Schlagwort: Logik

  • Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Zum ersten Teil dieser Serie geht es hier.

    Vernünftig streiten heißt, die Frage nach dem Grund einer Meinung oder einer Erwartung zu akzeptieren und bereit zu sein, Gründe anzugeben. Das reicht aber noch nicht: Die Gründe müssen für den, dem sie gegeben werden, als Grund akzeptabel sein. Das heißt nicht, dass er ihnen zustimmen muss, dass er sie als richtig ansehen muss.  Sie müssen ihm nicht einleuchten, er kann sie bestreiten, aber sie müssen überhaupt als Gründe in Frage kommen. Sie müssen irgendetwas mit der geäußerten Meinung zu tun haben, was sie als Begründung in frage kommen lässt.

    Ein Beispiel: Alice sagt zu Bob, dass sie fürchtet, dass Donald Trump auch die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen wird. (Hinweis: dieser Text ist zuerst im November 2018 erschienen und wird hier unverändert wiedergegeben.) Bob fragt sie daraufhin, warum sie das befürchtet. Stellen wir uns folgende Antwortmöglichkeiten vor:

    „Ich habe heute Nacht geträumt, dass das passiert!“

    „Immer, wenn es zu den Midterm-Wahlen in Europa mild war, hat der amtierende Präsident die nächsten Wahlen gewonnen!“

    „Ich glaube, die Amerikaner sind einfach dumm!“

    „Obwohl der Trump so viel Mist macht, hat er so viele begeisterte Anhänger!“

    Es mag sein, dass Bob einige dieser möglichen Antworten als Begründung akzeptiert. Das bedeutet noch nicht, dass er ihnen zustimmt, dass sie ihn überzeugen. Ohne weitere Informationen über Alice und Bob ist es zudem schwer, zu entscheiden, welche dieser Antworten für Bob als Grund für Alices Befürchtung akzeptabel sind. Das hängt zunächst auch davon ab, wie nah Alice und Bob sich sind und was Bob bereits über Alice weiß. Begegnen sie sich zum ersten Mal in einer Facebook-Diskussion oder sind sie seit Jahren miteinander verheiratet und haben sie die letzten Abende miteinander verbracht? Im ersten Fall wird der Verweis auf den Traum irrational klingen, im zweiten Fall kann es sein, dass Bob sich daran erinnert, dass sie beide am Abend zuvor gemeinsam eine Fernsehsendung über die politische Situation in den USA gesehen haben.

    Notwendige Gemeinsamkeiten

    Daraus ergibt sich eine zweite These über das vernünftige Sprechen: Vernünftig ist, Gründe so anzugeben, dass man vermuten kann, dass der Adressat meiner Aussage den Grund als Begründung akzeptieren kann. Alice verhält sich vernünftig, wenn sie überlegt, welche Begründung Bob überhaupt verstehen kann. Zu ihrem Mann kann sie sagen: „Ich habe das geträumt“, weil der die Chance hat, diese Information so in sein Wissen über Alice einzubauen, dass der Traum als Grund für die Sorge verständlich wird. In einer Facebook-Diskussion wird dies fragwürdig sein.

    Wir halten an dieser Stelle mehrere Fäden in der Hand, die wir einzeln verfolgen müssen, um die Grundsätze des logischen Sprechens zu verstehen. Diese Fäden werden sichtbar, wenn wir die Situation des Ehepaars mit der der Facebook-Diskussion genauer vergleichen.

    Zunächst: Jede vernünftige Diskussion setzt voraus, dass die Teilnehmenden gewisse Gemeinsamkeiten haben (oder wenigstens vermuten, dass diese Gemeinsamkeiten bestehen). Vernünftig ist, sich bei einer Äußerung oder spätestens beim Begründen der Äußerung, diese Gemeinsamkeiten in Erinnerung zu rufen und wenigstens zu überlegen, ob auf Basis der Gemeinsamkeiten der Grund, den man angeben will, als Begründung akzeptabel sein kann.

