Schlagwort: metoo

  • Was Brett Kavanaugh hätte sagen können

    Was Brett Kavanaugh hätte sagen können

    Man stelle sich einmal vor, Brett Kavanaugh hätte gestern bei der Anhörung etwa folgendes gesagt:

    Das, was Christine Blasey Ford und die anderen Frauen über mein Verhalten vor rund 35 Jahren ausgesagt haben, entspricht im Wesentlichen den Tatsachen. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, ich war betrunken und es ist viel Zeit vergangen, in der ich diese Ereignisse fast vergessen habe, aber vermutlich hat es sich so oder so ähnlich zugetragen, wie es von diesen Frauen berichtet wurde.

    Ich war damals 17 bis 19 Jahre alt, und wir Jungs haben bei diesen Partys leider nicht darüber nachgedacht, was wir den Mädchen antun. Das bedaure ich heute und ich denke, dass es eine große Schwäche in meiner Persönlichkeitsentwicklung war, dass ich das damals noch nicht gesehen habe. Ich, Brett Kavanaugh, weiß, dass andere in meinem Alter sich rücksichtsvoller verhalten haben als ich, und deshalb möchte ich mich nicht mit meinem Alter und der damaligen anderen gesellschaftlichen Stimmung herausreden.

    Lange habe ich gar nicht über meine Taten von damals nachgedacht und fast hätte ich es ganz vergessen gehabt. Erst in den letzten Jahren und Monaten, angeregt durch viele Berichte von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung, habe ich mein damaliges Verhalten reflektiert. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht akzeptabel war.

    Ich möchte mich dafür entschuldigen und ich denke, wir müssen alles dafür tun, dass wir ein Klima schaffen, in dem solche Handlungen, wie ich sie damals vorgenommen habe, auch im Freundes- und Bekanntenkreis nicht akzeptiert und schon gar nicht bejubelt werden.

    Würde Brett Kavanaugh dann zum Richter ernannt werden?

  • Svenja Flaßpöhler: Die potente Philosophin

    Svenja Flaßpöhler: Die potente Philosophin

    Als ich das erste Interview von Svenja Flaßpöhler zur #metoo-Debatte gesehen hatte, war ich begeistert. Ich schrieb bei Facebook, das dieses Interview ein schönes Beispiel dafür sei, wie eine Philosophin sich zu einem aktuell-politischen Thema äußern könne: reflektierend und auf Konsequenzen und tiefere Gründe von Argumentationen hinweisend, somit verstörend und zum kritischen Hinterfragen anregend.

    Nun hat Svenja Flaßpöhler ihre Gedanken zu diesem Thema in einem Buch mit dem Titel „Die potente Frau“ zusammengestellt, und auf dem Cover steht das Wort „Streitschrift“. Ist es ein philosophisches Buch? Ist alles, was eine Philosophin zu einem Thema in mehr als drei Sätzen sagt, Philosophie, insbesondere, wenn sie auf Standpunkte und Traditionen von Philosophien verweist und darauf wiederum die eigene Argumentation aufbaut? Spricht eine Philosophin immer, wenn sie sich öffentlich, aber monologisch äußert, als Philosophin, ist der Monolog also als Stück Philosophie aufzufassen?

    Das ist eine schwierige Frage, aber immerhin muss sich ein solcher Text philosophische Rückfragen gefallen lassen, insbesondere bezüglich der Stellen, an denen er philosophische Argumente referiert. Zwei Stellen will ich genauer ansehen:

    Die Pflicht zur Selbstverantwortung

    Einmal geht es um Autonomie und um die Pflicht, die jede Person habe, sich selbst aus seiner Unmündigkeit zu befreien. Ein Gedanke, der mir eigentlich sehr gefällt. Svenja Flaßpöhler meint, jeder Mensch, der Handlungsoptionen hat, ist auch dazu verpflichtet, diese Optionen zu prüfen und trägt selbst die Verantwortung dafür, welche Option er wählt.

    Ich stimme dem zu und ich vertrete auch den Standpunkt, dass jede Person viel freier ist, als wir es im Alltag darstellen. Oft reden wir vom Zwang der Verhältnisse, wir sagen, dass wir keine Wahl haben, und reden uns dabei doch nur heraus, entschuldigen unsere Feigheit oder unseren Opportunismus. Ich bin dafür, immer wieder deutlich zu machen, dass wir fast immer eine Wahl haben, und ich stimme Svenja Flaßpöhler völlig darin zu, dass Veränderung immer damit anfängt, dass wir eine Wahl treffen, die uns das Leben nicht gerade einfacher macht.

