Schlagwort: Graphic Novel

  • Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    „Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.“

    Mit diesem Satz beginnt 1967 eine der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte. Kein Knall, kein Angriff einer außerirdischen Flotte, kein Held mit Superkräften. Stattdessen eine nüchterne Beschreibung einer fernen Zukunft: Die Menschheit hat die Grenzen des eigenen Planeten längst überwunden, Zeitreisen sind möglich, unbekannte Welten warten darauf, entdeckt zu werden.

    Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft sind zwei Agenten unterwegs, die im Auftrag des Raum-Zeit-Service das Gleichgewicht der Geschichte bewahren sollen: Valerian und Laureline.

    Eine Serie, die in Deutschland viele Leser allerdings zunächst unter einem anderen Namen kennenlernten: Valerian und Veronique. Warum aus der französischen Laureline eine deutsche Veronique wurde, gehört zu den zahlreichen Kuriositäten der deutschen Comicgeschichte.

    Vom Jugendzimmer ins Weltall

    Meine erste Begegnung mit den beiden Raumzeitagenten fand Anfang der 70er Jahre statt, als die Serie im Magazin ZACK erschien. Damals war die Welt der Comics noch eine andere. Man wartete eine Woche auf die nächste Fortsetzung, verschlang die großformatigen Seiten und ließ sich von Zeichnungen verführen, die größer waren als die eigene Fantasie.

    Heute wirkt das fast altmodisch.
    Damals war es Magie.

    Denn Valerian war kein Comic, den man einfach las und wieder weglegte. Diese Welten blieben im Kopf. Die fremden Wesen, die gigantischen Städte, die unbekannten Planeten – alles fühlte sich an wie eine Einladung, selbst durch das Universum zu reisen.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Zwei Freunde, zwei Talente, ein Universum

    Dass Valerian & Laureline überhaupt entstehen konnte, ist fast so ungewöhnlich wie die Geschichten selbst.

    Pierre Christin und Jean-Claude Mézières wurden beide 1938 geboren und lernten sich bereits als Kinder kennen – in einer denkbar ungewöhnlichen Situation. Während des Zweiten Weltkriegs saßen die beiden Jungen in einem Luftschutzkeller im Osten von Paris, während allierte Bombenangriffe die, von der Wehrmacht besetzte, Stadt erschütterten. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die Jahrzehnte später zur Geburtsstunde einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Serien führen wird.

    Nach dem Krieg gingen die beiden zunächst unterschiedliche Wege. Pierre Christin interessierte sich für Literatur, Politik und gesellschaftliche Zusammenhänge. Er studierte an der Sorbonne und wurde später Professor für Journalismus und Kommunikation. Seine große Stärke lag in den Geschichten: in den Ideen, den politischen Hintergründen und den Fragen, die hinter den Abenteuern standen.

    Jean-Claude Mézières dagegen fand seine Heimat im Zeichnen. Er besuchte das Institut des Arts Appliqués in Paris und entwickelte früh eine besondere Leidenschaft für Comics und Illustration. Wie viele Künstler seiner Generation zog es ihn in den 60er Jahren in die USA. Dort arbeitete er unter anderem als Illustrator und lernte die amerikanische Comic- und Popkultur aus nächster Nähe kennen.

    Der entscheidende Moment kam Mitte der 60er Jahre. Beide hielten sich unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten auf und verabredeten sich für ein Treffen am Großen Salzsee in Utah. Dort entstand die Idee, gemeinsam eine Science-Fiction-Serie zu entwickeln. Die Inspirationen waren vielfältig: klassische Science-Fiction-Filme wie „Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“), „Metaluna IV antwortet nicht“ („This Island Earth“), die fantastische Welt von „Barbarella“ sowie die Romane von Autoren wie Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt und John Wyndham.

