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  • One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

    Vom sperrigen Film zum Oscar-Triumph

    Vor vier Monaten hatte ich One Battle After Another noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Unterhaltsam, gut besetzt, aber auch ein Film, der sich schwer entscheiden kann, was er eigentlich sein möchte. Gestern, nach der Oscar-Verleihung, wirkt diese Einschätzung fast wie ein Zwischenstand in einer deutlich längeren Geschichte. Denn Paul Thomas Andersons Werk – lose vom Roman „Vineland“ (Thomas Pynchon, 1990) inspiriert – hat bei den Academy Awards überraschend groß abgeräumt – und gehört damit endgültig zu den prägenden Produktionen des Kinojahres 2025.

    Eine Revolution mit Nebenwirkungen

    Die Handlung ist schnell erzählt: Pat Calhoun (Leonardo DiCaprio) ist Mitglied der revolutionären Gruppe „French 75“, die in den USA der Nullerjahre zahlreiche Aktionen (Befreiung von Mexikanern aus Abschiebehaft) und Anschläge (Lahmlegen der Stromversorgung, Bomben in Kreditinstituten hochgehen lassen u.ä.) verübt. Pat ist nicht nur der Sprengstoffexperte der militanten Aktivisten, sondern ebenfalls mit deren Anführerin, die auf den hübschen Namen Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) hört, liiert. Perfidia unterhält zusätzlich zu Pat eine heimliche Beziehung mit Captain Lockjaw (Sean Penn), der eigentlich die Aufgabe innehat, ihr und ihrer Truppe das Handwerk zu legen, sie jedoch immer wieder entwischen lässt.

    Als Perfidia schwanger wird, kommen Pat erste Bedenken, ob das Aktivistenleben auf Dauer was für ihn ist. Nach der Geburt von Tochter Willa (Chase Infiniti) trennen sich deshalb die Wege des Paars: Pat geht auf in der Rolle des Vaters, Perfidia nimmt ihre alte Beschäftigung als Revolutionärin wieder auf. Ein Banküberfall läuft aus dem Ruder, es gibt Tote. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wird Perfidia geschnappt. Ihr droht lebenslange Haft. Lockjaw rät ihr dazu, die Gruppe zu verraten und im Gegenzug ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Perfidia (nomen est omen) willigt ein und verpfeift ihre Genossen:innen. Viele werden geschnappt oder getötet, einigen gelingt im letzten Moment die Flucht – so auch Pat mit Tochter Willa.

    Nun springt die Handlung um 16 Jahre: Perfidia ist spurlos verschwunden (man vermutet sie auf Kuba oder in Libyen), Lockjaw inzwischen vom Captain zum Colonel aufgestiegen (jagt immer noch Mexikaner und Aktivisten), Pat und Willa leben unter anderem Namen in einer Kleinstadt im Norden von Kalifornien, wo die Tochter die High School besucht und der Vater den Tag mit Kiffen und Dosenbier vertrödelt. Nach anderthalb Jahrzehnten sollte eigentlich Gras über die Sache gewachsen sein, denken die damals auf den letzten Drücker Davongekommenen und fühlen sich halbwegs sicher. Doch das erweist sich als voreilig, denn der mittlerweile zum christlich-arischen (oder arisch-christlichen) Glauben bekehrte Lockjaw eröffnet die Hatz erneut. Sein Ziel = Willa. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Zwischen Action, Farce und politischer Satire

    Die Handlung oszilliert zwischen Liebesdrama, Action und Komödie. Gut besetzt: neben Leonardo DiCaprio und Sean Penn ist auch Benicio del Toro in einer Nebenrolle zu sehen. Mit zweieinhalb Stunden etwas lang geraten – hätte man auch kürzer erzählen können.

    Das war zumindest mein Eindruck nach dem ersten Sehen. Und ein Teil davon stimmt weiterhin. One Battle After Another ist kein schlanker Film, sondern ein ausufernder, manchmal widersprüchlicher Koloss. Anderson wickelt seine Geschichte nicht geradlinig ab, sondern mit zahlreichen Tonwechseln: hier eine Szene voller Slapstick, dort plötzlich ein brutaler Actionmoment, dann wieder ein melancholischer Dialog zwischen Vater und Tochter.

    Genau darin liegt allerdings auch die Eigenart des Films. Er wirkt manchmal wie drei Filme gleichzeitig – politischer Thriller, Familiensaga und Satire auf Amerikas ideologische Abgründe.