    Aber ist es wirklich so einfach, dass damit die ganze Verantwortung dem einzelnen Subjekt, das Optionen hat, zufällt?

    Reden wir abstrakt: Wir haben zwei Personen, Alice und Bob. Bob möchte auf dem Gebiet A etwas erreichen, wofür er die Unterstützung von Alice benötigt. Er bietet ihr dafür eine für das Gebiet A legitime und anerkannte Gegenleistung an. Alice aber fordert von Bob eine Gegenleistung auf dem Gebiet B, das mit A überhaupt nichts zu tun hat und nicht als legitime Gegenleistung für das, was Bob von Alice wünscht, angesehen werden kann.

    Man könnte sagen, dass Bob dazu gezwungen ist, auf Alices Forderung in B einzugehen, weil sie die Macht hat, Bob die notwendige Unterstützung für sein Ziel in A zu verweigern. Die Hashtag-Aktivisten würden das anprangern und vom Staat wirksame Mechanismen fordern, die Alice zwingen, auf Bobs Dienst in B zu verzichten.

    Svenja Flaßpöhler würde erwidern, dass Bob ja durchaus die freie Wahl hat, er kann Alices Forderung in B akzeptieren, um sein Ziel in A zu erreichen – oder er kann sich in B verweigern, erreicht dann in A nicht sein Ziel und sucht sich ein anderes Ziel.

    Wenn man die Sache so abstrakt formuliert, dann sieht man, dass sich eine ganze Reihe schwieriger Fragen der Bewertung von A und B auftun. Ist es Bob zuzumuten, auf sein Ziel in A zu verzichten? Ist es moralisch akzeptabel für eine Leistung auf einem Gebiet eine Gegenleistung auf einem anderen zu verlangen. Was darf A und was darf B sein, damit das akzeptabel ist? Welche As und welche Bs gibt es, bei denen man von einer Wahl für Bob sprechen kann, wann können wir sagen, dass er eben doch keine Wahl hatte?

    Kann ich wissen, wie es ist, ein Mann zu sein?

    Die andere Stelle, bei der Svenja Flaßpöhler explizit philosophisch argumentiert uns sich mithin philosophische Nachfragen gefallen lassen müsste, ist die wo sie mit einer „Neuen Phänomenologie“ argumentiert. Es sei mal dahingestellt, ob diese Phänomenologie des Leibes wirklich so neu ist. Auch ist es bedenklich, dass sie einfach so schreibt: „Nicht das Sein, sondern der Schein ist die Grundlage der Erkenntnis“ in der Phänomenologie. Mir scheint die ganze Argumentation, die sich da anschließt, schwach.

    Gewiss kann ich nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Aber kann ich wissen, wie es ist „ein Mann“ zu sein, kann jede Frau wissen, wie es ist „eine Frau“ zu sein? Nimmt man die Leibphänomenologie ernst, kann jede Person erst mal nur wissen, wie es ist, sie selbst zu sein, ich weiß wie es für mich ist, einen Penis zu haben, aber ich weiß nicht, wie es für einen anderen Mann ist. Die Verständigung darüber, dass es für jemanden anders ähnlich ist, das gleiche Körperteil zu haben wie ich, ist nicht so einfach – und sie ist vor allem kulturell, sprachlich vermittelt und hängt an Bedeutungen, die bereits vorgefunden werden. Wie es ist, einen Penis zu haben, „weiß“ ich womöglich schon lange bevor ich das erste Mal etwas mit diesem Körperteil erlebe, was mit Sexualität zu tun hat. Und ich erlebe (interpretiere, deute) in meine Erfahrungen meine Erwartungen mit hinein. Die interessanteste Erkenntnis der Phänomenologie ist ja gerade, dass ich eben nicht mich selbst erlebe, sondern das, was „man“ erlebt. Daran ändert auch die Leibphänomenologie nichts.