    Doch Christin und Mézières kopierten ihre Vorbilder nicht. Sie entwickelten etwas Eigenständiges. 1967 erschien in der französischen Comiczeitschrift „Pilote“ die erste Geschichte „Schlechte Träume“. Was zunächst wie ein klassisches Weltraumabenteuer beginnt, entwickelt sich im Lauf weniger Jahrezu einer intelligenten Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Satire und philosophischer Betrachtung.

    Christin lieferte die komplexen Welten und die politischen Untertöne. Mézières gab diesen Welten ein unverwechselbares Gesicht. Seine Zeichnungen waren gleichzeitig futuristisch und lebendig. Seine Städte wirkten nicht wie sterile technische Konstruktionen, sondern wie gewachsene Organismen. Seine Außerirdischen waren nicht einfach Monster oder exotische Staffage, sondern eigenständige Kulturen mit individuellen Formen, Lebensweisen und Geschichten. Gemeinsam erschufen die beiden Freunde über vier Jahrzehnte mehr als zwanzig Abenteuer von Valerian und Laureline. Eine bemerkenswerte Zusammenarbeit: ein Autor, der über die Zukunft nachdachte, und ein Zeichner, der ihr ein Gesicht gab.

    Oder anders gesagt: Pierre Christin erfand die Fragen.
    Jean-Claude Mézières zeigte uns die Welten, in denen sie gestellt wurden.

    Chronologie einer außergewöhnlichen Saga

    Christin und Mézières erweiterten den Handlungsraum der Serie über vier Jahrzehnte hinweg. Insgesamt entstanden mehr als zwanzig Abenteuer, in denen sich nicht nur die Figuren veränderten, sondern auch die gesamte Erzählweise.

    Die frühen Geschichten waren noch stark vom klassischen Abenteuercomic geprägt.

    Im ersten Abenteuer „Schlechte Träume“ (1967) lernen wir Valerian kennen, einen Raumzeitagenten aus dem 28. Jahrhundert. Während seiner Mission verschlägt es ihn ins mittelalterliche Frankreich des Jahres 1000. Dort trifft er auf Laureline, ein Bauernmädchen, das ursprünglich nur eine Nebenfigur sein sollte – und später zur zweiten Hauptfigur der Serie wird. Schon hier zeigt sich eine Idee, die Valerian später auszeichnen wird: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine getrennten Welten. Alles hängt miteinander zusammen.

    Mit „Die Stadt der tosenden Wasser“ (1968) entwickelt sich die Serie deutlich weiter. Die Geschichte führt die Leser in ein zerstörtes New York des Jahres 1986. Nach einer Katastrophe steigt der Meeresspiegel, ganze Kontinente verschwinden, die Zivilisation zerbricht. Was heute angesichts von Klimawandel und Umweltkrisen erstaunlich aktuell wirkt, war damals eine visionäre Dystopie. Valerian und Laureline müssen verhindern, dass ein Eingriff in die Vergangenheit die Entstehung ihrer eigenen Gegenwart unmöglich macht.

    Mit dem dritten Album „Im Reich der tausend Planeten“ (1969) verlässt die Serie endgültig die Erde. Es beginnt die kosmische Phase von Valerian. Syrtis Magnificus, ein gigantisches Reich aus unzähligen Welten, wird zum Schauplatz eines Abenteuers, das weniger an klassische Weltraumschlachten erinnert als an eine Mischung aus Fantasy, orientalischem Märchen und politischer Allegorie. Hier zeigt sich erstmals die ganze Stärke von Mézières’ Zeichenkunst: fremdartige Kulturen, bizarre Wesen, fantastische Landschaften – eine Galaxis, die nicht wie eine sterile Zukunft wirkt, sondern lebendig und voller Überraschungen.

    Auf Syrtis Magnificus zeigten Christin und Mézières, dass Science Fiction nicht nur aus Raumschlachten besteht. Szenen wie der schwebende Blumenregen gehören bis heute zu den poetischsten Momenten der europäischen Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die Serie wird erwachsen

    In den folgenden Jahren lösen sich Christin und Mézières zunehmend vom reinen Abenteuerformat.