    Dann: zumeist muss zwischen der Begründung und dem, was begründet werden soll, eine Brücke gebaut werden. Das Baumaterial dieser Brücke sind die Gemeinsamkeiten, die Bob und Alice haben. Die Brücke wird in unserem Fall von Bob gebaut, er schließt die Lücke zwischen der Begründung und der Aussage aus dem Fundus der Gemeinsamkeiten. Wie und warum das geschieht, werden wir später zu betrachten haben. Auf jeden Fall ist die Bereitschaft, sich am Bau dieser Brücke zu beteiligen, von der Diskussionssituation abhängig. In Facebook-Diskussionen mit Fremden wird sie weit weniger vorhanden sein, als unter guten Freunden.

    Schließlich: Die Frage nach dem Warum kann im Falle einer Befürchtung drei verschiedene Bedeutungen haben: Warum vermutest du das, was dir Sorgen macht? Warum macht es dir Sorgen? Und: Warum sprichst du die Sorge aus? In unserem Beispiel: Alice hat am Abend zuvor eine Sendung gesehen, die die Zustimmung zu Trumps Politik zeigt. Daher kommt es, dass sie seine Wiederwahl für möglich hält. Es macht ihr Sorgen, weil sie die Politik Trumps für gefährlich hält. Sie spricht darüber, weil sie hofft, dass Bob ihre Sorgen entkräften kann, weil sie mit ihm über Konsequenzen für ihr Leben reden will, oder weil sie einfach gern über Politik spricht. Gerade der letzte Aspekt ist wichtig, wenn wir Diskussionen mit Fremden und solche mit guten Freunden miteinander vergleichen. Oft meint man, dass Menschen, wenn sie mit ganz Fremden diskutieren, bestimmte Ziele der Beeinflussung verfolgen. In Diskussionen mit nahen Freunden sucht man hingegen vielleicht eher Klärung oder Anteilnahme.

    Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Wenn wir für ein vernünftiges Sprechen voraussetzen, dass sowohl der, der spricht und Gründe angeben soll, als auch der, der die Gründe fordert, gewisse Gemeinsamkeiten vermuten müssen, dann kommt ein weiteres Prinzip des vernünftigen Sprechens ins Spiel: Das der Nachsichtigkeit.

    Um zu verstehen, warum ich hier von Nachsichtigkeit spreche und was damit gemeint ist, muss kurz die Herkunft des Begriffs erläutert werden. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist dieses Prinzip durch die Philosophen Willard Van Orman Quine und Donald Davidson bekannt geworden. Quine zitiert in Word and Object Wilson und kennzeichnet dessen Prinzip im Englischen als „principle of charity“. Diesen Begriff übernimmt Davidson in seinen Aufsätzen in dem Band Truth and Interpretation. Joachim Schulte, der beide ins Deutsche übersetzt hat, übersetzt „charity“ mit „Nachsichtigkeit“. Was ist aber wirklich gemeint?

    „charity“ kommt von „caritas“, und „caritas“ ist das lateinische Wort für das altgriechische „agape“. Agape ist die uneigennützige, schenkende Menschenliebe, das gegenseitige Wertschätzen, die Gewissheit, dass das gute Leben im gemeinschaftlichen Zusammenwirken gefunden wird, in dem jede und jeder Quelle eigener Erkenntnis ist. Agape ist auch das gemeinschaftliche Mahl, zu dem alle Speisen und Getränke mitbringen und sich gegenseitig bewirten.

    Ursprünglich ist also agape nicht das, was wir heute unter Caritas verstehen oder was wir meinen, wenn wir von Charity-Veranstaltungen reden, wo der Reiche großzügig dem Armen gibt. Agape ist ein Prinzip der Gegenseitigkeit. Auf den Erkenntnisprozess bezogen heißt es: Jede wahrhaftige Äußerung, wenn ich sie richtig verstehe, ist Quelle für meine Erkenntnis, Einsicht und für mein Verständnis der Sache.

    Quine geht es in Word and Object um die Frage, wie man Bedeutungen von Sätzen verstehen kann, die in einer fremden Sprache formuliert sind oder die (in meiner eigenen Sprache) einen Gebrauch von Wörtern machen, der mir unverständlich ist. Er schreibt: „Die durchaus vernünftige Annahme, die hinter dieser Maxime steckt, ist, dass die Dummheit des Gesprächspartners über einen bestimmten Punkt hinaus weniger wahrscheinlich ist als eine schlechte Übersetzung oder – im einzelsprachlichen Fall – abweichendes Sprachverhalten.“ (Wort und Gegenstand. Stuttgart 1980. Seite 115) Darauf folgt die Fußnote, die auf Wilson verweist und den Namen „principle of charity“ verwendet. Auf diese Stelle wiederum verweist Davidson, wenn er in seinen Aufsätzen das Konzept des „principle of charity“ eingehend betrachtet und weiterentwickelt.

