zur Philosophen-Bar erklärt worden war, durfte geraucht werden. Den Moment, als der erste am Tresen ganz selbstverständlich seine Zigarettenschachtel aus der Tasche holte, sie öffnete, eine Zigarette entnahm und entzündete und sich dabei ganz selbstverständlich weiter unterhielt, werde ich nicht vergessen: Es schien mir so unglaublich, als wenn er mit der gleichen Selbstverständlichkeit sein Hemd aufgeknöpft, ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt hätte und nun mit nacktem Oberkörper neben mir sitzen würde. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass das Rauchen in öffentlichen Räumen in Österreich offenbar nicht in gleichem Maße verboten ist, wie in Deutschland. Wobei ich gar nicht weiß, ob es hierzulande verboten ist, sich an der Bar seines Hemdes zu entledigen, jedenfalls verbietet es sich.

    Verboten und verfolgt

    Das Rauchen befindet sich also in Deutschland, wohl auch überhaupt in Europa wie auch in Nordamerika auf dem Rückzug. Es ist verboten, es wird verfolgt, es wird staatlich mit einer Konsequenz bekämpft, die man sich bei anderen Themen wünschen würde. Es scheint kaum etwas Schlimmeres zu geben, als das Rauchen.

    Mir ist es angenehm, dass nicht geraucht wird, denn ich bin Nichtraucher. Ich gebe allerdings zu, dass ich mich mit der Tatsache arrangiert hatte, dass manche Orte ohne Zigarettenqualm und Tabakdunst kaum vorstellbar waren, Kneipen etwa, oder eben Bars, an denen man saß und philosophierte. Und es sei auch gestanden, dass ich mich dort in Lech sehr schnell wieder an die buchstäblich besondere Atmosphäre gewöhnt hatte, die durch die Mischung aus verbrauchter Luft, verbranntem Tabak und tiefsinnigem Stimmengewirr entstand.

    Derweil werden die Raucher hierzulande ausgegrenzt, und das gibt Anlass zum Nach- und Weiterdenken. „Drinnen spielt die Kapelle, draußen die Musik“ – so ungefähr lautete vor einiger Zeit ein Werbesologan einer Zigarettenmarke. Sie spielte subversiv mit der Tatsache, dass Raucher „vor die Tür geschickt“ werden – und da draußen, in Sturm und Kälte, den Gefahren von Wind und Wetter ausgesetzt, das wirkliche Leben bestehen und genießen, während die anderen drinnen ein geschütztes, aber langweiliges Leben leben.

    Das scheint nicht ganz neu, denn schon immer versuchte die Zigarettenwerbung den Raucher zum Abenteurer zu stilisieren. Die Zigarette sollte schon früher als Symbol für die Freiheit, die Weite, das Abenteuer herhalten. Aber eine gewisse, nicht unwichtige Verschiebung findet nun statt: Die brennende Zigarette wird zum Widerstandssymbol, zum Zeichen derer, die die Regeln brechen, die sich dem Mainstream verweigern und ihre eigenen Wege gehen – und damit ein eigenständiges, individuelles, freies Leben wählen.

    Wer will schon ganz gesund sein?

    Vor einiger Zeit gab es eine Plakat-Kampagne, die ganz ohne die Darstellung des Produkts, die brennende Zigarette, auskam, und sich ganz auf die Slogans der Verabschiedung vom grauen Mainstream setzte. Dieser Weg wird in der gegenwärtigen Zigarettenwerbung aufgegriffen: „Mach dein Ding“, „Was ist dein nächster Schritt“ – diese Werbung spielt mit der Herausforderung, die Ausgrenzung anzunehmen, sich als Verweigerer der Masse zu begreifen, anders sein zu wollen als die anderen.

    Dass das Rauchen ungesund ist, weiß inzwischen jeder – aber warum soll man denn die volle Gesundheit überhaupt anstreben? Warum lange leben, wenn ein langes Leben langweilig ist, ohne Leidenschaft, ohne Laster, ohne Lust? Wozu gesund sein? Um zu funktionieren, als Rädchen im Getriebe, um effizient die Gesundheitssysteme zu entlasten, um eine möglichst optimale Leistungsfähigkeit sicherzustellen? Der Verweigerung des rationalen Funktionierens redet die Zigarettenwerbung das Wort – und der Hinweis „Rauchen gefährdet die Gesundheit“ wirkt da schon längst nicht mehr abschreckend oder aufklärend – er ist ein zusätzlicher Werbesologan ganz im Sinne der Zigarettenindustrie und ihrer Kunden, die sich gern irrational, aufsässig und spielerisch verweigern wollen.

    Selbst ein vollständiges Verbot der Zigarettenwerbung würde daran nichts mehr ändern, es würde die brennende Zigarette nur noch mehr zu einem Symbol des Widerstandes, der Auflehnung gegen die technokratisch funktionierende und auf Effizienz getrimmte zweckrationale Welt machen.

    Aber, könnte man einwenden: Das Rauchen ist doch am Ende eine Sucht, von Freiheit ist doch da nichts übrig. Könnte man nicht wenigstens mit Aufklärung über diesen Zusammenhang etwas erreichen? Im Gegenteil: in der Ablehnung der Herrschaft der Zweckrationalität ist die Sucht nach der Droge nämlich am Ende der radikalste Weg. Lieber süchtig als vernünftig.

    Was also tun, wenn man das Rauchen immer noch weiter bekämpfen will – gesetzt, man meint, etwas tun zu müssen? Die Antwort liegt auf der Hand, auch wenn sie paradox klingt: Nichts. Nichts tun ist das beste Mittel gegen die Auflehnung gegen die Herrschaft des zweckrationalen Vernünftig-Seins. Das weiß eigentlich jeder, der sich mit der Unvernunft der Auflehnung schon mal herumplagen musste.

    Raucht doch! Ist uns egal.

    Das wäre die effektivste Methode, den rauchenden Rebellen den Spaß an der Sache zu verderben. Wenn Rauchen keine Rebellion mehr symbolisieren kann, dann fallen eine Menge Gründe weg, sich eine Zigarette anzuzünden. Solange aber die Herrschaft der Vernünftigkeit immer neue Anti-Raucher-Kampagnen und -Gesetze ausdenkt, wird der Tabak-Qualm nicht verschwinden.

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