    „Das Land ohne Sterne“ (1972) führt die Helden auf einen Planeten, der von zwei verfeindeten Gesellschaften beherrscht wird. Schon hier geht es nicht mehr nur um Action, sondern um politische Systeme, Ideologien und die Frage, ob Konflikte zwischen Kulturen zwangsläufig sind.

    Mit „Willkommen auf Alflolol“ (ebenfalls: 1972) gelingt einer der großen Klassiker der Reihe. Die Geschichte erzählt von einem Volk, das nach langer Abwesenheit auf seinen ursprünglichen Heimatplaneten zurückkehrt – nur um festzustellen, dass Menschen ihn inzwischen wirtschaftlich nutzen. Eine Science-Fiction-Geschichte über Kolonialismus, Vertreibung und die Frage, wem ein Planet eigentlich gehört.

    Es ist bemerkenswert, wie früh Valerian Themen aufgreift, die Jahrzehnte später zum festen Bestandteil moderner Science-Fiction werden.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die politische Phase

    In den 70er und 80er Jahren wird Valerian immer komplexer.

    „Botschafter der Schatten“ (1975) gilt vielen Fans als einer der Höhepunkte der gesamten Serie. Auf der Raumstation Point Central (so was wie die UN der gesamten Galaxie) treffen Vertreter zahlloser Spezies zusammen. Ein politischer Anschlag bedroht das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Völkern. Was zunächst wie ein klassisches Kriminalabenteuer im All wirkt, entpuppt sich als kluge Parabel über Diplomatie, Vorurteile und die schwierige Suche nach Verständigung.

    Gerade solche Geschichten unterscheiden Valerian von vielen anderen Science-Fiction-Werken. Während Star Wars den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert, interessiert sich Valerian für die Grauzonen dazwischen.

    Nicht jeder Fremde ist ein Feind.
    Nicht jede Zivilisation hat die gleiche Vorstellung davon, was Fortschritt bedeutet.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Der große Bruch: Galaxity verschwindet

    Einen dramatischen Wendepunkt bildet der Zyklus um die Zukunft der Erde.

    In „Die Geister von Inverloch“ und „Der Zorn der Hypsis“ (1984/85) steht plötzlich nicht mehr irgendein ferner Planet im Mittelpunkt, sondern die eigene Heimat der Helden. Die Erde und Galaxity geraten in eine existenzielle Krise.

    Der Raum-Zeit-Service, Symbol der menschlichen Kontrolle über Zeit und Raum, beginnt zu zerfallen. Ausgerechnet die Agenten, die Jahrzehnte lang für die Stabilität der Geschichte gearbeitet haben, müssen erkennen, dass ihre eigene Welt nicht unantastbar ist.

    Diese Entwicklung macht die Serie ungewöhnlich erwachsen. Die Zukunft ist nicht automatisch besser als die Gegenwart. Auch hochentwickelte Zivilisationen können scheitern.

    Galaxity, die Hauptstadt der Erde im 28. Jahrhundert, bildet den Ausgangspunkt der Abenteuer von Valerian und Laureline. Von hier aus beginnt eine der außergewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Eine Saga über Veränderung

    In den späteren Alben wird Valerian endgültig zu einer Geschichte über Verlust und Neubeginn.

    Die Figuren sind nicht mehr dieselben wie am Anfang. Valerian und Laureline werden älter, ihre Beziehung verändert sich, die Grenzen zwischen Held und Beobachter verschwimmen. Die großen Weltenrettungen treten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen geht es um Identität, Erinnerung und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

    Deshalb funktioniert die Serie noch heute.
    Denn hinter all den Raumschiffen, Aliens und Zeitreisen steckt immer eine sehr menschliche Geschichte.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Als Hollywood nach Frankreich blickte

    Wer heute alte Valerian-Alben durchblättert, erlebt ein merkwürdiges Déjà-vu. Da tauchen Raumstationen auf, die an Coruscant erinnern. Riesige Handelsmetropolen voller fremder Spezies. Piloten in schnittigen Gleitern. Maskierte Gestalten, deren Silhouetten verdächtig vertraut wirken. Händler mit langen Ohren und grotesken Gesichtern. Eine Prinzessin mit Frisur, die Leia gut gestanden hätte. Und ein in einer harten Masse konservierter Held – Jahre bevor Han Solo in Karbonit eingefroren wurde.

    Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, George Lucas habe Star Wars einfach bei Pierre Christin und Jean-Claude Mézières abgeschrieben. Lucas nannte als Einflüsse immer wieder die Flash-Gordon-Serials, Akira Kurosawa oder Joseph Campbells Heldenmythos. Doch ebenso wenig lässt sich übersehen, dass die französischen Valerian-Alben bereits seit 1967 Bilder und Ideen präsentierten, die Jahre später in der weit, weit entfernten Galaxis erstaunlich vertraut wirkten. Comic-Historiker und Filmjournalisten haben diese Parallelen immer wieder herausgearbeitet – von der Architektur futuristischer Metropolen über einzelne Figurenentwürfe bis hin zu Raumschiffen und ikonischen Szenen. Eine offizielle Bestätigung blieb zwar aus, doch die Übereinstimmungen sind zahlreich genug, um zumindest von einer bemerkenswerten visuellen Verwandtschaft zu sprechen.

    Noch deutlicher ist der Einfluss auf Luc Besson. Der französische Regisseur war bekennender Valerian-Fan und träumte jahrzehntelang davon, die Serie zu verfilmen. Weil die Tricktechnik der 1980er und frühen 1990er Jahre dafür noch nicht ausreichte, verwirklichte er zunächst eine Art Fingerübung: Das fünfte Element. Jean-Claude Mézières selbst entwarf dafür Konzeptzeichnungen und arbeitete am visuellen Design des Films mit. Wer sich beide Werke anschaut, erkennt sofort die Familienähnlichkeit: die schwindelerregenden Megastädte, die überfüllten Flugkorridore, die Vielfalt außerirdischer Kulturen und die Vorstellung einer Zukunft, die nicht steril, sondern chaotisch, laut und voller Leben ist.

    Zwanzig Jahre später erfüllte sich Besson schließlich seinen Lebenstraum und verfilmte mit Valerian – Die Stadt der tausend Planeten das Werk seiner Jugend. Visuell war der Film oft atemberaubend. Manche Einstellungen wirkten, als hätten sich Mézières‘ Zeichnungen direkt von den Comicseiten gelöst. Doch genau darin lag auch das Problem. Besson gelang es zwar, die Bildgewalt der Vorlage einzufangen, nicht aber ihren Geist. Die intelligente Mischung aus Abenteuer, Gesellschaftskritik und feinem Humor wich einem Effektfeuerwerk, das zwar staunen ließ, emotional aber erstaunlich kühl blieb. Hinzu kam eine für viele Zuschauer wenig überzeugende Chemie der beiden Hauptdarsteller. So entstand ein Film, der das Auge überwältigte, das Herz der Comicfans jedoch nur selten erreichte.

    Doch der Einfluss Valerians endet nicht bei Lucas und Besson, Auch James Camerons Avatar erinnert in seiner Vorstellung fremder, ökologisch geprägter Welten und eigenständiger außerirdischer Kulturen an Ideen, die Christin und Mézières Jahrzehnte zuvor ersonnen hatten. Ebenso finden sich Spuren von Galaxity in modernen Space Operas, deren Stärke weniger in Raumschlachten als im Worldbuilding liegt – in der Kunst also, glaubwürdige Zivilisationen zu erschaffen, die weit über bloße Kulissen hinausgehen. Ob bewusst oder unbewusst: Viele Bilder, die wir heute für typisch Science Fiction halten, tauchten zuerst in den Panels von Jean-Claude Mézières auf.