    Und die Sache wird noch problematischer, wenn Svenja Flaßpöhler den Begriff des Erlebens der Frau (oder des Mannes) auf die Potentia ausdehnt, also auf die Möglichkeiten. Weiß ich, wie es ist, einen Samenerguss haben zu können, bevor ich ihn zum ersten Mal gehabt habe? Weiß eine Frau, wie es ist, schwanger werden zu können, bevor sie das erste Mal schwanger geworden ist? Wenn ja, dann eben nur vermittelt über das „Man“, denn „man weiß“ wie es ist, weil man weiß, dass man jemand ist, der das erfahren könnte, und weil andere einem schon gesagt haben, wie es sein wird, wenn man es mal erleben wird.

    Das Buch von Svenja Flaßpöhler ist eine Streitschrift

    Diesen Schritt geht Svenja Flaßpöhler leider nicht und sie bleibt damit auf halber Strecke stehen. Man könnte sagen: Das Buch ist nur gut 40 Seiten lang. Es ist eine Streitschrift, es ist keine Philosophie, sondern Politik, die mit ein paar philosophischen Gedanken und Thesen argumentiert. Das würde dann zeigen, dass die philosophische Argumentation zu dem Thema eben noch fehlt. Aber die ist eben nicht sexy, mit der kommt man nicht ins Rundfunkprogramm und nicht in die Feuilletons. Und in die muss man hinein, wenn man den einseitigen Deutungen der Hashtag-Aktivisten etwas entgegensetzen will.

  • Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Ich hasse es, wenn mir eine Frau sagt: „Das kannst du als Mann eben nicht nachvollziehen, weil dir sowas ja nicht passieren kann, weil du das ja nicht am eigenen Leibe erleben musst.“ Die damit verbundene Forderung, ich solle mich doch zum Thema sexuelle Nötigung nicht äußern, schon gar nicht kritisch gegenüber den metoo-Aktivistinnen, weil ich die betreffende Erfahrung nicht kenne, hat mich zuerst provoziert, erst recht etwas zu dem Thema zu sagen. Dann habe ich geschwiegen, weil ich dachte, dass es doch keinen Zweck hat.

    Aber nach dem, was nun in der Causa Dieter Wedel zu Tage kommt, drängt es mich, etwas zu sagen.

    Ich bin nicht #metoo

    Ja, es stimmt, ich kann mich in die Situation der Schauspielerinnen nicht hineinversetzen, die von Wedel bedrängt, gequält und vermutlich vergewaltigt wurden. Punkt. Das muss ich einfach einsehen. Mir würde so etwas nicht passieren, und selbst wenn es auch Fälle gibt, in denen Männer Opfer sexueller Gewalt wurden, ist ja völlig klar: als Mann kann man immer irgendwo anders hingehen, die Wahrscheinlichkeit, woanders auch auf einen Produzenten oder Regisseur zu treffen, der mich sexuell bedrängt, ist gering. Das liegt allein schon daran, dass die meisten Produzenten und Regisseure Männer sind und die meisten Menschen eben heterosexuell.

    Also muss ich als Mann erst einmal akzeptieren, dass ich mit jeder Kritik an Stellungnahmen von Frauen zum Thema sexuelle Gewalt, sexuelle Belästigung und ähnlichem sehr zurückhaltend sein muss. Meine Vorstellungen, wie man damit umgehen könnte oder sollte, wie man was zu interpretieren hat, wie was ankommen müsste, wie man in welcher Situation reagieren sollte  – all diese klugen analytischen Überlegungen gründen sich eben auf meine Erfahrungen. Und das sind eben Erfahrungen eines Mannes. Was für eine konkrete Frau als Handlungsmöglichkeit wirklich denkbar ist in einem Moment, in dem sie durch einen Mann bedrängt und sexuell genötigt wird, kann ich, bei aller analytischen Kompetenz und emotionalen Einfühlung, eben niemals wirklich beurteilen.

    Dies im Sinn möchte ich ein paar Thesen zur aktuellen Diskussion um metoo beitragen.

    Sind „große Männer nun mal irgendwie pervers“?

