Schlagwort: Lisa Eckhart

  • Voll cringe!

    Voll cringe!

    Hast du dir am Freitagabend die Böhmermann-Parodie auf Nuhr angesehen, fragt mich die Chefredaktion.
    Ne, da hab ich mir nen koreanischen Serienkiller-Film angeschaut; der war gar nicht schlecht, schreibe ich zurück.
    Macht nichts, gibt’s in der Mediathek.
    Und dann soll ich was drüber schreiben?
    Klar, andernfalls bräuchtest du dir die Sendung ja nicht in der Mediathek anzusehen. Und beeil dich ausnahmsweise mit dem Schreiben. Der Beitrag soll heute Abend raus.
    HEUTE ABEND?
    Ja!
    +++

    Um es vorneweg zu sagen:
    (a) ich schau mir deutsche Comedy recht selten an (weil ich sie, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, überwiegend als langweilig empfinde)
    (b) die Sendung Nuhr im Zweiten habe ich mir nachträglich in der Mediathek angesehen.

    Um 1 Sendung zu beurteilen, reicht es aus, diese 1 Sendung angeschaut zu haben, weshalb (a) im Zusammenhang mit dieser Kolumne unwichtig ist.
    +++

    Was war geschehen?

    Jan Böhmermann nutzt den Freitagabend-Platz im ZDF, um seine Sendung Magazin Royale komplett der Persiflage seines Satire-Kollegen Dieter Nuhr zu widmen. Zusätzlich treten auf (Parodien von): Lisa Eckhart, Luke Mockridge, Abdelkarim Zemhoute* und irgendein Kleinstadt-Komödiant, den ich auf die Schnelle (Text soll heute noch raus!) jedoch nicht recherchiert bekomme. Alles, was die 5 Parodie-Spezialisten in den 30 Minuten von sich geben, beruht auf Originalzitaten der Parodierten. Das Publikum klatscht teils wie wild, bricht in lautes Gelächter aus, Tränen der Freude rinnen manchen über die Wangen. Endlich werden Nuhr & Co. demaskiert!

    [* EDIT: im Nachgang erreichte mich ein Leserbrief, dessen Schreiber darauf hinwies, dass es sich bei der Persiflage nicht um den o.g. Abdelkarim Zemhoute, sondern Özgür Cebe handelt. Die Erwähnung des Erstgenannten gründet auf einem Beitrag des SPIEGELs.]

    Und bei mir, dem Jammer-Boomer-Kolumnisten, welches Gefühl beherrscht mich, während ich mir das „Spektakel“ ansehe? Ich weiß nicht, wie ich es korrekt beschreiben soll. Ist was Diffuses, oszilliert zwischen „lustig ist was anderes“, Fremdscham und „Kollegenschelte finde ich eigentlich Scheiße“.

    Wenn wir die Parodie sezieren – was wir hier nur grob und oberflächlich tun werden, denn bei diesem Text handelt es sich um eine Kolumne und nicht einen Fachaufsatz zum Thema „Welche Faktoren bestimmen den deutschen Humor?“ –, lassen wir uns am besten von meinen oben genannten 3 Gefühlen leiten:

    Lustig ist was anderes

    ICH habe mich in den 30 Minuten nur mäßig unterhalten gefühlt und dachte oft: DIESER Satz reicht aus, um ihn zu persiflieren? Gibt’s da nichts Gravierenderes, was man durch den Kakao ziehen kann? Ist man heutzutage schon parodierenswert, wenn man sich kritisch zum Gendern und zu fluiden Geschlechtsidentitäten äußert? Wenn man die neue feministische Außenpolitik aufs Korn nimmt? Was war an dem türkischstämmigen Comedian derart verkehrt, dass er ne linke Persiflage verdient? Gänzlich schizophren wird das Ganze bei Lisa Eckhart. Die ist ja ein Liebling vieler deutscher Linksliberaler. Warum muss sie dann als Zerrbild einer rechten Kabarettistin herhalten? Weil sie vor einigen Jahren gezielt antisemitische Klischees bediente (was ihr die Linke aber großenteils durchgehen ließ), oder aber weil sie jetzt Witze über Männer reißt, die sich zu Feministen erklären (ein Feld, bei dem die identitätsfixierte Fraktion keinen Spaß versteht)? Man muss kein Jammer-Boomer sein, um hier ein linkes Humor-Dilemma zu erkennen. Über Luke Mockridge und den anderen Komiker lohnt es nicht, mehr als 1 Satz dazu zu schreiben: zu banal, zu platt ist deren Klamauk, als dass er es auch nur ansatzweise wert wäre, ihn mittels einer Parodie zu adeln.

    Voll cringe

    Fremdscham – neudeutsch-denglisch auch Cringe genannt – überkam mich v.a. beim Publikum. Wie kann man darüber bloß so in Wallung geraten, dachte ich. Waren die Leute auf Glücksdroge, kriegten die Geld fürs Applaudieren, war das ne Nordkorea-mäßig orchestrierte Veranstaltung oder reicht dem mitteleuropäischen Zuschauer echt so ne fade Performance, um sich vor Lachen zu schütteln? Um es an dieser Stelle noch schlimmer zu machen: einige der Originalsätze von Nuhr und Eckhart fand ich wirklich ganz witzig, während ich deren Persiflage als typisch deutsch iSv. ernsthaft um Humor bemüht, aber halt trotzdem nicht lustig, einstufte. Aber was versteht ein Jammer-Boomer schon von Humor?