    Valerian hat das Space-Opera-Genre nie so dominiert wie Star Wars. Geprägt hat die Serie es dennoch. Viele ihrer Ideen sind längst Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden – so selbstverständlich, dass ihr Ursprung oft vergessen wird.

    Bild „Star Wars“ von AdisResic! auf Pixabay

    Mehr als nur ein Comic

    Das größte Verdienst ihrer Schöpfer besteht jedoch darin, gezeigt zu haben, dass gute Science Fiction nicht allein von Technik lebt.

    Sie lebt von Neugier, Fantasie und dem Mut, sich auf das Unbekannte einzulassen.
    Sie lebt von Ideen.Von der Vorstellung, dass hinter dem nächsten Stern eine neue Geschichte wartet. Dass Fremde nicht automatisch Bedrohungen sind. Dass Zukunft nicht nur aus Maschinen besteht, sondern aus Menschen.

    Valerian & Laureline war nie die lauteste Science-Fiction-Saga.
    Aber sicher eine der klügsten.
    Und wer heute eines der alten Alben aufschlägt, merkt schnell: Manche Zukunftsvisionen altern nicht.
    Sie warten einfach darauf, wieder neu entdeckt zu werden.
    +++

    STECKBRIEF

    Originaltitel: Valérian et Laureline (bis 2007: Valérian, agent spatio-temporel)

    Genre: Science Fiction, Space Opera, Zeitreise, Abenteuer

    Schöpfer:
    Pierre Christin (*1938) – Szenario und Text
    Jean-Claude Mézières (1938–2022) – Zeichnungen

    Erstveröffentlichung: 9. November 1967 in der französischen Comiczeitschrift Pilote

    Abschluss der Hauptserie: 2010 (L’OuvreTemps)

    Umfang: 23 reguläre Alben (1967–2010) sowie mehrere Kurzgeschichten, Sonderbände und Begleitpublikationen

    Originalverlag: Dargaud (Frankreich)

    Deutsche Veröffentlichungen
    ZACK (ab 1972): Erste deutschsprachige Veröffentlichung als Fortsetzungscomic.
    Koralle-Verlag: Erste Alben in deutscher Sprache.
    Carlsen Verlag: Ab den frühen 1980er Jahren nahezu vollständige Veröffentlichung der Reihe; später Hardcover-Neuausgaben sowie die Gesamtausgabe.
    Splitter Verlag: Seit 2017 hochwertige Valerian & Veronique – Ultimative Edition in großformatigen Sammelbänden mit umfangreichem Bonusmaterial.

    Deutscher Serienname:
    Ursprünglich Valerian & Veronique – obwohl die weibliche Hauptfigur im französischen Original Laureline heißt. Erst spätere Ausgaben übernahmen den Originalnamen.

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach ausgezeichnet beim Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême
    Jean-Claude Mézières erhielt 1984 den Grand Prix de la Ville d’Angoulême, die höchste Ehrung des europäischen Comicfestivals.

    Verfilmung:
    Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Valerian and the City of a Thousand Planets, 2017)
    Regie: Luc Besson
    Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna und Ethan Hawke.

    Bedeutung:
    Valerian & Laureline zählt zu den einflussreichsten europäischen Science-Fiction-Comics. Die Serie prägte Generationen von Zeichnern, Autoren und Filmemachern und gilt als wichtiger visueller und erzählerischer Wegbereiter moderner Science-Fiction-Filme wie Star Wars oder Das fünfte Element.
    +++

    Sämtliche Abbildungen: © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – Valerian & Veronique. Gesamtausgabe Band 1. © Dargaud 2009 sowie Valerian & Veronique. Sammelband 1. © Dargaud 2007 / © Carlsen Verlag GmbH 2011. Abdruck sämtlicher Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags.

  • Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    An regnerischen Tagen stöbere ich mitunter in den Comics meiner Kindheit und Jugend, die bei mir 3 Regalreihen füllen. Also den Comics, die diverse Umzüge und durch Wasserrohrbrüche verursachte Schäden überlebt haben. Fronleichnam – für Nicht-Katholiken an dieser Stelle kurz erklärt: das sog. Hochfest des Leibes und Blutes Christi, das auf eine Vison der heiligen Juliana von Lüttich (13. Jhrd.) zurückgeht– war wettertechnisch recht durchwachsen, weshalb ich den ursprünglich geplanten Spaziergang durchs Siebengebirge verwarf und mich stattdessen dem Regal mit den Comics näherte und wahllos eine ältere Ausgabe des Magazins ZACK herauszog, in dem unter anderem die Fortsetzungsgeschichte Corto Maltese: Südseeballade von Hugo Pratt abgedruckt ist.

    Sofort poppten Erinnerungen auf: Rasen des Nachbarn gemäht, den Lohn (3 Mark) hälftig für Colafläschchen & Lakritz und die neueste Ausgabe ZACK verausgabt. Zu Hause im Heft geblättert: Mit Bruno Brazil und Luc Orient gestartet, um mich dann über Leutnant Blueberry und Valerian zu Mick Tangy vorzuarbeiten. Das Beste hob ich mir für den Schluss auf: Corto Maltese.

    Der Fin de Siècle-Globetrotter ist kein Held, der einen bestimmten Ort sucht. Er bleibt unterwegs, folgt dem Horizont, verschwindet nach jedem Abenteuer wieder hinter der nächsten Küstenlinie. Diese Unrast macht ihn bis heute einzigartig. Grund genug, einen Blick auf die Figur und ihren Schöpfer zu werfen. Beginnen wir mit dem kreativen Kopf der Reihe:

    Als gute Comics noch Comics, und nicht Graphic Novel, hießen

    Hugo Pratt (eigentlich: Ugo Eugenio Prat) wurde 1927 im italienischen Rimini geboren und wuchs in Venedig auf – einer Stadt, die mit ihren Häfen, Seefahrern und Geschichten aus aller Welt kaum passender zu seinem späteren Werk hätte sein können. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägten ihn früh. Nach dessen Ende arbeitete er zunächst als Comiczeichner in Italien, bevor er mehrere Jahre nach Buenos Aires übersiedelte. Dort entwickelte er gemeinsam mit dem Autor Héctor Germán Oesterheld seinen unverwechselbaren Stil weiter.

    Pratt war Zeit seines Lebens ein Reisender. Er lebte und arbeitete unter anderem in Argentinien, England, Frankreich und der Schweiz, bereiste Afrika und Südamerika und sammelte historische Stoffe mit der Neugier eines Abenteurers. Viele seiner Geschichten speisen sich aus diesen Erfahrungen. 1967 schuf er schließlich mit Corto Maltese jene Figur, die ihn weltberühmt machen sollte: einen Seemann ohne festen Heimathafen, der seinem Schöpfer in vielem erstaunlich ähnlich war.

    Pratt starb 1995 in Lausanne. Sein Werk gilt heute als Meilenstein des europäischen Comics und hat Generationen von Zeichnern und Autoren beeinflusst – deren Arbeiten man heute kaum noch schlicht „Comic“ nennen würde, sondern bevorzugt als Graphic Novels bezeichnet.

    Ein radikal neuer Held

    Als Hugo Pratt 1967 die erste Corto-Maltese-Geschichte veröffentlichte, ahnte wohl niemand, dass daraus eine der bedeutendsten Figuren der europäischen Comicgeschichte werden würde. Die Erzählung Die Südseeballade (Una Ballata del Mare Salato) erschien zunächst als Fortsetzungsserie und unterschied sich radikal von vielem, was damals im Abenteuercomic üblich war.

