Schlagwort: Klima

  • Weltklimakonferenz: Was können wir erwarten?

    Weltklimakonferenz: Was können wir erwarten?

    Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

    Was können wir von der Weltklimakonferenz, die gerade in Brasilien stattfindet, erwarten? Und was können wir von den Reaktionen erwarten, die die Ergebnisse der Konferenz auslösen werden? Letzteres ist einfacher vorherzusagen als das erste. Es wird in den Medien und in der Öffentlichkeit eine große Unzufriedenheit geben. Aktivistinnen werden sich in Talkshows und Interviews zu Wort melden und sagen, dass „die Politik“ vor „den Konzernen“ und „der fossilen Industrie“ eingeknickt ist, dass sie immer noch nicht einsehen will, dass die große Katastrophe naht, vor der „die Wissenschaft“ schon seit Jahren so eindringlich wie vergeblich warnt.

    Für die Prognose dieser Reaktionen ist es fast egal, was wirklich die Ergebnisse der Weltklimakonferenz sein werden. Sie werden sicherlich nicht den Maximalforderungen der Aktivistinnen und auch nicht den Wünschen der meisten Journalisten und Kommentatoren in Europa entsprechen, die den öffentlichen Klimadiskurs immer noch bestimmen.

    Was die Weltklimakonferenz beschließen könnte

    Aber wenn man die Meldungen der letzten Tage, die allmähliche Verschiebung der Themen und Schwerpunkte, verfolgt, dann kann man die vorsichtige Prognose wagen, dass etwa Folgendes das Ergebnis sein könnte:

    Die Weltklimakonferenz verabschiedet sich von dem völlig willkürlichen 1,5-Grad-Ziel, das von Anfang an ein rein theoretisches, utopisches Szenario gewesen ist. Vielleicht einigt man sich darauf, dass das realistische Ziel etwa eine globale Erwärmung zur Jahrhundertwende um drei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau sein könnte. Man verständigt sich darauf, dass dieser Pfad zu Bedingungen führt, mit denen die Menschheit fast überall auf der Erde umgehen kann, wenn sie jetzt beginnt, sich darauf zu konzentrieren, wie die Anpassungsmaßnahmen für dieses Szenario aussehen müssen.

    Sodann einigt sich die Weltklimakonferenz auf einen Lastenausgleichsmechanismus – wahrscheinlich noch nicht konkret und detailliert, sondern eher als verbindliche Absichtserklärung. Das kann funktionieren, weil alle Länder daran interessiert sind, dass die Anpassung an den Klimawandel überall erfolgreich ist; schlicht, weil die globalen Konsequenzen eines lokalen Fehlschlagens zu groß sind.

    Im besten Fall kommt dann während der Weltklimakonferenz noch die Vereinbarung dazu, sich in der Klimaforschung zukünftig auf die Modellierung und die Prognose lokaler Auswirkungen auf den globalen Klimawandel zu konzentrieren. Denn da sind die Unsicherheiten am größten. Zugleich ist die Frage, wie sich das Klima an konkreten Orten, in konkreten Regionen verändern wird, die wichtigste.

    Die herkömmliche Klimadefinition ist die statistische Verteilung der Wetterelemente an einem konkreten Ort – und das ist auch sinnvoll, denn an konkreten Orten werden Bäume gepflanzt, wird Wein angebaut, werden Flüsse begradigt oder renaturiert, Häuser gebaut. All das wird getan mit dem Wissen um ein lokales Klima, und wenn das sich ändert, ist es gut zu wissen, wie diese Änderung konkret aussehen wird, damit man sinnvoll investiert, das Notwendige aber auch das Sinnvolle tut.

    Eine gute Nachricht

    Die gute Nachricht ist allerdings, dass es Vieles gibt, von dem wir heute schon wissen, dass es sinnvoll ist: Flüsse müssen renaturiert werden, Hochwasserschutz ist fast immer sinnvoll, grüne Städte sind sinnvoll, Wärmeisolation. Neubauten sollten nicht da entstehen, wo Überschwemmungen möglich sind, und überhaupt sollten sie negative Effekte der Klimaveränderung nicht noch verschärfen. Robuste alte Pflanzensorten sind oft unempfindlicher gegen Wetterextreme als spezialisierte, hochgezüchtete Varianten.

    Zu hoffen ist, dass man sich bei der Weltklimakonferenz darauf einigt, realistisch zu sein, pragmatisch und den Panikmodus zu verlassen. Der Klimawandel ist da, er ist menschgemacht, er ist eine Herausforderung. Aber man kann sie meistern, ohne Stabilität und Frieden zu riskieren und ohne den Weg der Wohlstandsgewinne in den Regionen, die Nachholbedarf haben, zu verlassen. Darauf soll man sich konzentrieren, nicht auf Zehntelgrade der Abschwächung der globalen Erwärmung. Den Aktivistinnen wird das nicht gefallen, obwohl es ihnen andererseits auch die Möglichkeit zu weiterem Protest gibt. Insofern könnten wir am Ende alle vielleicht ganz zufrieden sein.

  • Die Weltbewegerin

    Die Weltbewegerin

    Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

    Klimawandel? – echt langweilig!

    All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

    Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

    Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

    EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

    Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

    Fadenscheinige Kritik alter Männer

    Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

    Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

    Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

    Wow!

    Was war das nun?
    (a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
    oder
    (b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

    Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

    Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

    Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

  • Es ist heiß

    Es ist heiß

    „Es ist heiß“, sage ich.
    „Klar ist es heiß“, sagt sie. „Warum sagst du das?“
    „Nur so“, sage ich.
    „Immerfort musst du irgendwas Sinnbefreites sagen“, sagt sie.
    „Nicht mal mehr sagen, dass es heiß ist, darf ich“, sage ich.

