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  • Instagram erst ab 14?

    Instagram erst ab 14?

    Mindestalter Social Media Jugendliche

    Dies ist meine allererste Audio-Kolumne. An der ich – wegen VIEL Technik (Stichwort: Voice Cloning) – deutlich länger als an einem geschriebenen Text gesessen habe. Schau’n wir mal, ob es von den Klickzahlen her was bringt. Meine Kinder haben mir versprochen, meine schlauen (und weniger schlauen) Beiträge ab sofort nicht mehr komplett zu negieren, wenn ich sie von nun an vorlese, und sie sich nicht mehr mit ellenlangen Texten rumquälen müssen. Tun sie eh nicht also mehr als max. 1 Audio-Kolumne von mir anhören. Aber es ist ein (für mich) neues Format und beweist, dass auch Ü60-Jährige gewillt sind, mit der Zeit zu gehen … ja ja, mit großer Verspätung. Schon klar.

    Heute spreche ich über ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche, Beziehungsweise die Festlegung eines Mindestalters, um Instagram und TikTok unbeschränkt nutzen zu können … los geht's:

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  • Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Das Klima geht den Bach runter. Wer will das noch ernsthaft bezweifeln? Die Sommer werden immer heißer, es regnet wochenlang keinen einzigen Tropfen und wenn es dann mal wieder regnet, schüttet es wie aus Kübeln und man bekommt einen Eindruck davon, wie sich Noah und seine Familie kurz vor Eintreten der Sintflut gefühlt haben müssen. Die Winter im Rheinland taugen nichts mehr [wobei die Winter bei uns noch nie viel getaugt haben] und gehen Ende April nahtlos in den zu früh beginnenden Sommer über. Ob das nun an temporären oder chronisch durcheinandergeratenen Wetterfronten liegt oder sich das Klima in Gänze in den letzten Jetstream-Zügen befindet – darüber mögen Experten streiten. Für mich als Klimalaien und Boomer steht jedenfalls fest: Früher war nicht alles besser, aber das Wetter war schon schöner (iSv. weniger extrem) als heute, und als Kinder konnten wir im Winter im Siebengebirge noch Schlitten fahren.

    Ob man gegen den vom Trab mittlerweile in Sprintgeschwindigkeit gewechselten Klimawandel was tun kann – darüber wird erbittert gestritten. Viel kann man dagegen tun, sagen die einen. Gegen das Klima kann man nicht sinnvoll ankämpfen, behaupten die anderen. Von der Fraktion, die den Wandel komplett leugnet, hier mal völlig abgesehen. Ich befinde mich irgendwo mittig zwischen den beiden erstgenannten Positionen: Ja, man kann was aktiv tun. Z.B. wie ich bei vielen Dingen Konsumverzicht üben (was mir als Minimalist, der außer ner Schreibmaschine, nem Bett und Facebook kaum was braucht) zugegebenermaßen einfach fällt). Und nein: es wird trotzdem nicht richtig funktionieren. Es wird deshalb nicht richtig funktionieren, weil zum einen nicht alle mitmachen – und es müssen VIELE und SCHNELL mitmachen, wenn wir die kritischen Kipppunkte, bei deren Überschreiten dann eh alles zu spät ist, haarscharf vor der 1.5-Grad-Grenze vermeiden möchten –, und zum anderen niemand mit Gewissheit sagen kann, ob das Klima, selbst wenn wir den CO2-Ausstoß bereits heute weltweit auf Null runterfahren, sich nicht dennoch (drastisch) ändern wird. Für mich persönlich ist die Frage, wie werden wir mit dem Wandel umgehen, mithin die wichtigere als die, wie wir ihn eventuell noch verhindern können. Das erste ist pragmatisch, das zweite überwiegend Wunschdenken.

    Letzte Generation: schon der Name ist drüber

    Nun sehen das natürlich nicht alle so wie ich und folglich gibt es zum Thema Klima viel Diskussionsbedarf und jede Menge Aktivismus. Besonders in den Vordergrund spielt sich dabei seit einiger Zeit eine Gruppierung, die unter dem apokalyptischen Namen Die letzte Generation firmiert. Schon darüber könnte man diskutieren: denn auch auf diese angeblich letzte werden ganz sicher noch viele weitere Generationen folgen, bis die Menschheit entweder auf den terrageformten Mars übersiedelt oder sich gegenseitig ausgerottet haben wird. Ich taxiere dieses Ereignis auf das Jahr 2525.

    Aber um den Namen dieser Gruppe soll es in dieser Kolumne nicht gehen. Wir wollen uns lieber mit ihren Aktionen beschäftigen.

    Was also tun Jünger der Letzte-Generation-Sekte, wenn sie den Planeten vor dem Untergang bewahren möchten? Sie verfügen für die Weltrettung über ein dreigliedriges Instrumentarium – sie:
    (A) kleben sich irgendwo fest
    (B) beschmieren Hauswände
    (C) bewerfen Gemälde mit Kartoffelbrei
    [Anmerkung des Lektors: (D) hin und wieder containern sie und verschenken diese Lebensmittel an Bedürftige].

    3 Aktionsformen: alle 3 infantil

    Mal völlig losgelöst von der Schwierigkeit, einen direkten Zusammenhang zwischen einem mit Erbsensuppe bekleckerten van Gogh und dem aus Aktivistenperspektive notwendigen Stopp der Verfeuerung fossiler Energieträger zu erkennen, verstört v.a. die Monotonie der ständigen Wiederholung. Nach spätestens 3x auf die Straße kleben haben wir ja verstanden, dass es Menschen gibt, die sich Tag und Nacht vor der alsbald bevorstehenden Klimaapokalypse fürchten. Da braucht’s nun wirklich keine Dauerschleife. Die, die es verstehen wollen, haben es beim dritten Mal geschnallt und die anderen werden es auch nach 1000 Wiederholungen nicht begreifen (wollen). Es ist wie mit der Werbung für ein Reizdarm-Heilmittel, die seit gefühlt 10 Jahren gefühlt jeden Abend unmittelbar vor der 20h-Tagesschau über den Bildschirm flimmert: die tägliche Erinnerung an unseren (Reiz-) Darm und das (angeblich) Heilung spendende Mittel nervt gewaltig, die Sache verkehrt sich in ihr Gegenteil. Selbst anfangs gutwillige Betrachter/potenzielle Käufer wenden sich gelangweilt ab oder reagieren aggressiv, wenn sie bloß den Namen „Kijimea“ bzw. „Letzte Generation“ hören.

