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  • Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Alkohol gehört in unserer Kultur fast selbstverständlich dazu. Das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt auf Familienfeiern. Die Grenze zwischen Genuss und Abhängigkeit bleibt dabei lange unsichtbar. Alkoholismus beginnt jedoch nicht erst mit mit dem Griff zur Wodkaflasche am frühen Morgen. Er beginnt viel früher – oft dort, wo niemand hinsieht.

    Filme und Serien können diese Entwicklung sichtbar machen. Die besten von ihnen erzählen nicht nur von Alkoholikern. Sie erzählen von Menschen. Von ihren Hoffnungen, ihren Lügen, ihren Beziehungen und den Folgen ihrer Entscheidungen.

    Hier eine Übersicht meiner Top 10-Alkoholgeschichten in Kino und TV:

    Wenn es kein Happy End mehr gibt: Leaving Las Vegas

    Wer nur einen einzigen Film über Alkoholismus sehen möchte, sollte mit Leaving Las Vegas beginnen.

    Der Film erzählt die Geschichte eines Drehbuchautors, der nach dem Verlust seines Jobs nach Las Vegas reist, um sich zu Tode zu trinken. Das Besondere daran: Der Film interessiert sich nicht für spektakuläre Entzugsszenen oder moralische Botschaften. Er zeigt die völlige Kapitulation vor der Sucht.

    Viele Werke erzählen davon, wie Menschen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit gewinnen. Leaving Las Vegas zeigt das Gegenteil – und deshalb wirkt die Geschichte so erschütternd. Wer verstehen möchte, welche Macht Alkohol über einen Menschen gewinnen kann, findet hier eine schonungslose Antwort.

    Der Klassiker, der seiner Zeit voraus war

    Bereits 1945 erschien mit The Lost Weekend ein Film, der erstaunlich modern anmutet.

    Damals dominierten in Hollywood noch klare Helden- und Schurkenbilder. Alkoholiker galten häufig als willensschwach oder moralisch gescheitert. The Lost Weekend brach mit diesem Bild und zeigte Alkoholismus als zerstörerische Krankheit.

    Viele Mechanismen, die Suchtexperten heute beschreiben, finden sich bereits hier: Verdrängung, Selbstbetrug, Ausreden und der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

    Der Film ist inzwischen über achtzig Jahre alt – seine Botschaft dagegen zeitlos.

    Zwischen Selbstzerstörung und Poesie: Barfly

    Kaum ein Film ist so eng mit dem Mythos des trinkenden Schriftstellers verbunden wie Barfly aus dem Jahr 1987. Die Vorlage stammt von Charles Bukowski, der auch das Drehbuch schrieb und dabei zahlreiche eigene Erfahrungen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht Henry Chinaski, gespielt von Mickey Rourke, ein arbeitsloser Dichter, der seine Tage zwischen schäbigen Bars, Schlägereien und durchzechten Nächten totschlägt.

    Anders als viele Alkoholismus-Dramen erzählt Barfly keine klassische Absturzgeschichte. Der Film romantisiert seinen Protagonisten zwar stellenweise, zeigt aber gleichzeitig die Trostlosigkeit eines Lebens, das sich fast ausschließlich um den nächsten Drink dreht. Dieser Widerspruch macht den Film bis heute faszinierend: Er bewegt sich ständig zwischen Verklärung und Ernüchterung, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

    Wer verstehen möchte, warum Alkohol in Literatur, Film und Popkultur so oft mit Kreativität, Rebellion oder Genialität verbunden wird, findet in Barfly ein aufschlussreiches Zeitdokument. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal die Grenze zwischen dem romantischen Mythos des „saufenden Künstlers“ und der bitteren Realität einer Suchterkrankung tatsächlich ist. Barfly gehört zu den interessantesten – und kontroversesten – Filmen über Alkoholismus.

    Die Familie trinkt mit

    Für Angehörige sind oft andere Filme besonders wertvoll.

    Days of Wine and Roses und When a Man Loves a Woman zeigen in beklemmender Weise, dass Alkoholismus selten nur den Trinker betrifft. Partner, Kinder und Freunde werden häufig Teil eines Systems aus Vertuschung, Entschuldigungen und Hoffnungen auf Besserung.

    Die Verwandten und Freunde erkennen sich in diesen Geschichten oft schneller wieder als die Erkrankten selbst.

    Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Warum hört er nicht auf?“

    Sondern: „Warum mute ich mir eigentlich zu?“

    Damit berühren diese Filme ein Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: Co-Abhängigkeit.

    Euphorie und Absturz: Der Rausch

    Der dänische Film Der Rausch (Another Round) beginnt mit einer ebenso verrückten wie faszinierenden Idee: Vier Lehrer testen die Theorie, dass Menschen mit einem dauerhaft leicht erhöhten Alkoholpegel leistungsfähiger und glücklicher seien als ihre nüchternen Zeitgenossen. Tatsächlich scheint das Experiment zunächst zu funktionieren. Die Männer werden lockerer, selbstbewusster und lebensfroher.

    Doch der Film wäre nicht so brillant, wenn er bei dieser Botschaft stehen bliebe. Je weiter das Experiment eskaliert, desto deutlicher werden die Risiken. Aus kontrolliertem Konsum wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit. Mads Mikkelsen spielt diesen schleichenden Wandel mit beeindruckender Präzision. Der Rausch ist weder Alkohol-Verherrlichung noch Absturzdrama. Die Ambivalenz macht den Film sehenswert. Die Handlung macht klar, wie eng Lebensfreude und Selbsttäuschung beieinanderliegen: Wo endet Genuss, wo beginnt die Sucht? Und wie oft belügen wir uns selbst bei der Antwort auf diese Frage?

    Die beste Serie über Selbstzerstörung ist ein Zeichentrick

    Auf den ersten Blick wirkt BoJack Horseman wie eine absurde Animationsserie über ein ehemaliges TV-Pferd.

    Wer dranbleibt, entdeckt jedoch eine der intelligentesten und schmerzhaftesten Auseinandersetzungen mit Sucht, Depression und Selbsthass, die das Fernsehen hervorgebracht hat.

    BoJack trinkt nicht einfach zu viel. Er sabotiert Beziehungen, stößt Menschen von sich weg und findet immer neue Gründe, die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen zu müssen.

    Die Serie zeigt dabei etwas Entscheidendes: Alkoholismus ist nicht immer die Ursache aller Probleme – sondern der Versuch, mit ihnen fertigzuwerden.

    Alkohol als gesellschaftliche Normalität

    Nicht jede Serie über Alkoholismus handelt ausschließlich von Alkoholismus.: beispielsweise Mad Men.

    In der Welt der New Yorker Werbeagenturen der 1960er Jahre wird ständig getrunken. Im Büro, beim Mittagessen, auf Geschäftsreisen und zu Hause. Niemand stellt das infrage.

    Heute wirkt vieles davon beinahe schockierend. Genau darin liegt die Stärke der Serie. Sie macht sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Normen beeinflussen, was wir als problematisch wahrnehmen.

    Don Draper ist kein klassischer Alkoholiker im Filmklischee. Er ist erfolgreich, attraktiv und beruflich angesehen. Dennoch wird zunehmend deutlich, wie stark sein Alkoholkonsum mit seinen inneren Konflikten verbunden ist.

    Tragikomödie mit bitterem Kern: Shameless

    Bei oberflächlicher Betrachtung ist Shameless bloß eine weitere Familien-Dramedy, wie sie zuhauf in Hollywood produziert werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem oft anarchischen Humor eine der eindringlichsten Darstellungen von Alkoholismus im Serienformat.

    Im Mittelpunkt steht Frank Gallagher, ein Vater, dessen Alkoholsucht das Leben seiner gesamten Umgebung prägt. Frank ist mal witzig, mal erschreckend, mal bemitleidenswert – und häufig alles zugleich. Die Serie zeigt, wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für Erwachsene zu übernehmen, und wie Sucht über Generationen hinweg ihre Spuren hinterlassen kann.

    Weil Shameless seine Figuren nie auf ihre Fehler reduziert, wirkt die Serie so authentisch. Hinter jedem Lacher lauert die Erkenntnis, dass Alkoholismus nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern seine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht.

    Selbsthilfe mit Humor: Loudermilk

    Wer bei dem Thema ausschließlich düstere Dramen erwartet, sollte Loudermilk eine Chance geben. Die Serie erzählt von Sam Loudermilk, einem trockenen Alkoholiker und ehemaligen Musikjournalisten, der eine Selbsthilfegruppe leitet und dabei jeden mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit vor den Kopf stößt.

    Was zunächst wie eine Situationskomödie wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend warmherzigen Geschichte über Rückfälle, Selbstvergebung und den schwierigen Alltag nach der Sucht. Denn Loudermilk zeigt etwas, das viele andere Filme und Serien ausblenden: Der eigentliche Kampf beginnt erst nach dem Entzug.

    Mit viel Humor, aber ohne die Realität zu beschönigen, erzählt die Serie davon, wie Menschen versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

    Eine Serie für alle, die Hoffnung suchen

    Während viele Werke vor allem den Absturz zeigen, verfolgt die Sitcom Mom einen anderen Ansatz.

    Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die versuchen, nüchtern zu bleiben. Rückfälle, Selbsthilfegruppen, Schuldgefühle und Versöhnungen gehören zum Alltag der Figuren.

    Trotz aller ernsten Themen verliert die Serie nie ihren Humor.

    Sie zeigt, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist – ohne die Schwierigkeiten des steinigen Weges zu beschönigen.

    Was diese Geschichten erzählen

    Kein Film ersetzt eine Therapie. Keine Serie heilt eine Suchterkrankung.

    Aber gute Geschichten können Verständnis schaffen. Sie „erzählen“, wie sich Alkoholismus anfühlt – für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige.

    Sie machen sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt.

    Und sie helfen, das Thema !Alkoholismus“ einem breiten Publikum näherzubringen.

