Schlagwort: Gott

  • Die Plausibilität der Gottesthese

    Die Plausibilität der Gottesthese

    In einer arte-Sendung über die Frage, ob der Glaube glücklich macht, habe ich einen Satz gesagt, der die Gemüter offenbar bewegt, er wurde im Teaser in der Mediathek zitiert, in Hinweistexten auf verschiedenen Portalen und unsere Sonntagskolumnistin Chris Kaiser hat er zu einer eigenen Kolumne angeregt: „Die Gottesthese ist nicht weniger plausibel als die atheistische These“.

    Eigentlich ist der Satz noch zu vorsichtig formuliert, eigentlich müsste ich sagen: „Die These, dass es einen Gott gibt, hat viel mehr Plausibilität als die These, dass er nicht existiert.“ Das Problem ist, dass ich trotz jahrelangem Nachdenken über diese Frage, die zuerst zu meinem Buch „Der plausible Gott“ und dann zu einigen weiteren Vorträgen und Aufsätzen zu dieser Frage geführt hat, selbst keinen sicheren Glauben an Gott gefunden habe. Ich lebe in dem Dilemma, dass ich durch dieses Nachdenken einerseits zu der Überzeugung gekommen bin, dass die Welt, wie sie ist, nur verständlich ist, wenn ich das Wirken eines Gottes annehme, andererseits aber keine Gewissheit über die Anwesenheit dieses Gottes empfinde. Deshalb bleibt meine Formulierung ausgeglichen und vorsichtig.

    Was heißt „plausibel“?

    Wenn es eine Reihe von ganz unterschiedlichen Beobachtungen und Tatsachen gibt, die letztlich unerklärlich sind, diese alle aber durch die These der Existenz eines bestimmten Dings oder Wesens oder Objektes oder – im ganz ursprünglichen Sinn – Subjektes (lateinisch subiectum, Übersetzung des altgriechischen ὑποκείμενον hypokeímenon – das Zugrundeliegende) verständlich werden, dann ist es plausibel, die Existenz dieses Subjektes anzunehmen, auch wenn man es selbst nicht sehen kann. Dass die Beobachtungen und Tatsachen verständlich werden, besagt dann aber auch, dass man über dieses plausible Subjekt mehr sagen kann, als dass es einfach irgendwie existiert. Verständlich werden die Dinge nur, wenn man ein bestimmtes Subjekt annimmt – also doch wieder etwas anderes als das selbst Eigenschaftslose ὑποκείμενον bei Aristoteles, aber das nur nebenbei.

    Die Gesetzmäßigkeiten

    Was sind nun die grundsätzlich unerklärlichen Beobachtungen? Gern mein man ja, die moderne Naturwissenschaft könne doch irgendwann alles erklären, und Gott wäre nur der Lückenfüller für das, was sie bisher und vorläufig noch nicht erklärt habe. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein – die Naturwissenschaft setzt vielmehr einiges voraus, was sie eben nicht erklären kann, sondern schlicht als gegeben annehmen muss. Sie sucht nach Gesetzmäßigkeiten – aber dass es diese Gesetzmäßigkeiten gibt, kann sie nicht erklären.

    Man kann nun sagen: Aber das ist ja offensichtlich, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt. Auch das ist aber nicht richtig. Gesetzmäßigkeiten werden erst wirklich sichtbar, wenn wir die Welt so einrichten, dass sie in einer geordneten, vereinfachten, technischen Welt sichtbar werden. Die Welt, wie sie den Menschen zunächst begegnet ist, war ziemlich regellos, selbst die Aussage, dass doch jeden Tag die Sonne aufgeht, ist keine selbstverständliche alltägliche Erfahrung, wenn man nicht schon ein Modell im Kopf hat, die auch die trübe Dämmerung an einem nebligen Tag mit der Sonne über den Wolken in Verbindung bringt.

    Aber wir Menschen deuten in das tägliche Chaos nicht nur Regelmäßigkeiten hinein, wir verändern die Umwelt auch noch so, dass die Regelmäßigkeiten wirklich sichtbar werden, und wir nutzen sie zu unserem Vorteil. Damit allerdings haben wir erst ziemlich spät begonnen, ein Vorteil zum Überleben in der Wildnis ist auch nicht, Regelmäßigkeiten zu erkennen, sondern den Einzelfall in seiner Individualität möglichst detailliert zu erfassen.