    Also ich finde es seit Tagen wirklich heiß hier bei uns im Rheinland. Zweite Hälfte Juni und das Thermometer klettert jeden dritten Tag auf über 35 Grad.

    „Das gab’s früher nicht“, sage ich zu meiner Bekannten.
    „Früher, früher“, antwortet sie. „Wenn ich das schon immer höre: FRÜHER! Nimm’s wie es ist. Wenn’s dir zu warm wird, zieh ne kurze Hose an oder lauf nackt durch die Wohnung. Aber jammer nicht ständig über die Hitze.“

    Für Klimadebatten ist es heute definitiv zu heiß

    So kann man das natürlich auch betrachten. Übers Klima unterhalten wir uns nicht mehr, Zum einen, weil wir dazu unterschiedliche Auffassungen vertreten, zum anderen, da wir zu wenig Ahnung davon haben und zu guter Letzt, weil es selbst fürs Klima heute zu heiß ist. Ich mein, wann hat’s das schon mal gegeben, dass in Mitteleuropa ein Hitzesommer auf den anderen folgt? Und sie beginnen immer früher und dauern immer länger. Also die mitteleuropäischen Hitzesommer. Wochenlang 30 Grad plus kenne ich nur von den Sommerferien mit meinen Eltern am Strand von Terracina* und den Hundstagen, die bekanntermaßen Ende Juli liegen, was in irgendeinem Zusammenhang mit dem Sternbild des Sirius steht. Wie genau, weiß ich nicht und bin bei der aktuellen Raumtemperatur auch zu faul, das nachzuschlagen. Können Sie, falls es Sie näher interessiert, gerne selbst tun.

    Das ist völlig normal, meinen Sie? Wir leben in einer Zwischeneiszeit, in der es ständig wärmer wird. Vielleicht leben wir auch in einer Wärmezeit, in der es bisher bloß zu kalt war. Zur Zeit der Dinosaurier war es in unseren Breitengraden deutlich heißer. Alles kein Grund zur Panik. Nun sehe ich morgens kurz nach dem Aufstehen zwar hin und wieder aus wie ein magenkranker Brontosaurus, aber mir ist trotzdem völlig schnurz, wie warm es im Trias und im Jura in der Kölner Bucht war. Mich interessiert das Hier und Heute und natürlich die Wettervorhersage für morgen. Am Klima ist NICHTS menschengemacht, werfen Sie noch hinterher? Und zum Beweis posten Sie Bilder von Frühjahrsschneelawinen in den Rocky Mountains, neuen Minieisbergen in der Antarktis und Fotos vom letzten Skiurlaub in Ischgl. Und das bisschen CO2, das wir Menschen produzieren, hat nun wirklich keinen Einfluss aufs Klima. Lassen wir uns bloß nicht von den Hysterikern und den Freitagsschulschwänzern nervös machen. Bisher ist alles immer gut ausgegangen. Lange Rede, kurzer Sinn: das Klima ist, wie es ist. Wir können sowieso nichts dran ändern. Also weiter volle Fahrt ohne schlechtes Gewissen in Richtung Komplettausbeutung des Planeten. Wir haben ohnehin Wichtigeres zu tun, als uns täglich mit unausgegorenen Klimamodellen zu beschäftigen. Ganz oben auf der Agenda: Kampf den Wirtschaftsflüchtlingen.

    Reiche Deutsche gehen Italienern auf den Sack

    „Schon ne Sache mit der Frau Rackete“, sage ich.
    „Wie heißt die?“, fragt meine Bekannte.
    „Rackete“, sage ich.
    „Das ist aber mal ein cooler Nachname“, meint sie.

    Seitdem die Seawatch 3 Mitte der Woche zuerst in italienische Hoheitsgewässer hinein tuckerte, bevor sie am frühen Samstagmorgen ihren Anker im Hafen von Lampedusa auswarf, überschlagen sich die Ereignisse in Italien, der EU und in Facebook. Matteo Salvini, von Beruf Innenminister in Personalunion mit Soziale-Netzwerke-heavy-Poster, ließ Kapitänin Carola Rackete verhaften und gab im Anschluss eine TV-Pressekonferenz, in der er die junge Frau, deren Konterfei überlebensgroß hinter ihm angebracht war, mit folgendem Satz bedachte:

    Ich hoffe, dass nicht noch mehr reiche, weiße Deutsche kommen, um uns Italienern auf den Sack zu gehen.

    So sind sie, unsere neuen feschen Politiker, denke ich. Reden frei von der Leber weg, machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube, kein verquastes diplomatisches Blabla. „Uns nicht auf den Sack gehen“: Das kommt an bei der digitalen Gemeinde und an den Stammtischen. Die Threads zum Thema Seenotrettung sprossen im Anschluss schneller als die Schimmelpilze auf dem Schnittkäse in meinem Kühlschrank und knackten binnen weniger Stunden die 10.000-Marke. Salvini & Rackete in aller Munde bzw. in jede Tastatur getippt. Von den beiden Uraltkamellen „Seenotrettung = Beihilfe zum Schlepperwesen“, „Verantwortungs- geht vor Gesinnungsethik“ driftete die Diskussion schnell ab auf die persönliche Ebene.