    Es gibt keine moralischen Sonderrechte für „kreative Geister“. Wir müssen uns grundsätzlich von dem Gedanken lösen, dass große kreative Leistungen in Kunst, Literatur und auch Philosophie womöglich nur von Menschen vollbracht werden können, die irgendwie im Umgang mit anderen Menschen nicht mit den moralischen Maßstäben vereinbar sind, die wir im Alltag für selbstverständlich halten. Die Akzeptanz einer solchen Vorstellung ist selbst nicht akzeptabel. Sicherlich ist es gut, die eigenen Moralvorstellungen kritisch zu prüfen, wenn wir von Menschen lesen, die Großes vollbracht haben, aber unserer Alltagsmoral nicht entsprechen. Das kann ein guter Grund sein, die eigenen Vorurteile über das, was man tun darf und das, was man lassen soll, zu überdenken. Aber die Verletzung der Würde anderer Menschen ist niemals akzeptabel. Ich kann kein Werk bewundern von einem Menschen, der seine Macht ausgenutzt hat, um andere Menschen zu quälen.

    Paradigmatische Extremfälle

    Wir sollten das, was da in der Filmindustrie passiert ist und vermutlich noch immer irgendwo passiert, als paradigmatische Extremfälle sehen. Es gibt sicherlich Besonderheiten, die dazu führen, dass die Lage für Frauen dort besonders prekär ist. Diese Besonderheiten sollten auch benannt werden, damit an ihnen deutlich wird, welche Mechanismen und Machtstrukturen wirklich zerstört werden müssen. Dabei geht es nicht darum, das Problem nur in dieser speziellen Branche zu sehen und so zu tun, als ob es woanders gar nicht existiert. Aber es wäre wichtig, zu verstehen, welche besonderen Bedingungen den Vergewaltiger schützen und begünstigen, und welche anderen Bedingungen, die anderenorts längst etabliert sind, das verhindern. Welche Strukturen unterscheiden die Filmindustrie von anderen Bereichen? Und wo gibt es ähnliche Strukturen, über die aber nicht so intensiv gesprochen wird, weil die Frauen dort keine Medienpräsenz haben?

    Andererseits ist es auch wichtig, über Strukturen zu sprechen, in denen Frauen sich sicher fühlen, ohne dass das Zusammenleben asexuell ist. Die Differenzen zwischen den Mechanismen unseres Zusammenlebens in unterschiedlichen sozialen Sphären müssen erkundet werden – dazu braucht es nicht nur Berichte über die Schattenseiten, sondern auch über die Situationen, in denen Frauen ohne Angst vor Nötigung leben. Die ganze Gesellschaft als Rape-Kultur zu verunglimpfen, wie es von metoo-Aktivistinnen oft getan wird, bringt uns nicht weiter.

    Deshalb scheint es mir auch wichtig, sich in der Diskussion auf Fälle zu konzentrieren, in denen es wirklich um Zwang, um Verletzung der Würde, um Ausnutzen von Macht, um Nötigung und Vergewaltigung geht. Jeden anzüglichen Blick und jede „Anmache“ mit in die Diskussion zu ziehen, verhindert eher die Bekämpfung der wirklichen Probleme. Geschaffen würde dadurch eine aseptische, sterile, asexuelle Oberfläche in der Gesellschaft, unter der sich vermutlich Machtstrukturen, implizite Nötigungen und Zwang weiterhin fast ungehindert ausbreiten können.

    Auch auf Catherine Deneuve hören

    Schließlich: Es sind in den letzten Wochen auch Stimmen von Frauen zu hören gewesen, die sich nicht einschüchtern lassen haben, die sich erfolgreich gewehrt haben gegen Belästigungen und Nötigungen, oder die solche Erfahrungen nicht gemacht haben, auch wenn sie in der Filmbranche erfolgreich waren. Mir scheint es wichtig, dass diese Frauen zu Wort kommen, dass wir auch auf ihre Geschichten hören. Es geht nicht darum, die Opfer gegen die Mutigen auszuspielen. Aber wir müssen auch darüber reden, wie sich Frauen erfolgreich zur Wehr setzen und schon immer erfolgreich gewehrt haben. Das zeigt auch Wege auf, wie Machtstrukturen ausgehebelt werden können.

    Letztlich hätte ein Mann wie Wedel (gesetzt, die Vorwürfe gegen ihn entsprechen der Wahrheit, was ich inzwischen als sicher ansehe) keine Chance, wenn die Frauen, die er nötigt, für sich Auswege sehen und beschreiten können. Dazu ist vieles notwendig. Auch, dass man über die guten Erfahrungen spricht, die andere Frauen in ihrem Leben gemacht haben.

    Andere zum Thema metoo:

    Im Gegenteil

    Katia Kelm