    Warum also gibt es einerseits diese ziemlich verborgen wirkenden Gesetzmäßigkeiten und warum tauchen in der Evolution Wesen auf, die diese Regelmäßigkeiten entdecken und die Welt so umgestalten wollen, dass sie sie nutzen können?

    Ich und Du

    Das ist erstaunlich, aber an diesen Wesen ist noch mehr Erstaunliches. Denn die Menschen sind nicht nur Gesetzes-Entdecker und Anwender, sie sind sich vor allem ihrer selbst bewusst. Jeder von uns sagt „Ich“ und redet da von einem Idividuum, das nicht einfach ein physischer Körper ist. Darüber hinaus, schauen wir einen anderen an und erkennen ihn als unseresgleichen, wir sind gewiss, dass auch er ein Selbstbewusstsein hat, das wir ansprechen können. Natürlich hat das alles eine auffindbare biologische Substanz, in der das geschieht, die Wissenschaftler sprechen von Neuronenfeuerwerken und Spiegelneuronen. Aber mein Wissen über mich und andere erlebe ich nicht als Neuronenfeuerwerk, sondern als geistige Existenz.

    Wir können heute schon sicher sein, dass diese geistige Existenz keineswegs nötig wäre, um immer komplexere Prozesse hervorzubringen. Aber das ist auch egal, denn die Existenz des geistigen Erlebens meiner eigenen Person und anderer Personen, zudem das Erleben sogar eines Wir, ist etwas völlig anderes als eine naturwissenschaftliche Beschreibung von Prozessen in Neuronen-Netzen.

    Das Gute und das Schöne

    Nun kommt noch etwas Überraschendes hinzu: Diese Wesen können nicht nur durch praktische Nutzung von Gesetzmäßigkeiten ihre Lebensbedingungen verändern, sie erleben das auch noch als „Gut“ und als „Schön“, sie haben ein moralisches und ein ästhetisches Erleben ihrer Umwelt, ihres Tuns und ihrer selbst. Auch da kann man wieder wissenschaftliche Beschreibungen entwickeln, die das irgendwie zu erklären versuchen, aber all diese Erklärungen haben mit dem Erleben des Guten und des Schönen gar nichts zu tun.

    All diese Dinge bleiben in einer Welt ohne Gott unerklärt, nicht vorläufig, nicht bisher, sondern prinzipiell, weil zwischen den Erklärungsmethoden und dem, was da zu erklären wäre, gar kein Zusammenhang besteht. Man merkt es, wenn man sich die verschiedenen Erklärungsversuche ohne Gott, die es in der Menschheitsgeschichte gab, ansieht, sie ähneln sich zum Verwechseln, ob man La Mettries „Der Mensch, eine Maschine“ liest oder die Bücher der Neurowissenschaftler, sie sind eigentlich gleich, und sie kommen nicht mal in die Nähe dessen, was wir erleben, wenn wir Ich, Du, Wir sagen, wenn wir etwas Schönes oder Gutes empfinden.

    Gott als Erklärung

    Im Angesicht dieses Scheiterns kann man nun fragen: Was wäre, wenn diese ganze Welt eine Schöpfung eines Gottes wäre? Dann bekommt all das beschriebene einen Sinn, genauer, wenn wir uns über diesen Gott noch ein paar Gedanken mehr machen: Ein Gott, der Geschöpfe wollte, die ihm ähneln, die selbst schöpfen, schöpferische Geschöpfe sind. Er muss dann die Welt so einrichten, dass sie sie verstehen können, sie muss der Vernunft dieser Geschöpfe zugänglich sein. Somit muss sie sich gesetzmäßig entwickeln, sie darf keine unerklärlichen Wunder enthalten, alle Erfahrungen müssen für den kleinen Geist der Geschöpfe verstehbar sein. Deshalb entsteht diese Welt auch nicht durch einen einmaligen Akt, sondern durch einen langwierigen Prozess, in dem das ganze Universum (in dem es vermutlich viele ähnliche Geschöpfe gibt) sich nach Regelmäßigkeiten entfaltet, die diese Geschöpfe sich verständlich machen können. Zudem brauchen diese Geschöpfe, um überhaupt schöpferisch werden zu können, einen Willen zum Gestalten, sie müssen Ziele haben, Freude an der Erkenntnis, Freude am Gestalten. Deshalb die Fähigkeit, das Schöne zu sehen, vor allem das Schöne des selbst Geschaffenen. Da der Geist dieser Geschöpfe aber begrenzt ist, da ihr Schöpferdrang auch gefährlich werden kann, müssen sie auch in der Lage sein, ein Gefühl für das Gute zu entwickeln, das ihnen Einhalt gebietet, wenn sie die Schöpfung im Kleinen wie im Ganzen zu zerstören beginnen.