    Wenn kein Argument mehr sticht, dann wird’s eben persönlich

    Da versucht ein verwöhntes Töchterchen, die Geschäfte ihres Vaters* in einer hysterischen Überreaktion „wiedergutzumachen“….dafür zahlen müssen allerdings andere! Man nennt es auch einen Egotrip.
    © vielfach geteilter Kommentar in Facebook
    (*) der war früher angeblich an Waffenverkäufen beteiligt gewesen

    „Was für eine zynische Scheiße!“, sage ich. „Da wird die gute Tat einer jungen Frau zum kindlichen Trotz auf die krummen Geschäfte des Vaters uminterpretiert.“
    „Du sollst nicht ständig fluchen“, sagt meine Bekannte.
    „Aber ist doch wirklich Scheiße sowas“, sage ich.
    „Du hast es schon wieder gesagt“, sagt sie.

    Nachdem Attacke 1 „illegale Rettung“ beim Publikum nicht die erwünschte Breitenwirkung erzielte, wird nun Stufe 2 der Rakete (ein flacher Wortwitz. Ich geb’s zu) gezündet: familiärer Hintergrund und Intention der Akteurin sollen in den Dreck gezogen werden. Mich kotzt diese Art der unterirdischen Beweisführung mittlerweile dermaßen an! Was sollte Frau Rackete, nachdem ihr zwei Wochen lang kein europäischer Hafen die Einfahrt gestatten wollte, unternehmen? Nach Libyen zurückfahren? Wo den Flüchtlingen Versklavung und Vergewaltigung drohen. So lautet tatsächlich Ihr Lösungsvorschlag? Nicht Ihr Ernst, frage ich und gehe zwecks Abkühlung raus auf den Balkon.

    Dort zeigt das Thermometer um 12 Uhr mittags 34°. Ist das nun zu heiß oder zu kalt für diese Jahreszeit, überlege ich. Da mein Hemd durchgeschwitzt ist, wird es vermutlich eher zu warm sein. Ich beschließe, Folgendes zu tun: (kalt) duschen, neues Hemd anziehen, die „Freunde“, die mir mit ihren menschenverachtenden Sind-eh-alles-bloß-illegale-in-unsere-Sozialsysteme-Einwanderer-Kommentaren am meisten auf den Sack gehen, aus meiner Liste zu kicken, mir ein Eis zu kaufen und mich dann mit einem Gedichtband von Rimbaud ans Rheinufer unter einen schattenspendenden Baum zu setzen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Und was ist mit der Bekannten, wollen Sie noch wissen? Was macht die? Die bleibt, bei geschlossenen Vorhängen und Rollos, in der Wohnung, denn der ist es seit Tagen draußen viel zu heiß.
    ——————————————————————

    * Terracina: Badeort mit 45.000 Einwohnern in der italienischen Provinz Latina in der Region Latium am Tyrrhenischen Meer, Ca. 100 Kilometer südlich von Rom  Schöne Sandstrände. In der Nähe Kap Circeo, an dem die Zauberin Kirke den Odysseus ein oder zwei Jahre lang (so ganz genau weiß man das nicht) becircte und dessen Gefährten derweil in Schweine verwandelte, bevor die Truppe entzaubert und erschöpft wieder zur nächsten Etappe der Odyssee startete …. Lieblingsreiseziel meiner Eltern in der ersten Hälfte der 70er … Ende des kurzen Reiseführers

  • Die große Zerstörung

    Die große Zerstörung

    Nachdem ich vor drei Tagen noch gejammert hatte, „nix los auf allen Kanälen“ und notgedrungen auf das Langweilerthema Wahl-O-Mat ausgewichen war, überschlagen sich seitdem die Ereignisse, und ich komme mit dem Tippen überhaupt nicht hinterher. Und das liegt vor allem an der Durchschlagskraft des Rezo-zerstört-die-CDU-Videos. Deshalb vorab schon mal danke! an den jungen Mann mit der markanten Frisur, der mich damit vor der drohenden Arbeitslosigkeit in meinem Zweitberuf Klatsch- & Tratsch-Kolumnist gerettet hat.

    Als mich Sohn Nr. 1 am vergangenen Mittwoch auf den Clip aufmerksam machte, lauteten meine ersten Gedanken:
    (a) Wer zum Teufel ist Rezo?
    (b) Was hat der mit seinen Haaren gemacht?
    (c) 4 Millionen Klicks: wow!
    (d) 55 Minuten: wer soll sich das denn reinziehen?

    Seitdem hat sich Folgendes zugetragen:
    (a) Ich weiß jetzt, wer Rezo ja lol ey ist
    (b) Seine Haare sind immer noch blau
    (c) Die Klickzahl hat die 10-Mio-Marke geknackt und es gibt seit vorgestern ein zweites Video mit dem – eher dröge klingenden – Titel „Ein Statement von 90+ Youtubern“, das binnen 48 Stunden bereits 2,6 Millionen Mal aufgerufen wurde
    (d) Ich habe nach einem ersten Probeschauen am Mittwoch – zehn Minuten bei Zähneputzen und Haarekämmen – mir nun den kompletten Clip angesehen.

    Was sonst noch passiert ist, das erfahren Sie, wenn Sie die GESAMTE Kolumne lesen, die nun endlich losgeht.

    Eine beinahe saubere wissenschaftliche Analyse

    Beginnen wir mal mit den Klickzahlen. Die sind natürlich hoch, erscheinen jedoch selbst in dieser Größenordnung nicht extraterrestrisch bei Influencern, die es gewohnt sind, Woche für Woche Millionen Follower auf ihre Seiten zu lenken. Ein Unterfangen, bei dem sie professionelle Hilfe von aufs Internet spezialisierten Marketingagenturen erhalten. Des Weiteren bedeutet Anklicken nicht zwangsläufig, dass sich der Zuschauer die volle Länge genehmigt. Meine aus dem Bauch heraus getroffene Vermutung: 70 Prozent der User sind vorher ausgestiegen. Knapp ne Stunde Faktengehechel auf Youtube können sich arg ziehen. Ein halbes Dutzend Probanden (meine Kinder sowie junge Kollegen im Büro) haben als Maximalwert 14 Minuten erreicht, dann wurde weitergezappt.