    Auf einen Blick: Alkoholismus in Film & Serie

    Filme
    (1) Leaving Las Vegas (USA, 1995)
    (2) The Lost Weekend (USA, 1945)
    (3) Under the Volcano (USA/Mexiko, 1984)
    (4) Days of wine and roses (USA, 1962)
    (5) Ironweed (USA, 1987)
    (6) Another round/ Der Rausch (Dänemark, 2020)
    (7) Flight (USA, 2012)
    (8) Clean and sober (USA, 1988)
    (9) When a man loves a woman (USA, 1994)
    (10) Barfly (USA, 1987)
    (11) Smashed (USA, 2012)
    (12) Crazy Heart (USA, 2009)

    Aus deutscher Produktion
    (13) Der Trinker (1995, Harald Juhnkes letzte Rolle)
    (14) Dunkle Tage (1999, Suzanne von Borsody als Sekretärin, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns dem Alkohol verfällt)
    (15) Rückfälle (1977, sehr eindrücklich gespielt von Günter Lamprecht)

    Serien
    (1) Mad Men (USA, 2007-15)
    (2) BoJack Horseman (USA, 2014-20)
    (3) Shameless (US-Version: USA, 2011-21)
    (4) Patrick Melrose (UK/USA: 2018)
    (5) Mom (USA, 2013-21)
    (6) Loudermilk (USA, 2017-19)
    (7) The Wire (USA, 2002-08)
    (8) Rescue Me (USA, 2004-11)
    (9) The Queen’s Gambit (USA, 2020)
    (10) Californication (USA, 2007-14)

    +++

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    Rilke 150. Geburtstag
    Was ist ein Rausch? Gibt es ein Grundrecht, sich in den Orbit zu katapultieren? Ist Alkohol eine harte Droge? Gesoffen-wird-immer-Kolumne von Henning Hirsch. (19. Nov. 2025)

  • Vampire im Baumwollfeld

    Vampire im Baumwollfeld

    Blood & Sinners gehört mit 4 Trophäen (u.a. bester männlicher Hauptdarsteller) zu den großen Gewinnern der Academy Awards 2026.

    Ich habe mir den Film vor ein paar Tagen angeschaut – hier mein Eindruck:

    Handlung im Zeitraffer

    Der Protagonist – streng genommen sind es Zwillingsbrüder (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle) – kehrt nach vielen Jahren in der Ferne, wo er (als Gangster?) zu Geld gekommen ist – in seine alte Heimat – das ländliche Mississippi – zurück und eröffnet dort ein Lokal. Am Eröffnungsabend fließt hektoliterweise der Alkohol, die Gäste legen eine flotte Sohle aufs Parkett, und es gibt Livemusik. Speziell ein junger Gitarrist versetzt das Publikum mit seinen Bluesnummern in Ekstase.

    Bis hierher ein solides 30-er Jahre Südstaatendrama: strikte Rassentrennung, die Schwarzen schuften auf den Feldern (und feiern abends), die Weißen sind entweder reiche Plantagenbesitzer oder tumbe Klan-Mitglieder, Gewalt/Mord & Totschlag liegen ständig in der Luft, und am Sonntag besuchen alle brav den Gottesdienst (natürlich die Weißen eine andere Kirche als die Schwarzen).

    Schöne, opulente Bilder. Man kann die Baumwolle auf den endlosen Feldern des Deep South quasi anfassen und den Schweiß, der beim Pflücken vergossen wird, beinahe riechen.

    Nun – wir sind ungefähr bei der Hälfte der Geschichte angelangt – ändert sich schlagartig die Szenerie: drei Vampire tauchen vor dem Tanzschuppen auf und begehren Einlass … mehr soll nicht gespoilert werden.

    Zwischen Historie und Horror

    Ryan Coogler’s Beitrag überquert die Grenze des klassischen Genre-Kinos. Er nutzt dabei den Horror nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um die kulturellen und historischen Tiefenschichten des amerikanischen Südens freizulegen. Die Bedrohung ist nie nur übernatürlich – sie speist sich aus einer Realität, die auch ohne Vampire und andere Spukgestalten täglich von Gewalt, Ungleichheit und Angst geprägt ist. Genau darin liegt die besondere Stärke der Produktion: Das Unheimliche wirkt nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie eine logische Erweiterung der Welt.

    Gleichzeitig lässt sich Blood & Sinners klar im Kontext des modernen Black Cinema verorten. Der Film erzählt nicht nur von schwarzen Figuren, sondern konsequent aus einer afroamerikanischen Perspektive heraus – kulturell, historisch und ästhetisch. Themen wie struktureller Rassismus, kollektive Erinnerung und kulturelle Identität sind dabei keine Nebenschauplätze, sondern bilden das Fundament der Handlung.

    Dabei geht der Film jedoch einen Schritt weiter: Er nutzt bewusst die Mittel des Genrekinos, um diese Perspektive zu erweitern. Ähnlich wie Get Out von Jordan Peele verbindet Blood & Sinners gesellschaftliche Analyse mit Horror-Elementen – allerdings weniger zugespitzt, dafür atmosphärisch dichter und historisch stärker verankert. Das Ergebnis ist ein Werk, das sich nicht auf eine Kategorie reduzieren lässt: Es ist Black Cinema, aber zugleich auch eine Neuvermessung dessen, was dieses Kino leisten kann.

    King Cotton rules

    Im Hintergrund schwingt stets das Erbe von „King Cotton“ mit – die Zeit, in der der Baumwollanbau den Süden wirtschaftlich dominierte und eine Gesellschaftsordnung hervorbrachte, die auf Ausbeutung und rassischer Hierarchie beruhte. Auch nach dem Ende der Sklaverei blieb diese Struktur bestehen, abgesichert durch Gewalt und Einschüchterung, unter anderem durch den Ku Klux Klan.

    Blood & Sinners macht daraus kein explizites Historienreferat, aber die Spuren dieser Vergangenheit sind überall sichtbar: in den Lebensumständen der Figuren, in den Machtverhältnissen, in der ständigen, unterschwelligen Bedrohung. Der Horror des Films steht damit immer auch im Schatten realer Geschichte.

    Der Blues als Stimme und Beschwörung

    Auf diesem schweiß- und blutgetränkten Boden entsteht der Blues – und genau hier entfaltet der Film seine kulturelle Tiefe. Die Musik, die im Mississippi-Delta ihren Ursprung hat, geht zurück auf Arbeitslieder versklavter Menschen, auf Spirituals und afrikanische Traditionen. Sie erzählt von Schmerz, Verlust und Entwurzelung, aber auch von Würde und Widerstand.

    Im Film wird der Blues zur tragenden Kraft: Er ist nicht nur Ausdruck, sondern wirkt fast wie eine Beschwörung. Er strukturiert Emotion, gibt dem Unsagbaren Form – und scheint zugleich eine Verbindung zu etwas Größerem, vielleicht auch Dunklerem herzustellen.

     

    Aberglaube und die Logik des Unsichtbaren

    Diese Wirkung der Musik ist eng verbunden mit dem Aberglauben des Deep South. In der Welt von Blood & Sinners existiert keine klare Trennung zwischen Realität und Übernatürlichem. Christliche Motive, afrikanische Spiritualität und Hoodoo-Traditionen (zwar verwandt, aber nicht dasselbe wie Voodoo) bilden eine kulturelle Matrix, in der das Unsichtbare selbstverständlich ist.

    Mythen wie jene um Robert Johnson – der an einer Kreuzung dem Teufel seine Seele verkaufte, um der beste Gitarrist des Südens zu werden – sind Ausdruck dieser Denkweise. Sie zeigen, wie eng Musik, Schicksal und Magie miteinander verknüpft sind. Der Film greift dieses Spannungsfeld auf und macht es zu einem zentralen Element seiner Atmosphäre.

    Filmische Verwandtschaften

    Ähnliches habe ich allerdings schon gesehen: Rodriguez‘ Kultstreifen „From dusk till dawn“ (1995) arbeitet mit demselben Twist-Konzept. Und ja, einige Szenen im Mississippi-Tanzschuppen könnten sich auch im mexikanischen Titty Twister Club zugetragen haben.

    Die rohe, körperliche Darstellung der Blutsauger erinnert wiederum an Vampires (1998) von John Carpenter, der das Übernatürliche ebenfalls entglamourisiert und als brutale Kraft inszeniert. Dazu kommt noch ein bisschen Crossroads (1986), wo der Teufel einem jungen Musiker zu seiner Ausnahmekönner-Gabe verhilft.

    Und schließlich trägt das Finale eine melancholische Note, die aus Interview with the Vampire (1994) entnommen sein könnte: Der Horror weicht hier einer nachdenklichen Perspektive, in der Unsterblichkeit nicht als Triumph, sondern als Verlust erscheint.

    Gute Unterhaltung, aber …

    Blood & Sinners ist ein Film, der sich herkömmlichen Kategorien entzieht. Er verbindet Horror, Historie und Musik zu einem kulturellen Porträt des amerikanischen Südens. Als Werk des modernen Black Cinema erzählt er nicht nur von Gewalt und Vergangenheit, sondern auch von Identität, Erinnerung und künstlerischem Ausdruck.

    Seine größte Stärke liegt dabei in der Atmosphäre: in Bildern, die nachhallen und in Musik, die mehr beschwört als begleitet.

    Allerdings wirkt die Geschichte inhaltlich dann doch wie ein Abklatsch von From dusk till dawn – wobei Rodriguez der abrupte Schwenk hin zum Blutsauger-Spektakel deutlich besser gelingt als Coogler –, und auch die Verknüpfung von realer und übernatürlicher Gewalt plus die holzschnittartige Gut-Böse-Verteilung zwischen Schwarz und Weiß überzeugen nicht vollends. So ambitioniert der Film sein mag, verheddert er sich letztlich in seiner thematischen Überfrachtung, sodass nicht alle erzählerischen und symbolischen Handlungsfäden die gleiche Tiefe erreichen und der hohe Anspruch am Ende nur teilweise eingelöst wird.

    Nach 137 Minuten verbleibt beim Zuschauer deshalb das Gefühl: war ganz nette Unterhaltung, mehr allerdings leider nicht.
    +++

    Am Schluss eine 3-geteilte Bewertung:
    – Handlung: 4
    – Handlung + Bilder: 5
    – Handlung + Bilder + Musik: 7 Punkte.