    Der Gott, der plausibel ist, ist also einer, der eine Schöpfung wollte, in der Geschöpfe entstehen, die ihm ähneln, nicht äußerlich, sondern als Schöpfer. Er überlässt ihnen einen Teil dieser Schöpfung, sodass sie selbst schöpferisch werden können. Deshalb müssen sie diese Schöpfung verstehen können. Und er gibt ihnen die Freiheit zur Schöpfung, aber zugleich die Fähigkeit, ihr Handeln zu begrenzen, sodass sie ihre eigene Schöpfung nicht zerstören.

    Ein solche plausibler Gott ist sicherlich nicht darauf angewiesen, dass wir an ihn glauben, er straft nicht und er lobt nicht. Er will nicht angebetet werden. Die, die nicht an ihn glauben, sind ihm vermutlich genauso lieb wie die, die ihn verehren. Er vertraut darauf, dass wir unsere Freiheit auf lange Sicht beherrschen, sodass wir uns selbst und das, was wir geschaffen, haben, nicht zerstören.

    Aber so eine Schöpfung ist auch ein Wagnis. Dieser Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau und nur das geschieht, was er will. Da er seine Geschöpfe als Freie und zugleich als Strebende geschaffen hat, muss er das Böse im Menschen auch hinnehmen, und da er will, dass uns die Welt verständlich werden kann, kann er nicht einfach eingreifen, um das Böse zu vernichten. Er muss darauf vertrauen, dass er uns genügend Einsicht, Moral und Empfindung für das Schöne mitgegeben hat, dass wir das selbst immer wieder schaffen.

    Vieles kann ich hier nur andeuten, sonst müsste ich all das, was ich dazu geschrieben habe, noch einmal neu aufschreiben. Dieser Text soll eigentlich nur zum Überdenken von unbefragten Selbstverständlichkeiten anregen, die sich in der „atheistischen These“ verbergen. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die bis hier gelesen haben, jetzt nicht schnell dieses oder jenes mit einem vorschnellen Satz beiseiteschieben, sondern selbstkritisch und skeptisch auf diesen Satz, den sie da äußern wollen, schauen.

  • Gott ist das Wort

    Gott ist das Wort

    Das Evangelium des Johannes beginnt mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.” Es ist vielleicht noch nicht genug darüber nachgedacht worden, dass ausgerechnet Goethe im großen Anfangsmonolog des Faust die Bedeutung des Wortes herunterspielen und durch die Kraft der Tat ersetzen wollte. Für Johannes jedenfalls war Gott und das Wort identisch. Zwar wird von Johannes aus oft auf den Anfang der Schöpfungsgeschichte verwiesen, in der Gott die Welt schafft, indem er spricht. Aber dort sind Gott und das Wort nicht identisch.
    Was für ein Gott ist das, der identisch mit dem Wort ist? Schon der Gott des Alten Testaments schafft nicht einfach stumm eine Welt, vom ersten Moment an ist er ein sprechender Gott. Er schafft durch das Wort, er plant, indem er ausspricht, was entstehen soll, und dieses Aussprechen ist entscheidend für das Entstehen.

    Genesis – die unglaubliche Spekulation

    Aber nicht nur das: Was entsteht, wird sogleich benannt, es erhält seinen Sinn durch die Benennung als Tag und Nacht, als Himmel und Erde.
    Wenn man die Schöpfungsgeschichte vorurteilsfrei liest, ist man überrascht, wie gut sie mit den Theorien der heutigen Naturwissenschaften übereinstimmt. Natürlich kann man sich darüber lustig machen, dass die Alten vor ein paar Jahrtausenden eine Geschichte aufgeschrieben haben, in der angeblich alles innerhalb von sieben Tagen geschaffen wurde. Was aber, wenn in diesem Mythos ein Tag nicht zwingend aus 24 Stunden besteht, sondern etwa einen Abschnitt eines Entwicklungsprozesses bedeutet, in dessen Verlauf ein charakteristischer Schritt abgeschlossen wird? Wir sprechen noch heute von einer Tagung, das Verb „tagen“ hat eine weitere Bedeutung als nur den Beginn eines Tages zu beschreiben. Wenn wir uns von der modernen, genau zugeschnittenen Bedeutung des Worts „Tag“ lösen, dann sehen wir, dass da zuerst aus dem Chaos die Gestirne und die Erde entstehen, sodann Meere und Kontinente, dass später sich Pflanzen und Tiere entwickeln und am Ende der Mensch, der beginnt, sich die Erde „untertan zu machen“.