    Genau daran knüpfe ich hier an. Wenn ich im Weiteren von Nachsichtigkeit spreche, ist nicht die Nachsicht des Klugen mit dem (noch) Dummen gemeint, sondern der bescheidene, demütige Umgang mit dem erreichten Stand des gegenseitigen Verstehens. Nachsichtig ist jeder dabei vor allem auch mit sich selbst. Nachsichtigkeit im Sinne von Agape bedeutet zudem, dass jeder den anderen als Spendenden versteht und am Gelingen des gemeinsamen Verstehens (wie eines gemeinsamen Mahls) mitwirken möchte. [1]

    Die Nachsichtigkeit ist mit der Wahrhaftigkeit verwandt, die im ersten Teil dieser Reihe eingeführt wurde. Wenn ich voraussetze und vermute, dass mein Gesprächspartner wahrhaftig ist, dass er nicht lügt und dass er das zu sagen beabsichtigt, wovon er wirklich überzeugt ist (oder was er vermutet, befürchtet, erhofft,…), dann folgt selbstverständlich, dass wir nachsichtig miteinander sein müssen, wenn wir Aussagen nicht verstehen oder seine angegebenen Gründe nicht akzeptieren können. Nachsichtigkeit bedeutet, dass jede beteiligte Person versucht, die Brücke zwischen Begründung und Aussage zu bauen, die fehlt, um den Grund als Begründung verstehen und akzeptieren zu können. Nachsichtigkeit bedeutet, dass wir die Gemeinsamkeiten suchen oder erst herstellen, die fehlen, um die Verbindung zwischen Grund und Aussage herzustellen. Wie das vernünftig möglich ist, wird in den nächsten Folgen zum Thema werden.

    Das Prinzip der Nachsichtigkeit umfasst aber mehr als das Schließen der Lücke zwischen der geäußerten und gehörten Meinung und ihrer Begründung. Es bedeutet vor allem auch zu versuchen, in jeder Äußerung und auch in der Art der Äußerung den gemeinten Sinn zu verstehen. Ein Beispiel:

    Alice sagt: „Politikern kann man nicht trauen.“ Und gleich darauf verkündet sie: „Die Angela Merkel ist ein ehrlicher Mensch, der vertraue ich.“[2]

    Ohne das Prinzip der Nachsichtigkeit würde Bob hier möglicherweise darauf hinweisen, dass die beiden Sätze sich widersprechen und würde darauf bestehen, dass Alice ihre Formulierungen so abändert, dass dieser Widerspruch verschwindet. Da Bob aber dem Prinzip der Nachsichtigkeit folgt, wird er erkennen können, dass gerade in diesen beiden Sätzen zusammen, die ja beide Meinungen von Alice zum Ausdruck bringen, eine vernünftige, begründbare Sicht von Alice auf die politische Wirklichkeit zum Ausdruck kommt. Diese Sicht kann am besten in zwei Sätzen zum Ausdruck gebracht werden, die widersprüchlich erscheinen, wenn man sie auf formale Logik zu reduzieren versucht. In einer Logik der Meinungen und des alltäglichen Gesprächs sind die Sätze aber sinnvoll miteinander vereinbar.