    Ich mein‘, wer jede Woche in Berlin kilometerlange Staus verursacht oder historische Gemälde mit Pattex besudelt, der kann sich doch nicht ernsthaft darüber wundern, dass die Mitbürger, die sich nicht 24/7 vor der Klimakatastrophe ängstigen, so langsam ans Ende ihrer Geduld geraten. Wie kann man sich als Ich-kleb-mich-überall-wo-es-mir-passt-fest-Aktivist bestürzt zeigen, dass BILD und der restliche Boulevard dies zum Anlass für polemische Artikel nehmen? Weiß man das als Apokalypse-Junkie nicht vorher? Wer berät denn diese Jünger:innen? Und nicht jeder, der Kartoffelbrei-Attacken kritisiert, hasst deshalb gleich diejenigen, die damit um sich werfen oder negiert gar die Notwendigkeit der Energiewende. Manchmal ist es einfach bloß Kritik an einer Vorgehensweise, die als grenzwertig, wenn nicht schon deutlich drüber, erachtet wird.Und auch mit (scharfer) Kritik muss man als Sekundenkleber-Guerilla irgendwie umgehen können. Im Vergleich zu dem, was die Letzte Generation aufführt, waren/sind die Aktionen von Greenpeace geradezu Gold.

    Tomatensuppe auf van Gogh = Instagram-Aktionismus

    Sind wir mal ehrlich: sich auf Straßen pappen, Häuserwände mit dümmlichen Slogans bekritzeln und Tomatensuppe auf van Gogh werfen, ist Instagram-Aktionismus. Ein paar „schöne“ Bilder für die Follower generieren, die mit ein paar nicen Hashtags hochladen, dann zurück nach Hause, dort den Sekundenkleber von den Händen scheuern, warm duschen, sich an Mamas/Muttis Tisch setzen, die Bio-Makkaroni schmecken lassen, dann noch eine Episode „The walking dead“ auf Netflix schauen, bevor man/frau sich angenehm erschöpft und rundum mit sich und der heutigen Kartoffelbrei-Performance zufrieden ins Bett legt und dort vor dem Einschlafen noch ein bisschen vor der bald nahenden Klimakatastrophe gruselt. Es ist ein Statement von Wohlstands-Kindern gegen die Wohlstandsgesellschaft, in der sie sozialisiert wurden. Kann man okay und notwendig finden. Man kann’s aber auch Scheiße und am Thema vorbei finden.

    Lieber ein Jahr unter Pinguinen leben

    Würde einer von denen nen Köpper von einem Eisberg in das (zu warme) Polarmeer machen oder in Sandalen und kurzer Hose die (sich ebenfalls galoppierend erwärmende) Antarktis durchqueren, um so auf die steigenden Temperaturen und die Polschmelze aufmerksam zu machen – meine Hochachtung und Respekt wären ihm/ihr gewiss. Aber diese infantile Kleberei und Erbsensuppen-Werferei als Social-Media-Challenge-Spielart von Umwelt-Alarmismus kann ich echt nicht ernstnehmen. Es ist wie beim Klingelmännchen: Wenn man das als ein für Warnsignale nicht empfänglicher Schwachkopf immer wieder praktiziert, wird irgendwann einer, den das tierisch nervt, einem eine kleben. Und dann bin ich gespannt, was die Klebe-Aktivisten von diesem Kleben halten werden.

    Auch wenn die Klimaapokalypse (angeblich) schon kurz vor Brunsbüttel steht, sollten wir dennoch bei unseren Das-Ende-ist-nah-Geißlerzügen ein Mindestmaß an Public-Relations-Intelligenz walten lassen. FFF und mit Eisbären um die Wette schwimmen oder ein Jahr allein unter Pinguinen leben stellen legitime Ausdrucksformen von Klimabesorgnis dar; Museen mit Kartoffelbrei verunstalten und sich im Wochenrhythmus in Berlin auf der A100 festkleben, sind jedoch definitiv drüber. Nicht alles, was sich selbst das Gütesiegel „Ziviler Ungehorsam“ verleiht, ist deshalb zwangsweise notwendig oder vernünftig. Mitunter wird sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich erreichen will.

    PS. an den Lektor: Aktionsform (D) scheint mir noch die sinnvollste von allen zu sein. Die wird allerdings wenig beworben von der Gruppe, sodass man davon als Kolumnist und Klimalaie erst beim Lektorat erfährt. 

  • Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    In den Plattformen des sich täglich hochschaukelnden Wahnsinns wird seit 48 Stunden ein neuer Mega-Aufreger durch die digitale Ödnis gejagt = die in Kürze bevorstehende Verbrennung sämtlicher Karl-May-Romane mit Schwerpunkt auf der Winnetou-Trilogie.

    Was war geschehen?

    Zeitgleich zum Kinostart von „Der junge Häuptling Winnetou“ wollte der altehrwürdige Verlag Ravensburger zwei Begleitbücher und ein paar Gimmicks auf den Markt bringen. Unter der entsprechenden Ankündigung in Instagram erhob sich alsbald ein mitteldimensionierter Shitstorm, wo dem Verlag so böse Sachen wie Nutzung rassistischer Stereotype & verharmlosender Klischees, Verwendung kolonialistischer Vorurteile, kulturelle Aneignung und Unterschlagung historischer Fakten um die digitalen Ohren gehauen wurden. Die Verantwortlichen entschieden sich deshalb für den sofortigen Stopp des Vertriebs und begründeten diesen 180°-Schwenk – wiederum in Instagram – mit folgenden Sätzen:

    Wir haben die vielen negativen Rückmeldungen zu unserem Buch „Der junge Häuptling Winnetou“ verfolgt und wir haben heute entschieden, die Auslieferung der Titel zu stoppen und sie aus dem Programm zu nehmen.