    Steckbrief

    Regie & Drehbuch: Ryan Coogler
    Hauptdarsteller: Michael B. Jordan (Doppelrolle)
    In weiteren Rollen sind zu sehen: Hailee Steinfeld, Delroy Lindo, Jayme Lawson, Omar Benson Miller, Wunmi Mosaku, Jack O’Connell
    Kamera: Autumn Durald Arkapaw
    Musik: Ludwig Göransson

    Genre: Horror, Drama, Historienfilm
    Produktionsland: USA
    Erscheinungsjahr: 2025
    Laufzeit: 137 Minuten

    Produktion: Proximity Media
    Verleih: Warner Bros. Pictures

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach prämiert bei den Academy Awards 2026: männlicher Hauptdarsteller, Drehbuch, Kamera und Filmmusik.
    +++

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    Academy awards 2026

  • One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    Vom sperrigen Film zum Oscar-Triumph

    Vor vier Monaten hatte ich One Battle After Another noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Unterhaltsam, gut besetzt, aber auch ein Film, der sich schwer entscheiden kann, was er eigentlich sein möchte. Gestern, nach der Oscar-Verleihung, wirkt diese Einschätzung fast wie ein Zwischenstand in einer deutlich längeren Geschichte. Denn Paul Thomas Andersons Werk – lose vom Roman „Vineland“ (Thomas Pynchon, 1990) inspiriert – hat bei den Academy Awards überraschend groß abgeräumt – und gehört damit endgültig zu den prägenden Produktionen des Kinojahres 2025.

    Eine Revolution mit Nebenwirkungen

    Die Handlung ist schnell erzählt: Pat Calhoun (Leonardo DiCaprio) ist Mitglied der revolutionären Gruppe „French 75“, die in den USA der Nullerjahre zahlreiche Aktionen (Befreiung von Mexikanern aus Abschiebehaft) und Anschläge (Lahmlegen der Stromversorgung, Bomben in Kreditinstituten hochgehen lassen u.ä.) verübt. Pat ist nicht nur der Sprengstoffexperte der militanten Aktivisten, sondern ebenfalls mit deren Anführerin, die auf den hübschen Namen Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) hört, liiert. Perfidia unterhält zusätzlich zu Pat eine heimliche Beziehung mit Captain Lockjaw (Sean Penn), der eigentlich die Aufgabe innehat, ihr und ihrer Truppe das Handwerk zu legen, sie jedoch immer wieder entwischen lässt.

    Als Perfidia schwanger wird, kommen Pat erste Bedenken, ob das Aktivistenleben auf Dauer was für ihn ist. Nach der Geburt von Tochter Willa (Chase Infiniti) trennen sich deshalb die Wege des Paars: Pat geht auf in der Rolle des Vaters, Perfidia nimmt ihre alte Beschäftigung als Revolutionärin wieder auf. Ein Banküberfall läuft aus dem Ruder, es gibt Tote. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wird Perfidia geschnappt. Ihr droht lebenslange Haft. Lockjaw rät ihr dazu, die Gruppe zu verraten und im Gegenzug ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Perfidia (nomen est omen) willigt ein und verpfeift ihre Genossen:innen. Viele werden geschnappt oder getötet, einigen gelingt im letzten Moment die Flucht – so auch Pat mit Tochter Willa.

    Nun springt die Handlung um 16 Jahre: Perfidia ist spurlos verschwunden (man vermutet sie auf Kuba oder in Libyen), Lockjaw inzwischen vom Captain zum Colonel aufgestiegen (jagt immer noch Mexikaner und Aktivisten), Pat und Willa leben unter anderem Namen in einer Kleinstadt im Norden von Kalifornien, wo die Tochter die High School besucht und der Vater den Tag mit Kiffen und Dosenbier vertrödelt. Nach anderthalb Jahrzehnten sollte eigentlich Gras über die Sache gewachsen sein, denken die damals auf den letzten Drücker Davongekommenen und fühlen sich halbwegs sicher. Doch das erweist sich als voreilig, denn der mittlerweile zum christlich-arischen (oder arisch-christlichen) Glauben bekehrte Lockjaw eröffnet die Hatz erneut. Sein Ziel = Willa. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Zwischen Action, Farce und politischer Satire

    Die Handlung oszilliert zwischen Liebesdrama, Action und Komödie. Gut besetzt: neben Leonardo DiCaprio und Sean Penn ist auch Benicio del Toro in einer Nebenrolle zu sehen. Mit zweieinhalb Stunden etwas lang geraten – hätte man auch kürzer erzählen können.

    Das war zumindest mein Eindruck nach dem ersten Sehen. Und ein Teil davon stimmt weiterhin. One Battle After Another ist kein schlanker Film, sondern ein ausufernder, manchmal widersprüchlicher Koloss. Anderson wickelt seine Geschichte nicht geradlinig ab, sondern mit zahlreichen Tonwechseln: hier eine Szene voller Slapstick, dort plötzlich ein brutaler Actionmoment, dann wieder ein melancholischer Dialog zwischen Vater und Tochter.

    Genau darin liegt allerdings auch die Eigenart des Films. Er wirkt manchmal wie drei Filme gleichzeitig – politischer Thriller, Familiensaga und Satire auf Amerikas ideologische Abgründe.

    DiCaprio überdreht, Penn fanatisch

    DiCaprio spielt Pat Calhoun, den ausgebrannten Alt-Revoluzzer. Früher Bombenbauer einer radikalen Gruppe, heute lethargischer Kiffer in der kalifornischen Provinz. Seine Darstellung hat eine leichte Tendenz zum Overacting, besonders im ersten Drittel der Handlung. Gleichzeitig passt dieses Überdrehen erstaunlich gut zur Figur: Pat ist jemand, der mit seiner eigenen Vergangenheit nicht mehr klarkommt. Die Revolution von einst ist von ihm längst zu einem alkoholgeschwängerten Brei aus Nostalgie, Schuldgefühl und Selbstironie vermischt worden.

    Sean Penn wiederum gibt den Antagonisten Lockjaw mit sichtlicher Lust an der Übertreibung. Sein Charakter ist weniger realistischer Polizist als vielmehr eine groteske Verkörperung autoritärer Besessenheit – ein Mann, der die Jagd auf Aktivisten und Migranten nicht mehr von religiösem Fanatismus unterscheiden kann.

    Das Herz des Films: Pat und Willa

    Das eigentliche emotionale Zentrum des Films bildet jedoch die Beziehung zwischen Pat und Willa. Ich hab’s für mich in die Kategorie „Vater-Tochter-Stück“ einsortiert: Der Schock der Ereignisse schweißt die beiden, die bis dahin durch eine Art Hassliebe miteinander verbunden waren, erst richtig zusammen. Resultat: heile Revolutionärswelt 2.0.

    Chase Infiniti füllt diese Rolle mit bemerkenswerter Präsenz. Ihre Willa ist keine klassische Teenagerfigur, sondern eine junge Frau, die langsam begreift, dass die Vergangenheit der Eltern nicht einfach verschwunden ist, nur weil 16 Jahre lang darüber eisern geschwiegen wurde. Während die Erwachsenen noch in alten Ritualen gefangen sind, wirkt sie wie eine Figur, die erst entscheiden muss, ob sie diesen Kampf überhaupt fortsetzen will.

    Amerika als ideologisches Schlachtfeld

    Interessant ist auch der politische Hintergrund der Geschichte. Anderson zeichnet ein Amerika, in dem Migranten als billige Arbeitskräfte geduldet, ansonsten aber verfolgt und eingesperrt werden. In meiner ursprünglichen Rezension schrieb ich: „erschreckend ist, dass die im Film plakativ gezeigte Unmenschlichkeit gegenüber Einwanderern von der MAGA-Realität mittlerweile überholt wurde.“ Dieser Satz wirkt heute, ein paar Monate später, leider kaum weniger aktuell.

    Der späte Triumph des Paul Thomas Anderson

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Drama nun auch bei den Academy Awards so erfolgreich war. In der Nacht von Sonntag auf Montag (MEZ)  wurde One Battle After Another gleich mehrfach ausgezeichnet – unter anderem als bester Film des Jahres sowie beste Regie und bestes Drehbuch für Paul Thomas Anderson. Erstaunlicher Triumph eines Werks, das lange eher wie ein exzentrischer Außenseiter im Oscarrennen wirkte.

    Dass ausgerechnet ein derart sperriger Film zum großen Gewinner des Abends wurde, sagt vielleicht auch etwas über das gegenwärtige Kino aus. Anderson erzählt kein glattes Heldenepos, sondern bietet dem Zuschauer eine stellenweise holprige Story über alternde Revolutionäre, gescheiterte Ideale und eine Generation, die mit den politischen Ruinen ihrer Eltern aufwächst.

    Unterhaltsam – aber nicht ganz überzeugend

    Trotzdem wurde ich nicht komplett warm mit dem Werk. Wahrscheinlich, weil sich die Handlung nie dazu entscheidet, was sie eigentlich sein will: Liebesdrama (wo ist Perfidia abgeblieben?), Komödie (kiffender Ex-Aktivist muss plötzlich raus aus der Frührentner-Komfortzone) oder Gesellschaftssatire. Das alles garniert mit einer gehörigen Portion Action macht die Geschichte zwar unterhaltsam, aber dennoch überzeugt sie nicht vollends.

    Weder DiCaprios noch Penns bester Streifen, aber durchaus ansehbar.

    Oder anders gesagt: ein Film voller Widersprüche – genau deshalb aber auch einer, über den man endlos bei einer Dose Bier u/o einem Joint diskutieren kann.

    Bewertung

    Pros

    1. Starkes Vater-Tochter-Motiv
    Die Beziehung zwischen Pat und Willa bildet das emotionale Zentrum des Films und verleiht der ansonsten recht wilden Handlung eine nachvollziehbare menschliche Dimension.

    2. Eigenwilliger Genre-Mix
    Die Mischung aus Actionfilm, politischer Satire und Familiendrama macht den Film zumindest nie langweilig.

    3. Markante Figuren
    Besonders Sean Penns fanatischer Lockjaw bleibt im Gedächtnis – eine überzeichnete, aber wirkungsvolle Antagonistenfigur.

    4. Politischer Hintergrund
    Die Geschichte greift Themen wie Migration, staatliche Gewalt und religiöse Radikalisierung auf und verleiht dem Film damit eine aktuelle politische Ebene.