    Wir werden uns diese Logik, die man sicherlich als nachsichtiger Gesprächspartner auch intuitiv erfassen kann, noch detaillierter ansehen. Hier mag es genügen, sich zu vergegenwärtigen, dass der erste Satz, als Erwartung verstanden, bedeutet: „Jedem Politiker, von dem ich zum ersten Mal etwas höre, begegne ich mit Misstrauen.“ Während der zweite Satz verstanden werden kann als „Angela Merkel hat sich bisher auch als Politikerin als vertrauenswürdig erwiesen und ich hoffe, dass das so bleibt“. Bob als nachsichtiger Gesprächspartner wird vielleicht nachfragen, ob Alices Aussagen auf diese Weise miteinander zu vereinbaren sind. Er wird aus beiden Aussagen zusammen erkennen, dass Alice von Politikern grundsätzlich keine Ehrlichkeit erwartet und wohl auch der Meinung ist, dass vernünftig ist, Politikern zu misstrauen, dass sie gleichwohl Fälle gelten lässt, in denen Vertrauen möglich und angemessen ist. Aus den widersprüchlich erscheinenden Aussagen kann Bob über die reinen Tatsachenbehauptungen hinaus einiges weitere über Alice lernen, was für das weitere Gespräch zu politischen Themen wertvoll sein wird: Alice würde sich wünschen, dass Politiker ehrlicher sind, und sie hält das nicht für ausgeschlossen, wie sie bei Angela Merkel zu sehen meint.

    Nachsichtig sein heißt keineswegs, dem Gesprächspartner Widersprüchliches oder Unverständliches einfach durchgehen zu lassen, weil man ihm nicht wehtun will oder keinen Streit provozieren möchte. Es bedeutet, zunächst einmal anzunehmen, dass das, was widersprüchlich klingt, gerade durch die widersprüchliche Formulierung einen Sinn hat, der sich in Aussagen, die keine Widersprüche enthalten, nicht ohne weiteres ausdrücken lässt. Wenn man diesen Sinn nicht versteht, kann man nachfragen, und wenn man ihn zu verstehen glaubt, aber nicht sicher ist, ebenfalls. Ebenso gehört zur Nachsichtigkeit, für Schlussfolgerungen, die man nicht nachvollziehen kann, nach den fehlenden Gemeinsamkeiten zu suchen, bevor man den Zusammenhang ganz verwirft.

    „Richtig streiten“ gibt es auch als Buch, weitere Informationen dazu auf der Website des Claudius-Verlages.

    [1] Lesenswert ist dazu der Paragraph 13 von Willard Van Orman Quines Buch „Wort und Gegenstand“, welches als Reclam-Band erschienen ist, sowie der Aufsatz-Sammelband „Wahrheit und Interpretation“ von Donald Davidson, erschienen als Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

    [2] Ein ähnliches Beispiel führt Catherine Z. Elgin in ihrem neuen Buch „True Enough“ (Seite 21f) an: Eine Person kann aus ihrer bisherigen Erfahrung und aus allem, was sie bisher gelernt hat, davon überzeugt sein, dass alle Schlangen giftig sind und trotzdem akzeptieren, dass die Strumpfbandnatter, der sie in Maine begegnet, harmlos ist. Sie kann sich dazu bringen, darauf zu verzichten, jedesmal um Hilfe zu rufen, wenn sie ein solches Tier sieht. Ihre Meinung über Schlangen überhaupt stellt sie deshalb nicht in Frage (was auch vernünftig ist). Und vermutlich wäre sie auch nicht überrascht, wenn jemand eines Tages von einer Strumpfbandnatter gebissen wird und tot umfällt. Elgin liefert in ihrem Buch eine umfassende Beschreibung von Arten, etwas als gegeben anzunehmen. Dabei kann es einige Dinge geben, von denen man sogar weiß, dass sie falsch sind, die man aber trotzdem akzeptiert, weil sie den Erkenntnisprozess voranbringen (bestimmte Modelle in den Wissenschaften z.B.)

  • Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Es wird viel gestritten, in Talkshows, bei Facebook, in der Familie und unter Freunden. Es geht um alles Mögliche, um die Umwelt oder das nächste Urlaubsziel, um den amerikanischen Präsidenten, das Bedingungslose Grundeinkommen, die Dieselfahrverbote. Um den leeren Kühlschrank oder den vollen Mülleimer. Vor allem wenn es um Politik geht, kommt die Frage, wie wir streiten, ins Spiel. Irrational zu sein, nicht logisch zu argumentieren, ist dann ein oft gehörter Vorwurf. Dem politischen Gegner wird gern unterstellt, die Regeln der Logik zu verletzen, nicht rational zu argumentieren. Es hat den Anschein, als gäbe es irgendwo ein Regelwerk, an welches sich jede Person halten müsste und könnte, die an einem Streit teilnehmen will – und wer sich nicht an diese einfachen Regeln hält, der ist auch nicht berechtigt, mitzureden. Schließlich soll der Streit zwar engagiert, aber am Ende doch konstruktiv sein. Und um konstruktiv zu sein, so meint man, müssen sich alle an die Regeln der Logik halten.