    Welch eine hellsichtige Spekulation, die da durch die Jahrhunderte weitererzählt und vor mehr als zweitausend Jahren aufgeschrieben wurde! Welche Vorstellung sich die Menschen, die diese Worte von Generation zu Generation weitergetragen haben, sich von ihrem Gott wirklich gemacht haben, wissen wir nicht. Aber ganz ohne naturwissenschaftliche Begründung waren sie sicher, dass nichts, wie sie es kannten, seit Ewigkeiten bestand, dass da zuerst die leblose Materie zu etwas festem werden musste, dass sich dann Wasser sammeln musste und der Kreislauf des Wassers in Gang kommen musste, dass später erst Pflanzen und Tiere entstehen konnten und dass erst am Schluss, vor vergleichsweise kurzer Zeit, sich der Mensch entwickelt hat.

    Gewiss ist auch, dass der Motor dieser Entwicklung, den sie Gott nannten, ihnen durch das Wort bekannt und vertraut war. Das Wort, das waren die alten Geschichten, die Erzählungen, die nicht nur davon berichteten, dass die Menschen nicht schon immer diese Erde bewohnten, dass selbst die Erde und die Sonne nicht unveränderlich und endlos bestanden. Mit dem Wort der Vorfahren erfuhren die Menschen auch von den Regeln, die zu beachten waren, damit die Gemeinschaft weiter existieren konnte. Alles war Wort, war Bericht, war mündliche Anweisung, war gesprochenes Ritual.

    Gott ist das Wort. Die Fähigkeit des Menschen, alte, überlieferte Worte zu verstehen, aus der Vielfalt der Geschichten, Gleichnisse und Metaphern, der Berichte von Versagen, von guten und bösen Handlungen, einen Kompass für das eigene Handeln, ein Verständnis für das Gute, das Schöne und das Wahre zu entwickeln, diese Fähigkeit macht den Menschen zu dem was er ist: ein freies Wesen, das im Handeln einerseits ungebunden ist, sich aber andererseits verbunden und verpflichtet fühlt, gebunden an die Gebote der alten Worte, die als Heilige Schriften überliefert sind.

    Gott: Eine Welt aus Worten

    Worte benennen nicht nur die Dinge. Sie machen die Dinge zu dem, was sie sind. Durch die Worte entsteht erst die Welt, in der der Mensch lebt. Die tiefe Wahrheit, die in dem Schaffen und benennen der Schöpfungsgeschichte steckt, ist, dass durch die Sprache die Welt zu dem wird, was sie ist. Durch die Worte wird aus dem Chaos, der Undurchschaubarkeit, die Welt, in der wir leben und uns einrichten können.

    Und das trifft nicht nur auf die Namen zu, die die Sprache den Dingen gibt, die durch diese Namen zu Gegenständen unseres Denkens und Handelns werden. Das gibt auch für die Dinge, die wir nicht sehen, aber doch erleben können: Freiheit, Liebe, Nachsicht, Mitgefühl, Hass, Trauer, Freude, Hoffnung, Leid, Schönheit, Schrecken. Das Verständnis für diese wichtigen Elemente der Welt haben wir nur durch die Worte der Geschichten und Mythen, durch Märchen, Belehrungen, Gleichnisse gewonnen.

    Der Mensch ist das Wesen, dass solche Überlieferungen verstehen und für sein Handeln zur Grundlage machen kann, ohne erklären zu können, warum er das tut oder wie das „funktioniert“. Keine Evolutionstheorie und keine Naturwissenschaft kann uns erklären, warum das so kommen musste, warum der Mensch einen Sinn für das Gute, Schöne und Wahre entwickelt hat, warum jeder einzelne Mensch fähig ist, sich selbst als Mensch zu verstehen und den Anderen Menschen als ebenso einen Menschen zu erkennen. Warum ich weiß, dass es mich gibt und dass ich manchmal etwas Gutes tue, etwas Schönes sehe, etwas Wahres erkenne.
    Es gibt keinen „Evolutionsvorteil“ das Wissen um das Gute macht uns nicht schneller oder Effektiver, das Erleben des Schönen macht uns nicht satt, das Erkennen des Wahren verlängert nicht das Leben.