    Wir danken Euch für Eure Kritik. Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich.

    Unsere Redakteur*innen beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Diversität oder kultureller Aneignung. Die Kolleg*innen diskutieren die Folgen für das künftige Programm und überarbeiten Titel für Titel unser bestehendes Sortiment. Dabei ziehen sie auch externe Fachberater zu Rate oder setzen „Sensitivity Reader“ ein, die unsere Titel kritisch auf den richtigen Umgang mit sensiblen Themen prüfen. Leider ist uns all das bei den Winnetou-Titeln nicht gelungen. Die Entscheidung, die Titel zu veröffentlichen, würden wir heute nicht mehr so treffen. Wir haben zum damaligen Zeitpunkt einen Fehler gemacht und wir können euch versichern: Wir lernen daraus!

    Als diese Erklärung die Runde gemacht hatte, stürmte rasend schnell der nächste – nun eher großdimensionierte – Shitstorm heran, in dem von Cancel Culture, Orwells Neusprech und Bücherverbrennungen à la 1933 schwadroniert wurde. „Wir lassen uns den Helden unserer Kindheit nicht nehmen!“, „Winnetou war ein Guter, und wir alle wollten wegen ihm an Rosenmontag Indianer sein“ und ähnlich klare Kante konnte man da lesen.

    Der junge Winnetou = Episode 327 des immerwährenden Kampfs der Traditionalisten gegen die Woken.

    Worum geht es eigentlich?

    Zwar ging es, wie man, wenn man den Instagram-Verlauf unter der Neuankündigung überfliegt und die Erklärung von Ravensburger studiert, nie um die 3 Winnetou-Originale von Karl May, sondern einzig um das 125 Jahre später nachgereichte Prequel aus der Feder von Thilo Petry-Lassak. Mit der dazugehörigen Frage: Müssen idealisierende Klischees und Auslassungen (wie die brutale Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die weißen Kolonisatoren), wie sie May am Ende des 19. Jahrhunderts zu Papier (bzw. nicht zu Papier) brachte, Anfang des 21. Jhrd.s eins zu eins wiederholt werden? Die Frage ist eine völlig berechtigte. Welche Schlussfolgerungen man aus ihrer Beantwortung zieht, ist ein Kapitel für sich. Dazu kommen wir etwas weiter unten in dieser Kolumne.

    Wir wollen an dieser Stelle erst mal bloß festhalten: Das, was zur Zeit von May okay war, muss heutzutage nicht zwingend ebenfalls okay sein, bloß weil wir alterssenil auf dem Standpunkt beharren, dass ein Buch, das wir als Kinder (unkritisch) gelesen und geliebt haben, ebenfalls aus dem Blickwinkel des Jahres 2022 supermegatoll sein muss. Die Geschmäcker und Wahrnehmungen ändern sich. Wenn schon das Original nicht mehr als supermegatoll durchgeht, passagenweise sogar als kritisch anzusehen ist – umso mehr muss ja die Frage erlaubt sein, ob man diesen Wildwest-Kitsch durch ein unreflektiertes Prequel fortschreiben muss. Man kann es tun; muss dann aber auch mit der entsprechenden Kritik rechnen und damit leben können.

    Jetzt wird mir sicher gleich die Frage gestellt werden, ob ich „Der junge Häuptling Winnetou“ überhaupt gelesen habe. Weil Kolumnisten ja eh nie das lesen, worüber sie nachher schreiben. Darauf lässt sich einfach antworten: Nein, habe ich nicht, weil der Verlag die Bücher praktischerweise vor Veröffentlichung schon wieder eingestampft hat. Ich kenne bloß ein paar Zusammenfassungen und Vorab-Rezensionen. Ich wollte mir alternativ spontan den Film anschauen, stellte aber beim Check in „Wer streamt es?“ fest, dass der Streifen im Moment nirgendwo, außer im Kinopolis in Bonn zu sehen ist. Und so weit geht meine Liebe zu Kinderfilmen jetzt nicht, dass ich mich dafür bei 32 Grad im Schatten ins Auto setze, 10 Kilometer fahre, 30 Minuten einen Parkplatz suche und mir dann zwei Stunden lang eine Geschichte anschaue, deren Zielgruppe ich seit 45 Jahren entwachsen bin. Da tippe ich lieber auf meinem Balkon eine Kolumne.

    Das heißt, Sie haben wie immer keine Ahnung, worüber Sie schreiben, Herr Hirsch, sagen Sie jetzt? Stimmt. Ich habe – liegt allerdings knapp ein halbes Jahrhundert zurück – jedoch alle 3 Winnetou-Originale gelesen und die Filme mit Pierre Brice als edelstem aller Häuptlinge und Lex Barker als treuestem aller Blutsbrüder mehrmals gesehen. War sogar während eines Jugoslawienurlaubs mit meinen Eltern in den 70-er Jahren an den Plitvicer Seen, wo die Außenaufnahmen gedreht wurden. An Karneval wollte ich immer Indianer sein (okay, 1x war ich Astronaut; aber das war ein blödes Kostüm) u in Nscho-tschi war ich als Zehnjähriger ein bisschen verliebt. Das reicht natürlich bei Weitem nicht aus, um als Karl-May-Experte durchzugehen; es reicht jedoch völlig aus, diese Kolumne zu schreiben.