    Logik ist in dieser Sicht eine alte und gut begründete Wissenschaft, die zudem durch jeden, der für sich beansprucht, vernünftig zu sein, erlernt und angewandt werden kann. Logik als Wissenschaft ist Mathematik, und ihre Regeln sind so glasklar vernünftig und zwingend wie die der Addition und Multiplikation. Wer sich nicht selbst die Mühe machen will, die Anwendung dieser Regeln zu lernen, soll wenigstens auf die Experten hören, die das können, soll ihnen vertrauen und im Übrigen schweigen.

    Die Artikel-Reihe, die mit diesem Text beginnt, wird diese einfache Sicht der Dinge fragwürdig machen. Kurz gesagt, behaupte ich hier, dass die einfache Logik für die meisten Bereiche, um die wir engagiert streiten, gar nicht anwendbar ist. Unsere praktische und gesellschaftliche Welt gehorcht nicht klaren mathematischen Regeln, weder denen einer simplen formalen Aussagenlogik, noch denen einer ausgefeilten Argumentationslogik. Zwar können all die durchdachten Regelsysteme hilfreiche Orientierung geben um die Realität zu durchschauen. Sie können uns sozusagen als einfache Beispiele dienen, so wie wir mit Puppen und Teddybären als Kinder Schule oder Vater-Mutter-Kind gespielt haben und damit einen ersten Eindruck davon bekamen, wie unser Zusammenleben strukturiert ist. Aber die einfachen Beispiele und Regeln lassen sich nicht einfach auf die Welt anwenden und schon gar nicht können wir sie als Werkzeugkasten in einer realen Diskussion verwenden um irgendwen von einer Wahrheit zu überzeugen. Sie sind weder zur Beschreibung eines möglichen rationalen Diskurses geeignet, noch als Normen, nach denen die Teilnehmer des Diskurses sich zu richten hätten, wenn sie beanspruchen, am Gespräch teilzunehmen.

    Deshalb ist es auch absurd, die Einhaltung und Beachtung dieser Regeln zur Voraussetzung für die Teilnahme an einer Diskussion zu machen. Vernünftig ist immer nur die Beachtung einer Logik, die dem Problemkreis, um den sich das Gespräch dreht, angemessen ist. Die Einhaltung einer Logik zu fordern, die nicht angemessen ist, ist hingegen unvernünftig.

    Meinungen und Erwartungen

    Ich werde versuchen, ein paar Elemente der Logik des alltäglichen Gesprächs zu finden, vor allem, wenn sich dieses Gespräch um politische Standpunkte, Befürchtungen, Wünsche und Handlungsoptionen dreht. Solche Äußerungen werde ich im Weiteren als Erwartungen oder Meinungen bezeichnen. Diese Begriffe sollen zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht einfach um Überzeugungen über den Zustand der Welt handelt, sondern dass die Person, die sie äußert, dazu auch Stellung bezieht. Auf der anderen Seite beziehen sich die meisten Meinungen als Erwartungen nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Konsequenzen des Gegenwärtigen für die Zukunft. Sie sind deshalb nur selten durch direkte Beobachtung zu beweisen oder zu widerlegen.

    Tatsächlich werden diese Ergebnisse der folgenden Betrachtungen auch normativen Charakter haben: Da die meisten von uns vernünftig sein wollen, kann man auch von ihnen verlangen, vernünftig zu sein. Aber die Vernunft zeigt sich eben nicht im Einhalten von Regeln, die sich eine Wissenschaft ausgedacht hat, auch wenn diese Wissenschaft alt und auf einigen Gebieten auch erfolgreich ist.

    Was das alles genau besagt, wird sich erst im Laufe der Kolumnen-Beiträge zeigen. Es gehört zur Logik der Sache, dass wir nicht systematisch aufbauend vorgehen können, sondern uns sozusagen von einem unklaren Vorverständnis und einer intuitiven Einsicht aus in Kreisen immer wieder erneut den Kerngedanken der Logik, die wir für gesellschaftliche und praktische Fragen brauchen, annähern können.