    Der Held trat nicht als strahlender Sieger auf. Als die Leser Corto Maltese erstmals begegnen, treibt er gefesselt auf einem Floß im Pazifik. Bereits dieser Auftritt verrät viel über die Figur: Corto ist kein Eroberer, sondern ein Überlebender. Er wird von den Ereignissen nicht beherrscht, sondern lässt sich durch sie hindurchtragen – mit einer Mischung aus Gelassenheit, Ironie und Unabhängigkeit.

    Pratt schuf seinen Helden aus vielen Quellen. Da war die romantische Tradition der großen Abenteuerliteratur von Autoren wie Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad und Jack London. Da waren aber auch historische Berichte über Seefahrer, Entdecker, Revolutionäre und Glücksritter, die Pratt sein Leben lang sammelte. Hinzu kamen eigene Reiseerfahrungen und seine Faszination für Kulturen, die sich an den Rändern großer Imperien entwickelten.

    Corto Maltese selbst ist eine Figur zwischen den Welten. Geboren 1887 auf Malta als Sohn eines britischen Seemanns und einer andalusischen Mutter mit Roma-Wurzeln, besitzt er keine eindeutige nationale Identität. Das macht ihn zu einem idealen Begleiter durch die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Er gehört keiner Nation vollständig an, keinem politischen Lager und keiner Ideologie. Er bewegt sich durch die Geschichte wie ein unabhängiger Beobachter, der sich seine Freiheit um jeden Preis bewahren will.

    Die Abenteuer spielen vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse. Corto begegnet Revolutionären, Spionen, Kolonialbeamten, Piraten und Dichtern. Er reist durch den Pazifik, die Karibik, Südamerika, Afrika, China, Irland und Sibirien. Immer wieder kreuzen tatsächliche historische Persönlichkeiten seinen Weg. Pratt verknüpft Fakten und Fiktion so geschickt, dass die Grenzen oft verschwimmen. Wer Corto Maltese liest, bewegt sich durch eine Welt, in der Legenden und Geschichte gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

    Besonders bemerkenswert ist dabei der historische Blick des Autors. Pratt interessierte sich weniger für die großen Sieger der Geschichte als für ihre Randfiguren: Seeleute, Exilanten, Rebellen, Abenteurer und Heimatlose. Seine Geschichten spielen häufig in den letzten Jahren des europäischen Kolonialzeitalters, einer Epoche, in der alte Gewissheiten zerfielen und neue Konflikte entstanden. Corto Maltese ist Zeuge dieser Veränderungen, ohne sich jemals vollständig von ihnen vereinnahmen zu lassen.

    Darin liegt bis heute die Faszination des Charakters. Während viele Comic-Protagonisten für bestimmte Werte oder Weltbilder stehen, verkörpert Corto Maltese vor allem eines: die Freiheit des Einzelnen. Er kämpft nicht für Ruhm, Macht oder Vaterland. Er folgt seiner Neugier, seinem Gerechtigkeitsempfinden und gelegentlich auch einfach dem Wind. Vielleicht wirkte er deshalb auf viele junge Leser des Magazins ZACK so anders als die übrigen Helden ihrer Comicwelt. Er war kein Sieger, sondern ein Suchender – und seine Abenteuer waren weniger actiongetriebene Stories als Reisen durch die verborgenen Winkel der Weltgeschichte.

    Die Südseeballade: Geburt einer Legende

    Die erste Begegnung mit Corto Maltese ist ebenso ungewöhnlich wie die Figur selbst: Gefesselt auf einem Floß dümpelt er in den unendlichen Weiten des Pazifiks, wo ihn der skrupellose Pirat Rasputin aus dem Meer fischt. Vor dem Hintergrund der Friktionen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg entspinnt sich ein vielschichtiges Abenteuer zwischen Freibeutertum, Kolonialpolitik und persönlichen Loyalitäten. Im Mittelpunkt stehen auch die jungen Cousins Pandora und Cain Groovesnore, die unfreiwillig in die Machenschaften des geheimnisvollen „Mönchs“ geraten. Was als Südseeabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer melancholischen Erzählung über Macht, Freundschaft und den Verlust von Unschuld.