    5. Atmosphärische Inszenierung
    Paul Thomas Anderson schafft es erneut, eine sehr eigene Welt zu entwerfen – irgendwo zwischen amerikanischer Provinz, politischem Thriller und schwarzer Komödie.

    Cons

    1. Tonale Unentschlossenheit
    Der Film schwankt ständig zwischen Komödie, Drama und Action – und findet dabei nie ganz zu einer klaren Linie.

    2. Überlange Laufzeit
    Mit über zweieinhalb Stunden wirkt die Geschichte stellenweise unnötig aufgebläht.

    3. DiCaprios Overacting
    Leonardo DiCaprio neigt in einigen Szenen zur Übertreibung, was nicht immer zur Figur passt.

    4. Verschenktes Potenzial bei Nebenfiguren
    Interessante Figuren (z.B. innerhalb der Aktivistengruppe) bleiben letztlich eher skizzenhaft.

    5. Offene narrative Fäden
    Einige zentrale Fragen – etwa rund um Perfidias Verschwinden – werden nur unzureichend beantwortet.

    -> 6.5 Punkte

    Steckbrief

    Titel: One Battle After Another

    Herstellungsjahr: 2025

    Regie: Paul Thomas Anderson

    Drehbuch: Paul Thomas Anderson

    Produzenten: Paul Thomas Anderson, Sara Murphy, Adam Somner

    Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Teyana Taylor, Benicio del Toro

    Länge: 162 Minuten

    Produktionskosten: ca. 130–140 Mio. US-Dollar (Schätzungen reichen bis etwa 175 Mio. je nach Quelle)

    Starttermin: 25. Sept. 2025 (Deutschland, in den USA einen Tag später)

    Zuschauer: 20-25 Mio. weltweit (bis Jahresende 2025)

    Einspielergebnis: ca. 200 Mio. USD (Schätzung Jahresende 2025)

    Verleih: Warner Bros. Pictures
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  • Als Habgier den Blumenmond tötete

    Als Habgier den Blumenmond tötete

    Der Trend in Hollywood geht hin zu langen Filmen. Kaum eine Produktion, die es schafft, ihre Story in der klassischen Taktung von 90 Minuten zu erzählen. 120 sind heutzutage normal, 150 nicht unüblich; mittlerweile sind wir bereits bei 180 und mehr angelangt. So auch Martin Scorseses neuestes Werk „Killers of the flowermoon (KotF)“, das mit 3.5 Stunden nicht für den eiligen Zuschauer taugt. Man muss ne Menge Geduld und Sitzfleisch mitbringen, um zu erfahren, wie die traurige Geschichte von Ernest und Mollie ausgeht. Die Handlung lehnt sich an das mehrfach prämierte Buch Das Verbrechen: Die wahre Geschichte hinter der spektakulärsten Mordserie Amerikas des US-Journalisten David Grann an.

    „In Oklahoma ist es einfacher, einen Indianer zu töten, als einen Hund zu schlagen“

    Beginnen wir mit dem historischen Hintergrund: Die Osage – ein Zweig der großen Sioux-Familie – lebten ursprünglich an der Atlantikküste und mussten im Verlauf der Landnahme durch den weißen Mann gen Westen ausweichen. Sie wanderten den Ohio River hinab, überquerten den Mississippi und ließen sich auf dem Ozark-Plateau und in die Prärien des heutigen Missouri nieder. Dort siedelten sie bis ins frühe 19. Jahrhundert, als sie ihr Gebiet an die Vereinigten Staaten abtraten und weiter Richtung Kansas zogen. Nach dem Bürgerkrieg führte der zunehmende Druck der Regierung, alles Indianerland für die weiße Bevölkerung zu öffnen, zum Verkauf des Kansas-Reservats. Den Erlös verwendete der Stamm zum Erwerb von Territorium in Oklahoma. Die Entdeckung großer Erdölfelder dort machte die Osage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wohlhabenden Leuten.

    Durch ihren Reichtum wurden sie schnell zum Ziel von Verbrecherbanden, die versuchten, ihnen die lukrativen Landrechte abzunehmen. Zwischen 1921 und 26 wurden in einer „Osage Indian Murders“ genannten Gewaltwelle mindestens 60 Stammesmitglieder getötet. Erst, als das – damals sehr junge – FBI Mitte der 20-er Jahre die Ermittlungen übernahm, konnten die Morde aufgeklärt und das Töten gestoppt werden.

    Im Film wird die Mordgeschichte anhand der Schicksale der 3 Protagonisten Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio), Mollie Kyle (Lily Gladstone) und William Hale (Robert De Niro) nachgestellt. Ernest kehrt 1919 von den französischen Schlachtfeldern des WK1 zurück in die USA und verdingt sich bei seinem Onkel William (genannt: der King) als Chauffeur. William hat es als Rancher in Oklahoma zu Wohlstand gebracht, und er gaukelt vor, Vertrauensperson und Wohltäter der Osage zu sein. Sein eigentliches Ziel besteht jedoch darin, für sich ein möglichst großes Stück vom Erdölkuchen abzuschneiden. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Er gibt Morde in Auftrag, lässt sich als Betreuer der Hinterbliebenen einsetzen und verheiratet seine männlichen Angehörigen mit Osage-Frauen. Nach der Hochzeit geraten diese unter die Vormundschaft ihrer weißen Männer. Die Damen werden aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit, die nur die Indianer befällt, alle nicht alt, das Erbe geht an die Kinder und den Mann (der den Nachlass verwaltet). Auf diese Weise wechselt viel Land samt der darunter befindlichen Ölquellen den Besitzer. Auch Ernest muss auf Geheiß des Kings eine reiche Osage ehelichen. Deren Gesundheit ist bereits stark angegriffen, allzu lange kann es also nicht mehr dauern, bis er sie beerbt. Leider erweist sich die Dame zählebiger als erwartet, und sie will partout nicht auf natürlichem Weg sterben. Onkel William und Ernest beschließen deshalb, die Sache etwas zu beschleunigen. Zuerst aber müssen Mollies 3 Schwestern in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Und so nimmt das Drama seinen Lauf.

    Sittenbild von Habgier & Kapitalismus

    KotF erzählt eine große Geschichte, deren Hauptzutaten Habgier, Lüge und enttäuschte/s Vertrauen & Liebe sind. Die Story basiert auf Tatsachen – sowohl die Handlung hat sich so zugetragen, als auch die Namen der Figuren entsprechen 1 zu 1 den historischen Vorbildern –; es ist aber trotzdem kein langweiliges Biopic – wie bspw. Oppenheimer – dabei herausgekommen, sondern ein spannendes Melodram. Was v.a. an diesen 3 Ingredienzien liegt:
     der Fokus wird stark auf die Interaktion zwischen Ernest (Leonardo DiCaprio) und Mollie (Lily Gladstone) gelegt
     bei den Dialogen waren die Drehbuchautoren völlig frei
     die gezeigte Zeitspanne umfasst nur wenige Jahre, womit mehr Raum für intensive Szenen bleibt.

    Auf diese Weise entsteht ein modernes Sittenbild: Ist das, was im Osage Country passierte, symptomatisch für den (US-) Kapitalismus? Auf wie viel Rassismus & Unterdrückung, Lug & Betrug gründet unser westlicher Wohlstand? Welche Rolle spielte die Justiz, die bei 60 Morden nicht einschritt? Was für ein Arzt muss man sein, um seine Patienten nicht zu heilen, sondern ihnen im Auftrag der Erbschleicher Gift zu verabreichen? Diese Fragen sind bedrückend, die Antworten darauf noch deprimierender. Das ist alles Erdöl von gestern, sagen Sie und kann sich heute nicht wiederholen? Doch, es kann sich jederzeit wiederholen. Denn, wenn 1 gewiss ist, dann ist es die hartnäckige Langlebigkeit der menschlichen Habgier. Sobald die mit einer Rechtspflege Hand in Hand geht, die sich v.a. den Belangen der Mehrheitsbevölkerung verpflichtet fühlt, ist ein Verbrechen wie das, was vor 100 Jahren in Oklahoma geschah, jederzeit möglich. Die „Osage Indian Murders“ sind in Variationen zig tausend Mal auf unserem Planeten vollzogen worden (und werden es immer noch).

    Es muss nicht immer Epos sein

    Während Onkel William „nur“ geldgeil und perfide ist und dabei notfalls über (fremde) Leichen geht, erschrickt an Ernest vor allem, dass er selbst vor der schrittweisen Vergiftung der eigenen Frau und Mutter seiner Kinder nicht zurückschreckt, um an deren Vermögen zu gelangen. Wie viel Niedertracht ist nötig, um vordergründig von Liebe zu reden und hinterrücks das Insulin in den Spritzen, die er ihr täglich verabreicht, gegen ein langsam tötendes Toxikum auszutauschen? Die Passagen, in denen sich Mollie und Ernest über ihre Ehe unterhalten, sie ihm offenkundig zugetan ist und vertraut, während er sie mit treuem Augenaufschlag belügt, sind denn auch die anrührendsten und verstörendsten des gesamten Films.

    Es wäre ein wirklich herausragendes Werk würde die Regie nicht der Versuchung erliegen, die Handlung zu einem Epos hochzujubeln. Jedoch ist KotF keine Heldensage, die à la „Little Big Man“ Leben und Niedergang eines Stammes über Jahrzehnte begleitet, sondern begnügt sich mit der Darstellung eines kurzen Zeitabschnitts. Auch passiert nichts Heroisches wie das letzte Aufbäumen gegen den Aggressor. Nicht die Osage lösen die Morde, sondern das FBI übernimmt das für sie. Es ist letztlich eine Kriminalgeschichte (egal, ob die Opfer einer diskriminierten Minderheit angehören und der Antrieb neben Habgier ebenfalls große Spuren Rassismus enthält), und die kann/sollte man deutlich schneller erzählen, als Scorsese es getan hat. Speziell die letzte Viertelstunde, als wir uns plötzlich in einer Radioshow befinden, in der das Drama nachgespielt wird, ist völlig überflüssig und wirkt wie nachträglich angeklebt. PS. an dieser Stelle: „Little Big Man“ kommt mit 60 Minuten weniger aus als „Killers of the Flowermoon“. Denselben Fehler hatte M.S. übrigens bereits mit „The Irishman“ begangen (der war ebenfalls sehr langatmig gewesen).