    Bei Rezos Parforceritt durch die aus seiner Sicht drängendsten Probleme der Gegenwart kristallisieren sich vier Haupt-Themenblöcke heraus: Soziale Ungleichheit, Bildung, Kriegsverbrechen sowie der Klimawandel.

    Der Youtuber untermauert seine Feststellungen mit ner Menge Zitate, Quellen und Charts. Eine beinahe saubere wissenschaftliche Vorgehensweise. Die Einschränkung „beinahe“ muss deshalb erfolgen, weil Rezo durchgängig nur die Belege anführt, die SEINE Thesen unterstützen. Und dabei unterschlägt, dass ebenfalls anderslautende, akademisch publizierte Standpunkte existieren, die er zumindest als Minder(?)meinung hätte erwähnen sollen, wenn er für sich das Prädikat 100 Prozent (diesen Wert gibt es eh nicht. Schon klar) objektiv in Anspruch nehmen will. Die von einigen Medien durchgeführten Faktenchecks wiesen ihm zudem Manipulationen aufgrund Verkürzung manch wichtiger Statistik nach.* Das ist ärgerlich für jemanden, der suggerieren möchte, er allein befinde sich im Besitz der absoluten Wahrheit.

    * allerdings bejahen zahlreiche Redaktionen die Richtigkeit des Grundtenors der im Video aufgestellten Behauptungen.

    Headline à la BILD

    Die gewählte Überschrift klingt martialisch: Die Zerstörung der CDU.
    Damit kann Dreierlei gemeint sein: Die CDU zerstört das Land oder die CDU zerstört sich selbst oder beides zusammen. War in den sozialen Netzwerken ein großer Aufreger; ich find’s nicht so dramatisch. Die Headline dient dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen, und das gelingt ihr. Dieselbe Methode wenden unsere Boulevardblätter täglich an. Langweilige Titel sind was für wissenschaftliche Fachmagazine, taugen aber Null für den brodelnden Misthaufen Internet.

    Rezo hat – u.a. durch die geschickt gewählte Überschrift – aus dem Stand heraus (bisher lagen seine Schwerpunkte bei Musik & Comedy) den Nerv des Publikums getroffen. Sowohl die Klicks als auch Likes und Anzahl der Kommentare sprechen da eine deutliche Sprache. Der bis vor einer Woche vor allem in seiner Nische bekannte Influencer avancierte über Nacht zum nationalen Star, dem hunderte Beiträge in nahezu allen im Land erscheinenden Publikationen und Erwähnungen in den großen Nachrichtensendungen gewidmet wurden. Demnächst werden wir ihn sicher als Dauergast in vielen Talkshows zu sehen bekommen. Ein Paradebeispiel für die Durchschlagskraft viralen Marketings.

    Zur völlig verunglückten Reaktion der CDU, die ihn erst totschweigen wollte, bevor eine bereits fertig produzierte Gegenrede ihres Jungstars Philipp Amthor gestoppt wurde, man das Feld Generalsekretär Paul Ziemiak überließ, der in mäßig lustiger Alter-Hase-Manier über den Youtuber lästerte, dann 7 Tweets raushaute, denen er ein 11(!)seitiges Papier der Erklärung folgen ließ, brauchen wir hier keine großen Worte zu verlieren. Darüber wurden mittlerweile dutzende Zeitungsartikel geschrieben. Einhelliger Tenor: Professionelle Krisen-PR geht anders. Die Union hat Jugenddenke, Jugendsprache und das Internet bis heute nicht richtig verstanden.

    Die dritte Jugendwelle

    Es braut sich nämlich was zusammen bei unserer Jugend. Und zwar, wenn ich korrekt mitgezählt habe, zum nunmehr dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Ging es 1967/ 68 vor allem um die Entrümpelung antiquierter Denkschablonen und gegen den Krieg in Vietnam, fand man sich in den 80ern zu Anti-AKW- und Kein-Nato-Doppelbeschluss-Demonstrationen zusammen; danach flaute die Begeisterung der jungen Leute für politische Kampagnen allerdings merklich ab, bis wir Alten über unsere nur noch ins Smartphone glotzenden Kinder resignierend den Kopf schüttelten, das Ende des mündigen Bürgers herbeiorakelten, der nun vom Homo consumens abgelöst wird. Und jetzt ist sie plötzlich wieder da – die Lust der Jugend an politischem Inhalt, politischer Diskussion und Auf-die-Straße-Gehen. Als die Massen mobilisierendes Thema wurde das Klima auserkoren. Kann man als alter Sack Scheiße finden, von drohender Ökodiktatur schwafeln, behaupten, dass sich das Klima auch ohne menschliches Zutun immer schon verändert hat oder den Wandel komplett leugnen und von Fake News labern. Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass sich die Wetterlagen (ist nicht dasselbe wie Klima. Weiß ich) in einigen Weltregionen dramatisch zum Schlechteren wenden, tausende (seriöse!) Wissenschaftler gebetsmühlenartig darauf hinweisen, dass der menschliche Anteil an dieser sich anbahnenden Katastrophe kein geringer ist, Tierarten in ungezählter Anzahl aussterben oder vom baldigen Aussterben bedroht sind; und trotzdem genießt dieses Megaproblem bei den handelnden Politikern nicht den Stellenwert, der ihm zukommen müsste. DAS ist Grund 1 für die wöchentlich stattfindenden Fridays-for-Future-Demonstrationen.