    +++
    Kurzer Einschub an dieser Stelle: ich fand bspw. gestern Abend auf Netflix sehr lustig, als sich Wednesday (ein Mitglied der Addams Familie) dermaßen über die Blödheit ihrer Mitschüler aufregte, dass sie denen beim Schwimmsport Piranhas ins Becken warf, womit sie ein kleines Blutbad anrichtete. Ohne übrigens Rücksicht darauf zu nehmen, ob sich sensible Zuschauer durch das (kleine) Blutbad verletzt fühlen könnten. Da musste ich grinsen (merke: männliche Boomer schmunzeln nicht. Ist ein Verb, das man als Autor nicht nutzen sollte. Und falls man es doch tut, dann tunlichst nur bei Frauen. Einen schmunzelnden Kerl kann niemand erstnehmen. Selbst linksliberale Frauen nehmen einen schmunzelnden Mann nicht Ernst).
    +++

    Kollegenschelte ist Scheiße

    Ja, ist sie. Und natürlich ist eine Parodie nichts anderes als eine Sonderform der Schelte – du ewig gestriger rechter/konservativer Comedian sagst politisch derart unkorrekte Sachen in deiner Show, dass wir guten Linken nicht drumherum kommen, dich auf die Schippe zu nehmen. Kann man natürlich tun – also Kollegen dissen. Ist ja schließlich nicht qua Gesetz verboten. Wenn wir damit mal anfangen – weshalb nicht auch: Fußballreporter Meier wirft Fußballreporter Müller vor, von Fußball keine Ahnung zu haben? Nachrichtensprecherin Schulze beklagt, dass Nachrichtensprecherin Seifert keine schöne Stimme hat, wenn sie die Nachrichten vorliest. 5-Sterne-Koch Großmann berichtet vor laufender Kamera, dass 4-Sterne-Koch Mittelmann deshalb keinen 5ten Stern erhält, weil er zu billige Zutaten in seinen Speisen verwendet. Und, mein aktueller Liebling, Kolumnist B (oder C oder X oder Y. Suchen Sie sich einen Buchstaben aus) erklärt, dass Kolumnist H vom Kolumnenschreiben keinen blassen Schimmer hat etc. etc. Hat was von Rapper-Beef oder Hip-Hop-Battle. Dem Publikum gefällt das. Das Publikum muss aber auch nicht in den Ring. Das begnügt sich mit Voyeurismus, hämischen Zwischenrufen und Daumen rauf/runter. Ich persönlich halte Kollegenschelte für schlechten Stil und lasse davon, auch wenn es mich bei mancher Kolumne manchmal juckt, die juckenden Finger tunlichst weg von der Tastatur und kratze mich stattdessen lieber zwischen den Beinen.

    Um zum Schluss zu kommen – denn mehr als maximal 1000 Wörter ist die jüngste Böhmermann-Sendung nicht wert –: ICH fand’s überwiegend peinlich. Wenn einem humoristisch echt nichts mehr einfällt, als seinen Kollegen an deren Comedian-Beine zu pinkeln – oh weh! Die Skriptschreiber scheinen geistig erschöpft zu sein. In diesem Fall rate ich zu ner mehrmonatigen Auszeit wahlweise auf einer unbewohnten thailändischen Insel oder im australischen Outback, um da in der Abgeschiedenheit wieder zu Kräften u.v.a. auf neue pfiffige Ideen zu kommen.

    Zumal durch die Persiflage ja der Eindruck erweckt wird, es gibt guten (Böhmermann) und bösen (Nuhr) Humor. Was für eine Scheiße ist das denn? Wer bestimmt, was guter Humor ist – das ZDF mit seinem Magazin Royale? Die linksliberale Intelligenz, die schon bei Lisa Eckharts Kokettieren mit antisemitischen Klischees meilenweit daneben lag? Warum dürfen keine Witze über Klimaaktivisten gemacht werden? Weil’s aus dem Blickwinkel der Zeitgeistavantgarde politisch unkorrekt ist? Um Gottes Willen! Ne Menge Jokes sind unkorrekt. Um nicht zu sagen: 90 Prozent des weltweiten Humors lebt von seiner politischen Unkorrektheit. Wer das nicht mag, verabredet sich halt nur noch mit den 10-Prozent-Resthumor-Gleichgesinnten.

    Ich empfinde das, was Jan Böhmermann am vergangenen Freitagabend getan hat, als zutiefst unkollegial, hart an der Grenze, dass ich mir ihn in Zukunft nicht mehr ansehen werde (um jetzt noch ein bisschen Verwirrung am Ende der Kolumne zu stiften: inhaltlich stimme ich weit öfter mit ihm als Dieter Nuhr überein. Aber diese penetrant zur Schau getragene intellektuelle Überheblichkeit geht mir doch stark auf den Sack).

    PS. sollte es sich um ein abgekartetes Spiel zwischen Böhmermann und Nuhr handeln – wie bereits einige Facebook-Eingeweihte hinter vorgehaltener Hand raunen –, um mittels gegenseitigen Persiflierens die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben, will ich das Voranstehende natürlich nicht gesagt haben und behaupte in meiner nächsten Kolumne was anderes.

  • Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Ich liebe Lisa Eckhart.
    Also nicht die Kunstfigur, denn mein Bedarf an Femme fatales ist seit der letzten, mit der ich zusammen war, und die mich als geistiges Wrack zurückgelassen hatte, wovon ich mich immer noch nicht ganz erholt habe, restlos gedeckt, und ob ich mich in die Privatperson verliebe, würde erstmal voraussetzen, dass wir uns real treffen, was aber aus zahlreichen Gründen heraus sehr unwahrscheinlich ist, weil uns zum einen dreißig Lebensjahre trennen (was bei einem Date schon ne Menge ist), und wir zum anderen doch recht weit auseinander wohnen, um nur die zwei wichtigsten Gründe für diese Unwahrscheinlichkeit hier anzuführen. Ich liebe sie aber dafür, dass sie uns Kolumnisten derart VIEL Gesprächsstoff liefert, dass wir seit Tagen Seite um Seite mit der Debatte über ihr Bühnenprogramm füllen können. Sie enthebt mich seit zwei Wochen des anstrengenden Nachdenkens, worüber ich heute einen Text schreiben könnte. Ich wache auf und lese Lisa Eckhart-Kolumnen in Facebook, gehe aufs Klo und lese dort die dazugehörigen Lisa-Eckhart-Kommentare, beim Mittagessen springt sie mir aus dem Feuilleton der Zeitung entgegen, am Nachmittag packt der Fischhändler den von mir gekauften Hering in Zeitungspapier ein, auf dem mir das Lisa-Eckhart-Gesicht entgegenlächelt, und abends ist das gesamte Netz mit Lisa-Eckhart-Pro-&-Contra geflutet. Die Dame ist omnipräsent. Genießt zur Zeit einen Starrummel wie Trump, Drosten und Nordkorea-Kim zusammenaddiert.

    Ich setz mich an die Tastatur und sage fröhlich zu mir: heute schreibe ich mal wieder über Lisa Eckhart. Und nichts anderes!
    Dafür bin ich ihr dankbar.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Stimmt.

    Replik auf die Replik

    Der werte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz hat am vergangenen Samstag einen Text Lisa Eckhart – und? veröffentlicht, der eine Replik auf meinen, eine Woche zuvor erschienenen Text „Antisemitismus als Geschäftsmodell?“ war. Das macht Heinrich Schmitz eher selten, also Repliken zu anderen Kolumnisten verfassen – zuletzt geschah das vor eineinhalb Jahren, als wir beim Thema „Dschungelcamp“ unterschiedliche Auffassungen zur erzieherischen Notwendigkeit solcher Formate vertraten – und nun mal wieder bei Lisa E. Da ich finde, dass Heinrich Schmitz für diese Replik eine Antwort verdient hat und ich zudem eine Woche Urlaub und Zeit & Muße habe, werde ich nun die Replik der Replik zu Papier bringen.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Das haben Sie weiter oben schon gesagt, antworte ich.

    Heinrich Schmitz, der im realen Leben seine Brötchen als Strafverteidiger verdient*, baut seinen Text wie ein juristisches Plädoyer auf. Er zimmert für seine Mandantin Lisa E. Verteidigungslinien. Und beginnt den gerichtlichen Vortrag sofort mit einem Paukenschlag: Lisa E. ist KEINE Antisemitin. Und wer was anderes behauptet, muss ihr das erstmal nachweisen. Solange dieser Nachweis nicht gelingt, gilt die Unschuldsvermutung.

    * womit ich meine Brötchen verdiene, wollen Sie wissen? Scrollen Sie runter zu meinem Kurzlebenslauf. Da wird’s erklärt.

    Klingt gut, klingt plausibel, klingt nach Rechtsstaat.
    Bloß hat gar kein ernstzunehmender Kritiker der Schmitzschen Mandantin Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorwurf lautet auf „Nutzung antisemitischer Klischees als Geschäftsmodell“.
    Das ist doch dasselbe, sagen Sie?
    Hören Sie jetzt auf zu lesen, erwidere ich. Wir verschwenden hier beide nur unsere Lebenszeit, wenn wir noch länger zusammenbleiben.

    Lisa E. gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen, ist so, als ob der Verteidiger eines in eine Wirthausprügelei verwickelten Raufbolds den Gerichtssaal mit den Worten betritt: »Mein Mandant hat keinen Mord begangen. Es liegen keinerlei aussagekräftige Beweise gegen ihn vor«. Woraufhin der Richter antwortet: »Mord wird im ersten Stock verhandelt. Bei mir geht’s heute um Körperverletzung«.

    Damit dürfte diese irrtümliche Falschbehauptung gegen die Lisa E.-Kritiker hoffentlich vom Tisch sein. Denn noch geben sich ja die meisten Kritiker der vagen Hoffnung hin, dass Lisa Lasselsberger, wie sie im realen Leben heißt, anders denkt, als ihre Kunstfigur spricht.

    Die Show live erleben und die Künstlerin dabei riechen können

    Schau’n wir mal, welche weiteren Verteidigungslinien wir in Heinrich Schmitz‘ Kolumne entdecken. Denn ein guter Anwalt hält natürlich einen bunten Strauß Argumente bereit, um seine Mandantin möglichst unbeschadet aus dem Gerichtssaal wieder nach draußen ans Sonnenlicht zu führen.

    In der Strafprozessordnung gibt es den Grundsatz der Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, insbesondere der Beweisaufnahme. Ein Zeuge ist live und in Farbe zu vernehmen.

    Bin ich grundsätzlich d’accord. Würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass wir die Hälfte unserer Texte in die Tonne kloppen können, weil wir der Mehrzahl der Prominenten, die wir in unseren Kolumnen aufs Korn nehmen, in der analogen Welt nie begegnet sind. Weder Heinrich Schmitz noch ich waren bspw. bisher realiter im Dschungelcamp dabei. Und trotzdem schreiben wir darüber. Ich bin mir auch sehr unsicher, ob ich Lisa E. live riechen muss, wie in der Replik gefordert, um mir ein Urteil über ihren Auftritt bilden zu können. Ich hab mir den Clip 3x auf Youtube angeschaut. Das reichte mir.