    DiCaprio überdreht, Penn fanatisch

    DiCaprio spielt Pat Calhoun, den ausgebrannten Alt-Revoluzzer. Früher Bombenbauer einer radikalen Gruppe, heute lethargischer Kiffer in der kalifornischen Provinz. Seine Darstellung hat eine leichte Tendenz zum Overacting, besonders im ersten Drittel der Handlung. Gleichzeitig passt dieses Überdrehen erstaunlich gut zur Figur: Pat ist jemand, der mit seiner eigenen Vergangenheit nicht mehr klarkommt. Die Revolution von einst ist von ihm längst zu einem alkoholgeschwängerten Brei aus Nostalgie, Schuldgefühl und Selbstironie vermischt worden.

    Sean Penn wiederum gibt den Antagonisten Lockjaw mit sichtlicher Lust an der Übertreibung. Sein Charakter ist weniger realistischer Polizist als vielmehr eine groteske Verkörperung autoritärer Besessenheit – ein Mann, der die Jagd auf Aktivisten und Migranten nicht mehr von religiösem Fanatismus unterscheiden kann.

    Das Herz des Films: Pat und Willa

    Das eigentliche emotionale Zentrum des Films bildet jedoch die Beziehung zwischen Pat und Willa. Ich hab’s für mich in die Kategorie „Vater-Tochter-Stück“ einsortiert: Der Schock der Ereignisse schweißt die beiden, die bis dahin durch eine Art Hassliebe miteinander verbunden waren, erst richtig zusammen. Resultat: heile Revolutionärswelt 2.0.

    Chase Infiniti füllt diese Rolle mit bemerkenswerter Präsenz. Ihre Willa ist keine klassische Teenagerfigur, sondern eine junge Frau, die langsam begreift, dass die Vergangenheit der Eltern nicht einfach verschwunden ist, nur weil 16 Jahre lang darüber eisern geschwiegen wurde. Während die Erwachsenen noch in alten Ritualen gefangen sind, wirkt sie wie eine Figur, die erst entscheiden muss, ob sie diesen Kampf überhaupt fortsetzen will.

    Amerika als ideologisches Schlachtfeld

    Interessant ist auch der politische Hintergrund der Geschichte. Anderson zeichnet ein Amerika, in dem Migranten als billige Arbeitskräfte geduldet, ansonsten aber verfolgt und eingesperrt werden. In meiner ursprünglichen Rezension schrieb ich: „erschreckend ist, dass die im Film plakativ gezeigte Unmenschlichkeit gegenüber Einwanderern von der MAGA-Realität mittlerweile überholt wurde.“ Dieser Satz wirkt heute, ein paar Monate später, leider kaum weniger aktuell.

    Der späte Triumph des Paul Thomas Anderson

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Drama nun auch bei den Academy Awards so erfolgreich war. In der Nacht von Sonntag auf Montag (MEZ)  wurde One Battle After Another gleich mehrfach ausgezeichnet – unter anderem als bester Film des Jahres sowie beste Regie und bestes Drehbuch für Paul Thomas Anderson. Erstaunlicher Triumph eines Werks, das lange eher wie ein exzentrischer Außenseiter im Oscarrennen wirkte.

    Dass ausgerechnet ein derart sperriger Film zum großen Gewinner des Abends wurde, sagt vielleicht auch etwas über das gegenwärtige Kino aus. Anderson erzählt kein glattes Heldenepos, sondern bietet dem Zuschauer eine stellenweise holprige Story über alternde Revolutionäre, gescheiterte Ideale und eine Generation, die mit den politischen Ruinen ihrer Eltern aufwächst.

    Unterhaltsam – aber nicht ganz überzeugend

    Trotzdem wurde ich nicht komplett warm mit dem Werk. Wahrscheinlich, weil sich die Handlung nie dazu entscheidet, was sie eigentlich sein will: Liebesdrama (wo ist Perfidia abgeblieben?), Komödie (kiffender Ex-Aktivist muss plötzlich raus aus der Frührentner-Komfortzone) oder Gesellschaftssatire. Das alles garniert mit einer gehörigen Portion Action macht die Geschichte zwar unterhaltsam, aber dennoch überzeugt sie nicht vollends.

    Weder DiCaprios noch Penns bester Streifen, aber durchaus ansehbar.

    Oder anders gesagt: ein Film voller Widersprüche – genau deshalb aber auch einer, über den man endlos bei einer Dose Bier u/o einem Joint diskutieren kann.