    Grund Nummer 2 ist trivialer. Es geht um das Aufbegehren der Jugend gegen die Meinungsdiktatur der Alten. Wie hat mich das früher genervt, wenn mein Vater mir die Welt, die er zuvorderst aus der FAZ und dem Heute Journal kannte, erklären wollte. Aus Protest ließ ich mir die Haare schulterlang wachsen und legte zum Abendessen die Mao-Bibel neben meinen Teller. Weil mich die ständigen Ermahnungen, „du bist zu jung, um das zu verstehen“, „wenn du erstmal in unser Alter kommst, wirst du begreifen, worum es geht“, „das ist eine Sache für Experten und nichts für einen pubertierenden Zehntklässler“, „welcher Freund hat dich da bloß wieder indoktriniert?“, „fahrt doch rüber in die Ostzone und schaut euch an, was der Sozialismus aus einem Land macht“ ECHT nervten. Und nein, ich bin kein Kommunist geworden, weil ich bei Besuchen in der DDR schnell begriff, dass das sozialistische Wirtschaftsmodell deutlich weniger Wohlstand generierte als der Kapitalismus in der westdeutschen Variante. Aber – und das ist der Punkt – ich wollte das EIGENSTÄNDIG erfahren und entscheiden und NICHT von den Generationen meiner Eltern und Großeltern vorgekaut bekommen.

    Paternalismus 3.0

    Deshalb ist die paternalistische Reaktion, „macht erstmal Abitur und studiert was Anständiges“, „woher wollt ihr Grünschnäbel mehr übers Klima wissen als ich, der ich seit vierzig Jahren den Wetterbericht im ZDF anschaue?“, „viel geregnet hat es immer schon und heiße Sommer gab’s bereits vor dem Krieg. Wärt ihr alt genug, wüsstet ihr das“ mit Sicherheit die verkehrte Vorgehensweise, um in einen konstruktiven Dialog mit der Jugend einzutreten. Ich bin oft erstaunt, wie vielen Älteren die Fähigkeit abgeht, ruhig zuzuhören, das Anliegen ernst zu nehmen, auf Augenhöhe mit den jungen Menschen zu diskutieren, ohne nach fünf Minuten den besserwissenden Klugscheißer hervorzukehren, der sich in Allgemeinplätze „das Klima macht seit Millionen Jahren das, was es will. Dafür braucht es euch Weltenretter nicht“ und Desavouierung, „was habt ihr überhaupt studiert?“, flüchtet. Manchem Senior täte echt ein Grundkurs Psychologie für Dummies gut.

    Das Anliegen der Youtuber ernst nehmen bedeutet übrigens nicht, dass man mit den Die-CDU-zerstört-uns/ sich-Vorwürfen zu 100 Prozent d’accord geht. Für meinen Geschmack kranken speziell die ökologischen Forderungen von Rezo & Co. daran, Klima auf eine Ebene mit Gott zu hieven. Einfacher Gedanke: Kein Klima -> kein Leben auf diesem Planeten. Kann man tun, greift aber mMn dennoch zu kurz. Völlig außer Acht gelassen werden bei dieser Simplifizierung nämlich diese zwei Aspekte: Ist ein DRASTISCHER Paradigmenwechsel – denn um einen solchen handelt es sich – den Menschen überhaupt vermittelbar? In der Konsequenz drohen zwangsläufig VIELE Einschränkungen liebgewonnener Konsumgewohnheiten. Da ist dann nichts mehr mit Fastfood, 4x Woche ein Steak in der Pfanne, jedes Familienmitglied besitzt einen eigenen PKW, Billigklamotten bei H+M, 20-Euro-Last-Minute-Flügen nach Mallorca, Latte Macchiato to go, alle zwölf Monate ein neues Smartphone etc. pp. Und – ebenfalls nicht ganz unwichtig beim Marsch in das neue ökologische Zeitalter –: Wie sehen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt aus? Die freigesetzten Mitarbeiter von Ryan Air werden einen Tag später im E-ÖPNV-Wesen angestellt? Die arbeitslosen Rinder- & Schweinezüchter, Schlachter und Metzger finden schnelle Anschlussjobs in der Sojamilch- und Kieselerde-Industrie? Die ehemaligen Primark-Verkäuferinnen verteilen als Öko-Politessen Strafzettel an die letzten noch übriggebliebenen benzingetriebenen Dinosaurier-Kfz? Das sind alles nachgelagerte Problemkreise, meinen Sie? Zuerst MUSS das Klima gerettet werden, sonst erübrigen sich all diese Fragen aufgrund Aussterbens der Menschheit von selbst. Okay, okay, ich hör schon wieder auf mit meiner Erbsenzählerei.

    Kritik an der Kritik ist legitim

    Was aber klar werden sollte: allein den Politikern die Schuld für die Klimamisere in die Schuhe schieben zu wollen, ohne dabei sein eigenes Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen, ist wohlfeil. Womit wir bei Kritikpunkt Nr. 2 angelangt sind: nicht wenige der in zweitem Video auftretenden Influencer verdienen ihr Geld damit, Luxusartikel zu promoten. Ich bin wahrlich niemand, der fordert, dass ein Prophet buchstabengetreu gemäß den Sätzen seiner Heilslehre leben muss. Aber die Diskrepanz darf auch nicht so groß werden, dass man unglaubwürdig rüberkommt. Was dicke Karren, Jetset-Reisen in die Emirate und teure Kosmetika mit umweltschonendem Verhalten zu tun haben, muss man mir erstmal langsam erklären. Weil so richtig begriffen habe ich das bisher nicht.