    Karl May schrieb so, wie man vor 125 Jahren halt schrieb

    Kommen wir jetzt zum Grundsätzlichen: Was ist verkehrt daran, die Welt der indigenen Ureinwohner Amerikas idealisiert, mitunter haarscharf unterhalb der Schwelle zum Kitsch, zu präsentieren? Bzw. warum darf man das in den Augen der Hyperkorrekten nicht tun? Bloß, weil Winnetou am Reißbrett entworfen wurde und mit einem realen Apachen so viel zu tun hat wie Raumschiff Enterprise mit Apollo 11, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass die kindlichen Leser dieser Rothaut-Romantik zu späteren Rassisten mutieren, nur weil man Rothaut heute nicht mehr sagt. Sind wir mit grob fahrlässiger kultureller Aneignung konfrontiert, sobald ein Deutscher, ohne je die Schauplätze seiner Bücher betreten zu haben, einen Indianer-Roman schreibt? Bedeutet es einen literarischen Sündenfall, wenn ein Protagonist allenfalls bruchstückhaft einem Menschen aus Fleisch und Blut gleicht, sondern als Hochglanz-Kunstprodukt der Fantasie seines Schöpfers entsprungen ist? Muss ich als Autor in einer fiktiven Geschichte, die sich hart an der Grenze zum Märchen bewegt, zwingend sämtliche unschönen Umweltbedingungen, die in jener Epoche herrschten, erwähnen? Wer all dies von Karl May fordert, beweist damit vor allem 1: nämlich, dass er von Literatur und deren Zeitbezug keine Ahnung hat. May hat so geschrieben, wie man Ende des 19. Jahrhunderts eben schrieb. Und nicht so, wie wir das 125 Jahre später gerne hätten.

    Bevor nun wieder vorschnell von Zensur geredet wird – dass der junge Winnetou in Buchform nicht erscheint, ist eine Entscheidung des Verlags. Der hat vor dem Instagram-Shitstorm kapituliert. Hätte er nicht tun müssen. Auch, wenn sich die nachgeschobene Erklärung sehr edel anhört. Wobei man sich fragt, weshalb all das angebliche Kritische, das diese zwei Bücher beinhalten, erst ganz am Ende auffiel, und das kein Lektor Monate vorher beim Studium des Manuskripts geschnallt hat. So, wie es gelaufen ist, wirkt es wenig glaubwürdig. Wer publiziert, muss negatives Feedback abkönnen. Das gilt für Kolumnisten genauso wie für Ravensburger.

    Das Recht auf schlechte Bücher

    Das Recht, oberflächlich recherchierte, idealisierte, romantisierende, mit Auslassungen operierende, kitschige etc. etc. Stories zu publizieren, muss auf jeden Fall erhalten bleiben. Niemand wird gezwungen, den alten oder neuen/jungen Winnetou zu lesen oder für diese Bücher gar Geld auszugeben. Das Instrument, sich gegen schlechte Literatur zu wehren, existiert seit der griechischen Antike = Ich schreibe eine gepfefferte Kritik. Der Kritiker muss dann jedoch damit leben, dass andere es abweichend sehen und ihn den Kritiker wegen seiner Ahnungslosigkeit kritisieren. Kritik und Verriss sind lang erprobte Mittel, um Schund öffentlich anzuprangern und völlig legitim. Von Buchstürmerei, die sich des Shitstorms bedient und die Nichtveröffentlichung ungeliebter Werke fordert, halte ich hingegen gar nichts. Zum einen gibt es auch eine Daseinsberechtigung für schlechte Romane, zum anderen ist das, was an bösem Inhalt angeblich drin sein soll, bei unvoreingenommener Prüfung oft gar nicht drin. Bloß, weil alter und junger Winnetou nicht der Realität entsprechen, bedeutet die Romantisierung/Stereotypisierung nicht zwangsläufig, dass damit rassistischen Klischees Vorschub geleistet wird. Es kann auch ganz im Gegenteil zur Identifikation mit den Anliegen der amerikanischen Ureinwohner führen. Die Korrelation Winnetou & Rassismus ist eine ganz schwache; wahrscheinlich überhaupt nicht existent.

    Ob es ebenfalls ein Recht für die Veröffentlichung von schlechten Kolumnen gibt, wollen Sie wissen? Selbstverständlich gibt es das. Meine schlechten Kolumnen gibt’s – und das ist das besonders Perfide daran – sogar gratis.

    Die Gesetzmäßigkeit des sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshits

    Die aktuelle Winnetou-Debatte zeigt exemplarisch, wie Streit“kultur“ in den Sozialen Netzwerken funktioniert: Zuerst ein mal brauche ich einen Aufreger. Kann auch was Kleines sein. Ich mein‘, ein Film/Buch über die Kindheit eines Apachen-Häuptlings ist ja nun wirklich kein Riesenthema à la „Wie sollen wir im kommenden Winter unsere Heizkosten bezahlen?“. Dann interpretiere ich da Rassismus, kulturelle Aneignung und Verharmlosung rein, entfache unter der Instagram-Seite des Verlags einen mittelgroßen Shitstorm, in dem ich zum Boykott aufrufe, das Unternehmen knickt schließlich ein und stoppt zähneknirschend zzgl. reumütige Entschuldigung die Auslieferung. Pünktlich 5 Minuten später erhebt sich das Geschrei der Gegenseite, die das komplette Œuvre Mays von alsbaldiger Verbrennung bedroht sieht.

    Man kann das als Shitstorm-Folklore oder sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshit bezeichnen. Keine der beiden Parteien tut sich einen Gefallen damit, wenn von Anfang an mit Falschbehauptungen operiert wird. Trotzdem wird es in ermüdender Monotonie immer wieder getan. Eine seriöse Diskussion über die Frage „Wie viel Realitätsbezug sollte ein guter (Kinder-) Roman aufweisen?“ wird damit unmöglich. Aber bei den Bullshit-Prügeleien geht es eh nicht um Erkenntnisgewinn oder gar Wahrheitsfindung. Es soll einzig Empörungsdampf produziert und auf den Gegner eingedroschen werden. Der Shitstorm ist nichts anderes, als die Schmähgesänge der Südkurve in den virtuellen Raum verlegt. Und das gilt für ALLE Shitstorms: sowohl die der Hypersensiblen als auch die der Ich-hasse-die-Woken-aus-tiefstem-Herzen-Fraktion.