    … entscheidend ist aber der gesamte Auftritt. Es ist schon falsch, – wie geschehen – sich nur eine Passage aus einem Programm herauszupicken …

    Auch hier bin ich grundsätzlich einverstanden; jedoch es geht halt nun mal um diese EINE 5-Minuten-Sequenz. In der übrigens – jenseits der antisemitischen – genügend andere dumpfe Klischees bedient werden, um als Gut(un)mensch-Zuschauer spontan nervösen Schluckauf zu bekommen. Wenn ich EINE Geschichte von Bukowski bespreche, bespreche ich eben diese EINE Geschichte. Es kann nicht schaden, noch weitere Geschichten dieses Autors oder sogar sein gesamtes Œuvre zu kennen. Aber das ist nicht zwingend notwendig, um die EINE Geschichte zu kritisieren. Wichtig ist hingegen, die monierte Stelle exakt beim Namen zu nennen. Und das tun die Kritiker ja auch. Es handelt sich um „Mitternachtsspitzen im WDR. Programmpunkt ‚Die heilige Kuh hat BSE‘. Ausgestrahlt im September 2018“. Und anlässlich dieses EINEN Auftritts fielen die toxischen Sätze. Und genau diese Sätze werden kritisiert. Hat niemand behauptet, dass Lisa E. durchgängig bei ALLEN Bühnenauftritten antisemitische Klischees bemüht, um billige Lacher zu erzielen. Es geht erstmal nur um diesen EINEN Auftritt.

    Hinsichtlich der Beurteilung des Handwerklichen liegen Heinrich Schmitz und ich also gar nicht so weit auseinander. Wenngleich ich zu bedenken gebe, dass eine Kolumne einen (schnellen) Meinungsbeitrag und keine Diplomarbeit, darstellt. Die Erstgenannte nimmt kurz und knapp was aufs Korn, während die wissenschaftliche Analyse mehr Recherche, mehr Einordnung in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang, mehr Abwägung sämtlicher Pros & Cons erfordert, weshalb man eine Kolumne im mittleren Durchschnitt in zwei, drei Stunden getippt hat, während man an der Diplomarbeit ein halbes Jahr sitzt.

    Was, um Himmelswillen, ist gedrehter Antisemitismus?

    Kommen wir aber nun zur inhaltlichen Beurteilung dessen, was Lisa E. auf der Bühne darbietet. Und da tun sich jetzt doch größere Satiregräben zwischen Heinrich Schmitz und mir auf.

    … tatsächlich wunderbar herausgekitzelt wird, ist das Dilemma derjenigen, die alle Juden für grundsätzlich immer ganz tolle Menschen, alle Schwarzen, alle Flüchtlinge und alle Frauen für immer nur bedauernswerte Opfer halten, die ihres immerwährenden Schutzes bedürfen, die nie und nimmer etwas Böses tun, ja nicht einmal tun könnten […]Und wenn sich nun herausstellt, dass auch ein Jude, ein Schwarzer, ein Flüchtling, ein Schwuler ein Verbrechen begehen kann, dann führt das genau zu dem, was Lisa Eckhart „BSE bei der heiligen Kuh“ nennt. Es hilft weder den Juden, noch den Schwarzen, den Flüchtlingen, den Schwulen, noch den Frauen, so zu tun, als seien sie anormalerweise per se besser als der Rest der Menschheit. Auch das ist eine Form von gedrehtem Antisemitismus, Rassismus, Fremden-, Frauenhass und Homophobie, wenn denjenigen wieder einmal aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die in diesem Fall ausschließlich positiv sind.

    ei ei ei, sage ich hier nur. Ist das nicht genau die neurechte Denke, die wir Kolumnisten in vielen Texten anprangern? Denn dass Flüchtlinge, Schwarze, Frauen, Schwule und Juden ebenfalls Verbrechen begehen, weiß wirklich auch der letzte Gut(un)mensch, und ist schon alleine aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass es in jedem Obstkorb auch wurmstichige Äpfel gibt, eine Binse. Sogar das merkwürdige (um ein harmloses Adjektiv zu benutzen. Mir fielen auch heftigere ein) Argument, dass, wer für vorsichtigen Umgang bei der Zuschreibung diskriminierender (Minderheiten-) Klischees eintritt, in der Konsequenz nichts anderes als ein „gedrehter“ Antisemit, Rassist etc. sei, wird hier bemüht. Oha! Man ist jetzt also ein gequirlter (pardon: gedrehter) Antisemit, wenn man das platte Erzählen antisemitischer Kalauer nicht superlustig findet? Falls ja, dann stimmt mMn irgendwas nicht mit der (gedrehten) Antisemitismusdefinition. Diese Definition ist aber auch gar keine wissenschaftliche, sondern wird einfach seit Jahren von den Neurechten (vermutlich ebenfalls von den Altrechten und was es sonst noch alles für Rechte gibt) unters Volk gestreut in der Gewissheit, wenn man den Unsinn nur oft und lange genug wiederholt, wird schon irgendwas haften bleiben. In Heinrich Schmitz Lisa-E.-Kolumne blieb es augenscheinlich haften, was mich zwar wunderte; aber ich nahm es zur Kenntnis.

    Künstlich konstruierter Zusammenhang zwischen sexueller Übergriffigkeit und Religionszugehörigkeit

    Hier geht es um das Aufdröseln von Widersprüchen auch und gerade innerhalb derjenigen, die sich stets auf der richtigen Seite wähnen. Den Fundamentalismus der guten Absicht vorzuführen, ist bei Lisa Eckhart Programm.

    Was für Widersprüche dröselt Lisa E. denn auf? Etwa denjenigen, dass ich bei Weinstein, Allen und Polanski als Gut(un)mensch sofort gedacht habe: Typisch, das sind Juden?
    Es aber nur gedacht und nicht gesagt habe, weil Gut(un)menschen sowas nicht offen aussprechen?