    Und last but not least – bei aller Kritik an Union und SPD: Zum Boykott dieser beiden Parteien aufzurufen, hinterlässt bei mir einen schalen Nachgeschmack. Sie sind es gewesen, die die Bundesrepublik auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs gebaut, in die EU geführt, dort fest verankert und mittels ihrer Wirtschaftspolitik unseren aktuellen Wohlstand begründet haben. Deshalb muss heutzutage kein Mensch diese zwei Volksparteien (streng genommen ist ja bloß die Union noch eine) wählen oder übertriebene Dankbarkeit zeigen. Politik ist ein schnelllebiges Geschäft, was gestern war, interessiert an diesem Nachmittag niemanden mehr. Aber Union und Sozialdemokratie in die Ecke der Weltzerstörer rücken zu wollen, halte ich für MAßLOS übertrieben. Völlig egal, ob das Verb „zerstören“ im Youtube-Jargon eine mildere Bedeutung besitzt als in der Normalsprache. Speziell mit dem Aufruf in Clip Nr. 2 schießen die Influencer weit übers Ziel hinaus und schaden ihrem begründeten Anliegen mehr als zu nützen.

    Um zum Ende des Textes zu kommen – denn genauso schlimm wie zu lange Analyse-Videos sind ausufernde Kolumnen – meine, völlig unverbindlichen, Tipps an die neuen Politbeeinflusser lauten:
    ▪ Am Ball bleiben. Es darf jetzt nicht wieder durchgängig business as usual (Musik, Gaming, Klamotten, Kosmetik) eintreten
    ▪ Das Klimathema voranbringen, ohne gleichzeitig verdiente Parteien bloßzustellen
    ▪ Darauf achten, dass Botschaft und Akteure halbwegs zusammenpassen. Lamborghinis und Flüge kreuz und quer über den Globus kriegt man beim besten Willen nicht in das Label „Umwelt & Nachhaltigkeit“ verpackt. Das mag einmal funktionieren, spätestens bei der dritten Wiederholung werden sich die Likes zu Dislikes und die bisher positiven zu negativen Kommentaren wandeln
    ▪ Kritik an den Kritikern ist legitim. Die Influencer sind – im Gegensatz zu den FfF-Schülern – Profis, die mit Gegenwind rechnen und den aushalten müssen.

    Wir sollten jedoch alle, völlig egal, ob wir Rezos Meinung(en) teilen oder es nicht tun, dem Youtuber dankbar dafür sein, dass er den leicht angestaubten Kommunikationsabteilungen von CDU und SPD gezeigt hat, wie erfolgreiche virale PR geht.

  • Was kommt nach dem Klimawandel?

    Was kommt nach dem Klimawandel?

    Gesetzt den Fall, dass die Berechnungen der Klimaforscher zum globalen Klimawandel ungefähr richtig sind, spricht eigentlich nichts dafür, dass dieser Wandel, der sich zur Klimakatastrophe auswachsen dürfte, noch aufzuhalten ist. Ein Umdenken und vor allem eine globale Veränderung im Handeln bei der Erzeugung von Treibhausgasen ist nicht in Sicht. Zeit, sich einmal über die Folgen des Geschehens nicht nur abstrakt, sondern etwas genauer Gedanken zu machen.

    Natürlich kann man heute nicht konkret vorhersagen, wie sich das Klima genau in einer bestimmten Region ändern wird. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Klar ist: Sowohl unsere technische Infrastruktur als auch die Landwirtschaft sind davon abhängig, dass Wetterereignisse, die heute als Extreme angesehen werden, nur selten und räumlich begrenzt auftreten. Zugleich sind unsere Versorgungssysteme überregional und global so vernetzt, dass extreme Veränderungen in dem, was als normal gilt, auch in weit entfernten Gebieten gravierende Auswirkungen haben. Wenn etwa in Italien keine Äpfel mehr wachsen und in Spanien nicht mehr erfolgreich Obst angebaut werden kann, haben wir in Deutschland ein Versorgungsproblem. Wenn Strommasten in verschiedenen Teilen Europas unter Schneelast oder in Stürmen umknicken, oder wenn Stauseen für Wasserkraftwerke zu wenig Wasser speichern ist die Stromversorgung in ganz Europa gefährdet. Wenn Extremwetterereignisse Straßen, Schienen und Flughäfen blockieren, bricht schnell die gesamte Grundstruktur unserer Gesellschaft zusammen.

    Da ist kein Klima mehr

    Kritisch ist die Zeit, welche vermutlich ein paar Jahrzehnte andauern wird, in der es gar kein Klima mehr gibt: Kein „normaler Wetterverlauf“ mit einer gewissen Bandbreite des Erwartbaren, auf den wir uns einstellen können und der nur hin und wieder hier und da von extremen Ausnahmen gestört wird. Eine Zeit, in der die unerwartbaren Ausnahmen zur Normalität werden, allerdings ohne dass jemand weiß, welches Extrem als nächstes kommt. In dieser Zeit werden die Menschen nicht planen können. Man weiß nicht, welche Getreide- und Gemüsesorten wachsen werden und welche von Trockenheit oder Starkregen vernichtet werden. Man weiß nicht, ob im Sommer die Hitze alles verbrennt oder ob im Winter die Schneemassen das Leben zum Erliegen bringen. Nach und nach wird in so einer Welt sowohl die überregionale als auch die regionale Infrastruktur zum Erliegen kommen. Wir können annehmen, dass alles, was wir derzeit täglich tun, gefährdet ist oder nicht mehr funktioniert, entweder, weil die Verkehrs- und Energienetze, die alles ermöglichen, ständig gestört sind, oder weil sie in der täglichen Sorge, wie das Leben weitergeht, nicht mehr wichtig sind.