    Bewertung

    Pros

    1. Starkes Vater-Tochter-Motiv
    Die Beziehung zwischen Pat und Willa bildet das emotionale Zentrum des Films und verleiht der ansonsten recht wilden Handlung eine nachvollziehbare menschliche Dimension.

    2. Eigenwilliger Genre-Mix
    Die Mischung aus Actionfilm, politischer Satire und Familiendrama macht den Film zumindest nie langweilig.

    3. Markante Figuren
    Besonders Sean Penns fanatischer Lockjaw bleibt im Gedächtnis – eine überzeichnete, aber wirkungsvolle Antagonistenfigur.

    4. Politischer Hintergrund
    Die Geschichte greift Themen wie Migration, staatliche Gewalt und religiöse Radikalisierung auf und verleiht dem Film damit eine aktuelle politische Ebene.

    5. Atmosphärische Inszenierung
    Paul Thomas Anderson schafft es erneut, eine sehr eigene Welt zu entwerfen – irgendwo zwischen amerikanischer Provinz, politischem Thriller und schwarzer Komödie.

    Cons

    1. Tonale Unentschlossenheit
    Der Film schwankt ständig zwischen Komödie, Drama und Action – und findet dabei nie ganz zu einer klaren Linie.

    2. Überlange Laufzeit
    Mit über zweieinhalb Stunden wirkt die Geschichte stellenweise unnötig aufgebläht.

    3. DiCaprios Overacting
    Leonardo DiCaprio neigt in einigen Szenen zur Übertreibung, was nicht immer zur Figur passt.

    4. Verschenktes Potenzial bei Nebenfiguren
    Interessante Figuren (z.B. innerhalb der Aktivistengruppe) bleiben letztlich eher skizzenhaft.

    5. Offene narrative Fäden
    Einige zentrale Fragen – etwa rund um Perfidias Verschwinden – werden nur unzureichend beantwortet.

    -> 6.5 Punkte

    Steckbrief

    Titel: One Battle After Another

    Herstellungsjahr: 2025

    Regie: Paul Thomas Anderson

    Drehbuch: Paul Thomas Anderson

    Produzenten: Paul Thomas Anderson, Sara Murphy, Adam Somner

    Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Teyana Taylor, Benicio del Toro

    Länge: 162 Minuten

    Produktionskosten: ca. 130–140 Mio. US-Dollar (Schätzungen reichen bis etwa 175 Mio. je nach Quelle)

    Starttermin: 25. Sept. 2025 (Deutschland, in den USA einen Tag später)

    Zuschauer: 20-25 Mio. weltweit (bis Jahresende 2025)

    Einspielergebnis: ca. 200 Mio. USD (Schätzung Jahresende 2025)

    Verleih: Warner Bros. Pictures
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  • Als Habgier den Blumenmond tötete

    Als Habgier den Blumenmond tötete

    Der Trend in Hollywood geht hin zu langen Filmen. Kaum eine Produktion, die es schafft, ihre Story in der klassischen Taktung von 90 Minuten zu erzählen. 120 sind heutzutage normal, 150 nicht unüblich; mittlerweile sind wir bereits bei 180 und mehr angelangt. So auch Martin Scorseses neuestes Werk „Killers of the flowermoon (KotF)“, das mit 3.5 Stunden nicht für den eiligen Zuschauer taugt. Man muss ne Menge Geduld und Sitzfleisch mitbringen, um zu erfahren, wie die traurige Geschichte von Ernest und Mollie ausgeht. Die Handlung lehnt sich an das mehrfach prämierte Buch Das Verbrechen: Die wahre Geschichte hinter der spektakulärsten Mordserie Amerikas des US-Journalisten David Grann an.

    „In Oklahoma ist es einfacher, einen Indianer zu töten, als einen Hund zu schlagen“

    Beginnen wir mit dem historischen Hintergrund: Die Osage – ein Zweig der großen Sioux-Familie – lebten ursprünglich an der Atlantikküste und mussten im Verlauf der Landnahme durch den weißen Mann gen Westen ausweichen. Sie wanderten den Ohio River hinab, überquerten den Mississippi und ließen sich auf dem Ozark-Plateau und in die Prärien des heutigen Missouri nieder. Dort siedelten sie bis ins frühe 19. Jahrhundert, als sie ihr Gebiet an die Vereinigten Staaten abtraten und weiter Richtung Kansas zogen. Nach dem Bürgerkrieg führte der zunehmende Druck der Regierung, alles Indianerland für die weiße Bevölkerung zu öffnen, zum Verkauf des Kansas-Reservats. Den Erlös verwendete der Stamm zum Erwerb von Territorium in Oklahoma. Die Entdeckung großer Erdölfelder dort machte die Osage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wohlhabenden Leuten.