    Ich muss Sie enttäuschen. Ich habe bei allen drei oben genannten Herren nie gedacht, dass sie übergriffig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit sind, sondern war immer davon ausgegangen, dass sie  sexuelle Gewalt ausgeübt haben, weil sie ihre männliche Machtposition schamlos ausnutzten* und bei ihrem Tun ein Schweigekartell um sich herum wussten. Mir braucht also keine affektierte Kabarettistin mit einem von ihr künstlich hergestellten Konnex den Spiegel vorzuhalten. Was nicht bedeutet, dass man nicht ebenfalls links-grün-versifften, großstädtischen Vernissagen- & Kleinkunstbühnen-Besuchern wie mir (wobei ich mir weder aus Vernissagen noch aus Kleinkunstbühnen allzu viel mache, sondern mich lieber beim Effzeh in den Unterrang West setze. Oberrang ist echt teuer, und für die Südkurve bin ich mittlerweile zu alt) den Spiegel vorhalten kann. Auch in dieser Gruppe gibt es jede Menge Verlogenheiten und Absurditäten zu persiflieren. Aber es müsste halt ein anderer Spiegel sein als derjenige, den Lisa E. nutzt bzw. es müsste sich ein anderes Bild darin spiegeln. Gerhart Polt mit ‚Mai Ling‘ kam der Sache da sehr viel näher als die österreichische Kalauer-Tante.

    * wobei die sexuelle Übergriffigkeit bei Allen sehr viel strittiger ist als bei Weinstein und Polanski. Das muss der Fairness halber schon auch erwähnt werden.

    „Der Fundamentalismus der guten Absicht“: wow!
    Waren also meine Eltern und Großeltern Fundamentalisten, weil sie ihre Kinder dazu erzogen, manche Sachen nicht zu sagen? Meine Großmutter väterlicherseits war da sehr rigoros. Die wusch uns den Mund mit Seife aus, wenn ich böse Sachen sagte, die auf ihrer Tabuliste ganz oben standen. Würde man heute nicht mehr tun – also Kindern den Mund mit Seife auswaschen –, aber nach wie vor gilt: Wer böse Tabubrüche begeht, muss sich im Gegenzug auch (z.T. harsche) Kritik anhören.

    Satire muss das nicht, weil Satire ALLES darf, meinen Sie?
    Selbst wenn Satire alles dürfte (was sie ganz sicher nicht darf), entrückt sie das nicht völlig der Kritik.

    IQ 140 notwendig, um diese Art Satire zu verstehen?

    Man muss aber auch nicht alles schlecht machen, nur weil man es nicht versteht oder weil man es nicht mag.

    Die alte Leier. Gähn. Sobald man was kritisiert, was einem anderen gefällt, hat man es als Kritiker angeblich nicht verstanden. Nun muss man aber nicht Atomphysik studiert haben oder Stephen Hawking heißen, um die platten Jokes der Lisa E. zu begreifen. Sie bewegt sich – auch außerhalb ihrer Kunstfigur-antisemitischen-Rhetorik – halt durchgängig auf Fips-Asmussen-Niveau. Das ist ja auch okay, solange es nicht justiziabel wird. Bloß anmerken muss es der Kritiker dürfen, genauso wie die Künstlerin unappetitliche Sottisen erzählen darf. Wer diese grobschlächtigen Kalauer für Satire hält, die zum Nachdenken anregt, der hätte wahrscheinlich ebenfalls hinter Goebbels Sportpalastrede eine satirische Botschaft vermutet. Vielleicht ist ja auch all das, was Beatrix v. Storch und Kohorten (pardon: Konsorten) uns erzählen, letztlich bloß Satire? Gloria v. T. und ihre dauer-schnackselnden Schwarzen: Satire? Wer außer dem Absender weiß das schon so genau? Warum, um Himmelswillen, vermuten einige hinter jedem Unsinn, bloß weil er auf einer Bühne zum Besten gegeben wird, immer gleich ne tiefere Botschaft? Begleiten Sie mich in den Kölner Karneval. Da gibt’s jedes Jahr aufs Neue hunderte botschaftsbefreite Kalauer zu hören. Die teilweise auch ganz lustig sind. Unter der Voraussetzung natürlich, Sie verstehen unseren Kölner Dialekt. Käme kein Jeck (hier iSv. Zuschauer) auf die Idee, neben jedem Büttenredner gleich einen Spiegel zu sehen, der aufs Publikum gerichtet ist, damit es sich darin selbst erschrocken erblickt. Und was anderes als ne Büttenrede konnte ich in dem kritisierten Mitternachtsspitzenauftritt von Lisa E. echt nicht erkennen. Es gibt sogar zuhauf bessere Büttenreden als die, die Lisa E. im September 2018 ihrem Publikum darbot.

    Satire, die alles darf, sich abgenudelter Plattitüden bedient, Satire, die, sowohl was ihre Stilmittel als auch den von ihr transportierten Inhalt angeht, beliebig wird, ist aus meinem Verständnis heraus keine Satire mehr, sondern nichts anderes als ein Schenkelklopfer, wie man ihn in jeder Dorfkneipe spätabends am Urinal belauschen kann. Dann, wenn die sechste halbe Bier den PoC-Schutzwall aufweicht, den wir in der linken Nebenhirnrinde errichtet haben, weil wir ja heutzutage nicht mehr straffrei sagen können, was unsere Eltern noch völlig straffrei sagen konnten, und der Mann neben uns – während er die letzten Tropfen auf den Boden ausschüttelt und den Reißverschluss wieder hochzieht – mit leicht gerötetem Kopf und einem feinen Lächeln auf den Lippen zu uns sagt: »Es war nicht alles schlecht damals. Wissen’s, mit den Juden …«, und dann kommt etwas, wogegen sich meine Finger sträuben, es in die Tastatur zu tippen, bevor der Urinalnachbar mit einem Ha-ha-der-war-lustig-Grinsen im Gesicht und, »Pst, das war Satire, das versteh’ns schon, oder?«, zurück zu seinem Stammtisch schwankt, wo die anderen Dorfhonoratioren und die siebte Halbe auf ihn warten.