    Die Bereitschaft, zu begründen

    Was heißt überhaupt Logik? Was ist Rationalität? Kurz gesagt, es geht um das begründete und begründende Sprechen. Ich sage etwas: Es mag eine Behauptung, eine Sorge, ein Wunsch, eine Vermutung oder eine Bitte sein. Auf meine Meinung oder Erwartung  kann mein Gegenüber eine Begründung fordern. Die erste These über die Logik als begründetem Sprechen lautet: Zur Rationalität gehört es, die Forderung nach Begründungen zu verstehen, zu akzeptieren und zu versuchen, ihr zu genügen. Als vernünftiger Mensch verstehe ich, dass jemand „Warum?“ fragt, wenn ich eine Meinung oder Erwartung äußere.

    Wer auf die Frage nach dem Warum seiner Bitte, Überzeugung oder Sorge nur antwortet „Das ist eben so!“ oder „Weil ich das so will!“ oder „Weil ich das eben weiß!“ ist genauso wenig vernünftig wie jemand, der antwortet „Das weiß doch jeder!“, „Wie kannst du daran zweifeln!“ oder „Weißt du es etwa besser?“ Vernünftig ist, auf die Frage nach dem „Warum“ einen Grund anzugeben, den der, der fragt, als Grund verstehen und akzeptieren kann. Die Weisen, solche Gründe zu formulieren, sind durch die Logik festgelegt, der die Personen folgen, die da miteinander sprechen.

    Man sieht schon, dass Logik eine Sache der gemeinsamen Akzeptanz von Wegen des Begründens ist. Wer meint, die richtige Logik zu besitzen und diese irgendwie einem anderen aufdrängen zu können, verhält sich streng genommen schon unlogisch. Er muss die Vorteile seiner Art, Begründungen zu geben, ja erst erweisen. Und wie könnte er das besser tun, als in der Sache zu argumentieren und den anderen zu überzeugen – nicht in erster Linie davon, dass seine Schlussweisen die „richtigen“ sind, sondern in der Sache, um die es in der Diskussion geht, die gerade geführt wird.

    Viel mehr braucht es nicht, um vernünftig zu sein. Aus der Beobachtung tatsächlicher erfolgreicher Diskussionen können wir einige Charakteristika einer vernünftigen Logik ableiten. Das werde ich in den nächsten Teilen dieser Serie versuchen. Dabei werden sich die Grenzen aber auch die Möglichkeiten des Reflektierens über Logik und Rationalität zeigen.

    Wahrhaftigkeit

    Das ganze Unternehmen hat nur eine Voraussetzung: Wir nehmen an, dass die Teilnehmer der Diskussion, die wir verfolgen, wahrhaftig sind. Wir vermuten, dass sie, wenn sie etwa eine Überzeugung formulieren, tatsächlich von dem überzeugt sind, was sie sagen, dass sie, wenn sie eine Sorge zum Ausdruck bringen, tatsächlich besorgt sind, dass sie, wenn sie einen Wunsch oder eine Hoffnung formulieren, tatsächlich das wünschen oder hoffen, was sie so benennen. Genau genommen heißt das nicht, dass sie es auch „wirklich sagen“ – denn was wirklich gesagt wird, kann ja schon wieder Gegenstand von Unklarheiten und Missverständnissen sein. Wahrhaftig bedeutet nur, dass derjenige, der spricht, beabsichtigt, das auszudrücken, was er meint und erwartet.

    Wir gehen also davon aus, dass niemand lügt oder täuscht. Die Logik der Lüge zu formulieren wäre eine andere Herausforderung, die ich hier nicht annehmen will. Natürlich wissen wir nicht, ob jemand vielleicht lügt – ich werde darauf zurückkommen, ob es vernünftig ist, so etwas zu vermuten. Aber ich beginne mit der Annahme, dass alle, die sich an einem Gespräch beteiligen, wahrhaftig sind.

    Fortsetzung: Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    „Richtig streiten“ gibt es auch als Buch, weitere Informationen dazu auf der Website des Claudius-Verlages.

  • Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Was ist Logik? Heute herrscht allgemein die Vorstellung, Logik sei die Lehre vom formal korrekten Sprechen und Schließen. In der Logik, so meint man, treffen sich die Philosophie und die Mathematik. In dieser Sicht hat die Logik von der Mathematik das formal Exakte, während sie von der Philosophie das grundsätzliche Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit des richtigen Urteilens und Schlussfolgern habe.

    In dieser Partnerschaft von Mathematik und Philosophie ist ein weit verzweigtes Wissenschaftsgebiet entstanden, in dem es nicht nur um die einfache Verknüpfung von schlichten Aussagen über Tatsachen geht, sondern auch um Urteile über Mögliches und Notwendiges, um Erlaubtes und Verbotenes oder um Erwünschtes und Unerwünschtes geht. Und trotzdem umfasst all das nur einen ganz kleinen Teil dessen, worum es in der Logik von ihrem Ursprung her geht und gehen kann.

    Denn Logik ist, von ihrem griechischen Ursprung her gedacht, die Lehre vom vernünftigen Sprechen. Vernünftig ist Sprechen nicht unbedingt dadurch, dass es formal korrekt ist. Im Gegenteil, die Forderung, dass ein Sprechen, um vernünftig zu sein, den formalen Regeln einer mathematisierbaren Wissenschaft folgen müsste, ist eine Norm, die sich selbst der philosophischen Reflexion stellen müsste.

    Vernünftig ist das, was jemand sagt, wenn es verständlich und begründet ist, und wenn die Begründungen von denen, die verstehen, auch akzeptiert werden. Logik im allgemeinen, wirklich philosophischen Sinne steht vor dem Rätsel, dass verständliches und begründetes Sprechen auch möglich ist, wenn es nicht formalen Regeln folgt, ja, dass es gute Gründe gibt, dass ein formal richtiges Sprechen gerade nicht eine Wahrheit zum Ausdruck bringen kann, die in einer weniger formalen Sprechweise, etwa in einem Roman oder in einem Gedicht, deutlich sichtbar wird. Jeder merkt im täglichen Gespräch, dass eine Sache oft dann klar und verständlich wird, wenn sie durch Aussagen erläutert wird, die sich im streng formalen Sinne widersprechen. Eine Logik, die den Namen verdient, muss auch solche Erfahrungen verständlich machen.

    Wittgenstein und Heidegger

    Mit seinem Buch „Das sprachbegabte Tier“, das 2017 erschienen ist, hat der kanadische Philosoph Charles Taylor, ohne es ausdrücklich zu versprechen, einen unschätzbaren grundsätzlichen Beitrag zu einem solchen Projekt geleistet. Wie richtungsweisend sein Buch für die Zukunft des Philosophierens werden kann, spürt man schon, wenn man liest, mit welcher atemberaubenden Selbstverständlichkeit Taylor sich im gleichen Satz auf Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger beziehen kann. Er tut dies nicht, um zwei Denkrichtungen, die sich nach allgemeinem Verständnis weit voneinander entfernt haben, zu vereinigen. Im Gegenteil, er tut es, weil Wittgenstein und Heidegger sich in ihrem Denken über die Sprache eben im Grunde viel näher stehen, als es vor allem den Vertretern der Analytischen Philosophie, die gern an Wittgenstein anschließen, genehm sein dürfte.

    Hier wird zusammen genannt, was zusammen gehört. Wittgenstein und Heidegger haben beide die schöpferische Kraft der Sprache und die ganze Vielfalt des wirklichen, alltäglichen Sprechens gesehen, und jeder von ihnen hat auf seine Weise davon gesprochen, dass diese Vielfalt, die sich in kein Korsett der formalen Logik zwängen lässt, das menschliche Sprechen, Denken und Weltverstehen ausmacht – mehr noch, dass es gerade dieses schöpferische, vielfältige Denken ist, das die Welt nicht nur verstehbar macht, sondern eine völlig neue Welt, in der der Mensch zu Hause ist, erst schafft.

    Das systematisch zu begründen, zu erläutern und zu beschreiben, ist der Anspruch von Charles Taylor.