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich beim jungen Winnetou nicht allzu viele Ich-fühl-mich-unwohl-Aktivisten mit Sekundenkleber an die Kinostühle dranpappen. In diesem Fall wäre 5 Minuten später mit dem nächsten Kriegsgeheul der Karl-May-Traditionalisten zu rechnen. In Facebook & Co. folgt letztlich alles immer derselben Dramaturgie. Wär’s ein Film, würde man sagen: lasst euch mal was Neues einfallen; ist ständig die gleiche Sülze, die wir hier zu sehen bekommen.

  • Macht Facebook aggro?

    Macht Facebook aggro?

    »Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
    »Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
    »Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
    »Du spionierst mir nach?«
    »Lass es mich so ausdrücken: ich zeige ein gewisses Interesse an deiner Person. Darüber solltest du dich eigentlich freuen, statt mal wieder die ewige Jammerplatte aufzulegen. Seit Jahren dasselbe Trauerspiel mit dir. Bemerke keinerlei Fortschritt in deiner Entwicklung.«
    »Trink nicht so viel!«, sage ich.
    »Von einem Facebook-Arsch wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

    Seitdem sie sich von ihrem dritten oder vierten Mann hat scheiden lassen, ist sie viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, hat mich im vergangenen Herbst nach vierzig Jahren Funkstille in Facebook wieder aufgespürt und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie, bloß weil wir in der 8ten Klasse mal Händchen gehalten haben, nun ein Gewohnheitsrecht darauf besäße, mir einmal pro Woche auf die Pelle rücken zu dürfen. Ich mag sie tagsüber recht gerne; allerdings abends, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, geht sie mir nach der zweiten Flasche Prosecco ganz gehörig auf die Nerven. Als ich sie eine Stunde später endlich vom sechsten Stock nach unten auf die Straße und dann ins Taxi verfrachtet habe, setze ich mich an den Schreibtisch, werfe den Laptop an und schaue aus alter Gewohnheit als erstes in Facebook vorbei. Dort das übliche Freitagabend-nach-22-Uhr-Spektakel:

    ▪Darf Greta Thunberg jeden Freitag die Schule schwänzen und das Weltklima retten?

    ▪Warum lässt sich der Broder von der Weidel knutschen?

    ▪Kann man Diesel-NOx genauso sorgenfrei inhalieren wie Pfefferminzaufguss in der Herrensauna?

    Ich überfliege ein Dutzend Diskussionen, hinterlasse drei kurze Kommentare, langweile mich, klappe den Deckel zu, denke: früher fand ich Facebook spannender und zappe im Anschluss noch ein bisschen kreuz und quer durch Netflix, wo ich auch nichts Gescheites entdecke, weshalb ich mich aufs Sofa lege und ein paar grundlegende Gedanken zu meinem Internetverhalten anstelle, an denen ich Sie gerne teilhaben lasse.

    Powerfacebooken = nicht-stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung

    Klären wir als Erstes die Frage, ob Powersurfen eine nicht-stoffgebundene Sucht darstellt. Knappe und eindeutige Antwort: ja, tut es! Jeder, der täglich – außerhalb beruflicher Aktivitäten – Zeit in diversen Foren und Plattformen verdaddelt, ist ein Digital-Junkie AUSRUFEZEICHEN Der Grad der Abhängigkeit ist einfach zu messen: je mehr Stunden vertrödelt werden, desto kritischer ist der psychische Zustand des Nutzers zu beurteilen. Täglich drei, vier Stunden in Facebook, Twitter, Instagram sind aufs Jahr hochgerechnet ja schon ne Menge vergeudeter Lebenszeit. »Es gibt schlimmere Süchte als Facebook«, meinen Sie? Stimmt; beispielsweise Crack, Wodka und Nymphomanie. Aber in die Top 10 der Bad Habits würde ich Facebook auf jeden Fall einsortieren.

    Frage Nummer 2: Kann man in sozialen Netzwerken (richtige) Freundschaften schließen? Das ist schon schwieriger zu beantworten. Hängt davon ab, ob Sie Lust und Zeit haben, ihre digitalen Bekannten auch beim Nachmittagskaffee oder Gute-Nacht-Viagra treffen zu wollen. Bei mir oszilliert dieses Bedürfnis saisonal zwischen den Polen schwach (Winter) und „Warum nicht? Wenn’s nicht weiter als fünfzig Kilometer sind“ (Sommer). Die Begrenzung auf maximal 45 Minuten Anreise reduziert die Anzahl möglicher Kontakte ungemein. Virtuell ist eben virtuell, und real bleibt real. Sind irgendwie doch zwei unterschiedliche Sphären mit allenfalls kleindimensionierter Schnittmenge. Sie mögen das komplett anders sehen und handhaben. Auch okay. Die rein digitalen Bekannten verhalten sich oft unverständlicher und sind schneller eingeschnappt als meine vorvorletzte Exfreundin, und die machte mir oft wegen Winzigkeiten die Hölle heiß. Da reicht mitunter ein leicht sexistisches Posting, ein falsches Wort in einem Kommentar, ein Text, in dem man sich als Amazonkunde outet, und weg sind sie. Was ich in den letzten Jahres alles an Spontan-Entfreundungen erlebt habe – darüber kann ich eine separate Kolumne schreiben. Würde aber hier jetzt zu weit führen.

    Frage Nummer 3 – mit der wir endlich beim eigentlichen Thema ankommen –: Wie sieht’s aus mit unserer Kommunikation im Internet? Schnelle Antwort: streckenweise traurig bis hin zu partiell außer Kontrolle.

    Ein paar Kostproben:

    Sie scheinen ein notorischer Schwachkopf zu sein, der seinen Studienabschluss entweder gekauft hat oder frei erfindet. Zur Ehre gereichen Sie Ihrem Berufsstand auf jeden Fall nicht.

    Sie armes Würstchen können einem bloß noch leidtun.

    Kein Wunder, dass ein pädophiler Grüner wie Sie diese kleine schwedische Behinderte gut findet.

    Mit Ihnen bin ich noch lange nicht fertig.

    Rote Faschisten wie Sie sind die allerschlimmsten.

    »Wo treiben Sie sich denn rum?«, fragen Sie mich? … Nur in Facebook.