    Mit dem Zusammenbruch der Infrastrukturen bricht allerdings auch der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel zusammen. Wir fahren keine Autos mehr, weil es keinen Treibstoff mehr gibt, wir verschwenden keinen Strom mehr, weil die Energieversorgung zusammenbricht. Mit dem Reparieren werden wir nicht so schnell nachkommen, wie neue Extremereignisse wieder alles zerstören.

    Nach dem Klimawandel: Ein neuer Himmel und eine neue Erde

    Nach ein paar Jahrzehnten wird also ein neues Klima entstehen, eine neue Normalität, auf die die Menschen sich einstellen können. Wird es dann noch Menschen geben? Werden Menschen das Chaos überstanden haben? Sicherlich. Wir müssen hier nicht spekulieren, wie viele Menschen die neue Normalität erleben werden und wo sie leben werden. Es gibt heute mehr als sieben Milliarden Menschen, sie leben an den verschiedensten Orten der Erde. In der Zeit der chaotischen Klimalosigkeit werden manche an den Orten bleiben, an denen sie immer gelebt haben, andere werden sich auf Wanderschaft begeben. Manche werden scheitern, andere werden mit Glück und Verstand überleben.

    Die Erde hat heute eine Vielzahl klimatischer Regionen und Ökosysteme. Das wird auch nach dem großen Klimawandel so sein. Hier und da werden Menschen sich angesiedelt haben, die Nischen zum Überleben gefunden haben werden. Sie werden einen Neuanfang machen.

    Womöglich wird es Konflikte und Kriege um Ressourcen geben, wahrscheinlich werden defekte Infrastrukturen Tiere, Pflanzen und Menschen in einigen Regionen vergiften und neue Krankheiten hervorrufen.

    Aber es ist anzunehmen, dass die Vielfalt der Bedingungen auf der Erde ebenso groß sein wird, wie sie heute ist. Dazu kommt, dass viele große wichtige Kräfte des Erd-Ökosystems vom Klimawandel unbeeindruckt bleiben: Die Erde wird weiter rotieren, die Verteilung der Landmassen bleibt unverändert. Wasser und Luft werden nicht verschwinden (auch wenn sich die Zusammensetzung der Luft womöglich ändern wird). Die Erde wird den Menschen neue Plätze zum Leben ermöglichen.

    Wenn wir die Klimakatastrophe nicht stoppen können, müssen wir uns auf so eine Zeit vorbereiten. Was kann man tun? Ein paar Basis-Fähigkeiten zu haben, wird nicht schaden, um in einer Welt ohne hoch-technisierte Infrastrukturen auszukommen. Dazu gehören nicht nur handwerkliches Können und körperliche Fähigkeiten. Vielleicht sollten wir auch beginnen, Geschichten und Gedichte zu lernen, damit wir in Zeiten ohne Medien etwas haben, was wir einander erzählen können – denn wer will schon Bücherstapel zum Vorlesen durch die Berge und Täler schleppen, wenn er auf Wanderschaft ist?

    Zudem könnten wir anfangen, darüber nachzudenken, was wir nach dem Neuanfang anders machen wollen, damit wir nicht schnurstracks in die nächste Katastrophe laufen.

  • Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Das Klima wandelt sich, früher war es angenehm und vorhersehbar, heute ist es unberechenbar geworden – und niemand weiß wie es weitergeht. Die meisten Menschen werden jetzt ans Wetter denken. Aber vielleicht handelt der erste Satz auch vom sozialen Klima in der Gesellschaft, oder vom Betriebsklima. In jedem Fall haben Sie den Satz vermutlich verstanden, Sie wissen, was gemeint ist. Vielleicht verstehen Sie auch sofort, dass derjenige, der den Satz vom veränderten Klima ausspricht, sich Sorgen um die Zukunft macht.

    Aber was heißt Klima, was bedeutet das Wort, das wir sowohl mit Bezug aufs Wetter als auch auf den sozialen Alltag verstehen?

    Die Meteorologen haben definiert, dass das Klima der mittlere Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort über einen gewissen Zeitraum ist. Dieser Zeitraum wurde irgendwann auf 30 Jahre festgelegt. Man misst also dreißig Jahre lang die Temperatur, den Wind, den Niederschlag und berechnet Mittelwerte. Die beschreiben dann das Klima an diesem Ort.

    Aber diese Zahlen sollen nur irgendwas zu fassen bekommen, was wir zuvor schon kennen. Wir fragen nach dem Klima an einem Ort, wenn wir wissen wollen, mit welchem Wetter wir rechnen müssen. Wenn Sie jetzt einen Winterurlaub planen, wollen Sie wissen, im Sie im Februar in Winterberg Schnee erwarten dürfen und auf welche Temperatur Sie sich einstellen müssen. Sie wissen: das kann auch schiefgehen. Sie packen einen dünneren und einen dickeren Pullover ein.

    So ähnlich ist es auch beim Betriebsklima. Wenn Ihnen jemand sagt, dass in dem Unternehmen ein freundliches Klima herrscht, dann wissen Sie, dass es auch mal unangenehm werden kann, aber normalerweise, meistens, sollte es da nett zugehen.

    Klima ist das, worauf wir uns einstellen, womit wir rechnen. Manchmal ist das, was wir dann wirklich erleben, anders, als wir es vom Klima erwartet hätten. Aber wenn unsere Vermutungen übers Klima richtig sind, dann kommen wir auf lange Sicht ganz gut zurecht, weil wir uns darauf einstellen können.