    Unter dem Zeichen des Steinbocks: Südamerika voller Geheimnisse

    In seiner zweiten großen Reise verschlägt es Corto nach Südamerika und in die Karibik. Gemeinsam mit dem exzentrischen Professor Jeremiah Steiner begleitet er den jungen Tristan Bantam auf der Suche nach dem sagenhaften versunkenen Kontinent Mu. Die Reise führt durch die Guayanas, nach Brasilien und auf die Inseln der Karibik. Dabei gerät Corto in Erbstreitigkeiten, politische Intrigen, Revolten und Voodoo-Mysterien. Die eigentliche Handlung tritt dabei oft hinter die surreale Atmosphäre zurück: Pratt zeichnet ein faszinierendes Bild eines Kontinents voller Legenden, kultureller Vielfalt und historischer Bruchlinien.

    Immer ein Stück weiter: Freiheit als Kompass

    Die dritte Abenteuer führt Corto Maltese erneut durch die Karibik und entlang der Küsten Mittel- und Südamerikas. Revolutionäre, Schmuggler, gescheiterte Idealisten und Verfolgte kreuzen seinen Weg. Anders als klassische Abenteuerhelden verfolgt Corto dabei selten ein konkretes Ziel. Er hilft, vermittelt, verschwindet wieder und gerät immer neu in die Strömungen der Geschichte. Die einzelnen Episoden wirken wie lose verbundene Reiseerzählungen, doch sie kreisen alle um dasselbe Thema: die Suche nach Freiheit in einer Welt voller politischer Umbrüche und persönlicher Schicksale. Hier wird besonders deutlich, dass der Maltese weniger ein Held als ein Wanderer durch die Randzonen der Weltgeschichte ist.

    Als der Wind nachließ

    Über fast drei Jahrzehnte hinweg schickte Hugo Pratt seinen Seemann durch die Häfen, Krisengebiete und Legenden der Welt am Anfang des 20-sten Jahrhunderts. Insgesamt entstanden rund drei Dutzend Geschichten, anfänglich kurze Episoden entwickelten sich zu umfangreiche Alben, und aus einer zunächst ungewöhnlichen Comicfigur wurde eine Ikone der europäischen Comickultur.

    1992 erschien mit die letzte Odyssee aus der Feder Pratts. Drei Jahre später, 1995, starb der Zeichner 68-jährig am Ufer des Genfer Sees. Mit ihm endete auch jene einzigartige Verbindung aus Abenteuerroman, Geschichtserzählung und gezeichneter Poesie, die Corto Maltese geprägt hatte.

    Für die Leser des Magazins ZACK war das jedoch nie wirklich ein Abschied. Die Geschichten blieben im Regal, zwischen vergilbten Heften und Erinnerungen an eine Zeit, in der man Woche für Woche gespannt auf die nächste Fortsetzung wartete. Wer heute wieder zu Corto Maltese greift, begegnet deshalb nicht nur einem Comichelden. Er begegnet einem Stück eigener Vergangenheit – und einem Erzähler, der gezeigt hat, dass Comics weit mehr sein können als triviale Unterhaltung.

    Das Vermächtnis von Hugo Pratt liegt vor allem darin, dass seine Geschichten die Welt nicht erklären sollten. Sie wollten Lust machen, sie zu entdecken. Und irgendwo hinter dem nächsten Horizont segelt Corto Maltese noch immer weiter – mit schief sitzender Schirmmütze, einem ironischen Lächeln und dem festen Vorsatz, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen.
    +++

    Lesen Sie auch: Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone


    Asterix wird 60 und wäre besser bereits mit 18 abgetreten. Ein nostalgischer Rückblick auf einen Comic-Helden seiner Jugend von Kolumnist Henning Hirsch. (21. Okt. 2019)