    Gegen den Mainstream der Analytischen Philosophie

    Überhaupt, der „Mainstream der Analytischen Philosophie“: Ihm gilt Taylors grundsätzliche Kritik. Den Versuchen der Philosophen dieser Richtung, das Sprechen in formale Regeln zu zwängen, weist er den Platz zu, der ihnen gebührt. Sie können zwar einen gewissen Bereich des Sprechens im Umfeld des naturwissenschaftlichen Denkens richtig beschreiben, sie können vielleicht sogar Normen identifizieren, die einen erfolgreichen Informationsaustausch und eine effiziente Argumentation in diesem Bereich ermöglichen – aber für andere Bereiche des Sprechens sind ihre Modelle und Regelwerke schlicht nicht anwendbar.

    Um das zu begründen, stellt Taylor die Geschichte und die wesentlichen Argumentationslinien der Analytischen Sprachphilosophie kenntnisreich dar. So kann er sehr schön zeigen, wo die Grenzen dieses philosophischen Denkstils liegen. Vor allem kann er der Anmaßung begegnen, die Hauptfeinde dieser normierenden Sprachtheorie, nämlich das Nutzen von Metaphern und anderen rhetorischen Stilmitteln, aus der Sprache zu verbannen oder ihnen wenigstens einen untergeordneten Platz zuweisen zu wollen.

    Taylor zeigt, dass die Fähigkeit des Menschen, eine bildhafte, metaphorische Sprache zu verwenden und zu verstehen, überhaupt die Voraussetzung jeglicher wirklich menschlicher, gesellschaftlicher Sprache ist. Gerade unser Vermögen, die neuen Bedeutungen zu verstehen, die aus dem „Verstoß“ gegen Regeln und der kreativen Erweiterung und Verlagerung von Wortbenutzungen entstehen, macht uns zu Menschen, die sich mit der Sprache eine Welt schaffen. Unsere menschliche Gesellschaft wäre ohne diese konstitutive Kraft der Sprache gar nicht möglich.

    Es gibt kein richtiges Sprechen

    Der Mainstream der Analytische Philosophie hat heute eine gewaltige normative Kraft entwickelt – gepaart mit dem naturwissenschaftlich-technischen Weltverständnis, welches unsere moderne Gesellschaft bis in die letzten Winkel prägt. Da werden Regelwerke geschaffen, die vorgeben, richtige und falsche Argumentationen in Diskussionen auseinanderhalten zu können. Ganze Kataloge von angeblich falschen Argumenten werden publiziert – und wer sich in einer Diskussion äußert, findet sich schnell in einer Schublade wieder. Allein die mal mehr und oft weniger plausible Klassifizierung einer Meinungsäußerung als „Fehlschluss“, als „Unlogisch“ oder als „Verstoß gegen die richtigen Argumentationsregeln“ soll reichen, um einen Diskutanten oder seine Wortmeldung aus der weiteren Diskussion auszuschließen.

    Dabei ist eine jede Meinungsäußerung immer mehr als ein „objektiv gültiges“ Argument, gesetzt, es gäbe so etwas überhaupt. Und es muss auch mehr sein, damit es überhaupt zur Verständigung kommen kann. In jedem Diskussionsbeitrag, sei es im direkten Gespräch, sei es bei Facebook, schwingen immer persönliche Erfahrungen, Überzeugungen und Wünsche mit, sind die aktuelle Umgebung und die ganze Herkunft des Sprechers mit enthalten – auch in denen, die das formal richtige Sprechen und Argumentieren für sich reklamieren. Wir sind, das macht unsere soziale Sprachbegabung aus, auch in der Lage, all das zu erfassen, zu verstehen und zu berücksichtigen. Und das ist auch gut so, denn nur so kann es in Diskussionen wirklich Überzeugen und gemeinsames Umdenken geben.

    Wer auf formalen Regeln beharrt, der kann vielleicht gewinnen, aber der kann keinen gemeinsamen Denkraum schaffen, in dem neues Denken und damit eine neue Welt entsteht. Das kann man bei Charles Taylor sehr gut lernen, und deshalb gehört sein Buch zu den wichtigsten, die in letzter Zeit erschienen sind.

    (Werbung in eigener Sache: Zu diesem Thema ist im vergangenen Jahr mein Essay Richtig streiten als Buch beim Claudius-Verlag erschienen.)