    Durch ihren Reichtum wurden sie schnell zum Ziel von Verbrecherbanden, die versuchten, ihnen die lukrativen Landrechte abzunehmen. Zwischen 1921 und 26 wurden in einer „Osage Indian Murders“ genannten Gewaltwelle mindestens 60 Stammesmitglieder getötet. Erst, als das – damals sehr junge – FBI Mitte der 20-er Jahre die Ermittlungen übernahm, konnten die Morde aufgeklärt und das Töten gestoppt werden.

    Im Film wird die Mordgeschichte anhand der Schicksale der 3 Protagonisten Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio), Mollie Kyle (Lily Gladstone) und William Hale (Robert De Niro) nachgestellt. Ernest kehrt 1919 von den französischen Schlachtfeldern des WK1 zurück in die USA und verdingt sich bei seinem Onkel William (genannt: der King) als Chauffeur. William hat es als Rancher in Oklahoma zu Wohlstand gebracht, und er gaukelt vor, Vertrauensperson und Wohltäter der Osage zu sein. Sein eigentliches Ziel besteht jedoch darin, für sich ein möglichst großes Stück vom Erdölkuchen abzuschneiden. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Er gibt Morde in Auftrag, lässt sich als Betreuer der Hinterbliebenen einsetzen und verheiratet seine männlichen Angehörigen mit Osage-Frauen. Nach der Hochzeit geraten diese unter die Vormundschaft ihrer weißen Männer. Die Damen werden aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit, die nur die Indianer befällt, alle nicht alt, das Erbe geht an die Kinder und den Mann (der den Nachlass verwaltet). Auf diese Weise wechselt viel Land samt der darunter befindlichen Ölquellen den Besitzer. Auch Ernest muss auf Geheiß des Kings eine reiche Osage ehelichen. Deren Gesundheit ist bereits stark angegriffen, allzu lange kann es also nicht mehr dauern, bis er sie beerbt. Leider erweist sich die Dame zählebiger als erwartet, und sie will partout nicht auf natürlichem Weg sterben. Onkel William und Ernest beschließen deshalb, die Sache etwas zu beschleunigen. Zuerst aber müssen Mollies 3 Schwestern in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Und so nimmt das Drama seinen Lauf.

    Sittenbild von Habgier & Kapitalismus

    KotF erzählt eine große Geschichte, deren Hauptzutaten Habgier, Lüge und enttäuschte/s Vertrauen & Liebe sind. Die Story basiert auf Tatsachen – sowohl die Handlung hat sich so zugetragen, als auch die Namen der Figuren entsprechen 1 zu 1 den historischen Vorbildern –; es ist aber trotzdem kein langweiliges Biopic – wie bspw. Oppenheimer – dabei herausgekommen, sondern ein spannendes Melodram. Was v.a. an diesen 3 Ingredienzien liegt:
     der Fokus wird stark auf die Interaktion zwischen Ernest (Leonardo DiCaprio) und Mollie (Lily Gladstone) gelegt
     bei den Dialogen waren die Drehbuchautoren völlig frei
     die gezeigte Zeitspanne umfasst nur wenige Jahre, womit mehr Raum für intensive Szenen bleibt.

    Auf diese Weise entsteht ein modernes Sittenbild: Ist das, was im Osage Country passierte, symptomatisch für den (US-) Kapitalismus? Auf wie viel Rassismus & Unterdrückung, Lug & Betrug gründet unser westlicher Wohlstand? Welche Rolle spielte die Justiz, die bei 60 Morden nicht einschritt? Was für ein Arzt muss man sein, um seine Patienten nicht zu heilen, sondern ihnen im Auftrag der Erbschleicher Gift zu verabreichen? Diese Fragen sind bedrückend, die Antworten darauf noch deprimierender. Das ist alles Erdöl von gestern, sagen Sie und kann sich heute nicht wiederholen? Doch, es kann sich jederzeit wiederholen. Denn, wenn 1 gewiss ist, dann ist es die hartnäckige Langlebigkeit der menschlichen Habgier. Sobald die mit einer Rechtspflege Hand in Hand geht, die sich v.a. den Belangen der Mehrheitsbevölkerung verpflichtet fühlt, ist ein Verbrechen wie das, was vor 100 Jahren in Oklahoma geschah, jederzeit möglich. Die „Osage Indian Murders“ sind in Variationen zig tausend Mal auf unserem Planeten vollzogen worden (und werden es immer noch).