    Und auch ich selbst kommuniziere online anders als im Büro oder morgens um 8 Uhr, wenn ich dem Nachbarn aus der zweiten Etage unten auf dem Parkplatz begegne. Tippe Sätze wie:

    Sie klingen, als seien Sie uns aus der AfD-Parteizentrale zugeschaltet.

    Nehmen Sie Ihren Blutdrucksenker, warten Sie eine halbe Stunde, bis der wirkt und schreiben Sie dann Ihren Kommentar erneut.

    Hat man Sie als meinen Dauertroll abkommandiert?

    Wenn es einen Preis für den fadesten Kommentar gäbe, dann gebührte der Ihnen.

    Merke: gepöbelt wird – entgegen dem üblichen Facebook-du – häufig in der dritten Person.

    Pöbeln = virtuelle Wirtshausrauferei

    Und genau das meint meine alte Schulfreundin, wenn sie sagt: »Virtuell bist du noch arschiger als im realen Leben«. Warum tue ich das? Ich weiß es selbst nicht so genau. Vermutlich, weil es möglich und in vielen Threads mittlerweile Normalität ist, sich knapp unterhalb der strafrechtlich relevanten Schwelle gegenseitig zu beleidigen. Der digitale Schlagabtausch ersetzt die gute, alte Wirtshausrauferei. Choleriker trifft auf Klugscheißer, Linke und Rechte schreien sich die Seele aus dem Leib, Veganer und Karnivore kloppen sich wegen Sojaburgern, die politisch Superkorrekten regen sich aus dem Stand heraus bei Fatshaming auf, dasselbe tun die Neo-Emanzen, sobald sie Mansplaining wittern. Facebook jenseits der Katzenfotos bedeutet Krieg. Allerdings einer, der seelische und keine physischen Wunden zufügt. Wer das nicht verinnerlicht und sich beizeiten eine dicke Teflonschicht zulegt, wird an diesem Medium über kurz oder lang verzweifeln.

    Digitale Beiträge bezwecken Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die lassen sich am schnellsten mittels marktschreierischer Überschriften, Kondensierung komplexer Sachverhalte auf maximal fünf Sätze bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Wahrheiten als der eigenen erzielen. Facebook ähnelt also zu vier Fünfteln der Promi-Berichterstattung der BILD ; weitere 19 Prozent bestehen aus nicht-hinterfragter Weiterverbreitung von Fake-News aus dubiosen Quellen wie Russia Today, Compact und Breitbart, um nur drei Protagonisten aus dieser unappetitlichen Liste aufzuzählen. Ja ja, es gibt lobenswerte Ausnahmen. Ist mir bewusst. Erinnere mich an eine friedliche Diskussion vergangenen Dienstagabend über die Komplexität des Rilkeschen Versmaßes in einer geschlossenen Poetengruppe. Aber die machen maximal ein Prozent der Plattform aus und werden in der Regel schlecht besucht und nur spärlich kommentiert. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Posts hat Trivialitäten zum Inhalt.

    Man kann nun wie Robert Habeck oder einer der Instagram-Erfinder sich die grundlegende Frage stellen: verpasse ich irgendwas, wenn ich am digitalen Geplappere nicht mehr teilnehme? Und nach kurzem Nachdenken zur an und für sich befreienden Schlussfolgerung gelangen: Natürlich versäume ich Nullkommanull, sobald ich den Dampfplauderbuden Facebook und Twitter den Rücken kehre oder wie Schlecky Silberstein die Forderung aufstelle: Das Internet muss weg!. Mal ganz ehrlich: steht da irgendwas drin, was man sonst nicht auf herkömmlichem Weg in Erfahrung bringen könnte oder tatsächlich wissen muss, um mitreden zu können? Zu 97% lautet die Antwort: nein, tut es nicht! Was also treibt uns trotzdem magisch in die digitalen Arenen der Eitelkeiten und des Grauens? Meines Erachtens ist die Antwort genauso simpel wie niederschmetternd: es ist einzig die Macht der schlechten Gewohnheit, die uns jeden Tag aufs Neue ins Zuckerbergsche Spinnennetz hineinlockt. Und wie schwer es ist, sich von einer Abhängigkeit zu lösen – da erkundigen Sie sich mal bei Rauchern, Alkoholikern und Spielothek-Süchtigen in Ihrem Bekanntenkreis. Die werden Ihnen das schon erklären.

    Zuckerbergs Datensammelwut = manisch

    Weshalb entblößen wir uns freiwillig in Plattformen, von denen wir wissen, dass die hinter der bunten Oberfläche verborgenen Algorithmen 24/7 sämtliche unserer Daten sammeln, unsere digitalen Schritte penibel beobachten und aufzeichnen, uns gläsern machen, uns – egal, wo wir uns bewegen – mit Werbung überschütten, und von denen wir v.a. nicht in Kenntnis gesetzt werden, was sie mit unseren Infos im Verborgenen sonst noch so alles anstellen? Wer garantiert, dass ich von der Maschine jenseits meines Konsumverhaltens nicht zusätzlich noch in eine politische Zielgruppe einsortiert werde? Würden sich eventuell meine Krankenkasse und Lebensversicherung darüber freuen, wenn sie von Facebook erführen, „der Hirsch ernährt sich ausschließlich von Nutella, Dosenravioli, kalter Bockwurst und Cola Zero“, und mir im Anschluss Beitragserhöhungen aufgrund ungesunder Ernährung ins Haus schicken oder gar die Police kündigen? »Sie übertreiben mal wieder maßlos«, sagen Sie? Für den Moment mögen Sie Recht haben; die Tendenz geht aber mMn eindeutig in Richtung gläserner User. Und noch einmal die grundlegende Frage: Warum liefern wir täglich Daten an ein System, das niemand kontrolliert? Was schallte 1987 noch für ein Aufschrei durchs Land, als per Volkszählung ein paar harmlose Sachen wie Alter, Geschlecht und Berufsgruppe für statistische Zwecke in Erfahrung gebracht werden sollten. Die halbe Nation weigerte sich, an der Datenerhebung teilzunehmen. Gerichte wurden angerufen, um die Aktion zu stoppen. Und heute? Wir liefern von morgens bis abends Informationen an die Plattformbetreiber, deren Menge im Vergleich zu dem, was vor dreißig Jahren von uns gefordert wurde, ausreichen würde, um die Karibik zuzuschütten, während wir 1987 noch Mühe gehabt hätten, den Decksteiner Weiher im Kölner Grüngürtel damit zur Hälfte zu befüllen. Und das Bermudadreieck, wo alles spurlos verschwindet, liegt bekannterweise nicht auf 50° 56′ 33″ nördlicher Breite. Weshalb tun wir das? Und vor allem: Warum ohne jegliche Gegenwehr? Weil Facebook verantwortungsvoller mit den Infos umgeht als die Staatsbürokratie? Wer das glaubt, der glaubt ebenfalls daran, dass die komplette Abholzung des Amazonasregenwalds bei gleichzeitiger Erhöhung der CO2-Ausstöße keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima haben. Cambridge Analytica lässt grüßen.