    Lily Gladstone hat gute Chancen auf den diesjährigen Oscar

    KotF ist eine solide Produktion, reicht allerdings nicht an Scorseses Meisterwerke „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „Departed“ heran. Dennoch wurde der Film in 10 Rubriken für die diesjährigen Academy Awards nominiert; darunter in den 3 wichtigen:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actress in a leading role.

    Während bei (1) der Favorit „Oppenheimer“ lautet (KotF jedoch veritable Außenseiterchancen besitzt), (2) wahrscheinlich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nolan und Scorsese hinausläuft, könnte (3) die glückliche Gewinnerin tatsächlich Lily Gladstone heißen. Zusätzlich zu ihrem überzeugenden Rollenspiel kommen ihr die seit diesem Jahr in Kraft tretenden neuen Inklusionsregeln entgegen, die u.a. mehr Diversität auf der Leinwand fordern.

    Von mir gibt’s 7 Punkte.
    +++

    Killers of the Flowermoon
     Erscheinungsdatum: 19. Oktober 2023 (Deutschland)
     Direktor: Martin Scorsese
     Budget: 200 Millionen USD
     Drehbuch: Eric Roth & Martin Scorsese
     Produktion: Dan Friedkin, Daniel Lupi, Martin Scorsese, Bradley Thomas
     Vertrieb: Paramount Pictures
     Ensemble: Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Brendan Fraser, Jesse Piemons, Scott Shepherd, John Lithgow.

    Erhältlich auf/bei: Amazon Prime und apple tv.

    PS. Der Titel „Flowermoon“ geht auf die indianische Vorstellung zurück, dass der Mond im Frühling die Blumen auf den Wiesen sprießen lässt. Unter solch einer Blumenwiese in Oklahoma entdeckten die Osage die erste Ölquelle.

  • Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Am 10. März ist es wieder soweit – die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) verleiht zum 96-sten Mal die Academy Awards of Merit – dem Publikum eher unter dem Spitznamen „Oscar“ geläufig – in 23 Kategorien, darunter so exotisch anmutende wie: Make-up & Frisuren und Animierter Kurzfilm.

    Am begehrtesten sind die Preise in diesen 5 Rubriken:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actor in a leading role
    (4) Actress in a leading role
    (5) Writing (gesplitted in: original sowie adapted Screenplay).

    Ende Januar wurden die, bereits mit Spannung erwarteten, 23 Shortlists veröffentlicht. Bei den Filmen sind u.a. die zwei letztjährigen Blockbuster Oppenheimer & Barbie sowie die Netflix-Produktion Maestro in die engere Auswahl gelangt. Die nominierten Regisseure heißen Nolan, Scorsese, Glazer, Lanthimos & Triet und in den Kategorien „beste/r Haupdarsteller/in“ streiten u.a. Carey Mulligan & Sandra Hüller sowie Cillian Murphy & Bradley Cooper um die begehrte Trophäe.

    Zweistufiges Auswahlverfahren

    Also alles wie 95x zuvor? Nicht ganz, denn seit diesem Jahr gelten neue Inklusionsvorschriften. Bevor wir uns mit denen beschäftigen, gibt’s hier zwecks Einstimmung in das Thema erst mal die alten Bestimmungen zu lesen:

    Jeder Spielfilm, der zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember eines Jahres im Gebiet von Los Angeles County mindestens sieben Tage lang in einem öffentlichen Kino gegen Entgelt gezeigt wurde, ist für die Oscars im darauffolgenden Jahr qualifiziert. Dabei wird der Begriff „Spielfilm“ definiert als ein Film, der mindestens eine Länge von 40 Minuten aufweist und als 35- oder 70-mm-Kopie oder als 24 bzw. 48 fps Digitalkinoformat (mit einer Mindestauflösung von 1280 × 720 Pixeln) gezeigt wurde.

    Dabei ist es unerheblich, ob der Film US-amerikanischen oder ausländischen Ursprungs ist, sodass sich auch ausländische Filme außerhalb der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film qualifizieren können. Am Ende jedes Jahres stellt die Akademie eine Liste der infrage kommenden Filme zusammen.
    © Wikipedia (Schlagwort: Oscar)

    Vorgeschaltet ist ein 2-stufiger Auswahlprozess:
    (I) Die 10.000 (andere Quellen sprechen von 6.000.) Mitglieder der Akademie (Die Namen werden nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben, es sei denn, das Mitglied outet sich selbst. Aus dieser Geheimhaltung resultieren die unterschiedlichen Zahlenangaben) wählen ihre Favoriten aus (allerdings fachspezifisch eingegrenzt: Schauspieler votieren für Schauspieler, Cutter benennen Cutter, Sound-Spezialisten kreuzen Sound-Spezialisten an). Die 5 Namen, auf die pro Kategorie die meisten Stimmen entfallen, gelten als nominiert.
    (II) In der zweiten Wahlphase haben die Mitglieder der Akademie nun die Möglichkeit, sich im akademieeigenen Filmtheater alle nominierten Filme kostenlos anzusehen. Zudem werden besondere DVDs mit den Filmen versandt. Bei der Wahl der Preisträger aus den Nominierten sind alle Mitglieder in allen Kategorien stimmberechtigt. Der Oscar wird an denjenigen Nominierten verliehen, der die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte.

    Ausnahmen gelten für …:
     „Best picture“: hier können bis zu 10 Filme nominiert werden; und zwar von allen 10.000 (6.000) Mitgliedern
     „Directing“: nur die Regisseure, deren Filme innerhalb der Top 5 bei „Best Picture“ gelistet sind
     … die Spezialkategorien „Animierter Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm, Fremdsprachiger Film, Make-up, Tonschnitt und Visuelle Effekte“ bei denen ein paar zusätzliche Regeln beachtet werden müssen.

    Klingt alles erst mal halbwegs basisdemokratisch und ist es auch, v.a. im direkten Vergleich mit der Praxis der europäischen Filmpreise, wo jeweils eine Handvoll Experten über die Vergabe entscheidet. Natürlich können 10.000 (oder: 6.000) Filmschaffende hin und wieder irren, und natürlich passiert es häufig, dass ich als 08/15-Normalzuschauer mir eine andere Auswahl gewünscht hätte. Z.B. Alien Teil 1 zumindest auf der Shortlist und Apocalypse now als Gewinner 1980 [statt Kramer gegen Kramer]. Allerdings kommt man nicht umhin, der Academy zu attestieren, dass sie in Punkto Mitbestimmung deutlich breiter aufgestellt ist als ihre elitären Schwestern in Cannes und Venedig.

    Zu viel weiß, zu wenig Farbe

    Dennoch wird Hollywood das Stigma nicht los, bei den Preisen (v.a. in den wichtigen Kategorien) weiße Regisseure (hier zudem fast ausschließlich Männer) und hellhäutige Schauspieler (m/w) aufs Podest zu hieven. Neu ist dieser Vorwurf nicht – er wird bereits seit den 50-er Jahren erhoben –; allerdings nahm die Debatte im Verlauf der 88. Session (2016) an Schärfe zu, als sowohl bei den Regisseuren als auch Schauspielern (m/w) einzig weiße Kandidaten auf die Shortlists gelangten, obwohl es 2015 (abgestimmt wird immer über Filme, die im Vorgängerjahr in den Kinos liefen) ne Menge hervorragender Produktionen mit schwarzen Darstellern gegeben hatte, die jedoch sämtlich in der ersten Stufe des Auswahlverfahrens durchgefallen waren. Im Anschluss an die Nominierung artikulierten prominente PoC-Akteure wie Spike Lee und Will Smith deutlich ihr Missfallen, und die Akademie gelobte reumütig schleunige Besserung.

    Niemand möchte darüber reden, aber in seiner Geschichte war Hollywood eine der rassistischsten Institutionen des Landes.
    (c) Stanley Nelson (Regisseur)

    Es ist eine weiße Industrie.
    (c) Chris Rock (Schauspieler)

    Es ist die rassistischste Industrie des Landes.
    (c) Zoe Kravitz (Schauspielerin)

    Auch ich habe immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen.
    (c) Will Smith (Schauspieler)

    Es liegt an den Machtstrukturen in den Studios, in denen kaum schwarze Manager arbeiten.
    (c) Spike Lee (Regisseur)

    2 unterschiedliche Ansätze, um mehr Abwechslung zu gewährleisten

    Diese Besserung soll auf 2 Wegen erreicht werden:
    (I) Änderung der Zusammensetzung der Grundgesamtheit (der Abstimmungsberechtigten), indem man peu à peu neue Mitglieder aufnimmt, die bisher unterrepräsentiert sind (Frauen, ethnische Minderheiten, queere Menschen)
    (II) 4 Diversitätsregeln, die unmittelbar auf jeden eingereichten Film angewandt werden:
     Standard A: Diversität auf der Leinwand
     Standard B: Diversität in der Crew
     Standard C: Zugang zur Filmindustrie und Möglichkeiten
     Standard D: Vielfalt beim Marketing.

    Ich langweile Sie mit all den Regeln? Tut mir leid; aber ohne das Wissen um diese Bestimmungen macht es keinen Sinn, sich über zu wenig Vielfalt in Hollywood den Kopf zu zerbrechen. Aber keine Sorge, wir sind jetzt auch durch mit dem Pflichtprogramm und starten mit der Analyse-Kür.

    Beginnen wir mit (I) die Änderung der Zusammensetzung der Abstimmberechtigten. Diese Blutauffrischung scheint dringend geboten, denn jahrzehntelang dominierten (nicht mehr ganz taufrische) weiße Männer die Akademie. Da der Altbestand lebenslange Mitgliedschaft genießt (die Zeitdauer wurde für die Neuankömmlinge mittlerweile auf 10 Jahre abgesenkt) und man nicht jedes Jahr ohne vorherige Prüfung der individuellen Eignung tausende weitere Experten aufnehmen kann, stellt diese Vorgehensweise logischerweise einen schrittweisen Prozess dar. Seit 2017 hat man so den Anteil Frauen in mehreren Aufnahmewellen auf über 30 Prozent erhöht, die entsprechende Zahl der Mitglieder mit Minderheiten-Hintergrund dürfte aktuell bei 15% liegen [aufgrund der bereits erwähnten Geheimhaltung handelt es sich zwangsläufig um Schätzwerte]. Bis der letzte stockkonservative weiße Regisseur gestorben ist und nur noch fortschrittliche PoC-u/o LGBTQIA+-Regisseurinnen über die Oscar-Würdigkeit einer Produktion entscheiden, wird es also noch einige Jahre dauern. So lange heißt es für die progressive Fraktion, sich in Geduld zu üben. Dennoch ist (I) sinnvoll, weil Herkunft und politische Ausrichtung der Jury selbstverständlich deren Bewertungsverhalten beeinflussen. Diversivitäts-Pfad (I) ist deshalb unumwunden zu bejahen.