    Und damit soll es an dieser Stelle auch wieder genug sein mit meiner Replik auf Heinrich Schmitz Replik zu meiner Lisa-E.-Kolumne. Vielleicht gibt’s ja in ein paar Tagen wieder ne Replik auf diese Replik und das Ganze entwickelt sich zu einem Kolumnistenstreit historischen Ausmaßes. Schau’n wir mal.

    PAUSE

    Im zweiten Teil dieser Kolumne wollen wir uns mit dem Thema „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“ beschäftigen. Lisa E. also verlassen und sie nur noch als Sprungbrett nutzen, um uns unsere Sprache, die ständig weiter nach rechts driftet, etwas näher anzuschauen. Diesen Text gibt’s aber wie gewohnt erst am nächsten Wochenende zu lesen.

  • Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    „Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig“, twittert der dauertwitternde Dieter Nuhr.

    Und obwohl mir Dieter Nuhr noch egaler ist als die tägliche Kijimea-Werbung vor der Tagesschau bzw. ich beide vom Nervtöt-Niveau her auf demselben Level ansiedele, will ich an dieser Stelle ein paar Überlegungen einbringen. ‚Der Hirsch und denken: wie soll das zusammengehen?‘, wird der ein oder andere Leser jetzt sagen. Also zu seiner Frau am Frühstückstisch sagen, weil mir kann er es ja nicht persönlich sagen, denn ich sitze alleine an meinem Schreibtisch und das Telefon ist auf stumm geschaltet. Okay, ich versuch’s.

    Ich möchte der Klarheit halber vorausschicken, dass ich mir aus Comedy nicht allzu viel mache. Weder aus politischer noch aus ballermann-artiger. Früher, in der Zeit als es bloß drei Fernsehsender gab, schaute mein Vater gerne Notizen aus der Provinz, ein Format mit Dieter Hildebrandt, das in die Comedy-Richtung ging. Mein Vater schaute es gerne, um sich über den Linken Hildebrandt aufzuregen – denn mein Vater liebte es, sich über linke Politik aufzuregen –, und ich schaute es, weil gerade nichts anderes im Fernsehen lief, und ich um diese Uhrzeit nicht mehr mit Freunden telefonieren durfte. Also schaute ich Notizen aus der Provinz und auch noch ein paar andere Sendungen, die ähnlich waren wie Notizen aus der Provinz, deren Namen ich jedoch vergessen habe, und wurde dadurch mittels der in den 70er Jahren marktüblichen Satire sozialisiert. Für meinen Vater waren die damaligen Comedians – die sich selbst natürlich nie so bezeichnet hätten, denn den Begriff kannte vor 50 Jahren außer ein paar polyglotten Weltenbummlern niemand bei uns – alle links, für mich waren es alte Männer, die ständig über langweilige Politik redeten. Aber – und das soll dann doch schon bereits an dieser frühen Stelle der Kolumne erwähnt werden – bei diesen prähistorischen Comedians war immer klar, WO sie politisch standen. Auch wenn sie, um einen Punkt von der entgegengesetzten Seite zu beleuchten, in die Gestalt eines Reaktionärs schlüpften, ahnte man: dieser Kniff dient dazu, den Wahnsinn einer Sache (also Wahnsinn aus ihrer linken Perspektive heraus) auf die Spitze zu treiben. Im Traum wäre niemand auf die Idee gekommen, Heinz Schubert mit seiner Rolle Alfred Tetzlaff aka Ekel Alfred zu identifizieren. Wir wussten also bei all diesen älteren Herren, woran wir waren. Der Humor kam mitunter bemüht daher, manchmal langweilig, in der Retrospektive betrachtet geradezu bieder mit Tendenz hin zum erhobenen Zeigefinger. So ging’s halt in den braven 70er-TV-Jahren auf bundesdeutschen Bildschirmen zu.

    Dürfen Deutsche (inkl. Österreicher) Judenwitze erzählen?

    Ich überspringe die Transformationsphase mit Harald Schmidt als deutschem Klon von David Letterman und gelange direkt zur heutigen Comedian-Generation und hier speziell zur (angeblichen) Femme fatale Lisa Eckhart. Das heißt wir lassen die Ballermann/ Ischgl-Artisten Atze Schröder, Olli Dittrich, Matze Knop und – last but not least – Mario Barth links liegen und kümmern uns ebenfalls nicht um Volker Pispers. Ottfried Fischer, Herbert Feuerstein & Kabarett-Konsorten. Heute geht’s einzig um Lisa Eckhart und das, was sie auf deutschen Kleinkunstbühnen verkörpert.

    Hier als Appetizer ein paar Bonmots aus ihrem Wiener-Schmäh-Mund:

    Am meisten enttäuscht es von den Juden; da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.

    Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen aufzugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben … Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? … Die heilige Kuh hat BSE.