    Es muss nicht immer Epos sein

    Während Onkel William „nur“ geldgeil und perfide ist und dabei notfalls über (fremde) Leichen geht, erschrickt an Ernest vor allem, dass er selbst vor der schrittweisen Vergiftung der eigenen Frau und Mutter seiner Kinder nicht zurückschreckt, um an deren Vermögen zu gelangen. Wie viel Niedertracht ist nötig, um vordergründig von Liebe zu reden und hinterrücks das Insulin in den Spritzen, die er ihr täglich verabreicht, gegen ein langsam tötendes Toxikum auszutauschen? Die Passagen, in denen sich Mollie und Ernest über ihre Ehe unterhalten, sie ihm offenkundig zugetan ist und vertraut, während er sie mit treuem Augenaufschlag belügt, sind denn auch die anrührendsten und verstörendsten des gesamten Films.

    Es wäre ein wirklich herausragendes Werk würde die Regie nicht der Versuchung erliegen, die Handlung zu einem Epos hochzujubeln. Jedoch ist KotF keine Heldensage, die à la „Little Big Man“ Leben und Niedergang eines Stammes über Jahrzehnte begleitet, sondern begnügt sich mit der Darstellung eines kurzen Zeitabschnitts. Auch passiert nichts Heroisches wie das letzte Aufbäumen gegen den Aggressor. Nicht die Osage lösen die Morde, sondern das FBI übernimmt das für sie. Es ist letztlich eine Kriminalgeschichte (egal, ob die Opfer einer diskriminierten Minderheit angehören und der Antrieb neben Habgier ebenfalls große Spuren Rassismus enthält), und die kann/sollte man deutlich schneller erzählen, als Scorsese es getan hat. Speziell die letzte Viertelstunde, als wir uns plötzlich in einer Radioshow befinden, in der das Drama nachgespielt wird, ist völlig überflüssig und wirkt wie nachträglich angeklebt. PS. an dieser Stelle: „Little Big Man“ kommt mit 60 Minuten weniger aus als „Killers of the Flowermoon“. Denselben Fehler hatte M.S. übrigens bereits mit „The Irishman“ begangen (der war ebenfalls sehr langatmig gewesen).

    Lily Gladstone hat gute Chancen auf den diesjährigen Oscar

    KotF ist eine solide Produktion, reicht allerdings nicht an Scorseses Meisterwerke „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „Departed“ heran. Dennoch wurde der Film in 10 Rubriken für die diesjährigen Academy Awards nominiert; darunter in den 3 wichtigen:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actress in a leading role.

    Während bei (1) der Favorit „Oppenheimer“ lautet (KotF jedoch veritable Außenseiterchancen besitzt), (2) wahrscheinlich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nolan und Scorsese hinausläuft, könnte (3) die glückliche Gewinnerin tatsächlich Lily Gladstone heißen. Zusätzlich zu ihrem überzeugenden Rollenspiel kommen ihr die seit diesem Jahr in Kraft tretenden neuen Inklusionsregeln entgegen, die u.a. mehr Diversität auf der Leinwand fordern.

    Von mir gibt’s 7 Punkte.
    +++

    Killers of the Flowermoon
     Erscheinungsdatum: 19. Oktober 2023 (Deutschland)
     Direktor: Martin Scorsese
     Budget: 200 Millionen USD
     Drehbuch: Eric Roth & Martin Scorsese
     Produktion: Dan Friedkin, Daniel Lupi, Martin Scorsese, Bradley Thomas
     Vertrieb: Paramount Pictures
     Ensemble: Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Brendan Fraser, Jesse Piemons, Scott Shepherd, John Lithgow.

    Erhältlich auf/bei: Amazon Prime und apple tv.

    PS. Der Titel „Flowermoon“ geht auf die indianische Vorstellung zurück, dass der Mond im Frühling die Blumen auf den Wiesen sprießen lässt. Unter solch einer Blumenwiese in Oklahoma entdeckten die Osage die erste Ölquelle.