    Ich glaube nicht, dass es Gott schon gegeben hat, bevor es Menschen gab, die begonnen haben, eine Welt aus Worten zu schaffen. Aber es ist damit etwas entstanden, was größer ist als der einzelne Mensch und woran er doch Anteil hat. Die Fähigkeit, eine Welt voller Bedeutsamkeit zu errichten, in der etwa die Erzählung von der Geburt, dem Leben und dem Leiden eines Menschen etwas über das Gute, Schöne und Wahre sagt und die Möglichkeit, in den Geschichten und Ritualen, die sich um das Leben dieses Menschen entwickeln, ist tatsächlich unverständlich besonders. Dass wir gerührt sind von dieser Geschichte, dass wir in dieser Geschichte etwas spüren, das uns bewegt und nicht loslässt, das ist göttlich.

    Man kann dieses Große, das nicht nur den Menschen, sondern auch jede zeitlich und räumlich begrenzte Gruppe von Menschen übersteigt und trotzdem jeden Einzelnen angeht, als Gott bezeichnen. Man kann auch, um Missverständnisse zu vermeiden, versuchen, auf dieses Wort zu verzichten. Aber welches Wort bliebe dann?

  • Heilige Schriften

    Heilige Schriften

    Es gibt Bücher, die sind dir heilig. So ein heiliges Buch kann im Bücherregal stehen, du nimmst es von Zeit zu Zeit liebevoll in die Hand, blätterst darin, liest ein paar Sätze, und ein andachtsvoller Schauer erfasst dich.

    Für mich gab es lange Zeit so ein Buch, es war die Erstausgabe von Christa Wolfs „Sommerstück“. Das Buch war 1989 erschienen, es muss irgendwann im Frühjahr oder Frühsommer gewesen sein, denn ich war noch Student in Berlin. Wir wussten, dass das Buch jeden Tag in die Buchhandlung kommen konnte, so standen wir, ein paar Studenten, jeden Morgen eine halbe Stunde vor Ladenöffnung am „Internationalen Buch“, warteten, bis sich die Tür öffnete und die Verkäuferin sagte: „Ist noch nicht da“ . Bis zu dem Tag, wo sie das eben nicht mehr sagte, sondern uns zu dem kleinen Stapel vorließ, von dem jeder von uns nun ein Exemplar nahm, bezahlte, und glücklich verschwand.

    Das „Sommerstück“ war ein schönes Buch, der Einband, das Schriftbild, alles war schön. Außerdem enthielt es Zeichnungen – von wem, weiß ich nicht mehr. Und die Sprache hat mich bezaubert, die Geschichte hat mich berührt.

    Irgendwann war das Buch verschwunden, ich weiß nicht mehr, habe ich es verliehen, oder habe ich es sogar verschenkt? Während ich dies schreibe, will ich sogar glauben, dass ich es verschenkt habe. Jedenfalls ist es nicht mehr da, ich habe mir irgendwann eine Taschenbuchausgabe gekauft. Ich habe noch nicht hineingesehen.

    Buch oder Schrift

    Das Wort „Buch“ ist doppeldeutig, es bezeichnet einen physischen Gegenstand, ein Stapel Papier, bedruckt zumeist mit Schrift, und ein Einband, vielleicht aus Pappe, vielleicht mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Buch kann ein heiliger Gegenstand sein, eine Reliquie.

    Aber wenn einer ein Buch geschrieben oder ein anderer ein Buch gelesen hat, dann meint man nicht dieses Papierding, sondern die Schrift darin, den Text. Wenn jemandem so ein Text heilig ist, könnte er ihn als seine heilige Schrift bezeichnen.

    Ich scheue mich davor, zuzugeben, dass es für mich heilige Schriften gibt. Wenn ich so vor meinem Bücherregal stehe und auf die Buchrücken schaue, wenn ich dieses oder jenes Buch herausziehe und darin blättere, dann muss ich mir allerdings eingestehen, dass es Texte gibt, die einen gewissen heiligen Status für mich haben. Gedichte von Rilke, ja, und, ich muss es zugeben, auch „Sein und Zeit“ und einige Vorlesungen von Heidegger, „Der Satz vom Grund“ etwa, oder „Was heißt Denken?“. Auch einige Schriften des Aristoteles gehören dazu. Natürlich will ich das sofort relativieren, kaum, dass ich es hingeschrieben habe.