    So lange Facebook primär nach Tittenbildern fahndet, während Gewaltverherrlichung und Menschenverachtung eher als vernachlässigbare Sünden gelten, wird sich am grottigen Kommunikationsverhalten der User nichts ändern, steht vielmehr zu befürchten, dass die Welle der digitalen Pöbelei über kurz oder lang in die reale Welt überschwappt. Wissenschaftler warnen bereits vor einer Verengung der Weltsicht aufgrund zu einseitiger Informationsaufnahme in den sozialen Medien, wodurch das Verständnis für Andersdenkende reduziert wird, woraus dann wiederum dogmatische Lebensentwürfe bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz resultieren. Je mehr wir digital pöbeln, desto gewaltbereiter werden wir in der Realität.

    Freiwillige Selbstkontrolle = Nullnummer

    Die Kontrolle durch Maschinen funktioniert ganz offensichtlich nicht. Die Etablierung (geschulter?) Moderatorenteams hat sich bisher als Flop erwiesen; unter anderem deshalb, weil Zuckerberg lieber Geld in auf die Werbetreibenden zugeschnittene Zielgruppenanalysen als in Human Resources investiert. Falls die Nutzer weiterhin schamlos ausspioniert werden, nicht transparent gemacht wird, was mit den Abermilliarden Daten geschieht, die gegenseitigen Beleidigungen weiter zunehmen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der laue juristische Wind, der Facebook noch umweht, alsbald auffrischt. Und seien es bloß auf digitale Pöbeleien spezialisierte Abmahnvereine und Staatsanwaltschaften, die Verbleib und sicherer Aufbewahrung der Kundeninfos nachspüren. Das reicht schon, um es in der bisher nahezu unregulierten Plattform ungemütlicher werden zu lassen.

    Ob ich glaube, dass sich Leser nach dem Studium dieser Kolumne aus den digitalen Netzwerken abmelden werden? Nein, glaube ich nicht. Tue ich ja auch nicht und hat ebenfalls Schlecky Silberstein bisher nicht getan. Die Kraft der schlechten Gewohnheit ist stark.

    Ganz am Ende des Textes zurück zur Ausgangsfrage: Macht Facebook aggro?
    Zwei Antworten:
    (1) hängt von Ihrem individuellen Gemütszustand ab
    (2) hin und wieder auf jeden Fall.

    Erleichtert stelle ich nach dreitägigem Selbsttest fest, dass ich im Büro-Meeting und an der Sonntagnachmittagkaffeetaffel meiner Tante Edith keine Bemerkungen à la, „Herr lass Hirn vom Himmel regnen“ oder „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deine Pillen einzuwerfen?“, von mir gebe. Glücklicherweise haben die facebookschen Ruppigkeiten also noch nicht völlig von mir Besitz ergriffen. Wobei diese Aussage einzig für mein Reden in der Öffentlichkeit gilt. Ob ich mitunter virtuell-vereinfacht denke – darüber werde ich mich demnächst mal mit meiner Therapeutin unterhalten. Uns gehen eh so langsam die Themen aus.

  • Eis mit dem Löffel?

    Eis mit dem Löffel?

    »Du musst heute eine Kolumne schreiben«, informiert mich Gisela, unsere neue, cloudbasierte Redaktionsassistentin vorgestern um sechs Uhr morgens.
    »Weißt du, wie spät es ist?«, frage ich.
    »Sechs Uhr eins und dreiundzwanzig Sekunden. Du musst ebenfalls den Namen deiner Rubrik ändern.«
    »Warum? Was ist an dem Namen verkehrt?«
    »Er ist zu sehr 2018 und klingt stark nach Pornographie.«
    »Mir gefällt er. Und auf die Schnelle fällt mir auch nichts Gescheites ein.«
    »Abgabetermin 18 Uhr!«, sagt sie und legt auf.

    Nun täte man sowohl dem alten Hank als auch mir Unrecht, wenn man uns beide auf Porno und ähnlich Schlüpfriges reduziert. Er war nebenbei ein begnadeter Pferdetotoexperte und konnte blind Mahler und Bruckner voneinander unterscheiden, während ich in der Tageszeitung sowohl den Politik- als auch den Feuilletonteil überfliege, bevor ich zur Panoramaseite mit den leicht geschürzten Pin-up-Girls weiterblättere. Und der letzte Pornostreifen, den ich mir im Kino angeschaut habe, liegt Lichtjahre zurück. Aber Gisela hat nicht ganz Unrecht – einige meiner Kolumnen lassen sich nur mit äußerster Mühe und Wohlwollen des Lektors unter die Überschrift „Bei Hank im Wohnzimmer“ einsortieren.

    Verschlafen schalte ich Facebook an – was ich entweder vor oder unmittelbar im Anschluss an meine/m/n morgendlichen Stuhlgang tue –, scrolle mit noch unscharfem Blick durch den Nachrichtenticker, bleibe an einem Foto, das einen Eisbecher zeigt, kleben. Ein an und für sich völlig harmloses Bild, aufgenommen vermutlich bei einer Häagen-Dazs-Session, aus dem mir 5000 Kalorien entgegenlächeln. Darunter Dutzende Wutsmileys und eine Flut Kommentare, die, würde ich sie ausdrucken, von meinem Balkon im sechsten Stock bis runter in den Heizungskeller reichten. Was gibt’s an einem dummen Eisbecher groß rumzustänkern, überlege ich, mache mir erstmal einen Kaffee und studiere dann die Kommis:

    Wasser predigen und Wein trinken.