    Oppenheimer fiele hinsichtlich Diversität des Ensembles durch

    Schwieriger sieht es hingegen mit den 4 neuen Regeln pro eingereichtem Film aus. Spielen wir das Ganze mal mit dem diesjährigen Topfavoriten „Oppenheimer“ durch: Regisseur Christopher Nolan = (alter) weißer Mann, Protagonist Cillian Murphy = männlich & weiß (GSD noch nicht so richtig alt), Emily Blunt (in der Kategorie „beste Nebendarstellerin“ nominiert) ebenfalls weiß, was übrigens für das gesamte Ensemble gilt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Geschichte ist hauptsächlich in dem 2-Jahrzehnt von 1935 bis 1955 angesiedelt, und dort wiederum in der Welt der Physiker und Militärs, wo es halt kaum Frauen und noch weniger PoC gab. Man hätte, um die neuen Diversitätskriterien zu erfüllen, Oppenheimer von einem schwarzen Akteur spielen lassen können, u/o ihm eine Latina als Frau zur Seite gestellt. Das wäre dann allerdings historischer Nonsens gewesen, weshalb Nolan klugerweise darauf verzichtet hat. Ob Regel 1 alleine schon dadurch erfüllt ist, weil Oppenheimer Jude war, bezweifele ich, denn die Frage seiner Religion [und der daraus evtl. folgenden Benachteiligung im Vor-WK2-Amerika] wird im Film an keiner Stelle vertieft; die Autoren konzentrieren sich völlig auf Entwicklung & Bau der Bombe [und die nachträglichen Zweifel des Protagonisten, als ihm die Zerstörungskraft seiner Erfindung bewusst wird]. „Oppenheimer“ ist eine zutiefst männerlastige & weiße Produktion und hätte folglich gemäß der neuen Diversitätsbestimmungen gar nicht auf die diesjährige Shortlist gelangen dürfen.

    Es sei denn, man nimmt den Umweg über die Regeln 2 bis 4 = schwule Tontechniker*innen, PR-Angestellte mit lateinamerikanischem Migrationshintergrund und Beleuchter:innen, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Und spätestens hier wird klar, dass (II) hinsichtlich der Intention, die beste Produktion eines Kalenderjahres küren zu wollen, in die Irre führt. Mir als Zuschauer ist es völlig egal, ob und wie viele PoC-Cutter & schwule Makeup-Spezialisten am Set arbeiteten, mich interessiert nicht, ob Marketing & PR von weiblichen oder männlichen Angestellten in die Hand genommen wurden, die genderfluide Orientierung des/der Kameramanns(frau juckt niemanden. Ich gucke mir nen Film an, und die erzählte Geschichte und der Handlungsbogen ziehen mich entweder in ihren Bann oder eben nicht. Und speziell beim Handlungsbogen fand ich „Oppenheimer“ langatmig bis hin zu streckenweise zäh. Ich würde diesen Streifen definitiv nicht auf Nr. 1 setzen; aber die Geschmäcker sind halt (stark) unterschiedlich, weshalb ich kein Problem damit hätte, falls die Little-Boy-&-Fat-Man-Story am 10. März den Oscar abräumt. Sie erhielte den Preis dann aber aufgrund ihrer überragenden künstlerischen Qualität und nicht, weil sie den neuen Diversitätsvorgaben genügt.

    Man muss es nicht gleich so drastisch wie Richard Dreyfuss formulieren:

    Sie [die Inklusionsvorgaben] bringen mich zum Kotzen,

    jedoch so ganz Unrecht hat er nicht, wenn er weiter ausführt: „Niemand soll mir als Künstler vorschreiben, mich der neuesten und aktuellsten Vorstellung von Moral beugen zu müssen. Man muss das Leben Leben sein lassen.“

    Wo bleibt die Würdigung der Barbie-Regisseurin?

    Mit diesem plakativen Zitat aus dem Munde eines Oscar-Preisträgers könnten wir die Kolumne eigentlich beenden, wenn’s nicht auch im Vorfeld der diesjährigen Verleihung einen kleinen Skandal gegeben hätte, auf den wir, weil er zum Thema „mangelhafte Diversität“ gut passt, noch kurz eingehen wollen: und zwar die (erneute) Nicht-Berücksichtigung von Greta Gerwig in der Kategorie „Directing“. Obwohl ich mich als alter, weißer, misogyner Mann von „Barbie“ nur mäßig unterhalten fühlte, und der politisch hyperkorrekte Witz jetzt auch nicht unbedingt meinen Humornerv trifft, erkenne ich trotzdem ne super Regiearbeit, sobald ich eine sehe. Und diesbezüglich lieferte Gerwig eine weitaus überzeugendere Leistung ab als Nolan, dessen „Oppenheimer“ erzähl- und kameratechnisch konventionell – mitunter sogar bieder – daherkommt. Warum die Frau, die die kommerziell erfolgreichste Produktion des vergangenen Jahres ins Kino brachte, bei den Top-5-Regisseuren nicht berücksichtigt wird, versteht man(n) als Nicht-Experte nicht, lässt aber vermuten, dass die Jury nach wie vor von (alten) Männern dominiert wird, die den Regisseurberuf als ihre ureigene Domäne betrachten. Die unterlassene Nominierung von Greta Gerwig stellt tatsächlich ein Ärgernis dar [und nicht wie viele Schwarze, Frauen und Schwule in „Oppenheimer“ (nicht) mitspielen].

    Wir wollen am Ende dieser Kolumne Folgendes festhalten:
     die Nominierungen in Hollywood laufen – trotz aller Kritik am Auswahlprozess – weitaus demokratischer als bei uns in Europa ab
     an der Diversität muss gearbeitet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Weg (I), auch wenn er den langwierigeren bedeutet, sinnvoller als Alternative (II)
     über allem muss aber weiterhin der Aspekt „künstlerische Qualität“ stehen [dass dieser Begriff dehnbar ist, und die Interpretation stets im individuellen Auge des Betrachters liegt, ist mir durchaus bewusst].

    Merke: Mehr Diversität bedeutet nicht zwangsläufig mehr Kunst.

    PS. Welchen Film [von der Ende Januar veröffentlichten 10er-Liste] ich persönlich bevorzuge? Kann ich abschließend noch nicht sagen, weil ich bisher erst die Hälfte davon gesehen habe. Von denen gefällt mir „Killers oft he flower moon“ am besten.

  • Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Biopics sind seit einiger Zeit en vogue. Nach „Elvis“, „Blond“, „Rheingold“, „AIR“, „Oppenheimer“, „Powell“ nun also „Maestro“: die Verfilmung des Tag & Nacht von Musik geprägten Lebens der US-amerikanischen Komponisten- & Dirigenten-Legende Leonard Bernstein. Mit Bradley Cooper [der ebenfalls Regie führte und am Drehbuch mitschrieb] und Carey Mulligan in den Hauptrollen.

    Ich geb’s zu – ich bin kein allzu großer Freund dieses Genres. Die meisten Biopics kleben für meinen Geschmack zu sehr dran an der Realität und wirken deshalb oft spröde (Elvis) bis hin zu zäh (Oppenheimer). Ganz schlimm wird es, wenn das Leben von Politikern minutiös nacherzählt wird – bspw. Vice – Der zweite Mann oder LBJ – John F. Kennedys Erbe –; dabei schlafe ich dann entweder ein oder zappe weiter zu ner Zombie-Serie. Der Schwachpunkt des Biopics liegt darin, dass Drehbuchautor & Regisseur eine möglichst große Spannweite der Biografie des jeweils im Mittelpunkt stehenden Promis auf der Leinwand abbilden wollen. Bei Oppenheimer umfasste die Geschichte 30 Jahre, was zum einen echt viel ist und zum anderen spätestens zur Hälfte der Handlung hin beim Zuschauer unweigerlich den Eindruck von Langatmigkeit entstehen lässt.

    Ich erwartete vom in meinem Netflix-Account seit Weihnachten angepriesenen Streifen „Maestro“ also nicht sonderlich viel, klickte trotzdem auf „abspielen“ und wurde zu meinem Erstaunen wirklich angenehm überrascht.

    Das Leben eines Ausnahmekünstlers

    Die Story startet Anfang der 40-er Jahre, als der junge Komponist Leonard Bernstein (Bradley Cooper) einen Anruf des Managers der New Yorker Philharmoniker erhält, ob er kurzfristig für deren erkrankten Dirigenten einspringen und bei einem Konzert in der Carnegie Hall den Taktstock schwingen könne. Der Film zeigt diesen Moment in Schwarzweiß: der Raum ist dunkel, dann öffnet Leonard den Vorhang wie auf einer Bühne, im Anschluss beschleunigt die Kamera das Tempo: Wir begleiten den Protagonisten im Laufschritt und erleben mit, wie er nahezu fliegend am Dirigenten-Pult anlangt. Die Vorstellung wird ein voller Erfolg, Bernsteins Name ist seit diesem Abend in aller Munde. Auf einer Party lernt er die Chilenin Felicia Montealegre (Carey Mulligan) kennen; zwischen den beiden funkt es sofort, sie werden ein Paar. Felicia ermuntert ihren Verlobten, dem Wunsch seines Agenten auf keinen Fall nachzugeben, der ihm zu völliger Konzentration aufs Dirigententum rät, sondern sich stattdessen der einzig wahren Passion, dem Komponieren von Musikstücken, zu widmen. 1951 heiraten Felicia & Leonard, beziehen eine schicke Wohnung am New Yorker Central Park, bekommen 3 Kinder, die Ehe scheint glücklich zu sein. In dieser Phase entstehen Evergreens wie „Wonderful Town“, „Candide“, „West Side Story“, die Filmmusik zu „Faust im Nacken“ und die „Symphony Nr. 3 Kaddish“.