    Ich habe drei Jahre in Paris gelebt, um dort Germanistik zu studieren … Ich wollte dort als sprachliches Wunderkind gelten undhab mich als Polin ausgegeben, da sind sie mir dann aber dahinter gekommen und sagten: „Na, das ist aber schon sehr einfach, DU studierst Deutsch als Fremdsprache“, und letztlich wurde ich mehr gehänselt als der Jude in BWL.

    Das ist klar antisemitisch, empören Sie sich , Frau Müller?
    Das ist ein ganz eindeutiges Statement gegen Antisemitismus, widersprechen Sie sofort, Herr Meier?
    Woody Allen hat sowas auch erzählt, wirft nun Herr Schmitz in unsere Runde hinein.
    Es ist halt überhaupt nicht klar, was es sein soll, sage ich und mache die Sache damit völlig konfus.

    Beginnen wir mit Woody Allen. Wenn ein Jude einen Judenwitz erzählt, geht das völlig in Ordnung. Weshalb sollte ein Jude auch keine jüdischen Witze reißen dürfen? Ich mein, ich als Kölner mache gerne Witze über Kölner, manchmal auch über Düsseldorfer, aber die Geschichten über Kölner sind echt lustiger. Wenn aber ein Stuttgarter mit seinem komischen Akzent Witze über Kölner macht, finde ich das schon mäßig erheiternd. Falls es ein Sachse mit seinem noch komischeren Akzent tun sollte: oh weh! Um wie viel schlimmer muss es also in jüdischen Ohren klingen, wenn eine junge Deutsche Judenwitze zum Besten gibt? Lisa Eckhart ist Österreicherin, machen Sie mich auf meinen regionalen Zuordnungsfehler aufmerksam? Dann darf sie das natürlich. Denn die Österreicher waren ja qua Eigendefinition ebenfalls Opfer der Nazi-Barbarei gewesen. Ob aber die Juden an diese österreichische Eigendefinition glauben, glaube ich wiederum nicht. Es macht also einen Riesenunterschied, WER einen Judenwitz erzählt. Es gilt die einfache Faustregel: Deutsche (inkl. Österreicher) sollten es vernünftigerweise nicht tun. In 99.9 Prozent der Fälle geht der Schuss (pardon: Witz) nach hinten los. Sie fordern also ein die Meinungsfreiheit einschränkendes Witzverbot, Herr Kolumnist, fragen Sie mich? Ich fordere es nicht, ich gebe bloß einen unverbindlichen Tipp, antworte ich Ihnen.

    Aber Lisa Eckhart erzählt doch ihre Witze, um uns Deutschen den Spiegel vorzuhalten, uns unsere hässliche antisemitische Fratze mittels satirischer Überspitzung plakativ vor Augen zu führen, wenden Sie nun ein? Das mag zwar sein, erwidere ich – obwohl ich diese hehre Absicht eher bezweifele –, aber so eine Zielsetzung funktioniert nur dann, wenn ich als Zuschauer weiß, wo Frau Eckhart politisch steht. Und diesbezüglich hüllt sie sich in beharrliches Schweigen. Wir tappen hinsichtlich ihrer persönlichen Beweggründe im Dunkeln. Sie ist eine Kunstfigur. Sie muss ÜBERHAUPT nichts erklären, sagen Sie? Okay, falls Frau Eckhart eine reine Kunstfigur darstellt, deren private Standpunkte strikter Geheimhaltung unterliegen, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie missverstanden wird. Nur Banausen verstehen diese Art von Humor nicht, schauen Sie mich nun böse an? Ich habe kein Problem damit, ein Banause zu sein, und dass ich vieles nicht verstehe, zieht sich wie ein roter Faden seit früher Kindheit durch mein Leben.

    Kunstfigur vom Künstler trennen?

    Sie halten Lisa Eckhart für eine Antisemitin? Nicht Ihr Ernst, Herr Kolumnist, oder?
    Nein, tue ich nicht. Bzw. ich weiß es nicht so genau, denn sie äußert sich zu dieser Problematik ja nie außerhalb ihrer grellen Bühnenauftritte. Ich habe einen ganz anderen Verdacht: Lisa Eckhart hat den unappetitlichen Tabubruch einfach als Geschäftsmodell erkannt und verdient ihr Geld damit, Judenwitze auf der Bühne zu erzählen. Bar jeglicher inhaltlicher Botschaft. Die Pointe um der Pointe willen. Selbst wenn sie es täte; das tun doch viele andere ebenfalls. Auch Sie als Kolumnist sind ja nicht frei von dieser Attitüde, geben Sie zu bedenken? Für einen guten Witz würden Sie doch das Grab Ihrer Eltern verpfänden, oder? Das stimmt, allerdings mit zwei Einschränkungen: ich würde nie Witze über Stuttgarter und Leipziger (und über Juden schon gar nicht) zum Besten geben und bei mir ist dem Leser halbwegs präsent, wo ich politisch stehe. Ob der Leser meinen politischen Standpunkt teilt, ist dabei nebensächlich. Ihm ist aber klar, wo er mich in etwa zu verorten hat. D.h. es existiert zwar die Kunstfigur Kolumnist, die ist jedoch nicht komplett von der Privatperson Henning Hirsch abgekoppelt. Auch beim Auslöser dieses Beitrags, Dieter Nuhr, ahnen wir, dass seine wiederholten Polemiken gegen Greta Thunberg und die FfF-Bewegung nicht ein reiner Kunstkniff sind, sondern der Privatmeinung des Privatmanns Nuhr entspringen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser der Bewahrung des gepflegten Altherren-Kalauers verpflichtete Kabarettist das Theater verlässt, auf ein Fahrrad steigt, zu seinem Grünen-Ortsverein strampelt und dort über die Abstandsregeln von Windrädern diskutiert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt er sein Klimawandel-skeptisches Weltbild eins zu eins auf die Bühne. Vermutlich ist die Kunstfigur Nuhr sogar der ehrlichere Mensch als die Privatperson. Was das für Lisa Eckhart bedeutet, fragen Sie mich? Sagen Sie es mir, erwidere ich. Was es für Schröder, Dittrich, Knop u Barth bedeutet? Bei denen ist es egal.