    Fahrrad fordern und nach Kalifornien fliegen?

    Selbst exzessiv fliegen, dies aber Anderen verbieten wollen – eine grüne Lieblingsdisziplin

    Aber eben twitterte sie doch noch: Fight climate change! #actnow. In Kalifornien mit dem Einweg-Eisbecher und Plastiklöffel?

    Wow!, denke ich. Worüber man sich so alles aufregen kann.

    EU und Grüne fordern Plastikverzicht

    Ende Oktober beschloss das EU-Parlament ein Plastikverbot, das u.a. folgende Produktgruppen umfasst: Trinkhalme, Besteck, Teller, To-go-Becher, Rührstäbchen, Plastiktüten. Die Grünen begrüßen die neue Richtlinie ausdrücklich. Zur Jahreswende jettet Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Ökos im Maximilianeum, urlaubsreisend nach Kalifornien und postet von dort in Instagram (oder Twitter … egal, alles dasselbe) ein, beim Verzehr einer amerikanischen Speiseeisgranate aufgenommenes, Bild. Wenige Minuten später bricht der kleine Shitstorm los.

    Die Logik dieser Empörungsmechanik ist simpel gestrickt: Eine grüne Politikerin darf weder in ein Flugzeug klettern, noch zuckerhaltiges Eis essen und schon gar nicht aus einem Wegwerfbecher mit einem Plastiklöffel. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich folgende Szene:

    Verkäufer: »Medium or giant size?«
    Schulze: »Do you have Mehrweg-Cups?«
    Verkäufer: »Sorry? … With or without chocolat crumbles on top?«
    Schulze: »Please wait. I go back to my hotel and ask for a Mehrweg-spoon. I’ll be back in thirty minutes.«

    Sie hätte das Eis aber zumindest aus einer Waffel essen können, schreibt eine weiterhin nicht besänftigte Kommentatorin. Haben Sie schon mal versucht, einen tausend Gramm schweren US-amerikanischen Vanilla-Caramel-Brownie-Klumpen in ein Hörnchen zu zwingen, frage ich zurück. Danach Schweigen im Walde bzw. Thread. Müssen Grüne, deren Partei ja vernünftigerweise periodisch wiederkehrend auf den mittlerweile komplett aus dem Ruder laufenden Verpackungsirrsinn hinweist, also ab sofort im Supermarkt nach Schüttgut anstehen: Käse, Schinken, Joghurt in mitgebrachte Keramikbehälter füllen oder mit der bloßen Hand nach Hause transportieren? Dasselbe abenteuerliche Argumentationsmuster, das SPD-Politikern das Tragen einer Rolex oder eines Brioni-Anzugs ankreidet, sich über Linke echauffiert, die anlässlich des Bundespresseballs ein sexy Abendkleid oder einen Smoking überstreifen, Konservative, die sich wegen ihrer Geliebten scheiden lassen, kritisiert, verlangt von Grünen, dass sie sich vor Besteigen eines Flugzeugs nach Übersee bei der Crew zu erkundigen haben, ob der Tank mit Kerosin befüllt wird; falls ja: müssen sie den Atlantik entweder mit einem Schlauchboot durchqueren oder auf den Trip verzichten.

    Empörungswelle schwappt ungezügelt rüber ins Neue Jahr

    Der Sofasport, an Volksvertreter Verhaltensanforderungen zu stellen, die kein einziger der Kommentarschreiber je erfüllen könnte, nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Eine MdB erzählte mir kürzlich, dass sie generell keine Urlaubsfotos online stellt, weil sie auf Reaktionen à la, „So verprasst ihr unsere Steuergelder auf der Skipiste“, Null Bock hat. War der Empörungsmüll im analogen Zeitalter auf Stammtische, Kaffeekränzchen, Saunaabende und die hinteren Seiten des Boulevards begrenzt, schwappt er einem heute aus jedem dritten Facebookpost entgegen. Der sozialmedienbefeuerte Unrat befleckt bereits morgens um kurz nach sechs meinen Monitor. In Kombination mit völliger Humorlosigkeit der digital Wütenden verursachen solche Beiträge bei mir Kopfschütteln, saures Aufstoßen der chinesischen TK-Nudeln von gestern Abend und den Wunsch, Backpfeifen zu verteilen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge.

    Ich: statt über den Löffel sollte man sich besser Sorgen über den Urlaubs-BMI von Frau Schulze machen

    Sie haben die Bigotterie der grünen Politikerkaste anscheinend immer noch nicht verstanden (Reaktion einer empörten Diskussionsteilnehmerin)

    Was kann man da noch antworten?
    Nichts, raten Sie?
    Stimmt, nichts ist am besten.

    Mal losgelöst davon, dass ich selbst nie auf die Idee käme, Eis aus einem Hörnchen zu essen, weil ich seit Kindheit den Geschmack der trockenen Waffel hasse und das Teil binnen weniger Minuten derart aufweicht, dass die Zitronenkugel nicht in meinem Magen, sondern auf dem T-Shirt landet, stelle ich fest, dass die Entrüstungsflut das Neue Jahr erreicht hat. Ich könnte es nun einem der Instagram-Erfinder gleichtun, der in einem zwischen Weihnachten und Silvester in der SZ abgedruckten Interview erklärte, dass er sämtliche sozialen Medien aus seinem Alltag verbannt hat und seitdem endlich Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens gefunden hätte. Aber ganz so weit wie dieser weise Mann bin ich noch nicht auf meinem langen Weg der Erkenntnis vorangeschritten.

    Jetzt habe ich allerdings endlich die neue Überschrift für meine Rubrik ausgebrütet:

    Aus der digitalen Hölle