    Jetzt erfolgt ein Zeitsprung in die späten 60-er Jahre – Festivität im Hause Bernstein: viele Künstler und noch mehr hippe Beinahe-Künstler versammelt. Man sieht Felicia in der Rolle der Gastgeberin und Mutter, während sich Leonard wie ein Fremder auf der eigenen Party benimmt. Er verschwindet plötzlich, wird von Felicia gesucht und im Treppenhaus beim Knutschen mit einem jungen Mann erwischt. Sie sagt nichts, wendet sich um und geht schweigend zurück zu ihren Gästen. Leonard folgt ihr mit beschwichtigenden, jedoch augenscheinlich ins Leere laufenden, Worten. Der Zuschauer begreift, dass sich die Handlung nun an einem Wendepunkt befindet. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Fokus liegt auf komplizierter Ehe

    Während ich bei Biopics sonst oft meckere [ja ja, alte Männer meckern eh gerne], weil ich sie als weitschweifig empfinde, gilt das für „Maestro“ erfreulicherweise nicht: mit 2 Stunden verfügt der Film über eine gute Länge [einige Passagen hätte die Regie zwar kürzer abspulen können, die erschienen mir künstlich aufgebläht zu sein; jedoch sind 120 Minuten für eine mehr als 4 Jahrzehnte umfassende Spanne völlig okay] und es kommt in keinem Moment Langeweile auf. Das liegt aber stark an der erzählten Geschichte, die sich nicht an Bernsteins Œuvre entlanghangelt und dabei minutiös jeden Meilenstein herausstellt, sondern den Fokus stattdessen auf sein kompliziertes Liebesleben legt. War er immer schon schwul – und hat Felicia bloß aus beruflicher Räson geheiratet –, handelte es sich um eine komplette sexuelle Umorientierung, die während der Ehe einsetzte, wusste seine Frau von Anfang an Bescheid, oder wurde ihr die Angelegenheit schlagartig erst bei der Szene im Treppenhaus klar? Bernstein-Experten werden die Antworten kennen; ich bin allerdings kein Bernstein-Experte, habe bloß „Maestro“ & „Westside Story“ gesehen und kann deshalb nur spekulieren: Ja (1), Leonard war immer schwul [zumindest bi, mit einer im Alter stärker werdenden Tendenz in Richtung gleichgeschlechtlich] und hat seine Frau aus einer gemischten Motivationslage heraus geehelicht = im prüden Nachkriegsamerika wäre es für einen homosexuellen Dirigenten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Karriereleiter zu erklimmen und ja (2): er hat Felicia geliebt; vermutlich mehr platonisch als körperlich, aber er hat sie geliebt. Zumal – was ihm nicht entgangen sein wird – er seine schöpfungsreichste Periode in den zwei Jahrzehnten aufwies, in denen Felicia eng an seiner Seite stand. Sobald sie Scheidungstendenzen signalisierte und sich räumlich von ihrem Mann trennte, ging es künstlerisch mit Leonard bergab. Er blieb zwar weiterhin ein weltweit umjubelter Starmaestro, dem das Publikum nach jeder Aufführung tosenden Applaus zollte; allerdings entstand seit Anfang der 70-er kein nennenswertes Musikstück mehr aus seiner Feder. Lovestorys – vor allem tragisch verlaufende – sind ein Stoff, aus dem auch ein unterhaltsames Biopic gewebt werden kann. Wen interessiert schon die Entstehungsgeschichte von „West Side Story“, wenn er stattdessen an einem Ehedrama teilhaben kann?

    Felicia ist die wahre Heldin der Geschichte

    An dieser Stelle wollen wir kurz mit Musik & Genie innehalten und uns der Frage zuwenden, von wem das (Film-) Stück eigentlich handelt bzw. wer in dessen Mittelpunkt steht. Selbstverständlich Bernstein (m), sagen Sie, die Überschrift lautet ja eindeutig „Maestro“? Das sehe ich leicht anders. Natürlich ist der Film ohne Leonard undenkbar, aber noch undenkbarer wäre er ohne Felicia. Ohne sie kein erfolgreicher Komponist, ohne sie keine – in den ersten Jahren glückliche – Familie, ohne sie keine 3 Kinder. Sie hält den Laden zusammen und nimmt sich selbst völlig zurück, um das Licht des Ruhms ungefiltert auf ihren Gatten strahlen zu lassen. Felicia ist die stille Heldin dieses Dramas. Diese Rolle ist Carey Mulligan wie auf den Leib geschneidert: Sie spielt sowohl die frisch verliebte als auch die junge glückliche Mutter sowie die ins Zweifeln geratene ältere Ehefrau zu 100 Prozent überzeugend. Sie macht das perfekt, ist jederzeit ehrlich und authentisch, wo man manch anderen manieriert finden kann. Denn Cooper überzeichnet streckenweise bei der Darstellung des Maestros. Gut gelingt ihm der jungenhafte Bernstein [die 45 Minuten, die in Schwarz-Weiß gezeigt werden]; während die nachfolgende Stunde [startend mit der Party-Sequenz im Hause des Maestros] mich manchmal zweifeln ließ, ob ich einen „realen“ (iSv. wirklichkeitsnah) oder einen künstlich angeschwulten Leonard präsentiert bekomme. Denn so homosexuell affektiert wie in der zweiten Halbzeit der Geschichte gab er sich anfangs nicht. Entweder hatte also in den 70-er Jahren ein Sinnes- & Verhaltenswandel eingesetzt, oder aber der Drehbuchautor hat’s mit dem späten Schwulsein des Künstlers übertrieben. Vielleicht um fiktiv einen deutlichen Kontrast zur sich selbst treu bleibenden Felicia zu setzen. Sei’s, wie es sei – hin und wieder überkam mich der Eindruck, hier nicht dem „realen“ Bernstein, sondern einer von Bradley Cooper dramaturgisch verfremdeten Kunstfigur zu begegnen.

    Ein weiteres Manko des Films besteht darin, dass er viel zu sehr auf Leonard abzielt und die Geschichte von Felicia sträflich außen vorlässt. Denn auch sie war in den 40-er- und frühen 50-er-Jahren eine erfolgreiche Bühnen- und Fernsehschauspielerin, opferte ihre Karriere für die Familie, stand nach der Trennung von Leonard kurz vor einem beruflichen Neuanfang. Das wird zwar en passant ab und an angerissen; aber nie auch nur halb so ausführlich abgehandelt wie die einzelnen Konzertauftritte [von denen es ne Menge zu sehen gibt] ihres Göttergatten. Felicia wird vom Autor doch stark auf die 2 Funktionen Ehefrau + Mutter reduziert. Dass sie selbst ein TV-Star war, findet kaum Erwähnung. Man könnte glatt von einem patriarchalisch verengten Blickwinkel des Regisseurs sprechen.

    Die Dialoge zwischen ihr und Leonard passen wiederum, wirken nie gekünstelt oder hölzern. So wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen den beiden abgelaufen sein.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: „Maestro“ liefert – speziell für das ansonsten eher spröde Genre „Biopic“ – gute Unterhaltung. Das liegt an 2 Faktoren: der Fokus wird auf das (komplizierte) Eheleben des Künstlers gelegt + Carey Mulligan geht völlig auf in der Rolle der Felicia.

    Maestro: oscartauglich?

    Nachdem Netflix im vergangenen Jahr mit der Neuverfilmung von Im Westen nichts Neues 4 Oscars abräumte [u.a. als bester internationaler Film], soll „Maestro“ bei der Preisverleihung im März 2024 noch erfolgreicher abschneiden. Ob es in den Hauptkategorien [bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch] gegen die beiden Favoriten Barbie und Oppenheimer reichen wird, bleibt mit einer gehörigen Portion Skepsis abzuwarten. Außenseiterchancen rechnen sich Bradley Cooper als „bester Hauptdarsteller“ und Carey Mulligan als „beste Nebendarstellerin“ aus. Bei Hauptdarsteller wird zwar vermutlich Margot Robbie (Barbie) das Rennen machen; aber Mulligan hätte den Oscar für ihre Interpretation der Maestro-Gattin auf jeden Fall verdient (ob sie ihn bekommt, ist wegen der starken Nebendarsteller-Konkurrenz aus Barbie & Oppenheimer jedoch ebenfalls ungewiss].

    Wo sich „Maestro“ allerdings berechtigte Hoffnungen auf den Award machen kann, ist die Spezialdisziplin „Make-up“ [hier auch bereits nominiert] . Der Visagist Kazu Hiro hat Carey Mulligan & Bradley Cooper sowohl in ein den beiden Vorbildern Felicia & Leonard verblüffend ähnelndes Ehepaar verwandelt als die 2 auch überzeugend altern lassen. Ärger gab’s zwischenzeitlich mit der Nasenprothese des Protagonisten. Die schien der politisch hyperkorrekten Fraktion wahlweise übertrieben oder für einen Nicht-Juden unstatthaft zu sein, weshalb von (politisch unkorrektem) Jewfacing die Rede war. Obwohl schnell klargestellt wurde, dass die Nase 1 zu 1 der des realen Maestros entspricht und seine Kinder, die natürlich dazu befragt wurden, keinerlei Probleme mit dem filmischen Zinken [an dieser Stelle nur aus dem Grund verwendet, um das Wort „Nase“ nicht ständig zu wiederholen. Auf gar KEINEN Fall despektierlich gemeint!] haben, beruhigte das die politisch hyperkorrekte Fraktion natürlich nicht, die blieb weiterhin empört; weshalb Kazu Hiro dann alle zerknirscht um Verzeihung bat, die sich durch die realitätsgetreue Darstellung in ihren Gefühlen verletzt empfanden. Gottseidank ging das Schuldempfinden der Filmmacher nicht so weit, den Zinken [pardon: die Nase des Künstlers] nachträglich wegzuradieren, sodass der Zelluloid-Leonard dem realen Bernstein von der reinen Optik her nach wie vor weitgehend entspricht.