    Was ist das „Heilige“?

    Wenn zwei zusammenkommen, denen die gleichen Schriften heilig sind, dann bildet sich Gemeinschaft. Man liest sich gegenseitig den einen oder anderen Abschnitt vor, sieht die leuchtenden Augen des Anderen, merkt, dass man einander durch und in diesen Texten versteht. Und man ist verwundert und berührt von der Tatsache, dass ein paar Worte, vor langer Zeit geschrieben, den Autor mit uns hier und jetzt zu einer Gemeinschaft vereint.

    Das ist ja überhaupt das Heilige: Dass es auf intuitive Weise Gemeinschaft herstellt, mit anderen, die anwesend sind, aber auch mit denen, die schon zuvor dieses Heilige erfahren haben. Man ist dann geneigt, ja, man kann vielleicht nicht mal umhin, intuitiv zu verstehen, dass es eine Idee geben muss, die in diesem heiligen Werk lebt, eine Idee, die die einzelnen Menschen überdauert, und dass es diese Idee ist, die die Gemeinschaft derer, die von diesem Heiligen erfasst werden, erzeugt und sicherstellt.

    Damit sind wir im Bereich der Religionen angekommen, und gleichzeitig an einer Stelle, die den Philosophen immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und diese merkwürdige Verwandtschaft zwischen Philosophie und Theologie erklärt. Denn wie es sein kann, dass solche Ideen über Jahrhunderte hinweg existieren, dass wir heute spüren, dass schon Aristoteles die gleichen Gedanken umgetrieben haben wie uns jetzt, dass sich in einem Rilke-Gedicht etwa ausspricht (ja, es spricht sich aus) was ich erspüren kann – dass es also dieses Reich der Ideen irgendwie wirklich geben muss, dass lässt die Philosophen schlaflos sein, während die Theologen einfach Gott dazu sagen. Die Gemeinschaft, die sich um eine bestimmte Heilige Schrift herum bildet, ist dann eben eine Religions-Gemeinschaft, deren Anhänger sich darüber einig sind, dass genau in dieser Schrift die Ideen ihres Gottes sprechen.

    Religiöse Züge

    So weit, so gut, und wir sagen nicht umsonst, dass die Verehrung eines Dichters oder Denkers hier und da „religiöse Züge“ annimmt. Diese Art von Religiosität ist vielleicht wirklich eine zutiefst menschliche Angelegenheit, die die Identifikation und Gemeinschaft mit weit entfernten und längst verstorbenen Menschen eben über diese gemeinsamen Ideen, die uns Sterbliche überdauern, ermöglicht. Das ist ganz wunderbar, und wir täten gut daran, das Phänomen der Religiosität aus der Enge der Kirchen herauszuholen und es viel allgemeiner und selbstverständlicher zu beschreiben.

    Aber nicht in diesem Text. Denn hier soll es denn doch noch um die Schriften gehen, die den großen Glaubensgemeinschaften heute als heilig gelten: Die Bücher und Evangelien der Bibel etwa, oder der Koran.

    Diese Schriften, so heißt es, sind von einem Gott selbst geschrieben oder wenigstens diktiert. Sie sind deshalb unumstößlich wahr, und soweit sie Anweisungen für das praktische Leben enthalten, sind diese von denen einzuhalten, die sich zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft zählen.

    Idee oder Gott

    Man muss nicht an einen aktiv schreibenden oder diktierenden Gott glauben, um die Entstehung einer Heiligen Schrift zu verstehen und zu akzeptieren. Nimmt man an, dass es Ideen gibt, die unabhängig von konkreten Menschen und deren Einzelzielen und Anschauungen existieren (etwa die Idee der Freiheit, die der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit, der Liebe, der Freundschaft, des Glücks und des guten Lebens), dann kann man sich die Entstehung einer heiligen Schrift auch so vorstellen. Ein Autor, der die wichtigen Ideen der Gemeinschaft besonders intensiv und direkt erkannt hat und zudem die Fähigkeit besaß, diese Ideen in bildhafter Sprache und in verständlichen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, hat diese Texte geschrieben. Der Autor kann dieses Schreiben durchaus als intuitives Erkennen der Ideen, als Sprechen der Ideen zu ihm und durch ihn, erlebt haben. Durch die Akzeptanz der Gemeinschaft ist zudem gesichert, dass es tatsächlich diese Ideen der Gemeinschaft sind, die unabhängig vom Autor da sind, die aus dem Text sprechen.