    Deshalb macht uns Klimawandel auch Angst, sei es, dass die globalen Temperaturen steigen, sei es, dass ein neuer Chef einen anderen Ton anschlägt. Klimaveränderungen stören unser Selbstvertrauen, das uns sagt, dass wir alles im Griff haben. Andere Zeiten brechen an, und wir wissen nicht, was kommt.

    Im Wörterbuch der Phänomene wird alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Im ersten Eintrag im „Wörterbuch der Phänomene“ ging es ums Nachdenken. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

  • Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Kollege Thilo Spahl hat vor ein paar Tagen Verständnis für Donald Trump gezeigt. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen ist ihm höchstens ein Schulterzucken wert, denn das Abkommen, so meint Thilo Spahl, bringt für den Klimaschutz ohnehin nicht viel.

    Nichts ist gut, weil Trump es schlecht findet

    Es ist sicherlich richtig: Nichts ist deshalb schon gut, weil der gegenwärtige amerikanische Präsident es schlecht findet, und nichts sollte schon deshalb abgelehnt werden, weil Trump es gelobt hat. Wir sollten, auch wenn’s schwer fällt, auch im Falle des neuen Chefs im Weißen Haus Argumente abwägen und nicht naheliegenden Antipathien nachgeben.

    Man kann die Argumente, die Trump vorbringt, und die Thilo Spahl, sagen wir mal, affirmativ aufgreift, einem Faktencheck unterziehen. Das haben schon andere getan. Dann sieht man z.B., dass die Studie, die den Effekt mit 0,2 Grad angibt, den das Pariser Abkommen auf die globale Erwärmung habe,  auf einer nicht ganz so aktuellen Datenbasis arbeitet.

    Man kann aber auch mal so tun, als ob das, was Thilo Spahl an Fakten nennt, richtig wäre. Auch dann würde er in seinen Schlussfolgerungen völlig falsch liegen. Denn das Pariser Abkommen ist tatsächlich ein gewaltiger Schritt in Richtung einer wirklichen Eindämmung des Klimawandels – und so gewaltig ist auch die Wirkung, die ein Ausstieg der Amerikaner aus dem Vertrag haben könnte.

    Richtig ist: Im Pariser Abkommen ist vereinbart, dass jedes Land seine Ziele zum Klimaschutz selbst festlegt, und dass jedes Land auch selbst festlegt, wie es misst, ob es seine Ziele erreicht hat. Allerdings ist auch festgelegt, dass die Ziele mit der Zeit anspruchsvoller werden sollen.

    Und hier liegt der große Effekt des Abkommens: Es zeigt einen Wandel in der Richtung der Anstrengungen. Es geht nicht mehr darum, dass jedes Land versucht, anderen die Schuld und die Verantwortung zuzuweisen. Das Abkommen sagt: Jedes Land kann was tun, und wenn es am Anfang auch nur kleine Beiträge sind. Schon heute zeichnet sich ab, dass Länder mehr tun, als sie sich selbst vorgenommen haben.

    Wofür das Pariser Abkommen gut ist

    Paris geht von dem Ansatz aus, dass erste kleine messbare Erfolge dazu führen werden, dass sich die Länder mehr vornehmen, und dass sie auch mehr umsetzen. So wird es Schritt für Schritt zu einer Beschleunigung bei den Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels kommen. Das gilt umso mehr, wenn die ersten Erfahrungen bei der Umsetzung von Maßnahmen zeigen, dass es auch wirtschaftlich sinnvoll ist, Emissionen zu senken und Alternative Technologien zu entwickeln. Neue Produkte, neue Märkte, neue Industrien entstehen. Zugesagte Unterstützungsleistungen stärkerer für schwächere Länder führen zu nutzvollen Kooperationen, die sich auch auf andere Felder erstrecken werden.

    Das ist der Sinn des Pariser Abkommens, und deshalb ist der Effekt des Ausscheidens der USA auch so gewaltig. Allerdings gar nicht so sehr beim Beitrag zum Klimaschutz. Vielmehr setzt Amerika mit dem Ausstieg ein klares Zeichen: Die USA sagen dem Rest der Welt: Wir sind nicht mehr die innovative Nation, die die Herausforderungen der Gegenwart als erste angeht, die entschlossen und kreativ vorangeht um den anderen zu zeigen, wie man Probleme anpackt und löst. Wir sind nicht mehr die mutigen Helden, die die Welt schützen. Das sind wir vielleicht noch in den großen Kinofilmen des 20. Jahrhunderts, die in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts merkwürdig antiquiert wirken.

    Andere werden diese Funktion übernehmen. China hat erkannt, wie man in Zukunft zur führenden Kraft, zur Lokomotive der Weltgeschichte wird. Frankreich ruft die innovativen und verantwortungsbewussten Amerikaner auf, nach Europa zurückzukehren. Großbritannien begibt sich vorsichtig auf den Rückweg nach Europa. Deutschland wird sich weiterhin vornehm und weise zurückhalten und aus der zweiten Reihe freundlich alle zu integrieren versuchen.

    Und die USA? Bald wird man sich da umschauen und sehen, dass man zum Nachzügler, wenn nicht zum Geisterfahrer geworden ist. Der Einfluss wird zurückgehen, nicht nur in Fragen des Klimawandels. Denn andere werden die Kooperation, die sie auf diesem Feld erproben, auf andere Gebiete ausdehnen. Was wir mit Trump und seinem Rückzug aus dem Pariser Abkommen erleben, ist der Anfang vom Ende einer Weltmacht. Weltgeschichte bleibt spannend.