    Besonders hervorzuheben ist die Bildgestaltung von Matthew Libatique [speziell die ersten 45, in Schwarz-Weiß gedrehten, Minuten sind hinsichtlich des gekonnten Einfangens der 40er- & 50er-Jahre-Stimmung visuell außerordentlich gelungen]; aber auch bei „beste Kamera“ wird’s sehr schwer werden, sich gegen die 2 Topfavoriten durchzusetzen.

    Maestro ist ein sehr gutes Biopic; handwerklich virtuos, sich dabei phasenweise an das schwierige Thema verschleierter Homosexualität herantastend. Der Film bleibt dabei aber stets schamhaft; als ob man bei den Liebesszenen dann plötzlich doch Angst vor der eigenen Courage bekam und die deshalb auf jeweils wenige Sekunden beschränkte. Dahinter steckt vermutlich der Wunsch der Produzenten, bei den Preisverleihungen wählbar sowohl für konservative als auch liberale und besonders woke Juroren zu sein.

    Von mir gibt’s 8.5 Punkte (2 davon für Carey Mulligan).
    +++

    Maestro
     Erscheinungsjahr: (Herbst) 2023
     Länge: 120 Minuten
     Regie: Bradley Cooper
     Drehbuch: Bradley Cooper & Josh Singer
     Produktion: Fred Berner, Bradley Cooper, Amy Durning, Kristie Macosko Krieger, Martin Scorsese, Steven Spielberg
     Vertrieb: Netflix
     Darsteller: Bradley Cooper, Carey Mulligan, Maya Hawke, Matt Bomer, Vincenzo Amato u.a.

    Erhältlich einzig bei Netflix.

  • Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Heute Nacht wurden die diesjährigen Academy Awards, dem breiten Publikum eher unter ihrem Spitznamen „Oscar“ bekannt, verliehen. Bester Film = die, teils in einem Paralleluniversum spielende, Scifi-Komödie „Everything Everywhere All at Once“. Die Trophäe für den besten internationalen Film erhielt die deutsche (Netflix-) Produktion Im Westen nichts Neues.

    Im Folgenden geht es einzig um den zweitgenannten Streifen.

    Meine Kurz-Rezi vom Januar

    Ich habe die aktuelle Version (die bisher dritte) von „Im Westen nichts Neues“ vor ein paar Wochen zu Hause auf dem Sofa angeschaut. Diesen Post tippte ich im Anschluss in mein Facebook-Profil:

    „Die gute Nachricht: Der Film ist besser als sein schlechter Ruf hier in Facebook. Für eine deutsche Produktion – da erwarte ich eh nie allzu viel – ist er ohnehin okay.

    Zugegebenermaßen ist es nicht so einfach, einen 400-Seiten-Roman auf die Länge von 2 Stunden 20 Minuten zu kondensieren, ohne dass (teils wichtige) Erzählpassagen unter den Tisch fallen. Allerdings fällt in dieser Verfilmung ne Menge Wichtiges unter den Tisch. Nämlich:
    (1) Vorgeschichte 1: die Verführung der Jugendlichen durch hyperpatriotische Lehrer
    (2) Vorgeschichte 2: der Drill auf dem Kasernenhof
    (3) Zwischengeschichte 1: Paul Bäumer auf Heimaturlaub. Unfähig, vom täglichen Horror des Krieges zu erzählen. Nach kurzer Zeit froh, wieder an die Front zu seinen Kameraden zurückzukehren
    (4) Zwischengeschichte 2: Bäumer verwundet für ein paar Wochen im Lazarett.

    Die Netflix-Produktion konzentriert sich zu 95 Prozent auf die Kampfhandlungen im idiotisch-infernalischen Stellungskrieg, bei denen an 1 Tag 50 Meter Geländegewinn erzielt und am darauf folgenden Tag wieder verloren werden. Und so geht es knapp 4 Jahre sinnlos u blutig hin u her. Jetzt ist gegen Konzentration auf das Wesentliche generell nichts einzuwenden; jedoch sind die Gräuel an der Westfront nur 1 Aspekt, den Remarque in seinem Roman beleuchtet. Genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – sind die beiden Vorgeschichten. Denn ohne patriotische Verführung in der Schule u den unmenschlichen Drill in der Kaserne wären die grausamen Kampfhandlungen nicht möglich. Von daher bedeutet Fokussierung in dieser Verfilmung leider nichts Positives. Die Konzentration aufs reine Kampfgeschehen macht die Handlung auswechselbar. Ähnliches hat man schon 100x in anderen Kriegsfilmen gesehen. Auch die Akteure bleiben blass, weil sie immerfort wild um sich schießen, in Deckung gehen, flüchten, schreien, kotzen, weinen u sterben. Die persönliche Geschichte des Helden fehlt völlig.

    Willkürlich rangefummelt sind die eingestreuten Sequenzen mit Ludendorff im Hauptquartier in Spa u Erzberger im Wald von Compiegne. Wird beides mit keinem Wort in der Originalvorlage erwähnt. Und auch das lakonische Ende des Protagonisten (hierauf zielt nämlich der Titel „Im Westen nichts Neues“) ist in der Verfilmung von 1930 viel besser dargestellt als in der aktuellen Produktion. Die Lewis-Milestone-Version von 1930 bleibt unerreicht.

    Von mir gibt’s 5 (von 10) Punkten. 4 davon für Bühnenbild & Kostüme. Ob das für einen Oscar reicht, scheint mir allerdings fraglich zu sein.“

    Netflix-Filme jetzt auch für kurze Zeit im Kino

    Getäuscht hatte ich mich, was die Oscars anbelangt. Der Film heimste insgesamt 4 Academy Awards ein:
    (1) Bester internationaler Film
    (2) Filmmusik
    (3) Kamera
    (4) Szenenbild.

    Nun kann man generell die Frage stellen, weshalb gute Filme – egal, in welchem Land sie hergestellt werden – nochmal in US-amerikanische und ausländische Produktionen unterteilt werden müssen. Warum gibt es pro Verleihung nicht 1 „Bester Film“ und das war’s? Wäre „Im Westen nichts Neues“ dann eventuell gar nicht in die Shortlist gelangt? Müßig, darüber zu spekulieren. Es ist, wie es ist bzw. die Academy of Motion Picture Arts and Sciences macht das halt seit knapp 100 Jahren so. Bester Film (ohne Zusatz) wird deshalb IMMER ein Hollywood-Streifen. Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass der Film ein paar Wochen lang in den Kinos lief. Weshalb Netflix mittlerweile einige seiner – an und für sich fürs heimische Sofa gedachte – Produktionen tatsächlich für eine kurze Zeitdauer im Rex am Ring in Köln oder der Cineworld Recklinghausen zeigt, um berechtigt zu sein, an solchen Verleihungen teilnehmen zu können.

    Ich persönlich tue mich mit vielen Filmen, die das rote N auf dem Cover tragen, schwer. Oft erreichen sie nicht das Niveau der Produktionen renommierter Studios. Zu langatmig erzählt (ganz schlimm bspw. „The Irishman“), oberflächlich, die Figuren haben zu wenig Tiefe, die Stories sind trivial, oder die Geschichten sind der xy-te Abklatsch eines altbekannten Themas. Ich mache deshalb um Netflix-Produktionen normalerweise einen großen Bogen.

    Der wichtigste Aspekt des Romans wird komplett ausgeklammert

    Bei „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger stört vor allem der Wegfall von rund zwei Dritteln des Romans und die 90 prozentige Konzentration aufs reine Kriegsgeschehen. Das wird zwar fulminant in Szene gesetzt; jedoch hat man Ähnliches schon in zig anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Komplett fehlen die diabolische Verführung der jungen Männer im Schulunterricht durch patriotisch besoffene Lehrer und der unmenschliche Drill in der Kaserne. In der Familie meines Vaters hatte WK1 sehr viel härter eingeschlagen als WK2. Die drei älteren Brüder meines Großvaters und der Mann seiner Schwester fielen alle 4 bereits im ersten Kriegswinter. Und dennoch meldete sich mein Großvater als jüngstes von 5 Kindern (von denen 3 bereits auf dem Feld der Ehre ihr Leben gelassen hatten) im Frühjahr 1915 als 17-jähriger freiwillig zum Armeedienst. Gegen den großen Widerstand seiner Eltern (meiner Urgroßeltern), aber darin bestärkt von seinem Klassenlehrer. Remarque schildert die Indoktrination durch die alten Oberstudienräte über mehrere Kapitel. Der aktuellen Netflix-Produktion ist dieser – mMn sehr wichtige – Aspekt weniger als 5 Minuten wert. Und „Im Westen nichts Neues“ funktioniert nicht richtig, wenn man die Vorgeschichte in der Schule nicht miterzählt. Das ist der m.E. größte Mangel an diesem Streifen.

    In den beiden Vorläufer-Produktionen (1930 und 1979) wird das den Schülern eingetrichterte Mantra „Dulce et decorum est pro patria mori“ natürlich thematisiert. Und deshalb überzeugen diese beiden Filme auch mehr als der heutige Oscar-Gewinner. Unerreicht weiterhin – wie oben schon geschrieben – die Lewis-Milestone-Version von 1930.

    Und weshalb man nachträglich eine Geschichte dranfummelt, die im Roman gar nicht drinsteht (die Waffenstillstandsverhandlungen im Wald von Compiègne), wird auf Ewig das Geheimnis des Drehbuchautors bleiben.

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: der Film weicht WEIT von der Vorlage ab, den Charakteren mangelt es an Tiefe, noch nicht mal zum Protagonisten Paul Bäumer (Felix Kammerer) baue ich als Zuschauer ein emotionales Verhältnis auf, die restlichen Figuren sind noch blasser gezeichnet und deshalb beliebig austauschbar. Die Story ergötzt sich am Kriegsgeschehen, die Kamera schwelgt in Blut und hervorquellenden Eingeweiden, die Requisite (Szenenbild, Kostüme) ist wirklich gut gemacht – das war’s allerdings schon. Bereits hundert Mal in anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Aber das, worauf es eigentlich ankommt, nämlich eine spannende Geschichte zu erzählen, fiel bei dieser Bilderflut leider völlig unter den Schneidetisch. Wie man es besser macht, kann man in „1917“ von Sam Mendes sehen.

    Mit 5 (von 10) Punkten deshalb schon gut bewertet.