    Wie auch immer, damit diese Texte verständlich sind, müssen sie an das Leben der aktuellen Gemeinschaft, an ihre konkrete Erfahrung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise anknüpfen. Auch ein Gott muss, um sich seinen Gläubigen verständlich zu machen, in ihrer Sprache sprechen, muss in Gleichnissen reden, die ihrem Alltag und ihrem Weltverständnis entnommen sind.

    Gott muss alltäglich sprechen

    Wenn also spätere Generationen die Ideen einer heiligen Schrift verstehen wollen, müssen sie sie deuten. Man muss sie nicht einmal in die heutige Welt „übersetzen“, aber man muss die Idee aus dem Text herausdeuten. Der pure Text kann nicht die Botschaft sein. Auch wenn ich heute bei Aristoteles etwas über seine Idee der Demokratie erfahren will, muss ich seine Welt und die seiner Mitdenker in mein Denken mit hineinholen. Jede heilige Schrift ist Gleichnis in der Welt ihres Entstehens, die Idee, die sie ausspricht, muss neu erspürt werden. Das eigentlich Wunderbare ist ja, dass das wirklich geht.

    Auch diejenigen also, die sich immer wieder gern aus moderner Sicht über alte heilige Texte lustig machen, zeigen nur, dass sie das Wesen einer Heiligen Schrift nicht verstanden haben. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments etwa, in der Gott in sieben Tagen die Welt erschuf, halten sie von der modernen Naturwissenschaft für widerlegt. Aber versetzen wir uns einmal in die Lage Gottes, der den Menschen vor ein paar tausend Jahren erklären wollte, dass auch diese Welt, so wie sie heute ist nicht ewig existierte. Wir Heutigen haben natürlich eine gewisse Vorstellung davon, was Millionen oder Milliarden Jahre sind, aber in einer Zeit ohne Geschichtsschreibung, ohne Archäologie oder Geologie, wie sollte man da die Idee vom Werden der Welt erklären? Wenn man das in Betracht zieht, dann ist es eigentlich ganz faszinierend, wie genau die Schöpfungsgeschichte mit dem heutigen naturwissenschaftlichen Denken übereinstimmt: erst die Entstehung von Sonne und Erde, die Notwendigkeit des Lichts und des Wassers, dann die Pflanzenwelt, dann erst die Tierwelt und schließlich der Mensch. So falsch ist das nicht, und wenn man bedenkt, dass die Autoren dieser Schriften wirklich keinen einzigen empirischen Hinweis hatten, dass es so gewesen sein muss, dann muss man staunen über die Intuition dieser Denker.

    Aber auch diejenigen, die die Heiligen Schriften akzeptieren und als Vor-Schriften für Ihre Gemeinschaft nehmen, müssen sich vergegenwärtigen, dass ihr Gott zu ihnen hier und heute anders sprechen würde, in anderen Bildern, anderen Gleichnissen, und dass er ihnen auch andere Vorschriften machen würde, die in die heutige Welt passen. Sie müssen die Ideen hinter den Geschichten erspüren, die universellen Normen hinter den Gesetzen, die in einer ganz bestimmten Zeit formuliert worden sind.

    Viele Heilige Schriften – und immer die gleichen Ideen

    Vielleicht würde es ihnen auch helfen, wenn sie sich vorstellen könnten, dass dieser Gott an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Heilige Schriften geschrieben hat, und dass sie nur durch die Zusammenschau all dieser Texte zu der Idee kommen können, die ihnen ihr Gott auch heute mit auf den Weg geben will. Und vielleicht stecken diese Ideen ja auch in anderen Schriften, denn der Gott, zu dem die einen oder anderen beten, ist ja universell, er kann auch zu Menschen sprechen, die nicht an ihn glauben. Vielleicht ist ja selbst dieser Text hier von diesem Gott diktiert.

    Oder er ist eben ein Ausdruck einer allgemeinen Idee, die auch in diesem Text lebt, die mich aus meinen heiligen Schriften anweht und die mich, auch durch diesen Text, überdauert.