    Komplett wurscht, meinen Sie jetzt, Satire darf alles?
    Sehe ich nicht so. Satire darf vieles, aber halt nicht alles. Bei Böhmermanns Entgleisungen gegenüber Erdogan war für mich vor ein paar Jahren bspw. ein Punkt erreicht, wo ich den Tatbestand der Beleidigung als erfüllt ansah. Und nein, ich bin kein Fan des türkischen Präsidenten. Aber eine ehrabschneidende Beleidigung erkenne ich auch jenseits meiner politischen Präferenzen. Was hat Erdogan mit Lisa Eckhart zu tun, fragen Sie mich? Ja ja, ich bin ein bisschen vom Thema abgewichen, ein Wesenszug alter Männer, die am Sonntagmorgen beim Tippen der Kolumne noch nicht richtig wach sind. Deshalb schnurstracks zurück zur (angeblichen) Femme fatale der deutschsprachigen Kleinkunst: Lisa Eckhart darf alles auf die Bühne bringen, was sich im Rahmen der gesetzlich festgeschriebenen Meinungsfreiheit bewegt. Sie darf dabei Tabus brechen. Sie darf Judenwitze erzählen, antisemitische Klischees bedienen. Sie muss uns nicht erklären, wie sie persönlich dazu steht. Sie kann sich einzig auf ihre (angebliche) Kunstfigur zurückziehen. Sie (und ihre Fans) können jeden, der Fragen hinsichtlich der Ethik dieses kommerzialisierten Tabubruchs formuliert, als Nicht-Checker oder Kunstbanausen titulieren.

    Aber mir als Nicht-Checker steht es vice versa natürlich zu, mich über anti-jüdische Klischees, die erklärungsfrei auf deutsche Kleinbühnen zum Gaudium des Publikums transportiert werden, zu wundern und anzuraten, in Interviews ab und an eine Erklärung hinterherzuschieben. Denn spätestens an dem Punkt, an dem man (breiten) Applaus von der falschen Seite erhält, sollte man als Künstler hellhörig werden und seine Inhalte kritisch hinterfragen. Gar NICHTS muss Frau Eckhart! Kann keiner was dafür, wenn die Falschen Beifall klatschen, sagen Sie? Davor sei keiner gefeit? Stimmt, kann jedem Künstler passieren. Trotzdem finde ich es grenzwertig, wenn ich plötzlich lauten Beifall von der Seite gespendet bekomme, deren charakterliche Defizite ich ja mit meiner Darbietung offenlegen möchte. Der stramme Antisemit gratuliert der antisemitischen Kunstfigur? Da scheint offensichtlich was schief zu laufen. Oder doch nicht? Vielleicht ist es ja völlig egal, von wem der Applaus stammt. Hauptsache, die Kasse klingelt am Ende des Abends.

    Tabubruch bloß, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

    Kann keiner was dafür, dass Sie ein humorloser Nicht-Checker sind, Herr Hirsch, sagen Sie? Diese Frau ist das Beste, was die deutsche Comedy zu bieten hat. Ei ei ei, antworte ich. Dann kann es mit der Qualität der deutschen Comedy ja nicht allzu weit her sein. Das inhaltleere Zurschaustellen anti-jüdischer Klischees, also den Tabubruch bloß um des Tabubruchs willens, finde ich unappetitlich. Was nützt die geschliffenste Rhetorik, wenn das, was auf der Bühne präsentiert wird, über Weimarer-Republik-Stammtischhumor nicht hinausreicht? Dinge, die man heute wieder sagt, weil man das ja schließlich noch unzensiert wird sagen dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden, oder?

    Muss man wirklich jeden Tabubruch ausprobieren? JA!, rufen Sie, denn sonst wird man heutzutage gar nicht mehr gehört. Nur dem Tabubrecher ist mediale Aufmerksamkeit garantiert. Und zudem herrscht Meinungsfreiheit. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns keine antisemitischen Klischees mehr anhören dürfen. Und wenn die (angebliche) Satire nur eine Mogelverpackung ist, um ungestraft antisemitische Klischees unters Volk zu bringen, frage ich? So dumm können doch selbst Sie sich nicht stellen, als dass Sie es nicht verstehen. Doch SO dumm bin ich, dass ich die Beweggründe, antisemitische Klischees als Geschäftsmodell auf die Bühne zu bringen, nicht in Gänze nachvollziehen kann. Halt wie so oft böswillig von Ihnen, meinen Sie? Nennen Sie es, wie Sie wollen, sage ich.

    Ob jemand, der den unappetitlichen Tabubruch als sein Alleinstellungsmerkmal erkannt hat, trotzdem auftreten darf, stellen Sie mir jetzt eine letzte Fangfrage? Auf jeden Fall, antworte ich. Denn es herrscht ja Meinungsfreiheit, und es handelt sich schließlich um Satire, die alles darf. Ich werd’s mir aber nicht anhören und verstehe jeden, der BUH! im Zuschauerraum ruft. Denn auch für die Zuhörer gilt Meinungsfreiheit; oder für die dann doch nicht?

    Heute möchte ich mit einem Witz von Woody Allen schließen:
    Immer wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.

    Woody Allen darf den erzählen?
    JA, Woody Allen darf den erzählen.